„Hobby, Mister Hobby,“ flehte er winselnd und weinte und streckte die Hände aus, „verlassen Sie mich nicht, bei Ihrer Mutter, Ihrer guten, alten Mutter —“
Hobby rang nach Luft. Seine Brust schraubte sich zusammen, er wurde steif und lang und glaubte, es gehe nun dahin mit ihm.
„Komm!“ sagte er, als er wieder Atem bekam. „Du verfluchter Teufel! Wir müssen unter diesem Zug durch! Wenn du mich wieder drosselst, so schlag ich dich nieder!“
„Hobby, guter Mister Hobby!“ Und Jackson kroch wimmernd und stöhnend, mit einer Hand an Hobbys Riemen hängend, hinter Hobby her.
„Hurry up you idiot!“ Hobbys Schläfen waren nahe am Zerspringen.
Der Stollen war in einer Länge von drei Meilen nahezu vollkommen zerstört, von Pfosten und Gestein verschüttet. Überall kletterten Gestalten, blutig, zerfetzt, schreiend, wimmernd, wortlos, und keuchten so rasch wie möglich vorwärts. Sie kletterten über Gesteins- und Materialzüge, die aus den Schienen gehoben waren, sie krochen Schutthaufen hinauf und hinunter, zwängten sich zwischen Balken hindurch. Je weiter sie vordrangen, desto mehr Gefährten begegneten sie, die alle vorwärts hasteten. Hier war es ganz dunkel und nur ein fahler Lichtzacken leckte zuweilen herein. Der Rauch drang vorwärts, beizend, und sobald sie ihn in der Nase spürten, schlugen sie ein verzweifeltes Tempo an.
Sie stiegen brutal über die Leiber der langsam kriechenden Verletzten hinweg, sie schlugen einander mit den Fäusten zu Boden, um einen einzigen kleinen Schritt zu gewinnen, und ein Farbiger schwang sein Messer und stieß jeden blindnieder, der ihm in den Weg kam. Bei einer engen Passage zwischen einem umgestürzten Waggon und einem Gewirr von Pfosten gab es eine richtige Schlacht. Die Revolver knallten und die Schreie der Getroffenen vermischten sich mit dem Wutgeheul jener, die einander drosselten. Aber einer nach dem andern verschwand durch die Spalte und die Verwundeten krochen stöhnend nach.
Dann wurde die Strecke freier. Hier standen weniger Züge im Wege und die Explosion hatte nicht sämtliche Pfosten eingerissen. Aber hier war es vollkommen dunkel. Keuchend, zähneknirschend, schweiß- und blutüberströmt rutschten und kletterten die Fliehenden vorwärts. Sie rannten gegen Balken und schrien auf, sie stürzten von einem Waggon und suchten. Vorwärts! Vorwärts! Die Wut des Selbsterhaltungstriebes ließ langsam nach und allmählich erwachte wieder ein Gefühl der Kameradschaft.
„Hierher, hier ist der Weg frei!“
„Geht es hier durch?“
„Rechts an den Waggons!“
Drei Stunden nach der Katastrophe erreichten die ersten Leute aus dem zerstörten Holzstollen den Parallelstollen. Auch hier war die Lichtleitung zerstört. Es war finstere Nacht und alle stießen ein Geheul der Wut aus. Kein Zug! Keine Lampen! Die Mannschaften des Parallelstollens waren längst geflüchtet und alle Züge fort.
Der Rauch kam und das wahnwitzige Rennen begann von neuem.
Die Rotte glitt, lief, stürzte eine Stunde lang durch die Finsternis vorwärts, dann brachen die ersten erschöpft zusammen.
„Es hat keinen Sinn!“ schrien sie. „Wir können nicht vierhundert Kilometer laufen!“
„Was sollen wir tun?“
„Warten, bis sie uns holen!“
„Holen? Wer soll kommen?“
„Wir verhungern!“
„Wo sind die Depots?“
„Wo sind die Notlampen?“
„Ja, wo sind sie?“
„Mac —!“
„Ja, warte Mac —!“
Und plötzlich flammte ihre Rachegier auf. „Warte Mac! Wenn wir hinauskommen —!“
Aber der Rauch kam und sie stürzten wieder vorwärts, bis abermals ihre Knie wankten.
„Hier ist eine Station, hallo!“
Die Station war dunkel und verlassen. Die Maschinen standen, alles war von der Panik hinausgerissen worden.
Die Horde drang in die Station ein. Mit den Stationen waren sie vertraut. Sie wußten, daß hier plombierte Kisten mit Nahrungsmitteln standen, die man nur zu öffnen brauchte.
Es krachte und knackte in der Finsternis. Niemand war eigentlich hungrig, denn das Entsetzen hatte den Hunger verscheucht. Aber inmitten der Vorräte erwachte in ihnen ein wilder Instinkt, sich den Magen anzufüllen, und sie stürzten sich wie Wölfe auf die Kisten. Sie stopften die Taschen voll Nahrungsmittel. Noch mehr, sinnlos vor Entsetzen und Wut verstreuten sie Säcke von Zwieback und getrocknetem Fleisch, zerschlugen sie Flaschen zu Hunderten.
„Hier sind die Lampen!“ schrie eine Stimme.
Es waren Notlampen mit Trockenbatterien, die man nur einzuschalten hatte.
„Halt, nicht andrehen, ich schieße!“
„Warum nicht?“
„Es könnte eine Explosion geben!“
Dieser Gedanke allein genügte, um sie erstarren zu lassen. Vor Angst wurden sie ganz still.
Aber der Rauch kam und wieder begann die Jagd.
Plötzlich hörten sie Geschrei und Schüsse. Licht! Sie stürzten durch einen Querschlag in den Parallelstollen. Und da sahen sie gerade noch, wie in der Ferne Haufen von Menschen um einen Platz auf einem Waggon kämpften, mit Fäusten, Messern, Revolvern. Der Zug fuhr ab und sie warfen sich verzweifelt auf den Boden und schrien: „Mac! Mac! Warte, wenn wir kommen!“
Die Panik fegte durch den Tunnel. Dreißigtausend Menschen fegte sie durch die Stollen hinaus. Die Mannschaften in den unbeschädigten Stollen hatten augenblicklich, als sie das Brüllen der Explosion vernahmen, die Arbeit eingestellt.
„Das Meer kommt!“ schrien sie und wandten sich zur Flucht. Doch die Ingenieure hielten sie mit Revolvern in der Faust zurück. Als aber eine Wolke von Staub hereinblies und verstörte Menschen angestürzt kamen, hielt sie keine Drohung mehr zurück.
Sie schwangen sich auf die Gesteinszüge und jagten davon.
Bei einer Weiche entgleiste ein Zug und die nachfolgenden zehn Züge waren plötzlich aufgehalten.
Die Horden drangen in den Parallelstollen ein und hielten hier die Züge auf, indem sie sich mitten auf die Schienen stellten und schrien. Die Züge waren aber schon gehäuft voller Menschen und es gab erbitterte Kämpfe um einen Platz.
Die Panik war um so größer, als niemand wußte, was sich ereignet hatte — man wußte nur, daß etwas ganz Schreckliches geschehen war! Die Ingenieure versuchten die Leute zur Vernunft zu bringen, als sich aber immer mehr Züge voll entsetzter Menschen heranwälzten, die schrien: „Der Tunnel brennt!“ — und als der Rauch aus den finstern Stollen hervorkroch, wurden auch sie von der Panik ergriffen. Alle Züge rollten auswärts. Die einfahrenden Züge mit Material und Ablösungsmannschaften wurden durch das wilde Geschrei der vorbeijagenden Menschenhaufen abgestoppt und begannen hierauf ebenfalls auswärts zu fahren.
So kam es, daß zwei Stunden nach der Katastrophe der Tunnel auf hundert Kilometer vollkommen verlassen war. Auch die Maschinisten in den innern Stationen waren entflohen und die Maschinen standen still. Nur da und dort waren ein paar mutige Ingenieure in den Stationen zurückgeblieben.
Ingenieur Bärmann verteidigte den letzten Zug.
Dieser Zug bestand aus zehn Waggons und stand im fertigen Teil des „Fegfeuers“, wo die eisernen Rippen genietet wurden, fünfundzwanzig Kilometer hinter dem Ort der Katastrophe. Die Lichtanlage war auch hier zerstört. Aber Bärmann hatte Akkumulatorenlampen aufgestellt, die in den Rauch hineinblendeten.
Dreitausend Mann hatten im „Fegfeuer“ gearbeitet, zweitausend etwa waren schon fort, die letzten tausend wollte Bärmann mit seinem Zug befördern.
