Die Subskriptions-Einladung war veröffentlicht, und der Tunnel begann zu schlucken!
Die Aktien lauteten auf tausend Dollar. Die Shares auf hundert, zwanzig und zehn Dollar.
Die kahle Riesenhalle der New York-Stock-Exchange erdröhnte am Tage der Emission von ungeheurem Lärm. Seit vielen Jahren war kein Papier mehr auf den Markt gekommen, dessen Zukunft sich so wenig vorherbestimmen ließ. Sie konnte unerhört glänzend sein, sie konnte keinen Cent Wert haben. Die Spekulation fieberte vor Erregung, verhielt sich aber abwartend, da niemand den Mut aufbrachte voranzugehen. Aber S. Woolf hatte schon Wochen vorher in Schlafwagen zugebracht und die Stellung sondiert, die die schwere Industrie, die das größte Interesse am Tunnel hatte, dem Syndikat gegenüber einnahm. Er ratifizierte keinen Auftrags-Vertrag, bevor er sich nicht überzeugt hatte, daß sein Mann ihm sicher war. So kam es, daß die Agentender schweren Industrie Punkt zehn Uhr einen Rush starteten. Sie erwarben für rund fünfundsiebzig Millionen Dollar Aktien.
Der Damm war gebrochen ...
Allan aber war es in erster Linie um das Geld des Volkes zu tun. Nicht eine Rotte von Kapitalisten und Spekulanten sollte den Tunnel bauen, er sollte Eigentum des Volkes, Amerikas, derganzenWelt werden.
Und das Geld des Volkes ließ nicht auf sich warten.
Die Menschen haben stets die Kühnheit und den Reichtum bewundert. Die Kühnheit ist ein Triumph über den Tod, der Reichtum ein Triumph über den Hunger, und nichts fürchten die Menschen mehr als Tod und Hunger.
Selbst unfruchtbar, stürzten sie sich von jeher auf fremde Ideen, um sich daran zu erwärmen, zu entflammen und über die eigene Dumpfheit und Langeweile wegzutäuschen. Sie waren ein Heer von Zeitungslesern, die dreimal täglich ihre Seele mit den Schicksalen unbekannter Menschen heizten. Sie waren ein Heer von Zuschauern, die sich stündlich an den tausendfältigen Kapriolen und tausendfältigen Todesstürzen ihrer Mitmenschen ergötzten, in dumpfem Grimm über die eigene Ohnmacht und Bettelarmut. Nur wenige Auserwählte konnten sich den Luxus leisten, selbst etwas zu erleben. Den andern fehlte Zeit und Geld und Mut, das Leben ließ ihnen nichts. Sie wurden fortgerissen von dem sausenden Treibriemen, der um den Erdball fegte, und wer das Zittern bekam und den Atem verlor, stürzte ab und zerschmetterte und niemand kümmerte sich um ihn. Niemand hatte Zeit und Geld und Mut, sich um ihn zu kümmern, auch das Mitgefühl war Luxus geworden. Die alten Kulturen waren bankerott und die Masse war kaum der Beachtung wert: etwas Kunst, etwas Religion, Christian Science, Heilsarmee, Theosophie undspiritistischer Schwindel — kaum genug, um den seelischen Bedarf einer Handvoll Menschen zu decken. Ein bißchen billige Zerstreuung, Theater, Kinos, Boxkämpfe und Varietés, wenn der sausende Treibriemen auf ein paar Stunden stillestand — um das Schwindelgefühl zu überwinden. Aber viele hatten alle Hände voll zu tun, ihren Körper zu trainieren, damit sie Kraft genug hatten, die Reise morgen wieder mitmachen zu können. Dieses Training nannten sie Sport.
Das Leben war heiß und schnell, wahnsinnig und mörderisch, leer, sinnlos. Tausende warfen es fort. Eine neue Melodie, wenn wir bitten dürfen, nicht die alten Gassenhauer!
Und Allan gab sie ihnen. Er gab ihnen ein Lied aus Eisen und knisternden elektrischen Funken, und sie verstanden es: es war das Lied ihrer Zeit und sie hörten seinen unerbittlichen Takt in den rauschenden Hochbahnzügen über ihren Köpfen.
Dieser Mann versprach keine Claims im Himmel, er behauptete nicht, daß die menschliche Seele sieben Etagen habe. Dieser Mann trieb keinen Humbug mit endgültig vergangenen und unkontrollierbaren zukünftigen Dingen, dieser Mann war die Gegenwart. Er versprach etwas Handgreifliches, das jeder verstehen konnte: er wollte ein Loch durch die Erde graben, das war alles!
Aber trotz der Einfachheit erkannte jedermann, wie unendlich kühn das Projekt dieses Mannes war. Und: es war umblendet von Millionen!
Zuerst floß das Geld des „kleinen Mannes“ nur spärlich, dann aber in Strömen. Durch New York, Chikago, San Franzisko, ganz Amerika schwirrte das Wort „Tunnel-Shares.“ Man sprach von den Viktoria-Rand-Mine-Shares, den Continental Radium-Shares, die ihren Mann reichgemacht hatten. Die Tunnel-Shares konnten alles bisher Dagewesene glatt hinter sich lassen. Man konnte —! O,go on, ja, und man brauchte es! Es handelte sich nicht um tausend Dollar mehr oder weniger, es handelte sich darum, sich den Rückzug ins Alter zu decken, bevor einem die Zähne aus dem Kiefer fielen.
Wochenlang wälzte sich ein Strom von Menschen über die Granittreppe des Syndikatgebäudes. Denn obwohl man die Shares an hundert anderen Orten ebensogut kaufen konnte, wollte sie doch jedermann frisch aus der Quelle haben. Es waren Kutscher, Chauffeure, Kellner, Liftboys, Clerks, Ladenmädchen, Handwerker, Diebe, Juden, Christen, Amerikaner, Franzosen, Deutsche, Russen, Polen, Armenier, Türken, alle Nationen und Schattierungen der Haut, die sich vor dem Gebäude des Syndikats zusammenknäulten und erhitzten durch Gespräche über Shares, Minen, Dividende, Gewinn. Ein Geruch von Geld lag in der Luft! War es nicht, als ob solides Geld, solide Dollarnoten aus dem grauen Winterhimmel über Wallstreet herabregneten?
An manchen Tagen war der Andrang so groß, daß die Beamten gar nicht die Zeit hatten, das einkassierte Geld zu ordnen. Es war, bei Gott, wie in den fernen Tagen des Franklin-Syndikats, den Tagen des seligen „520% Miller.“ Die Beamten warfen das Geld einfach hinter sich auf den Boden. Sie wateten bis an die Knöchel im Geld, und unaufhörlich waren Diener beschäftigt, das Geld in Waschkörben wegzuschleppen. Diese Flut von Geld, die nicht abnahm, sondern stetig wuchs, zauberte einen Glanz wahnsinniger Gier in die Augen der Köpfe, die sich in die Schalter zwängten. Eine Handvoll — soviel als sie mit einer Hand packen konnten! — und sie, die Nummern, Motoren, Automaten, Maschinen,waren: Menschen. Schwindlig im Hirn wie nach Ausschweifungen gingen sie weg, berauscht von Träumen, Fieber in den Augen; wie Millionäre.
In Chikago, St. Louis, Frisko, in allen großen und kleinen Städten der Staaten spielten sich ähnliche Szenen ab. Es gab keinen Farmer, keinen Cowboy, keinen Miner, der nicht in A. T. S.-Shares spekulierte.
Und der Tunnel schluckte, der Tunnel trank das Geld, wie ein Riesenungeheuer mit vorsintflutlichem Durst. Auf beiden Seiten des Ozeans schluckte er.
Die große Maschine lief mit ihrer vollen Geschwindigkeit, und Allan sorgte dafür, daß sie das Tempo beibehielt.
Sein Prinzip war, daß man alles in der Hälfte der Zeit tun könne, die man zu brauchen glaubt. Alle Menschen, die mit ihm in Berührung kamen, nahmen unbewußt sein Tempo an. Das war Allans Macht.
Der zweiunddreißigstöckige menschliche Bienenkorb aus Eisen und Beton roch von den Tresors im Souterrain bis hinauf zur Marconi-Station auf dem flachen Dach nach Schweiß und Arbeit. Seine achthundert Zellen wimmelten von Beamten, Clerks, Stenotypistinnen. Seine zwanzig Lifts schossen den ganzen Tag auf und ab. Es gab hier Paternosteraufzüge, in die man hineinsprang, während sie vorbeiflogen. Es gab Lifts, die nicht bis zum zehnten, zwanzigsten Stockwerk hielten, D-Lifts, es gab einen Lift, der bis zum obersten Stockwerk durchsauste. Kein einziger Quadratmeter der zweiunddreißig Etagen lag brach. Post, Telegraph, Kassen, Zentralen für Hochbau, Tiefbau, Kraftwerke,Städtebau, Maschinen, Schiffe, Eisen, Stahl, Zement, Holz. Bis spät in die Nacht hinein stand das Gebäude wie ein feenhaft beleuchteter Turm im bunten, klingenden Gewimmel des Broadway.
