Johannes kicherte blöde los. »Wird schon, wird schon,« meinte er, »da jibt's doch alles umsonst. Zigarren – Bratäpfel – Glacéhandschuhe ...«
»Weißt du was?« sagte der Trinker, die Frühlingsluft schlürfend. »Ich werde wieder gesund werden. Ich geh nach Ostern in eine Anstalt und komm gesund zurück.«
Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?« Und dann ließ er nachdenklich den Kopf hängen, hüllte sich in Rauchwolken und schwieg.
Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet hatte, bat er John verlegen und zaghaft, ihn doch in diese Anstalt mitzunehmen.
»Wieso?« fragte John.
Der Schwachsinnige errötete wie ein junges Mädchen und wollte nicht mit dem Grunde herausrücken. Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert: Er möchte auch gern gesund werden: klug werden. »Nich mehr Idiot, nich mehr Idiot!« rief er klagend. Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand, der die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt.
Schweigen.
»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder – du müßtest sterben. Die Toten sind alle klug.«
»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und enttäuscht. »Neinein! Lieber nich, lieber nich! Noch e bißche warten, noch e bißche warten!«
John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten rot in der sinkenden Sonne. Er legte den Kopf auf eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang, als ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust und Lebensgier. Es war ein Lied von der einzigen Wonne – zu leben.
Die beiden Ausreißer sahen sich an und lachten. Es war nicht leicht gewesen, die Reise zu unternehmen, da sie im geheimen vor sich gehen mußte; denn man hätte John, krank wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen Ausflug zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß alles so wohl gelungen, und daß sie nun da waren, wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr angegriffen, als er mit seinem Gefährten aus dem Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie mitgenommen hatten, und nun goß er Kognak wie Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem Halse, weil er das für schicklich hielt, wenn sein Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und schritt würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames, auffallendes Paar. Der Trinker hatte sich in der Eile mit einem alten hellgelben Winterüberzieher bekleidet, der übermäßig kurz war und stark nach Naphthalin roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckungsprengen zu wollen. Das kleine, steife, schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden Augenblick herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange, hagere Figur zierte ein großkarierter alter Reisemantel von Onkel John. Auf dem Kopf trug er die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut besaß. Halb Engländer, halb Christus schleppte er eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche und eine Menge Mundvorrat enthielt – für den Amalie im geheimen gesorgt hatte.
Der Apriltag war so warm und golden wie ein Maientag. Es schien nicht Ostern, es schien Pfingsten zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur im Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort, und die Butterblumen glänzten überall wie kleine Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender Wind in fortwährendem Zittern erhielt. Das sah nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes schritten durch eine Allee solcher Glöckchenbäume. Niemand begegnete ihnen. Hier und dort blickten bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken. Johannes hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße Glacéhandschuhe, die er für sein Leben gern aufgezogen hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die beiden schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig für weiße Glacéhandschuhe – und Bratäpfel, besonders aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch lebte, hatten sie solche Handschuhe zu Dutzenden bekommen;aber jetzt – –! Immer wieder mußten sie alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das sehnsüchtige Verlangen hatten, sich irgendwo mit weißen Glacéhandschuhen zu zeigen.
Die Allee endete auf der Düne, von der eine uralte Treppe aus breiten Steinen und mit wackligem Holzgeländer durch eine lange, winklige, baumreiche Schlucht zum Strand hinabführte.
»Steigen wir 'runter?« fragte John.
»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.
Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu und Bewunderung über die halbdunkle Schlucht hinweg auf die weite, weite, blaue See.
»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte Johannes, mit vergnügtem Lachen auf die Osterausflügler zeigend, die bienenemsig am Ausgang der Schlucht auf der Mole herumkrabbelten.
»Erst essen wir etwas und dann steigen wir auch herunter,« sagte John und setzte sich auf die nächste Bank.
Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen« war und blieb doch das Schönste für ihn. Seine langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend, brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der Trinker griff zuerst nach der Kognakflasche und tat aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes entkapselte für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine Serie harter Eier genoß. John hatte wenig Appetit, da das Mittagessen noch nicht weit zurücklag. Bei Johannes machte das nichts aus; der konnte schon wieder wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilligesKnurren aus, als John »genug!« ausrief. Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn neben ihm eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand.
Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der Lahme mit dem Blinden, begann das Paar den Abstieg. Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten, weil John die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht sank er auf die Stufen nieder, und Johannes mußte ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben wir den Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne spuckend. Der Schwachsinnige nahm ein paar Stufen tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen Handschuh auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe herauf- oder herunterkommen, Leute mit neugierigen Augen – ohne weiße Glacéhandschuhe. Pfarrer wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte auch nicht lange, so kamen zwei junge Mädchen die Treppe heruntergekichert. Helle Kleider, flatterndes Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die weiße Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr fort, ins Grüne zu starren. Was gingen ihn diese Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre – –! Es tat ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause sein mußte. Die Mädchen girrten wie Tauben, als sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich danach platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht herauf und herunter, und das Echo gab es verhaltener wieder.
Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen, und es duftete das Laub. Es war ein Frühlingstag, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wieein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich nahm er die Mütze ab und saß barhäuptig da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig.
Nach einer halben Stunde waren sie unten und schritten Arm in Arm bis zum Ende der Mole, wo es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden weißen Mähnen dahergestürmt kamen. Die Mole war schmal und kroch wie eine graue Schlange am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen Dünenwand entlang, von der hier und da der gelbe Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe standen große Bäume, und einer von ihnen neigte sich weit über die Düne, als müsse er herunterschauen oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden Gelb der steilen Sandwand.
John war, als fahre die Mole unter ihm davon, als sie stehen geblieben waren und auf das Wasser blickten; sich auf Johannes stützend, schloß er erschreckt die Augen. Nun fuhr er mit; die Mole und die ganze Welt schien langsam mit ihnen davonzufahren. John hielt sich an Johannes, wie der Schiffbrüchige am Mast, und auf einmal glitt er lautlos zu Boden. Ein Schwindelanfall, der nur langsam vorüberging. »Ich bin schläfrig,« sagte er schließlich auf Pfarrers angstvolles Fragen mit seiner gewöhnlichen Stimme, und er streckte sich aus und ließ die Sonne auf seinen gelben Wintermantel brennen.
Der Schwachsinnige strich ratlos seinen Christusbart, er blickte scheu auf das große Wasser, dem ernun ganz allein gegenüberstand; am liebsten wäre er nach Hause gelaufen. Nach einer Weile hockte er sich neben seinem bereits schnarchenden Freunde nieder, der See den Rücken zudrehend, und sah unentwegt auf die Reisetasche: ihr Anblick war ihm eine Oase in der Wüste. Den Handschuh hatte er längst wieder abziehen müssen. John hatte ihm vor allen Leuten mit einer Backpfeife gedroht, wenn er es nicht auf der Stelle täte. Es war ihm nichts anders übrig geblieben, als zu gehorchen.
Pfarrers Phantasie sah auf der Tasche einen Mädchenkopf mit großen, lachenden Augen. Pfarrer hatte sich wieder einmal verliebt. Das eine der beiden Mädchen, die auf der Treppe an ihm vorübergesprungen, hatte es ihm angetan. Und nun glaubte er, sie immer wieder kichern zu hören; es war aber nur der Sand, der so klirrend von der Düne rieselte.
Es rieselte ... es rieselte, und die Wogen warfen sich mit eintönigem Geschrei gegen die Mole. Pfarrer legte das Gesicht auf die Reisetasche, da, wo er sich den Mädchenkopf dachte, und brummelte sich in den Schlaf.
Die Wellenpferde kamen laut herangejagt, sprangen an der Mole hoch und brachen fauchend zusammen; neue kamen, sprangen an der Mole hoch und brachen fauchend zusammen; neue kamen ... und die Sonne sah ihnen strahlend zu und segelte majestätisch ihren Weg.
Es war gegen halb sechs, als John endlich aufwachte. »Dore! Kaffee! Kaffee!« brummte er.
»Kaffee! Kaffee!« echote der Idiot.
John sah sich betreten um. »Pfarrer,« stotterte er, sich die Augen reibend, »was ist das hier?«
»Ostsee! Ostsee! Ostsee!«
Der Kranke verzog das Gesicht. »Ich säße jetzt lieber zu Hause,« sagte er mißmutig.
»Ich auch! Ich auch!« sagte Johannes.
»Da hinauf komm' ich heut' nicht mehr,« murmelte John, auf die Düne zeigend.
Johannes verfärbte sich. »Bleib nich! Bleib nich!« rief er entsetzt. »Graurig hier! Graurig hier im Dunkeln!«
»Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß wir vor acht auf dem Bahnhof sind,« versetzte der Trinker mit seinem Imperatorenlächeln.
