5.

„Hobby ist immer bei so prächtiger Laune!“ sagte Maud des öfteren.

Und Allan erwiderte: „Er war von jeher ein wunderbarer Bursche, Maud.“

Er lächelte dazu und ließ sich nicht merken, daß er aus Mauds häufigem Hinweis auf Hobbys gute Laune einen leichten Vorwurf heraushörte. Er war nicht Hobby. Er hatte nicht Hobbys Talent zur Fröhlichkeit, nicht Hobbys leichten Sinn. Er konnte nicht wie Hobby nach zwölfstündiger Arbeit Niggertänze und Songs zum besten geben und allerlei lustige Dummheiten inszenieren. Hat jemand Hobby schonanders gesehen als lachend und scherzend? Hobby grinst über das ganze Gesicht, Hobby rollt die Zunge im Mund und eine witzige Bosheit kommt heraus. Wo Hobby hinkommt, macht sich alles schon zum Lachen bereit, Hobby ist verpflichtet, witzig zu sein. Nein, er war nicht Hobby. Das einzige, was er konnte, war, kein Spielverderber zu sein und er gab sich alle Mühe dazu. Viel schlimmer aber war es, daß sein Verhältnis zu Maud im Laufe der Jahre an Innigkeit eingebüßt hatte. Er belog sich nicht. Es schien ihm, als ob es für einen Mann wie ihn besser wäre, keine Familie zu haben — trotzdem er Maud und sein Töchterchen innig liebte.

Hobby tat seine Arbeit und war fertig. Er aber, Allan, war nie fertig! Der Tunnel wuchs und die Arbeit wuchs mit ihm. Und dazu hatte er noch seine besonderen Sorgen, über die er mit keinem Menschen sprach!

Schon jetzt zweifelte er daran, den Tunnel in fünfzehn Jahren fertig bauen zu können. Nach seinen Berechnungen wäre es imgünstigstenFalle möglich gewesen. Er hatte kaltblütig diesen Termin angesetzt, um für sein Unternehmen die öffentliche Meinung und das Geld des Volkes zu gewinnen. Hätte er zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre angegeben, so würde man ihm nicht das halbe Geld gegeben haben.

Kaum die Doppelstollen Biscaya-Finisterra und Amerika-Bermuda würde er in dieser Zeit bewältigen können.

Am Ende des vierten Baujahrs waren die Stollen der amerikanischen Strecke zweihundertvierzig Kilometer weit von der amerikanischen Küste aus vorgetrieben, achtzig Kilometer von Bermuda aus. Auf der französischen Strecke waren rund zweihundert von Biscaya aus, siebzig von Finisterra aus gebohrt. Von den atlantischen Strecken dagegen war noch nicht der sechste Teil fertiggestellt. Wie sollten diegewaltigen Strecken — Finisterra-Azora, Azora-Bermuda — bewältigt werden?

Dazu kamen finanzielle Schwierigkeiten. Die Vorbereitungsarbeiten, die Serpentinen auf Bermuda hatten weitaus größere Summen verschlungen, als er in seiner Kalkulation angenommen hatte. Vor dem siebten Baujahr, frühestens dem sechsten, war aber unter keinen Umständen an die zweite Drei-Milliarden-Anleihe zu denken. Er würde bald gezwungen sein, den Tunnel auf große Strecken vorläufig einstollig fortzuführen, wodurch die Arbeit unendlich erschwert wurde. Wie sollte es bei der einstolligen Bauweise möglich sein, das Gestein herauszuschaffen, dieses Gestein, das wuchs und anschwoll und die Stollen heute schon zu ersticken drohte. Überall lag es, zwischen den Geleisen, in den Querschlägen und Stationen und die Züge keuchten unter der Last.

Allan verbrachte Monate im Tunnel, um raschere Arbeitsmethoden ausfindig zu machen. In den amerikanischen Stollen wurde jede einzelne Maschine, jede neue Erfindung und Verbesserung ausprobiert, bevor sie an den übrigen Arbeitsstellen Verwendung fand. Hier wurden die Mannschaften geschult, die „Höllen-Männer“ und „Fegfeuer-Leute“, um sodann nach den anderen Stationen als Pacemaker verpflanzt zu werden. Ganz allmählich mußten sie an das rasende Tempo und die Hitze gewöhnt werden. Ein untrainierter Mann wäre in der ersten Stunde in der „Hölle“ niedergebrochen.

Jeden noch so unscheinbaren Handgriff suchte Allan mit dem geringsten Aufwand an Kraft, Geld und Zeit zu leisten. Er führte eine bis ins minimale gehende Arbeitsteilung ein, so daß der einzelne Arbeiter jahraus, jahrein dieselben Funktionen zu erfüllen hatte, bis er sie automatisch und immer schneller verrichtete. Er hatte seine Spezialisten, die die Kolonnenschulten und drillten, bis sieRekordeschufen (z. B. im Abladen eines Waggons) und diese Rekorde wurden alsnormaleArbeitsleistung gefordert. Eine verlorne Sekunde warniemehr einzuholen,niemehr, und kostete ein Vermögen an Zeit und Geld. Wenn ein Mann in der Minute nur eine Sekunde verlor, so machte das bei einem Heer von 180000 Mann, wovon ununterbrochen 60000 tätig waren, an einem Arbeitstag 24000 Arbeitsstunden! Von Jahr zu Jahr hatte Allan die Arbeitsleistung um fünf Prozent zu steigern vermocht. Trotz alledem ging es zu langsam!

Besonders der Vortrieb machte Allan große Sorgen. Es war absolut unmöglich, mehr Menschen in die letzten fünfhundert Meter zu werfen, wenn sie sich nicht gegenseitig die Kniescheiben einrennen sollten. Er experimentierte mit den verschiedensten Sprengstoffen, bis er ein Mittel fand — „Tunnel 8“ —, das den Berg in ziemlich gleichmäßige, leicht wegzuräumende Blöcke zerriß. Er hörte stundenlang die Vorträge seiner Ingenieure an; ohne je zu ermüden, diskutierte er ihre Vorschläge, prüfte, erprobte.

Unerwartet, wie aus dem Meer gestiegen, erschien er auf den Bermudas. Schlosser flog. Er wurde in die Konstruktionsbureaus nach Mac City gesandt. Ein junger, kaum dreißigjähriger Engländer namens John Farbey trat an seine Stelle. Allan rief die Ingenieure, die schon atemlos waren von dem jetzigen Arbeitstempo, zusammen und erklärte ihnen, daß sie ihre Arbeit um ein Viertel beschleunigen müßten. Müßten! Denn er, Allan, müsse seinen Termin einhalten. Wie sie das täten, sei ihre Sache ...

Unerwartet erschien er auf den Azoren. Es war ihm gelungen, für diese Baustelle einen Deutschen, Michael Müller, zu gewinnen, der einige Jahre eine leitende Stelle beim Bau des Kanaltunnels eingenommen hatte. Müller wogzwei Zentner fünfzig Pfund und war allgemein unter dem Namen „der fette Müller“ bekannt. Er war beliebt bei seinen Leuten — zum Teil lediglich dank seiner Fettleibigkeit, die Anlaß zur Komik gab — und ein unermüdlicher Arbeiter! Müller drang gegenwärtig mit seinen Stollen sogar rascher vor als Allan und Harriman in New Jersey. Müller, dieser ewig lachende, rasselnde Fettberg, wurde förmlich vom Glück verfolgt. Seine Baustelle war geologisch die interessanteste und produktivste und bewies zur Genüge, daß diese Teile des Ozeans in früheren Perioden trocken lagen. Er war auf mächtige Kalilager gestoßen und auf Eisenerze. Die Pittsburg-Smelting and Refining Company, die seinerzeit das Verhüttungsrecht für alle geförderten Materialien erworben hatte, verdankte seinem Glück, daß ihre Papiere um 60 Prozent gestiegen waren. Die Förderung kostete sie dabei keinen Cent, ihre Ingenieure hatten lediglich die betreffenden Waggons zu bezeichnen und sie wurden ausrangiert. Und täglich, stündlich bebte sie vor Aufregung, es könnten ihr unerhörte Schätze in den Schoß fallen. In den letzten Monaten war Müller auf ein Kohlenflöz von fünf Meter Mächtigkeit gestoßen, „prächtige Kohle“, wie er sagte. Das aber war nicht alles. Dieses Flöz lag ausgerechnet in der Achse der Stollen und hatte kein Ende. Müller schoß durch den Berg. Sein einziger Feind, sein Erzfeind, war das Wasser. Seine Stollen lagen nun achthundert Meter tief unter dem Meeresboden und doch troffen sie von Wasser. Müller hatte eine Batterie von Mammut-Kreiselpumpen stehen, die unaufhörlich einenStromschmutzigen Wassers ins Meer preßten.

Allan erschien in Finisterra und Biscaya und erklärte hier wie auf den Bermudas, daß er seinen Termin einhalten müsse und beschleunigte Arbeit fordere. Den Chefingenieur der französischen Baustelle, Monsieur Gaillard,einen weißhaarigen, eleganten Franzosen von großen Fähigkeiten, sägte er ab und ersetzte ihn durch einen Amerikaner, Stephan Olin-Mühlenberg, ohne sich um das Geschrei in der französischen Presse zu kümmern.

Wie aus dem Boden gewachsen, erschien Allan in den einzelnen Kraftstationen, und es entging ihm nichts, nicht das geringste, und die Ingenieure atmeten auf, wenn er wieder fort war und sie noch ihren Verstand behalten hatten.