Über die ganze Breite der obersten vier Etagen spannte sich ein enormes, von Hobby entworfenes Reklametableau, das aus Tausenden von farbigen Glühlampen gebildet war. Eine Riesenkarte des atlantischen Ozeans, umrahmt von den Farben der stars and stripes. Der Atlantik blaue, ewig bebende Wellenlinien, links Nordamerika, rechts Europa mit den britischen Inseln, kompakte, blitzende Sternhaufen. Tunnel-City, Biskaya, Azora, Bermuda und Finisterra Klötze rubinfarbiger Lichter, die wie Scheinwerfer blenden. Auf dem Ozean, etwas näher zu Europa, ein Dampfer, getreu in Lichtern nachgeahmt. Dieser Dampfer aber kommt nicht von der Stelle. Unter den blauen Wellenlinien ist mit roten Lampen eine sanfte Kurve gezeichnet, die über die Bermudas und Azoren nach Spanien und Frankreich führt: der Tunnel. Durch den Tunnel aber jagen unaufhörlich feurige Züge zwischen den Kontinenten hin und her. Züge von sechs Waggons, in Abständen von fünf Sekunden! Ein Lichtnebel steigt aus dem glitzernden Tableau empor, das getragen wird von ruhigen, selbstbewußten, breiten, milchweißen Riesenlettern: Atlantik-Tunnel.
Je erregter die Luft um Allan fieberte, desto wohler fühlte er sich. Seine Laune war ausgezeichnet. Er sah stets heiß und angeregt aus, kräftiger und gesünder denn je. Sein Kopf saß noch freier auf den Schultern und diese Schultern waren noch breiter und stärker geworden. Seine Augen hatten den kindlichen, gutmütigen Ausdruck verloren, ihr Blick war bestimmt und gesammelt. Selbst sein Mund, früher zusammengepreßt, war erblüht, gesättigtvon einem unmerklichen und undefinierbaren Lächeln. Er aß mit gesundem Appetit, schlief tief und traumlos und arbeitete — nicht überstürzt, aber gleichmäßig und ausdauernd.
Maud dagegen hatte eingebüßt an Glanz und Frische. Ihre Jugend war vorbei, sie war aus einem Mädchen eine Frau geworden. Ihre Wangen zeigten nicht mehr die alte frische Röte, sie waren etwas fahler und schmaler geworden, gespannt, aufmerksam, und ihre glatte Stirn war nachdenklich gefaltet.
Sie litt.
Im Februar und März hatte sie einige herrliche Wochen verlebt, die sie für Langeweile und Leere des Winters entschädigten. Sie war mit Mac auf den Bermudas, Azoren, und in Europa gewesen. Besonders während sie auf See waren, hatte sie Macs Gesellschaft fast den ganzen Tag über genießen können. Nach der Heimkehr aber war es ihr um so schwerer geworden, sich wieder in Bronx einzugewöhnen.
Mac war wochenlang unterwegs. Buffalo, Chikago, Pittsburg, Tunnel-City, Kraftwerke an der Küste. Er lebte in D-Zügen. In New York aber erwartete ihn schon wieder ein Berg von Arbeit.
Zwar kam er nun häufiger nach Bronx, wie er versprochen hatte, aber fast immer, und selbst an den Sonntagen, brachte er Arbeit mit, die keinen Aufschub erlaubte. Häufig kam er nur, um zu schlafen, zu baden, zu frühstücken, und wieder war er fort.
Im April stand die Sonne schon hoch am Himmel und einige Tage waren sogar drückend heiß. Maud promenierte mit Edith, die nun schon tapfer an ihrer Seite einhertrippelte, im Bronx-Park, der von modernder Erde und jungem Laub herrlich roch. Wie im vorigen Sommer stand sie wieder, mit Edith auf dem Arm, stundenlang vor dem Affenkäfigund lachte. Die kleine Edith ritt, rotglühend vor Vergnügen, auf einem zierlichen Shetlandpony, sie warfen den Bären, die mit aufgesperrten Rachen an den Gittern hockten, Brotstücke in die Mäuler, sie besuchten die Löwenbabys — so verging der Nachmittag. Zuweilen wagte sich Maud auch mit ihrem Kind in die lärmende, staubende City hinein; sie hatte das Bedürfnis, das Leben zu spüren. Gewöhnlich landete sie dann in den Anlagen der Battery, wo die Hochbahnzüge über den Köpfen der spielenden Kinder dahindonnern. Von dem ganzen endlosen New York liebte Maud diese Stelle am meisten.
Neben dem Aquarium standen Bänke und hier nahm Maud Platz und träumte über die Bai hinaus, während ihr Mädchen mit bunten Geschirren im Sand spielte und vor Anstrengung und Aufregung laut schnaufte. Die weißen Ferryboote pendelten unaufhörlich zwischen Hoboken, Ellis Island, Bedloes Island, Staaten-Island und New York-Brooklyn hin und her. Die milchige, weite Bai und der Hudson wimmelten von ihnen, oft konnte sie dreißig zur gleichen Zeit zählen. Auf allen bewegte sich ein weißer, doppelarmiger Hebel, dem Wagbalken einer Wage ähnlich, ohne Pause auf und ab. So sah es aus, als marschierten die Dampfer in Siebenmeilenstiefeln dahin. Die Central of New Jersey Ferry kam beladen mit Eisenbahnwagen vorüber, Tugs und kleine Zollboote schossen aufgeregt durch das Wasser. Fern im Sonnennebel stand die lichte Silhouette der Freiheitstatue, und es schien, als schwebe sie auf dem Wasser. Dahinter zog ein blauer Streifen, das war Staaten Island, schon kaum mehr zu sehen. Aus den Kaminen der Dampfer schoß ein weißer Dampfstrahl und nach einer Weile hörte man Tuten und Pfeifen. Die Bai war voller Stimmen, vom schrillsten Winseln der Tugs bis zum tiefen Brummen der Ozeandampfer, das die Luft weithinerschütterte. Unausgesetzt rasselten Ketten und in der Ferne wurde Eisen gehämmert. Der Lärm war so vielstimmig und mannigfaltig, daß er wie ein sonderbares Konzert wirkte und Träumereien und Nachdenklichkeit erzeugte.
Plötzlich tutete es ganz nahe: ein riesiger Schnelldampfer schob sich in der Sonne durch das schmutziggrüne Wasser des Hudson; die Kapelle spielte an Bord, alle Verdecke waren mit Menschenköpfen punktiert und im Hinterschiff stand die schwarze Masse der Zwischendecker.
„Winke, Edith, winke dem Dampfer!“
Und Edith sah auf, schwang den kleinen Blecheimer und schrie — genau wie die Pfeife der Tugs.
Wenn sie aufbrachen, so wollte Edith stets zum Vater gehen. Aber Maud erklärte ihr, daß sie Vater nicht stören dürften.
Maud nahm wieder eifrig ihr Klavierspiel auf. Sie übte fleißig und nahm wieder Unterricht. Wieviel sie verlernt hatte! Ein paar Wochen lang besuchte sie alle großen Konzerte; sie spielte selbst an zwei Abenden im Monat im Heim der Verkäuferinnen und Blusenarbeiterinnen. Aber das Entzücken, das ihr mit der Musik ins Blut strömte, mischte sich mehr und mehr mit einer quälenden, dumpfen Sehnsucht, so daß sie nach einiger Zeit immer seltener musizierte und es schließlich ganz aufgab. Sie besuchte Vorträge über Kindererziehung, Hygiene, Ethik und Tierschutz. Ihr Name erschien sogar unter den Komiteedamen von Vereinigungen für Invalidenfürsorge und Waisenerziehung — jene modernen Ambulanzen, wo die Wunden verbunden werden, die die unbarmherzige Schlacht der Arbeit schlägt.
Aber es blieb eine Leere in ihr zurück, eine Leere, in der es brodelte von Groll und Verlangen.
Gegen Abend klingelte sie Mac regelmäßig an, und sie fühlte sich schon ruhiger, wenn sie seine Stimme hörte.
„Wirst du heute abend zu Tisch kommen, Mac?“ fragte sie und lauschte schon gespannt auf seine Antwort, während sie noch sprach.
„Heute? Nein, heute ist es unmöglich. Aber morgen komme ich, ich richte es ein. Wie geht es Edith?“
„Besser als mir, Mac!“ Aber sie lachte dabei, um Mac zu täuschen.
„Kannst du sie an den Apparat bringen, Maud?“
Und Maud, glücklich darüber, daß er an ihr Kind dachte, hob die Kleine in die Höhe und Edith mußte irgend etwas in das Telephon plappern.
„Nun adieu, Mac! Es schadet ja nichts, daß es heute nicht geht, aber morgen kenne ich keine Gnade — hörst du?“
„Ja, ich höre. Morgen bestimmt. Gute Nacht, Maud!“
Später aber kam es häufig vor, daß es Lion nicht gelang, Mac an den Apparat zu bringen, da er unmöglich abkommen könne.
Und Maud, unglücklich und zornig, warf den Hörer heftig hin und kämpfte mit den Tränen.
An den Abenden las sie. Sie las ganze Bücherschränke aus. Aber sie fand bald, daß die meisten Bücher nichts als Lüge waren.No, my dear, das Leben war ganz anders! Zuweilen aber fand sie ein Buch, das ihr ihren Jammer in seiner ganzen Größe bestätigte. Sie ging unglücklich, mit Tränen in den Augen, in den leeren, stillen Zimmern hin und her. Schließlich kam sie auf die großartige Idee, selbst ein Buch zu schreiben. Ein ganz eigenartiges Buch — und damit wollte sie Mac überraschen! Die Idee berauschte sie. Einen ganzen Nachmittag lief sie in der Stadt umher, um ein Buch aufzutreiben, wie sie es im Kopfe hatte. Endlich fand sie, was sie wünschte. Es war ein Tagebuch, in Alligatorhaut gebunden, mit feinem gelblichen Papier. Gleich nach Tisch begann sie ihre Arbeit. Sie schrieb auf die erste Seite:Leben meines kleinen Töchterchens Edith und was sie sagte.
