5.

Am folgenden Mittwoch schiffte sich Allan mit Maud und Edith auf dem deutschen Drei-Tage-Boot nach Europa ein. Hobby begleitete sie; er „kam auf acht Tage mit“.

Maud war in wunderbarer Stimmung. Sie hatte ihre heiterste Laune — ihre Mädchenlaune — wiedergefunden, und diese Laune hielt während der ganzen Fahrt über den winterlichen und ungastlichen Ozean an, obwohl sie Mac nur bei den Mahlzeiten und am Abend zu Gesicht bekam. Lachend und fröhlich plaudernd stapfte sie, in Pelze eingehüllt, in dünnen Lackschuhen auf den eisigen Verdeckkorridoren hin und her.

Hobby war der populärste Mann auf dem Boot. Von den Kabinen der Ärzte und Zahlmeister an bis hinauf zur geheiligten Kommandobrücke war er zu Hause. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend gab es keine Stelle auf dem Schiff, wo man nicht seine helle, etwas nasale Stimme gehört hätte.

Von Allan dagegen hörte und sah man nichts. Er war den ganzen Tag über beschäftigt. Zwei Typistinnen des Schnellbootes hatten während der ganzen Reise alle Hände voll zu tun, seine Briefe abzuschreiben. Hunderte von Briefen lagen fertig und adressiert in Allans Kabine. Er traf die Vorbereitungen zur ersten Schlacht.

Die Reise ging zuerst nach Paris. Von da nach Calais und Folkestone, wo der Tunnel unter dem Kanal im Bau war, nachdem England seine lächerliche Angst vor einer Invasion, die mit einer einzigen Batterie verhindert werden konnte, überwunden hatte. Hier hielt sich Allan drei Wochen auf. Dann gingen sie nach London, Berlin, Essen, Leipzig, Frankfurt und wieder zurück nach Paris. Allan blieb an all diesen Orten einige Wochen. Am Vormittag arbeiteteer für sich, nach Tisch hatte er täglich Konferenzen mit Vertretern großer Firmen, Ingenieuren, Technikern, Erfindern, Geologen, Geographen, Ozeanographen, Statistikern und Kapazitäten der verschiedensten Fakultäten. Eine Armee von Gehirnen aus allen Gegenden Europas, aus Frankreich, England, Deutschland, Italien, Norwegen, Rußland.

Am Abend speiste er allein mit Maud, wenn er nicht gerade Gäste bei sich hatte.

Mauds Laune war noch immer ausgezeichnet. Die Atmosphäre von Arbeit und Unternehmungen, die Mac umgab, belebte sie. Sie hatte vor drei Jahren, kurz nach ihrer Heirat, fast genau die gleiche Reise mit Mac gemacht, und damals hatte sie ihm nur schwer verzeihen können, daß er die meiste Zeit mit fremden Menschen und unverständlichen Arbeiten verbrachte. Nun, da sie den Sinn all dieser Konferenzen und Arbeiten begriff, war alles natürlich ganz anders geworden.

Sie hatte viel Zeit und sie teilte sich diesen Überfluß an Zeit sorgfältig ein. Einen Teil des Tages widmete sie ihrem Kinde, dann besuchte sie Museen, Kirchen und Sehenswürdigkeiten, wo sie auch immer sein mochten. Auf ihrer ersten Reise war sie nicht oft zu diesen Genüssen gekommen. Mac hatte sie natürlich überallhin begleitet, wenn sie es wünschte, aber sie hatte bald gefühlt, daß ihn diese herrlichen Gemälde, Skulpturen, alten Gewebe und Schmuckstücke nicht besonders interessierten. Was er gerne sah, das waren Maschinen, Werke, große industrielle Anlagen, Luftschiffe, technische Museen, und davon verstand sie ja nichts.