Und der Schwachsinnige vertraute seinem Ideal. »Is gut! Is gut!« sagte er beruhigt.
John versuchte nun fröhlich zu sein; aber es wollte ihm nicht recht gelingen, und je näher der Abend kam, desto stiller wurden sie alle beide. Johannes begann wieder zu essen; doch diesmal ohne Genuß: die große Nähe des weiten, lärmenden Wassers bedrückte zu sehr sein Gemüt. Und John bedrückten Todesgedanken. Er kam sich vor wie ein Sterbender, der sich noch einmal in die Sonne gesetzt, der das Meer und die Sonne noch einmal sehen wollte, um von ihnen Abschied zu nehmen. Das Gebrüll der Wogen hatte seine Fröhlichkeit verloren. Sie klagten jetzt immer lauter und lauter und hohler: eine tragische Musik. John lehnte sich schwer an die kalte Dünenwand mit dem rieselnden Sande. Er hatte einen Ton im Ohr, der aus der Ferne zu kommen schien, aus einer Ferne, die nicht auf Erden war. Der Tod schlug mit der Sichel an. »Ich komme bald!« klang's aus der Ferne.
»Ich verreise nächstens,« sagte John plötzlich.
»Weiß! Weiß!« murmelte Johannes.
»Nicht in die Anstalt,« sagte der Trinker.
Der Schwachsinnige wieherte geheimnisvoll, so, als wisse er über alles Bescheid.
»Weißt du, zu wem?« fragte John.
»Zu wem? Zu wem?« stotterte Johannes.
»Zum Tode – Pfarrer.«
Der Idiot lachte verblüfft und ängstlich. »Ach ja –?!« sagte er mit ungläubiger Miene. Und dann halb scherzhaft, halb wißbegierig: »Hat er einen Garten? Einen Garten?«
»Einen großen,« erwiderte John, »mit einer hohen, blutroten Mauer herum.«
»Äpfel? Äpfel im Garten?«
»Nee! Mohnblumen, nichts als Mohnblumen.«
»Was tust mit Mohnblumen?!« sagte Johannes in wegwerfendem Tone.
»Du riechst sie,« murmelte John, »und dann vergißt du das Leben: alles, was dich geplagt hat.«
»Will nich verjessen! Will nich!« brummte Johannes trotzig.
»Aber eine Zigarre würdest du wollen, was?«
»Ja,« sagte der Schwachsinnige, treuherzig wie ein Kind.
Er bekam eine und sog wie ein Rasender an dem dicken, etwas feucht gewordenen Stengel, ohne ihn in ordentliches Glimmen zu bekommen. John lachte über Pfarrers verzweifelte Anstrengungen, aber seine Augen sahen nach Tränen aus; denn seine Schmerzen meldeten sich, und es begann ihn auch zufrieren, da die Sonne hinter großen Wolken verschwunden war. Die Wolken waren, kaum bemerkt, herangezogen und standen nun wie Elefanten am Himmel, See und Land beschattend und die Mole mit den beiden traurigen Träumern.
»Warum ließen sie mich zum Säufer werden?« stieß John nach langem Schweigen zwischen den Zähnen hervor.
Der Schwachsinnige wieherte kläglich.
»Warum ließen sie es zu?« wiederholte John fast schreiend in herzzerreißendem Tone.
»Iß! Iß!« stammelte Johannes in ratloser Bestürzung.
Die Elefanten schickten einen kurzen, klingenden Hagelgruß herunter, auf den ein harter, rascher Regen folgte. Die Tropfen tanzten zischend über die Frühlingssee und klapperten rhythmisch auf der Mole. Dann wurde es wieder still. Die Sonne schob ihr gelbes Kinn um die Ecke einer Wolke, und ein Regenbogen flammte groß und strahlend am dunkeln Himmel auf. Das war das Finale des kurzen Konzertes.
Auf John und Johannes wirkte der Regenbogen wie Regimentsmusik. Sie reckten sich die Hälse nach ihm aus und machten frohe Augen und schüttelten lachend den Regen ab, dem sie ganz regungslos standgehalten. »Es ist Zeit, daß wir aufbrechen,« sagte John nach einem tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche, und nun mußte Johannes die Tasche nehmen, und dann ging es zu seinem Erstaunen von der Mole herunter, immer weiter in die Fremde hinein. Es war nicht leicht, durch den nassen Sand zu wandern,über diesen schmalen Strand, den von der Düne gestürzte Bäume und große Steinblöcke versperrten. Johannes wurde immer kleinlauter; John lachte, obgleich ihm die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Doch der Schwachsinnige vertraute auch jetzt seinem Ideal. Er fragte nicht einmal: Wohin gehen wir eigentlich? Gehen wir hier zur Bahn? Er trabte schweigend mit, die tote Zigarre im Munde.
So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand, hinter der zu Pfarrers Freude die Bodenerhebung sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser Stelle bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene erniedrigt, eine Ebene, die die Fischerkinder dazu benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See herunterzuschnellen.
Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art den Abstieg zu machen, als John und Johannes, fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande, auf der Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief der Trinker. »Immer runter was die Büxen halten!«
Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die Luft, und bald standen drei sommersprossige, weißblonde Bengels in blauen Hosen auf dem Strande. »Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte John leutselig.
Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs Franz einen hatten, einen ganz neuen, auf dem ein Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach, ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige wollten die Jungen das Paar in die Höhe fahren.
Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, undnur John stieg in die Kutsche, stolz und gelassen wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger Fischerkinder schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt losging. John lächelte huldvoll nach allen Seiten, und manchmal sah er nach der Regenbogenbrücke auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück. Die Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie schwankten, hoch und voll, schwarzgrün und gläsern, mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen Strand entgegen.
Und das Grün der Gärten schimmerte wie Smaragd nach dem Osterregen, und der Flieder duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum.
Peter war verschwunden. Am zweiten Osterfeiertag, als John und Johannes an der See waren. Das war ein Herzeleid für John. Er schickte immer wieder Leute auf die Suche nach ihm aus, er annoncierte seinen Verlust immer wieder in den Zeitungen; es nützte alles nichts: Peter blieb verschwunden. Und die Frühlingstage kamen und gingen, und John dachte nicht mehr daran, in die Anstalt zu gehen; er dachte nur an seinen verlorenen Liebling. Er betrauerte ihn wie einen Sohn, er fand nicht Ruh bei Tag und Nacht, wenn er sich das Tier in schlechten Händen vorstellte. Seine Liebe zu Peter wuchs ins Grenzenlose, ins Abnorme. Und er trank vom Morgen bis zum Abend, um seinen Kummer zu betäuben.
Doch eines Morgens erwachte er mit heiterer Miene. Sein Gesicht war ganz naß von Tränen; aber seine Augen strahlten. Noch vor dem Aufstehen schickte er nach Johannes, weil er ihm etwas sehr Schönes und Merkwürdiges mitzuteilen habe.
Der Schwachsinnige trat mit weißen Glacéhandschuhen an und war so neugierig wie hungrig.Doch beim Anblick von Johns Frühstück verließ ihn die Neugier und nur der Hunger blieb; er vermochte kein Auge von dem besetzten Tablett zu lassen. John sah ein, daß Johannes nicht imstande sein würde »das Wunderbare« zu würdigen, ehe er nicht gefrühstückt hatte. Rasch auf das Tablett zeigend, hieß er ihn essen, so schnell er konnte.
Der Schwachsinnige griff zu, als habe er schon tagelang fasten müssen. John heftete die verschwimmenden Augen auf die verräucherte Decke und wartete, die wachsgelben Hände wie zu einem Dankgebet auf der Decke gefaltet, bis Johannes mit dem Frühstück fertig war. Dann hub er an:
»Mir träumte, daß wir beide auf den Kirchhof gingen. (Johannes nickte beifällig. Auf den Kirchhof ging er gern. Ohne daß John es merkte, hob er mit angefeuchteten Fingerspitzen Krümel auf, um sie heimlich in den Mund zu stecken.) Ein herrlicher Traum!« flüsterte der Trinker. »Der ganze Kirchhof war bunt von Blumen – und wir suchten Peters Grab. Er sollte dort begraben sein. Und als wir zu dem Winkel kamen, wo jetzt die vielen Vergißmeinnicht blühen, da stand er plötzlich vor uns. Viel größer als früher und so schön, so schön! Sein Fell strahlte wie schwarzes Metall, und seine Augen waren wie kleine blaue Monde, und am Halse trug er eine große Passionsblume. Wir hatten Angst, ihn anzufassen; aber da kam er auch schon auf mich zu und auf einmal – auf einmal sagte er: ›Vater!‹«
Johannes wieherte ganz verdutzt. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« fragte er ungläubig.