Niedergeschrieben von ihrer Mutter Maud.
„Gott möge sie beschirmen, die süße Edith,“ schrieb sie auf das zweite Blatt. Und auf dem dritten fing sie an.
„To begin with my sweet little daughter was born ...“
Das Buch sollte Mac zu Weihnachten bekommen. Die Arbeit entzückte sie und vertrieb ihr viele einsame Abende. Jede Kleinigkeit aus dem Leben ihres jungen Töchterchens buchte sie gewissenhaft. Alle drolligen Aussprüche und alle naiven und weisen Fragen, Bemerkungen und Ansichten ihres Kindes. Zuweilen schweifte sie auch ab und verlor sich in ihre eigenen Sorgen und Gedanken.
Sie lebte vom Sonntag auf den Sonntag, da Mac sie besuchte. Die Sonntage waren ein Fest für sie. Sie schmückte das Haus, sie entwarf einen besonderen Speisezettel, der Mac für die ganze Woche entschädigen sollte. Aber zuweilen konnte Allan auch am Sonntag nicht abkommen.
An einem Sonntag wurde er plötzlich in die Stahlwerke nach Buffalo gerufen. Und am folgenden Sonntag brachte er Herrn Schlosser, Chef der Baustelle auf den Bermudas, mit nach Bronx und Maud hatte so gut wie nichts von ihm, denn die beiden benutzten den Tag zur Erörterung technischer Fragen.
Da erschien Maud eines Nachmittags zu ungewöhnlicher Stunde im Syndikatgebäude und ließ Mac durch Lion sagen, daß sie ihn sofort zu sprechen wünsche.
Sie wartete im Speisezimmer, das an Macs Arbeitssaal stieß und hörte eine rasselnde, fettige Stimme eine Reihe von Banken nennen.
„— Manhattan — Morgan Co. — Sherman —“
Sie erkannte die Stimme von S. Woolf, den sie nicht ausstehen konnte. Plötzlich brach er ab und Mac rief: „Sofort, sage sofort, Lion.“
Lion trat ein und gab flüsternd Bescheid.
„Ich kann nicht warten, Lion!“
Der Chinese blinzelte verlegen und schlich lautlos hinaus.
Gleich darauf trat Mac ein, heiß von der Arbeit, in bester Laune.
Er fand Maud, das Gesicht in das Taschentuch gedrückt und heftig weinend.
„Maud?“ fragt er bestürzt. „Was gibt es? Etwas mit Edith?“
Maud schluchzte lauter. Edith! Edith! An sie dachte er gar nicht. Konnte nicht mit ihr etwas sein? Ihre Schultern schüttelte das Weinen.
„Ich halte es ganz einfach nicht mehr aus!“ schluchzte sie und preßte das Gesicht noch tiefer ins Taschentuch. Immer heftiger weinte sie. Sie konnte nun gar nicht mehr aufhören, wie ein Kind, das zu weinen anfing. All ihr Groll und Kummer mußte heraus.
Mac stand eine Weile ratlos. Dann berührte er Mauds Schulter und sagte: „Aber höre doch, Maud — ich konnte ja nichts dafür, daß uns Schlosser den Sonntag verdarb. Er kam von seiner Station herüber und konnte unmöglich länger als zwei Tage bleiben.“
„Das ist es ja gar nicht. Dieser eine Sonntag —! Gestern nun war Ediths Geburtstag ... ich habe gewartet ... ich habe gedacht ...“
„Ediths Geburtstag?“ sagte Allan verlegen.
„Ja. Du hast ihn vergessen!“
Da stand nun Mac beschämt da. „Wie konnte ich nur?“ sagte er. „Noch vorgestern dachte ich daran!“ Nach einer Pause fuhr er fort: „Höre, kleine Maud, ich muß soviel im Kopf haben in diesen Tagen; es ist ja nur, bis der Anfang gemacht ist —“
Da sprang Maud auf und stampfte mit dem Fuße undsah ihn zornrot an, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. „Das sagst du immer — seit Monaten sagst du das! — O, was für ein Leben!“ schluchzte sie und warf sich wieder in den Stuhl und bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuch. Mac wurde immer ratloser. Er stand da wie ein ausgescholtener Schulknabe und errötete. Noch nie hatte er Maud so aufgebracht gesehen.
„Nun, höre doch, Maud,“ begann er wieder, „es gibt mehr Arbeit, als ein Mensch annehmen konnte — aber das wird bald besser werden.“ Und er bat sie, noch eine Weile Geduld mit ihm haben zu wollen, sich zu zerstreuen, zu musizieren, Konzerte, Theater zu besuchen.
„O, das habe ich alles schon versucht, es ist langweilig — es wächst mir zum Hals heraus — und immer zu warten und zu warten —!“
Mac schüttelte den Kopf und sah hilflos auf Maud.
„Ja, was sollen wir mit dir tun,girlie— was sollen wir mit dir anfangen?“ fragte er leise. „Vielleicht gingst du besser einige Wochen aufs Land? Nach Berkshire?“
Maud hob rasch den Kopf und sah ihn mit nassen, blanken Augen an.
„Willst du mich ganz los sein?“ fragte sie mit offenem Mund.
„Ach, nein, nein. Ich will nur dein Bestes, liebste Maud. Du tust mir leid — ja, aufrichtig —“
„Ich will nicht, daß ich dir leid tue, nein ...“ Und von neuem schüttelte sie dies heftige, dumme Weinen.
Mac nahm sie auf den Schoß und bemühte sich, sie durch Liebkosungen zu beruhigen, während er auf sie einsprach. „Ich komme heute abend nach Bronx!“ sagte er schließlich, als sei damit alles wieder in Ordnung gebracht.
Maud trocknete ihr schwimmendes Gesicht ab.
„Gut. Aber wenn du später als halb neun Uhr kommst,so lasse ich michscheidenvon dir!“ Und sie wurde plötzlich tiefrot im Gesicht, als sie dies sagte. „Ich habe oft daran gedacht — ja, Mac, lache nur, das ist keine Art, seine Frau zu behandeln, das sage ich dir.“ Sie umschlang Mac und preßte ihre heiße Wange an sein braunes Gesicht und flüsterte: „O, ich liebe dich so, Mac! Ich liebe dich ja so!“
Ihre Augen glänzten, als sie die zweiunddreißig Stockwerke im Lift abstürzte. Sie fühlte sich wohl und heiß im Herzen, aber schon schämte sie sich ein wenig. Sie dachte an Macs Bestürzung, den Kummer in seinen Augen, seine Ratlosigkeit und das versteckte Erstaunen, daß sie so wenig verstände, wie notwendig all diese Arbeit war. ‚Wie eine dumme Gans habe ich mich benommen‘ — dachte sie — ‚so töricht! Was wird Mac nun wohl von mir denken? Daß ich keinen Mut, keine Geduld und kein Verständnis für seine Arbeit habe — und wie dumm war es ihm vorzulügen, daß ich schon oft an Scheidung gedacht hätte.‘ Das war ihr erst in diesem Augenblick eingefallen.
„Ja, in der Tat, wie eine Gans —a real goose!— habe ich mich benommen,“ sagte sie halblaut, als sie in den Wagen einstieg und lachte leise, um sich über die beschämende Empfindung, sich töricht betragen zu haben, wegzuhelfen.
Allan gab Lion den Auftrag, ihn ein Viertel vor acht aus dem Bureau zu werfen. Pünktlich! Ein paar Minuten vor acht eilte er rasch in ein Geschäft und kaufte eine Menge Geschenke für Edith und einige für Maud, ohne lange zu wählen, denn von diesen Dingen verstand er nichts.
‚Sie hat recht, Maud,‘ dachte er, während er im Auto die sechs Meilen lange schnurgerade Lexington Avenue hinaufschnurrte, und er grübelte angestrengt darüber nach, wie er es künftighin einrichten wolle, um sich seiner Familie mehr widmen zu können. Aber er kam zu keinem Resultat. Die Wahrheit war die, daß die Arbeit von Tag zu Tag mehranschwoll, anstatt weniger zu werden. ‚Was soll ich tun?‘ dachte er. ‚Wenn ich einen Ersatz für Schlosser hätte, er ist zu unselbständig.‘
Dann erinnerte er sich, daß er einige dringliche Briefe in der Tasche hatte, überlas sie und setzte den Namen darunter. Beim Harlem-River war er damit fertig. Er ließ halten und die Briefe einwerfen. Es war noch zehn Minuten bis halb neun.
„Nimm Boston Road, Andy,let her rip, aber überfahre niemand.“
Und Andy fegte Boston Road entlang, daß die Passanten taumelten und ein Berittener ihre Verfolgung im Galopp aufnahm. Mac legte die Füße auf den Sitz gegenüber, zündete sich eine Zigarre an und schloß übermüdet die Augen. Er war nahezu eingeschlafen, als das Auto mit einem Ruck hielt. Das ganze Haus war festlich erleuchtet.
Maud rannte wie ein Mädchen die Treppe herab und fiel Mac um den Hals. Noch während sie durch den Vorgarten lief, rief sie: „Oh, ich bin eine solche Gans, Mac!“
Sie kümmerte sich nicht darum, daß der Chauffeur es hörte.
