7.

Allan betrat das kalte Beratungszimmer der Station, für gewöhnlich ein Wartsaal.

Auf den Baustellen gab es weder Zeremoniell noch Formalitäten. Niemand fiel es ein, den Hut abzunehmen oder sich irgendwie stören zu lassen. Heute aber verstummten augenblicklich die erregten Gespräche, und jene, die die Müdigkeit in einen Stuhl geworfen hatte, erhoben sich.

Harriman ging Allan mit verstörtem, erschöpftem Gesicht entgegen.

„Allan —?“ sagte er, lallend wie ein Betrunkener.

Aber Allan unterbrach ihn mit einer Handbewegung. „Später, Harriman.“

Er ließ sich aus der Kantine eine Tasse Kaffee bringen, und während er den Kaffee schlürfte, hörte er den Rapport der einzelnen Ingenieure an.

Er saß mit geducktem Kopf, sprungbereit, sah niemand an und schien kaum zuzuhören. Sein Gesicht war wie erstarrt vor Kälte, farblos, die Lippen bläulich angelaufen und weiß an den Rändern. Die bleigrauen Lider waren über die Augen gesunken, das rechte, das zuweilen nervös vibrierte, tiefer als das linke. Seine Augen aber hatten keinen menschlichen Blick mehr. Sie sahen aus wie Glasscherben, die böse glitzerten. Manchmal zitterten auch seine unrasierten Wangen und seine Lippen bewegten sich, als zerbeißeer Körner zwischen den Zähnen. Bei jedem Atemzug zuckten seine Nasenflügel, obgleich er lautlos atmete.

„Es steht also fest, daß Bärmann erschossen wurde?“

„Ja.“

„Und von Hobby hat man nichts gehört?“

„Nein. Aber man sah, daß er zum Vortrieb fuhr.“

Allan nickte und öffnete den Mund, als müsse er gähnen. „Go on!“

Der Tunnel war bis zum 340. Kilometer vollkommen in Ordnung und die von Ingenieuren bedienten Maschinen im Gang. Robinson, der die Rettungszüge führte, hatte telephoniert, daß der Rauch ein Vordringen über den 370. Kilometer hinaus unmöglich machte. Er kehre mit 152 Geretteten zurück.

„Wieviele sind demnach tot?“

„Nach den Kontrollmarken müssen es ungefähr 2900 sein.“

Lange, tiefe Pause.

Allans blaue Lippen zuckten, als kämpfe er gegen ein krampfhaftes Weinen. Er senkte den Kopf tiefer und schlürfte gierig den Kaffee.

„Allan!“ schluchzte Harriman.

Aber Allan sah ihn erstaunt und kühl an. „Go on!“

Robinson habe ferner telephoniert, daß Smith, der in der Station am 352. Kilometer arbeite, behaupte, es müsse tiefer drinnen eine Luftpumpe arbeiten, die telephonische Verbindung sei aber gestört.

Allan sah auf. „Hobby?“ dachte er. Aber er wagte es nicht, diese Hoffnung auszusprechen.

Dann kam Allan auf die Ereignisse über Tag zu sprechen. Harriman spielte keine glänzende Rolle. Müde, den schmerzenden Kopf in die Hand gestützt, saß er da, ohne einen Blick in den verquollenen Augen.

Als aber die Ausschreitungen und Zerstörungen erörtertwurden, wandte sich Allan mit einem plötzlichen Ruck an Harriman.

„Und wo waren Sie denn, Harriman?“ fragte er schneidend und voller Verachtung.

Harriman zuckte zusammen und hob die schweren Lider.

„Glauben Sie mir, Allan,“ schrie er erregt, „ich tat, was ich tun konnte! Ich versuchte alles. Ich konnte doch nicht etwa schießen!“

„Das sagenSie!“ rief Allan und seine Stimme wurde drohender. „Sie hätten sich den rabiaten Leuten entgegenwerfen müssen, wenn sie Ihnen auch ein paar Löcher in den Kopf geworfen hätten. Sie haben doch Fäuste — oder? Sie hätten auch schießen können — ja, zum Teufel, weshalb nicht? Ihre Ingenieure standen da, Sie hatten nur zu befehlen.“

Harriman wurde purpurrot. Sein dicker Nacken schwoll an. Der drohende Ton Allans ging ihm ins Blut. „Was reden Sie, Allan!“ erwiderte er aufgebracht. „Sie haben die Leute nicht gesehen, Sie waren nicht hier.“

„Ich war nicht hier, leider! Ich habe geglaubt, mich auf Sie verlassen zu können. Ich habe mich getäuscht! Sie werden alt, Harriman!Alt! Ich brauche Sie nicht mehr. Gehen Sie in die Hölle!“

Harriman fuhr auf und stellte die roten Fäuste auf den Tisch.

„Ja, gehen Sie in die Hölle!“ schrie Allan nochmals brutal.

Harriman wurde weiß bis in die Lippen und starrte konsterniert in Allans Augen. Diese Augen blendeten vor Verachtung, Unbarmherzigkeit und Brutalität. „Sir!“ keuchte er und richtete sich tief beleidigt auf.

Da sprang auch Allan auf und pochte mit den Knöcheln auf den Tisch, daß es prasselte. „Verlangen Sie jetzt keineHöflichkeiten von mir, Harriman!“ schrie er laut. „Gehen Sie!“ Und Allan deutete zur Türe.

Harriman schwankte und ging. Sein Gesicht war vor Schmach grau geworden. Es ging ihm durch den Sinn, Allan zu sagen, daß sein Sohn gestorben sei und er den ganzen Vormittag gegen eine doppelte Dosis Schlafmittel angekämpft habe. Aber er sagte nichts. Er ging.

Wie ein alter, gebrochener Mann ging er die Treppe hinunter, die Augen auf den Boden gerichtet. Ohne Hut.

„Harriman ist geflogen!“ höhnten die Leute. „Der Bull ist geflogen!“ Aber er hörte es nicht. Er weinte leise.

Nachdem Harriman das Zimmer verlassen hatte, ging Allan noch mit fünf Ingenieuren ins Gericht, die ihre Posten verlassen hatten und mit den fliehenden Mannschaften ausgefahren waren. Er entließ sie auf der Stelle.

Es blies ein verflucht scharfer Wind heute und die Ingenieure erwiderten kein Wort.

Hierauf verlangte Allan Robinson telephonisch zu sprechen. Ein Beamter rief die Stationen an und befahl ihnen, Robinsons Zug zu stoppen. Allan studierte unterdessen den Plan des zerstörten Stollens. Es war so still, daß man durch die zerschlagenen Scheiben den Regen hereintropfen hörte.

Zehn Minuten später stand Robinson am Apparat. Allan führte ein langes Gespräch mit ihm. Nichts von Hobby! Ob er, Robinson, es für möglich halte, daß noch Leute in den verqualmten Stollen lebten? Das sei nicht ausgeschlossen.

Allan gab seine Befehle. Nach ein paar Minuten flog ein Zug aus drei Waggons mit Ingenieuren und Ärzten die Trasse hinab und verschwand im Tunnel.

Allan führte selbst und der Zug raste in einem so tollen Tempo durch den dröhnenden leeren Tunnel, daß AllansBegleiter, die an große Geschwindigkeiten gewöhnt waren, unruhig wurden. Nach einer knappen Stunde begegneten sie Robinson. Sein Zug war voller Menschen. Die Leute auf den Waggons, die Allan Rache geschworen hatten, murrten laut, mit finstern Mienen, als sie ihn in der Finsternis beim Schein der Lampen erkannten.

Allan fuhr weiter. Er bog bei der nächsten Weiche auf Robinsons Geleise über, weil er sicher war, es frei zu finden, und verminderte sein rasendes Tempo erst, als sie mitten im Rauch waren.

Selbst hier in den verqualmten Stationen arbeiteten Ingenieure. Sie hatten die eisernen Schiebetüren zugezogen, an denen sich der Rauch wie ein Gebirge zusammengeballter Wolken vorüberwälzte. Aber die Stationen waren trotzdem so sehr mit Rauch angefüllt, daß ein längerer Aufenthalt nur möglich war, weil die Maschinen fortwährend neue Luft einpreßten und genügend Sauerstoffapparate vorhanden waren. Wie für Allan war der Tunnel für die Ingenieure ein Werk, für das sie Gesundheit und Leben einsetzten.

In der Station am 352. Kilometer trafen sie Smith, der hier mit zwei Maschinisten die Maschinen bediente. Er wiederholte, daß eine Luftpumpe tiefer im Tunnel in Gang sein müsse, und Allan dachte wieder an Hobby. Wenn ihm das Schicksal doch wenigstens den Freund erhalten hätte!

Er drang sofort tiefer in den Stollen ein. Aber der Zug kam nur langsam vorwärts, denn häufig versperrten Steinblöcke den Weg. Der Rauch war so dick, daß der Lichtkegel der Scheinwerfer wie von einer Mauer abprallte. Nach einer halben Stunde wurde der Train von einer großen Menge Leichen aufgehalten. Allan stieg ab und ging, die Rauchmaske vor dem Gesicht, in den Rauch hinein. Im Augenblick war seine Blendlampe verschwunden.