»Er sagte Vater – ich höre es noch. Und dann sagte er, es gehe ihm gut; er sei nun tot und habe alle Quälereien hinter sich. Und ich soll mich nicht mehr um ihn grämen.«
Johannes blickte John ratlos an. Verlegen seinen Christusbart streichend, bemühte er sich schweigend mit der Zunge nach einem Krümel in einem hohlen Zahn: er sah recht einfältig dabei aus. »Jehn wir heut spazieren?« fragte er demütig.
»Ja,« sagte John, die Augen wieder nach oben richtend, »wir gehen heute auf den Kirchhof. Nach dem Vergißmeinnichtwinkel. Vielleicht erscheint er uns dann noch einmal – noch einmal ...« Es sprach eine solche Sehnsucht aus diesen beiden Worten, daß selbst Johannes ergriffen war. –
Aber der Winkel blieb leer. Kein Peter kam, so sehr ihn John auch rief. Da ließ er sich auf eine Bank fallen und weinte wie ein Kind. Und es war ein so lieblicher Maiennachmittag. Auferstehung, Auferstehung glänzten Blätter und Blumen, und die Vögel, die über den Kirchhof flogen und auf den Bäumen saßen, erzählten zwitschernd und singend von der Süße des Lebens.
Nicht weit von dem traurigen Paar saß ein kleiner, buckliger Mann. Er saß auf einem Holzgestell vor einem Kreuz, dessen Inschrift er frisch bronzierte. Er pfiff langsam und selbstgefällig ein Kirchenlied, wobei er seinen runden schwarzen Kopf wie eine Kugel zwischen den hohen Schultern hin- und herrollte.
»Hör' schon auf!« brüllte John, als das fromme Lied kein Ende nahm.
»Na nu', Gott geb! Man wird doch wohl noch pfeifen dürfen!« brummte der Bucklige, und dann brummte er noch einiges, was unverständlich blieb, und dann versank er in tückisches Schweigen. Doch von Zeit zu Zeit spie er heftig auf die Erde, wodurch er John seine Verachtung ausdrücken wollte.
Das reizte den Trinker und zog ihn von seinem Kummer ab. Er begann, dem Buckligen Prügel anzubieten, wie er es in früheren Jahren so rasch zu tun pflegte. Er prahlte mit Kräften, die er schon lange verloren. Er stärkte sich mit Kognak und wischte sich ärgerlich die Tränen vom Gesicht.
Warum heulte er denn noch immer? Peter ging es doch gut, und er hatte ihn doch selbst gebeten, sich nicht länger um ihn zu grämen. Es war allerdings entsetzlich schwer, das Tier zu entbehren – (große Tränen kamen aufs neue) – aber die Hauptsache war doch, daß es ihm gut ging. Und es ging ihm gut. Peter hatte es ja selbst gesagt.
Nun standen sie auf, um nach Hause zu gehen. Peter konnte wohl doch nicht erscheinen. Als sie an dem Buckligen vorüberkamen, gab John dem Holzgestell, auf dem er saß, einen heimlichen Stoß, und der kleine Mann kollerte zeternd herunter. Das erheiterte John und stimmte ihn versöhnlich. »Wie kam das nur?« fragte er, sich unschuldig stellend. Und dann setzte er sein Imperatorenlächeln auf und sagte mit herablassender Herzlichkeit: »Na lassen Se sich mal ordentlich abstäuben.« Nachdem er es mit aller Sorgfalt getan hatte, verließ er mit Johannes den Kirchhof.
Am alten, grauen, zweistöckigen Offizierkasino blieben sie stehen und lauschten. Innen erklang eine elegische Musik. Im zweiten Stock standen einige Fenster offen, und aus dem einen ergoß sich plötzlich der feuerrote Vorhang wie ein breiter Blutstrom.
»Sieh,« flüsterte John, »eben dacht ich, wie rot Peters Blut wohl gewesen sein mag. Da kam der Vorhang heraus.«
Johannes wollte weitergehen, aber John stand und starrte wie gebannt auf den roten Strom. »Mir ist ganz sonderbar,« sagte er, »mir ist, als gehöre ich gar nicht mehr zu euch, als bin ich schon von einer andern Welt ... Weißt du, Pfarrer, ich seh' und höre nicht mehr wie früher; ich seh' und höre andre Dinge als ihr. Und was ich weiß, das wißt ihr nicht, und ich vermag es euch auch nicht zu sagen.«
»So? So?« stotterte der Schwachsinnige.
Und John fuhr fort, nach oben zu starren, grelles Sonnenlicht auf dem fahlen Gesicht. Aber da wurde der Vorhang hereingezogen, und die Musik verstummte. »Geh'n wir!« sagte er nun in alltäglichem Tone.
Die Straße war breit und alt und auf der einen Seite mit großen Kastanienbäumen besetzt. An einem Gartenzaun hüpfte ein junger Spatz herum, der noch nicht fliegen konnte und jämmerlich piepste. »Hände weg!« herrschte John die beiden Jungen an, die um den Vogel herumsprangen, und er bückte sich und fing ihn ein. »Den zieh ich auf, bis er fliegen kann,« sagte er, voller Freude über die unerwartete Aufgabe.
Frau Kalnis stellte er den Spatz als Peters Brüderchen vor. Doch dann entdeckte er, daß dasBrüderchen ein Schwesterchen war. Er gab ihm einen Kuß und taufte es Mimi. Mimi sollte gleich zu essen haben. John wußte, wie man junge Vögel fütterte. Aber er fühlte sich so schwach nach dem Spaziergang, daß er sich hinlegen mußte. Dore fütterte Mimi unter großem Wortschwall mit angefeuchteten Kuchenkrümeln. John meinte, wenn Dore einmal stürbe, würde es wohl notwendig sein, ihr Mundwerk noch extra mit einem Waschholz totzuschlagen, wenn man es still kriegen wollte. Dann lag er ganz apathisch da, den Vogel auf der Hand, schwermütig an Peter denkend.
Mimi senkte den Kopf ins Federmäntelchen und schlief ein. Ihr Figürchen hockte wie ein kleiner grauer Pompon auf Johns Hand. Es dauerte indessen nicht lange, so wurde sie wieder munter und begann, sich mit dem kleinen Schnabel die kleine Brust zu kratzen. »Flöhchen hat du auch?« sagte John entzückt, an Peter denkend. Er wollte ihr beim Kratzen helfen, doch Mimi mochte es nicht; John war ein Herr und sie ein Fräulein.
Gegen Abend zeigte Mimi durch eifriges Schnabelaufsperren an, daß sie schon wieder Hunger habe. Der Trinker erhob sich willfährig wie ein junger Vater, der ein hungriges Baby zu füttern hat. »Kuchen mit Milch tut's nicht allein,« dachte er, »ein bißchen frischer Braten ist ihr notwendiger.« Eifrig machte er sich ans Fliegenfangen, und es gelang ihm auch, ein halbes Dutzend Fliegen zu erwischen. Mimi aß sie alle auf, indem sie nach Johns Dafürhalten vor Vergnügen schmatzte.
Und nun galt es, ihr ein hübsches weiches Nest zu machen. Es sollte ein Nest sein, das dem Spätzlein die Illusion zu geben vermochte, es schliefe unter einem schönen Blätterdach. John formte zuerst das Nest aus einem weichen, grünen Tuch, in einem friedlichen Winkel seines Zimmers, und dann umzingelte er Dores Fächerpalme mit der Schere, um das Blätterdach zu ergattern. Die Fächerpalme war Dores elegantestes Möbelstück, sie liebte und pflegte sie wie ein Kind; niemand durfte sie berühren. Dessenungeachtet gelang es John, ihr ein herrliches Blatt abzuknipsen, das er dann gleich einem Schirm über Mimis Ruhestätte befestigte. Dore raste, als sie die Tat entdeckte, Dore ärgerte sich die halbe Nacht darüber. Aber Mimi schlief gut unter ihrem grünen Thronhimmel.
Auch John schlief gut in dieser Nacht. Er träumte nicht wie gewöhnlich, daß ihm der Tod in der Ferne eine traurige und eintönige Musik vorspiele, oder daß ihn dunkle Männer schon hinaustragen wollten; er träumte von Mimi, von Fliegenbraten und Vergißmeinnicht. Doch einmal träumte er auch, daß Mimi in einem Winkel totgetreten läge. Da fuhr er auf – und freute sich, erwachend, daß es nur Trug gewesen.
Als Dore früh am Morgen ihre Tür öffnete, sah sie John im Hemd auf der Diele liegen und den Vogel füttern. »Sie hatte schon Hunger,« flüsterte er, seinen Spatz mit zärtlichen Blicken betrachtend.
»Sie werden sich aber erkälten,« wandte Dore ein.
»Was tut's,« murmelte er, ganz hingerissen von der Lieblichkeit des kleinen Vogels.