Allan erschien in Paris und die Zeitungen brachten spaltenlange Artikel über ihn und zusammengelogene Interviews. Acht Tage später wurde bekannt, daß eine französische Gesellschaft die Konzession erhalten habe, eine Schnellbahn Paris-Biscaya zu bauen, so daß also die Tunnelzüge direkt bis Paris laufen konnten. Gleichzeitig wurden alle großen europäischen Städte mit Plakaten überschwemmt, die eine von Hobbys Zauberstädten zeigten: die Tunnelstation „Azora“. Hobbys Feenstadt erregte ein ähnliches ungläubiges Kopfschütteln, eine ähnliche Begeisterung auf der anderen Seite, wie seinerzeit die Zauberstadt in Amerika. Hobby hatte wiederum seine Phantasie spielen lassen. Besondere Verwunderung aber rief eine Skizze in einer Ecke des Riesenplakats hervor, die den ursprünglichen Bestand an Grund zeigte und den zukünftigen. Das Syndikat hatte einen Streifen der Insel San Jorgo erworben, dazu ein paar kleine Inseln und eine Gruppe von Sandbänken. In wenigen Jahren aber sollte sich der Grund vervierfachen. Die Inseln waren durch enorme, breite Dämme miteinander verbunden, die Sandbänke mit dem Hauptkomplex verschmolzen. Man dachte im ersten Augenblick nicht daran, daß Allan an dieser Baustelle viertausend Doppelkilometer Gestein (und mehr, wenn er wollte) ins Meer stürzen und somit recht gut diese merkwürdig geformte große Insel schaffen konnte ...

Wie in der amerikanischen Phantomstadt gab es in demzukünftigen „Azora“ einen ungeheuren, herrlichen Hafen mit Dämmen, Molen, Leuchttürmen, und besonders fiel die zauberhafte Badestadt ins Auge: Hotels, Terrassen, Parks, ein unübersehbarer Strand.

Die weitaus größte Bewunderung, um nicht zu sagen Bestürzung erregten aber die vom Tunnel-Syndikat geforderten Bodenpreise. Sie waren für europäische Verhältnisse exorbitant! Das Syndikat aber hatte seine Blicke kühl und unbarmherzig auf das europäische Kapital geheftet, wie die Schlange auf einen Vogel. Es war ja leicht einzusehen, daß Azora den gesamten Personenverkehr Südamerikas verschlingen würde. Es gehört auch nicht viel Verstand dazu, um zu begreifen, daß Azora — von Paris in vierzehn, von New York in sechzehn Stunden zu erreichen — der berühmteste Badeort der Welt werden mußte, das Rendezvous der vornehmen Welt Englands, Frankreichs und Amerikas.

Und das europäische Kapital kam. Es bildeten sich Ringe von Terrainspekulanten, die große Gebiete kauften, um sie in zehn Jahren in Quadratruten zu verschachern.

Aus Paris, London, Liverpool, Berlin, Frankfurt, Wien floß das Geld und strömte in S. Woolfs große Tasche, in S. Woolfs „big pocket“, die im Volke sprichwörtlich geworden war.

S. Woolf strich dieses Geld ein, wie er die drei Milliarden des Kapitals und des Volkes einstrich und die Summen, die Bermuda, Biscaya, Finisterra und Mac City brachten. Ohne Danke zu sagen. Es hatte seinerzeit nicht an Warnern gefehlt,die eine Lawine von Bankerotten prophezeiten, wenn ein solch ungeheurer Strom von Geld einer Seite zuflute. Diese Prophezeiungen von Finanzdilettanten hatten sich nur zum allergeringsten Teil erfüllt. Ein paar Industrien waren trocken gelegt worden, hatten sich aber in kurzer Zeit wieder erholt.

Denn S. Woolfs Geld rostete nicht. Kein Heller rostete! Es begann augenblicklich wieder den alten Kreislauf, kaum daß es in seine Hände gelangt war.

Er sandte es um den ganzen Erdball.

Die Springflut von Gold rollte über den Atlantik nach Frankreich, England, Deutschland, Schweden, Spanien, Italien, die Türkei, Rußland. Sie übersprang den Ural und rollte hinein in die Wälder Sibiriens, in die Berge des Baikal. Sie flutete über Südafrika, Kapland, Oranje, über Australien, Neuseeland. Sie flutete nach Minneapolis, Chikago und St. Louis, in die Rocky Mountains, nach Nevada, nach Alaska.

S. Woolfs Dollar waren Milliarden rasender kleiner Krieger, die sich mit dem Geld aller Nationen und aller Rassen schlugen. Sie waren alle kleine S. Woolfs, mit S. Woolfschem Instinkt bis zum Hals gefüllt, deren Losung: Money! war. Sie stürzten sich in Heeren durch den Draht auf dem Grund des Meeres, sie flogen durch die Luft. Sobald sie aber den Kampfplatz erreicht hatten, verwandelten sie sich! Sie wurden zu kleinen stählernen Hämmern, die Tag und Nacht prasselten vor Gier, sie wurden zu flinken Weberschiffchen in Liverpool, sie rutschten als Hottentotten über die Sandflächen der Diamantfelder Südafrikas. Sie wurden zu einer Pleuelstange an einer Maschine von tausend Pferdekräften, zu einem Riesenschenkel aus blankem Stahl, der vierundzwanzig Stunden jeden Tag wütend den Dampf besiegte und stets vom Dampf zurückgeschleudert wurde. Sie wurden zueinem Zug voll Eisenbahnschwellen, der von Omsk nach Peking unterwegs ist, zu einem Schiffsbauch voller Gerste, von Odessa nach Marseille. Sie stürzten in Südwales im Förderkorb achthundert Meter in die Tiefe und rasten mit Kohlen herauf. Sie hockten auf tausend Gebäuden der Welt und wucherten, sie mähten Getreide in Kanada und standen als Tabakpflanzen in Sumatra.

Sie kämpften! Auf einen Wink Woolfs wandten sie Sumatra den Rücken und pochten Gold in Nevada. Sie verließen Australien im Fluge und fielen als ein Schwarm in der Baumwollenbörse Liverpools ein.

S. Woolf gönnte ihnen keine Ruhe. Tag und Nacht hetzte er sie durch hundert Verwandlungen. Er saß im Sessel seiner Office, kaute Zigarren, schwitzte, diktierte gleichzeitig ein Dutzend Telegramme und Briefe, den Telephonhörer am Ohr, nebenbei ein Gespräch mit einem Prokuristen führend. Er lauschte mit dem rechten Ohr auf die Stimme im Apparat, mit dem linken auf den Rapport des Beamten. Er sprach mit einer Stimme zu dem Beamten, schrie mit einer zweiten in das Telephon hinein. Er übersah mit einem Auge seine Stenographen und Typewriter, ob sie auf die Fortsetzung warteten, mit dem anderen sah er auf die Uhr. Er dachte, daß Nelly nun schon zwanzig Minuten auf ihn warte und ein Gesicht schneiden würde, wenn er so spät zum Diner käme, er dachte gleichzeitig, daß der Prokurist im Falle Rand Mines ein Idiot sei, im Falle Garnier frères aber weitsichtig denke, er dachte — ganz im Hintergrund seines haarigen, dampfenden Schädels — an die große Schlacht, die er morgen an der Wiener Börse schlagen und gewinnen würde.

Jede Woche hatte er über eineinhalb Millionen Dollar flüssig zu machen für Löhne und an den Quartalen für Zinsen und Abschreibungen Hunderte von Millionen. An diesenZeitpunkten kam er tagelang nicht aus seiner Office heraus. Dann war die Schlacht in vollem Gange und S. Woolf erkaufte sich den Sieg mit einem großen Verlust an Schweiß und Fett und Atem.

Er rief seine Armeekorps zurück. Und sie kamen, jeder Dollar ein kleiner heroischer Sieger, der Beute gemacht hatte, acht Cent oder zehn, zwanzig Cent. Viele kehrten als Krüppel heim und manche waren auf der Walstatt gefallen — das war der Krieg!

Diesen atemlosen, rasenden Kampf focht S. Woolf seit Jahren aus, Tag und Nacht auf der Witterung nach dem günstigsten Angriff, Überfall und Rückzug. Stündlich gab er seinen Befehlshabern in fünf Erdteilen Befehle und stündlich prüfte er ihre Schlachtberichte.

S. Woolf leistete erstklassige Arbeit. Er war ein Geldgenie, er roch das Geld auf Meilen Abstand. Er hatte ungezählte Millionen Aktien und Anteilscheine nach Europa geschmuggelt, denn des amerikanischen Geldes glaubte er sicher zu sein, wenn er seine goldenen Reservearmeen unter Waffen rufen mußte. Er hatte Prospekte verfaßt, die sich wie Gedichte Walt Whitmans lasen. Er verstand es wie kein anderer, zur rechten Zeit das rechte Trinkgeld in die rechte Hand zu drücken. Dank dieser Taktik machte er in weniger zivilisierten Ländern (wie Rußland, Persien) Geschäfte, die fünfundzwanzig und vierzig Prozent abwarfen und die nur im Finanzleben für erlaubt gelten. Bei den jährlichen Generalversammlungen ging er aufgerichtet durchs Ziel und das Syndikat hatte im Lauf der Jahre sein Gehalt auf dreihunderttausend Dollar erhöht. Er war unersetzlich.

S. Woolf arbeitete, daß seine Lungen rasselten. Jedes Blatt Papier, das er in die Hand nahm, zeigte den fetten Abdruck seines Daumens, trotzdem er hundertmal am Tagedie Hände wusch. Er schied ganze Tonnen Talg aus und wurde trotzdem immer fetter. Sobald er aber den schweißfeuchten Kopf unter kaltes Wasser gesteckt, Haare und Bart gebürstet, einen frischen Kragen umgelegt hatte und die Office verließ, war er ein würdevoller Gentleman, der nie Eile und Hast verriet. Er bestieg bedächtig seinen eleganten pechschwarzen Car, dessen silberner Drache wie das Nebelhorn eines Ozeandampfers brummte und rollte den Broadway hinab, um den Abend zu genießen.