Es war vollkommen still um ihn. Kein Laut, nur das Ventil seines Sauerstoffapparates knackte leise. Allan stöhnte. Hier hörte ihn ja niemand. Seine Brust war eine einzige tobende Wunde. Stöhnend und knirschend wie ein verwundetes Tier wanderte er vorwärts und zuweilen wollte er zusammenbrechen unter der ungeheuren Last seines ungeheuren Schmerzes.

Alle paar Schritte stieß er auf Körper. Aber wenn er sie ableuchtete, so waren es stets unzweifelhaft tote Menschen, die ihn anstarrten aus gräßlich verzerrten Gesichtern. Hobby war nicht unter ihnen.

Plötzlich hörte er ein Keuchen und hob die Lampe. Gleichzeitig berührte eine Hand seinen Arm und eine keuchende Stimme flüsterte: „Sauvé!“ Ein Mensch brach vor ihm zusammen. Es war ein junger Bursche, der nur eine Hose trug. Allan nahm ihn auf die Arme und trug ihn zurück zum Zuge und er erinnerte sich, daß ihn einst ein Mann in ähnlicher Situation durch einen dunklen Stollen getragen hatte. Die Ärzte brachten den Ohnmächtigen rasch ins Bewußtsein zurück. Er hieß Charles Renard, Kanadier, und erzählte, daß die Wetterführung drinnen funktioniere und er diesem Umstand sein Leben verdanke. Ob er noch Zeichen von Leben in den Stollen beobachtet habe?

Der Gerettete nickte. „Ja,“ sagte er, „ich habe zuweilen Gelächter gehört.“

„Gelächter??“ Sie sahen einander entsetzt an.

„Ja, Gelächter. Ganz deutlich.“

Allan verlangte telephonisch Züge und Ablösungen.

Augenblicklich drang er wieder vor. Die Glocke gellte. Es war eine mörderische Arbeit und der Rauch trieb sie häufig zurück. Gegen Mittag gelang es ihnen, bis in die Nähe des 380. Kilometers vorzudringen und hier vernahmen sie plötzlich ein schrilles, fernes Lachen. DieserLaut in dem schweigenden, rauchenden Stollen war das Entsetzlichste, was sie je gehört hatten. Sie erstarrten und niemand atmete. Dann eilten sie weiter. Das Lachen wurde immer deutlicher, es klang wild und irrsinnig, so wie es die Taucher zuweilen aus verunglückten Unterseebooten gehört haben, in denen die Besatzung erstickte.

Schließlich erreichten sie eine kleine Station und drangen ein. Da sahen sie im Dunst zwei, drei, vier Menschen, die sich am Boden wälzten, tanzten unter schauerlichen Verrenkungen und dabei fortwährend ein schrilles, delirierendes Gelächter ausstießen. Die Luft pfiff aus der Wetterführung in die Station, so daß die Unglücklichen am Leben geblieben waren. In ihrer nächsten Nähe befanden sich Sauerstoffapparate — unberührt.

Die Unglücklichen aber schrien vor Entsetzen auf und wichen zurück, als sie plötzlich Licht sahen und Menschen mit Masken vor dem Gesicht. Sie flohen alle in eine Ecke, wo ein toter Mann ausgestreckt und still lag, beteten und winselten vor Angst. Es waren Italiener.

„Ist hier jemand, der italienisch spricht?“ fragte Allan. „Nehmen Sie die Masken ab.“

Ein Arzt trat vor und begann, vom Husten erstickt, mit den Wahnsinnigen zu sprechen.

„Was sagen sie?“

Der Arzt konnte vor Entsetzen kaum reden.

„Wenn ich sie richtig verstehe, so glauben sie, sie seien in der Hölle!“ sagte er mit Anstrengung.

„So sagen Sie ihnen in Gottes Namen, wir seien gekommen, sie in den Himmel zu führen,“ rief Allan.

Der Arzt sprach und sprach und endlich verstanden sie ihn.

Sie weinten, sie knieten, sie beteten und streckten flehend die Hände aus. Als man sich ihnen aber näherte, begannen sie zu rasen. Sie mußten einzeln überwältigt und gebundenwerden. Einer starb auf der Ausfahrt, zwei kamen in eine Anstalt, der vierte aber erholte sich rasch und war gesund.

Allan kehrte von dieser Expedition halb bewußtlos nach Smiths Station zurück. Wollte das Entsetzen kein Ende nehmen? Er saß da, rasch atmend, vollkommen erschöpft. Er war nun sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf.

Aber die Ärzte drangen vergebens in ihn, auszufahren.

Der Rauch kroch vorwärts. Langsam, schrittweise, wie ein bewußtes Wesen, das erst tastet, bevor es einen Schritt macht. Er leckte in die Querschläge hinein, in die Stationen, schlüpfte an der Decke entlang und füllte alle Räume aus. Die Grubenventilatoren saugten, die Pumpen preßten Millionen von Kubikmetern frische Luft hinein. Und endlich, ganz unmerklich, begann der Rauch dünner zu werden.

Allan erwachte und blickte mit schmerzenden, entzündeten Augen in den milchigen Dunst hinein. Er wußte nicht sofort, wo er war. Dicht vor ihm lag eine niedrige, langgestreckte Maschine aus blankem Stahl und Kupfer, deren Mechanismus lautlos spielte. Das halb in den Boden versenkte Schwungrad schien still zu stehen, aber als er es länger betrachtete, entdeckte er auf und ab gleitende Glanzstreifen: es machte neunhundert Umdrehungen in der Minute und war so genau gearbeitet, daß es den Eindruck des Stillstehens hervorrief. Da fiel ihm auch ein, wo er sich befand. Er war noch immer in Smiths Station. Eine Gestalt wogte im Nebel.

„Sind Sie es, Smith?“

Die Gestalt kam näher und er erkannte Robinson.

„Ich habe Smith abgelöst, Allan,“ sagte Robinson, ein langer, magerer Amerikaner.

„Habe ich lange geschlafen?“

„Nein, eine Stunde.“

„Wo sind die andern?“

Robinson berichtete, daß die andern die Strecke freizumachen versuchten. Der Rauch verteile sich und werde erträglicher. In der neunzehnten Station (380. Kilometer) befänden sich noch sieben Menschen am Leben.

Immer noch Lebende? Barg dieser schauerliche Stollen immer noch Menschen?

Und Robinson berichtete weiter, daß in der neunzehnten Station ein Ingenieur namens Strom die Maschinen bediene. Er habe sechs Menschen aufgenommen und alle befänden sich wohl. Die Ingenieure hätten sie noch nicht erreichen können, die telephonische Verbindung aber hergestellt und mit der Station gesprochen.

„Ist Hobby unter ihnen?“

„Nein.“

Allan blickte zu Boden. Und nach einer Pause sagte er: „Wer ist das — Strom?“

Robinson zuckte die Achseln.

„Das ist das Sonderbare. Niemand kennt ihn. Er ist kein Tunnelingenieur.“

Da erinnerte sich Allan, daß Strom ein Elektrotechniker war, der auf einem der Kraftwerke auf den Bermudas arbeitete. Später stellte sich folgendes heraus: Strom hatte lediglich den Tunnel besichtigt. Er war zur Zeit der Explosion in Bärmanns Bezirk gewesen und hatte die neunzehnte Station etwa drei Kilometer hinter sich. Diese Station hatte er vor einer Stunde besichtigt, und da er derBedienungsmannschaft dieser Station kein großes Vertrauen schenkte, so war er sofort zurückgekehrt. Strom war der einzige, der in den Tunnelhineinwanderte, anstatt auswärts zu fliehen.

Ein paar Stunden später traf ihn Allan. Strom hatte achtundvierzig Stunden lang gearbeitet, aber niemand sah ihm eine Erschöpfung an. Es fiel Allan besonders auf, wie ordentlich sein Haar noch gescheitelt war. Strom war nicht groß, schmalbrüstig, kaum dreißig Jahre alt, ein Deutschrusse aus den baltischen Provinzen, mit magerem bewegungslosen Gesicht, dunkeln kleinen Augen und schwarzem Spitzbart.

„Ich wünsche, daß wir Freunde werden, Strom!“ sagte Allan zu dem jungen Mann, dessen Kühnheit er bewunderte, und drückte ihm die Hand.

Aber Strom veränderte keine Miene und machte nur eine kleine höfliche Verbeugung.

Strom hatte sechs verzweifelte Läufer in seiner Station aufgenommen. Die Türritzen gegen den Stollen hatte er mit ölgetränktem Werg verstopft, so daß die Luft verhältnismäßig erträglich war. Strom hatte ununterbrochen Luft und Wasser in den brennenden Stollen gepumpt. Er hätte seine Position aber höchstens noch drei Stunden halten können, dann wäre er elend erstickt — und er wußte es ganz genau!

Von dieser vorgeschobenen Station aus mußten sie zu Fuß vordringen. Über entgleiste, umgestürzte Waggons, Gesteinshaufen, Schwellen und geknickte Pfosten kletterten sie Schritt für Schritt vorwärts, in den Rauch hinein. Hier lagen die Leichname in Haufen! Dann kam eine freie Strecke und sie schritten rasch aus.

Plötzlich blieb Allan stehen.

„Horch!“ sagte er. „War das nicht eine Stimme?“

Sie standen und lauschten. Sie hörten nichts.

„Ich hörte deutlich eine Stimme!“ wiederholte Allan. „Lauschen Sie, ich werde rufen.“

Und in der Tat, auf Allans Ruf antwortete ein feiner, leiser Ton, so wie eine Stimme ganz fern in der Nacht klingt.

