The Project Gutenberg eBook ofDer Trinker: Roman

The Project Gutenberg eBook ofDer Trinker: RomanThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der Trinker: RomanAuthor: Katarina BotskyRelease date: August 2, 2020 [eBook #62825]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER: ROMAN ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Der Trinker: RomanAuthor: Katarina BotskyRelease date: August 2, 2020 [eBook #62825]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)

Title: Der Trinker: Roman

Author: Katarina Botsky

Author: Katarina Botsky

Release date: August 2, 2020 [eBook #62825]Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)

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Katarina Botsky

Roman

Albert Langen, München

Copyright 1911 by Albert Langen, Munich

Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht geeignet für trübe Gedanken. Die Hände auf dem Rücken, die Mütze im Nacken, lehnteJohnan einem Lastwagen auf dem stattlichen Hofe seines Vaters, dem verworrenen Liede des Windes lauschend. Sein schönes Gesicht war von der Trunksucht aufgedunsen, sein schwarzes Haar dünn und halb ergraut, obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre wurde, seine hohe elegante Figur verriet Schlaffheit und Hinfälligkeit. John sah wie ein verworfener junger römischer Kaiser aus, der sich in die Tracht eines jungen Mannes von heute gekleidet. Mit einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem feisten, bartlosen Gesicht wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie und nach dem Rhythmus des Windes. Seine beiden jüngeren Brüder, Knaben von dreizehn und vierzehn Jahren, standen am Fenster und beobachteten ihn. Der ältere sagte: »Er wackelt schon wieder mit dem Kopf wie ein Mummelgreis.«

»Rodenberg!« schrie John plötzlich, seine beiden schlaffen Hände wie ein Schallrohr gebrauchend.

Rodenberg, der alte Kutscher, streckte seinen rothaarigen Kopf aus der dritten Etage des Ziegelspeichers heraus und fragte, was es gäbe.

Alsbald brüllte John, daß es über den ganzen Hof schallte: »Wissen Sie, was der Doktor gesagt hat, Rodenberg?! Meine Leber ist kaputt, hat er gesagt. Ich hab's durch die Tür gehört.«

»Glauben Se doch das nich!« tönte es von oben zurück, und bald klapperten ein Paar Holzpantoffeln hurtig die letzte Treppe herunter, und gleich darauf tauchte ein hünenhafter alter Germane mit einem langen, fuchsroten Bart im Rahmen der nächsten Speichertür auf. »Was hat'r jesacht, der Schafskopp?« fragte der Kutscher.

»Kaputt, hat'r jesacht,« kicherte John, sich auf den Bauch tätschelnd.

Rodenberg entblößte sein Pferdegebiß und lachte, daß es dröhnte. Dabei hüpften die großen, kugelrunden Warzen, die wie Erbsen über sein geräumiges Gesicht verstreut waren, munter hin und her. »Nei sowas! Nei sowas!« schrie er, sich aufs Knie schlagend. »Wie will so'n Schafskopp das wissen?!«

John lächelte so listig und so kindisch, wie einst vielleicht Caligula gelächelt hatte. »Hier,« sagte er, dem Alten verstohlen eine Flasche reichend, »holen Sie mir meine Mischung. Auf sowas muß man einen trinken. Meinen Se nich auch?«

Rodenberg meinte auch. Er war immer dabei, wenn es galt, Johns Mischung zu holen, denn er liebte sie selbst leidenschaftlich.

»Mama!« riefen die beiden Jungen am Fensterwie aus einem Munde, »jetzt läßt er sich schon wieder von Rodenberg Schnaps holen.«

»Mein Gott,« sagte eine larmoyante Frauenstimme im Nebenzimmer, »laß er schon trinken! Jetzt ist ja doch schon alles gleich!«

Der blondlockige jüngere der beiden Brüder sah wie ein eingebildeter Engel aus, der ältere glich John. Der Engel öffnete seine roten Lippen und sagte, während seine großen blauen Augen verträumt durchs Fenster blickten: »Wenn er doch erst tot wäre!«

»Pfui, Leo, wie kannst du nur, es ist doch immer dein Bruder!« verwies ihn dieselbe larmoyante Stimme in traurigem Tone.

»Ich muß ihn mir doch schon immer als Leiche vorstellen,« murmelte der ältere Junge.

Fast die ganze FamilieZarnoskyzeichnete sich durch Roheit und ein ungewöhnliches Maß von Phantasie aus. Durch eine Phantasie, die nichts als Unheil stiftete, da sie das Unglück hatte, einer rohen und dumpfen Kaufmannsfamilie zu gehören, die nicht wußte, was sie mit ihr anfangen sollte. Es gab Zarnoskys, die vom Morgen bis zum Abend, sich und andern zum Verderben, die seltsamsten Lügen zur Welt brachten, weil ihre brachliegende Phantasie, derer sie sich indessen kaum bewußt waren, sie unwiderstehlich dazu trieb. Anstatt Bücher zu schreiben, verkauften sie Getreide; allerdings weder aus Neigung noch aus Betätigungsdrang. Johns Großvater, der Sohn eines reichen Bauern, hatte, um etwas Besseres zu sein als sein Vater, den Handel mit Getreide begonnen, und nun setzten ihn seine Söhne eben fort,weil ihnen das am bequemsten schien. Denn sie waren sehr faul und gegen alle Neuerungen; sie wollten bleiben, was sie waren. Da ihnen das Glück, trotz ihrer Trägheit, gewogen blieb, so meinten sie, daß Trägheit zum Erfolge notwendig sei, saßen mit den Stiefeln knarrend in ihren Kontoren, ließen die Daumen ihrer meistens gefalteten Hände umeinander schwirren – gewöhnlich unter mehr oder weniger märchenhaften Behauptungen und Erzählungen – und taten nie mehr, als durchaus notwendig war. Aber es gab keinen Trinker in der ganzen Familie. Man wußte nicht, wie John zu diesem Laster gekommen war, und zerbrach sich manchmal die Köpfe darüber.

Ein Teil der Familie meinte, daß man ihm zu oft und zu viel zu trinken gegeben, als er zart, fett und weich wie ein kleines Schwein mit einem Gesichtchen wie vom Konditor in der Wiege lag und von allen angebetet wurde. John schien schon damals beständig an Durst zu leiden; er konnte nie genug zu trinken bekommen. Die halbe Familie Zarnosky stand oft in heller Begeisterung um die Wiege, wenn das »Marzipanschweinchen«, halb entblößt, mit einer großen Milchflasche im Arm, den Lutschpfropfen wie eine Zigarre in seinem purpurroten kleinen Mundschlitz, sog und sog, bis die Flasche leer war und dann, wie ein junger Löwe brüllend, nach mehr verlangte.

John wollte trinken oder zerbrechen, zerreißen, zerstören; sein Zerstörungsdrang war ebenso groß wie seine Trinkgier. Schon in der Wiege verdarbenseine kraftvollen kleinen Fäuste alles, was sie zu fassen bekamen. Später nahm er die Uhren herunter, sah gierig in sie hinein und zertrümmerte sie dann. Seinem ersten Schaukelpferde riß er schon am Weihnachtsabend das Fell ab. »So sieht es gerade fein aus,« sagte er befriedigt. Doch was war der Körper eines Schaukelpferdes gegen seinen eignen, den er bald mit dem Eifer eines hungrigen Raubtieres zu zerstören begann. Mit seinem ersten Taschenmesser brachte er sich lange, heftig blutende Risse an beiden Armen bei. »Da seht!« Blut und Stolz auf dem Gesicht, stellte er seine Wunden zur Bewunderung aus. John war vielleicht wirklich dazu imstande, sich ein Auge auszureißen, »wenn es ihn ärgerte«. Er stürzte sich mit Wollust in die schwersten Gefahren; denn seine Phantasie berauschte sich am Anblick von Blut, Fetzen und Trümmern.