Das Diner nahm er gewöhnlich bei einer seiner jungen Freundinnen ein. Er liebte es, gut zu speisen und ein Glas starken, kostbaren Weins dazu zu trinken.

Jeden Abend um elf erschien er im Klub, um zwei Stunden zu spielen. Er spielte besonnen, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, schweigsam, zuweilen mit den roten, wulstigen Lippen in seinen schwarzen Bart plusternd.

Im Klub trank er stets eine Tasse Kaffee, nichts sonst.

S. Woolf war das Muster eines Gentleman.

Er hatte nur ein Laster und er verbarg es sorgfältig vor der Welt. Das war seine außerordentliche Sinnlichkeit. Seinen dunkeln, tierisch glänzenden, schwarzbewimperten Augen entging kein schöner Frauenkörper. Das Blut begann in seinen Ohren zu knacken, sobald er ein junges hübsches Mädchen mit runden Hüften sah. Er kam jedes Jahr viermal mindestens nach Paris und London und in beiden Städten hielt er ein oder zwei hübsche Mädchen aus, denen er luxuriöse Wohnungen mit spiegelverschalten Alkoven eingerichtet hatte. Er gab einem Dutzend junger süßer Geschöpfe Sektsoupers, bei denen er im Frack erschien und die Göttinnen in ihrer schönen schimmernden Haut. Häufig brachte er von seinen Reisen „Nichten“ mit, die er nach New York verpflanzte. Die Mädchen mußten schön, jung, schwellend und blond sein; besonders Engländerinnen, Deutschenund Skandinavierinnen gab er den Vorzug. S. Woolf rächte auf diese Weise den armen Samuel Wolfsohn, den die Konkurrenz gutgebauter Tennisspieler und großer Monatswechsel vor Jahren bei allen schönen Frauen aus dem Felde geschlagen hatte. Er rächte sich an jener hochmütigen blonden Rasse, die ihn früher mit dem Fuß ins Gesicht trat, indem er jetzt ihre Frauen kaufte. Und er entschädigte sich vor allem für eine entbehrungsreiche Jugend, die ihm weder Zeit noch Möglichkeit ließ, seinen Durst zu stillen.

Von jeder Reise brachte er eine Anzahl Siegestrophäen mit, Locken und Strähnen, vom kühlen silbrigen Blond bis zum heißesten Rot, die er in einem japanischen Lackschrank in seiner New Yorker Wohnung aufbewahrte. Aber davon wußte niemand etwas, denn S. Woolf schwieg.

Auch aus einem anderen Grunde liebte er seine trips nach Europa. Er sah seinen alten Vater, an dem er mit einer sonderbaren Sentimentalität hing. Zweimal im Jahre kam er auf zwei Tage nach Szentes und Telegramme flogen vor ihm her. Ganz Szentes war in Aufregung. Der große Sohn des alten Wolfsohn! Der Glückliche! Dieser Kopf! Er kam.

S. Woolf hatte seinem Vater ein hübsches Haus gebaut und einen schönen Garten anlegen lassen. Fast wie eine Villa. Musikanten kamen und fiedelten und tanzten, während ganz Szentes sich gegen das eiserne Gartengitter drängte.

Der alte Wolfsohn wiegte sich hin und her und wackelte mit dem kleinen, abgemagerten Kopf und vergoß Freudentränen.

„Groß bist du geworden, mein Sohn! Wer hätt’ gedacht! Groß, mein Stolz! Ich danke Gott jeden Tag!“

S. Woolf aber war ob seines freundlichen Wesens in ganz Szentes beliebt. Mit hoch und niedrig, jung undalt verkehrte er mit der gleichen amerikanisch-demokratischen Einfachheit. So groß und so bescheiden!

Der alte Wolfsohn hatte nur noch einen Wunsch, bevor ihn Gott abrief.

„Ihn möchte ich sehen!“ sagte er. „Diesen Herrn Allan! Was für ein Mann!“

Und S. Woolf entgegnete darauf: „Du wirst! Kommt er wieder nach Wien oder Berlin, und er kommt, so telegraphiere ich dir. Du gehst ins Hotel, sagst, du bist mein Vater, er wird sich freuen!“

Der alte Wolfsohn aber streckte die kleinen Greisenhände empor und schüttelte den Kopf und weinte: „Nie werd’ ich ihn sehen, diesen Herrn Allan. Nie werd’ ich es wagen, bei ihm vorzusprechen. Die Füße trügen mich nicht.“

Der Abschied fiel jedesmal beiden sehr schwer. Der alte Wolfsohn schlürfte noch ein paar kleine Schritte mit eingeknickten Füßen neben dem Salonwagen seines Sohnes einher und jammerte laut, und S. Woolf rannen die Tränen übers Gesicht. Sobald er aber das Fenster geschlossen und die Augen getrocknet hatte, war er wieder S. Woolf, dessen dunkler Rabbinerschädel auf keine Frage Antwort gab.

S. Woolf hatte seine Bahn durchmessen. Er war reich, berühmt, gefürchtet, die Finanzminister großer Reiche empfingen ihn mit Achtung, er war, von dem bißchen Asthma abgesehen, gesund. Sein Appetit und seine Verdauung waren vorzüglich und sein Appetit auf Frauen ebenso. Und doch war er nicht glücklich.

Sein Unglück war, daß er alle Dinge analysieren mußte und daß er Zeit gehabt hatte nachzudenken, in Pullmancars, in Steamerchairs. Er hatte an alle Menschen gedacht, denen er im Leben begegnet war und die sein Gedächtnis kinematographiert hatte. Er hatte diese Menschen untereinander verglichen und sich selbst mit diesen Menschen. Erwar klug und kritisch. Und er hatte zu seinem nicht geringen Schrecken herausgefunden, daß er einganz alltäglicherMensch war! Er kannte den Markt, den Weltmarkt, er war ein Kursbericht, ein Börsentelegraph, ein Mensch mit Zahlen angefüllt bis unter die Nägel seiner Zehen — aber was war er sonst? War er, was sie eine Persönlichkeit nannten? Nein. Sein Vater, der zweitausend Jahre hinter ihm zurück war, war trotz allem mehr Persönlichkeit als er. Er aber, er war Österreicher geworden, Deutscher, Engländer, Amerikaner. Bei all diesen Verwandlungen hatte er Haut gelassen und nun — was war er nun? Ja, der Teufel hätte sagen können, was er nun eigentlich war! Sein Gedächtnis, dieses abnorme Gedächtnis, das auf Jahre hinaus mechanisch die Nummer eines Eisenbahnwaggons behielt, in dem er von San Franzisko nach Chikago gefahren war, dieses Gedächtnis war wie ein ewig waches Gewissen. Er wußte, woher er diesen Gedanken hatte, den er als originales Produkt vorführte, diese Art, den Hut zu ziehen, diese Art, zu sprechen, diese Art, zu lächeln und diese Art, jemanden anzusehen, der ihn langweilte. Sobald er all dieses erkannt hatte, begriff er, weshalb sein Instinkt ihn gerade zu jener Pose geführt hatte, die die sicherste war: Ruhe, Würde, Schweigsamkeit. Und selbst diese Pose war aus Millionen Elementen zusammengesetzt, die er von anderen Menschen entlehnt hatte!

Er dachte an Allan, Hobby, Lloyd, Harriman. Sie alle waren Menschen! Bis auf Lloyd hielt er sie alle für beschränkt, für Leute, die nur „viereckig“ denken konnten, die überhauptniemalsdachten! Aber trotzdem waren sie Menschen, originelle Menschen, die man — selbst wenn man es nicht definieren konnte — als selbständige Persönlichkeiten empfand! Er dachte an Allans Würde. Worin lag sie? Wer konnte sagen, weshalb er würdig erschien? Niemand.Seine Macht, der — Schrecken, den er einflößte? Worin lag es? Niemand konnte es sagen. Dieser Allan hatte keine Pose, er war stets natürlich, einfach, er selbst und er wirkte! Er hatte oft Allans braunes, sommersprossiges Gesicht beobachtet. Es drückte weder Adel noch Genie aus und doch konnte er seinen Blick nicht sättigen an der Einfachheit, der Klarheit dieser Züge. Wenn Allan etwas sagte, nur leichthin, so genügte das schon. Niemand würde auch nur daran gedacht haben, seine Anordnungen zu ignorieren.

Nun, S. Woolf war nicht der Mann, der sich Tag und Nacht mit diesen Dingen beschäftigte. Zuweilen nur gab er sich damit ab, wenn der Zug durch die Landschaft glitt. Dann aber geriet er stets in eine unbehagliche und gereizte Verfassung.

Bei diesen Betrachtungen stieß er immer auf einen Punkt: das war sein Verhältnis zu Allan. Allan achtete ihn, er behandelte ihn zuvorkommend, kollegial — aber er behandelte ihn doch nicht wie die anderen, und er, S. Woolf, bemerkte das wohl.

Er hörte, wie Allan fast alle Ingenieure, Chefingenieure und Beamte einfach bei ihren Namen rief. Warum aber nannte er ihn stets „Herr Woolf“, ohne sich je zu versprechen? Aus Respekt? O nein, mein Sohn, dieser Allan hatte nur vor sich selbst Respekt! So lächerlich es S. Woolf auch selbst erschien, es war einer seiner intimsten Wünsche, daß Allan ihn eines Tages auf die Schulter klopfte und sagte: „Hallo, Woolf,how do you do?“ — Aber er wartete seit Jahren darauf.