„Es ist jemand im Stollen!“ sagte Allan erregt.

Nun glaubten auch die andern einen feinen, fernen Ruf zu vernehmen.

Rufend und aufhorchend suchten sie den finstern Stollen ab. Zuletzt stießen sie in einem Querschlag, in den die Wetterführung wie ein Sturmwind hineinpfiff, auf einenGreis, der am Boden saß und den Kopf gegen die Wand lehnte. Neben ihm lag ein toter Neger mit einem runden offenen Mund voller Zähne. Der Greis lächelte schwach. Er machte den Eindruck eines Hundertjährigen, abgemagert, welk, mit schneeweißen dünnen Haaren, die im Luftzug flatterten. Seine Augen waren unnatürlich aufgerissen, so daß rings um die Pupillen die weiße Hornhaut sichtbar war. Er war zu erschöpft, um sich noch bewegen zu können, er vermochte nur noch zu lächeln.

„Ich wußte ja, Mac, daß du kommen würdest, um mich zu holen!“ flüsterte er kaum verständlich.

Da erkannte ihn Allan.

„Das ist ja Hobby!“ rief er erschrocken und erfreut aus und zog den Greis empor.

„Hobby?“ sagten die andern ungläubig, denn sie erkannten ihn nicht wieder.

„Hobby — —?“ fragte Allan, der seine Freude und Rührung kaum verbergen konnte.

Hobby machte eine matte Bewegung mit dem Kopfe. „I am all right,“ flüsterte er. Dann deutete er auf den toten Neger und sagte: „Der Nigger machte mir viele Arbeit, aber zuletzt ist er mir doch gestorben.“

Hobby schwebte wochenlang im Hospital zwischen Tod und Leben, bis ihn seine kräftige Natur durchriß. Aber er war nicht mehr der alte Hobby.

Hobbys Gedächtnis war gestört und er konnte nie sagen, wie er bis zu diesem vorgeschobenen Querschlag gekommen war. Tatsache war nur, daß er Sauerstoffapparate und Lampen bei sich hatte, die aus jenem kleinen Querschlag stammten, in dem am Tage vor der Katastrophe der tote Monteur gelegen war. Jackson, der Neger, war übrigens nicht erstickt, sondern vor Hunger und Entkräftung gestorben.

Vereinzelt kamen die Züge aus dem Tunnel, vereinzelt stürzten sie sich hinein. Die Bataillone der Ingenieure schlugen sich drinnen heldenhaft mit dem Rauch. Der Kampf war nicht ungefährlich. Dutzende erkrankten schwer an Rauchvergiftung und fünf starben, drei Amerikaner, ein Franzose und ein Japaner.

Die Arbeiterheere selbst blieben untätig. Sie hatten die Arbeit niedergelegt. Zu Tausenden standen sie in langen Reihen auf den Terrassen und sahen zu, was Allan und seine Ingenieure trieben. Sie standen und regten keine Hand. Die großen Lichtmaschinen, Ventilatoren und Pumpen wurden von Ingenieuren bedient, die vor Ermüdung kaum die Augen offen halten konnten. Und unter die frierenden Arbeiterhorden mischten sich die zahllosen Neugierigen, die die Atmosphäre des Schreckens angezogen hatte. Stündlich spien die Züge neue Scharen aus. Die Strecke Hoboken-Mac-City machte glänzende Geschäfte. Sie nahm in einer Woche zwei Millionen Dollar ein; das Syndikat hatte sofort die Fahrpreise erhöht. Das Tunnelhotel war angefüllt mit Reportern der Zeitungen. Tausende von Automobilen rollten durch die Schuttstadt, vollgepackt mit Damen und Herren, die einenBlick auf die Stätte des Unheils werfen wollten. Sie plauderten und schwätzten und brachten reichhaltige Frühstückskörbe mit. Alle aber starrten mit geheimem Grauen auf die vier Rauchsäulen, die unausgesetzt aus den Glasdächern dicht über der Tunnelmündung in den blauen Oktoberhimmel emporwirbelten. Das war der Rauch, den die Ventilatoren aus den Stollen saugten. Und doch waren da drinnen Menschen! Stundenlang konnten diese Neugierigen warten, obschon sie nichts sahen, denn die Leichname wurden nur in der Nacht herausgebracht. Ein süßlicher Geruch von Chlorkalk drang aus dem Stationsgebäude.

Die Aufräumungsarbeiten nahmen viele Wochen in Anspruch. In dem zum größten Teil ausgebrannten Holzstollen war die Arbeit am schwersten. Man konnte nur schrittweise vorwärtsdringen. Die Leichen lagen hier in Haufen. Sie waren meistens schrecklich verstümmelt und zuweilen war es schwer zu unterscheiden, ob man einen verkohlten Pfosten oder einen verkohlten Menschen vor sich hatte. Sie waren überall. Sie lagen unter dem Schutt, sie hockten hinter angekohlten Balken und grinsten den Vordringenden entgegen. Die Mutigsten selbst überkam Furcht und Grausen in dieser entsetzlichen Totenkammer.

Allan war immer an der Spitze, unermüdlich.

In der Totenhalle und in den Sälen der Hospitäler spielten sich jene erschütternden Szenen ab, die sich nach jeder Katastrophe ereignen. Weinende Frauen und Männer, halb wahnsinnig vor Schmerz, suchen nach ihren Angehörigen, erkennen sie, schreien, werden ohnmächtig. Die meisten Verunglückten konnten aber nicht festgestellt werden.

Das kleine Krematorium abseits von Mac City arbeitete Tag und Nacht. Priester der verschiedenen Religionen undSekten hatten sich zur Verfügung gestellt und erfüllten abwechselnd das traurige Zeremoniell. Viele Nächte hindurch war das kleine Krematorium im Wald tageshell erleuchtet und noch immer standen endlose Reihen von Holzsärgen in der Halle.

Bei der zerschmetterten Bohrmaschine allein waren vierhundertachtzig Tote gefunden worden. Im ganzen verschlang die Katastrophe zweitausendachthundertsiebzehn Menschenleben.

Als die Trümmer der Bohrmaschine weggeräumt waren, wurde plötzlich ein gähnendes Loch sichtbar. Die Bohrer hatten einen ungeheuren Hohlraum angeschlagen. Im Lichte des Scheinwerfers zeigte es sich, daß der Hohlraum etwa hundert Meter breit war; die Höhe war gering; ein Stein brauchte fünf Sekunden bis er aufschlug, was einer Tiefe von fünfzig Metern entsprach.

Die Ursache der Katastrophe ließ sich nie sicher feststellen. Aber die bedeutendsten Autoritäten waren der Ansicht, daß der durch chemische Zersetzung entstandene Hohlraum mit Gasen angefüllt gewesen sei, die in den Stollen eindrangen und beim Sprengen explodierten.

Allan ging noch an diesem Tage an die Erforschung des angeschlagenen Hohlraumes. Es war eine Schlucht von knapp tausend Meter Länge, vollkommen trocken. Grund und Wände bestanden aus jenem unbekannten, lockeren Erz, das die Geologen Submarinium getauft hatten und das stark radiumhaltig war.

Die Stollen waren in Ordnung gebracht, die Ingenieure befuhren regelmäßig die Strecke.

Die Arbeit aber stand still.

Allan veröffentlichte eine Bekanntmachung an die streikenden Arbeiter. Er gab ihnen drei Tage Bedenkzeit, die Arbeit wieder aufzunehmen, andernfalls seien sie entlassen.

Ungeheure Meetings fanden auf den Schuttfeldern von Mac City statt. Sechzigtausend Menschen drängten sich Kopf an Kopf und von zehn Tribünen (Waggons) wurde zu gleicher Zeit gesprochen.

Unaufhörlich schallten die gleichen Worte durch die kalte dunstige Oktoberluft: der Tunnel — der Tunnel — Mac — Katastrophe — dreitausend Mann — das Syndikat, und wieder der Tunnel — der Tunnel ...

Der Tunnel hatte dreitausend Menschen verschlungen und flößte den Arbeiterheeren Schrecken ein! Wie leicht hätten sie selbst drinnen in der glühenden Tiefe verkohlen und ersticken können — und wie leicht war es möglich, daß sich eine ähnliche Katastrophe, eine größere vielleicht noch, ereignete! Der Tod konnte auf noch gräßlichere Art über sie herfallen. Sie schauderten zusammen, wenn sie an die „Hölle“ dachten. Eine Massenangsttrat ein. Diese Angst griff auf die Baustellen auf den Azoren, Bermudas und in Europa über. Auch dort ruhte das Werk.

Das Syndikat hatte einzelne Arbeiterführer gekauft und schickte sie auf die Rednertribünen.