Nun aber hatte sie Muße und sie entzückte sich an all den tausend Herrlichkeiten, die ihr Europa so teuer machten. Sie besuchte Theater, Konzerte, so oft es anging. Sie sättigte sich für Amerika. Sie bummelte stundenlang inalten Straßen und engen Gassen umher und machte photographische Aufnahmen von jedem kleinen Kaufladen, den sie „entzückend“ fand, und jedem krummen alten Hausgiebel. Sie kaufte Bücher, Reproduktionen aus den Museen und Ansichtskarten von alten Häusern und neuen. Diese Ansichtskarten waren für Hobby bestimmt, der sie darum ersucht hatte. Sie gab sich ehrliche Mühe, ihr Material zusammenzubekommen, aber für Hobby, den sie liebte, war ihr keine Arbeit zu viel.

In Paris ließ Allan sie acht Tage allein. Er hatte in der Nähe von Nantes, bei Les Sables an der biskayischen Küste mit Geometern und einem Schwarm Agenten zu tun. Dann schifften sie sich mit Geometern, Ingenieuren und Agenten nach den Azoren ein, wo Allan über drei Wochen auf den Inseln Fayal, San Jorgo und Pico beschäftigt war, während Maud mit Edith den herrlichsten Frühling genoß, den sie je erlebt hatte. Von den Azoren fuhren sie mit einem Frachtdampfer (als die einzigen Passagiere, was Maud entzückte!) quer durch den Atlantik nach den Bermudas. Hier, in Hamilton, trafen sie zu ihrer großen Freude Hobby, der eine kleine Reise herüber gemacht hatte, um sie zu erwarten. Die Geschäfte auf den Bermudas waren rasch erledigt und im Juni kehrten sie nach Amerika zurück. Allan mietete ein Landhaus in Bronx, und die gleiche Tätigkeit wie in London, Paris und Berlin begann nun in Amerika. Täglich konferierte Allan mit Agenten, Ingenieuren, Wissenschaftlern aus allen Städten der Staaten. Da er häufig lange Besprechungen mit Lloyd hatte, so begann die Öffentlichkeit aufmerksam zu werden. Die Journalisten schnüffelten in der Luft wie Hyänen, die Aas riechen. Gerüchte von den abenteuerlichsten Gründungen schwirrten durch New York.

Aber Allan und seine Vertrauensmänner schwiegen.Maud, die man aushorchen wollte, lachte und sagte kein Wort.

Ende August waren die Vorbereitungsarbeiten beendet. Lloyd ließ an dreißig der ersten Vertreter des Kapitals, der Großindustrie und Großbanken Einladungen zu einem Meeting ergehen; diese Einladungen hatte er eigenhändig geschrieben und durch Spezialkuriere aushändigen lassen, um die Bedeutung der Konferenz zu betonen.

Und am 18. September fand diese denkwürdige Konferenz im Hotel Atlantic, Broadway, statt.

New York briet in diesen Tagen in einer Hitzwelle, so daß Allan sich entschloß, die Versammlung auf dem Dachgarten des Hotels abzuhalten.

Die Geladenen, die größtenteils auswärts wohnten, waren im Laufe des Tages und einige schon gestern eingetroffen.

Sie kamen in riesigen, staubbedeckten Tourencars mit Frauen, Töchtern und Söhnen angerollt aus ihren Sommerresidenzen in Vermont, Hampshire, Maine, Massachusetts und Pennsylvania. Die Einsamen und Schweiger flogen in Extrazügen, die glatt jede Station ignorierten, von St. Louis, Chikago und Cincinnati herbei. Ihre Luxusjachten dockten am Hudson-River. Drei Chikagoleute, Kilgallan, Müllenbach und C. Morris, waren mit dem Expreß-Luftliner, der die 700 Meilen von Chikago nach New York-Centralpark in acht Stunden durchschneidet, angekommen, und der Sportmann Vanderstyfft war im Laufe des Nachmittags auf dem Dachgarten des Atlantic mit seinem Eindecker gelandet. Andere wieder trafen als ganz unscheinbare Reisende, zu Fuß, mit einer bescheidenen Tasche in der Hand, vor dem Hotel ein.