Ja, nun wollte sie aber Geduld haben und nie mehr klagen.
„Ich schwöre es dir, Mac!“
Maud hielt Wort, aber es wurde ihr nicht leicht.
Sie beklagte sich nicht mehr, wenn Mac am Sonntag ausblieb oder so viele Arbeit mitbrachte, daß er ihr kaum eine Minute widmen konnte. Mac hatte eine übermenschlicheArbeit übernommen, das wußte sie, eine Arbeit, die andere vollkommen verzehrt haben würde, und es war ihre Sache, ihm dazu nicht noch eine weitere Bürde aufzuladen. Im Gegenteil, sie mußte versuchen, ihm die wenigen Feierstunden so schön wie möglich zu gestalten.
So war sie heiter und guter Dinge, so oft er zu ihr kam, und verriet mit keinem Wort, daß sie sich all die Tage lang unsinnig nach ihm verzehrt hatte. Und merkwürdig — er, Mac, fragte nicht danach, es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß sie leiden könnte.
Der Sommer kam, der Herbst, Bronx Park bekam gelbe Blätter und aus den Wipfeln vor dem Haus fiel das Laub in Bündeln herab, ohne daß ein Windstoß es berührte.
Mac fragte sie, ob sie nicht etwa nach Tunnel-City übersiedeln wolle? Sie verbarg ihr Erstaunen. Ja, er habe wöchentlich ein paarmal dort zu tun und beabsichtige für die Sonntagvormittage eine Art Audienzstunde einzurichten, in der jedermann, Ingenieur wie Arbeiter, ihm seine Wünsche und Beschwerden vortragen könne.
„Wenn du es wünschst, Mac?“
„Ich denke wohl, es wäre das beste, Maud. An und für sich will ich ja meine Bureaus nach Tunnel-City verlegen, sobald es angeht. Freilich fürchte ich, daß es etwas einsam für dich sein wird —?“
„Es wird nicht schlimmer sein als in Bronx, Mac,“ antwortete Maud lächelnd.
Die Übersiedlung sollte im Frühjahr stattfinden. Aber während Maud die Vorbereitungen traf, hielt sie oft inne und dachte: ‚Mein Gott, was soll ich in dieser Zementwüste anfangen?‘
Sie mußte etwas beginnen, etwas, das sie beschäftigte und die törichten Gedanken und Träumereien vertrieb.
Schließlich hatte sie eine wundervolle Idee und sie machtesich voller Eifer an ihre Verwirklichung. Diese Idee belebte sie, und ihre Laune war so heiter und ihr Lächeln so geheimnisvoll, daß es sogar Mac auffiel.
Maud ergötzte sich eine Weile an Macs Neugierde, dann aber konnte sie ihr Geheimnis nicht mehr länger bei sich behalten. Ja, die Sache sei die: sie müsse etwas zu tun haben, eine solide Beschäftigung, eine richtige Arbeit. Keine bloße Spielerei. Nun sei sie auf den Gedanken gekommen, im Hospital von Tunnel-City zu arbeiten. „Untersteh’ dich nicht zu lächeln, Mac!“ Ja. Es sei ihr ernst damit. Sie habe übrigens schon den Kursus begonnen. In der Kinderklinik vonDr.Wassermann.
Mac wurde nachdenklich.
„Hast du wirklich schon angefangen damit, Maud?“ fragte er, immer noch ungläubig.
„Ja, Mac, vor vier Wochen. Wenn ich nun im Frühjahr nach Tunnel-City komme, so habe ich eine Beschäftigung. Anders geht es nicht mehr.“
Nun aber war Mac ganz Verblüffung, Nachdenklichkeit und Ernst. Er blinzelte vor Überraschung und fand nicht sogleich die Sprache wieder. Maud amüsierte sich ganz großartig! Dann nickte er ein paarmal mit dem Kopf. „Vielleicht ist es ganz gut, wenn du etwas arbeitest, Maud!“ sagte er breit und nachdenklich. „Ob es aber gerade das Hospital sein muß —?“ Plötzlich aber lachte er belustigt auf. Er sah seine kleine Maud im Kostüm einer Krankenpflegerin vor sich. „Verlangst du eine hohe Gage?“ Maud aber ärgerte sich ein wenig über sein harmloses Lachen.
Er nahm ihren Plan für eine Laune, eine Spielerei. Er zweifelte an ihrer Ausdauer. Er begriff gar nicht, daß es für sie eine Notwendigkeit geworden war, zu arbeiten. Es kränkte sie, daß er sich so geringe Mühe gab, sie zu verstehen.
‚Früher kränkte mich so etwas ganz und gar nicht,‘ dachte sie am folgenden Tag. ‚Demnach muß ich anders geworden sein.‘ Und Maud, die sich Tag und Nacht quälte, aus dem einfachen Grunde, weil sie die Gewißheit ihres Glückes verloren hatte, fing an zu verstehen, daß eine Frau mehr wünscht als Liebe und Anbetung.
Am Abend war sie allein, es regnete herrlich und frisch draußen und sie machte Eintragungen in ihr Journal.
Sie notierte einige Aussprüche der kleinen Edith, die deutlich die naive Grausamkeit und den kindlichen Egoismus ihres vergötterten Töchterchens verrieten. Eigenschaften, die allen Kindern eigen sind, was Maud nicht vergaß hinzuzufügen. Dann spann sie ihre Gedanken weiter aus: „Es scheint mir,“ schrieb sie, „daß nur Mütter und Gattinnen wahrhaft selbstlos sein können. Kindern und Männern ist diese Eigenschaft nicht gegeben. Die Männer haben vor den Kindern nur das eine voraus: sie sind selbstlos und aufopferungsvoll in kleinen, äußerlichen, ich möchte sagen, unwesentlichen Dingen. Ihre tiefsten und wesentlichen Regungen und Wünsche werden sie aber nie zugunsten einer geliebten Person aufgeben. Mac ist ein Mann und ein Egoist wie alle Männer, ich kann ihm diesen Vorwurf nicht ersparen, obgleich ich ihn von ganzem Herzen liebe.“
Sie überzeugte sich, daß Edith schlief, nahm einen Schal und trat auf die Veranda. Hier setzte sie sich in einen Korbsessel und lauschte dem Rauschen des Regens. Im Südwesten stand eine düstere Feuersbrunst: New York.
Als sie in ihr Schlafzimmer gehen wollte, fiel ihr Blick auf das aufgeschlagene Buch am Schreibtisch. Sie las ihr Aperçu, und während sie vorhin im Grunde ihres Herzens sogar ein wenig stolz gewesen war auf all ihre Weisheit, schüttelte sie jetzt den Kopf und schrieb darunter: „Eine Stunde später, nachdem ich dem Rauschen des Regensgelauscht habe. Mache ich Mac nicht ungerechte Vorwürfe? Bin nicht ich es, die egoistisch ist? Verlangt Mac etwas von mir? Oder verlange nicht ich von Mac, daß er Opfer bringt? Ich glaube, daß alles, was ich vorher geschrieben habe, kompletter Nonsens ist. Heute kann ich das Rechte nicht mehr finden. Schön rauscht der Regen. Er gibt Frieden und Schlaf. — Maud, Macs kleiner Narr.“
Unterdessen hatten sich Mac Allans Bohrmaschinen an den fünf Arbeitszentralen schon meilenweit in die Finsternis hineingefressen. Wie zwei schauerliche Tore, die in die Unterwelt hinabführen, sahen diese Tunnelmündungen aus.
Tag und Nacht aber, ohne jede Pause, kamen endlose Gesteinszüge im Schnellzugstempo aus diesen Toren heraufgeflogen, Tag und Nacht, ohne Pause, stürzten sich Arbeiter- und Materialzüge in rasendem Tempo hinein. Wie Wunden waren diese Doppelstollen, brandige schwarze Wunden, die immerzu Eiter ausspien und frisches Blut verschlangen. Da drinnen aber, in der Tiefe, tobte der tausendarmige Mensch!
Mac Allans Arbeit war nicht jene Arbeit, die die Welt bisher kannte, sie war Raserei, ein höllischer Kampf um Sekunden. Erranntesich den Weg durchs Gestein!
Die gleichen Maschinen, das gleiche Bohrermaterial vorausgesetzt, hätte Allan mit den Arbeitsmethoden früherer Zeiten zur Vollendung des Baus neunzig Jahre gebraucht. Er arbeitete aber nicht acht Stunden täglich, sondern vierundzwanzig. Er arbeitete Sonn- und Feiertage. Bei den „Vortrieben“ arbeitete er mit sechs Schichten; er zwang seine Leute, in vier Stunden das zu leisten, was sie bei langsamem Tempo in acht Stunden geleistet haben würden. Auf diese Weise erzielte er eine sechsfache Arbeitsleistung.