Die Gekauften traten für die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit ein. „Wir sind sechzigtausend!“ schrien sie. „Mit den andern Stationen und Nebenwerken sind wir hundertachtzigtausend! Der Winter steht vor der Tür! Wo wollen wir hin? Wir haben Frauen und Kinder. Wer wird uns zu fressen geben? Wir werden sämtliche Löhne des ganzen Arbeitmarktes drücken und man wird uns verfluchen!“Das sah jeder ein. Sie wiesen auf die Begeisterung hin, die man dem Werke entgegengebracht habe, auf das gute Verhältnis zwischen den Arbeitern und dem Syndikat, auf die relativ hohen Löhne. „Im ‚Fegfeuer‘ und in der ‚Hölle‘ hat mancher seine fünf, sechs Dollar täglich verdient, der sonst kaum zum Schuhputzen und Straßenkehren taugte. Lüge ich oder nicht?“ Sie deuteten in die Richtung der Arbeiterkolonien und schrien: „Seht eure Häuser, eure Gärten, eure Spielplätze. Bäder habt ihr und Lesehallen. Mac hat Menschen aus euch gemacht und eure Kinder wachsen rein und gesund auf. Geht nach New York und Chikago und die Wanzen und Läuse fressen euch auf.“ Sie betonten, daß sich in sechs Jahren kein größeres Unglück ereignet habe und die allergrößten Vorsichtsmaßregeln vom Syndikat ergriffen werden würden, um einer zweiten Katastrophe vorzubeugen.

Dagegen war nichts zu sagen, nein! Aber plötzlich kam die Angst wieder über sie und keine Worte der Welt konnten etwas ausrichten. Man schrie und pfiff und bewarf die Redner mit Steinen und erklärte ihnen ins Gesicht hinein, daß sie vom Syndikat bestochen seien.

„Niemand soll mehr eine Hand rühren für denverfluchtenTunnel!“ Das war der Tenor der übrigen Redner. „Niemand!“ Und ein donnernder Beifall, der meilenweit hörbar war, drückte die allgemeine Zustimmung aus. Diese Redner zählten alle Gefahren des Baus auf. Sie sprachen von all den Opfern, die der Tunnel schon vor der Katastrophe gefordert hatte. 1800 rund in sechs Jahren! War das nichts? Dachte niemand an die 1800, die überfahren, zerschmettert, zerdrückt worden waren? Sie sprachen von der „Beuge“, an der Hunderte wochenlang gelitten hätten und manche ihr ganzes Leben lang leiden würden.

„Mac ist durchschaut!“ heulten diese Redner. (ZumTeil waren sie von den Schiffahrtsgesellschaften bestochen, die die Vollendung des Tunnels möglichst hinausschieben wollten.) „Mac ist kein Freund der Arbeiter! Nonsens und Lüge! Mac ist der Henker des Kapitals! Der größte Henker, den die Erde je trug! Mac ist ein Wolf im Schafspelz! 180000 Mann beschäftigt er! 20000 in seiner höllischen Arbeit niedergebrochene Menschen pullt er jährlich in seinen Hospitälern auf, um sie dann zum Teufel zu jagen — Krüppel, fertig für immer! Mögen sie auf den Straßen verfaulen oder in Asylen verrecken, Mac ist das egal! Ein ungeheures Menschenmaterial hat er in diesen sechs Jahren vernichtet! Schluß! Mac soll sehen, woher er Leute bekommt! Er soll sich Schwarze aus Afrika kommen lassen, Sklaven für seine ‚Hölle‘ — er soll die Sträflinge und Zuchthäusler von den Regierungen kaufen! Seht euch die Reihe von Särgen da drüben an! Zwei Kilometer lang ist die Reihe, Sarg an Sarg! Entscheidet euch!“

Tosen, Toben, Heulen! Das war die Antwort.

Tagelang tobte der Kampf in Mac City hin und her. Tausendmal wurden dieselben Argumente wiederholt, für und wider.

Am dritten Tage sprach Allan selbst.

Er hatte vormittags Maud und Edith eingeäschert und am Nachmittag — noch betäubt von Trauer und Schmerz — sprach er stundenlang zu den Tausenden. Je länger er sprach und je lauter er durch das Sprachrohr schrie, desto mehr fühlte er seine alte Kraft und seinen alten Glauben an sein Werk zurückkommen.

Seine Rede, die von meterhohen Plakaten angekündigt worden war, wurde gleichzeitig an verschiedenen Stellen des Schuttfeldes in deutscher, französischer, italienischer, spanischer, polnischer und russischer Sprache ausgeschrien. In hunderttausenden von Exemplaren wurde sie über denErdball geschleudert. Sie wurde zur selben Stunde in sieben Sprachen in Bermuda, Azora, Finisterra, Biskaya durch das Sprachrohr über die Arbeiterheere ausgetutet.

Allan wurde mit Schweigen empfangen. Als er sich seinen Weg durch die Menge bahnte, machte man ihm Platz und manche griffen sogar an die Mützen. Kein Laut war vernehmbar und eine Gasse eisiger Stille, in der jedes Gespräch erfror, zeigte seinen Weg an. Als er auf dem Eisenbahnwaggon inmitten des Meers von Köpfen erschien — derselbe Mac, den sie alle kannten, mit dem jeder schon gesprochen hatte, dem jeder schon die Hand gedrückt hatte, dessen starkes, weißes Gebiß jeder kannte — als er erschien, derPferdejunge von Uncle Tom— ging eine ungeheure Bewegung durch das Feld, eine elementare Verschiebung der Massen, ein Krampf des großen Heeres, das sich zusammenzog, wie Keile, die von hydraulischen Pressen nach einem Mittelpunkt getrieben werden: aber kein Laut wurde hörbar.

Allan schrie durch das Megaphon. Er tutete jeden Satz in die vier Richtungen der Windrose. „Hier stehe ich, um mit euch zu reden, Tunnelmen!“ begann er. „Ich bin Mac Allan und ihr kennt mich! Ihr schreit, ich hätte dreitausend Menschen getötet! Das ist eine Lüge! Das Schicksal ist stärker als ein Mensch. Die Arbeit hat die dreitausend getötet! Die Arbeit tötet täglich auf der Erde Hunderte! Die Arbeit ist eine Schlacht und in einer Schlacht gibt es Tote! Die Arbeit tötet in New York allein, das ihr kennt, täglich fünfundzwanzig Menschen! Aber niemand denkt daran, in New York die Arbeit aufzugeben! Das Meer tötet jährlich 20000 Menschen, aber niemand denkt daran, die Arbeit auf dem Meer aufzugeben. Ihr habt Freunde verloren, Tunnelmen, ich weiß es! Auch ich habe Freunde verloren — genau wie ihr! Wir sind quitt! Wie in derArbeit sind wir auch im Verlust Kameraden! Tunnelmen ...“ Er versuchte wieder die Begeisterung zu entfachen, die die Arbeiterheere sechs Jahre lang zu einer für unmöglich gehaltenen Arbeitsleistung angetrieben hatte. Er sagte, daß er den Tunnel nicht zu seinem Vergnügen baue. Daß der Tunnel Amerika und Europa verbrüdern solle, zwei Welten, zwei Kulturen. Daß der Tunnel Tausenden Brot geben würde. Daß der Tunnel nicht zur Bereicherung einzelner Kapitalisten geschaffen werde, sondern dem Volk ebensogut gehöre. Gerade das sei seine Absicht gewesen. „Euch selbst, Tunnelmen, gehört der Tunnel da drunten. Ihr seid selbst alle Aktionäre des Syndikats!“

Allan spürte, wie der Funke von ihm auf das Meer von Köpfen übersprang. Ausrufe, Geschrei, Bewegung! Der Kontakt war da ...

„Ich selbst bin ein Arbeiter, Tunnelmen!“ tutete Allan. „Ein Arbeiter wie ihr. Ich hasse Feiglinge! Fort mit den Feiglingen! Die Mutigen aber sollen bleiben! Die Arbeit ist nicht ein bloßes Mittel, satt zu werden! Die Arbeit ist ein Ideal. Die Arbeit ist die Religion unserer Zeit!“

Geschrei.

Alles stand gut für Allan. Als er sie aber aufforderte, die Arbeit wieder aufzunehmen, da wurde es plötzlich wieder eisig still ringsum. Die Angst kam wieder über sie ...

Allan hatte verloren.

Am Abend hielten die Führer der Arbeiter ein Meeting ab, das bis zum frühen Morgen dauerte. Und am Morgen erklärten ihre Abgesandten, daß sie die Arbeit nicht wieder aufnehmen würden.

Die ozeanischen Stationen und die europäischen schlossen sich den amerikanischen Kameraden an.

An diesem Morgen entließ Allan hundertachtzigtausend Mann. Die Quartiere sollten innerhalb achtundvierzig Stunden geräumt werden.

Der Tunnel ruhte. Mac City war wie ausgestorben.

Nur da und dort standen Milizsoldaten, das Gewehr im Arm.

Edison-Bio verdiente in diesen Wochen ein Vermögen. Sie zeigte sogar die Katastrophe im Tunnel selbst(!), das Laufen ums Leben in den Stollen. Sie brachte die Versammlungen. Mac spricht. Alles.

Auch den Zeitungen fielen unschätzbare Summen in den Schoß und die Verleger blähten die Bäuche. Katastrophe, Bergungsarbeiten, Riesenmeetings, Streik — das waren Kanonenschüsse, die das nach Schrecken und Sensationen lüsterne Riesenheer der Zeitungsleser, das den Globus bevölkerte, aufschreckte. Man riß sich um die Blätter.

Die Arbeiterpresse der fünf Kontinente zeichnete Mac Allan als das blut- und schmutzbesudelte Gespenst der Zeit mit Menschenköpfen im Maul und gepanzerten Geldschränken in den Händen. Er wurde täglich von den Rotationspressen aller Länder zerfleischt. Sie brandmarkten das Tunnelsyndikat als die schamloseste Sklaverei aller Zeiten, als die unerhörteste Tyrannei des Kapitalismus.