Dann wurde es S. Woolf stets klar, daß er Allanhaßte! Ja, er haßte ihn — ohne jeden Grund. Er wünschte, Allans Sicherheit erschüttert zu sehen, Allans Blick sollte einmal flackern, Allan sollte einmal abhängig von ihm sein.

S. Woolf war ganz heiße Leidenschaft, wenn er diese Gedanken erwog. Es war ja auch recht wohl möglich! Es konnte ein Tag kommen, da er, S. Woolf —! Weshalb sollte es nicht möglich sein, daß seine Stellung eines Tages einer absoluten Beherrschung des Syndikats gleichkäme?

S. Woolf legte die orientalischen Augendeckel über seine schwarzen, glänzenden Augen und seine fetten Wangen zitterten.

Das war der kühnste Gedanke, den er in seinem Leben gedacht hatte, und dieser Gedanke hypnotisierte ihn.

Er brauchte ja nur eine Milliarde Aktien im Rücken zu haben — und dann sollte Mac Allan sehen, wer S. Woolf war.

S. Woolf zündete sich eine Zigarre an und träumte seinen ehrgeizigen Traum.

Edison Bio machte immer noch glänzende Geschäfte mit ihrem wöchentlich neuen Tunnel-Film.

Sie zeigte die schwarze Wolkenbank, die ewig über dem Materialbahnhof in Mac City steht. Sie zeigte die unübersehbare Armee von Waggons, die von tausend qualmenden Lokomotiven aus allen Staaten Amerikas hierhergeschleppt wurden. Verladebrücken, Drehkrane, Laufkatzen, Hochbahnkrane. Sie zeigte das „Fegfeuer“ und die „Hölle“ voll rasender Menschen, der Phonograph gab gleichzeitig den Lärm wieder, wie er, zwei Meilen hinter der „Hölle“ durch die Stollen tobte. Obwohl durch einen Dämpfer aufgenommen, war der Lärm so überwältigendund entsetzlich, daß das Auditorium sich die Ohren zuhielt.

Edison Bio zeigte die ganze Bibel der modernen Arbeit. Und alles mit einem bestimmten Ziel: dem Tunnel!

Und die Zuschauer, die sich vor zehn Minuten an einem schauerlichen Melodrama ergötzt hatten, fühlten, daß all die bunten, rauchenden und dröhnenden Bilder der Arbeit, die die Leinwand zeigte, nichts anderes waren als Szenen eines weitaus größeren und mächtigeren Dramas, dessen Held ihre Zeit war.

Edison Bio verkündete das Epos des Eisens, größer und gewaltiger als alle Epen des Altertums.

Eisengruben in Bilbao, Nordspanien, Gellivara, Grängesberg Schweden. Eine Hüttenstadt in Ohio, die Luft ein Aschenregen, die Schlöte dicht wie Lanzen. Flammende Hochöfen in Schweden, Feuerzacken ringsum am nächtlichen Horizont. Inferno. Ein Eisenhüttenwerk in Westfalen. Paläste aus Glas, Maschinen, vom Menschen ersonnen, Mammute mit ihrem zwerghaften Erzeuger und Lenker zur Seite. Eine Gruppe dicker Teufel, turmhoch, schwelend, die Hochöfen, umschnürt von Eisengürteln, zuweilen Feuer gegen den Himmel speiend. Die Erzkarren sausen hinauf, der Ofen wird beschickt. Die Giftgase brausen durch die Bäuche der dicken Teufel und erhitzen den Wind auf 1000 Grad, so daß Kohle und Koks von selbst zu glühen beginnen. 300 Tonnen Roheisen schmilzt der Ofen am Tage. Das Stichloch wird angestochen, ein Bach von Eisen schießt in die Gießhalle, die Menschen glühen, ihre Totengesichter blenden. Die Bessemer- und Thomasbirnen, geschwollene Spinnenleiber, Stockwerke hoch, bald stehend, bald liegend, vom Druck des Wassers bewegt, Luft durch das Eisen blasend, Feuerschlangen und Funkengarben weit hinausspeiend. Glut, Hitze, Hölle und Triumph! Die Martinsöfen, die Rollöfen, die Dampfhämmer,die Walzwerke, Rauch, Funkentänze, brennende Menschen, jeder Zoll Genie, Sieg. Der Eisenblock glüht und knistert, läuft über die Walzenstraße zwischen den Walzen hindurch, streckt sich wie Wachs, wird länger, länger, läuft zurück durch das letzte Profil und liegt da, heiß und schwitzend, schwarz, besiegt, fertig: „Krupp, Essen, walzt eine Tunnelschiene.“

Zum Schluß: Ein Stollen in einem Kohlenbergwerk. Ein Pferdekopf, ein Pferd, ein kleiner Junge in hohen Stiefeln, der daneben hergeht, ein endloser Zug von Kohlenkarren dahinter. Ewig nickt das Pferd mit dem Kopf, stapft der Junge, bis er ganz nahe ist und mit seinem geschwärzten, fahlen Gesicht ins Publikum grinst.

Der Konferencier: „Solch ein Kohlenjunge war Mac Allan, der Erbauer des Tunnels, vor zwanzig Jahren.“

Ein ungeheurer Jubel bricht los! Der menschlichen Energie und Kraft jubelt man zu — sich selbst, seinen eigenen Hoffnungen!

In dreißigtausend Theatern führte Edison Bio die Tunnelfilme täglich vor. Es gab kein Nest in Sibirien und Peru, wo man die Filme nicht sah. So war es natürlich, daß all die Höchstkommandierenden des Tunnelbaus ebenso bekannt wurden wie Allan selbst. Ihre Namen prägten sich dem Gedächtnis des Volkes ein wie die Namen von Stephenson, Marconi, Ehrlich, Koch.

Nur Allan selbst hatte noch nicht Zeit gehabt, sich den Tunnelfilm anzusehen, obgleich die Edison Bio wiederholt versucht hatte, ihn an den Haaren hineinzuziehen.

Denn die Edison Bio versprach sich einen besonderen Erfolg von dem Film: „Mac Allan sieht sich selbst im Edison Bio.“

„Wo ist Mac?“ fragte Hobby.

Maud hielt im Schaukeln inne.

„Laß sehen! — In Montreal, Hobby.“

Es ist Abend und sie sitzen beide auf der Veranda im ersten Stock des Hauses, die auf das Meer hinausgeht. Der Garten liegt schweigend unter ihnen im Dunkel. Die müde Dünung des Meeres rauscht und zischt gleichmäßig, und fern braust und klingt die Arbeit. Sie haben vor Tisch vier Games Tennis geklopft, zu Abend gegessen und nun ruhen sie noch ein Stündchen aus. Das Haus liegt ganz ruhig und dunkel.

Hobby gähnt müde und klopft sich dabei auf den Mund. Das gleichmäßig feine Zischen des Meeres schläfert ihn ein.

Maud aber saß und schaukelte sich und ihre Augen waren ganz wach.

Sie betrachtete Hobby. In seiner hellen Kleidung, mit seinen lichtblonden Haaren, sah er in der Dunkelheit fast weiß aus, und nur sein Gesicht und sein Schlips waren dunkel. Wie ein Negativ. Maud lächelte, denn sie erinnerte sich an die Geschichte, die ihr Hobby beim Essen erzählte — eine Geschichte von einer der „Nichten“ S. Woolfs, die S. Woolf verklagte, weil er sie auf die Straße setzte. Von der Geschichte kam sie aber sofort wieder auf Hobby selbst zurück. Er gefiel ihr. Selbst seine Albernheiten gefielen ihr. Sie waren die besten Kameraden, hatten keine Geheimnisse vor einander. Zuweilen wollte er ihr sogar Dinge erzählen, die sie gar nicht wissen wollte und sie mußte ihn bitten, den Mund zu halten. Hobby und Edith waren so herzlich und vertraut miteinander wie Vater und Kind. Und oft sah es aus, als ob Hobby der Herr des Hauses wäre.

„Hobby könnte ebensogut mein Mann sein wie Mac,“ dachte Maud und fühlte, wie sie heiß und rot wurde.

In diesem Augenblick lachte Hobby leise vor sich hin.

„Warum lachst du, Hobby?“

Hobby dehnte sich, daß der Sessel knirschte.

„Ich habe eben gedacht, wie ich die nächsten sieben Wochen leben werde.“

„Hast du wieder verloren?“

„Ja. Wenn ich full hand in der Hand habe, so werde ich doch halten? Ich habe sechstausend Dollar verpulvert. Vanderstyfft gewinnt, die reichen Kerle gewinnen immer.“

Maud lachte.

„Du brauchst ja nur ein Wort zu Mac zu sagen.“

„Ja, ja, ja —“ erwiderte Hobby und gähnte wieder und klopfte sich auf den Mund. „So geht es, wenn man ein fool ist!“

Und beide hingen wieder ihren Gedanken nach. Maud hatte einen Trick ersonnen, wie sie mit dem Schaukelstuhl vorwärts und rückwärts wandern konnte, während sie schaukelte. Bald war sie einen Schritt näher, bald einen Schritt ferner. Und immer behielt sie Hobby im Auge.

Ihr Herz war voller Verwirrung, Resignation und Verlangen.

Hobby hatte die Augen geschlossen und Maud fragte plötzlich dicht neben ihm: „Frank, wie wäre es geworden, wenn ich dich geheiratet hätte?“

Hobby öffnete die Augen und war sofort ganz wach. Mauds Frage hatte ihn aufgeschreckt und der Klang seines Vornamens, mit dem ihn seit Jahren niemand mehr angesprochen hatte. Er erschrak, denn Mauds Gesicht war ganz nahe und doch war sie vor einem Augenblick noch zwei Schritt fern gewesen. Ihre weichen, kleinen Hände lagen auf der Lehne seines Stuhles.