Der Ort, wo die Bohrmaschine arbeitete, der Vortrieb, hieß bei dentunnelmendie „Hölle“. Der Lärm war hier so ungeheuer, daß fast alle Arbeiter mehr oder weniger taub wurden, trotzdem sie die Ohren mit Watte verstopft hatten. Die Allanschen Bohrer, die den Berg perforierten, setzten mit einem klirrenden Schrillen ein, der Berg schrie wie tausend Kinder auf einmal in Todesangst, er lachte wie ein Heer Irrsinniger, er delirierte wie ein Lazarett von Fieberkranken und endlich donnerte er wie große Wasserfälle. Durch den kochend heißen Stollen heulten fünf Meilen weit schreckliche, unerhörte Töne und Interferenzen, so daß niemand es gehört haben würde, wenn der Berg in Wirklichkeit zusammengestürzt wäre. Da das Getöse Kommando und Hornsignale verschluckt hätte, so mußten alle Befehle auf optischem Wege gegeben werden. Riesige Scheinwerfer schleuderten ihre grellen Lichtkegel bald gleißend weiß, bald blutrot in das Chaos von schweißüberströmten Menschenknäueln, Leibern, stürzenden Steinen, die selbst wieder Menschenleibern ähnlich sahen, und der Staub wälzte sich wie dicke Dampfwolken im Lichtkegel der Reflektoren. Mitten in diesem Chaos von rollenden Leibern und Steinen aber bebte und kroch ein graues, staubbedecktes Ungetüm, wie ein Ungeheuer der Vorzeit, das sich im Schlamm gewälzt hatte: Allans Bohrmaschine.
Von Allan ersonnen bis auf die kleinste Einzelheit, glich sie einem ungeheuren, gepanzerten Tintenfisch, Kabel und Elektromotoren als Eingeweide, nackte Menschenleiber im Schädel, einen Schwanz von Drähten und Kabeln hinter sich nachschleifend. Von einer Energie, die der von zwei Schnellzugslokomotiven entsprach, angetrieben, kroch er vorwärts, betastete mit seinen Fühlern, Tastern, Lefzen des vielgespaltenen Maules den Berg, während er helles Licht aus den Kiefern spie. Bebend in urtierischem Zorn, hin- undherschwankend vor Wollust des Zerstörens fraß er sich heulend und donnernd bis an den Kopf hinein ins Gestein. Er zog die Fühler und Lefzen zurück und spritzte etwas in die Löcher, die er gefressen hatte. Seine Fühler und Lefzen waren Bohrer mit Kronen aus Allanit, hohl, mit Wasser gekühlt, und was er durch die hohlen Bohrer in die Löcher spie, war Sprengstoff. Wie der Tintenfisch des Meeres, so änderte er plötzlich seine Farbe. Aus seinen Kiefern dampfte Blut, seine Rückennarbe funkelte böse drohend, und unheimlich wie der Tintenfisch des Meeres zog er sich zurück, in roten Dunst eingehüllt — und wieder kroch er vorwärts. Vor und zurück, Tag und Nacht, jahrelang, ohne Pause.
Sobald er die Farbe wechselt und sich zurückzieht, stürzt sich eine Rotte Menschen die Gesteinswand hinauf und windet fieberhaft die Drähte zusammen, die aus den Bohrlöchern hängen. Und wie vom Grauen gepeitscht jagt die Rotte zurück. Es grollt, donnert, dröhnt. Der zerschmetterte Berg rollt den Fliehenden drohend nach, ein Steinhagel jagt vor ihm her und prasselt gegen die Panzerplatten der Bohrmaschine. Wolken von Staub wälzen sich dem roten Glutatem entgegen. Plötzlich blendet er wieder grellweiß und Horden halbnackter Menschen stürmen in die brodelnde Staubwolke hinein und stürzen den noch rauchenden Schutthaufen hinauf.
Das gierig vorwärtsrollende Ungetüm aber streckt Freßwerkzeuge schauerlicher Art aus, Zangen, Krane, es schiebt seinen stählernen Unterkiefer vor und in die Höhe undfrißtGestein, Felsen, Schutt, den hundert Menschen mit verzerrten Gesichtern, glänzend von Schweiß, ihm in den Rachen werfen. Seine Kiefer beginnen zu mahlen, zu schlingen, der bis zum Boden schleifende Bauch schluckt und zum After kommt ein endloser Strom von Felsen und Steinen heraus.
Die hundert schweißtriefenden Teufel da oben taumeln zwischen dem rollenden Gestein, zerren an Ketten, schreien,brüllen und der Schuttberg schmilzt und sinkt sichtbar unter ihren Füßen zusammen. Fort, das Gestein muß aus dem Wege, das ist die Losung!
Schon aber meißeln und bohren und wühlen schmutzgetigerte Menschenklumpen unter den Freßwerkzeugen des Ungeheuers, um ihm den Weg zu ebnen. Männer mit Schwellen und Schienen keuchen heran, die Schwellen werden gebettet, die Schienen festgeschraubt, und das Ungeheuer wälzt sich vorwärts.
An seinem schmutzbedeckten Leib, seinen Flanken, seinem Bauch, seinem gewölbten Rücken hängen winzige Menschen. Sie bohren Löcher in Decke und Wände, den Boden, in hervorstehende Blöcke, so daß sie jederzeit im Augenblick mit Patronen gefüllt und abgesprengt werden können.
So fieberhaft und höllisch die Arbeit vor der Bohrmaschine wütete, so fieberhaft und höllisch tobte sie hinter ihr, wo der endlose Strom von Gestein herausquoll. Eine knappe halbe Stunde später mußte die Maschine zweihundert Meter rückwärts freie Fahrt haben, um das Sprengen abwarten zu können.
Sobald das Gestein auf dem ewig wandernden Rost unter dem Bauch der Maschine hervorkam, sprangen herkulische Burschen darauf und versicherten sich der großen Blöcke, die Menschenkraft nicht heben konnte. Während sie auf dem Rost, der zehn Schritte hinter die Maschine reichte, mitwanderten, befestigten sie die Ketten, die um die großen Blöcke geschlungen waren, an den Kranen, die aus der Rückwand der Maschine starrten und die Blöcke hoben.
Der ewig wandernde Rost aber schüttete die Gesteinsmassen prasselnd und krachend in niedrige, eiserne, verbeulte Karren, den Hunden in den Kohlengruben ähnlich, die, ein endloser Zug, vom linken Schienenstrang auf den rechten mit Hilfe eines halbkreisförmigen Verbindungsgeleises geführt wurden und gerade so lange hinter dem Rost stockten,als nötig war, um Gestein und Blöcke aufzunehmen. Sie wurden von einer mit Akkumulatoren gespeisten Grubenlokomotive gezogen. Klumpen von Menschen mit bleichen Gesichtern, einen Brei von Schmutz auf den Lippen, taumelten um Rost und Hunde, wühlten, wälzten, schaufelten und schrien, und das grelle Licht der Scheinwerfer blendete unbarmherzig auf sie hernieder, während die Luft der Wetterführung wie ein Sturmwind in sie hineinpfiff.
Die Schlacht bei der Bohrmaschine war mörderisch und täglich gab es Verwundete und häufig Tote.
Nach einer vierstündigen Raserei wurden die Mannschaften abgelöst. Vollkommen erschöpft, gekocht in ihrem eigenen Schweiß, bleich und halb bewußtlos vor Herzschwäche, warfen sie sich auf das nasse Gestein eines Waggons und schliefen augenblicklich ein, um erst über Tag zu erwachen.
Die Arbeiter sangen ein Lied, das einer aus ihren Reihen gedichtet hatte. Dieses Lied begann:
Drinnen, wo der Tunnel donnertIn der heißen Hölle, Brüder,Gee, wie ist die Hölle heiß!Einen Dollar extra für die Stunde,Für die Stunde einen Dollar extraZahlt dir Mac für deinen Schweiß ...
Zu Hunderten flohen sie die „Hölle“ und viele brachen nach kurzer Zeit für immer zusammen.Aber es kamen immer neue!
Die kleine Grubenlokomotive aber rasselte mit den beladenen Hunden kilometerweit durch den Tunnel, bis dahin, wo die Eisenbahnwaggons standen, die die Hundean Kranen in die Höhe zogen und entleerten. Waren die Waggons gefüllt, so fuhren die Züge ab — in jeder Stunde ein Dutzend und mehr — und neue, mit Material und Menschen standen an ihrer Stelle.
Die amerikanischen Stollen waren gegen das Ende des zweiten Jahres fünfundneunzig Kilometer weit vorgetrieben worden und diese ganze mächtige Strecke entlang fieberte und tobte die Arbeit. Denn Allan peitschte unaufhörlich zur größten Kraftanspannung an, täglich, stündlich. Rücksichtslos verabschiedete er Ingenieure, die ihre geforderten Kubikmeter nicht bewältigen konnten, rücksichtslos entließ er Arbeiter, die den Atem verloren.
Wo noch die eisernen Hunde rasseln und der zerfetzte Stollen von Staub, Steinsplittern und einem donnernden Getöse erfüllt ist, sind Bataillone von Arbeitern beim Schein der Reflektoren beschäftigt, Balken und Pfosten und Bretter zu schleppen, um den Stollen gegen hereinbrechendes Gestein zu sichern. Eine Schar von Technikern legt die elektrischen Kabel und provisorischen Schläuche und Röhren für Wasser und zugepumpte Luft.
Bei den Zügen stürzen Horden von Menschen hin und her, um das Material abzuladen und über die Strecke zu verteilen, so daß man nur hinzugreifen hatte, wenn man es brauchte: Balken, Bretter, Klammern, Eisenträger, Schrauben, Röhren, Kabel, Bohrer, Sprenghülsen, Ketten, Schienen, Schwellen.