Sie kamen in Truppen angekeucht und stürzten sich toll vor Schrecken auf die Waggons. Immer mehr kamen. Bärmann wartete geduldig und zäh, denn manche „Fegfeuerleute“ hatten drei Kilometer bis zum Zug zurückzulegen.
„Fahren! Abfahren!“
„Wir müssen auf sie warten!“ schrie Bärmann. „No dirty business now!Ich habe sechs Kugeln im Revolver!“
Bärmann war ein ergrauter, kleiner Mann, kurzbeinig, ein Deutscher, und verstand keinen Spaß.
Er ging hin und her, am Zug entlang, und wetterte und fluchte zu den Köpfen und Fäusten hinauf, die sich droben im Rauch aufgeregt bewegten.
„Keine Schweinereien, ihr kommt alle hinaus!“
Bärmann hatte den Revolver schußbereit in der Hand. (Bei der Katastrophe zeigte es sich, daß alle Ingenieure mit Revolvern ausgerüstet waren.)
Zuletzt, als die Drohungen lauter wurden, postierte er sich neben dem Maschinisten der Führungsmaschine auf und drohte ihm, ihn niederzuschießen, wenn er ohne Befehl abfahren sollte. Jeder Puffer, jede Kette des Zuges hing voller Menschen und alle schrien: „Fahren, fahren!“
Aber Bärmann wartete immer noch, obschon der Rauch unerträglich wurde.
Da krachte ein Schuß und Bärmann schlug zu Boden und nun fuhr der Zug.
Horden verzweifelter Menschen rannten ihm nach, rasend vor Wut, um endlich atemlos, keuchend, Schaum vor dem Mund, stehenzubleiben.
Und dann machten sich diese Horden der Zurückgebliebenen auf den vierhundert Kilometer langen Weg über Schwellen und Schutt. Und je weiter sie sich wälzten, desto drohender wurde der Ruf: „Mac, du bist ein toter Mann!“
Hinter ihnen aber, weit hinter ihnen, kamen noch mehr, immer noch mehr, immer andere.
Es begann das schreckliche Laufen im Tunnel, dieses Laufen um das Leben, von dem später die Zeitungen voll waren.
Die Horden wurden wilder und toller, je länger sie liefen, sie zerstörten die Depots, die Maschinen, und selbst dann,als sie die Strecke erreichten, wo noch das elektrische Licht brannte, nahm ihre Wut und Angst nicht ab. Und als der erste Rettungszug erschien, der alle, für die gar keine Gefahr mehr bestand, hinausbringen sollte, kämpften sie mit dem Messer und dem Revolver, um zuerst auf den Zug zu kommen.
Zur Zeit als sich tief drinnen im Tunnel die Katastrophe ereignete, war es noch Nacht in Mac City. Es war düster. Das schwere massige Gewölk des Himmels glomm düsterrot im hellen Nachtschweiß der schlaflosesten Stadt dieser schlaflosen Zeit.
Mac City fieberte und lärmte wie am Tage. Bis zum Horizont war die Erde bedeckt von ewig bewegten glühenden Lavaströmen, aus denen Funken, Feuerblitze und Dampf stiegen. Myriaden wimmelnder Lichter schossen hin und her, wie Infusorien im Mikroskop. Die Glasdächer der Maschinenhallen auf den Terrassen des Trasseneinschnittes funkelten wie grünes Eis in einer mondhellen Winternacht. Pfeifen und Glocken schrien gierig und ringsum hämmerte das Eisen und die Erde bebte.
Die Züge schossen hinab, herauf, wie sonst. Die ungeheuren Maschinen, Dynamos, Pumpen, Ventilatoren spielten und klangen in den blitzblanken Hallen.
Es war kühl und die Mannschaften, die aus dem backofenwarmen Tunnel kamen, rückten frierend zusammen und stürzten, sobald der Zug hielt, zähneklappernd in die Kantine, um heißen Kaffee oder Grog zu trinken. Dann sprangen sie laut und polternd in die elektrischen Cars, die sie nach ihren Kasernen und Häusern brachten.
Schon wenige Minuten nach vier Uhr ging das Gerücht um, daß im Tunnel ein Unglück passiert sei. Ein Viertel nach vier Uhr wurde Harriman aufgeweckt und erschienverschlafen und fast zusammenbrechend vor Müdigkeit im Zentralbüro.
Harriman war ein energischer und entschlossener Mann, hart geworden auf den Schlachtfeldern der Arbeit. Gerade heute aber befand er sich in einer elenden Verfassung. Er hatte die ganze Nacht über geweint. Denn ein Telegramm hatte ihn abends erreicht, daß sein Sohn, das Einzige, was ihm aus seinem Leben geblieben war, in China dem Fieber erlegen sei. Schwer und schrecklich hatte er gelitten und schließlich eine doppelte Dosis Schlafpulver genommen, um einschlafen zu können. Er schlief jetzt noch, während er in den Tunnel hineintelephonierte, um näheres über die Katastrophe zu erfahren. Niemand wußte etwas und Harriman saß apathisch und teilnahmlos im Sessel und schlief mit offenen Augen. Zur selben Zeit wurde es Licht in Hunderten von Arbeiterhäusern in den Kolonien. Stimmen sprachen und raunten in den Straßen, jenes erschreckte Raunen, das man sonderbarerweise im tiefsten Schlaf hört. Weiber liefen zusammen. Von der Süd- und Nordkolonie her bewegten sich dunkle Truppe von Weibern und Männern den funkelnden Glasdächern der Terrassen entgegen zum Zentralbureau.
Sie sammelten sich vor dem nüchternen, hohen Gebäude an und als sie ein großer Haufe geworden waren, begann dieser Haufe ganz von selbst zu rufen. „Harriman! Wir wollen wissen, was geschehen ist!“
Ein Clerk mit aufreizend gleichgültiger Miene erschien.
„Wir wissen selbst nichts Bestimmtes.“
„Fort mit dem Clerk! Wir wollen keinen Clerk! Wir wollen Harriman! — Harriman!!“
Immer mehr sammelten sich an. Von allen Seiten krochen die dunkeln Bündel heran und vereinigten sich mit der Menge vor dem Bürogebäude.
Harriman erschien endlich selbst, bleich, alt, müde und verschlafen und Hunderte von Stimmen schrien ihm die Frage entgegen, in allen Sprachen und Tonarten: „Was ist passiert?“
Harriman machte ein Zeichen, daß er sprechen wollte, und es wurde ganz still.
„Im Südstollen hat bei der Bohrmaschine eine Explosion stattgefunden. Mehr wissen wir nicht.“ Harriman vermochte kaum zu sprechen, die Zunge lag ihm wie ein metallner Klöpfel im Mund.
Ein wildes Geheul antwortete ihm. „Lügner! Schwindler! Du willst es uns nicht sagen!“
Harriman stieg das Blut ins Gesicht und seine Augen traten aus dem Kopf vor Zorn; er besann sich, wollte sprechen, aber sein Gehirn arbeitete nicht. Er ging und schlug die Tür hinter sich zu.
Da flog ein Stein durch die Luft und zertrümmerte eine Scheibe im Parterre. Man sah, wie ein Clerk sich erschrocken davonmachte.
„Harriman! Harriman!“
Harriman erschien wieder in der Türe. Er hatte sich kalt gewaschen und war etwas wacher geworden. Krebsrot sah sein Gesicht unter den grauweißen Haaren aus.
„Was für ein Unsinn ist das, die Fenster einzuschmeißen?!“ schrie er laut. „Wir wissen nicht mehr, als ich sagte! Seid vernünftig!“
Stimmen schrien durcheinander.
„Wir wollen wissen, wie viele tot sind. Wer ist tot? Namen!“
„Ihr seid ein Pack von Narren, ihr Weiber!“ schrie Harriman zornig. „Wie soll ich das jetzt schon wissen.“ Und Harriman drehte sich langsam um und ging wieder ins Haus zurück, einen Fluch zwischen den Zähnen.
„Harriman! Harriman!“
Die Weiber drängten nach.
Es hagelte plötzlich Steine. Denn das Volk, das sich sonst der Justiz ohne zu denken unterwirft, schafft sich in solchen Augenblicken aus eingeborenem Rechtsgefühl eigene Gesetze und bringt sie augenblicklich an Ort und Stelle in Anwendung.
Harriman kam wieder, voller Wut. Aber er sagte nichts.