Aber sie kamen. Lloyd hatte sie in einer Angelegenheit von allererster Bedeutung gerufen, und jene Solidarität, die das Geld in weit höherem Maße als das Blut erzeugt, erlaubte ihnen nicht zurückzustehen. Sie kamen nicht allein, weil sie ein Geschäft witterten (es war sogar möglich, daß sie bluten mußten!), sie kamen in erster Linie, weil sie erwarteten, ein Projekt mit starten helfen zu können, dessen Bedeutung ihren Unternehmungsgeist befriedigte, der sie groß gemacht hatte. Lloyd hatte jenes mysteriöse Projekt in seinem Sendschreiben „das größte und kühnste aller Zeiten“ genannt. Das genügte, um sie aus der Hölle herauszuholen; denn das Schaffen neuer Werke war für sie soviel wie leben selbst.

Die Bewegung so vieler Häuptlinge des Kapitals war natürlich nicht unbemerkt geblieben, denn jeder einzelne war von einem ausgearbeiteten Alarmsystem umgeben. Am Morgen schon war die Börse von einem leichten Fieber geschüttelt worden. Ein zuverlässiger Tip jetzt bedeutete ein Vermögen! Die Presse verkündete die Namen all der Männer, die im Atlantic abgestiegen waren, und vergaß nicht hinzuzufügen, wieviel jeder einzelne wert war. Nachmittag um fünf Uhr ging es schon hoch in die Milliarden. Auf jeden Fall stand etwas Ungewöhnliches bevor, eine Riesenschlacht des Kapitals. Einzelne Zeitungen taten so, als kämen sie gerade vom Lunch bei Lloyd und seien bis zum Halse mit Informationen geladen, Lloyd aber habe ihnen einen Knebel zwischen die Zähne getrieben. Andere gingen weiter und veröffentlichten, was ihr Freund Lloyd ihnen beim Dessert anvertraut hatte: es handele sich um nichts Besonderes. Die elektrische Einschienen-Schnellbahnsollte von Chikago weiter bis San Franzisko geführt werden. Das Netz des Luftverkehrs sollte über die ganzen Staaten erweitert werden, so daß man nach jeder beliebigen Stadt genau so fliegen könnte, wie heute nach Boston, Chikago, Buffalo und St. Louis. Hobbys Idee: New York, das Venedig Amerikas, stände dicht vor ihrer Realisierung.

Die Reporter umschnupperten das Hotel wie Polizeihunde, die auf der Spur liegen. Sie traten mit den Absätzen Löcher in das zerweichte Asphalt des Broadways und starrten an den sechsunddreißig Stockwerken des Atlantic empor, bis die gleißende Kalkwand ihnen Halluzinationen ins Gehirn spiegelte. Ein ganz Gerissener kam sogar auf den genialen Einfall, sich als Telephonarbeiter ins Hotel zu schmuggeln, und nicht nur ins Hotel — bis in die Zimmer der Milliarden, wo er an den Zimmertelephonen herumbastelte, um etwa ein Wort aufzuschnappen. Aber der Manager des Hotels entdeckte ihn und machte ihn höflich darauf aufmerksam, daß alle seine Apparate in Ordnung seien.

Umfiebert von glühender Hitze und Erregung stand das kalkweiße Turmhaus da und schwieg. Es wurde Abend und es schwieg noch immer. Der Gerissene von heute nachmittag kehrte in seiner Verzweiflung mit einem Schnurrbart im Gesicht als ein Monteur Vanderstyffts zurück, der an der Maschine oben auf dem Dach etwas nachzusehen habe. Aber der Manager erklärte ihm mit höflichem Lächeln, daß Herrn Vanderstyffts Marconi-Apparat ebenfalls in Ordnung sei.

Da trat der Gerissene auf die Straße und zerplatzte: er war plötzlich irgendwohin verschwunden, um etwas Neues zu ersinnen. Nach einer Stunde erschien er als Globetrotter in einem Automobil voll beklebter Koffer und forderte ein Zimmer im 36. Stock. Da das 36. Stockwerkaber von Hotelbediensteten bewohnt wurde, so mußte er sich mit Zimmer Nummer 3512 begnügen, das ihm der Manager mit zuvorkommender Geschäftsmiene anbot. Hier machte er einem chinesischen Boy, der zur Dachgartenbedienung gehörte, ein bestechendes Angebot, wenn er einen unscheinbaren Apparat, nicht größer als ein Kodak, in irgendeines der Kübelgewächse da droben schmuggele. Allein er hatte nicht damit gerechnet, daß Allanit ein Hartstahl war, den kein Geschoß durchschlägt.