Von dreihundert zu dreihundert Metern aber wütet ein Trupp schmutziger Gestalten zwischen den Pfosten mit Bohrern gegen die Stollenwand. Sie sprengen und schlagen eine Nische so hoch wie ein Mann und sobald ein Zug gellend vorbeikommt, flüchten sie zwischen die Pfosten. Bald aber ist die Nische so tief, daß sie sich nicht mehr um die Züge zu kümmern brauchen, und nach einigen Tagenklingt die Wand hohl, sie stürzt ein und sie stehen im Parallelstollen, wo die Züge vorbeifliegen wie drüben. Dann marschieren sie ihre dreihundert Meter weiter, um den neuen Querschlag in Angriff zu nehmen.
Diese Querschläge dienen zur Ventilation, zu hundert anderen Zwecken.
Ihnen auf den Fersen aber folgt ein Trupp, dessen Aufgabe darin besteht, diese schmalen Verbindungsgänge kunstgerecht auszumauern. Jahraus, jahrein tun sie nichts anderes. Nur jeden zwanzigsten Querstollen lassen sie stehen wie er ist.
Weiter, vorwärts!
Ein Zug rauscht heran und hält bei dem zwanzigsten Querschlag. Eine Schar geschwärzter Burschen springt von den Waggons, und Bohrer, Spitzhacken, Eisenträger, Zementsäcke, Schienen, Schwellen wandern über ihre Schultern blitzschnell in den Querstollen hinein, während hinten schon die Glocken der aufgehaltenen Züge ungeduldig gellen. Weiter! Die Züge rollen. Der Querstollen hat die geschwärzten Burschen verschluckt, die Bohrer schrillen, es knallt, das Gestein birst, der Stollen wird breiter und breiter, er steht schräg zu den Tunneltrassen, Eisen und Beton sind seine Wände, seine Decke, sein Boden. Ein Geleise führt durch ihn hindurch: eine Weiche.
Diese Weichen haben den ganz unschätzbaren Wert, daß man von sechs zu sechs Kilometern nach Belieben die ewig rollenden Material- und Gesteinszüge des einen Stollens auf den anderen überführen kann.
Auf diese höchst simple Weise ist eine Strecke von sechs Kilometern isoliert für den Ausbau.
Der sechs Kilometer lange Wald von Kronbalken, Pfosten, Stempeln, Riegeln verwandelt sich in einen sechs Kilometer langen Wald aus Eisenrippen und Eisenfachwerk.
Wo es eine Hölle gibt, da gibt es auch ein Fegfeuer. Und wie es beim Tunnelbau „hellmen“ gab, so gab es „purgatorymen“, denn diese Baustelle hieß „purgatory“.
Hier ist freie Bahn und ein Meer von Waggons wälzt sich in diesen Stollenabschnitt und Trauben von Menschen hängen an den Waggons. An hundert Orten zugleich beginnt die Schlacht: Kanonenschüsse, Hornsignale, das Blitzen der Scheinwerfer. Der Stollen wird zur erforderlichen Breite und Höhe ausgesprengt. Es dröhnt, wie wenn Geschosse in ein Panzerschiff einschlagen. Eisenträger und Schienen, die auf den Boden donnern. Mennigrotes Eisen überschwemmt den Stollen, Rippen, Platten, gewalzt in den Werken von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma und Kentucky. Die alten Schienen werden aufgerissen, das Dynamit und Melinit schlitzt die Sohle auf, Pickel und Schaufeln wirbeln. Achtung! Es heult und keucht, verzerrte Mäuler, geschwollene Muskeln, zuckende Schläfenadern, wie Nattern geringelt, Leib hinter Leib: sie schleppen die Sohlenstücke heran, mächtige Doppel-T-Träger, die bestimmt sind, die Schiene der Tunnelzüge (denn die Tunnelbahn wird als Einschienenbahn gebaut) zu tragen. Rudel von Ingenieuren mit Meßinstrumenten und Apparaten liegen am Boden und arbeiten mit Anspannung all ihrer Nerven, während der Schweiß ihre halbnackten Körper mit Schmutzstreifen tigert. Das Sohlenstück, vier Meter lang, achtzig Zentimeter tief, an den Enden leicht aufwärts gebogen, wird in Beton gebettet. Wie der Kiel eines Schiffes gelegt wird, so reiht sich Sohlenstück an Sohlenstück und ein Betonstrom flutet ihnen nach, so daß sie darin versinken. Schwellen. Wie hundert Ameisen einen Strohhalm schleppen, so schleppen hundert keuchende Männer mit eingeknickten Knien die mächtigen, dreißig Meter langen Schienen heran, die auf den Schwellen befestigt werden. Hinter ihnen kriechen andere mit den schwerenTeilen der Rippen, die das ganze Tunneloval als Eisenfachwerk umschnüren sollen. Zusammengesetzt haben diese Rippen die Gestalt einer Ellipse, die an der Sohle etwas flach gedrückt ist. Vier Teile bilden eine Rippe: ein Sohlenstück, zwei Seitenstücke (die Widerlager) und ein Deckenstück, die Kappe. Diese Stücke sind aus zolldickem Eisen, und durch starkes Fachwerk untereinander verbunden. Die Nietmaschinen prasseln, der Stollen dröhnt. Rippe reiht sich an Rippe. Ein Gitterwerk von mennigrotem Eisen umschnürt den Stollen. Schon aber, da hinten, klettern die Maurer im Eisenfachwerk, um den Mantel des Tunnels auszumauern, einen meterdicken Panzer aus Eisenbeton, den kein Druck der Welt sprengen kann.
Zu beiden Seiten der mächtigen Schiene werden in angemessenem Abstand Röhren in allen Dimensionen gelegt, verschweißt, verschraubt. Röhren für Telephon- und Telegraphendrähte, für Stromkabel, ungeheure Röhren für Wasser, mächtige Röhren für die Luft, die die Maschinen draußen über Tag ohne Pause in die Stollen pressen sollen. Besondere Röhren für die pneumatische Expreßpost. Sand, Schotter bedeckt die Röhren; Schwellen und Schienen für die gewöhnlichen Materialzüge werden darüber gelegt, solide Geleise, die den Material- und Gesteinszügen erlauben, mit Schnellzugsgeschwindigkeit dahinzurasen.
Kaum haben sie da vorn die letzte Rippe genietet, so sind auch schon die Geleise für die Strecke von sechs Kilometern fertig. Die Züge werden hereingeleitet und fliegen dahin, während die Maurer noch im Eisenfachwerk hängen.
Dreißig Kilometer hinter dem Vortrieb, wo die Bohrmaschine donnerte, war der Stollen schon fertig ausgebaut.
Das aber war nicht alles. Tausend Dinge mußten vorgesehen werden! Sobald die amerikanischen Stollen mit den Stollen zusammenstießen, die sich von den Bermudas aus durch den Gneis fraßen, mußte die ganze Strecke betriebsfähig sein.
Allans Pläne lagen seit Jahren bis auf die letzten Kleinigkeiten fertig vor.
Von zwanzig zu zwanzig Kilometern ließ er kleine Stationen in den Berg schlagen, in denen die Streckenwärter hausen sollten. Alle sechzig Kilometer plante er größere Stationen und alle zweihundertvierzig Kilometer große Stationen. All diese Stationen waren Depots für Reserveakkumulatoren, Maschinen und Nahrungsmittel. Die größeren und großen Stationen sollten Transformatoren, Hochvoltstationen, Kühl- und Luftmaschinen aufnehmen. Es waren ferner Seitenstollen nötig, in denen abgeleitete Züge Platz fanden.
Für alle diese Arbeiten waren verschiedene Arbeiterbataillone ausgebildet worden und all diese Horden fraßen sich in den Berg und schlugen Lawinen von Gestein heraus.
Wie ein Vulkan in höchster Raserei spien die Tunnelmündungen Tag und Nacht Gestein aus. Unaufhörlich, dicht hintereinander flogen die vollen Züge aus den gähnenden Toren hervor. Mit einer Leichtigkeit, die das Auge entzückte, nahmen sie die Steigung, um oben angelangt einen Augenblick zu halten. Was aber nur Gestein und Schutt schien, das bewegte sich plötzlich auf den Waggons und geschwärzte, beschmutzte, unkenntliche Gestalten sprangen herab. Der Gesteinszug aber wand sich über hundert Weichen und schoß davon. Er fuhr in einem großen Bogen durch „Mac City“ (wie die Tunnelstadt in New Jersey allgemein hieß), biser auf eins der hundert Geleise am Meer einlenkte, wo er entladen wurde. Hier am Meer waren sie alle laut und heiter, denn sie hatten die „leichte Woche“.
Mac Allan hatte zweihundert Doppelkilometer Gestein herausgeschafft, genug um eine Mauer von New York nach Buffalo zu bauen. Er besaß den größten Steinbruch der Welt; aber er verschwendete keine Schaufel voll. Er hatte das ganze ungeheure Gelände zweckmäßig nivelliert. Er hatte das Gestade, das mählich abfiel, geebnet und das seichte Meer kilometerweit hinausgedrängt. Dort draußen aber, wo das Meer schon tiefer war, versanken täglich Tausende von Waggonladungen Gestein im Meer und langsam schob sich ein ungeheurer Damm ins Meer hinaus. Das war einer der Kaie von Allans Hafen, der die Welt auf dem Plan der Zukunftsstadt so verblüfft hatte. Zwei Meilen entfernt davon bauten seine Ingenieure den größten und gleichmäßigsten Badestrand, den irgendein Ort der Welt besaß. Hier sollten riesige Badehotels errichtet werden.