„Zeig uns das Telegramm!“
Harriman blieb stehen. „Telegramm? Ich habe kein Telegramm. Eine telephonische Nachricht hatte ich.“
„Her damit!“
Harriman verzog keine Miene. „Gut, ihr sollt sie haben.“ In einer Minute kam er wieder zurück, mit einem Zettel von einem Telephonblock in der Hand und las laut vor. Weithin vernahm man die Worte, die er hervorhob: „Bohrmaschine — Südstollen — Explosion beim Schießen — 20 bis 30 Tote und Verletzte. — Hobby.“
Und Harriman übergab den Zettel den Zunächststehenden und ging ins Haus zurück.
Im Nu war der Zettel in hundert Stücke zerrissen, so viele wollten ihn gleichzeitig lesen. Die Menge beruhigte sich für einige Zeit. 20 bis 30 Tote — das war gewiß schrecklich, aber keine große Katastrophe. Man konnte wieder hoffen. Es war ja nicht gesagt, daß geradeerbei der Bohrmaschine gearbeitet hatte. Am meisten beruhigte der Umstand, daß Hobby die telephonische Nachricht gesandt hatte.
Und doch gingen die Weiber nicht nach Hause. Merkwürdig! Ihre alte Unruhe kam zurück, ihre Augen flackerten, ihre Herzen schlugen. Ein Druck lastete auf ihnen und sie wechselten scheue Blicke.
Wenn Harriman log —?
Sie fluteten hinüber zur Station, wo die Züge heraufkamen, und warteten zitternd, frierend, in Tücher und Decken eingehüllt. Von der Station aus konnte man die Trasse hinab bis zur Tunnelmündung sehen. Die nassen Geleise glänzten im Licht der Bogenlampen, bis sie zu dünnen Linien zusammenschmolzen. Ganz unten gähnten zwei graue Löcher. Ein Licht erschien in einem Loch, es blitzte unbestimmt auf, ein Feuerschein fuhr heraus und plötzlich sah man das blendende Zyklopenauge eines Zuges die Trasse herauffliegen.
Die Züge verkehrten noch ganz regelmäßig. In gleichen Abständen liefen die Materialzüge hinab, in unregelmäßigen Zwischenräumen, wie gewöhnlich, jagten die Gesteinszüge herauf, oft nur einer, oft drei, fünf, zehn hintereinander, wie sie es seit sechs Jahren Tag und Nacht taten. Es war das gleiche Bild, wie sie es alle tausendmal gesehen hatten. Und doch starrten sie mit wachsender Spannung auf die Züge, die heraufkamen.
Brachten sie Mannschaften mit, so wurden die Ankommenden umdrängt, mit Fragen bestürmt. Aber sie wußten nichts, sie waren ja schon auf der Ausfahrt gewesen.
Es ist unerklärlich, wie das Gerücht kaum zehn Minuten nach der Katastrophe schon über Tag umgehen konnte. Ein unvorsichtiges Wort eines Ingenieurs, ein unwillkürlicher Ausruf am Telephon — es war bekannt geworden. Nun aber hörte man gar nichts mehr, gar nichts, die Nachrichten wurden sorgfältig gehütet.
Bis sechs Uhr fuhren die Materialzüge und Mannschaften regelmäßig ein. (Sie wurden laut Order bis zum 50. Kilometer geführt!)
Um sechs Uhr wurde den bereitstehenden Mannschaften mitgeteilt, daß ein Materialzug entgleist sei und die Strecke erst geräumt werden müsse. Sie hätten sich aber bereitzuhalten.Da nickten die erfahrenen Burschen und warfen einander Blicke zu: Es mußte da drinnen bös aussehen! Lord!
Den Weibern wurde befohlen, die Station zu räumen. Aber sie kamen dem Befehl nicht nach. Sie standen unbeweglich, festgeschraubt von ihrem Instinkt zwischen dem Netz von Geleisen und starrten die Trasse hinab. Immer größere Truppe gesellten sich zur Menge. Kinder, halbwüchsige Burschen, Arbeiter, Neugierige.
Der Tunnel aber spie Gestein aus, immerzu, ohne Aufhören.
Plötzlich beobachtete die Menge, daß die Materialzüge seltener einfuhren und ein wirres Durcheinander von Stimmen schwirrte auf. Dann fuhren überhaupt keine Materialzüge mehr ein und die Menge wurde noch unruhiger. Niemand glaubte das Märchen, daß ein entgleister Zug die Strecke blockiert habe. Alle wußten, daß es täglich vorkam und die Züge sich trotzdem in der gleichen Anzahl in den Tunnel hinabstürzten.
Nun war es Tag.
Die Zeitungen New Yorks machten bereits mit der Katastrophe Geschäfte: „Der Ozean in den Tunnel eingebrochen! 10000 Tote!“
Kalt, blinkend, kam das Licht übers Meer her. Die elektrischen Lampen erloschen mit einem Schlage. Nur weit draußen auf dem Kai, wo plötzlich der Qualm der Dampferschornsteine sichtbar wurde, drehte sich noch das Blinkfeuer, als habe man vergessen, es abzustellen. Nach einer Weile erlosch es auch. Schrecklich nüchtern lag die blitzende Märchenstadt plötzlich da: mit ihrem kalten Schienennetz, ihrem Meer von Zügen, Kabelmasten und vereinzelten hohen Häusern, über die sich graue Wolken schleppten. Die Gesichtersahen alle gelb und übernächtig aus, erstarrt und blaugefroren, denn vom Meer kam mit dem kalten Licht ein eisiger Luftstrom und kalter Sprühregen. Die Weiber schickten ihre Kinder nach Hause, Röcke, Tücher, Decken zu holen. Sie selbst aber rührten sich nicht von der Stelle!
Die Gesteinszüge, die von jetzt an heraufflogen, waren alle mit Mannschaften besetzt. Ja sogar die erst vor kurzer Zeit eingefahrenen Material- und Arbeiterzüge kamen wieder zurück.
Die Erregung wuchs und wuchs.
Aber alle Mannschaften, die heraufkamen, waren völlig im unklaren über die Ausdehnung der Katastrophe. Sie waren nur ausgefahren, weil alle hinter ihnen ausfuhren.
Und wieder starrten die Weiber voller Unruhe und schrecklicher Angst auf die zwei kleinen schwarzen Löcher da unten, die in die Höhe blickten wie zwei heimtückische zerfressene Augen, aus denen das Unheil und das Grauen selbst starrte.
Gegen neun Uhr kamen die ersten Züge, auf denenMann neben Mannsaß, die alle erregt gestikulierten, bevor nur der Zug hielt. Sie kamen aus dem Innern des Tunnels, wohin die Panik gerade ihre ersten Schrecken geworfen hatte. Sie schrien und heulten: „Der Tunnelbrennt!“
Ein ungeheures Geschrei und Geheul stieg empor. Die Menge wälzte sich vorwärts, hin und her.
Da erschien Harriman auf einem Waggon und schwenkte den Hut und schrie. Im Morgenlicht sah er wie ein Leichnam aus, fahl, ohne Blut, und jedermann führte sein Aussehen auf das Unglück zurück.
„Harriman! Ruhe, er will reden!“
„Ich schwöre, daß ich die Wahrheit spreche!“ schrie Harriman, als sich die Menge beruhigt hatte, und dicke Dunstwolken stießen bei jedem Wort aus seinem Mund hervor.„Es ist ein Unsinn, daß der Tunnel brennt! Beton und Eisen kann nicht brennen. Infolge der Explosion sind ein paar lausige Pfosten hinter der Bohrmaschine in Brand geraten und daraufhin ist einePanikentstanden. Unsere Ingenieure sind schon bei der Arbeit zu löschen! Ihr braucht nicht —“
Aber man ließ Harriman nicht ausreden. Ein wildes Pfeifen und Schreien unterbrach ihn und die Weiber hoben Steine auf. Harriman sprang vom Waggon und kehrte in die Station zurück. Er sank kraftlos in einen Stuhl.
Er fühlte, daß alles verloren sei und nur Allan allein eine Katastrophe hier oben verhindern konnte.
Allan aber konnte nicht vor dem Abend hier sein!
Der nüchterne, kalte Stationssaal war voll von Ingenieuren, Ärzten und Beamten, die herbeigeeilt waren, um sich zur Hilfeleistung bereitzuhalten.
Harriman hatte einen Liter schwarzen Kaffees getrunken, um die Wirkung der Schlafpulver aufzuheben. Er hatte sich übergeben und war zweimal ohnmächtig geworden.
Ja, was sollte er tun? Das einzig Vernünftige, was er gehört hatte, war eine Botschaft Bärmanns, von einem Ingenieur in Bärmanns Namen von der sechzehnten Station aus telephoniert.