Allan hatte seine genauen Instruktionen gegeben, und der Manager verbürgte sich dafür, daß sie eingehalten wurden. Sobald alle Geladenen den Roofgarden betreten hatten, durfte der Lift nicht weiter als bis zum 35. Stock geführt werden. Die Boys der Bedienung durften den Dachgarten nicht eher verlassen, als bis der letzte Gast sich entfernt hatte. Nur sechs Vertretern der Presse und drei Photographen war der Zutritt erlaubt (Allan brauchte sie ebenso wie sie ihn) — allein gegen die ehrenwörtliche Versicherung, während der Konferenz nicht mit der Außenwelt in Verbindung zu treten.

Einige Minuten vor neun Uhr erschien Allan selbst auf dem Dachgarten, um sich zu überzeugen, ob man all seine Anordnungen genau befolgt habe. Er entdeckte augenblicklich den eingeschmuggelten drahtlosen Telephonapparat im Geäst eines Lorbeerbaumes, und eine Viertelstunde später hatte ihn der Gerissene wieder als ein hübsch verschnürtes und versiegeltes Expreßpaket auf Nummer 3512 — ohne überrascht zu sein, denn er hatte deutlich in seinem Empfangsapparat gehört, wie eine Stimme etwas unwillig sagte: „Schaffen Sie das Zeug weg!“

Von neun Uhr an begann der Lift zu spielen.

Die Geladenen tauchten schwitzend und pustend aus dem Hotelblock empor, der trotz den Kühlanlagen in allenseinen Poren glühte. Sie kamen aus der Hölle ins Fegfeuer. Jeder einzelne, der aus dem Lift stieg, prallte vor dieser Mauer von Hitze zurück. Dann aber legte er augenblicklich den Rock ab, nicht ohne die anwesenden Damen vorher höflich um Erlaubnis gebeten zu haben. Diese Damen waren Maud — heiter, blühend, schneeweiß gekleidet — und Mrs. Brown, eine alte, kleine, ärmlich aussehende Frau mit gelbem Gesicht und dem argwöhnischen Blick schwerhöriger Geizhälse: die reichste Frau der Staaten und berüchtigte Wucherin.

Die Geladenen kannten einander ohne Ausnahme. Sie hatten sich auf verschiedenen Kriegschauplätzen getroffen, sie hatten jahrelang Schlachten Schulter an Schulter oder gegeneinander geschlagen. Ihre gegenseitige Hochachtung war nicht allzu groß, aber sie schätzten sich immerhin. Sie waren fast alle schon grau oder weiß, ruhig, würdig, abgeklärt und besonnen wie der Herbst, und die meisten hatten gutmütige, freundliche, ja kindliche Augen. Sie standen in Gruppen beisammen und plauderten und scherzten oder gingen zu Paaren auf und ab und flüsterten. Die Einsamen und Schweiger saßen schon still in den Klubsesseln und blickten kühl, nachdenklich und mit etwas übelgelauntem Gesichtsausdruck auf den persischen Teppich, der über den Boden gebreitet war. Zuweilen zogen sie die Uhr und warfen einen Blick auf den Lift: immer noch kamen Nachzügler ...

Drunten brodelte New York und das Brodeln schien die Hitze zu verdoppeln. New York schwitzte wie ein Ringkämpfer nach getaner Arbeit, es pustete wie eine Lokomotive, die ihre dreihundert Meilen hinter sich hat und in einer Bahnhofhalle verschnauft. Die Autos, die im zerweichten Asphalt der Straße klebten, surrten und brummten in der Broadway-Schlucht dahin, die einander drängendenZüge der elektrischen Cars hämmerten ihre Glockensignale; irgendwo, ganz fern, gellte eine schrille Glocke: ein Feuerlöschzug, der durch die Straßen fegte. Es war ein Summen wie von riesigen Glocken in der Luft, untermischt mit fernen Schreien, als würden irgendwo in der Ferne Haufen von Menschen abgeschlachtet.