Mac City selbst aber sah aus wie ein ungeheures Schuttfeld, auf dem kein Baum, kein Strauch wuchs, kein Tier, kein Vogel lebte. Es flimmerte in der Sonne, daß die Augen schmerzten. Weithin war diese Wüste mit Geleisen bedeckt, übersponnen mit fächerförmig sich nach beiden Seiten ausbreitenden Geleisen, den magnetischen Figuren ähnlich, zu denen sich Eisenfeilstaub bei den Polen eines Magnets ordnet. Überall schossen Züge dahin, elektrische, Dampfzüge, überall qualmten Lokomotiven, heulte, schellte, pfiff und klingelte es. Draußen im provisorischen Hafen Allans lagen Scharen von qualmenden Dampfern und hohen Seglern, die Eisen, Holz, Zement, Getreide, Vieh, Nahrungsmittel aller Art von Chikago, Montreal, Portland, Newport, Charleston, Savanah, New Orleans, Galveston hierhergebrachthatten. Und im Nordosten stand eine dicke Mauer von Rauch, undurchdringlich: der Materialbahnhof.
Die Baracken waren verschwunden. Auf den Terrassen des Trasseneinschnittes blitzten Glasdächer: Maschinenhallen, Kraftstationen, an die turmhohe Bureaugebäude stießen. Mitten in der Steinwüste erhob sich ein zwanzigstöckiges Hotel: „Atlantic-Tunnel“. Es war kalkweiß, nagelneu und diente als Absteigequartier für die Scharen von Ingenieuren, Agenten, Vertretern großer Firmen, und für Tausende von Neugierigen, die jeden Sonntag von New York herüberkamen.
Gegenüber hatte Wannamaker ein vorläufig zwölf Stockwerke hohes Warenhaus errichtet. Breite Straßen, vollkommen fertig, liefen schnurgerade durch das Schuttfeld, Brücken spannten sich über den Trasseneinschnitt. An der Peripherie der Steinwüste aber lagen freundliche Arbeiterstädte mit Schulen, Kirchen, Spielplätzen, mit Bars und Saloons, die von ehemaligen Preisboxern oder Rennfahrern geleitet wurden. Fernab, in einem Walde kleiner Zwergföhren, stand einsam, vergessen und tot ein Gebäude, das einer Synagoge ähnlich sah: ein Krematorium mit langen leeren Kreuzgängen. Nur ein Gang enthielt schon Urnen. Und sie alle trugen die gleiche Inschrift unter den englischen, französischen, russischen, deutschen, italienischen, chinesischen Namen: Verunglückt beim Bau des Atlantic-Tunnels — beim Sprengen — verschüttet — von einem Zug überfahren: wie die Inschriften gefallener Krieger.
Nahe am Meere lagen die weißen neuen Hospitäler, nach modernsten Prinzipien erbaut. Hier unten, etwas abseits, stand in einem frischangelegten Garten eine neue Villa: Mauds Haus.
Maud hatte soviel Macht als möglich in ihren kleinen Händen zusammengerafft.
Sie war Vorsteherin des Rekonvaleszentenheims für Frauen und Kinder von Mac City geworden. Ferner gehörte sie einem aus Ärzten und Ärztinnen gebildeten Komitee an, dem die Hygiene der Arbeiterwohnungen, die Pflege von Wöchnerinnen und Säuglingen oblag. Aus eigener Initiative hatte sie eine Handarbeits- und Haushaltungsschule für junge Mädchen gegründet, einen Kindergarten und einen Klub für Frauen und junge Mädchen, in dem an jedem Freitag kleine Vorlesungen und musikalische Vorträge stattfanden. Sie hatte reichlich zu tun. Sie hatte ihre „Office“, genau wie Mac, und beschäftigte eine Privatsekretärin und eine Stenotypistin. Eine Schar von Pflegerinnen und Lehrerinnen — übrigens Töchter der ersten Familien New Yorks — stand ihr zur Seite.
Maud tat niemand etwas zuleide, sie war rücksichtsvoll, freundlich, sonnig, ihr Anteil an fremden Schicksalen war aufrichtig, und so kam es, daß alle Welt sie liebte und viele sie verehrten.
Sie hatte in ihrer Eigenschaft als Mitglied des Hygienekomitees fast alle Arbeiterhäuser betreten. Im italienischen, polnischen und russischen Viertel hatte sie eine energische und siegreiche Kampagne gegen den Schmutz und das Ungeziefer ausgefochten. Sie hatte es durchgesetzt, daß alle Häuser von Zeit zu Zeit desinfiziert und von oben bis unten ausgefegt wurden. Die Häuser waren fast ganz aus Zement und ließen sich auswaschen wie eine Waschküche. Ihre Besuche hatten sie den Leuten nahe gebracht und sie stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite, wo immer sie konnte. Ihre Wirtschaftsschule war bis auf den letzten Platz besetzt.Sie hatte ausgezeichnete Lehrerinnen engagiert, für die Küche sowohl als die Schneiderwerkstätte. Maud versäumte es nicht, zu kontrollieren und zu inspizieren, um ihre Institute fortwährend im Auge zu behalten. Eine ganze Bibliothek der einschlägigen Literatur hatte sie durchstudiert, um sich die nötigen theoretischen Kenntnisse anzueignen. Und es war ihr, bei Gott, nicht leicht geworden, alles so vortrefflich und gut zu schaffen, zumal sie von Natur aus keine besonderen organisatorischen Talente besaß. Aber es ging. Und Maud war stolz auf das Lob, das die Zeitungen ihren Einrichtungen spendeten.
Das Feld ihrer hauptsächlichen Tätigkeit aber war das Rekonvaleszentenheim für Frauen und Kinder.
Das Heim lag dicht neben ihrer Villa, sie brauchte nur zwei Gärten zu durchqueren. Sie erschien täglich Punkt neun Uhr morgens, um ihren Rundgang zu machen, interessierte sich für jeden einzelnen ihrer Schützlinge und half häufig aus eigener Kasse, wenn das Budget des Hospitals erschöpft war. Mit ganz besonderer Sorgfalt umgab sie die ihr anvertrauten Kinder.
Sie hatte Arbeit, Freude, Erfolge, ihre Beziehungen zu den Menschen und zum Leben waren fruchtbarer und reicher geworden, aber Maud war ehrlich genug sich einzugestehen, daß all das zusammen nicht imstande war, ihr das eheliche Glück zu ersetzen.
Zwei, drei Jahre lang hatte sie im reinsten Glück mit Mac gelebt — bis der Tunnel kam und ihn ihr entriß. Mac liebte sie ja noch, ja! Er war aufmerksam, liebenswürdig, gewiß, aber es war nicht mehr wie früher — keine Lüge!
Sie sah ihn jetzt häufiger als in den ersten Jahren des Baus. Er hatte wohl seine Bureaus in New York beibehalten, sich aber Arbeitsräume in der Tunnelstadt eingerichtet, wo er oft wochenlang mit kurzen Unterbrechungen blieb. Darüberhätte sie nicht klagen können. Aber Mac selbst hatte sich verändert. Seine Harmlosigkeit, sein naiver Frohsinn, die sie im Anfang ihrer Ehe so überrascht und entzückt hatten, verschwanden mehr und mehr. Ernst wie in der Arbeit und in der Öffentlichkeit war er auch zu Hause. Er gab sich Mühe, so heiter und gutgelaunt wie früher zu erscheinen, aber es gelang ihm nicht immer. Er war zerstreut, absorbiert von der Arbeit, und aus seinen Augen wich nicht jener scheinbar geistesabwesende Ausdruck, den die Konzentration auf ein und dieselbe Idee erzeugt. Seine Züge waren auch magerer und härter geworden.
Die Zeiten waren vorüber, da er sie auf den Schoß nahm und liebkoste, er küßte sie, so oft er kam und ging, sah ihr in die Augen, lächelte — aber ihr weiblicher Instinkt ließ sich nicht täuschen. Merkwürdigerweise hatte er, gehetzt von der Arbeit, all die Jahre hindurch nie mehr einen der „wichtigen Tage“ vergessen, wie Ediths oder ihren Geburtstag, ihren Hochzeitstag, Weihnachten. Aber Maud sah einmal zufällig, daß in seinem Taschenbuche diese Tage rot angestrichen waren — sie lächelte resigniert: er merkte sie sich mechanisch, nicht mehr mit dem Herzen, das ihn täglich daran erinnerte.
Es ging ihr nicht anders wie den meisten ihrer Freundinnen, deren Männer den Tag über in Fabriken, Banken und Laboratorien schufteten, sie anbeteten, mit Spitzen, Perlen und Pelzen behingen, sie zuvorkommend ins Theater führten, aber mit den Gedanken doch bei der Arbeit waren. Das Leben war nicht anders, aber sie, Maud, fand es entsetzlich, wenn es nicht anders war. Lieber wollte sie arm sein, unbekannt, fern von der Welt — dafür aber forderte sie ewige Liebe, ewige Zärtlichkeit. Ja, so wünschte sie es sich, obschon ihr das zuweilen töricht erschien.