„Wie kann ich das wissen?“ entgegnete er unsicher und versuchte es mit einem leisen Lachen.

Mauds Augen standen dicht vor ihm. Ein goldener Glanz leuchtete warm und flehend aus ihrer Tiefe. Ihr Gesicht schimmerte bleich und schmal, wie vergrämt, aus dem dunkeln Scheitel.

„Warum habe ich dich nicht geheiratet, Frank?“

Hobby holte Atem. „Weil dir Mac besser gefiel,“ sagte er nach einer Weile.

Maud nickte. „Wären wir zusammen glücklich geworden, Frank?“

Hobbys Verwirrtheit steigerte sich, zumal er sich nicht regen konnte, ohne Maud zu nahe zu kommen.

„Wer weiß es, Maud?“ Hobby lächelte.

„Hast du mich früher wirklich geliebt, Frank, oder tatest du nur so?“ flüsterte Maud.

„Ja, wirklich!“

„Wärst du glücklich mit mir geworden, Frank, glaubst du?“

„Ich glaube es.“

Maud nickte und ihre feinen Brauen zogen sich träumerisch in die Höhe. „Ja?“ flüsterte sie, noch leiser, voller Glück und Weh.

Hobby ertrug die Situation nicht länger. Wie konnte es Maud nur in den Sinn kommen, an diese alten Dinge zu rühren? Er wollte ihr sagen, daß das alles Nonsens sei, er wollte einlenken. Ja, zum Teufel, Maud gefiel ihm immer noch und er hatte seinerzeit böse Tage gehabt ...

„Und nun sind wir gute Freunde geworden, Maud, nicht wahr?“ fragte er in so harmlosem alltäglichen Tonfall, als er es in diesem Augenblick vermochte.

Maud nickte, ganz unmerklich. Sie sah ihn immer noch an und so saßen sie eine, zwei Sekunden und sahen einander in die Augen. Plötzlich geschah es! Er hatte eine kleine Bewegung gemacht, weil er nicht länger stillhalten konnte— ja, wie war es doch gekommen? —: ihre Lippen berührten sich wie von selbst.

Maud fuhr zurück. Sie stieß einen kleinen, erstickten Schrei aus, stand auf, stand eine Weile regungslos da und verschwand im Dunkel. Eine Türe ging.

Hobby kletterte langsam aus dem Korbsessel und sah mit einem verwirrten, geistesabwesenden Lächeln ins Dunkle hinein, während er noch Mauds Mund auf seinen Lippen fühlte, weich und warm, und seine Arme vor Müdigkeit abzufallen drohten.

Dann fand er sich zurecht. Er hörte plötzlich die Dünung wieder zischen und einen Zug in der Ferne klingeln. Er zog gedankenlos die Uhr und ging durch die dunklen Zimmer in den Garten hinunter.

„Nie wieder!“ dachte er. „Stop, my boy!Maud wird mich sobald nicht wieder sehen.“

Er nahm den Hut vom Nagel, zündete sich mit zitternden Händen eine Zigarette an und verließ das Haus, immer noch erregt, beglückt, verwirrt.

„Ja, zum Teufel, wie kam es nur?“ dachte er immer wieder und hielt den Schritt an.

Unterdessen saß Maud zusammengeduckt in ihrem dunklen Zimmer, die Hände im Schoß, blickte mit erschrockenen Augen vor sich auf den Boden und flüsterte: „Die Schande — die Schande — o Mac, Mac!“ Und sie weinte still und zerknirscht. Nie mehr würde sie Mac in die Augen sehen können, nie mehr. Sie mußte es ihm sagen, sie mußte sich scheiden lassen, ja, das mußte sie! Und Edith? Sie konnte wirklich stolz auf ihre Mutter sein, in der Tat!

Sie erschrak. Hobby ging drunten. Er geht so leicht, dachte sie, sein Schritt ist so leicht. Ihr Herz pochte im Hals. Sollte sie aufstehen, rufen: „Hobby, komm —!“ Ihr Gesicht glühte und sie rang die Hände. O Himmel, nein —die Schande — was war über sie gekommen? Den ganzen Tag über hatte sie schon törichte Gedanken im Kopf gehabt und am Abend die Augen nicht von Hobby losreißen können und gedacht — ja, nun wollte sie schon ganz ehrlich sein! — wie es wäre, wenn er sie küßte ...

Maud weinte noch im Bett vor Kummer und Reue. Dann wurde sie ruhiger und faßte sich. „Ich werde es Mac sagen, wenn er kommt, und ihn bitten, mir zu verzeihen, ihm schwören ... Laß mich nicht so allein, Mac, werde ich sagen. Übrigens war es doch schön — Gott, Hobby erschrak bis ins tiefste Herz hinein. Schlafen, schlafen, schlafen!“

Am andern Morgen, als sie mit Edith zusammen badete, spürte sie nur noch einen kleinen Druck im Herzen, der auch blieb, wenn sie gar nicht an den gestrigen Abend dachte. Es würde alles wieder gut werden, gewiß. Es kam ihr vor, als habe sie Mac nie heißer geliebt. Aber er sollte sie nicht so vernachlässigen! Nur manchmal versank sie in Nachdenken und sah mit blickleeren Augen vor sich hin, von heißen, raschen, unruhigen Gedanken erfüllt. Wenn sie nun aber Hobby wirklich liebte ...?

Hobby kam drei Tage nicht. Er arbeitete am Tage wie ein Teufel und abends war er in New York und spielte und trank Whisky. Er borgte sich viertausend Dollar und verlor sie bis auf den letzten Cent.

Am vierten Tag sandte ihm Maud eine Note, daß sie ihn bestimmt erwarte am Abend. Sie habe mit ihm zu reden.

Hobby kam. Maud errötete, als sie ihn sah, empfing ihn aber heiter und lachend.

„Wir wollen nie wieder eine solche Dummheit begehen, Hobby!“ sagte sie. „Hörst du? O, ich habe mir solche Vorwürfe gemacht! Ich habe nicht geschlafen, Hobby. Nein, nie wieder. Ich bin ja schuldig, nicht du, ich lüge mich nicht an. Zuerst dachte ich, ich müsse es Mac beichten, nun aberbin ich entschlossen, ihm nichts zu sagen. Oder meinst du, ich sollte?“

„Du kannst es ja gelegentlich tun, Maud. Oder ich —“

„Nein, du nicht, hörst du, Hobby! Ja, gelegentlich — du hast recht. Und nun wollen wir wieder die alten, guten Kameraden sein, Hobby!“

„All right!“ sagte Hobby und nahm ihre Hand und dachte, wie hübsch ihr Haar glänze und wie hübsch ihr diese leichte Röte und Verwirrtheit stehe und wie gut und treu sie sei, und daß ihn dieser Kuß viertausend Dollar gekostet habe.Never mind!

„Die Balljungen sind da, willst du spielen?“

So waren sie wieder die alten Kameraden, und nur Maud konnte dann und wann nicht umhin, Hobby durch einen Blick daran zu erinnern, daß sie ein Geheimnis zusammen hätten.

Mac Allan stand wie ein geißelschwingendes Phantom über der Erde und peitschte zur Arbeit an.

Die ganze Welt verfolgte voller Spannung das atemlose Rasen unter dem Meeresboden. Die Zeitungen hatten eine stehende Rubrik eingeführt, auf die sich alle Augen zuerst richteten, wie auf die Nachrichten von einem Kriegschauplatz.

In den ersten Wochen des siebten Baujahres aber wurde Allan vom Geschick eingeholt. In den amerikanischen Stollen ereignete sich die große Oktoberkatastrophe, die sein Werk ernstlich gefährdete.

Kleinere Unglücksfälle und Störungen waren alltäglich. Es wurden Arbeiter von niederbrechendem Gestein verschüttet, beim Sprengen in Stücke gerissen, von Zügen zermalmt. Der Tod war im Tunnel zu Hause und holte sich die Tunnelmänner ohne viele Umstände heraus. In allen Stollen waren wiederholt große Mengen Wasser eingebrochen, die die Pumpen nur mit Mühe bewältigen konnten, und Tausende von Menschen liefen Gefahr zu ertrinken. Diese Tapferen standen zuweilen bis an die Brust im Wasser. Und oft waren diese einbrechenden Wasser kochend heiß und dampften wie Geiser. Allerdings ließen sich große Wassermengen in den meisten Fällen vorherbestimmen, so daß man seine Maßnahmen treffen konnte. Mit besonders konstruierten Apparaten, den Sendeapparatender drahtlosen Telegraphie ähnlich, wurden nach einem von Doktor Lövy, Göttingen, zuerst angeregten Verfahren elektrische Wellen in den Berg gesandt, die, sobald Wassermengen (oder Erzlager) vorhanden waren, reflektiert wurden und mit den ausgesandten Wellen in Interferenz traten. Wiederholt waren die Bohrmaschinen verschüttet worden und bei diesen Unfällen ging es nicht ohne Tote ab. Denn wer in der letzten Sekunde nicht flüchten konnte, wurde zermalmt. Kohlenoxydvergiftung, Anämie waren alltägliche Erscheinungen. Der Tunnel hatte sogar eine neue Krankheit hervorgerufen, ähnlich jener, die man bei den Arbeitern in den Caissons beobachtet, der Caissonkrankheit; sie wurde im Volk „the bends“, die „Beuge“, genannt. Allan hatte am Meer ein eigenes Erholungsheim für diese merkwürdigen Kranken eingerichtet.

Alles in allem aber hatte der Tunnel in sechs Jahren nicht mehr Opfer gefordert als andere technische Großbetriebe. In Summa 1713 Menschenleben, eine verhältnismäßig niedrige Ziffer.