Als er sechzehn Jahre alt war, spielte er mit Fünfzigpfundgewichten wie mit Gummibällen. Sein Körper war so weiß wie der eines Mädchens, von der Stärke und Elastizität eines Tigers. Lernen wollte er nichts wie alle Zarnoskys. Anstatt zu lernen, ging er eiserne Zäune verbiegen, durchgehende Pferde aufhalten, armen Leuten Holz kleinmachen, trinken und lügen. Ein Überschuß an Kraft und Phantasie, brachliegend und ungezügelt, trieb ihn mit Gewalt dem Verderben entgegen.

Mit siebzehn kam er ins väterliche Geschäft, wie sein um ein Jahr älterer BruderEugen. (Die Physiognomie dieses Zarnoskys war etwas hämisch ausgefallen, und er stand vernünftigen Neuerungennicht ganz feindlich gegenüber.) Anstatt fleißig zu sein, ließ John die Daumen umeinander schwirren und log im Kontor, daß es förmlich ein Vergnügen war, ihm zuzuhören. Er log fast soviel als er trank, die ganze Welt, selbst seine nächsten Angehörigen verleumdend, wenn er so recht beim Aufschneiden war. Den Anlagen und dem Charakter nach war er einem seiner Onkel, der auch John hieß und allgemein »der Märchenerzähler« genannt wurde, viel ähnlicher als seinem eignen Vater.

Es nützte nichts, daß man John sowohl mit neunzehn wie mit einundzwanzig in eine Anstalt schickte, in der er von der Trunksucht geheilt werden sollte; er verfiel seinem Laster immer wieder. Doch wollte er lieber sterben, als noch ein drittes Mal in diese Anstalt gehen. Mit der Geschwindigkeit eines Bergrutsches ging es nun moralisch und physisch mit ihm herab. Sein Umgang wurden die Arbeiter seines Vaters, zum Lieblingsaufenthalt erwählte er sich die Kneipe, in der sie einen Teil ihres Lohnes zu vertrinken pflegten. Er sprach ihre Sprache und nahm ihre Sitten an. Man konnte ihn nicht länger im Familienkreise ertragen. Er bekam eine kleine Wohnung im Hofgebäude und eine Wärterin, die ihn gewöhnlich am Abend zu Bett bringen mußte. Er begann an Krämpfen zu leiden, und Krankheit und Laster entstellten ihn nach und nach bis zur Unkenntlichkeit. Einer Vogelscheuche ähnlich, die im Winde schwankt, so schwankte er über den Hof, wenn er morgens nach der Kneipe ging, wenn er abends von dort kam. Und er hatte den Gang eines jungenTriumphators, als er sechzehn Jahre alt war. Es war wirklich schade um ihn. Besser, er wäre nie geboren worden; denn weder sein Vater noch seine Mutter gehörten zu denen, die ihn auf seinem abschüssigen Wege hätten aufhalten können. Der Vater war viel zu ungebildet und zu träge dazu, und die Mutter, eine schwächliche und überaus nervöse Pfarrerstochter, verstand nur, die Hände zu falten und alles dem lieben Gott anheimzustellen. Sie brachte noch mehr Phantasie in die Familie Zarnosky, dazu Melancholie und Sentimentalität, die zusammen mit der Roheit ihres Mannes bei den Kindern eine sonderbare Mischung ergaben. All der Überschuß in Johns Natur war viel stärker als Vater und Mutter und sein eigner unerzogener Wille. John folgte nur seiner Natur, John gehorchte nur dem Stärksten, wenn er seinen Lebensweg herunterraste wie ein wütender Stier.

Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht geeignet für trübe Gedanken. John lehnte noch immer an dem Lastwagen, voller Sehnsucht auf Rodenberg wartend, der ihm den Schnaps besorgte. Mit einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem gelben, bartlosen Gesicht wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie und nach dem Rhythmus des Windes. Als er den Kutscher kommen sah, verließ er schwerfällig seinen Platz und ging ihm voraus in den Pferdestall. Dort setzte er sich auf den Futterkasten, die Augen wie ein Verschmachtender auf die Tür gerichtet.

»Her, Rodenberg, her damit!«

»Ich werd erst Licht machen, jung' Herr.«

»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht mehr warten!« Und er setzte die volle Flasche an den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte.

Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein niedliches Meckern. Dort stand ein kleiner schwarzer Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle, den John für fünfzig Pfennige von einem Bauern gekauft hatte. Das Tierchen wollte zu ihm, als es seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es losmachen.

Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn, legte die Vorderhufe auf seine Knie und sah ihm lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt, zog John es auf den Schoß. »Mein trautster Junge,« sagte er zärtlich, das Böckchen an sich drückend.

In John war trotz aller Verkommenheit der Vater erwacht, ein sehr zärtlicher, sehr fürsorglicher, verliebter junger Vater. Den Frauen gegenüber war er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied sie nicht gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie flößten ihm zuviel Scheu ein. »Es geht ja auch ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war trotz seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht, er hatte sich mit Inbrunst ein Söhnchen erkoren, und das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung vor den meisten Menschen. Man muß sehr hoch oder sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum waren ihm die Tiere lieber als die Menschen. Ernannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden. John fütterte ihn mit Leckerbissen, er machte ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er bürstete ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß.

Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende alte Stallaterne angezündet und brachte nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!« sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr und Kutscher taten einen tiefen Zug, jeder aus seiner Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung' Herr,« bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen schien.

John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht. Es war auch nicht ein Tropfen mehr darin. John ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie ein bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er.

»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein, die hingehaltene Flasche aus seiner nachfüllend.

»Sie haben wohl Angst vor den beiden am Fenster, vor Paul und Leo, was?«

»Na ja, die petzen doch immer jleich.«

»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem Gesicht. »Ich hasse sie! Weißt du, Rodenberg,« fuhr er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe – morgen – heute. Was dieser Leo für Augen hat! Hast du schon mal solch gräßliche Augen gesehen, Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn sie jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß ich vom Erdboden verschwinde. Ich soll krepieren. Gleich auf der Stelle.« Er weinte.

»Regen Se sich nich auf, jung' Herr, regen Se sich doch man bloß nich auf,« bat der Kutscher erschreckt. Aber John hub an, Schimpfworte und Verwünschungen gegen seine Brüder auszustoßen, indem er unaufhörlich die Fäuste ballte. Doch plötzlich packte ihn ein Krampfanfall, und er glitt stöhnend mit seinem Ziegenbock zur Erde.