Nach Bärmanns Ansicht seien die Pfosten im verzimmerten Stollen infolge der Hitze von selbst in Brand geraten und das Feuer habe die Sprenghülsen zur Explosion gebracht. Das war vernünftig, aber dann konnte doch die Detonation nicht so heftig gewesen sein, daß man sie bis zur zwölften Station hörte?
Harriman hatte Rettungszüge hineingeschickt, aber sie waren zurückgekommen, da die Züge allervierGleise nach auswärts liefen und sie zurückpreßten.
Harriman hatte dreißig Minuten nach vier Uhr an Allan telegraphiert, den die Depesche im Schlafwagen New York-Buffalo erreichte. Allan hatte geantwortet, daß er mit einem Extrazug zurückeilen werde. Eine Explosion sei ausgeschlossen, da die Sprengstoffe im Feuer nur verbrannten. In der Maschine selbst sei die Menge der Sprengstoffe auch äußerst gering. Rettungszüge! Alle Stationen mit Ingenieuren besetzen! Den brennenden Stollen unter Wasser setzen!
Allan hatte gut reden. Es war ja gar nicht möglich, vorläufig einen einzigen Zug in den Tunnel zu bringen, obgleich Harriman augenblicklich die reguläre Ableitung der Züge auf die nach außen führenden Geleise angeordnet hatte.
Niemand telephonierte mehr, nur in der fünfzehnten, sechzehnten und achtzehnten Station waren noch Ingenieure, die angaben, daß alle Züge vorbei seien.
Die Geleise wurden aber nach einiger Zeit frei und Harrimann sandte vier Rettungszüge hintereinander in den Tunnel.
Die Menge ließ die Züge finster passieren.
Einzelne Weiber stießen gemeine Schimpfworte gegen die Ingenieure aus. Die Stimmung wurde von Minute zu Minute erregter. Dann aber, gegen zehn Uhr, kamen die ersten Züge mit Arbeitern aus dem „Fegfeuer“ an.
Nun bestand kein Zweifel mehr, daß die Katastrophe schrecklicher war, als jemand hätte ahnen können.
Immer mehr Züge kamen und nun kamen Mannschaften, die schrien: „Alles in den letzten dreißig Kilometern ist tot!!“
Die Männer mit den beschmutzten gelben Gesichtern, die aus dem Tunnel kamen, wurden umringt und mit tausend Fragen bestürmt, die sie nicht beantworten konnten. Hundertmal mußten sie erzählen, was sie von dem Unglück wußten, und es war doch mit zehn Worten zu sagen. Frauen, die ihren Gatten fanden, warfen sich ihm an den Hals und zeigten ihre Freude ganz offen den andern, die noch in entsetzlicher Ungewißheit schwebten. Die Angst irrte in ihren Zügen, sie wiederholten hundertmal die Frage, ob man ihren Mann nicht gesehen habe, sie weinten still, sie liefen hin und her und schrien und stießen Verwünschungen aus, und wieder standen sie still und starrten die Trasse hinab, bis sie die Angst von neuem umhertrieb.
Man hoffte noch immer; denn daß „alle in den letzten dreißig Kilometern tot waren,“ hatte sich schon als Übertreibung herausgestellt.
Endlich kam auch jener Zug herauf, dessen Abfahrt Ingenieur Bärmann so lange verhindert hatte, bis man ihn niederschoß. Dieser Zug brachte den ersten Toten mit, einen Italiener. Aber dieser Italiener hatte nicht bei der Katastrophe sein Leben eingebüßt. Er hatte mit einem Landsmann, einemamico, ein verzweifeltes Messergefecht um einen Platz auf einem Waggon geführt und den Landsmann niedergestochen. Der stürzendeamicohatte ihm den Leib aufgeschlitzt und auf der Ausfahrt war er gestorben. Immerhin war er der erste Tote. Der Photograph der Edison Bio kurbelte.
Als der Tote in das Stationsgebäude getragen wurde, ereignete sich eine seelische Explosion in der Menge! Die Wut flammte auf! Und plötzlich schrien alle (genau wie dieLeute im Tunnel): „Wo ist Mac? Mac muß bezahlen!“ Da bahnte sich eine hysterisch schreiende Frau den Weg durch die Weiber und rannte dem Toten nach, während sie sich die Haare in Büscheln ausriß und den Bettkittel zerfetzte.
„Césare! Césare —!“ Ja, es war Césare.
Als die erregten Arbeiterhorden des Bärmannschen Zuges (zumeist Italiener und Neger) aber erklärten, daß kein Zug mehr käme — wurde es ganz still ...
„Kein Zug mehr?“
„Wir sind die letzten!“
„Was seid ihr?“
„Die letzten!! Wir sind die letzten!“
Es war, als sei ein Hagel von Kartätschen über die Menge niedergegangen. Alle stürzten hin und her, sinnlos, verstört, die Hände an den Schläfen, als seien sie in den Kopf getroffen.
„Die letzten!! Sie sind die letzten!!“
Weiber fielen zu Boden und jammerten, Kinder weinten; bei andern flammte aber sofort die Rachgier auf. Und plötzlich setzte sich die ganze ungeheure Menge in Bewegung und eine Wolke von Geschrei und Lärm zog über ihr her.
Ein dunkelhäutiger viereckiger Pole mit martialischem Schnurrbart stieg auf einen Steinblock und brüllte: „Mac hat sie in einer Mausefalle gefangen — in einer Mausefalle — Rache für die Kameraden!“
Der Haufe tobte. In jeder Hand befand sich plötzlich ein Stein, die Waffe des Volkes, und Steine gab es hier genug. (Einer der Gründe, weshalb man in Großstädten gerne asphaltierte Straßen anlegt!)
In den nächsten drei Sekunden war kein Fenster des Stationsgebäudes mehr ganz.
„Heraus mit Harriman!“
Aber Harriman ließ sich nicht mehr sehen.
Er hatte nach der Miliz telephoniert, denn die paar Polizisten der Tunnelstadt waren machtlos. Nun saß er bleich und keuchend in einer Ecke und vermochte nicht mehr zu denken.
Man stieß Schmähungen gegen ihn aus und machte Miene, das Haus zu stürmen. Da aber hatte der Pole einen anderen Vorschlag: Die Ingenieure alle zusammen waren ja schuld! Man sollte ihnen die Häuser über dem Kopfe anzünden und ihre Weiber und Kinder verbrennen!
„Tausende, Tausende sind tot!“
„Alle müssen sie hin werden!“ schrie die Italienerin, deren Mann erstochen worden war. „Alle! Rache für Césare!“ Und sie rannte voran, eine Furie aus Kleiderfetzen und zerzausten Haaren.
Die Menge wälzte sich über das Schuttfeld in den grauen Regen hinein, umheult von wirrem Lärm. Die Gatten, die Ernährer, die Väter tot — Not, Elend! Rache! Aus dem Lärm klangen Fetzen von Gesang, Rotten sangen an verschiedenen Stellen gleichzeitig die Marseillaise, die Internationale, die Union-Hymne. „Tot, tot, Tausende tot!“
Eine blinde Wut zu zerstören, niederzureißen und zu töten war in dem erregten Volkshaufen entflammt. Geleise wurden aufgerissen, Telegraphenstangen niedergemäht, die Wächterhäuser weggefegt. Sobald es krachte und splitterte, brandete ein wilder Jubel empor. Die Polizisten wurden mit Steinblöcken bombardiert und ausgepfiffen. Es schien, als hätten alle in der Wut plötzlich ihren Schmerz vergessen.
Voran aber stürmten die wildesten Rotten, wildgewordene fanatische Weiber, den Villen und Landhäusern der Ingenieure entgegen.
Zu dieser Zeit aber ging das verzweifelte Rennen unter dem Meer weiter. Alle, die das stürzende Gestein, Feuer und Rauch am Leben gelassen hatten, rannten unaufhörlich vorwärts, vor den Zehen des Todes her, der seinen beizenden Atem vorausschickte. Einzelne Wanderer gab es da drinnen, die zähneklappernd, mit gesträubten Haaren vorwärtsstolperten, Paare, die schrien und weinten, Horden, die mit pfeifenden Lungen hintereinander herkeuchten, Verwundete, Krüppel, die um Barmherzigkeit bittend am Boden lagen. Manche blieben stehen, gelähmt von der Angst, daß niemand diese ungeheure Strecke zu Fuß zurücklegen könne. Manche gaben es auf. Sie legten sich hin, um zu sterben. Es gab aber gute Läufer, die ihre Schenkel wie Pferde schwangen und die andern überholten, beneidet, verflucht von den Erschöpften, deren Knie wankten.