Der zehnte Oktober des siebten Baujahrs aber war Allans schwarzer Tag ...

Allan pflegte alljährlich im Oktober eine Generalinspektion der amerikanischen Baustelle vorzunehmen, die mehrere Tage in Anspruch nahm. Bei den Ingenieuren und Beamten hieß sie das „jüngste Gericht“. Am 4. Oktober inspizierte er die „City“. Er besuchte die Arbeiterhäuser, Schlachthäuser, Bäder und Hospitäler. Er kam auch in Mauds Rekonvaleszentenheim, und Maud war den ganzen Tag über in Aufregung und wurde purpurrot über das Kompliment, das er ihrer Leitung machte. Er besuchte in den nächsten Tagen die Bürogebäude, Materialbahnhöfe und Maschinenhallen, in denen in endloser Reise die Dynamos schwangen und knisterten, die Expreß- undDrillingspumpen, Grubenventilatoren und Kompressoren arbeiteten.

Am nächsten Tag fuhr er mit Hobby, Harriman und Ingenieur Bärmann in den Tunnel.

Die Tunnelinspektion dauerte mehrere Tage, denn Allan kontrollierte jede Station, jede Maschine, jede Weiche, jeden Querschlag, jedes Depot. Sobald sie an einer Stelle fertig waren, stoppten sie durch Signale einen Zug ab, schwangen sich auf einen Waggon und fuhren ein Stück weiter.

Die Stollen waren dunkel wie Keller. Zuweilen huschten Lichtschwärme vorbei: Eisengerüste, Menschenleiber, die in den Gerüsten hingen; eine rote Lampe blendete, die Glocke des Zuges gellte und Schatten flüchteten zur Seite.

Die dunkeln Stollen rauschten von den Zügen, die dahinflogen. Sie knackten und krachten, gellende Schreie flatterten in der fernen Finsternis. Es heulte irgendwo wie Wölfe, es blies und schnob wie ein Nilpferd, das auftaucht, dann hörte man mächtige, rauhe Stimmen von Zyklopen wütend streiten und man glaubte selbst einzelne Worte deutlich zu verstehen. Ein Gelächter kollerte durch die Stollen und schließlich vereinigten sich all diese sonderbaren und unheimlichen Laute, der Tunnel mahlte, rauschte, gröhlte und ganz plötzlich fuhr der Zug in ein Donnerwetter von Gellen und Getöse hinein, daß man sein eigenes Wort nicht mehr vernahm. Vierzig Kilometer hinter der Bohrmaschine dröhnte der Tunnel wie ein riesiges Widderhorn, in das die Hölle stieß. Hier gleißten die Arbeitsstätten von Licht und Scheinwerfern wie weißglühende Schmelzöfen.

Die Nachricht, daß Allan im Tunnel war, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Wo er hinkam — unkenntlich von Staub und Schmutz und doch sofort erkannt — begannen die Rotten „das Lied vom Mac“ zu singen:

„Three cheers and a tiger for him!Nehmt die Kappe ab vor Mac,Mac ist unser Mann!Mac ist ein Bursche, der alles kann,God damn you, yes, solch ein Kerl ist Mac,Three cheers and a tiger for Mac!“

Auf den Gesteintransporten saßen die abgelösten Mannschaften und die Züge ließen in dem Rollen und Grollen des Stollens ein Echo von Gesang zurück.

Mac war populär und — soweit es der fanatische Haß zwischen Arbeiter und Kapital zuließ — bei seinen Leuten beliebt. Er war einer wie sie, aus ihrem Stoffe, wenn auch von hundertfältiger Kraft.

„Mac —!“ sagten sie, „ja, Mac ist ein Bursche —!“ Das war alles, aber es war das höchste Lob.

Besonders seine „Sonntagsaudienzen“ hatten viel zu seiner Popularität beigetragen. Auch über sie gab es ein Lied, das diesen Inhalt hatte: „Schreibe eine Zeile an Mac, wenn du Sorgen hast. Er ist gerecht und einer von uns. Besser noch, geh zur Sonntagsaudienz. Ich kenne ihn, er wird dich nicht fortschicken, ohne dich gehört zu haben. Er versteht das Herz des Arbeiters.“

Im „Fegfeuer“ prasselten und surrten die elektrischen Nietmaschinen, wie Propeller bei Vollgas, das Eisen dröhnte. Auch hier sangen die Leute. Das Weiße der Augen blinkte aus den schmutzigen Gesichtern, die Mäuler öffneten sich gleichmäßig, aber man hörte keinen Ton.

Die letzten dreißig Kilometer des vorgeschobenen Südstollens mußten sie fast ganz zu Fuß zurücklegen oder auf langsam rollenden Materialzügen. Hier war der Stollen ein Wald roher Pfosten, ein Gerüst von Balken, erschüttert von einem unfaßbaren Getöse, dessen Wucht man immer wieder vergaß und stets neu erlebte. Die Hitze (48°C.) zerriß Pfosten und Balken, trotzdem sie häufig mit Wasser bespritzt wurdenund die Wetterführung unaufhörlich frischen, gekühlten Wind hereinschleuderte. Die Luft war schlecht, verbraucht, eine elende Grubenluft.

In einem kleinen Querschlag lag ein ölbeschmutzter halbnackter Leichnam. Ein Monteur, den der Herzschlag getroffen hatte. Umtobt von Arbeit lag er da und eilige Füße stiegen über ihn hinweg. Nicht einmal seine Augen hatte man geschlossen.

Dann kamen sie in die „Hölle“. Mitten in den heulenden Staubwirbeln stand ein kleiner, erdfahler Japaner, bewegungslos wie eine Statue, und gab die optischen Befehle. Bald rot, bald weiß, blendete der Lichtkegel seines Reflektors und zuweilen schoß er einen grasgrünen Lichtstrahl in eine Rotte wühlender Menschen hinein, so daß sie wie Leichen, die noch schufteten, aussahen.

Hier beachtete sie niemand. Kein Gruß, kein Gesang, völlig erschöpfte Menschen, die halb bewußtlos rasten. Vielmehr mußten sie hier auf die andern achten, um nicht von einem Pfosten, den keuchende Männer übers Geröll schleppten oder von einem Steinblock, den sechs Paar nervige, zerschundene Arme auf einen Karren schwangen, niedergeschlagen zu werden.

Der Stollen lag hier schon sehr tief, viertausendvierhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Die glühende Atmosphäre, von Staubsplittern erfüllt, riß die Luftwege wund. Hobby gähnte unaufhörlich aus Lufthunger und Harrimans Augen traten aus seinem roten Gesicht hervor, als ersticke er. Allans Lungen aber waren an sauerstoffarme Luft gewöhnt. Die donnernde Arbeit, die hin- und herstürzenden Menschenhaufen machten ihn lebendig. Unwillkürlich bekamen seine Augen einen herrischen und triumphierenden Ausdruck. Er ging aus seiner Ruhe und Schweigsamkeit heraus, glitt hin und her,schrie, gestikulierte und sein muskulöser Rücken glänzte von Schweiß.

Harriman kroch mit einer Gesteinsprobe in der Hand zu Allan und hielt sie ihm vor die Augen. Dann legte er die Hände vor den Mund und heulte in Allans Ohr: „Das ist das unbekannte Erz!“

„Erz?“ tutete Allan auf dieselbe Art zurück. Es war ein rostbraunes, amorphes Gestein, das sich leicht brechen ließ. Geologisch die erste Entdeckung während des Tunnelbaus. Das unbekannte Erz, das den Namen Submarinium erhalten hatte, war stark radiumhaltig und die Smelting and Refining Co. erwartete jeden Tag, daß man auf große Lager stoßen würde. Harriman heulte das Allan ins Ohr.

Allan lachte: „Das könnte ihnen passen!“

Aus der Bohrmaschine schlüpfte ein rothaariger Mensch von ungeheurem Knochenbau, mit langen Gorillaarmen. Eine Säule von Dreck und Öl, grauen Staubbrei auf den schläfrigen Augendeckeln. Er sah wie ein Gesteinschlepper aus, war aber einer der ersten Ingenieure Allans, ein Irländer namens O’Niel. Sein rechter Arm blutete und das Blut vermischte sich mit dem Schmutz zu einer schwarzen Masse, wie Wagenschmiere. Er spie unausgesetzt Staub aus und nieste. Ein Arbeiter überspritzte ihn mit Wasser, wie man einen Elefanten duscht. O’Niel drehte und bückte sich im Wasserstrahl, vollkommen nackt, und kam triefend zu Allan heran.

Allan gab ihm die Hand und deutete auf seinen Arm.

Der Irländer schüttelte den Kopf und strich mit den großen Händen das Wasser aus den Haaren.

„Der Gneis wird grauer und grauer!“ tutete er Allan ins Ohr. „Grauer und härter. Der rote Gneis ist ein Kinderspiel dagegen. Wir müssen jede Stunde neue Kronen auf die Bohrer setzen. Und die Hitze, pfui Teufel!“

„Wir gehen bald wieder in die Höhe!“

O’Niel grinste. „In drei Jahren!“ heulte er.

„Habt ihr kein Wasser voraus?“

„Nein.“

Plötzlich wurden sie alle grün und gespenstisch fahl: der Japaner hatte seinen Lichtkegel auf sie gerichtet.

O’Niel schob Allan ohne weiteres zur Seite, die Bohrmaschine kam zurück.