Die entlassenen Arbeiter nahmen eine drohende Haltung an. Aber Allan hielt sie in Schach. An allen Baracken, Straßenecken und Kabelmasten erschien eine Proklamation, die folgenden Wortlaut hatte: „Tunnelmen! Das Syndikat wird sich keine Schraube nehmen lassen, ohne sie zu verteidigen. Wir erklären, daß in allen SyndikatgebäudenMaschinengewehre aufgestellt sind! Wir erklären ferner, daß wir nicht spaßen!“

Woher hatte dieser Mac plötzlich Maschinengewehre? Es kam heraus, daß diese Geschütze schon seit Jahren im geheimen aufgestellt worden waren — für alle Eventualitäten! Dieser Mac war ein Bursche, dem nicht beizukommen war!

Genau achtundvierzig Stunden nach der Entlassung gab es in den Arbeiterkolonien weder Licht noch Wasser mehr. Es blieb nichts anderes übrig als zu gehen, wenn man es nicht zu einer Schlacht mit dem Syndikat kommen lassen wollte.

Aber so ohne Sang und Klang wollten die Tunnelmänner nicht abtreten! Sie wollten der Welt zeigen, daß sie da waren, sie wollten sich sehen lassen, bevor sie gingen.

Am folgenden Tag begaben sich 50000 Tunnelmen nach New York. Sie fuhren in 50 Zügen ab und um 12 Uhr waren sie — ein Heer! — in Hoboken angekommen. Die Polizei hatte keinen Anlaß, diesen Massen den Eintritt in New York zu verbieten: jedermann, der nach New York wollte, konnte kommen. Aber die telephonischen Apparate der Polizeistationen waren ununterbrochen in Tätigkeit, um die Bewegung dieses Heeres zu überwachen.

Hudson-River-Tunnel war zwei Stunden lang nahezu für jeden Verkehr gesperrt. Die Tunnelmen durchwanderten ihn, eine endlose Schlange von Menschen, und der Tunnel donnerte von ihren Tritten und Gesängen.

Gleich nach dem Austritt aus dem Tunnel ordnete sich das Heer zur Parade und schwenkte in die Christopher Street ein. Voran schritt eine Musikkapelle, die einen barbarischen Lärm machte. Dann kamen Bannerträger mit einer Flagge, die in roten Lettern die Aufschrift trug: „Tunnelmen.“ Hierauf folgten Scharen von roten Bannernder Internationalen Arbeiterliga, dahinter über den Köpfen Hunderte von Flaggen aller Nationen der Welt: voran das Sternenbanner der Vereinigten Staaten, der Union Jack, dann die Flaggen Kanadas, Mexikos, Argentiniens, Brasiliens, Chiles, Uruguays, Venezuelas, Haitis, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Dänemarks, Schwedens, Norwegens, Rußlands, Spaniens, Portugals, der Türkei, Persiens, Hollands, Chinas, Japans, Australiens, Neuseelands.

Hinter dem bunten Wald von Flaggen trotteten Horden von Negern. Diese Neger hatten sich teilweise in eine Wut hineingeschauspielert und rollten die Augen und schrien sinnlos, teilweise aber waren sie gute schwarze Burschen geblieben, die ihre weißen Zähne zeigten und den „ladies“, die sich sehen ließen, nicht mißzuverstehende Liebesanträge machten. In ihrer Mitte wanderte ein Plakat mit Riesenlettern: „Hell-men!“ Dann kam eine Gruppe, die einen Galgen schleppte. An dem Galgen baumelte eine Puppe: Allan!

Er war gekennzeichnet durch eine feuerrote Perücke auf dem runden Kopf, der aus einem alten Sack gemacht war, durch weiße Zähne, die mit Farbe ausgemalt waren. Ferner hatte man aus einer Pferdedecke einen weiten Mantel zusammengeschneidert, der Macs bekanntem rehfarbenen Ulster ähnlich sah.

Ein Riesenplakat wanderte vor dem gehenkten Allan her, worauf stand:

„Mac Allan, Mörder von 5000.“

Über der Flut von Köpfen, Kappen, Mützen und verbeulten steifen Hüten, die durch Christopher- und Washingtonstreet dem Broadway zutrieb, schwankte eine ganze Reihe derartiger Vogelscheuchen.

Hinter Allan baumelte Lloyd am Strick.

Der Kopf der Puppe war nußbraun angestrichen, Augen und Gebiß schreckenerregend aufgemalt. Das Plakat, das diesem indianischen Totem voranwandelte, lautete:

„Lloyd, Milliardendieb.“„Frißt Menschenfleisch.“

Dann kam Hobby mit blonder Strohperücke, so jämmerlich dünn, daß er wie eine Flagge hin- und herwehte. Sein Plakat lautete:

„Hobby.“„Dem Teufel knapp entronnen, gehenkt.“

Es folgte S. Woolf! Er trug einen roten Fez auf dem Kopf, hatte wulstige, rote Lippen und faustgroße schwarze Augen. Um seinen Hals hing eine Anzahl von Kinderpuppen an Bindfäden.

„S. Woolf mit Harem!“„Jude und Champion der Schwindler!“

Dann kamen bekannte Finanzgrößen und die Chefingenieure der verschiedenen Stationen. Unter ihnen erregte besonders der fette Müller von Azora großes Aussehen. Er war rund wie ein Ballon, als Kopf trug er nur einen alten steifen Hut.

„Ein fetter Bissen für die Hölle!“

Zwischen den trottenden Menschenhaufen marschierten Dutzende von Musikbanden, die alle gleichzeitig spielten und die Schlucht des Broadways mit einem Geplärr und Klirren anfüllten, als zerschellten gleichzeitig Tausende von Fensterscheiben auf dem Asphalt. Die Arbeiterhorden johlten, pfiffen, lachten, alle Mäuler waren verzerrt von der Anstrengung, Lärm zu machen. Einzelne Bataillone sangen die Internationale, andere die Marseillaise, andere sangen wirr durcheinander, was sie wollten. Den Unterton des ungeheuren Lärmes aber bildete das Trappen und Stampfen der Schritte, ein dumpfer Takt der schwerenStiefel, der stundenlang das gleiche Wort wiederholte: Tunnel — Tunnel — Tunnel ...

Der Tunnel selbst schien nach New York gekommen zu sein, um zu demonstrieren.

Eine Gruppe in der Mitte der Prozession erregte großes Aufsehen. Ihr voran wanderten Flaggen aller Nationen und ein Riesenplakat:

„Macs Krüppel.“

Die Gruppe bestand aus einer Schar von Männern, denen eine Hand oder ein Arm fehlte, oder ein Bein; Stelzfüße, und selbst solche, die sich an zwei Krücken vorwärts schwangen wie Glocken. Hinter ihnen trotteten Männer mit gelben, kranken Gesichtern. Das waren die, die an der „Beuge“ litten.

Die Tunnelmänner marschierten in Reihen von zehn zu zehn und die Prozession war über fünf Kilometer lang. Ihr Schwanz schlüpfte gerade aus dem Hudson-River-Tunnel, als der Kopf Wallstreet erreichte. In vollkommener Ordnung wälzte sich das Heer der Tunnelmänner durch den Broadway, und die Straßen, die es passierte, diese von den Reifen der Autos blankgeschliffenen Straßen, waren noch am nächsten Tag getüpfelt mit den Abdrücken von Schuhnägeln. Der Verkehr war unterbunden. Endlose Züge von Trams, Wagen, Automobilen warteten auf das Ende des Zuges. Alle Fenster und Auslagen waren von Neugierigen besetzt. Jeder wollte die Tunnelmen gesehen haben, die mit ihren gelben Grubengesichtern, ausgearbeiteten Händen und gekrümmten Rücken in den schweren Stiefeln dahintrotteten. Sie brachten aus dem Tunnel eine Atmosphäre von Grauen mit. Sie alle waren ja da drinnen in den dunklen Stollen gewesen, wo der Tod ihre Gefährten niedergemacht hatte. Ein Rasseln von Ketten stieg aus ihren Reihen empor, ein Geruch von Sträflingen und Entrechteten.

Die Photographen visierten und knipsten, die Kinematographen drehten die Kurbel. Aus den Läden der Barbiere stürzten eingeseifte Kunden, die Serviette am Kinn, aus den Schuhläden Damen mit einem Schuh, in den Kleidermagazinen standen Kunden in Hemdärmeln und selbst solche in Unterhosen. Die Verkäuferinnen, Arbeitsmädchen und Kontoristinnen der Waren- und Geschäftshäuser lagen rot vor Aufregung und zappelnd vor Neugierde beängstigend weit über die Simse gebeugt in den Fenstern vom ersten bis zum zwanzigsten Stockwerk. Sie schrien und quiekten und schwenkten die Taschentücher. Aber die Woge von Lärm, die von der Straße heraufschlug, trug ihre hellen Schreie mit nach oben, so daß man sie nicht hören konnte.

In einem unscheinbaren Privatauto, das mitten in dem brandenden Menschenstrom unter Hunderten von andern Gefährten wartete, saßen Lloyd und Ethel. Ethel bebte vor Erregung und Neugierde. Sie schrie in einem fort: „Look at them — just look at them — look! look!“ Sie pries den glücklichen Zufall, der sie mitten in die Parade hineingeraten ließ.