Die Rettungszüge ließen die Glocken gellen, um zu signalisieren, daß sie kämen. Aus der Dunkelheit stürzten Menschen auf sie zu, schluchzend vor Erregung, gerettet zu sein. Da der Zug aber in den Tunnelhineinfuhr, so wurden sie nach einer Weile von der Angst geschüttelt und sprangen ab, um den zweiten Zug zu Fuß zu erreichen, der, wie man ihnen sagte, fünf Meilen entfernt wartete.
Der Rettungszug kam nur langsam vorwärts. Denn die entsetzten Mannschaften der letzten ausfahrenden Züge hatten, um Platz in den Waggons zu gewinnen, viel Gestein hinausgeworfen, so daß die Strecke erst freigelegt werden mußte. Und dann kam der Rauch! Er ätzte, beizte, das Atmen wurde schwer. Aber der Zug fuhr vorwärts, bis die Scheinwerfer die Mauer von Qualm nicht mehr zu durchdringen vermochten. Auf diesem Rettungszug befanden sich kühne Ingenieure, die ihr Leben in die Schanze schlugen. Sie sprangen vom Zug, eilten mit Rauchmasken versehen weiter in den verqualmten Stollen hinein undschwangen Glocken. In der Tat gelang es ihnen, kleine erschöpfte Truppe, die schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, zu der letzten Anstrengung, noch tausend Meter bis zum Zug zurückzulegen, anzupeitschen.
Dann mußte auch dieser Zug weichen. Eine ganze Anzahl dieser Ingenieure erkrankte an Rauchvergiftung und zwei starben über Tag im Hospital.
Maud schlief an diesem Tag sehr lange. Sie hatte eine verreiste Pflegerin im Hospital vertreten und war erst um zwei Uhr zur Ruhe gegangen. Als sie erwachte, saß die kleine Edith schon aufrecht in ihrem Bettchen und flocht, um sich die Zeit zu vertreiben, ihr hübsches blondes Haar zu dünnen Zöpfchen.
Kaum hatten sie zu plaudern begonnen, als die Dienerin eintrat und Maud ein Telegramm überreichte. Im Tunnel habe sich ein großes Unglück ereignet, sagte sie mit unruhigen Augen.
„Warum bringen Sie mir das Telegramm erst jetzt?“ fragte Maud etwas unwillig.
„Der Herr hat mir telegraphiert, Sie ausschlafen zu lassen.“
Das Telegramm war von Allan unterwegs aufgegeben worden. Es lautete: „Katastrophe im Tunnel. Haus nicht verlassen. Ich komme gegen sechs Uhr abends.“
Maud erbleichte. Hobby! dachte sie. Ihr erster Gedanke galt ihm. Er war nach dem Abendessen in den Tunnel eingefahren; heiter und scherzend hatte er sich von ihr verabschiedet ...
„Was ist, Mami?“
„Es ist ein Unglück im Tunnel geschehen, Edith.“
„Sind viele Menschen tot?“ fragte die Kleine leichthin, mit singender Stimme, mit schönen kindlichen Gesten die Zöpfchen flechtend.
Maud antwortete nicht. Sie blickte vor sich hin. War er um diese Zeit tief drinnen in den Stollen gewesen?
Da schlang Edith die Arme um ihren Nacken und sagte tröstend:
„Du brauchst nicht traurig zu sein. Papa ist ja in Buffalo!“
Und Edith lachte, um Maud zu überzeugen, daß Papa in Sicherheit war.
Maud schlüpfte in den Bademantel und telephonierte in das Zentralbüro. Erst nach geraumer Zeit bekam sie Anschluß. Aber sie wußten nichts oder wollten nichts wissen. Hobby? Nein, von Mr. Hobby sei keine Nachricht da.
Tränen traten in Mauds Augen, rasche Tränen, die niemand sehen durfte. Beunruhigt und aufgeregt nahm sie mit Edith das Bad. Dieses Vergnügen genossen sie jeden Morgen. Es machte Maud ebenso kindliche Freude wie Edith, im Wasser zu plätschern, zu lachen und zu rufen im Badezimmer, wo die Stimmen so voll und merkwürdig widerhallten, die dampfende Brause sprühen zu lassen — und dann wurde sie kälter und kälter und die kleine Edith lachte, als ob man sie kitzle, weil es so eisig kalt wurde. Dann kam die Morgentoilette und dann das Frühstück. Das war Mauds schönste Stunde, die sie sich nicht nehmen ließ. Edith ging nach dem Frühstück in die „Schule“. Sie hatte ihr eigenes Schulzimmer mit einer schwarzen Tafel — so wünschte sie es — und einer richtigen kleinen Schulbank, denn sonst wäre es ja keine Schule gewesen.
Heute machte Maud das Bad kurz und mit dem Vergnügenwar es nichts. Edith versuchte die Mutter auf alle erdenkliche Art aufzuheitern und ihre kindlichen Bemühungen rührten Maud fast zu Tränen. Nach dem Bad telephonierte sie wieder ins Zentralbüro. Endlich gelang es ihr, Harriman zu sprechen, und er deutete ihr an, daß das Unglück leider größer sei, als man bis jetzt angenommen habe.
Maud wurde immer unruhiger. Nun erst fiel ihr Macs merkwürdige Weisung auf. „Das Haus nicht verlassen!“ Weshalb? Sie verstand Mac nicht. Sie ging durch die Gärten ins Hospital hinüber und unterhielt sich flüsternd mit den diensttuenden Pflegerinnen. Auch hier Unruhe und Bestürzung. Sie plauderte ein wenig mit ihren kleinen Kranken, aber sie war so zerstreut, daß ihr nichts Rechtes einfiel. Schließlich kehrte sie nur unruhiger und erregter in ihr Zimmer zurück.
„Warum soll ich das Haus nicht verlassen?“ dachte sie. „Es ist nicht recht von Mac, mir das Ausgehen zu verbieten!“
Sie versuchte es wieder mit dem Telephonieren, aber ohne Erfolg.
Dann nahm sie ein Tuch. „Ich will nachsehen,“ sagte sie halblaut zu sich. „Mac kann sagen, was er will. Warum soll ich zu Hause bleiben? Gerade jetzt! Die Frauen werden in Angst sein und brauchen gerade jetzt jemand, der ihnen zuredet.“
Aber sie legte das Tuch wieder weg. Sie holte Macs Telegramm aus dem Schlafzimmer und las es zum hundertstenmal.
Ja, warum denn? Warum denn eigentlich?
War die Katastrophe so groß?
Ja, aber gerade dann durfte sie unmöglich zurückstehen! Es war ihre Pflicht, den Frauen und Kindern beizuspringen.Sie wurde geradezu zornig über Mac und entschloß sich zu gehen. Sie wollte wissen, was eigentlich geschehen war. Aber doch zögerte sie noch immer, Macs sonderbare Weisung zu verletzen. Und dann war eine geheime Angst in ihr, sie wußte nicht warum. Endlich schlüpfte sie entschlossen in den gelben Gummimantel und band das Tuch übers Haar.
Sie ging.
Aber an der Türe überkam sie plötzlich ein unerklärliches Angstgefühl, daß sie heute, gerade heute, die kleine Edith nicht allein lassen dürfe. Ach, dieser Mac, all das hatte er angestiftet mit seiner dummen Depesche!
Nun holte sie Edith aus der „Schule“, hüllte sie in ein Cape und stülpte der vergnügten Kleinen die Kapuze über das blonde Haar.
„Ich komme in einer Stunde wieder!“ sagte Maud und sie gingen.
Über den nassen Gartenweg hüpfte ein Frosch und Maud erschrak, da sie beinahe auf ihn getreten wäre.
Edith jauchzte. „Hui, der kleine Frosch, Mama! Wie naß er ist! Warum geht er aus, wenn es regnet?“
Der Tag war elend, mißmutig und häßlich.
Auf der Straße wurde der Wind heftiger, es blies und der Regen stob schräg und kalt herab. „Und gestern war es noch so heiß,“ dachte Maud. Edith amüsierte es, mit großen Schritten über die Pfützen wegzustapfen. Nach wenigen Minuten sahen sie die Tunnelstadt liegen; mit ihren Bürohäusern, Schlöten und dem Wald von Kabelmasten lag sie grau und öde im Regen und Schmutz. Es fiel Maud sofort auf, daß keine Gesteinszüge liefen! Seit Jahren war es das erstemal! Aber die Schlöte qualmten wie immer.