Mimi begann, auf der Diele herumzuhüpfen undzierliche Flugversuche zu unternehmen. John stieg wieder ins Bett und sah ihr herzinnig zu. Sie hüpfte herum, sie flatterte ein bißchen, und manchmal stieß sie niedliche Tönchen aus. »Hörten Sie, Frau Kalnis?« fragte John jedesmal entzückt, wenn Mimi einen kleinen Zwitscher tat.
Draußen musizierten die Vögel auf dem Birnbaum, was sie konnten, jeder auf seine Art. Mimi übte sich im Fliegen und ließ, antwortend, ihr feines Stimmchen ertönen. Dore ging geschäftig hin und her, ihr Zimmer reinmachend. John schloß die Augen, um besser lauschen zu können, und schlummerte dabei gegen seinen Willen ein. Als er sie wieder öffnete, war alles still im Zimmer; von Mimi nichts zu hören, nichts zu sehen. »Frau Kalnis,« rief er ängstlich, »seh'n Sie doch mal nach, wo der Vogel ist! Ich war eingeschlafen.«
Dore erschrak, denn sie hatte den Vogel über ihrer Arbeit ganz vergessen. Als sie suchend umherblickte, sah sie ihn still und steif auf ihrer Schwelle liegen. »Herrgott, den werd' ich wohl betreten haben!« rief sie bestürzt.
»Aber doch nicht sehr?« schrie John, an seinen Traum denkend.
»Er ist tot,« flüsterte Dore, aufrichtig betrübt.
John sprang aus dem Bett und packte sie erregt an den Schultern. Dore wollte den Spatz, erschreckt, durchs Fenster werfen, aber John riß ihn an sich und ging mit ihm ins Bett. Dort hielt er Mimi, so still er konnte, auf seiner zittrigen Trinkerhand, und seine Tränen fielen dicht und warm neben den sterbenden Vogel. Mimis kleiner Schnabel stand weitoffen, und aus dem Halse quoll Blut. Das eine Auge hing wie ein kleiner, bläulicher Globus ganz und gar aus dem Kopf heraus. Das Körperchen zuckte noch ein paarmal, und dann streckte es sich langsam aus: Mimi war tot. Draußen zwitscherten die Vögel, was sie konnten; aber kein feines, dünnes Stimmchen gab mehr Antwort im Zimmer.
John begrub seinen Vogel eigenhändig in einem schönen Kästchen unter dem Birnbaum. Er tat es selbst, damit es so gut wie möglich geschah. Und ihm war, als begrabe er in dem Kästchen seine allerletzte Freude auf Erden, als sei nun alles, auch alles für ihn zu Ende. Die Sonne schien so schön, und der Birnbaum regnete weiße Blüten – alles für andere, für ihn nichts mehr; keine Schönheit und keine Freude: seine Zeit war abgelaufen. Mit hängendem Kopf humpelte er in seine Wohnung und legte sich schweigend ins Bett.
Dore kam leise mit der Bibel zu ihm herein. Ohne zu fragen, begann sie mit gedämpfter Stimme sein Lieblingskapitel: das Hohe Lied. John schwieg, das Gesicht nach der Wand gedreht. Aber als Dore den Vers gelesen hatte:
Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, zu schauen die Sträuchlein am Bach, zu schauen, ob der Weinstock grünete, ob die Granatäpfel blüheten ... da sagte er: »Wie schön ist das nur! Das lies mir vor, wenn ich sterbe.«
»Sie werden ja nich sterben.«
»Dumme Trine.«
»Aber Herr Johnche ...«
»Schweig!«
Heute war Onkel Johns Geburtstag, und darum hatte er seine Sportmütze mit einer kurzen Pfauenfeder geschmückt. Die Mütze auf einem Ohr, ging er mit strahlender Miene in seinen großen Blumengarten, hinter dem Hause. Neben ihm trippelte ein Tier, das weder ein Hund noch eine Katze war, sondern ein gewaltiger, goldroter Hahn, den Onkel John »Kakao« nannte, weil der Hahn dieses Wort so schön sagen konnte. Heute hingen tonnengroße Lampions an den Akazien und Fliederbäumen des Gartens, und die Wege waren frisch mit Kies bestreut. In dem kleinen, künstlichen Teich, den ein Kranz von großen rosa Muscheln umschloß, schwammen ganz wunderliche, dunkle Fische herum, die sich Onkel John für schweres Geld selbst zum Geburtstag geschenkt hatte. Und ihre großen, hervortretenden Augen beglückten ihn. Er hob Kakao in die Höhe, damit er sie auch bewundern konnte. Aber Kakao interessierte sich nur für sein Spiegelbild, mit gesträubten Federn darauf losstrebend. »Dummer Junge,« sagte der Onkel, ihn mit einem zärtlichen Klaps zur Erde setzend. Die beiden Johns, der ältere wie derjunge, hatten nebst andern Eigentümlichkeiten auch die gemeinsam, daß sie den Tieren freundlicher gesinnt waren als den Menschen, daß sie die Tiere liebten, wie die Bibel befiehlt, den Nächsten zu lieben, und daß sie die Menschen gern wie Tiere behandelten.
Hinter dem Blumengarten lag der Obst- und Nußgarten, in dem dumpf und emsig ein Bienenvolk brauste. Manchmal kam von dort ein Bienchen zu Onkel John geflogen und kroch zutraulich auf ihm herum. Die Bienen taten ihm nichts; sie kannten ihn. Gleich einem glücklichen König stolzierte er in seiner Blumenwildnis herum. Die Moosrosen, seine Lieblinge, hatten Knospen getrieben, die Asphodelos, die goldnen, grüßten ihn mit ihren schönen Häuptern, wohin er seine Blicke auch wandte. Es war ein Blühen überall, umflattert von bunten Schmetterlingen. Onkel John liebte seinen Garten wie eine schöne Frau. Seine Gattin war ihm nie, was ihm sein Garten im Frühling war.
»Willkommen, mein Prinz!« rief er heiter, als sein Lieblingsneffe dahergestolpert kam.
John torkelte ihm gerührt in die Arme und küßte ihn, gratulierend, auf den fuchsgelben Schnurrbart. Dann ging er gleich zu den wunderlichen Fischen, die ziemlich matt in ihrem hellen Wasser standen.
»Rat' mal, was sie gekostet haben!« sagte der Onkel und blies die Backen auf.
Der Neffe meinte: »Hundert Mark.«
»Was, hundert Mark?« Der Onkel rollte diegrellblauen Augen. »Sag dreihundert und du hast es getroffen.«
Hundertfünfzig also, dachte John, aber er sprach es nicht aus. Nun seinerseits die Augen rollend, flüsterte er: »Dreihundert? Donnerwetter noch mal!«
Das gefiel dem Onkel, das schmeichelte seinem Protzentum. Er zog das Portemonnaie aus der Tasche und schenkte dem Neffen wie einem Bedienten zehn Mark, damit er den Tag auf seine Art feiern könne. John kicherte und bedankte sich. Für die zehn Mark wollte er zwei Flaschen Kognak kaufen: zwei Flaschen Lethe gegen seinen Kummer – und seine Schmerzen. Von denen er niemals sprach, über die er niemals klagte: er trug sein selbstverschuldetes Leiden mit stolzem Schweigen; kein Mensch, außer dem Arzt, ahnte, wie groß die Qualen waren, die ihm sein zerrütteter Körper bereitete. Der Onkel holte ihm einen Stuhl an den Teich, weil er sah, mit welcher Mühe er sich aufrecht erhielt. Kakao stand gelangweilt umher. »Er sehnt sich nach seinen Damen,« sagte schmunzelnd der alte John. Nach einer Weile zog er mit dem Hahn ab, weil er »dem Tier sein Vergnügen gönnte«, wie er sich ausdrückte.
John stand schwerfällig auf und nahm eins der schönsten Lampions herunter, eine feuerrote Tonne, auf der Kraniche nach dem Mond schwebten. Er versteckte es hinter einem Baum im Gras, um es später mitzunehmen, wenn es sich unbemerkt machen ließ.
Wie strahlend herrlich war der Garten! Welche Fülle von Blumen und Schmetterlingen! John sahsich seufzend um und sank dann wieder auf den Stuhl zurück, die Arme auf die Lehne drückend und den Kopf melancholisch darüberhängend. In seinen Ohren tönte der Vers aus dem Hohen Lied, den er so sehr liebte:
Voll Neid dachte er an die, die sich am Nachmittag im Garten vergnügen würden. Das waren seine Eltern, seine Brüder, alle übrigen Verwandten und noch viele, viele Leute, – nur er nicht, nur er nicht. Sein Kopf sank noch mehr gegen den Wasserspiegel, und eine Träne rann über sein gelbes Gesicht zu den wunderlichen Fischen herab.