Rodenberg kniete bei ihm nieder und hielt ihm wie gewöhnlich Arme und Beine fest, während Peter seinem Herrn das Gesicht leckte. Die beiden jungen Rappen, Johns Lieblinge, die allein im Stall standen, wandten unruhig die Köpfe herum, und ihre großen schönen Augen schienen voll Tränen zu glänzen. Unser Johnche, dachte Rodenberg, die Pferde anblickend, das wird wohl auch bald jewesen sein. Als der Krampf vorüber war, hob er den ganz Erschöpften auf und trug ihn, seufzend und stöhnend, denn er war noch ziemlich schwer, in seine Wohnung. Peter folgte ernst und gravitätisch wie ein Leidtragender.

Dore Kalnis, Johns Wärterin, ein bewegliches Weibchen von siebenundvierzig Jahren, empfing den Zug mit Scheltworten. »Sie sollten sich was schämen, Rodenberg,« fuhr sie ihn zornig an, »natirlich haben Se ihm wieder Schnaps jeholt! Aber ich werd's dem Herrn erzählen, der muß Sie endlich an die Luft setzen.«

»Krämpfe hat'r doch jehabt,« blubberte der Alte, John auf das Sofa bettend. Dann trollte er sich mit einem bösen Blick und einem ganz betretenen »'n Abend«.

John lag mit geschlossenen Augen da und wackelterhythmisch mit einer Hand. »Wollen Se was, junger Herr?« fragte die Wärterin.

»Peter,« flüsterte John.

»Oa,« seufzte sie, »der is auch wieder da! Neineinei, is das hier 'ne Wirtschaft! Lassen Se ihn doch man jetzt im Stall jehen, junger Herr, Sie müssen doch jetzt ins Bett.« Dabei suchte sie den Bock nach dem Ausgang zu drängen; aber John stieß ein zischendes »nein!« hervor, und Peter senkte seinen schmalen Kopf und stieß mit seinen jungen Hörnern gegen Dores spitze Knie.

Das schlug dem Faß den Boden aus. Die Wärterin hielt den Angreifer fest und verabreichte ihm eine Reihe wohlgezielter und gutsitzender Maulschellen.

John drehte seine Augen mit Gewalt nach der Szene. »Dore,« flüsterte er heiser, »wenn du nicht gleich mit Schlagen aufhörst, so verkürze ich dein Leben.«

Frau Kalnis lachte spöttisch auf, und dann sagte sie maliziös: »Wenn Se mich duzen, junger Herr, dann sind Se doch wie jewehnlich betrunken.«

Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn bersten zu wollen. Plötzlich zerrte es die Uhr aus der Westentasche und warf sie nebst der schweren Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die Wärterin machte nur einen ironischen Knicks und fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?« fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre, gemütliche Tonart übergehend: »Was wollen Herr Johnche zu Abendbrot essen?«

Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die Hände, ließ die Daumen umeinander schwirren und sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf. »Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll.

»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick nach dem Ziegenbock. Darauf schritt sie hurtig zum Fenster, öffnete es und rief: »Ama–lie ... Ama–lie« ... Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit einem Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf das Fensterblech.

Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf, und langsam kam ein kugelrunder dunkler Frauenkopf zum Vorschein. »Wa–as wollen Se, Frau Kalnis?«

Dore bestellte den Heringssalat und außerdem belegtes Brot und Bratkartoffeln.

»Wa–as fir Jetränke?« rief Amalie durch den Frühlingswind.

»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John etwas andres sagte.

»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung, und das Fenster wurde phlegmatisch geschlossen.

»Für den Tee muß ich danken,« brummte John, das Böckchen streichelnd und seine Stiefel an der niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem Zimmer sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner häufigen Zerstörungswut wegen, nicht allzuviel enthielt. Der große Spiegel mit der Marmorplatte, der zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John nur deshalb respektiert, weil er von den Eltern seiner Mutter stammte. Alles, was von den verstorbenen Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig.Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem Spiegel mit der Faust zu drohen, wenn er betrunken war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel ab. Dieses altmodische Möbel stand vorn an der rechten Wand, vor sich einen runden Tisch.Vis-à-visan der linken Wand stand nichts als ein brauner Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites dunkles Bett und eine Waschtoilette, die nur wie ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen rot- und weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing eine überaus altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls von den respektierten Großeltern stammte. Außerdem gab es nur noch einen Bettvorleger und ein zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn- und Schlafgemach war mittelgroß und mittelhoch und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche, aus der es auf die Treppe ging.

Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden, und deckte dann den Tisch mit einer bunten Baumwolldecke. Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm John den Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch an. »Jesägnete Mahlzeit,« sagte sie fromm, ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt auf ihren freundlichen Wunsch. Sie nahm ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes Brot und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie Licht und setzte die Brille auf. Um sich zu beruhigen und um den Heringssalat, den sie zu gern aß, würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch ineins ihrer vielen Erbauungsbücher. Nachdem sie drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte sie wie eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln nieder.

Dore war wirklich fromm, und wenn sie log, geschah es nur unter geistigem Vorbehalt. In ihren jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen Gütern gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren damals ihre hervortretendsten Eigenschaften. Mit vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen. Er ließ sich von seiner Frau scheiden und heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin mit den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen Vergangenheit. Aber die Ehe währte kaum ein Jahr, denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen verhaßte Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte wieder in Stellung gehen, und das war hart für sie, denn der Husten plagte sie mehr und mehr. Immerhin gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden – bei den reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen alten Großmutter. Dore verstand es, sich bei Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt man sie auch nach dem Tode der Großmutter im Hause. Und eines Tages wurde dann John ihr Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen.

Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu verschmerzen war. Sie guckte schließlich durch die Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge Heringssalat für Sie.«

Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht wußte, ob sie ihm trauen durfte. Aber ihre Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich zum Narren machen?« fragte sie zuerst.

John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht daran dächte. Dore rückte an, wünschte noch einmal »jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches Kleid mit einem dunkelroten Samtstreifen um den Rock und kleinen Samtklappen an den Ärmeln. Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes weißes Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine schwarze Schürze, die den Rock sowohl zieren als schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen, glattgescheitelten Chinesin in europäischer Kleidung. Peter betrachtete sie genau so aufmerksam wie sein Väterchen, aber man konnte seinen einfältigen Augen nicht anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand.

»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich verschmitzter Miene, als die Wärterin die Schale auskratzte.

»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete sie unter verschämtem Lachen.

Peter bekam das letzte Butterbrot und dann sollte er in den Stall. Frau Kalnis ging hinaus, um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit seiner gichtkranken Frau und einer überaus frommen Schwester wohnte. Rodenberg brachte Peter in den Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich versprechen, daß Peter auch wirklich sein Abendbroterhalten würde, dann erst durfte sie ihn am Halsband nehmen.

John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er sich wieder mit Dore vertragen hatte. Er war dann wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie ein Lamm von ihr zu Bett bringen und suchte sie dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu erfreuen. »Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,« sagte die Wärterin, sobald sie ihren Pflegling bis auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt hatte. John machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern ein reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder mal de Fieße waschen,« setzte sie hitzig hinzu, als ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war.

Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore deckte ihn sorgfältig zu. »Lesen Sie mir was vor, ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete. Er war immer schlaflos und sehr erregt, wenn er Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen, stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie ein Gestörter umher.

Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um eine passende Lektüre zu suchen – und kam sobald nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt und schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten Gegenstand schüttelt. Nach einigen Minuten war der Anfall vorüber und Dore ganz erschöpft. Sie saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe undhängenden Armen auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig zu Boden, dann stand sie auf: »Nun komm ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is wieder gut,« sagte sie resigniert.