Es ist ja gar nicht wahrscheinlich, daß er gerade am Ort der Katastrophe war, dachte sie. Der Tunnel ist so groß! Trotzdem aber irrten wirre und drohende Gedanken in ihr.
Plötzlich blieb sie stehen.
„Horch!“ sagte sie. Edith lauschte und sah dabei zur Mutter empor.
Ein Gewirr von Stimmen drang hierher. Und nun sahen sie auch Leute, eine graue tausendköpfige Menge, die sich bewegte. Es war aber im Dunst gar nicht zu erkennen, welche Richtung sie nahmen.
„Warum schreien die Leute?“ fragte Edith.
„Sie sind wegen des Unglücks beunruhigt, Edith. Wenn die Väter all der kleinen Kinder in Gefahr sind, so sind die Frauen natürlich in großer Sorge.“
Edith nickte und nach einer Weile sagte sie: „Es ist wohl eingroßesUnglück, Mama?“
Maud schauerte zusammen.
„Ich glaube, ja,“ antwortete sie, in Gedanken. „Es muß ein großes Unglück sein! Wir wollen rascher gehen, Edith.“ Maud schritt aus, sie wollte — ja, was wollte sie? Sie wollte handeln ...
Plötzlich sah sie einigermaßen erstaunt, daß die Leute näher kamen! Das Geschrei wurde lauter. Sie sah auch, daß eine Telegraphenstange, die im Augenblick noch aufrecht gestanden hatte, umsank und verschwand. Die Drähte über ihr zitterten.
Sie achtete nicht mehr auf Ediths lebhafte Fragen, sondern eilte rasch und erregt vorwärts. Was taten sie? Was war geschehen? Ihr wurde ganz heiß im Kopf und einen Augenblick dachte sie daran, umzukehren und sich ins Haus einzuschließen, wie Mac ihr befohlen hatte.
Aber es erschien ihr feige, unglückliche Menschen zu fliehen aus Angst vor dem Anblick fremden Unglücks. Wenn sie auch nicht viel nützen konnte, so konnte sie doch gewiß etwas tun. Und alle kannten sie ja, die Weiber und die Männer und grüßten sie und erwiesen ihr kleine Dienste, wo immersie erschien! Und Mac? Was würde Mac getan haben, wenn er hier wäre? Mitten unter ihnen würde er stehen ...! dachte Maud.
Die Menge wälzte sich heran.
„Weshalb schreien sie denn nur so?“ fragte Edith, die ängstlich zu werden begann. „Und warum singen sie, Mama?“
Ja, in der Tat, sie sangen! Ein heulender, wirrer Gesang kam mit ihnen näher. Schreie und Rufe drangen daraus hervor. Es war ein ganzesHeer, verstreut über das graue Schuttfeld, Kopf an Kopf. Und Maud sah, daß eine Rotte eine kleine Feldlokomotive mit Steinwürfen demolierte.
„Mama —?“
„Was war das? Ich hätte nicht ausgehen sollen,“ dachte Maud und blieb erschrocken stehen. Nun aber war es zu spät umzukehren ...
Man hatte sie entdeckt. Sie sah, daß die vorderen die Arme gegen sie reckten und plötzlich ihren Weg verließen und auf sie zukamen. Zu ihrem Schrecken bemerkte sie, daß sie liefen und rannten. Aber sie faßte wieder Mut, als sie sah, daß es meistens Frauen waren. „Es sind ja nur Frauen ...“
Sie ging ihnen entgegen, plötzlich von grenzenlosem Mitleid für diese Armen erfüllt. Oh, Gott, es mußte etwas Grauenhaftes geschehen sein!
Der erste Trupp der Weiber keuchte heran.
„Was ist denn geschehen?“ rief Maud und ihre Anteilnahme war ungeheuchelt. Aber Maud erbleichte, als sie die Gesichter der Frauen sah. Sie sahen alle irrsinnig aus, verstört, triefend vom Regen, nur halb angekleidet, und ein wildes Feuer brannte in all den hundert Augen.
Man hörte sie nicht. Man antwortete ihr nicht. Die verzerrten Mäuler heulten triumphierend und schrill.
„Alle sind tot!“ gellten ihr Stimmen entgegen, in allen Tonarten, in allen Sprachen. Und plötzlich schrie eine Frauenstimme: „Das ist Macs Weib, schlagt sie tot!“
Und Maud sah — sie traute ihren Augen nicht — daß ein zerlumptes Weib mit zerfetztem Kittel und vor Wut schielenden Augen einen Stein aufhob. Der Stein schwirrte durch die Luft und streifte ihren Arm.
Sie zog instinktiv die kleine, blasse Edith an sich und richtete sich auf.
„Was hat euch denn Mac getan?“ rief sie und ihre Augen irrten voller Angst umher. Niemand hörte sie.
Die Rasenden hatten sie erkannt, das ganze wilde Heer von tobenden Menschen. Ein Geheul, das wie ein einziger Schrei klang, brandete empor. Steine schwirrten plötzlich von allen Seiten durch die Luft und Maud zuckte zusammen und zitterte am ganzen Körper. Nun sah sie, daß es Ernst war! Sie wandte sich um, aber überall waren sie, alle in zehn Schritt Abstand, sie war umzingelt. Und in all den Augen, in die ihr irrender entsetzter Blick hilfesuchend tauchte, brannte dieselbe Glut: Haß und Wahnsinn. Maud begann zu beten und der kalte Schweiß schlug aus ihrer Stirn: „Mein Gott — mein Gott — beschütze mein Kind!“
Unaufhörlich aber gellte eine Weiberstimme, wie ein schrilles Signal: „Schlagt sie tot! Mac soll bezahlen!“
Da traf ein Steinblock Ediths Brust, so heftig, daß sie wankte.
Die kleine Edith schrie nicht. Nur ihre kleine Hand zuckte in Mauds Hand und sie sah erschrocken zur Mutter empor, mit verwunderten Augen.
„O Gott, was tut ihr?“ schrie Maud und kauerte sich nieder und umschlang Edith. Und die Tränen stürzten ihr vor Angst und Verzweiflung aus den Augen.
„Mac soll bezahlen!“
„Mac soll wissen, wie es tut!“
Ho! Ho! O, all diese rasenden Körper und unbarmherzigen Augen. Und die Hände schwangen Steine ...
Wäre Maud feige gewesen, hätte sie sich in die Knie geworfen und die Hände ausgestreckt, vielleicht hätte sie im letzten Augenblick noch in diesen rasenden Menschen ein menschliches Gefühl entfachen können. Aber Maud, die kleine sentimentale Maud, wurde plötzlich mutig! Sie sah, daß Edith aus dem Mund blutete und totenbleich geworden war, die Steine hagelten, aber sie flehte nicht um Gnade.
Sie richtete sich plötzlich rasend auf, ihr Kind an sich gezogen, und schrie mit funkelnden Augen in all diese haßerfüllten Gesichter hinein: „Ihr seid Tiere! Gesindel seid ihr, schmutziges Gesindel! Wenn ich meinen Revolver hätte — niederschießen würde ich euch, wie Hunde! O, ihr Tiere! Ihr feigen, gemeinen Tiere!“
Da traf Maud ein mit großer Wucht geschleuderter Stein an die Schläfe und sie stürzte, mit den Händen ausgreifend, ohne Laut über Edith hinweg zu Boden. Maud war klein und leicht, aber es klang, als sei ein Pfahl niedergestürzt und das Wasser spritzte empor.
Ein wildes Triumphgeheul erscholl. Schreie, Gelächter, wirre Rufe: „Mac soll bezahlen! Ja bezahlen soll er, am eigenen Leibe soll er fühlen — in der Falle fing er sie — Tausende —“
Nun aber wurde kein Stein mehr geschleudert! Die rasende Menge zog plötzlich weiter. „Laßt sie liegen, sie werden schon von selbst aufstehen!“ Nur die fanatische Italienerin beugte sich noch mit ihren entblößten hängenden Brüsten über die am Boden Liegenden und spie nach ihnen. Und nun die Häuser der Ingenieure! Fort, vorwärts! Alle sollten sie daran glauben! Aber die Wut war nach dem Überfall auf Maud abgekühlt. Alle hatten dasdumpfe Gefühl, daß hier etwas geschehen sei, das nicht in Ordnung war. Truppe lösten sich ab und verstreuten sich über das Schuttfeld. Hunderte blieben unauffällig zurück und stolperten quer über die Schienen. Als die wütende Kopfgruppe, von der Italienerin angeführt, die Villen der Ingenieure erreichte, war sie so zusammengeschmolzen, daß ein einziger Polizist sie in Schach halten konnte.
Sie zerstreute sich nach und nach.