„Vater — sie bringen Allan! Hallo! Siehst du ihn?“

Und Lloyd, der im Hintergrund des Wagens zusammengekauert saß und durch ein Guckloch blickte, sagte gleichmütig: „Ich sehe ja, Ethel!“

Als Lloyd selbst vorbeigetragen wurde, lachte sie hell auf, außer sich vor Vergnügen.

„Das bist du, Papa!“

Sie verließ ihren Sitz am Fenster und umarmte Lloyd. „Du bist es, siehst du denn?“

„Ich sehe, Ethel.“

Ethel klopfte an das Fenster, als die „Höllenmänner“ vorbeikamen. Die Nigger grinsten sie an und drückten dieabscheulich ziegelroten Innenflächen der Hände gegen die Scheibe. Aber sie konnten nicht stehen bleiben, denn die Hintermänner traten sie auf die Hacken.

„Öffne nur das Fenster nicht, Kind!“ sagte Lloyd gleichmütig.

Aber bei „Macs Krüppeln“ zog Ethel die Brauen in die Höhe.

„Vater!“ sagte sie in verändertem Ton. „Siehst du sie?“

„Ich sehe sie, Kind.“

(Am nächsten Tag ließ Ethel zehntausend Dollar unter „Macs Krüppel“ verteilen.)

Ihre Freude war wie weggeblasen. Eine unerklärliche Bitterkeit gegen das Leben stieg plötzlich in ihrem Herzen empor.

Sie öffnete die Klappe zum Chauffeur und herrschte ihn an: „Go on!!“

„Ich kann nicht!“ antwortete der Chauffeur.

Aber Ethel fand ihre gute Laune bald zurück.

Über ein Bataillon von Japanern, die mit hastigen Schritten wie gelbe Affen dahertrippelten, mußte sie schon wieder lächeln.

„Vater, siehst du diejaps?“

„Ich sehe, Ethel,“ antwortete Lloyd stereotyp.

Lloyd wußte genau, daß sie in unmittelbarer Lebensgefahr schwebten, aber er verriet sich mit keinem Wort. Er befürchtete nicht, totgeschlagen zu werden, nein, aber er wußte, daß, sobald eine Stimme rufen sollte: „Das ist Lloyds Wagen!“ folgendes eintreten mußte: die Neugierigen würden seinen Wagen umdrängen und zerdrücken. Man würde sie (ganz ohne Arg!) herausholen und sie würden totgedrückt werden. Im besten Fall hatten Ethel und er das Vergnügen, auf zwei Paar Negerschultern die Prozessiondurch New York mitzumachen — und das war keineswegs nach seinem Geschmack.

Er bewunderte Ethel, die er stets bewunderte. Sie dachte gar nicht an Gefahr! Sie war in dieser Beziehung wie ihre Mutter.

Er erinnerte sich an eine kleine Szene, die sich in Australien zutrug, damals, als sie noch kleine Leute waren. Eine wütende Dogge stürzte sich auf Ethels Mutter. Was aber tat sie? Sie bot der Dogge Ohrfeigen an und sagte höchst indigniert: „You go on, you!“ Und der Hund wich aus irgend einem Grunde tatsächlich zurück. Daran dachte er, und seine Haut legte sich in Falten, weil er lächeln mußte.

Plötzlich aber surrte der Motor und der Wagen setzte sich in Bewegung.

Lloyd streckte seinen ausgetrockneten Mumienkopf vor und lachte, wobei seine Zunge stoßweise durch die Zähne fuhr. Er klärte Ethel über die Gefahr auf, in der sie eben (eine Stunde lang) geschwebt hatten.

„Ich habe keine Furcht,“ erklärte Ethel, und lachend fügte sie hinzu: „Wie sollte ich überhaupt vor Menschen Furcht haben?“

„So ist es gut, Kind. Ein Mensch, der Furcht hat, lebt nur halb.“

Ethel war sechsundzwanzig Jahre alt, vollkommen selbständig, die Tyrannin ihres Vaters, aber Lloyd behandelte sie immer noch als kleines Mädchen. Und sie ließ ihn gewähren, denn am Ende tat er doch, was sie wollte.

Als der rote Flaggenwald das Syndikatgebäude erreichte, fanden die Tunnelmänner die schwere Türe des Gebäudes geschlossen und die beiden ersten Stockwerke mit eisernen Läden versehen. Kein einziges Gesicht zeigte sich an den vierhundert Frontfenstern. Auf der Granittreppe, vor der schweren Eichentüre, stand eineinzigerSchutzmann. Einriesiger fetter Irländer in grauer Tuchuniform, das Lederband des grauen Tuchhelmes unter dem rosigen Doppelkinn. Er hatte ein vollmondrundes Gesicht mit rötlich goldenen Bartstoppeln, betrachtete mit blauen lustigen Augen das heranflutende Arbeiterheer und hob beschwichtigend und gutmütig lächelnd die Hand empor — eine riesige Hand in einem weißen Wollhandschuh, einer Schaufel voll Schnee ähnlich — und wiederholte mit einem fetten rasselnden Lachen immerfort: „Keep your shirt on, boys! Keep your shirt on, boys!“

Wie zufällig rasselten in langsamem Tempo drei blanke Dampfspritzen (mit dem Zeichen „heimkehrend“) durch Pine Street, und da sie sich aufgehalten sahen, stoppten sie ab und warteten geduldig, während dünner weißer Rauch aus ihren blitzenden Messingkaminen in die klare Luft emporstieg und die Hitze über ihren Stahlleibern zitterte.

Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß der gutmütig lächelnde Irländer mit den großen weißen Händen, der nicht die kleinste Waffe trug, nicht einmal einen Knüttel, eine Pfeife in der Tasche hatte. Sollte er gezwungen sein, diese Pfeife trillern zu lassen, so würden innerhalb einer Minute diese drei blanken, unschuldig und höflich wartenden Dampfspritzen, die sich vor verhaltener Kraft leise auf den Federn wiegten, 9000 Liter Wasser in der Minute in die Menge abschießen; ferner würde sich jene vier Meter breite Rolle, die an den Fenstersimsen des ersten Stockwerkes hing und die niemand beachtete, aufrollen und in großen Lettern in die Straße hinausschreien: „Achtung! Zweihundert Konstabler im Innern des Buildings. Achtung!“

Der riesige rosige Irländer hatte aber keinen Grund, nach der Pfeife zu greifen.

Zunächst brandete ein ungeheures Geschrei an den vierhundertFenstern des Syndikatbuildings empor, ein wetternder Lärm, in dem der wahnsinnige Radau der Musik glatt versank. Darauf wurde Mac gehenkt! Er wurde unter tobendem Lärm einige Male am Galgen auf und abgezogen. Dabei riß der Strick und Mac stürzte mit einer hilflosen Gebärde über die Köpfe. Der Strick wurde wieder gebunden und die Exekution unter gellenden Pfiffen wiederholt. Dann hielt ein Mann, auf zwei Schultern stehend, eine kurze Ansprache. Keines seiner Worte, auch nicht ein Laut seiner Stimme war in der Brandung von Lärm zu vernehmen. Der Mann aber sprach mit dem verzerrten Gesicht, mit den Armen, die er in die Luft warf, mit den Händen, in deren verkrampften Fingern er die Worte knetete und sie über die Menge schleuderte. Er schüttelte, Schaum auf den Lippen, beide Fäuste gegen das Syndikatbuilding und damit war seine Rede zu Ende und jedermann hatte sie verstanden. Ein Orkan von Geschrei fegte empor. Man vernahm diesen Aufschrei bis zur Battery.

Es wäre am Ende doch möglich gewesen, daß die Dampfspritzen in Tätigkeit hätten treten müssen, denn die Erregung vor dem Building steigerte sich zu wildem Fanatismus. Aber es lag in der Natur der ganzen Demonstration, daß es nicht bis zu einem Ausbruch kommen konnte, der den fetten Irländer plattgedrückt und die drei blanken Dampfspritzen hinweggefegt hätte. Denn während zweitausend vor dem Gebäude demonstrierten, drängten achtundvierzigtausend nach — mit einer automatischen, gleichmäßigen Energie. So mußte es kommen, daß stets die Zweitausend, die sich angesichts des toten Gebäudes erhitzt hatten, nachdem der höchste Punkt der Kompression erreicht war, wie ein Bolzen in einem Luftdruckgewehr durch Wallstreet hinausgepreßt wurden.

Über zwei Stunden war das Syndikatbuilding von höllischem Lärm umbrandet, so daß die Clerks und Stenotypistinnen es mit der Angst bekamen.

Der Lärm zog durch die Pearlstreet, Bowery hinauf zur 3. und von da zur 5. Avenue, wo die geschmacklosen Paläste der Millionäre stehen. Die Paläste lagen still, ohne Leben. Es war der dampfende, laute Schweiß, der sich an den verschanzten und stillen Millionen vorbeiwälzte. Vor Lloyds gelbem, etwas verwittertem Renaissance-Palast, den ein Gartenstreifen von der Straße trennte, staute sich der Zug wieder, da Lloyd „gehenkt“ wurde. Lloyds Haus lag tot wie die andern. Nur im Eckfenster des ersten Stockes stand eine Frau und sah heraus. Das war Ethel. Aber da kein Mensch glaubte, daß jemand den Mut haben könnte, sich zu zeigen, so hielt man Ethel allgemein für ein Dienstmädchen.