Und sie begann mit belegter, schwacher Stimme, die allmählich klarer und kräftiger wurde:

»Hör auf mit deiner dämlichen Glocke!« schrie John, die Geduld verlierend. »Du weißt doch, daß ich die olle Glocke nicht mehr hören will.«

»Scheen, dann her ich auf, dann les ich gar nich.«

»Dorchen,« sagte schmeichelnd der Kranke und wies süß nach der Bibel hin, der alten, vergilbten, die sie auch mitgebracht hatte. Da konnte sie nicht widerstehen, da tat sie, wie ihr geheißen ward. Sie schlug die Offenbarung des Johannes auf und las mit schöner Dorfschulbetonung: »Ich sah einen neien Himmel und eine neie Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde verjing und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilije Stadt, das neie Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine jeschmickte Braut ihrem Manne.«

»Noch einmal,« flüsterte John, und seine Phantasie arbeitete mächtig.

Die Litauerin wiederholte und las dann weiter, es kam die Schilderung des neuen Jerusalems. Und John sah bei ihren Worten das neue Jerusalem, dieStadt der goldenen Gassen mit den Toren aus Perlen und den Mauern aus Edelsteinen. »Blau, gelb, grün, rot ...« flüsterte er, »o Dore, alle Regenbogenfarben! Alles aus Edelsteinen, aus Gold und Perlen!« Sie war verstummt, und er fuhr fort, die Augen auf die verräucherte Decke gerichtet.

»Da ist ein Schloß, Dore, das wird mir gehören, wenn ich erst tot bin. Die Mauern sind aus Amethyst und die Fenster aus Rubin. Und in allen Zimmern sind Flaschen, Flaschen in allen Regenbogenfarben – und ich darf aus allen trinken. Das schmeckt, Dore, was in den Flaschen ist! Und man wird nie davon betrunken, man kann ewig, ewig trinken!«

Die Wärterin lachte und John sprach weiter:

»Jeder Schluck aus den Flaschen ist wie mildes, knisterndes Feuer und fließt wie flüssige Edelsteine in den Magen hinab. Dort sprudelt er weiter und durchglüht den ganzen Magen. Was sag ich: den ganzen Magen? Nein, den ganzen Körper. Und man wird durchsichtig wie eine helle Flamme, wenn man aus den Flaschen getrunken hat, man gleicht dann einer hellen, durchsichtigen Flamme ...« Er wandte den Blick von der verräucherten Decke und sah die Wärterin spitzbübisch an. »Man könnte in dich hineinsehen, Dore, wenn du aus den Flaschen getrunken hättest, dein ganzer Körper wäre dann durchsichtig.« Er grinste wie ein Faun. »Ich möchte nicht in dich hineinsehen, Dore!«

»Sie missen nich anzieglich werden, junger Herr,« sagte Frau Kalnis gekränkt, und nachdem sie eine Weile nach einer schärferen Entgegnung gesucht hatte,setzte sie mit frommem Hohn hinzu: »Wer eine kranke Leber hat, sieht innen immer noch schlechter aus, als einer, der se nich hat.« Darauf las sie hurtig weiter und gelangte bald zu der Strophe: »Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.«

»Halt, halt!« rief John erregt nach diesen Worten, »mich dürstet, mich dürstet immer! Wohin soll man da kommen, Dore? Ich geh' gleich dahin.«

»Na, nach's neie Jerusalem doch wohl,« meinte die Wärterin. Und dann maliziös: »Aber Sie heren doch, junger Herr, daß da nichts als Wasser anjeboten wird.«

Der Trinker verzog das Gesicht. »Wasser – brr ... Aber Wasser des Lebens, Dore, das schmeckt vielleicht besser als die feinste Mischung, das stillt vielleicht für immer den Durst.«

»Kann sein! Aber wollen Se jetzt nich schlafen, Herr Johnche?«

»Ich kann nicht.«

»Na versuchen Sie's doch man erst.«

»Nein ... Ich möchte wissen, wozu ich gepaßt hätte, wenn ich nicht immer den Durst gehabt hätte?«

»Das fragen Se mich immer, wenn Se einen jetrunken haben.«

»Und Sie wissen nie eine Antwort darauf. Was ihr sagt, ist alles falsch.«

»Wozu bekam ich den ewigen Durst? Ich möchte wissen, wozu ich ihn bekam?« schrie er wild.

»Das will ich wissen!?« brüllte er, und sein ganzes Gesicht zuckte.

»Jetzt sollten Se zu schlafen versuchen, mein Lieberche, und nich so was Unnitzes fragen.«

»Zum Schlafen kommt schon noch Zeit genug,« stammelte John. »Ich möchte wissen, ob ich denn bloß zum Saufen auf die Welt kam?«

»Aber nei! Sie hätten doch e feiner Kaufmann werden können, oder auch e studierter Herr, wie d'r Großvaterche.«

»Sprich doch nicht dummes Zeug!« brummte er gereizt. »Du verstehst von gar nichts! Keiner versteht was! Und alles ist so verdreht, so verdreht« ...

Die Wärterin war zu der Überzeugung gelangt, daß John heute abend ein Schlafpulver bekommen müsse. Sie holte das Tischchen herbei, das zur Nacht an sein Bett gestellt wurde, und rührte ihm dann rasch ein Pulver ein.

»Dies trinken Se man und dann werden Se schon schlafen, mein Lieberche.«

Erst wollte er nach dem Glas stoßen, aber dann riß er es plötzlich an sich und leerte es gierig. Er plumpste wie ein ermatteter Maikäfer auf den Rücken, als das Schlafmittel zu wirken begann. Dore nahm die Brille ab und betrachtete ihn mit einfältiger Miene. »Dummer Äsel,« brummte sie, »wärst verninftig jewesen, hätt dir die janze Welt offen jestanden. Aber nu – was hast? Gar nuscht.« Da John die Augen geschlossen hatte, löschte sie die Lampe aus und zündete dafür ein Nachtlämpchen an. Sie setzte ein paar Flaschen Selterwasser auf sein Tischchen, die er im Laufe der Nacht zu leeren pflegte, um das fortwährende innerliche Brennen zu lindern, und verfügte sich dann in ihr Zimmer, um geräuschlos zu Bett zu gehen.

John stand vor dem Spiegel und legte seine Orden an. So nannte er die blauen, an Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten, mit denen er seine Jacke zu schmücken pflegte, wenn er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann seiner jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie könnten seinen Geruch nicht ertragen. John roch wirklich nicht schön, was auch weiter nicht verwunderlich war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm zu begießen, er fand es männlicher und stilvoller, mit den blauen Oblaten auf der Jacke zu gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten, die ein starkes Parfüm getan hätte. John war noch so kindisch. Mit strahlenden Augen war er eines Morgens, die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen: »Sieht das nicht fein aus? Sieht das nicht jroßartig aus? Und nun werde ich auch nicht mehr schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein? Paul, Leo, rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten es aus Mitleid bejaht, und die Mutter hatte sogar behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruchan ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug. Das hatte den jungen Alkoholiker bis zu Tränen gerührt. An diesem Tage trank er keinen Tropfen.

Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte – es war Sonntag: Palmsonntag – kam etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen Jungenstiefeln, die Treppe herauf und hämmerte dann energisch an die Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat ein und schob seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns ausgestreckte Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker haben, und den erhielt er auch reichlich. John hätte seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu können.

Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben, als John ins Vorderhaus zu seinen Eltern ging. Er bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange »Papa« auf Besuch war.

Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den warmen Ofen, verschämt »guten Morgen« stotternd. Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem Eintritt, und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen Worten: »Na, wieder mal betrunken gewesen, alter Ziegenbockvater?«

»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?« stotterte der Trinker. Er hatte die Hände gefaltet und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen, indem er auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit am Fenster saß.

»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es denn gar nicht lassen?«

»Nein,« platzte er naiv heraus.

Sie seufzte und verstummte.

»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in die Stille hinein. John war ein Feinschmecker und hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie, war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter. »Muß mal sehen, was gekocht wird,« sagte er, sich wieder erhebend, da niemand auf seine Frage antworten wollte.

In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor zur Bahn tragen sollte. Auf dem Deckel lagen dreißig Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das Mittagessen und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein Portemonnaie war leer; denn der Vater gab ihm immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das Resultat davon war, daß John auf Kredit trank und die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige lockten ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was, Amalie,« sagte er zu der kugelrunden ältlichen Köchin, »das da kann ich selbst verdienen! Die Kiste trag ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte sich nach dem Ausgang.

»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der Friedrich wird doch jleich kommen. Aber, junger Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das der Herr sieht!?«

»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich einen Jungen treffe, der sie mir für fünf Pfennige trägt.«

»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig Pfennige,« sagte Amalie zärtlich.

»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind es sechzig.« – »Her damit!« beharrte er mit dem Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte.

Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als ihm den Willen zu tun. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer karierten Taille und zog ein rot- und braungestreiftes Beutelchen hervor, das von der Wärme ihres gewaltigen Busens Zeugnis ablegen konnte. »Na machen wir uns auf die Socken,« sagte John kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel, diese Kiste zu tragen.«

Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte John, weil es seinen Stolz verletzte. Nun ging er mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen flotten Gang erzwingend eilte er nach der Tür.

»Adieu, Amalie.«

Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen Se gut nach Hause, junger Herr.«

Das Zarnoskysche Haus standvis-à-viseiner Querstraße, die sich in langer enger Windung vor ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste aus dem Hause trat und nach der Grätengasse steuerte. »Was soll das heißen?« rief er, das Fenster aufreißend. »Holla! John! Du kommst sofort zurück!«

Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht zu und schnitt ihm eine tolle Grimasse, dann trollte er weiter.

Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick war überwältigend komisch gewesen, so tragischer im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch schon die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte, die Kiste unterm Arm, von rechts nach links. »Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!«

Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem Kistenträger erkannte. Eugen sollte ihn sofort zurückholen, weil sie fürchtete, daß John hinfallen könne. Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm nicht gehorchen und Streit anfangen, er werde auch nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm ja nachlaufen.

Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte indessen, daß er nun gleich kommen müsse. Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt in die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster Lachlust. Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte sich umgedreht und die Zunge herausgehängt.

In der Grätengasse standen viele alte Speicher. Einer von ihnen hatte an der Front eine steinerne Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte, stellte er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und faltete ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John, der des Weges daherkam, um irgendwo Märchen erzählen zu gehen.

»Was tust du da? Was hast du da für eine Kiste?« fragte er mit heftig angeregter Phantasie.

Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht Geld. Ich muß unser Silberzeug verkaufen gehen. Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er konnte.

Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer Junge,« sagte er bedauernd, und als habe er durchaus nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl sehr schwer?«

»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem Augenaufschlag.

Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu müssen, dann sagte er: »Deine Eltern tun unrecht, wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit einer solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater und Mutter ehren. Doch« – Onkel John weitete furchtbar die Augen – »wenn sie dich noch einmal mit einem solchen Monstrum heraushetzen ... heraushetzen,« wiederholte er mit erhobener Stimme, »dann kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann schon finden.«

Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch was, damit ich sie mir wenigstens tragen lassen kann,« stammelte er, die Hand ausstreckend, in kläglichem Tone.

»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel John, bis zu Tränen gerührt.

Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen heraus. »Und sie lassen mich nächstens verhungern,« brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte Pudelaugen zeigend.

Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die Eindrücke arbeiteten so gewaltig in ihm, daß er einen Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er auch genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, gelang es ihm, bei seiner Einbildungskraft, doch ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit als Wahrheitvorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, denn er befand sich in angenehmster Aufregung, und seine grellblauen Lügneraugen glitzerten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf Mark, damit du nicht ganz ohne Pfennig herumläufst – mein armer Junge.«

John nahm dankend die gereichten zwei Mark. Er wußte, daß es immer nur zwei Mark waren, wenn Onkel John fünf Mark sagte.

»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser fort, »um für dich das Notwendigste anzuordnen. Schlimmstenfalls« – er rollte die Augen – »wird die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. – Holla!« rief er dem Faktor entgegen, der der Kiste wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich übernehme die Verantwortung, verstanden?«

John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil er ein unreines Gewissen hatte. Der Onkel ging auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer Sonntagvormittag, und die Grätengasse lag still und leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit Flügeln am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank sitzen blieb, die Daumen umeinander drehte und sich seine Mischung wünschte.

»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs mit wärmster Innigkeit, als er bei Zarnoskys ins Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand, seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky brummten etwas, Onkel Chlodwig war nicht da.

»John sitzt am Traumannschen Speicher und weint,« hub der gute Onkel an. »Die Kiste war doch wirklich zu schwer für ihn.«

»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« sagte ärgerlich der Vater.

»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte Onkel John sanft und schlicht. »Apropos (»Jetzt geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter Eugens Rücken) was ich sagen wollte« – er hob die eine Fußspitze ein wenig in die Höhe und besah sich versunken den Stiefel – »ja, richtig; es gehen über dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz merkwürdige Gerüchte, mein lieber Richard.«

»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn sein Bruder in wegwerfendem Tone. Richard Zarnosky log nicht mehr als andere Kaufleute, und seine Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen.

»Du solltest – du solltest nicht so zu mir sprechen – in – in einer Lage wie der deinigen, mein lieber Richard.«

»In was für einer Lage bin ich denn, mein lieber John?«

»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es gehen Gerüchte in der Stadt, daß« – –

»Daß?«

»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.«

»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert.

Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von Namen zu nennen, wobei er ab und zu die Augen schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O Gott!« rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nurnicht Schande über deine angesehene Familie, über mich und meine unschuldige Tochter, über unsern armen Bruder Chlodwig!«

»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend.

Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde an seine Stirn, indem er den Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht fertig war. Sich seinem ältesten Neffen zuwendend sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich schämen, deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja, du ehrst auch nicht Vater und Mutter. Du schämst dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du schämst dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern könnten.«

»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt.

Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen: »Mein lieber John, hier hat der Zimmermann das Loch gelassen.«

Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter Kater, seine grellen Augen rollten hin und her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.«

»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist dein ew'ges Künd'gen auch über. Es gibt mehr Speicher in unserer Gegend.«

»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte dir keiner so passen wie meiner.«

»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen wir uns eine Weile mit einem. Wir räumen zum ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.«

Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm ein andrer die hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder zahlte, ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die er daraus zu ziehen verstand, daß sein Speicher dem Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn selbst zu benutzen, weil er zuviel mit Prozessen zu tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen schuld waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische Falten ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd, »du kannst nicht Scherz von Ernst unterscheiden. Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung. Benutzt ihn in Gottes Namen weiter. Mir genügt der Schuppen.«

»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte Herr Zarnosky schroff.