Herrlich würde es sein im Garten – gegen Abend, wenn der Mond erst schien und all die bunten Lampions leuchteten. Lachende Leute würden am Teich sitzen und roten und gelben Wein trinken, Leute, die weder Kummer noch Schmerzen hatten und vor sich ein schönes, langes Leben sahen. Das Mondlicht würde auf ihren fröhlichen, roten Gesichtern glänzen und auf den Weingläsern in ihren Händen. Sie würden anstoßen und scherzen und lachen und singen ...
Und er? Und er? Er lag dann im Bett und lauschte voll Grauen auf die eintönige Musik in seinen Ohren, diese Musik, die immer schauerlicher, immer todestrauriger wurde. Dann die Schmerzen – und die Träume, die schrecklichen Träume ...
Und das alles, das alles durch eigne Schuld, durch eigne Schuld; er durfte sich nicht beklagen, er durfte niemand dafür verantwortlich machen.
Onkel John war unbemerkt zurückgekommen und stand nun laut lachend da. »Was, wir blasen Trübsal? Heut', an meinem Geburtstag? Noch schöner!«
John machte seine Miene steif und seine Stimme hart. »Fällt mir nicht ein,« brummte er. »Ich seh mir bloß die Biester aus nächster Nähe an.« Und dann lehnte er sich zurück und erzählte dem Onkel, daß Frau Kalnis mitunter in seinen Nußgarten gehe, um dort heimlich junge Sträuchlein auszureißen, die sie dann verkaufe.
Ein verblüffender Junge, dachte der Onkel entzückt, den Neffen mit Hochachtung betrachtend. »Diese Person!« schmetterte er los, sich das Lachen verbeißend. »Na warte! Die kauf ich mir!«
Johns Gesicht war plötzlich noch fahler geworden. »Hörst du das auch?« flüsterte er, in halb entsetztem, halb seligem Lauschen.
»Ich höre nichts,« sagte der Onkel; aber seine Miene widersprach seinen Worten, und seine verlogenen Augen suchten den Boden.
»Da wieder!« schrie John.
»Da wieder! Von dort! Jetzt noch lauter!«
»Laut, lauter, am lautesten!« rief der Onkel, schallend in die Hände klatschend. »Was ist dir, mein Sohn?« fragte er neckisch. »Hast du Halluzinationen? Bist du meschugge geworden? Aber setz dich doch bloß. Ich lasse Wein bringen. Warte!«
Aber John riß sich los und stürzte fort. Ereilte, so rasch er konnte, nach dem Hintergarten. Der Onkel folgte ihm mit steinerner Miene. Mochte kommen, was wollte, er war zu jeder Lüge bereit.
Mit einer Kraft, die ihm niemand mehr zugetraut hätte, riß John die verhakte Tür nach dem Hintergarten auf. Seine Augen fuhren wie Blitze durch den ganzen Garten und blieben rechts an einem Häuschen hängen. Das Häuschen hatte er noch nie gesehen.
»Hab mir da einen Stall bauen lassen. Für meine Ziegen,« sagte nachlässig der Onkel.
»Seit wann hast du Ziegen?« stammelte John, bis zum Wahnsinn enttäuscht.
»Seit Monaten schon.«
»Warum sagtest du denn, du hörtest nichts? Warum sagtest du denn das? Du?«
»Was ist das für ein Ton? Was – was erlaubst du dir?« schnaubte der Onkel, eine neue Maske auf dem falschen Gesicht.
»Mämämämä ...« tönte es aus dem Stall.
»Das ist Peter!« schrie John, nach dem Stall stürzend. Der Stall war verschlossen; aber sein leichtes Türchen gab unter einem wilden Fußtritt nach – und wie ein Rasender stürzte ein schwarzundweißer Ziegenbock heraus und auf seinen richtigen Herrn zu.
»Mein Junge!« stammelte John, ihn ganz außer sich an sich drückend.
Der Onkel stand mit angestrengter Heiterkeit daneben. »Na, ist mir die Überraschung gelungen?« fragte er frech.
John sah ihn mit rollenden Augen an. Er trat, die Faust hebend, auf ihn zu – doch da verließen ihn seine Kräfte, und er mußte sich am Zaun halten.
Peter versuchte, seinem Herrn die Glatze zu lecken, und eine schöne weiße Ziege, seine junge Frau, stand neugierig neben ihm. Der Gärtner kam herbeigeeilt und fragte, was geschehen sei. »Ach nichts,« sagte Herr Zarnosky ganz ruhig, »mein Neffe behauptet, daß es sein Bock sei.«
»Das kann ja stimmen,« erwiderte der Gärtner, »wechjelaufen is er doch von irjendwo.«
»Ich muß einen Bock anschaffen. Zerline hat sich an den Gefährten gewöhnt,« sagte Herr Zarnosky mit Gemüt.
John stieß die Hände des Onkels zurück, als dieser ihm ein Glas Wein hinhielt. Aber als er ihm das Lampion brachte, dessen Verschwinden dem alten Fuchs nicht entgangen war, da lächelte er wie ein Kind und nahm es hastig an sich. Der Onkel schickte ihn in seinem Wagen nach Hause, und der Gärtner ging mit Peter hinterher.
Frau Kalnis mußte das Lampion an die verräucherte Decke hängen, und abends, als John im Bett lag, mußte sie es erleuchten. Der Trinker war im siebenten Himmel mit seinem Peter, seinem eigenartigen Beleuchtungskörper und den geschenkten zehn Mark, für die er »herrlichen« Kognak kaufen wollte. Beneiden tat er jetzt niemand, weder die Gäste im Garten des Onkels, noch sonst wen. Er hielt die weiche Nase seines Peters, der auf dem Bettvorlegerlag, in der Hand, und die Augen hielt er entzückt auf die glühende Papiertonne gerichtet: auf die Kraniche, die nach dem Mond schwebten, während er auf das lauschte, was Dore ihm vorlas. Sie las ein Märchen von Andersen: Die Schneekönigin.
Das Märchen schließt mit den Worten:
John hatte seinen herrlichen Kognak bis auf den letzten Tropfen genossen, und nun wollte er alles tun, um wieder gesund zu werden. Daß Peter wieder bei ihm war, flößte ihm neuen Lebensmut ein. Mit ihm zusammen sollte es nun auch wirklich in die Heilanstalt gehen.
Die Mutter begann zu weinen, als er ihr eines Morgens, stotternd und stammelnd, von seiner Absicht sprach. »Siehst du, siehst du,« sagte sie, »jetzt kommst du endlich zur Vernunft. Wie du dich gründlich ruiniert hast.«
»Meinst du, ich kann nicht mehr gesund werden?« fragte John mit schwankender Stimme.
»Was wirst du nicht wieder gesund werden können?!« versetzte sie etwas gewaltsam. »Wir müssen mit dem Doktor reden. Ich werde mit dem Doktor reden, was der zu deinem Plan meint.«
»Was warst du für ein gesundes Kind!« fuhr sie in vorwurfsvollem Tone fort. »Wie haben sie mich um dich beneidet! Du wogst neun Pfund, als du geboren warst.«
Diese Tatsache war John nicht neu, denn die Mutter erzählte sie mit Vorliebe. Doch selbst heuteversäumte er nicht zu fragen, was er danach immer fragte: »Hatte ich auch schon Haare auf dem Kopf, als ich geboren war?«
Frau Zarnosky dachte siebenundzwanzig Jahre zurück, und ein naives Lächeln trat langsam auf ihr verweintes, immer etwas ängstlich blickendes Gesicht, dessen einstige Anmut die Jahre vergewöhnlicht hatten. »Ob du Haare hattest!« sagte sie stolz. »Dein ganzes Köpfchen war mit langen schwarzen Haaren bedeckt. Und die waren wie Seide. Und sie hatten dir einen Scheitel gemacht, als sie dich zu mir brachten. Einen Scheitel ...«
John lachte unter Kopfschütteln, so wie ein Mensch lacht, wenn er etwas höchst erstaunlich findet. Und doch kannte er die Geschichte von seinem ersten Scheitel schon über zwanzig Jahre. Er wie seine Mutter hatten die glückliche Gemütsanlage, daß sie sich mit solchen und ähnlichen Nichtigkeiten über den Ernst einer Situation hinwegtäuschen konnten. Sie waren wie Kinder: die vor Dunkelm die Augen schließen und am Rande des Abgrunds ahnungslos mit Blumen spielen. Und sie waren auch so leicht wie Kinder zu trösten.
»Wie ist es, hast du Schmerzen?« fragte Frau Zarnosky, noch ganz verträumt.
»Nur selten,« log John.
»Na siehst du!« sagte die Mutter beruhigt. »Dann ist es also nicht so schlimm. – Du bist ja jung,« setzte sie hinzu. »In deinem Alter –! Herrgott, da kann sich auch noch alles bessern! Ich werde gleich morgen mit dem Doktor reden, was er dazu meint.«
»Und wenn er sagt, ich soll nicht?« fragte John mit nervösem Lachen.