Und nun brach wieder der Schmerz aus, das Elend, die Verzweiflung. Überall liefen Frauen, die in die Schürze weinten. Im Regen liefen sie, im Wind, sie stolperten und achteten nicht auf den Boden.
Alle hatten sich rasend, grausam und schadenfroh, fortgerissen von einem dunkeln Massenwahnsinn, von Maud und Edith entfernt und die beiden lagen eine lange Zeit im Regen, mitten im Schuttfeld, von niemand beachtet.
Dann kam ein kleines Mädchen von zwölf Jahren mit herabhängenden roten Strümpfen zu ihnen. Sie hatte mit angesehen, wie man „Macs wife“ mit Steinen beworfen hatte. Sie kannte Maud, denn sie war im vorigen Jahr lange Wochen im Hospital gelegen.
Dieses Mädchen wurde von einem schlichten menschlichen Impuls hierhergetrieben. Da stand sie nun mit ihren herabhängenden Strümpfen und wagte sich nicht heran. In einiger Entfernung standen ein paar Frauen und Männer, die sich ebenfalls nicht heranwagten. Endlich ging das Mädchen etwas näher, bleich vor Angst und da hörte sie ein leises Wimmern.
Sie wich erschrocken zurück und begann plötzlich rasch zu laufen.
Das Hospital lag wie ausgestorben im rieselnden Regen und das Mädchen wagte nicht zu klingeln. Erst als jemandaus der Türe kam, eine Aufwärterin, trat das Mädchen ans Gitter und sagte, in die Richtung der Station deutend: „Sie liegen da drüben!“
„Wer liegt da drüben?“
„Macs wife and his little girl!“
Drunten in den Stollen liefen sie aber zu dieser Zeit immer noch ...
Allan erfuhr bei seiner Ankunft in New York durch eine Depesche Harrimans, daß Maud und Edith vom Pöbel attackiert worden seien. Nicht mehr. Harriman besaß weder den Mut noch die Grausamkeit, Allan die ganze schreckliche Wahrheit zu sagen: daß Maud tot war und sein Kind im Sterben lag.
Als der Abend dieses entsetzlichen Tages dämmerte, kam Allan im Automobil von New York an. Er steuerte selbst, wie immer, wenn er eine außerordentliche Geschwindigkeit fuhr.
Sein Wagen flog in einem Höllentempo mitten durch die unabsehbare Menge von Weibern, Tunnelmännern, Journalisten und Neugierigen, die ihre Regenschirme aufgespannt hatten, zum Stationsgebäude. Jedermann kannte seinen schweren, staubgrauen Car und das Knarren seiner Hupe.
Im Augenblick war der Car von einer erregten Menge umringt. „Da ist Mac!“ schrien sie. „Da ist er! Mac! Mac!“
Aber als Allan sich erhob, schwiegen sie plötzlich still. Der Nimbus, der seine Person umgab, dieser Nimbus aus Karriere, Genie, Kraft erblaßte auch jetzt nicht und flößteder Menge Scheu und Achtung ein. Ja, nie erschien ihnen Allan achtunggebietender als in dieser Stunde, da ihn das Schicksal zerschmetterte. Und doch hatten sie, als sie da drinnen im Rauch um ihr Leben liefen, geschworen, ihn niederzuschlagen, wo sie ihn auch träfen.
„Macht Platz!“ schrie Allan mit lauter Stimme. „Es ist ein Unglück geschehen, das bedauern wir alle! Wir werden retten, was zu retten ist!“
Nun aber schwirrten von allen Seiten Stimmen auf. Es waren die gleichen Ausrufe, die man schon seit heute morgen ausstieß. „Du bist schuld ... Tausende sind tot ... in einer Falle hast du sie gefangen ...“
Allan blieb ruhig, den Fuß auf dem Trittbrett. Mit einem ungehaltenen, kühlen Blick begegnete er den erregten Stimmen, während sich sein breites Gesicht verfinsterte. Plötzlich aber — als er die Lippen öffnete zu einer Erwiderung — zuckte er zusammen. Ein Ruf hatte sein Ohr getroffen, der höhnische Wutschrei einer Frau, und dieser Schrei schnitt durch seinen ganzen Körper und er hörte die anderen Stimmen gar nicht mehr. Nur diesen einen gleichen Schrei, der wieder und wieder unerbittlich und furchtbar an sein Ohr hämmerte:
„Sie haben deine Frau und dein Kind erschlagen ...“
Allan wuchs, streckte sich, als wolle er weiter sehen, sein Kopf machte eine hilflose Drehung auf den breiten Schultern, sein dunkles Gesicht wurde plötzlich fahl und sein gesammelter Blick zerrann in den Augen und flackerte entsetzt. In allen Augen ringsum las er, daß diese schreckliche Stimme die Wahrheit sagte. Alle Augen schrien ihm das Entsetzliche zu.
Da verlor Allan die Herrschaft über sich. Er war der Sohn eines Bergmanns, ein Arbeiter wie sie alle, und sein erstes Gefühl war nicht Schmerz, sondern Wut.
Er warf den Chauffeur zur Seite und ließ den Wagen anspringen, bevor er noch hinter dem Steuerrad saß. Der Car stürzte sich mitten in die Menge hinein, die sich schreiend und entsetzt zur Seite warf.
Dann sahen sie ihm nach, wie er in die regengraue Dämmerung hineinschoß.
„Da hat er es nun!“ schrien höhnende Stimmen durcheinander. „Nun weiß er, wie es tut!“
Einzelne dagegen schüttelten den Kopf und sagten: „Es war nicht recht — eine Frau, ein kleines Kind ...“
Die rasende Italienerin aber schrie höhnend und gellend: „Ich habe die ersten Steine geworfen. Ich! Ich habe sie an die Stirn getroffen! Ja, hin mußten sie werden.“
„Ihn hättet ihr erschlagen sollen! Mac! Mac ist schuld! Aber seine Frau? Sie war ja ein so gutes Mädchen!“
„Erschlagt Mac!“ schrie die Italienerin, nach Luft ringend, im höchsten Diskant ihres schlechten Englisch. „Kill him!Schlagt ihn tot wie einen Hund!“
Das Haus lag verlassen in der elenden Dämmerung. Allan sah es an und wußte genug. Während er über den knirschenden Kiesweg des Vorgartens schritt, drängte sich ihm ein Erlebnis in den Sinn, das er vor Jahren, beim Bau der Bolivia-Anden-Bahn, gehabt hatte. Damals bewohnte er mit einem Freund eine Baracke zusammen und diesen Freund hatten Streikende erschossen. Er, Allan, kam ahnungslos von der Arbeit zurück, aber ganz rätselhafterweise machte die Baracke, in der der ermordete Freund lag, einen fremden, unerklärlich veränderten Eindruck auf ihn. Die gleiche Atmosphäre umlagerte sein Haus.
Im Vestibül roch es nach Karbol und Äther. Als er Ediths weißen kleinen Pelzmantel hängen sah, wurde es plötzlich dunkel vor seinen Augen und er wäre fast zusammengebrochen. Da hörte er eine Dienerin schluchzendrufen: „Der Herr — der Herr —!“ und bei dem Klang des Schmerzes und hilflosen Jammers dieser fremden Stimme faßte er sich wieder. Er trat in das halbfinstere Wohnzimmer, wo ihm ein Arzt entgegenkam.
„Herr Allan —!“
„Ich bin vorbereitet, Doktor,“ sagte Allan halblaut, aber mit solch ruhiger, alltäglicher Stimme, daß ihm der Arzt mit einem raschen Blick verwundert in die Augen sah. „Auch das Kind, Doktor?“
„Ich befürchte, es ist nicht zu retten. Die Lunge ist verletzt.“
Allan nickte stumm und ging zur Treppe. Es war ihm, als wirbele das helle klingende Gelächter seines kleinen Mädchens durch das Stiegenhaus. Oben stand eine Schwester, an Mauds Schlafzimmer, und gab Allan ein Zeichen.