»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den Verdienst nehmen willst, um ihn vor einen Fremden zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem Tone; aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder Chlodwig wird es auch nicht wollen,« setzte er theatralisch hinzu.

»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst nicht mehr!« schrie Herr Zarnosky, die Geduld verlierend. »Und es paßt uns auch nicht, daß du deine fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!«

»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel John, »und zweitens haben sie noch nie in ihrem Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide bekommen. Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.«

Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst für Onkel John ein kühner Sprung.

»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das vergangenen Montag bei uns passierte? Nein, ihr wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler, froh wie ein Kind über den guten Einfall, der ihm gekommen, und über die versöhnliche Stimmung, die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna, Eugen, Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen Montag bei uns passierte. Da fuhr mir doch ein Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen Putchen hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die Hälfte kreuzlahm getreten. Dem Truthahn Fritz, meinem Liebling – ihr kennt ihn ja – dem armen Tier war das linke Beinchen gebrochen. Ich habe ihn dann selbst geschlachtet ...«

»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den Fritz habe ich doch noch gestern nachmittag gefüttert.«

Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den unerwartet ein Insekt gestochen. »Paul,« begann er eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge! Du hast – gestern nachmittag – den Fritz gefüttert? War es nicht vor acht Tagen?«

»Gestern war es.«

Onkel John blickte auf Paul wie auf einen armen Schwachsinnigen, dann wandte er sich seiner Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen – ich habe es euch allen noch immer verbergen wollen, was ich seit einem halben Jahre an Paul beobachte. Der arme Junge – aus unsrer Familie hat er dasnicht – das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich ein Ereignis zugetragen, ob es gestern, vorgestern oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis. Ist euch das noch nie aufgefallen?«

»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky mit Nachdruck.

»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler, seinen Speicher vergessend. »Statt mir zu danken, daß ich dich auf eine Krankheit deines Kindes aufmerksam mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein netter Vater! Den einen lassen sie verlumpen, den andern verblöden!«

Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete sie ein zweites Mal. »Soll ich vielleicht den Faktor rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte er grob.

»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich komme nicht eher wieder, als bis ihr mich auf Knien und Ellbogen darum bitten werdet.«

Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul und Frau Zarnosky nicht einstimmten. Paul machte ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau Zarnosky erhob sich erregt und sagte: »Onkel John, wenn Sie jetzt hingehen und etwa in der Stadt erzählen, daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden, so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.«

Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte er, »diese Tatsache ist Ihnen also doch nicht entgangen?! Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls nicht ...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der Tür, um sich von dort mit einer spöttischen Verbeugungzu empfehlen. Die angenommene Kündigung hatte er total vergessen.

Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als sein angenehmer Bruder hinausschlüpfte. Die ganze Familie war an derartige Auftritte mit Onkel John gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die sich dabei aufregte.

Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken, was der Onkel von ihm behauptet hatte. Da er die Sensibilität seiner Mutter und eine große Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung in Unruhe und Angst versetzt.

»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß Vater die beiden Rappen kaufte?« fragte er Rodenberg.

»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte der Kutscher.

»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?«

Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind. Ich weiß nich mehr jenau,« und er trollte sich.

Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank in angestrengtes Grübeln; er stellte die schwierigsten Daten in seinem Kopfe fest. Eine der vielen Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb sich schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte sie vertreiben, weil ihn das beim Nachdenken störte; aber die Katze klammerte sich fest, freundlich schnurrend und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul streichelte sie mit abwesender Miene, bis ihm der wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich zwischen die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ dasTier fallen, die klebengebliebenen Haare ärgerlich vom Munde wischend.

»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm.

»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den Mund,« erzählte der Junge.

Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines Bruders Richard) war ein kleiner, gelblicher Junggeselle mit großen Ohren und großen weißen Händen. (Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den die Brüder seiner »eigentümlichen Anlagen« wegen nach Amerika verpflanzt hatten.) »Katzenhaare!« rief Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge, du hast doch wohl keins hinuntergeschluckt?«

»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt.

»Kind, dann müßtest du ja sterben,« flüsterte Chlodwig mit großen geheimnisvollen Augen. Und nun ging seine Phantasie mit ihm durch. Er sprach dem schon erschreckten Jungen von einem schweren Tode, den heruntergeschluckte Katzenhaare öfters zur Folge hätten. Er schilderte dessen Qualen so genau, als habe er sie schon einmal durchgemacht. Paul lächelte gezwungen. Schwachsinn und Tod, das waren ja nette Aussichten. »Onkelchen, du schneidest auf,« sagte er mit unsicherer Stimme.

Für gewöhnlich gab es keinen liebevolleren Onkel, als den kleinen Chlodwig, den jüngsten der vier Zarnoskys. War er es einmal nicht, dann lag das nur an seiner großen Phantasie. Sobald er merkte, daß er seinen Neffen erschreckt hatte, brach er in lautes Lachen aus. »Paulemännchen,« rief er, »was bist dufür ein gläubiger Thomas?! Komm, jetzt trinken wir zusammen Rotwein, das ist das beste Mittel gegen Ängstlichkeit und Katzenhaare!«

John hockte noch immer mit gefalteten Händen auf der Steinbank in der Grätengasse. Aber er dachte nicht mehr an seine Mischung, er hatte sich angelehnt und lauschte den lieblichen dünnen Tönen, die aus einem kleinen stillen Hause kamen. Dort blies ein Pfeifer zu seiner Sonntagserbauung:

Es war ein Herbstlied, aber es brachte John seinen ganzen Frühling zurück. Seine Kindheit erhob sich bei dieser halbvergessenen Melodie aus ihrem Grabe und zog licht und herrlich an ihm vorüber. »Das warst du einmal,« klang es in ihm. »Warst du einmal,« schien die Pfeife zu wiederholen. Die Erinnerung nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm vergessene Wege zu vergessenen Herrlichkeiten. John war aufs neue geboren. Der einsame Lauscher in der Grätengasse war eine leergewordene Hülle.

Da brach der Pfeifer plötzlich ab – und die auferstandene schöne Zeit sank langsam ins Grab zurück. Die Hülle auf der Steinbank bekam wieder eine Seele. Der Trinker schlug langsam die Augen auf. Wo war alles geblieben? Ein trauriges Grinsen verzerrte sein Gesicht, als sein suchender Blick auf die blauen Oblaten auf seiner Jacke fiel. Das warer jetzt! Und das war kein Traum; es war nicht zu vertreibende Wirklichkeit. Er riß die Oblaten ab und schleuderte sie wild auf die Straße. Aber dann erhob er sich bald und suchte sie wieder auf. Er konnte sie heute nicht entbehren. Beschmutzt waren sie seiner auch noch würdiger.

Die Leute kamen aus der Kirche. Die Grätengasse belebte sich. John setzte sein Imperatorenlächeln auf und machte sich auf den Heimweg.