Frau Zarnosky fuhr sich erschreckt über ihr dünnes, glatt gescheiteltes Haar. »Dann wird er etwas andres wissen,« beruhigte sie sich und ihn.
Johns Miene wurde heller und heller. »Hast du nicht ein bißchen Kaviar?« fragte er verschämt.
»Wenn du nur noch immer Appetit hast,« sagte die Mutter und lächelte, »dann ist noch alles nicht so schlimm.«
»Wo wird es auch schlimm sein!« brummte der Trinker.
Aber der Arzt war anderer Meinung. »Nicht daran zu denken!« sagte er sehr ernst, als ihm Frau Zarnosky Johns Entschluß mitteilte. Sie starrte ihn an, als rede er dummes Zeug, denn sie hatte sich bereits den schönsten Hoffnungen hingegeben und schon dieses und jenes für die Reise vorbereitet. »Bei seinem Zustand? Nicht daran zu denken!« wiederholte der Arzt.
Frau Zarnosky verlor gleich alle Selbstbeherrschung. »Muß er denn sterben, Herr Doktor?« weinte sie laut heraus, obgleich sie sich hätte denken können, daß John an der Tür lauschte.
»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« sagte leise der Arzt.
In den Ohren des Lauschenden erhob sich ein Brausen, das alle Geräusche um ihn verschlang. Er vernahm nicht mehr, was der Arzt und die Mutter noch weiter sprachen, einem Betrunkenen gleich taumelte er hinaus auf den Hof und begab sich inseine Wohnung. Dort warf er sich auf das Sofa, drehte sich nach der Wand und blieb so regungslos bis zum Abend. Kein Bitten, kein Klagen, kein Trost und keine Vorwürfe vermochten ihm ein Wort zu entlocken. Der Wasserfall, der in seinen Ohren zu brausen schien, ließ keinen Laut zu ihm dringen, und die Verzweiflung, die ihn gepackt hatte, lähmte seinen Körper und seinen Willen. Schließlich ließ man Peter zu ihm herein, der kläglich meckerte, weil man ihn tagüber zu füttern vergessen. Mit einem kecken Satz sprang das Tier auf den Tisch, mitten unter die Teller, einen zertretend, einen herunterwerfend, und machte sich an Johns Abendbrot. Da wandte sein Herr zum erstenmal den Kopf um. »Peter,« flüsterte er, »haben sie dir nichts zu essen gegeben?«
»Mämämämä ...« erwiderte klagend der Bock.
Sie werden ihn hungern lassen und werden ihn schlagen und fortgeben, wenn ich erst tot bin, dachte John entsetzt, und seine Willenskraft kehrte langsam zurück, und das Brausen in seinen Ohren schien schwächer zu werden. In seinem Kopfe reifte hastig ein Entschluß – der ihm ganz seltsam erschien, wie er das lebensvolle Tier so vor sich auf dem Tisch sah.
Peter sollte getötet werden, ehe sein Herr starb. John wollte eigenhändig diesem kräftigen jungen Leben ein Ende machen.
Sein Vorhaben entsetzte ihn beim Anblick des gierig fressenden Tieres. Wer gab uns die Erlaubnis, fragte er sich, mit dem Leben dieser Geschöpfe zu verfahren, wie es uns beliebt? Was ist derMensch für eine Bestie! Aber Peter mußte sterben, wenn sein Herr einen ruhigen Tod haben sollte. Das Todesurteil war unwiderruflich gefällt. Zum Wohl des einen wie des andern.
»Junge,« flüsterte John, »sieh mich mal an!«
Der Bock hob den Kopf und sah seinem Herrn dumm und lieb ins Gesicht.
»Wenn du wüßtest, was über dich beschlossen ist!« dachte John.
Der Bock war mit dem Abendbrot fertig und sprang zu seinem Herrn aufs Sofa. Dore wagte heute nicht zu schelten. »Wollen Se nich auch was essen? Soll ich nich noch was holen?« fragte sie.
John sah sie an und wies stumm nach der Tür. Da ging sie leise hinaus.
Es wurde ganz still im Zimmer; Peter schlief ein, und sein Herr blickte regungslos durch das Fenster. Der Himmel war abendblau und doch noch hell. Die Sichel des Neumonds schwebte gleich einem silbernen Schmuckstück mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof, auf dem ein paar Arbeitspferde des Ausspannens harrten, große, braune Pferde mit schönen, glasklaren Augen. Eine Menge Schwalben kreiste mit langen, süßen Schreien in der Luft; manchmal so tief, daß sie fast die hohen Köpfe der Pferde streiften. Aber die Pferde verharrten in majestätischer Ruhe, die großen klaren Augen friedlich geradeaus gerichtet. Das mußt du alles verlassen, dachte John, vielleicht, wenn der Mond rund geworden – ist das Trauerspiel schon aus. Er schauderte.
Gab es einen Gott und ein ewiges Leben?Unnütze Frage! Die Toten konnten keine Antwort geben und die Lebendigen nur darüber fabeln. Beides: Gott und ewiges Leben, das waren doch wohl nur Märchen – die schönsten Märchen, die die Menschheit sich erfunden. Zum Trost erfunden.
Märchen zum Trost! War das nicht zum Lachen und zum Weinen?! Und da wurden hohe Häuser gebaut und Lieder gesungen, um dieser Märchen willen, für diesen eingebildeten König, der nur schweigen konnte.
»Wenn du existierst, dann rufe!« flüsterte John, auf das Sofa schlagend. »Ich will's hören. Ich hab's nötig.«
– – – –?
– – – –?
Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht mehr beschwörend: resignierend. Er seufzte.
»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,« sagte er darauf laut. »Wenn Gott existiert, dann ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen ... Der Tod – das ist ein andrer Kerl!«
Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich zukommen, aus dem Dunkel einer Abendwolke, ähnlich einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen und duckte sich auf dem Sofa zusammen. Es war aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf übermannte ihn plötzlich.
Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem weiten, dunkeln Feld, auf dem es nichts gab, wasihm zur Deckung dienen konnte – wenn der Tod kam. Denn der sollte kommen, der würde kommen, das fühlte John mit einer Angst, die ihm Tigerstärke gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das Feld des Todes getrieben, und nun stand er und wartete auf ihn mit angestrengtem Gehör und schreckensweiten Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche Musik – die Musik seiner Nächte –, die ihm das Herz mit Angst und Grauen zu zerreißen drohte. Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust kam. Der Wagen war aus Erz, und aus Erz waren die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit einer eisernen Sichel in der Hand, eine Flöte am Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde waren rot vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen, und die Sichel war rot vom Blut der Gemähten.
John sprang mit einem lauten Angstschrei auf den Rücken der Pferde und sah dem Tod ins Gesicht, nach einem Schimpfwort suchend, das all sein Entsetzen und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der Knochenmann grinste und hob elegant die Sichel. Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm fallend und mit ihm ringend.
Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer, und brachen die Knochen wie dürre Halme. Ein Flammen und Splittern! John raffte seine letzte Kraft zusammen und brach seinem Gegner den Arm mit der Sichel ab. Dabei erwachte er.
»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er, nach Luft ringend. Peter meckerte kläglich.
Dore stand schon mit Selterwasser da und gab ihm zu trinken. John zeigte ihr stumm, was er in der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch immer nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird so bald nicht wiederkommen.«
»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,« murmelte die Wärterin mit schadenfrohem Lächeln. Aber John begriff nicht, was sie sagte.
Frau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues, gelbes Chinesinnengesicht und öffnete mit zitternden Händen den großen, blauen Brief, den ihr der Briefträger soeben gebracht hatte. Die Buchstaben verneigten sich vor ihren Augen, tanzten spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht fangen lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des Inhalts habhaft wurde.
»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon mal sowas erläbt?! Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!« Wie von der Tarantel gestochen, stürzte sie mit dem Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen. John lag mit gefalteten Händen auf dem Sofa.
»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel. »Wer kann mir das einjebrockt haben als Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da schreibt er: Man beobachtet mich. Und ich soll meine langen Finger doch im Zaum halten, sonst krieg ich's mit der Polizei zu tun ... Gott, das muß ich mir, mir sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht! Ich zieh! Ich bleib nich unter solche Menschen!Ich ...« Hier verlor sich ihre Rede in einem heftigen Hustenausbruch.
John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen, aber er war viel zu kindisch, um über Dores Zorn nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie ein dummer Junge.
»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie im Stich! Ich werf Ihnen hin! Wer bleibt bei einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch bloß wieder aufjebracht haben?!«
»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem sehr spitzen »Ü«.
»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf.
»Übrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend, »möchte ich wissen, weshalb ich Ihnen das gerade eingebrockt haben soll?«
»Kein andrer,« knurrte sie.
»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie meinen, daß er den Brief geschrieben hat.«
»Ich? D'n Onkel John verklagen?« Dore lachte grimmig. »Eher nähm ich meine sieben Sachen und mach mir auf die Sohlen. Nei! Mit dem bind ich nich an! Der kann e unschuldjen Menschen durch seine Märchen ins Zuchthaus bringen.«
»Wissen Sie was?« flüsterte der gute Neffe. »Er hat doch ein durchgegang'nes Reitpferd eingefangen und dann vor Gericht geschworen, daß es seins ist.«
»Nanana!«
»Wahrhaftig Gott!«
»Eins, was wahr ist,« sagte Dore feierlich, »daß es mit dem noch mal ein schlechtes Ende nimmt, dassteht fest. Sie und d'r Onkel, ihr wißt ja gar nicht, was ihr anjeben sollt? Wozu ihr auf der Welt da seid?!«
»Weißt du vielleicht, wozu du da bist?« näselte er.
»Na, jewiß weiß ich.«
»Das bild'st du dir ein!«
Dore schlug nur stumm mit der Hand, denn der Husten überfiel sie aufs neue. »Was muß e Mensch sich ärjern,« hub sie dann wieder an. »Solche Jemeinheit! Mir zittert alles! Aber der liebe Gott wird ihn schon finden! Der wird ihn schon strafen!«
»Was weißt du von Gott?« sagte John spöttisch.
»Daß er Sie und Ihren Onkel strafen wird,« entgegnete sie wild.
»Dann ist dein Gott ein Teufel!« rief er, gereizt werdend, denn er dachte: bin ich nicht schon elend genug?!
»Mein Gott ist ein Teifel?« wiederholte Dore entsetzt. »Daß Ihnen nich der Blitz erschlächt!«
John lachte. »Er kann nicht blitzen. Er ist doch nur ein Märchen.« – »Gott,« sagte er und sah zur Decke auf, »das sollte etwas sein, wie Blumenduft, wie Harfenspiel und Sonne; nichts als Süße und Herrlichkeit. Strafe und Gott? Blitz und Gott? Das sollte nicht zusammenpassen.«
Er schloß die Augen und sein ganzes Gesicht arbeitete. »An Gott denken,« stammelte er, »das sollte sein, wie an silberne Quellen denken in tiefen grünen Märchenwäldern, wie an frische Wiesen denken, neben rauschenden blauen Strömen, das sollte sein, wie ein Versinken in etwas himmlisch Weiches und Beruh'gendes.«
»Bring mir Papier und Bleistift,« sagte er dann barsch und verlegen, »ich habe zu schreiben.«
»Sie wollen schreiben?« fragte Dore, die Augen noch weiter aufreißend. »Das haben Se ja noch nie jetan.«
»Das Personal hat seine Meinung für sich zu behalten.«
»Sie werden d's Schreiben verlernt haben.«
Nun lag Papier und Bleistift vor ihm, und John machte ein dummes Gesicht, weil er nicht wußte, wie er anfangen sollte.
»Was wollen Se doch bloß schreiben, mein Lieberche?« fragte Dore, immer neugieriger werdend.
Der Trinker rieb sich mit wichtiger Miene das Kinn und schwieg. »Wie schreibt man Dienstag?« fragte er dann. »Mit langem oder rundem S?«
Frau Kalnis entschied sich mit Energie für das runde.
»Etwas scheinst du ja jelernt zu haben,« bemerkte John herablassend.
Dore fühlte sich geschmeichelt. »Etwas?« wiederholte sie. »O! ich hab scheen jelernt. Ich war immer die Erste in meine Klass'.«
John war müde, als er Dienstag und das Datum geschrieben hatte. »Schwer!« sagte er mit dem Kopfe wackelnd und sich einen Kognak eingießend.
»Ja,« sagte Dore, »d's Schreiberhandwerk is nich so ohne ... Was haben Se doch bloß zu schreiben, Herr Johnche?«
Der Gefragte machte ein verschmitztes Gesicht, indem er die Wärterin leise pfeifend angrinste. Erbrannte darauf, das Geheimnis mitzuteilen; aber wiederum war es auch hübsch, die neugierige Dore zappeln zu lassen. »Holen Sie erst das Frühstück,« gebot er gravitätisch.
Frau Kalnis war von Natur so neugierig, wie die Nachtigall es sein soll. Das Frühstück stand in fünf Minuten auf dem Tisch. »Nu?« fragte sie gespannt, den linken Arm in die Seite gestemmt.
»Erst essen,« grinste John.
Dore errötete vor Ärger und Enttäuschung. »Sie sind mir erst e Koboldche,« sagte sie vorwurfsvoll.
»Ich bin Ihnen erst e Koboldche,« spöttelte er.
Die Litauerin wurde noch röter und ging stracks in ihr Zimmer, die Tür hinter sich zuknallend.
Nach einer Stunde bekam sie das große Geheimnis zu wissen. John beabsichtigte, ein Schriftstück zu verfassen, in dem er die ganze Welt vor dem Trinken warnte. All seine Qualen wollte er darin schildern und all seine Todesangst. »Wer das lesen wird,« sagte er, »der wird nie, nie mehr zuviel trinken, das kannst du mir glauben, Dore. In allen Zeitungen soll es stehen, auch in den kleinsten.«
»Das is mal scheen,« sagte Frau Kalnis, bis zu Tränen gerührt, »Sie werden auch noch im Himmel kommen.«
»Will ich gar nicht,« brummte er. »Hier will ich bleiben und gesund werden. Und was ich zu schreiben beabsichtige, das soll hier, rot gedruckt, über dem Sofa hängen.« Er klatschte mit der Hand auf die Wand. »Du sollst mal sehen, Dore, wie mir das gut tun wird, wenn ich das so tagtäglich vor Augenhaben werde. Das wird mir schon das Trinken abgewöhnen.«
»Vel–leicht« ... zerrte sie unter krampfhaftem Gähnen heraus.
»Aber für heute wollen wir es genug sein lassen,« sagte er dann, das Papier mit dem schief und zittrig geschriebenen Datum von sich schiebend. »Sowas will erst ordentlich überlegt sein.«
»O – ja!« erwiderte Dore, langsam mit dem Kopfe nickend, und warf sich einen geheimnisvollen Blick im Spiegel zu.
Die Fenster des Eßzimmers standen offen, und der Regen trommelte eintönig auf den Blechen. Die vielen Blumentöpfe, die Frau Zarnosky auf der Veranda stehen hatte, erweckten im Zimmer den Glauben, daß draußen ein schöner Garten sei. John hockte fröstelnd am kalten Ofen, drehte die Daumen umeinander und ließ keinen Blick von der halbvollen Flasche Kognak, die auf dem Büffet stand. Außer ihm war niemand in der Wohnung als Amalie, die in der Küche saß und Kartoffeln schälte. Frau Zarnosky war aus, und die Jungen waren in der Schule. John drehte die Daumen umeinander, wie gebannt auf die Flasche starrend. Was für eine Seligkeit müßte es sein, dachte er, jene Flasche auf einen Zug leeren zu dürfen!
Alles, was er an Spirituosen besaß, stand jetzt in Dores Schrank; so hatte er es haben wollen. Frau Kalnis hatte ihm schwören müssen, fest und unerbittlich zu bleiben, wenn er mehr Alkohol von ihr verlangte, als er sich selbst zum langsamen Abgewöhnen zudiktiert hatte. Den Schlüssel zum Schrank mußte sie entweder bei sich tragen oder so verwahren,daß er ihn nie entdecken konnte. Auch sein Taschengeld wanderte jetzt in jenen Schrank, und Dore sollte das Ganze behalten dürfen, wenn es ihr gelang, ihrem Herrn das Trinken abzugewöhnen.
Es war ein stiller, kühler Sommertag. Der Regen klopfte eintönig auf den Blechen, und langsam und feierlich begannen die Glocken der nahen Kirche zu läuten. »Trink, trink ...« sagte der Regen. »Nein – nein ...« sagten die Glocken. John glaubte, den größten Durst seines Lebens zu verspüren. Langsam erhob er sich.
Doch dann ging er zur Verandatür, um angestrengt hinauszustarren. Aber er sah kaum, was vor ihm lag, er sah immer nur die Flasche; sie schien überall zu stehen, wohin er auch blickte.
Das war eine Versuchung, wie sie schlimmer nicht auszudenken war. Wenn er nicht unterliegen wollte, so mußte er sich schleunigst aus dem Staube machen, fliehen. Doch er floh nicht. Ja, er blickte sich um und lächelte die Flasche an, wie ein krankes Kind.