Allan wartete drei Ablösungen ab, dann kletterte er auf einen Gesteinszug und fuhr mit Harriman und Hobby zurück. Sie schliefen augenblicklich erschöpft ein, aber Allan empfand, obschon er schlief, noch lange Zeit jede Störung, der der Zug auf seiner vierhundert Kilometer langen Reise nach oben begegnete. Die Bremsen schlugen an, die Waggons stießen zusammen, daß Steine auf die Geleise rollten. Gestalten kletterten herauf, Rufe, ein rotes Licht blendete. Der Zug schleppte sich über eine Weiche und hielt lange Zeit. Allan erwachte halb und sah dunkle Gestalten, die über ihn stiegen.

„Das ist Mac, tritt nicht auf ihn.“

Der Zug fuhr, hielt, fuhr wieder. Plötzlich aber begann er zu rasen und es schien Allan, als flögen sie dahin und er fiel in einen tiefen Schlaf.

Er erwachte, als das grelle, grausame Licht des Tages wie ein gleißendes Messer nach seinen Augen stieß.

Der Zug hielt vor dem Stationsgebäude und Mac City atmete auf: Das „jüngste Gericht“ war vorüber und es war glimpflich abgelaufen.

Die Ingenieure gingen in den Baderaum. Hobby lag wie schlafend in seinem Bassin und rauchte eine Zigarette. Harriman dagegen plusterte und zischte wie ein Nilpferd.

„Kommst du mit zum Frühstück, Hobby?“ fragte Allan. „Maud wird schon wach sein. Es ist sieben Uhr.“

„Ich muß schlafen,“ erwiderte Hobby mit der Zigarette im Mund. „Heute nacht muß ich wieder hinein. Aber ich komme bestimmt zum Abendessen.“

„Schade, dann bin ich nicht hier.“

„New York?“

„Nein, Buffalo. Wir probieren einen neuen Bohrertyp, den der fette Müller erfunden hat.“ Hobby interessierte sich nicht sehr für Bohrer und so sprang er auf den fetten Müller über. Er lachte leise. „Pendleton hat mir gestern aus Azora geschrieben, Mac,“ sagte er schläfrig, „dieser Müller soll ja schrecklich saufen!“

„Diese Deutschen saufen ja alle wie die Stiere,“ warf Allan ein und behandelte seine Füße mit der Bürste.

„Pendleton schreibt, er gibt Gartenfeste und säuft alle unter den Tisch.“

In diesem Augenblick ging der kleine Japaner an ihnen vorbei, geschniegelt und gebügelt; er hatte schon die zweite Schicht hinter sich. Er grüßte höflich.

Hobby öffnete ein Auge. „Good morning, Jap!“ rief er.

„Das ist ein tüchtiger Kerl!“ sagte Allan, als der Japaner die Türe hinter sich zuzog.

Vierundzwanzig Stunden später war der tüchtige Kerl schon längst tot.

Am nächsten Morgen, einige Minuten vor vier Uhr, ereignete sich die Katastrophe.

Der Ort, an dem die Bohrmaschine des vorgetriebenen Südstollens an diesem unglückseligen 10. Oktober den Berg zermalmte, war genau vierhundertundzwanzig Kilometervon der Mündung des Tunnels entfernt. Dreißig Kilometer dahinter arbeitete die Maschine des Parallelstollens.

Der Berg war soeben geschossen worden. Der Scheinwerfer, mit dem der kleine Japaner von gestern die Befehle erteilte, blendete kreideweiß in das rollende Gestein und die Rotte halbnackter Menschen, die den rauchenden Schuttberg emporjagte. In diesem Augenblick streckte einer die Arme empor, ein zweiter stürzte hintenüber, ein dritter versank urplötzlich. Der rauchende Schuttberg rollte rasend schnell vorwärts, Leiber, Köpfe, Arme und Beine verschlingend wie eine wirbelnde Lawine. Der tobende Lärm der Arbeit wurde verschlungen von einem dumpfen Brummen, so ungeheuer, daß das menschliche Ohr es kaum noch aufnahm. Ein Druck umklammerte den Kopf, daß die Trommelfelle zerrissen. Der kleine Japaner versank plötzlich. Es wurde schwarze Nacht. Niemand von all den „Höllenmännern“ hatte mehr gesehen als einen taumelnden Menschen, einen verzerrten Mund, einen sinkenden Pfosten. Niemand hatte etwas gehört. Die Bohrmaschine, dieses Panzerschiff aus Stahl, das die Kraft von zwei Schnellzugslokomotiven vorwärts bewegte, wurde wie eine Wellblechbaracke aus den Schienen gehoben, gegen die Wand geschleudert und zerdrückt. Die Menschenleiber flogen in einem Hagel von Felsblöcken wie Projektile durch die Luft, die eisernen Gesteinskarren wurden weggefegt, zerfetzt, zu Klumpen geballt; der Wald aus Pfosten krachte zusammen und begrub mit dem niedergehenden Gestein alles unter sich, was lebte.

Das geschah in einer einzigen Sekunde. Einen Augenblick später war es totenstill und das Dröhnen der Explosion donnerte in der Ferne.

Die Explosion richtete auf eine Entfernung von fünfundzwanzig Kilometern Verwüstungen an und der Tunnelbrüllte achtzig Kilometer weit auf — als donnere der Ozean in die Stollen. Hinter dem Gebrüll aber, das wie eine große eherne Kugel in die Ferne rollte, kam die Stille, einefürchterlicheStille — dann Staubwolken — und hinter dem Staub Rauch: der Tunnel brannte!

Aus dem Rauch kamen Züge gerast, mit Trauben von entsetzten Menschen behangen, dann kamen unkenntliche Gespenster zu Fuß angestürzt, in der Finsternis, und dann kam nichts mehr.

Die Katastrophe trat unglücklicherweise gerade bei Schichtwechsel ein und in den letzten zwei Kilometern waren rund zweitausendfünfhundert Menschen zusammengedrängt. Mehr als die Hälfte war in einer Sekunde zerschmettert, zerfetzt, erschlagen, verschüttet und niemand hatte einen Schrei gehört.

Dann aber — als das Dröhnen der Explosion in der Ferne verhallte — wurde die Totenstille des nachtschwarzen Stollens von verzweifelten Schreien zerrissen, von lautem Jammern, von wahnsinnigem Gelächter, von hohen winselnden Tönen des letzten Schmerzes, von Hilferufen, Verwünschungen, Röcheln und tierischem Gebrüll. An allen Ecken begann es zu wühlen und sich zu regen. Geröll rieselte, Bretter splitterten, es rutschte, glitt, knirschte. Die Finsternis war entsetzlich. Der Staub sank wie dicker Aschenregen herab. Ein Balken schob sich zur Seite und ein Mensch kroch keuchend aus einem Loch heraus, nieste und kauerte betäubt auf dem Schutthaufen.

„Wo seid ihr?!“ schrie er, „In Gottes Namen!!“ Fortwährend schrie er dasselbe und nichts antwortete ihm als wilde Schreie und tierisches Stöhnen. Der Mensch aber brüllte lauter und lauter vor Entsetzen und Schmerzen und seine Stimme klang immer schriller und irrsinniger.

Plötzlich aber schwieg er still. In der Finsternis flackerteein Feuerschein. Eine Flamme leckte aus der Spalte eines hausähnlichen Trümmerhaufens und plötzlich schoß eine schwelende Feuergarbe empor. Der Mensch, ein Neger, stieß einen Schrei aus, der in ein entsetztes Röcheln überging: denn — Gott sei mir gnädig! — mitten in der Flamme erschien ein Mensch! Dieser Mensch kletterte durch die Flamme empor, ein qualmendes Bündel mit gelbem Chinesengesicht, ein schreckenverbreitendes Gespenst. Das Gespenst kroch lautlos höher und höher, so daß es haushoch oben zu hängen schien, dann rutschte es herab. In diesem Augenblick stellte sich eine Erinnerung in dem verstörten Hirn des Negers ein. Er erkannte das Gespenst.

„Hobby!“ brüllte er. „Hobby!“

Aber Hobby hörte nicht, antwortete nicht. Er taumelte, stürzte in die Knie, klopfte sich die Funken von den Kleidern, röchelte und schnappte nach Luft. Eine Weile kauerte er betäubt am Boden, ein dunkler Klumpen im Feuerschein. Es sah aus, als wolle er fallen, aber er fiel nur auf beide Hände und begann nun langsam, mechanisch, vorwärts zu kriechen, instinktiv der Stimme entgegen, die unaufhörlich seinen Namen schrie. Unerwartet stieß er auf eine dunkle Gestalt und hielt inne. Der Neger hockte mit blutüberströmten Gesicht da und brüllte. Bald blinkten ihn zwei weiße Augen an, bald eines. Das kam daher, weil das Blut immer wieder ein Auge des Negers anfüllte und er es krampfhaft aufreißen mußte.

Sie hockten einander eine Weile gegenüber und sahen sich an.

„Fort!“ flüsterte dann Hobby, ohne Sinne, und richtete sich automatisch auf.

Der Neger griff nach ihm.

„Hobby!“ heulte er entsetzt. „Hobby, was ist geschehen?!“

Hobby leckte sich die Lippe ab und versuchte zu denken.

„Fort!“ flüsterte er dann wieder mit heiserer Stimme, immer noch betäubt.

Der Neger klammerte sich an ihn und wollte sich aufrichten, stürzte aber schreiend zu Boden. „Mein Fuß!“ heulte er. „Großer Gott im Himmel — was ist mit meinem Fuß —?!“

Hobby vermochte nicht zu denken. Ganz instinktiv tat er, was man tut, wenn ein Mensch niederfällt. Er versuchte den Neger aufzuheben. Aber sie stürzten beide zu Boden.