Die Prozession bewegte sich am Zentralpark vorbei nach Columbus-Square. Von da zurück zum Madison-Square. Hier wurden die Puppen angezündet und unter fanatischem Geschrei verbrannt.

Das war das Ende der Demonstration. Die Tunnelmen zerstreuten sich. Sie verloren sich in den Saloons am East-River, und nach einer Stunde hatte das große New York sie aufgesaugt.

Es war die Losung ausgegeben worden, sich um zehn Uhr vor der Tunnelstation Hoboken wieder einzufinden.

Hier aber stießen die Tunnelmänner auf eine große Überraschung: die Station war verschanzt hinter breiten Konstablerbrüsten. Da sie aber erst nach und nach zusammenströmten, ihr Unternehmungsgeist durch das lange Wandern, durch Schreien und Alkohol gebrochen war, so hatten sie keine Stoßkraft mehr. Plakate verkündeten, daß unverheiratete Arbeiter nichts mehr in Mac Cityzu suchen hätten. Nur die verheirateten würden zurückbefördert werden.

Eine Schar von Agenten übte genaue Kontrolle, und in Abständen von einer halben Stunde rollten Züge nach Mac City zurück. Früh um sechs Uhr wurden die letzten abgefertigt.

Während der Lärm das Syndikatgebäude umtobte, hatte Allan eine Konferenz mit S. Woolf und dem zweiten finanziellen Direktor des Syndikats, Rasmussen.

Die finanzielle Lage des Syndikats war keineswegs alarmierend, aber auch nicht befriedigend. Für den kommenden Januar war die zweite Milliardenanleihe vorbereitet gewesen. Unter den momentanen Verhältnissen war natürlich nicht daran zu denken. Niemand würde einen Cent zeichnen!

Das Dröhnen der Explosion im amerikanischen Südstollen, der Lärm des Streiks war in allen Börsen der Welt widergehallt. Die Papiere stürzten in wenigen Tagen um fünfundzwanzig Prozent, denn jedermann wollte sie so rasch wie möglich loswerden und niemand hatte Lust, sich daran die Finger zu verbrennen. Acht Tage nach der Katastrophe schien ein Krach unvermeidlich. Aber S. Woolf warf sich mit einer verzweifelten Anstrengung gegen den wankenden finanziellen Riesenbau — und er stand wieder! Er zauberte eine verführerische Bilanz vor die Öffentlichkeit, er bestach ein Heer von Börsenberichterstattern und überschüttete die Presse der alten und neuen Welt mit beruhigenden Communiqués.

Die Kurse zogen an, die Kurse blieben fest. Und S. Woolf begann die mörderische Schlacht, die Kurse zu halten und wieder langsam in die Höhe zu schrauben. In seiner Office im zehnten Stock des Buildings arbeitete er mit verbissener Energie, schnaufend und rasselnd wie ein Nilpferd, die Pläne dieser Kampagne aus.

Während die Horde drunten heulte, unterbreitete er Allan seine Vorschläge. Die Kali- und Eisenerzlager des „fetten Müllers“ sollten ausgebeutet werden. Die elektrische Energie der Kraftstationen verwertet. Das Submarinium der Unglücksschlucht gefördert. Nach den Bohrresultaten lag es in einer durchschnittlichen Mächtigkeit von zehn Metern — ein Vermögen! S. Woolf hatte der Pittsburg Smelting and Refining Co. Verträge unterbreitet. Die Company sollte die Erze herausbrechen, das Syndikat würde die Förderung an Tag übernehmen. Dafür forderte S. Woolf 60 Prozent vom Reingewinn. Die Company wußte recht gut, daß das Syndikat „hard up“ war und bot 30 Prozent. S. Woolf aber schwor, daß er sich eher lebendig einmauern lasse, als auf die Schamlosigkeit einzugehen. Er wandte sich sofort an die „American Smelters“ und die Pittsburg Co. kam zurück und bot 40 Prozent.

Woolf ging auf 50 Prozent herab und drohte, daß das Syndikat in Zukunft überhaupt keine Handvoll Erz mehr fördern werde; es würde einfach die Stollen unter den Lagern durchführen oder darüber hinweg, einerlei. Endlich einigte man sich auf 46⅓ Prozent. Um das letzte Drittel kämpfte S. Woolf wie ein Massaikrieger und die Pittsburg-Leute erklärten, sie hätten lieber mit dem Teufel zu tun als mit diesem „shark“.

S. Woolf hatte sich in den letzten zwei Jahren auffallend verändert. Er war noch fetter geworden und noch asthmatischer. Zwar hatten seine dunklen Augen immer noch denleicht schwermütigen, orientalischen Glanz und den Kranz schwarzer langer Wimpern, die stets gefärbt erschienen. Aber ihr Feuer war verdüstert. S. Woolf begann stark zu ergrauen. Er trug den Bart nicht mehr kurz geschnitten, sondern als dicke Zotteln am Kinn und auf den beiden Backen. Mit seiner mächtigen Stirn, den weitstehenden, vorquellenden Augen und der breiten gebogenen Nase hatte er Ähnlichkeit bekommen mit dem amerikanischen Büffel — ein Einzelgänger und Einsiedler, den die Herde ausgestoßen hatte, weil er zu tyrannisch war. Diesen Eindruck verstärkte das blutunterlaufene Auge. S. Woolf hatte in den letzten Jahren mit einem konstanten Blutandrang gegen den Kopf zu kämpfen.

So oft das Geschrei drunten anschwoll, zuckte S. Woolf zusammen und seine Augen bekamen einen flackernden Blick. Er war nicht feiger als andere Menschen, aber das atemraubende Tempo der letzten Jahre war ihm an die Nerven gegangen.

Und dann: S. Woolf hatte noch ganz andere Sorgen,ganz andere, die er wohlweislich vor aller Welt verschwieg ...

Nach der Beratung war Allan wieder allein. Er ging auf und ab in seinem Arbeitsraum. Sein Gesicht war abgemagert und seine Augen trüb und elend. Sobald er allein war, überfiel ihn die Unruhe und er mußte wandern. Tausendmal ging er hin und her und schleppte seinen Gram von einer Zimmerecke in die andere. Zuweilen blieb er stehen und sann nach. Aber er wußte selbst nicht, was er dachte.

Dann telephonierte er ins Hospital nach Mac City und fragte nach Hobbys Befinden. Hobby lag im Fieber und niemand wurde zugelassen. Endlich raffte er sich auf und fuhr aus. Am Abend kam er etwas erfrischt zurück undnahm wieder seine Arbeit auf. Er arbeitete an verschiedenen Projekten für den Ausbau der submarinen Schlucht. Eine große Station, ungeheure Depots und Maschinenräume sollte sie aufnehmen. 80 Doppelkilometer Gestein konnte er in sie stürzen. Recht besehen, war die Unglücksschlucht, in der der Tod Jahrmillionen auf die Tunnelmänner gelauert hatte, von unschätzbarem Wert. Die Projekte beschäftigten ihn und verdrängten düstere Visionen. Keine Sekunde durfte er an die Dinge denken, die hinter ihm lagen ...

Spät in der Nacht legte er sich schlafen und er war froh, wenn er ein paar Stunden ruhte, ohne von entsetzlichen Träumen gemartert zu werden.

Ein einzigesmal speiste er bei Lloyd zu Abend.

Ethel Lloyd sprach mit ihm vor Tisch. Sie zeigte einen solch aufrichtigen Schmerz über den Tod Mauds und Ediths, daß Allan sie fortan mit ganz anderen Augen betrachtete. Sie schien ihm plötzlich um viele Jahre älter und reifer geworden zu sein.

Allan verbrachte einige Wochen ununterbrochen im Tunnel.

Eine Unterbrechung von einigen Wochen, die sich bei regulärem Betrieb nur durch ungeheure finanzielle Opfer hätte ermöglichen lassen, war ihm im Grunde genommen ganz erwünscht. Durch die atemlose jahrelange Arbeit waren alle Ingenieure erschöpft und brauchten Ruhe. Dem Arbeiterausstand legte er keine große Bedeutung bei. Nicht einmal dann, als die Union, die Gewerkschaften der Monteure, Elektriker, Eisen- und Betonarbeiter, Maurer, Zimmerleute die Sperre über den Tunnel verhängten.

Vorläufig galt es, die Stollen zu verwalten, wenn sie nicht in kurzer Zeit verwahrlosen sollten. Für diese Arbeitstand ihm ein Heer von achttausend Ingenieuren und Volontären zur Verfügung, das er über die einzelnen Strecken verteilte. Mit einer heroischen Anspannung der Kräfte verteidigten diese achttausend das riesige Werk.

Monoton gellten die Glocken vereinzelter Züge durch den öden Tunnel. Der Tunnel schwieg, und alle brauchten lange Zeit, um sich an die Totenstille der Stollen zu gewöhnen, die früher dröhnten von Arbeit. Die Truppe der Tiefbautechniker, Eisenkonstrukteure, Elektrotechniker, Maschineningenieure fuhren die europäischen, atlantischen und amerikanischen Stollen ab. Jede Schiene, jede Schwelle, jede Niete und jede Schraube wurde sorgfältig revidiert und notwendige Korrekturen und Verbesserungen gebucht. Geometer und Mathematiker prüften genau Lage und Richtung der Stollen. Die Maße wichen nur um geringes von den berechneten ab. Am größten waren die Abweichungen der atlantischen Strecke des „fetten Müllers“, wo sie drei Meter in der Breite und zwei Meter in der Tiefe betrugen — Differenzen, die sich auf Ungenauigkeiten der Instrumente, die von den enormen Massen von Gestein beeinflußt wurden, zurückführen ließen.