Maud liebte es, nach getaner Arbeit bei einer Handarbeitzu sitzen und ihren Gedanken nachzuhängen. Dann kam sie immer auf die Zeit zurück, da Mac um sie warb. Er erschien ihr in der Erinnerung unendlich jung und naiv. Völlig unbewandert im Umgang mit Frauen, war er nicht auf originelle Gedanken verfallen, ihr seine Liebe zu verstehen zu geben. Blumen, Bücher, Konzert- und Theaterbillette, kleine Ritterdienste — ganz wie der banalste Mensch. Und doch gefiel ihr das an ihm, jetzt mehr als damals. Ganz unerwartet hatte er sein Benehmen aber dann geändert und war mehr jenem Mac ähnlich geworden, den sie jetzt kannte. Eines Abends hatte er ihr nach einer ausweichenden Antwort bestimmt und fast unhöflich gesagt: „Denken Sie darüber nach. Ich lasse Ihnen bis morgen um fünf Uhr Zeit. Wenn Sie sich dann noch nicht entschieden haben, so sollen Sie nie wieder ein Wort von mir darüber hören.Good bye!“ Und siehe da, Punkt fünf Uhr hatte er sich eingestellt ...! Maud erinnerte sich stets mit einem Lächeln an diese Szene, aber sie hatte auch nicht vergessen, mit welcher Bangigkeit sie die Nacht und den Tag darauf verbracht hatte.
Je weiter der Tunnel ihr Mac entführte, desto hartnäckiger, mit desto größerer Beharrlichkeit, die gleichzeitig wohltat und schmerzte, verweilten ihre Gedanken bei ihren ersten Spaziergängen, Gesprächen und harmlosen und doch so bedeutungsschweren kleinen Erlebnissen ihrer jungen Ehe. Sie hatte einen Groll gegen den Tunnel im Herzen! Sie haßte den Tunnel, denn er warstärkergewesen als sie! Ach, die kleine Eitelkeit der ersten Zeit war längst verflogen. Es war ihr einerlei, ob man Macs Namen in fünf Kontinenten kannte oder nicht. Wenn nachts der gespenstische Widerschein der brennenden Tunnelstadt in ihr Zimmer drang, so war ihr Haß dagegen oft so stark, daß sie die Läden schloß, um ihn nicht zu sehen. Sie hätte weinen mögen vor Groll, und zuweilen weinte sie auch, still und ungesehen. Wennsie sah, wie die Züge sich in die Stollen stürzten, so schüttelte sie den Kopf. Es war Tollheit! Für Mac aber schien es nichts Selbstverständlicheres zu geben. Trotz alledem aber — und diese Hoffnung hielt sie aufrecht! — hoffte sie darauf, daß Mac wieder mit seinem Herzen zu ihr zurückkehren würde. Eines Tages mußte ihn der Tunnel doch wiederfreigeben! Wenn der erste Zug lief ...
Aber, o guter Gott, das waren noch Jahre! Maud seufzte. Geduld, Geduld! Vorläufig hatte sie ihre Tätigkeit. Sie hatte ihre geliebte Edith, die sich zu einem kleinen Dämchen entwickelt hatte und mit neugierigen, klugen Augen ins Leben blickte. Sie hatte Mac öfter als früher. Sie hatte Hobby, der fast täglich bei ihr speiste, allerhand Schnurren erzählte und mit dem es sich so wunderbar plaudern ließ. Auch ihr Haushalt stellte größere Ansprüche an sie als früher. Denn Mac brachte häufig Gäste mit, berühmte Leute, deren Name so gewichtig war, daß ihnen Mac den Zutritt in den Tunnel erlaubte. Maud freute sich über jeden derartigen Besuch. Diese Berühmtheiten waren meistens ältere Herren, mit denen es sich leicht verkehren ließ. Denn alle hatten eine Eigenschaft gemeinsam: sie waren sehr einfach, um nicht zu sagen schüchtern. Es waren große Gelehrte, die geologische, physikalische und technische Fragen zu Mac führten und die oft wochenlang mit ihren Instrumenten in einer Station tausend Meter unter dem Meeresspiegel hausten, um irgend etwas herauszufinden. Mac aber verkehrte mit diesen Berühmtheiten ganz wie er mit ihr oder mit Hobby verkehrte.
Aber wenn sich diese großen Tiere verabschiedeten, so verbeugten sie sich vor Mac und drückten ihm die Hand und konnten ihm nicht genug danken. Und Mac lächelte sein bescheidenes und gutmütiges Lächeln und sagte: „Allright, sir!“ und wünschte ihnen gute Reise. Denn diese Leute kamen meist von weit her.
Einmal kam auch eine Dame zu ihr heraus.
„Mein Name ist Ethel Lloyd!“ sagte diese Dame und hob den Schleier in die Höhe.
Ja, es war Ethel, in der Tat! Sie errötete, denn sie hatte keinen eigentlichen Anlaß, Maud einen Besuch zu machen. Und Maud errötete ebenfalls — weil Ethel errötete, und weil ihr der Gedanke durch den Kopf schoß, daß Ethel sehr unverfroren sei, und weil sie dachte, Ethel müsse diesen Gedanken in ihren Augen lesen.
Ethel faßte sich aber sofort. „Ich habe soviel von den Schulen gelesen, die Sie ins Leben riefen, Frau Allan,“ begann sie, gewandt und fließend sprechend, „daß ich zuletzt den Wunsch hatte, Ihre Einrichtungen kennen zu lernen. Ich stehe ja persönlich ähnlichen Bestrebungen in New York nahe, wie Sie wissen werden.“
Ethel Lloyd trug einen angeborenen Stolz und eine natürliche Würde zur Schau, die nicht unangenehm wirkte, eine natürliche Offenheit und Herzlichkeit, die entzückte. Sie hatte das Kindliche, das Allan seinerzeit vor Jahren aufgefallen war, verloren und war eine vollkommene Dame geworden. Ihre früher etwas süßliche und zarte Schönheit war reifer geworden. Hatte sie vor Jahren den Eindruck eines Pastellgemäldes erweckt, so erschien jetzt alles an ihr klar und leuchtend, ihre Augen, ihr Mund, ihr Haar. Sie sah stets aus, als käme sie gerade aus ihrem Toilettezimmer. Die Flechte an ihrem Kinn hatte sich unmerklich vergrößert und war um eine Nuance dunkler geworden, aber Ethel suchte sie nicht mehr durch Puder zu verdecken.
Maud mußte aus Höflichkeit persönlich die Führung übernehmen. Sie zeigte Ethel das Hospital, die Schulen, den Kindergarten und die bescheidenen Klubräume des Frauenklubs. Ethel fand alles ausgezeichnet, ohne aber nach Art junger Damen übertriebenes Lob zu spenden. Und schließlichfragte Ethel, ob sie sich irgendwie nützlich machen könne? Nein? Es war Ethel auch so recht. Zu Hause plauderte sie so reizend mit Edith, daß das Kind augenblicklich Zuneigung zu ihr faßte. Nun überwand Maud ihre unerklärliche und durch nichts begründete Abneigung gegen Ethel und bat sie, zum Diner zu bleiben. Ethel telephonierte an ihren „Pa“ und blieb.
Mac brachte Hobby mit zu Tisch. Hobbys Anwesenheit gab Ethel eine große Sicherheit, die sie nie und nimmer gefunden haben würde, wenn nur der stille und schweigsame Mac dagewesen wäre. Sie führte die Unterhaltung. Hatte sie am Nachmittag Mauds Institute sachlich gelobt — nicht nach Art junger Damen übertrieben —, so lobte sie sie jetzt überschwenglich. Mauds Argwohn wurde wieder wach. ‚Sie hat es auf Mac abgesehen,‘ sagte sie sich. Aber zu ihrer größten Befriedigung schenkte ihr Mac kaum mehr als höfliches Interesse. Er betrachtete die schöne und verwöhnte Ethel mit denselben gleichgültigen Augen wie er etwa eine Stenotypistin betrachtete.
„Die Bibliothek im Frauenklub scheint mir noch etwas dürftig zu sein,“ sagte Ethel.
„Sie soll im Laufe der Zeit ergänzt werden.“
„Es würde mir große Freude machen, wenn Sie mir erlaubten, einige Bücher beizusteuern, Frau Allan. Hobby, nehmen Sie meine Partei.“
„Wenn Sie einige Bücher übrig haben,“ sagte Maud —
In den nächsten Tagen sandte Ethel ganze Ballen von Büchern, gegen fünftausend Bände. Maud dankte ihr herzlich, aber sie bereute ihr Entgegenkommen. Denn seitdem kam Ethel öfter herausgefahren. Sie tat, als sei sie innig befreundet mit Maud und überhäufte die kleine Edith mit Geschenken. Einmal fragte sie Mac, ob sie nicht gelegentlich in den Tunnel einfahren könne?
Mac sah sie erstaunt an, denn es war das erstemal, daß eine Dame diese Frage an ihn stellte.
„Das können Sie nicht!“ antwortete er kurz und fast etwas schroff.
Aber Ethel war gar nicht gekränkt. Sie lachte herzlich und sagte: „Aber, Herr Allan, habe ich Ihnen Anlaß gegeben, ärgerlich zu werden?“
Seitdem kam sie etwas seltener. Und Maud hatte nichts dagegen. Sie konnte Ethel Lloyd nicht lieben, so sehr sie sich auch Mühe dazu gab. Und Maud gehörte zu den Leuten, die nur mit jemand verkehren können, wenn sie ihm aufrichtig zugetan sind.
Aus diesem Grunde war ihr Hobbys Gesellschaft so angenehm. Er verkehrte täglich in ihrem Hause. Er kam zum Lunch und Diner, einerlei ob Allan da war oder nicht. Es kam dahin, daß sie ihn vermißte, wenn er ausblieb. Und das selbst in Zeiten, da Mac bei ihr war.