Hobby fiel mit dem Kinn gegen einen Balken, so heftig, daß sein Schädel krachte. Der Schmerz rüttelte ihn auf. In seiner Betäubung war es ihm, als habe er einen Schlag gegen den Kiefer erhalten, und er richtete sich, halb bewußtlos, zu einer verzweifelten Gegenwehr. Da aber — da aber ging etwas Merkwürdiges mit ihm vor. Er sah keinen Gegner, seine Hände hatten sich im Schutt geballt. Hobby wurde wach. Plötzlichwußteer, daß er im Stollen war und daß etwas Furchtbares geschehen sein mußte —! Er begann zu zittern, all seine Rückenmuskeln, die sich nie in seinem Leben so bewegt hatten, zuckten konvulsivisch wie die Muskeln eines erschrockenen Pferdes.

Hobby verstand.

„Katastrophe ...“ dachte er.

Er richtete sich halb auf und sah, daß die Bohrmaschine brannte. Zu seinem Erstaunen sah er Haufen nackter und halbnackter Menschen in den erschreckendsten Verrenkungen auf dem Schutt liegen und sie alle regten sich nicht. Er sah, daß sie überall lagen, neben ihm, rings umher. Sie lagen mit offenem Mund, lang hingestreckt mit zermalmten Köpfen, eingeklemmt zwischen Pfosten, aufgespießt, in Stücke zerfetzt. Überall lagen sie! Hobbys Haare flogen. Sie lagen verschüttet bis zum Kinn, zusammengerollt zu einem Knäuel, und soviele Steinblöcke, Balken, Pfosten undKarrentrümmer es hier gab, ebenso viele Köpfe, Rücken, Stiefel, Arme und Hände starrten aus dem Schutt. Mehr! Hobby schrumpfte ein vor Grauen, es schüttelte ihn, daß er sich festhalten mußte, um nicht hinzuschlagen. Jetzt verstand er auch die sonderbaren Laute, die nah und fern den halbdunklen Stollen füllten. Dieses Miauen, Greinen, Winseln, Schnauben und Brüllen wie von Tieren — diese unerhörten, nie gehörten Laute —: das waren Menschen! Seine Haut, sein Gesicht und seine Hände erstarrten wie vor Kälte, seine Füße waren gelähmt. In seiner nächsten Nähe saß ein Mensch, dem das Blut aus dem Mundwinkel lief wie aus einem Brunnen. Der Mensch atmete nicht mehr, aber er hielt die hohle Hand darunter und Hobby hörte das Blut plätschern und rieseln. Es war der kleine Japaner. Er erkannte ihn. Plötzlich sank seine Hand herab und sein Kopf neigte sich, bis er aufschlug.

„Fort, fort!“ flüsterte Hobby, vom Grauen geschüttelt. „Wir müssen fort von hier!“

Der Neger griff nach Hobbys Gürtel und half mit seinem unverletzten Fuß nach, so gut es ging. So krochen sie zusammen durch das Gewirr von Pfosten und Leichnamen und Gestein, den Schreien und tierischen Lauten entgegen.

„Hobby!“ stöhnte der Neger und schluchzte vor Angst und Entsetzen. „Mister Hobby,the Lord bless your soul— verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht hier! O,Lord, mercy—! Ich habe eine Frau und zwei kleine Kinder draußen — verlassen Sie einen armen Nigger nicht. O Barmherzigkeit!“

Die brennende Bohrmaschine warf grelle, böse Lichtzacken und schwarze flatternde Schatten in das dunkle Chaos und Hobby mußte darauf achten, nicht auf Gliedmaßen und Köpfe zu treten, die aus dem Geröll hervorragten. Plötzlich tauchte zwischen zwei umgeworfenen Eisenkarreneine Gestalt auf, eine Hand tastete nach ihm und er fuhr zurück. Da sah er in ein Gesicht, das ihn mit idiotischem Ausdruck anstarrte.

„Was willst du?“ fragte Hobby, zu Tode erschrocken.

„Hinaus!“ keuchte das Gesicht.

„Geh weg!“ antwortete Hobby. „Das ist die falsche Richtung!“

Der Ausdruck des Gesichts änderte sich nicht. Aber es zog sich langsam zurück. Und ohne jeden Laut verschwand die Gestalt, wie verschluckt vom Schutt.

Hobbys Kopf war klarer geworden und er versuchte seine Gedanken zu sammeln. Die Brandwunden schmerzten ihn, sein linker Arm blutete, aber sonst war er heil. Er erinnerte sich, daß Allan ihn zu O’Niel mit einem Auftrag geschickt hatte. Zehn Minuten vor der Explosion hatte er noch bei den Gesteinskarren mit O’Niel, dem roten Irländer, gesprochen. Dann war er in die Bohrmaschine geklettert. Weshalb, wußte er nicht mehr. Er hatte die Maschine kaum betreten, als er fühlte, wie plötzlich der Boden unter ihm schwankte. Er sah in ein Paar erstaunter Augen — dann sah er nichts mehr. Soweit wußte er alles, aber es war ihm rätselhaft, wie er wieder aus der Bohrmaschine herausgekommen war. Hatte ihn die Explosion herausgeschleudert?

Während er den stöhnenden und jammernden Neger hinter sich herzerrte, überdachte er die Lage. Sie schien ihm nicht hoffnungslos zu sein. Wenn er den Querschlag erreichte, in dem gestern der tote Monteur lag, so war er gerettet. Dort gab es Verbandzeug, Sauerstoffapparate, Notlampen. Er erinnerte sich deutlich, daß Allan die Lampen probiert hatte. Der Querstollen lag rechts. Aber wie weit entfernt? Drei Meilen, fünf Meilen? Das wußte er nicht. Gelang es ihm nicht, so mußte er ersticken, denn der Rauchwurde mit jeder Minute stärker. Und Hobby kroch verzweifelt vorwärts.

Da hörte er dicht in der Nähe eine Stimme seinen Namen keuchen. Er hielt inne und lauschte mit fliegenden Lungen.

„Hierher!“ keuchte die Stimme. „Ich bin es. O’Niel!“

Ja, O’Niel, der große Irländer war es. Er, dessen Knochen sonst soviel Platz wegnahmen, saß eingerammt zwischen Pfosten, die rechte Gesichtshälfte von Blut überströmt; grau, wie mit Asche bedeckt sah er aus und seine Augen waren rote schmerzhafte Feuer.

„Ich bin fertig, Hobby!“ keuchte O’Niel. „Was ist geschehen? Ich bin fertig und leide schrecklich. Erschieße mich, Hobby!“

Hobby versuchte einen Balken zur Seite zu schieben. Er nahm alle Kraft zusammen, stürzte aber plötzlich auf unerklärliche Weise zu Boden.

„Es hat keinen Wert, Hobby,“ fuhr O’Niel fort. „Ich bin fertig und leide! Erschieße mich und rette dich!“

Ja, O’Niel war fertig, Hobby sah es. Er nahm den Revolver aus der Tasche. Die Waffe wog zentnerschwer in seiner Hand und er konnte den Arm kaum heben.

„Mach’ die Augen zu, O’Niel!“

„Warum sollte ich, Hobby —?“ O’Niel lächelte ein verzweifeltes Lächeln. „Sage Mac, ich habe keine Schuld — danke, Hobby!“

Der Rauch beizte, aber der Feuerschein wurde immer schwächer, so daß Hobby hoffte, er werde erlöschen. Dann gab es keine Gefahr mehr. Da aber ertönten zwei kurze, heftige Detonationen. „Das sind die Sprenghülsen,“ dachte er.

Gleich darauf wurde es heller. Ein hoher Pfosten brannte lichterloh und leuchtete weithin durch den Stollen. Da sah Hobby, wie einzelne sich auswühlten und andere langsam,Schritt für Schritt vorwärts kletterten, nackte, schmutzige Rücken und Arme, schwefelgelb im Feuerschein. Es winselte und schrie aus dem Gestein, Hände ragten heraus und winkten mit verkrampften Fingern, und dort hob sich der Boden ruckweise in die Höhe, aber die Schuttlage sank immer wieder herab.

Hobby kroch stumpf weiter. Er keuchte. Der Schweiß tropfte aus seinem Gesicht und er war halb bewußtlos vor Anstrengung. Er achtete nicht auf den Arm, der aus dem Schutt ragte und ihn am Fuß festhalten wollte, apathisch kletterte er durch eine Traufe von Blut hindurch, die von der Decke herabkam. Wieviel Blut ein Mensch hat! dachte er und nahm seinen Weg direkt über einen Toten hinweg, der auf dem Bauche lag.

Der Neger, den ihm das Schicksal in dieser schrecklichen Stunde zugeteilt hatte, klammerte die Arme um seinen Nacken und heulte und weinte vor Schmerzen und Angst und zuweilen küßte er seine Haare und flehte ihn an, ihn nicht zu verlassen.

„Mein Name ist Washington Jackson,“ keuchte der Neger, „ich stamme aus Athens in Georgia und heiratete Amanda Bell aus Danielsville. Vor drei Jahren nahm ich den Tunnel-Job, als Steinträger. Ich habe zwei Kinder, sechs und fünf Jahre alt.“

„Halt’s Maul, Boy!“ schrie Hobby. „Klammere dich nicht so fest.“

„O, Mister Hobby,“ schmeichelte Jackson, „Sie sind gut, man sagt es — o, Mister Hobby —“ und er küßte Hobbys Haar und Ohr. Plötzlich aber, da ihn Hobby auf die Hände schlug, überfiel ihn eine wahnsinnige Wut: er glaubte, Hobby wolle ihn abschütteln. Mit aller Kraft schraubte er die Hände um Hobbys Hals und keuchte: „Du meinst, du kannst mich hier verrecken lassen, Hobby! Du meinst —ach!“ Und er fiel mit einem lauten Schrei zu Boden, denn Hobby hatte ihm die Daumen in die Augen gedrückt.


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