»Guten Tag, Herr Zarnosky.«

»Diener, Herr Zarnosky.«

John erwiderte die Grüße, indem er jedesmal zwei Finger nachlässig an die Mütze hob. Als er einen toten Sperling auf der Erde liegen sah, hob er ihn auf und betrachtete ihn. Das Tierchen war so jung, so niedlich und noch ganz warm. Ein Gruß vom Tode, dachte der Trinker, und seine Hand bebte, und seine Orden bebten. »Ich komme bald,« schien eine Stimme zu flüstern.

»Bald?« fragte seine Angst.

Der Osterwind raunte eine tonlose Antwort.

»Ich will nicht!« schrie es gewaltig in John, denn ihm war, als habe er soeben sein Todesurteil vernommen. Und er hob den Arm und schleuderte den Sperling über den nächsten Zaun. Er wollte nichts vom Tode wissen, nichts mit ihm zu tun haben; er amüsierte sich höchstens über ihn. Sein Leben konnte hundert Jahre währen. Doch die Angst sprach anders in ihm, und ihm war, als stände der Tod schon irgendwo hinter einem Mauervorsprung der Grätengasse, seinen knöchernen Arm ausstreckend, umihn für immer aufzuhalten. Er torkelte auf den Fahrdamm, um den Mauervorsprüngen auszuweichen; er trabte nach Hause und setzte sich neben die lebenswarme, liebevolle dicke Amalie. Aber die Köchin wurde bald ins Eßzimmer gerufen und kehrte mit der unangenehmen Botschaft zurück, daß ihn der Vater zu sprechen wünsche. John machte ein betretenes Gesicht und schlich wie ein armer Sünder hinein.

»Wer hat dich geheißen, mit der Kiste zu gehen?« fragte ärgerlich der Vater.

»Es hat mir Spaß gemacht,« stotterte John.

»Unterlaß diese Späße in Zukunft, hast du verstanden?«

»Ja,« sagte John wie ein artiges Kind.

Herr Zarnosky schneuzte sich, um eine freundlichere Miene zu verbergen. »Was hast du mit Onkel John gesprochen?« fragte er dann.

»Ich – ich weiß nicht mehr.« John lachte blöde.

»Du weißt nicht mehr? Dann hast du wieder geschwindelt! Ich will wissen, was du zu ihm gesagt hast?«

»Guten Tag hab ich gesagt – und – und in der Kiste wären Patronen.«

Der Vater versetzte ihm gereizt eine Ohrfeige, die mit stiller Tücke hingenommen wurde.

»Wie kannst du nur?!« rief Frau Zarnosky in vorwurfsvollem, klagendem Tone. »Wie kann man nur einen erwachsenen, schwerkranken Menschen schlagen?!«

»Schwerkrank?« wiederholte John entsetzt, die Ohrfeige vergessend.

Wenn Frau Zarnosky eine Roheit ihres Mannes rügen oder gutmachen wollte, hatte sie häufig dasPech, nicht minder roh oder wenigstens sehr taktlos zu sein – ohne sich ihres Fehlers immer bewußt zu werden; denn sie war ein wenig denkträge und hielt sich auch für die Vollkommenheit selbst. Johns angstvolle Frage blieb unbeantwortet, weil die Eltern ins Streiten geraten waren, ob der Vater einen erwachsenen Sohn schlagen dürfe oder nicht.

John dachte mit Sehnsucht an Amalie. Die machte ihm keine Vorwürfe, die schalt ihn weder aus, noch erschreckte sie ihn. Die schenkte ihm Geld, wenn er Durst hatte, und tröstete ihn, wenn er traurig war. Die hatte sogar seinen Peter ins Herz geschlossen. Zwar die Mutter war auch gut; aber Amalie war doch noch besser. Still drückte er sich hinaus.

»Herr Johnche trautstes,« sagte die Köchin innig, »haben se inne Stub wiedermal auf Ihnen jepucht?«

Der Trinker schlug mit der Hand. »Die müssen doch immer was haben!«

Er ließ sich auf die Küchenbank fallen, daß es krachte. »Bin müde,« sagte er düster.

»Hätten Se der Kiste doch bloß stehen lassen, junger Herr!«

»Glauben Sie wirklich an Gott?« fragte John, ins Herdfeuer starrend.

Die Köchin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht gleich wußte, was sie auf diese unerwartete Frage antworten sollte.

»Ob Sie wirklich an Gott glauben?« wiederholte der Trinker.

»Na jewiß. Natirlich. Ich werd nich?! Wieso fragen Se, Herr Johnche?«

»Fiel mir so ein.«

»Glauben Se man auch,« predigte Amalie, »dann werden Se auch wieder jesund werden. Bloß nich zuviel trinken!«

John schien voller Angst einer andern Stimme zu lauschen. »Hörten Sie nicht?« fragte er plötzlich.

»Wa–as? Wa–as?«

»Vorher sagte es der Wind. Jetzt sagte es das Feuer.«

»Die können doch nichts sagen.«

»›Ich komme bald,‹ sagte es eben.«

»Ich hab nichts nich jehert.«

»Der Tod will kommen,« flüsterte John mit großen angstvollen Kinderaugen.

»Haben Se man keine Angst!« tröstete die Köchin. »Sie können noch Ihre ganze Familie iberleben. Sie allemal!« Dann öffnete sie die Bratofentür und sagte: »Kommen Se man sehn, junger Herr, wie fein se braten.«

Zwölf Täubchen lagen in Reih und Glied in der Bratpfanne, zwölf angenehm duftende, kleine braune Körperchen, die Amalie mit Stolz und Schweiß auf der Nase vorwies. Johns Miene erheiterte sich beim Anblick der Tierchen. Er ergriff eine Gabel und prüfte, ob sie schon weich waren. Da es sich so verhielt, riß er der größten ein Beinchen aus, blies ein wenig herauf und benagte es dann mit der Miene eines Menschen, der hat, was er braucht. Die Köchin hatte die fetten Hände überm Bauch gefaltet und sah ihm wohlgefällig zu.

»Schmeckt gut?« fragte sie.

»Ja,« sagte er.

»Vielbeliebt und anjenehm zu heren.«

Auf dem Zarnoskyschen Hof stand ein uralter Birnbaum. Sein Stamm war so stark wie vier feiste Mönche zusammen, und seine mächtige Krone bildete eine Art chinesisches Dach über einem großen Teil des Hofes. Um den Stamm lief ein Tisch und um den Tisch eine Bank; beide wurden viel zum Sitzen benutzt, der Tisch noch mehr als die Bank.

Wieder ging ein Frühlingstag zu Ende. John saß unter dem Birnbaum auf dem Tisch, die Füße auf der Bank, und starrte nachdenklich und versunken in die Abendsonne. Sie schwebte über einem sehr alten rosa Häuschen, das mit dem Giebel an den Hof stieß. Dieser Giebel hatte nur ein einziges Fenster und sonst nichts als seine rosa Farbe. John war froh. Er hatte beschlossen, noch ein drittes Mal in die Heilanstalt für Trinker zu gehen, und dieses dritte und letzte Mal sollte ihn für immer kurieren; denn: er wollte hinterher nie mehr einen Tropfen Alkohol über seine Lippen bringen, das hatte er sich mit den heiligsten Eiden zugeschworen. Und darum hoffte er nun, eines Tages wieder gesund, stark undschön zu sein, er hoffte, einst wieder zu den glücklichsten Menschenkindern der Welt zu gehören. (Mit siebenundzwanzig Jahren hofft man noch leicht, hält man das Wunderbarste für möglich.) Bald nach Ostern wollte er seinen Entschluß kundtun und zur Ausführung bringen. Peter sollte ihn in die Anstalt begleiten.