In der verhängnisvollen Schlucht waren Tag und Nacht tausend halbnackte, schweißtriefende Arbeiter der Cleveland Mining Co. mit dem Bohren, Sprengen und Fördern des lockergelagerten Submariniums beschäftigt. Die tropisch-heiße Schlucht heulte und brandete von Arbeit, ganz als sei nie etwas geschehen. Die Tagesproduktion hatte einen ungeheuren Wert.

Im übrigen aber war alles tot. Die Tunnelstadt war wie ausgestorben. Wannamaker hatte sein Warenhaus geschlossen, das Tunnelhotel die Pforten zugemacht. In den Arbeiterkolonien hausten Weiber und Kinder, die Witwen und Waisen der Verunglückten.

Das gerichtliche Verfahren, das gegen das Syndikat eingeleitet worden war, wurde nach einigen Wochen wieder eingestellt, da es sich bei der Katastrophe ganz offenbar umforce majeurehandelte.

Allan war solange in New York zurückgehalten worden. Nun aber war er frei und reiste augenblicklich ab.

Er verbrachte den Winter auf den Bermudas und Azoren und blieb einige Wochen in Biskaya. Zuletzt erschien er auf der Kraftstation Ile Ouessant, dann verlor sich seine Spur.

Allan verlebte den Frühling in Paris, wo er unter dem Namen C. Connor, Kaufmann aus Denver, in einem alten Hotel der Rue Richelieu wohnte. Niemand erkannte ihn, obwohl jeder hundertmal sein Porträt gesehen hatte. Er hatte dieses Hotel absichtlich gewählt, um jener Klasse von Menschen zu entgehen, die er am meisten haßte: die reichen Müßiggänger und lauten Schwätzer, die sich von Hotel zu Hotel durchschlagen und die Mahlzeiten mit einer lächerlichen Feierlichkeit einnehmen.

Allan lebte ganz allein. Er saß täglich nachmittags vor dem gleichen Boulevard-Café an seinem runden Marmortischchen, trank seinen Kaffee und blickte still und gleichgültig in den lauten Strom der Straße. Von Zeit zu Zeit wandte er den Blick empor zu einem Balkon im zweiten Stock des gegenüberliegenden Hotels: dort hatte er vor Jahren mit Maud gewohnt. An manchen Tagen erschien dort oben eine hellgekleidete Frau; dann konnte Allan den Blick nicht von dem Balkon abwenden. Täglich begab er sich in den Jardin de Luxembourg, in jenen Teil, wo die Kinder zu Tausenden spielen. Dort stand eine Bank, auf der er einmal mit Maud und Edith gesessen hatte. Und auf dieserBank saß Allan jeden Tag und sah zu, wie sich die Kinder um ihn her tummelten. Jetzt, nach einem halben Jahre, begannen die Toten und der Schmerz allmählich eine merkwürdige Macht über ihn zu bekommen. Im Laufe des Frühlings und Sommers absolvierte er die gleiche Reise, die er mit Maud und Edith vor Jahren unternommen hatte. Er war in London, Liverpool, Berlin, Wien, Frankfurt, begleitet von düsteren und schmerzlich-süßen Erinnerungen.

Er wohnte in den gleichen Hotels und häufig sogar in den gleichen Räumen. Oft hielt er den Schritt an vor Türen, die Mauds Hand einst öffnete und schloß. Es fiel ihm nicht schwer, sich in all den fremden Hotels und Korridoren zurechtzufinden. Die vielen Jahre, die er in den finstern unterirdischen Labyrinthen der Bergwerke verbrachte, hatten seinen Ortsinn geschult. Die Nächte verbrachte er schlaflos in einem Sessel, im dunkeln Zimmer. Da saß er mit offenen, ausgetrockneten Augen, ohne sich zu regen. Zuweilen richtete er an Maud halblaut kleine Ermahnungen, wie er es zu tun pflegte, als sie noch lebte. „Geh jetzt schlafen, Maud!“ — „Verdirb dir die Augen nicht.“ Er quälte sich mit Vorwürfen, daß er Maud an sich gefesselt habe, obgleich er doch damals schon sein großes Werk plante. Es schien ihm, als habe er ihr niemals seine Liebe ganz enthüllt, als habe er sie überhaupt nicht genügend geliebt — nicht so, wie er sie jetzt liebte. Voller Pein und Selbstanklage erinnerte er sich daran, daß ihm Mauds Vorwürfe, er vernachlässige sie, sogar lästig geworden waren. Nein, er hatte es nicht verstanden, seine kleine süße Maud glücklich zu machen. Mit brennenden Augen, überschattet von seinem Gram, saß er in den toten Räumen, bis es Tag wurde. „Es wird schon Tag, die Vögel zwitschern, hörst du?“ sagte Maud. Und Allan erwiderte raunend: „Ja, ich höre sie, Liebe.“ Dann warf er sich aufs Bett.

Schließlich verfiel er auf den Gedanken, Gegenstände aus diesen geheiligten Räumen zu erwerben, einen Leuchter, eine Uhr, ein Schreibzeug. Die Hotelbesitzer, die Mr. C. Connor für einen spleenigen reichen Amerikaner hielten, forderten schamlos hohe Summen, aber Allan bezahlte, ohne zu feilschen, jeden Preis.

Im August kehrte er von seiner Rundreise wieder nach Paris zurück und stieg wieder in dem alten Hotel in der Rue Richelieu ab, noch stiller, trüber, ein düsteres Feuer in den Augen. Er machte den Eindruck eines gemütskranken Mannes, der das Leben ringsum nicht mehr bemerkt und in seine eigenen Grübeleien versunken ist. Wochenlang sprach er kein Wort.

Eines Abends ging Allan im Quartier latin durch eine krumme, geschäftige Straße und plötzlich blieb er stehen. Jemand hatte seinen Namen gerufen. Aber ringsum hasteten fremde gleichgültige Menschen. Da sah er plötzlich seinen Namen, seinen früheren Namen, in riesigen Lettern dicht vor den Augen.

Es war ein grellfarbiges Plakat der Edison-Bio: „Mac Allan, constructeur du „Tunnel“ et Mr. Hobby, ingenieur en chef conversant avec les collaborateurs à Mac City.“

„Les tunnel-trains allant et venant du travail.“

Allan sprach nicht Französisch, aber er verstand den Sinn der Affiche. Von einer merkwürdigen Neugierde getrieben, trat er zögernd in den dunklen Saal. Er kam gerade mitten in ein Rührstück hinein, das ihn langweilte. Allein in diesem Stück trat ein kleines Mädchen auf, das ihn entfernt an Edith erinnerte und dieses Kind vermochte ihn eine halbe Stunde in dem überfüllten Raume festzuhalten. La petite Yvonne hatte die gleiche Art, wichtigtuerisch und mit dem Ernst erwachsener Leute zu plaudern ...

Plötzlich hörte er den Conférencier seinen Namen nennen und in diesem Augenblicke stand auch schon „seine Stadt“ vor ihm. Flimmernd in Staub und Rauch und Sonne. Eine Gruppe von Ingenieuren stand vor der Station, lauter bekannte Gesichter. Sie wandten sich alle wie auf ein Signal um, um ein Automobil zu erwarten, das langsam heranrollte. In dem Automobil saß er selbst und neben ihm Hobby. Hobby richtete sich auf und schrie den Ingenieuren etwas zu, worauf alle lachten. Allan wurde von einem dumpfen Schmerz erfaßt, als er Hobby sah: frisch, übermütig — und jetzt hatte ihn der Tunnel vernichtet wie viele andere. Das Automobil rollte langsam weiter und plötzlich sah er sich aufstehen und zurücklehnen über den Wagen. Ein Ingenieur griff an den Hut, zum Zeichen, daß er verstanden habe.

Der Conférencier: „Der geniale Konstrukteur gibt seinen Mitarbeitern Befehle!“

Der Mann aber, der an den Hut griff, sah unvermutet forschend ins Publikum, gerade auf ihn, Allan, als habe er ihn entdeckt. Da erkannte er ihn: es war Bärmann, den sie am 10. Oktober erschossen hatten.

Plötzlich sah er die Tunnelzüge laufen: sie flogen die schiefe Ebene hinab, sie jagten herauf, einer hinter dem anderen und eine Wolke von Staub fegte über sie hin.

Allans Herz pochte. Er saß gebannt, unruhig, mit heißem Gesicht, und sein Atem kam so gepreßt aus der Brust, daß man neben ihm lachte.

Die Züge aber flogen ... Allan stand auf. Er ging augenblicklich. Er nahm ein Auto und fuhr ins Hotel. Hier erkundigte er sich bei dem Manager nach dem nächsten auslaufenden Amerika-Schnelldampfer. Der Manager, der Allan stets mit der zartesten Rücksicht behandelte, wie einen Schwerkranken, nannte ihm den Cunardliner, der am nächstenVormittag von Liverpool in See ging. Der Abendschnellzug sei aber schon abgegangen.


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