Er trat ein. Es brannte nur eine Kerze im Zimmer. Maud lag auf dem Bett, langgestreckt, sonderbar flach, wächsern, starr. Ihr Antlitz war schön und friedevoll, aber es schien, als ob eine kleine, demütige und bescheidene Frage in ihren blutleeren Zügen stehen geblieben sei, ein leises Erstaunen auf ihren halb geöffneten fahlen Lippen. Der Spalt ihrer geschlossenen Augen glänzte feucht, wie von einer letzten kleinen Träne, die zerflossen war. Nie in seinem Leben vergaß Allan dieses feuchte Glänzen unter Mauds fahlen Lidern. Er weinte nicht, er schluchzte nicht, er saß mit offenem Mund neben ihrem letzten Lager und sah Maud an. Das Unbegreifliche hatte seine Seele gelähmt. Er dachte nichts. Aber die Gedanken gingen blaß und wirr in seinem Kopfe hin und her, er achtete ihrer nicht. Das war sie, seine kleine Madonna. Er hatte sie geliebt, er hatte sie aus Liebe geheiratet. Er hatte ihr, die aus einfachen Verhältnissen herauskam, ein glänzendes Leben geschaffen. Er hatte sie behütet und ihr täglich gesagt,auf die Automobile acht zu geben. Er hatte immer Angst um sie gehabt, ohne es ihr je zu sagen. Er hatte sie in den letzten Jahren vernachlässigt, weil ihn die Arbeit verschlang. Aber er hatte sie deshalb nicht weniger geliebt. Sein kleiner Narr, seine gute, süße Maud, das war sie nun. Verflucht sei Gott, wenn es einen gab, verflucht sei das hirnlose Schicksal!
Er nahm Mauds kleine, runde Hand und betrachtete sie mit hohlen, verbrannten Augen. Die Hand war kalt, aber sie mußte es ja sein, denn sie war tot, und die Kälte schreckte ihn nicht. Jede Linie dieser Hand kannte er, jeden Nagel, jedes Gelenk. Über die linke Schläfe hatte man den braunen seidigen Scheitel tiefer gestrichen. Aber er sah durch das Gespinst des Haares hindurch ein bläuliches, unscheinbares Mal. Hier hatte der Stein sie getroffen, dieser Stein, den er Tausende von Metern tief unter dem Meere hatte aus dem Berge sprengen lassen. Verflucht seien die Menschen und er selbst! Verflucht sei der Tunnel!
Ahnungslos war sie dem bösartigen Schicksal begegnet, als es blind und weitausschreitend vor Wut des Weges kam. Warum hatte sie seine Weisung nicht befolgt? Er hatte sie ja nur vor Schmähungen beschützen wollen.
Daranhatte er nicht gedacht! Warum war er nicht hier, gerade heute?
Allan dachte daran, daß er selbst zwei Menschen niedergeschossen hatte, als sie damals die Mine Juan Alvarez stürmten. Er hätte, ohne sich zu besinnen, Hunderte niedergeschossen, um Maud zu verteidigen. Er wäre ihr ins tiefe Meer gefolgt, keine Phrase, er hätte sie gegen hunderttausend wilde Tiere verteidigt, solange er noch einen Finger bewegen konnte. Aber er war nicht hier ...
Die Gedanken irrten in seinem Kopf, Liebkosungen und Flüche, aber er dachte gar nichts.
Da pochte es zaghaft an der Tür. „Herr Allan?“
„Ja?“
„Herr Allan ... Edith ...“
Er stand auf und sah nach, ob die Kerze fest im Leuchter stecke, damit sie nicht etwa umfalle. Dann ging er zur Tür und von hier aus sah er Maud nochmals an. In seinem Geiste sah er, wie er sich selbst über die geliebte Frau warf, sie umschlang, schluchzte, schrie, betete, sie um Verzeihung bat für jeden Augenblick, da er sie nicht glücklich gemacht hatte — in Wirklichkeit aber stand er an der Tür und sah sie an.
Dann ging er.
Auf dem Wege zum Sterbezimmer seines kleinen Mädchens holte er seine letzten Kräfte aus der Tiefe seines Herzens herauf. Er wappnete sich, indem er sich alle schrecklichen Augenblicke seines Lebens ins Gedächtnis zurückrief, all jene Unglücklichen, die das Dynamit zerfetzt und Gesteinssplitter perforiert hatten; jenen einen, den das Schwungrad mitnahm und an der Wand zerquetschte ... Und als er über die Schwelle trat, dachte er: „Denke daran, wie du einst Pattersons abgeschabten Stiefelschaft im verschütteten Flöz gespürt hast ...“
Er kam gerade noch recht, um die letzten erlöschenden Atemzüge seines kleinen süßen Engels zu erleben. Ärzte, Pflegerinnen und Dienstboten standen im Zimmer umher, die Mädchen weinten und selbst die Ärzte hatten Tränen in den Augen.
Aber Allan stand stumm und trocknen Auges da. „Denke, im Namen der Hölle, an Pattersons abgeschabten Stiefel, denke und schlage nicht hin vor den Leuten.“
Nach einer Ewigkeit richtete sich der Arzt am Bett auf und man hörte ihn atmen. Allan dachte, die Leute würden das Zimmer verlassen, aber sie blieben alle.
Da trat er ans Bett und streichelte Ediths Haar. Wäre er allein gewesen, so hätte er gerne nochmals ihren kleinen Körper in den Händen gefühlt, so aber wagte er nicht mehr zu tun.
Er ging.
Als er die Treppe hinabstieg, brach plötzlich lautes, jammerndes Geschrei über seinem Kopf zusammen, aber es war in Wahrheit ganz still bis auf ein leises Schluchzen.
Unten stieß er auf eine Pflegerin. Sie blieb stehen, da sie sah, daß er ihr etwas zu sagen wünschte.
„Fräulein,“ sagte er endlich mit großer Mühe, „wer sind Sie?“
„Ich bin Fräulein Evelin.“
„Fräulein Evelin,“ fuhr Allan fort, fremd, flüsternd, weich klang seine Stimme, „ich möchte Sie um einen Dienst bitten. Ich selbst will es nicht, ich kann es nicht — ich möchte eine kleine Strähne Haar von meiner Frau und meinem Kind gern aufbewahren. Könnten Sie das besorgen für mich? Aber niemand darf es wissen. Wollen Sie mir das versprechen?“
„Ja, Herr Allan.“ Sie sah, daß seine Augen voll Wasser standen.
„Ich werde Ihnen mein ganzes Leben lang dankbar sein, Fräulein Evelin.“
Im dunklen Wohnzimmer saß in einem Sessel eine Gestalt, eine schlanke Frau, die leise weinte und das Gesicht ins Taschentuch preßte. Als er vorbeikam, stand die Frau auf und streckte ihm die blassen Hände entgegen und flüsterte: „Allan —!“
Aber er ging vorüber und erst viele Tage später fiel ihm ein, daß die Frau Ethel Lloyd gewesen war.
Allan ging in den Garten hinunter. Es schien ihm schrecklich kalt geworden zu sein, tiefer Winter, und er wickeltesich fest in den Mantel. Eine Weile ging er auf dem Tennisplatz hin und her, dann schritt er zwischen nassen Büschen hinab zum Meer. Das Meer leckte und rauschte und warf gleichmäßig atmend seine Gischtkrausen über den nassen, glatten Sand.
Allan blickte über die Büsche und sah auf den Giebel des Hauses. Dort lagen sie. Und er blickte nach Südosten über das Meer. Dort unten lagen die andern. Dort unten lag Hobby, mit verkrampften Fingern und dem zurückgebogenen Hals der Erstickten.
Es wurde immer kälter. Ja, ein schauerlicher Frost schien vom Meer herzukommen. Allan war ganz aus Eis. Er fror. Seine Hände erstarrten genau wie in größter Winterkälte und sein Gesicht wurde steif. Er sah aber ganz deutlich, daß nicht einmal der Sand gefroren war, obwohl es knisterte, als zertrete er feine Eiskristalle.
Allan ging eine Stunde im Sand auf und ab. Es wurde Nacht. Dann ging er durch den vereisten, gefrorenen Garten hindurch und trat auf die Straße.
Andy, der Chauffeur, hatte die Lampen eingeschaltet.
„Fahre mich zur Station, Andy, fahre langsam!“ sagte Allan, tonlos und heiser, und stieg in den Wagen.
Andy wischte sich die Nase am Ärmel ab und sein Gesicht war naß von Tränen.
Allan vergrub sich in den Mantel und zog die Mütze tief über den Kopf. „Es ist merkwürdig,“ dachte er, „als ich von der Katastrophe hörte, habe ich zuerst an den Tunnel gedacht und dann erst an die Menschen!“ Und er gähnte. Er war so müde, daß er keine Hand rühren konnte.
Die Menschenmauer stand wie vorher, denn sie wartete auf die Rückkehr der Rettungszüge.
Niemand schrie mehr. Niemand schwang die Faust. Er war ihnen ja jetzt ähnlich geworden, er trug am gleichenSchmerz. Die Leute machten von selbst Platz, als Allan hindurchfuhr und ausstieg. Nie hatten sie einen Menschen so bleich gesehen.