Ach, es war ja schon einerlei, ob er jenen Kognak austrank oder nicht, sterben mußte er ja doch. Mit einem Satz war er am Büffet und riß die Flasche an sich.
»Nein – nein ...« sagten die Glocken. Sie klangen so furchtbar ernst, so düster warnend. John merkte, daß sie zu einem Begräbnis läuteten und setzte die Flasche wieder hin.
Er wollte nicht sterben – nein, nein! – – Wie der Kognak glänzte! – – Nur einen Schluck ...
»Trink, trink ...« sagte der Regen.
Die Flasche glich einem Magnet, der seine Hand unwiderstehlich an sich zog. Ehe er sich's versah, hatte er sie schon wieder in der Hand.
»Nein – nein ...« sagten die Glocken.
»Still!« brummte John. »Ich will doch bloß mal riechen.« Mit zitternden Händen bemühte er sich, die Flasche zu entkorken, nicht merkend, daß jemand ins Zimmer trat.
»John, was machst du da?« rief lachend Onkel Chlodwig.
Der Ertappte zuckte heftig zusammen. »Nichts,« stammelte er in nervöser Bestürzung. »Ich zähl' nur die Gläser – ob alle da sind. Hier wird jetzt so viel gestohlen. Amalie will ja nächstens heiraten.«
»Amalie will heiraten?« kicherte der Onkel. »Wen denn?«
»Einen – einen Bierkutscher.«
»Amalie!« rief Onkel Chlodwig, die Tür nach dem Korridor öffnend. »Sie wollen einen Bierkutscher heiraten? Das nenn ich mir eine treffende Wahl.«
»Was? E Bierkutscher soll ich heiraten?« brummte es in der Küche. »Lieber Ihnen, Herr Zarnosky,« grunzte die Köchin.
Der kleine Junggeselle klatschte vor Vergnügen laut in die Hände. »Da täten Sie recht!« rief er heiter. Dann ging er zum Büffet und goß sich einen Kognak ein. »Du willst wohl keinen, John?« fragte er mit zwinkernden Augen.
»Nein, danke,« sagte dieser fromm. Bei dem Schreck war seine Gier verflogen.
»Da tust du recht,« lobte Onkel Chlodwig undzog seinen Schnurrbart zur Säuberung durch die Lippen, um dann erst das Taschentuch zu benutzen.
Es regnete nicht mehr, und die Sonne schimmerte schon gelb durchs Gewölk. John ging auf den Hof, um nach Peter zu sehen. Der Ziegenbock kniete wie ein Götzenbild am Rande des Torwegs, als habe er den Eingang zu bewachen. Seine Miene war die eines alten Philosophen, der über rätselhafte Dinge nachdenkt. Als er John erblickte, erhob er sich gelassen und kam mit Würde auf ihn zu. Mit derselben Würde nahm er die drei violetten Orden aus seines Herrn Knopfloch zu sich.
»Schmeckt's?« fragte dieser.
Peter nickte fortwährend gemessen mit dem Kopf, was er immer tat, wenn er etwas zu sich nahm. Seine Kiefer bewegten sich dabei wie Mahlhölzer gegeneinander. »Er setzt das Mühlchen in Bewegung,« sagten Paul und Leo, wenn Peter zu fressen begann. – –
Gegen Abend ging Frau Kalnis, ausnahmsweise, zu einer Verwandten, die Geburtstag hatte. John begann Andersens Märchen zu lesen, weil er nicht beständig an die halbe Flasche Kognak denken wollte; aber er konnte sie durchaus nicht vergessen. Seine Augen versagten auch bald den Dienst, und die immer größer werdende Unruhe in seinem ganzen Körper machte ihm das Sitzen unerträglich. Er stand auf und nahm Baldriantropfen.
Um sieben brachte Amalie das Abendbrot. Sie sah sehr ärgerlich aus, denn man hatte sie den ganzen Tag mit ihrer Heirat aufgezogen. Mit dieser Heirat, von der sie doch nichts wußte.
»Warum machen Sie ein so böses Gesicht?« fragte John sofort.
»Ach,« brummte sie, »der Onkel Chlodwig läßt mich heite gar nich zufrieden.«
»Heiraten Sie ihn doch, Amalie.«
»Ach, heren Se schon auf mit das Ganze!«
»Aber der Onkel Chlodwig schwärmt Ihnen an! Sie können mir's glauben, Amalie! Wahrhaftig Gott!«
Die Köchin verzog ihren dicken Mund zu einem breiten, halbverschämten, schweigenden Grinsen. Ihre steifen Wangenhügel, die so ruppig waren wie ein Hahnenkamm, glühten um die Wette mit ihrer Nase, die einer feurigen Kräuterbirne nicht unähnlich sah. Amalie war eine Freundin von Bier und Schnäpsen, und gegen Abend konnte man ihr diese Freundschaft nur zu sehr vom Gesicht ablesen. »Sie knirbelt kräftig,« pflegte John zu sagen.
»Na, wie ist's?« fragte er, durch ihr Schweigen gereizt. »Wollen Se meine Tante werden oder nich?«
»Uzen Se mir auch noch?«
»Ich denk' gar nicht dran! Onkel Chlodwig geht schon lange mit der Absicht um, Ihnen zur linken Hand zu heiraten.«
Amalies dicker Mund weitete sich noch einmal, und dann verschwand sie mit einer großen, ganz neuen Hoffnung im Herzen.
Das Abendbrot wollte John nicht schmecken; ihm war noch schlechter als gewöhnlich. Die eine Flasche Bier, die vor ihm stand, reizte ihn so lange mit ihrer Kümmerlichkeit, bis er sie wütend vom Tisch stieß. John fühlte sich plötzlich so furchtbarunglücklich, daß er sich am liebsten das Leben genommen hätte. Sein ganzes Wesen verzehrte sich in Sehnsucht nach Alkohol: nach jener halben Flasche Kognak. Er konnte sich nicht länger beherrschen und er wollte es auch nicht. Nicht länger zögernd, eilte er zu Dores Schrank, in dem seine Flaschen standen. Er bearbeitete die verschlossene Tür mit Fußtritten, um zu seinem Eigentum zu gelangen; aber das alte Möbel war aus gutem Holz, es widerstand allen Stößen. Auch das Schloß widerstand, als er es mit dem Taschenmesser aufzubrechen versuchte. Nun zerfetzte er vor Wut Dores Fächerpalme, ihr Stuhlkissen, ihre Nachtmütze. Aber als ihm das grüne Staubtuch in die Hände fiel, aus dem er einst für Mimi ein Nestchen gemacht hatte, da ließ er den Kopf hängen und weinte.
Er weinte über sein verfehltes Leben, das ihm ebenso zerfetzt schien wie die Fächerpalme. Wie anders hätte er jetzt dastehen können! Er bereute, er bereute ... Zu spät! Nun war nichts mehr zu ändern.
Ach, er fühlte sich so unsagbar verlassen, so kalt dem Tode preisgegeben. Rodenberg war sein einziger wahrer Freund. Durfte er sich überhaupt noch zu den Lebenden rechnen? Er fühlte sich schon so fern von allem, was lebte und lachte und genoß. Der Tod war seine einzige Aussicht.
Nur jene halbe Flasche Kognak wollte er noch leeren.
Der Glanz der Abendsonne war ihm aufs tiefste zuwider. Er stach ihm so mitleidslos in die Augen. John stieß eine Verwünschung aus und drohte mitder Faust nach der Sonne. Er trocknete sich mit dem Staubtuch die Augen und beroch es dann von allen Seiten wie ein armer, hungriger Hund.
Es roch nicht nach Mimi, es roch nach Petroleum. Trotzdem stopfte er es in die Tasche, um es öfters ansehen zu können. Mimi war doch eine hübsche Erinnerung, trotz ihres schrecklichen Todes.
Und nun ging er sich den Kognak holen; er hielt es nicht mehr aus ohne Alkohol, er hielt es einfach nicht mehr aus. Seine Mütze war nicht zu finden. Er setzte den kleinen, steifen Hut auf, den er auf jenem Ausflug mit Johannes getragen.
Die Hand auf die linke Seite gepreßt, arbeitete er sich langsam und atemlos die Treppe herunter. In seinen Ohren war ein dumpfes Sausen, und sein Herz schien sehr weit und ganz still. Die Treppe war immer ein Kunststück für ihn. Bis zu seiner Haustür hatte er die feste Absicht, in die elterliche Wohnung zu gehen, um sich den Kognak zu holen; aber an der Tür besann er sich anders. Er wollte doch lieber in die Kneipe gehen und sich dort etwas geben lassen, als etwa im Eßzimmer Paul und Leo antreffen, die ihn vielleicht daran hindern würden, die Flasche zu nehmen. Und sicherlich würden sie ihre Bemerkungen machen, ihn verspotten. Nein, nein, er ging lieber in die Kneipe.