Der Ziegenbock sprang vor seinem Herrn herum und tanzte auf den Hinterbeinen. Plötzlich öffnete er seine kleine schwarze Schnauze, zeigte eine dicke rosa Zunge und schrie aufgeregt: »Mämämämä« ...

»Ich bin deine Mama,« sagte John zärtlich, »deine Mama und auch dein Papa.«

Das Giebelfenster des rosa Häuschens sprang klirrend auf, und ein brauner Christuskopf lugte heraus. »John,« rief er, »soll ich auf den Hof kommen?«

»Ja, komm!« sagte der Trinker.

Der Mensch mit dem Christuskopf war der Bruder von Onkel Johns Frau, achtunddreißig Jahre alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes, sich ein, zum mindesten Pfarrer zu sein. Die Verwandten unterstützten seine Torheit, indem sie ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt Johannes, sie gebrauchten den Titel wie einen Vornamen. Johannes hatte noch einen Bruder, der weit schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder lebten ganz allein mit einer mürrischen Haushälterin in dem alten rosa Häuschen, das ihr Eigentum war. Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwalteteihre Zinsen, und zwar mehr zu Nutz und Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner einfältigen Schwager.

»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll, als er John die Hand reichte.

»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie gewöhnlich, trotz der abwehrenden Geste des frommen Idioten.

»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast nich?« fragte Johannes, sich fröstelnd die hageren Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle Sportmütze, die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam genug ausnahm. Um den Hals hatte er ein schwarzes Halstuch geschlungen. Sein blauer Anzug war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die Hose zu kurz; denn beides hatte einst Onkel John gehört, der stärker und kleiner war.

»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig den Kopf senkend, als John die Frage verneinte. Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller Miene ein wenig abzustäuben, da glich er ganz Christus, und John, der ebenfalls die Mütze abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem Platz auf ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus vorstellen: Christus vor Pontius Pilatus.

»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der Trinker, »aber eine Zigarre habe ich heute für dich.«

Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ einen Zigarrenstummel nicht früher aus dem Munde, als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man machte ihm jedesmal eine große Freude, wenn manihm eine ganze Zigarre schenkte; denn für gewöhnlich mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys) für ihn aufhob. Er selbst konnte sich keine Zigarren kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin, und zwar mehr zu Nutz und Frommen ihres Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester Zigarren und Delikatessen; aber nur Johannes rauchte, und die Delikatessen aß die Haushälterin auf.

Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als John ihm eine schöne lange Zigarre unter die Nase hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte er sich zurück: »Und nun fang sie auf.«

Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre erwartend. Aber John narrte ihn immer wieder, indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern, oder er bekäme sie nicht. John hatte nämlich herausbekommen, daß man Johannes wohl zu diesem und jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu lästern. »Ein Pfarrer darf das nicht,« entgegnete er dann stets.

Das entgegnete er auch diesmal; doch John ließ es nicht gelten. Er zog eine Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst zu rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes gutes Johnche,« flehte der Unglückliche, »gib, gib! Darf ich nich. Darf ich nich.«

Der Trinker biß die Spitze von der Zigarre ab,indem er Johannes wie ein Folterknecht angrinste. »Na, wird's bald?« fragte er zwischen den Zähnen.

Die Abendsonne legte einen roten Heiligenschein um den lockigen Christuskopf des Idioten. Er stand da, die Hände um die Mütze gefaltet, die Augen wie ein Verschmachtender auf die Zigarre gerichtet. Seine Lippen bewegten sich; aber es kam kein Ton. Er hatte schon tagelang nichts zu rauchen gehabt, und eine ganze Zigarre hatte er schon seit Wochen nicht sein eigen genannt; er zitterte vor Gier nach dem so lange entbehrten Genuß. Dieser Zigarre gegenüber unterlag er der Versuchung, das fühlte er. »Johnche,« flüsterte er mit versagender Stimme, »hab schon was jesacht. Hast bloß nich jehört, hast bloß nich jehört.«

»Das ist nichts. Das gilt nicht,« grinste der Trinker.

Pfarrer bebte wie Espenlaub, und seine Zähne schlugen leise klirrend zusammen. »Er – er – ist, ist – ein Esel!« stieß er plötzlich ganz kreidebleich hervor, als John schon dabei war, ein Streichholz zu entzünden, und fast schreiend setzte er hinzu: »Aber nur ein ganz kleiner, nur ein ganz kleiner!«

John wollte lachen und konnte nicht. »Das war noch nichts Rechtes,« sagte er beinahe verlegen, »aber für diesmal wollen wir es gelten lassen. Hier!«

Johannes pflanzte die Zigarre glückselig in den Mund. John gab ihm Feuer.

Obgleich dieser mit den beiden Schwachsinnigen gern allerhand seltsame und boshafte Experimente vornahm, tat er doch mehr für sie als ihre nächstenAnverwandten. Wenn sie sich bei ihm über die Haushälterin beklagten, ging er auf der Stelle hin und stellte sie unter den heftigsten Drohungen zur Rede. Die sonst sehr unerschrockene Person hatte einen gewaltigen Respekt vor John, ja, sie zitterte förmlich vor ihm, da sie ihn zu allem fähig hielt. Zweimal in jeder Woche ging er im rosa Häuschen das Essen kosten. War es nicht gut, dann bekam die Haushälterin die Drohung zu hören, daß er sie wegen Veruntreuung und Diebstahl anzeigen werde. Johannes und Markus bewunderten Johns Mut aufs tiefste; er war ihr Held, ihr Ideal. Und da er sie, die ewig Hungrigen, oft satt machte, darum liebten sie ihn wie einen Vater und nahmen seine Neckereien und Quälereien so ruhig und ergeben hin, wie der Türke die Schicksalsschläge.

Die Abendsonne glitt langsam am glasblauen Himmel herab, glutrot und groß. Johannes hatte sich neben John auf den Tisch gesetzt und dampfte wie ein Pascha. Er wäre jetzt der glücklichste Mensch der Welt gewesen, wenn er nicht die Gotteslästerung hinter sich gehabt hätte. »Johnche,« fragte er leise, »meinst, er hat jehört? Meinst? Meinst?«

»Was wird er nich jehört haben?!« entgegnete dieser. »Der hört doch alles!«

»Johnche, du lachst ...?«

»Na, vielleicht hat'r auch nich jehört. Vielleicht schlief'r auch schon. Is doch'n alter Mann.«

»Hast recht! Hast recht!« sagte aufatmend der Idiot.

Sie starrten beide nach den roten Abendwolken, die ganz seltsame, phantastische Formen hatten. SpringendenPferden mit Hörnern und Krallen ähnlich, wandelten sie langsam durchs Himmelsblau.

»Möchtest du da reiten?« fragte John mit einer Kopfbewegung nach oben.

»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.

»Wenn es aber ins Paradies ginge, Pfarrer?«

In die Augen des Schwachsinnigen kam ein sehnsüchtiger Ausdruck. »Ins Paradies?« wiederholte er verträumt. »Ach ja, Johnche, da möcht' ich jleich hin.«

»Ei, wenn es da nichts zu rauchen gibt?«


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