Ringsum standen und funkelten Lichter in der tiefblauen, heißen Nacht, von denen man auf den ersten Blick nicht sagen konnte, ob sie dem Himmel oder der Erde angehörten. Vom Dachgarten aus sah man einen Abschnitt der zwanzig Kilometer langen Broadway-Schlucht, die ganz New York in zwei Teile spaltet: einen weißglühenden, klaffenden Schmelzofen, in dem farbige Feuer schwangen und auf dessen Boden mikroskopische Aschenteilchen entlang trieben: Menschen. Eine Seitenstraße in nächster Nähe blendete wie ein Strom flüssigen Bleis. Aus ferner gelegenen Querstraßen dampften lichte Silbernebel. Einzelne Wolkenkratzer erhoben sich gespenstisch weiß im Lichtscheine eines Platzes. Wiederum aber standen Gruppen von eng aneinander gedrängten Turmhäusern dunkel, schweigsam, wie riesige Grabsteine, die über die eingesunkenen verschwindenden Zwerghütten von zwölf und fünfzehn Etagen emporragten. In der Ferne am Himmel ein Dutzend Stockwerke mattblinkender Fensterscheiben, ohne daß das geringste von einem Haus zu sehen gewesen wäre. Da und dort vierzigstöckige Türme, auf denen matte Feuer lohten: die Dachgärten von Regis, Metropolitain, Waldorf Astoria, Republic. Rings am Horizont glommen schwüle Feuersbrünste: Hoboken, Jersey City, Brooklyn, Ost-New York. In der Spalte zwischen zwei dunklen Wolkenkratzern zuckte jede Minute ein doppelter Lichtstrahl auf, wie elektrische Funkennähte, die zwischen den Mauern übersprangen: die Hochbahn der sechsten Avenue.

Rings um das Hotel flimmerte das Feuerwerk der Nacht. Unaufhörlich schossen Lichtfontänen und farbige Strahlengarben aus den Straßen empor zum Himmel. Ein Blitz zerriß ein Turmhaus von unten bis oben und setzte einen riesigen Schuh in Brand. Ein Haus ging in Flammen auf und in den Flammen erschien ein roter Stier: Bull Durham Rauchtabak. Raketen jagten zur Höhe, explodierten und bildeten beschwörende Worte. Eine violette Sonne kreiste wie irrsinnig hoch oben in der Luft und spie Feuer über Manhattan, die bleichen Lichtkegel von Scheinwerfern tasteten nach dem Horizont und beleuchteten kalkweiße Häuserwüsten. Hoch oben am Himmel über dem blitzenden New York aber standen blaß, unscheinbar, elend, geschlagen, die Sterne und der Mond.

Von der Battery herauf kam ein Reklameluftschiff mit weichem Surren der Propeller und zwei großen Augen, eulenhaft. Und auf dem Bauch der Eule erschienen abwechselnd die Worte: Gesundheit! — Erfolg! — Suggestion! — Reichtum! — Pinestreet 14!

Drunten aber, sechsunddreißig Stockwerke tief unten, wogte ein Heer von Hüten um den Hotelblock, Reporter, Agenten, Broker, Neugierige — in der blendenden Lichtflutalle ohne Schatten— schwirrend vor Spannung, die Augen auf die Lichtgirlanden des Dachgartens gerichtet. Durch das fiebernde Stimmengewirr, das das Hotel umbrandete, drangen deutlich die Rufe der Broadway-Ratten, der Zeitungsausrufer, herauf: „Extra! Extra!“ Die „World“ hatte im letzten Moment ihren letzten und besten Triumph ausgespielt, mit dem sie alle anderen Journale überstach. Sie war allwissend und kannte das Projekt genau, das die Milliarden, die da droben schwitzten, vom Stapel ließen: eine submarine Postbeförderung!A. E. L. M.! America-Europe-Lightning-Mail! Genau wieheute die Briefe durch Luftdruck in unterirdischen Röhren von New York nach San Franzisko gepreßt wurden, sollten sie durch gewaltige Röhren, die wie Kabel gelegt werden würden, nach Europa geschossen werden. Über die Bermudas und Azoren! In drei Stunden! (Man sieht, die „World“ hatte Allans Reiseroute genau feststellen lassen.)

Selbst die ruhigsten Nerven hier oben konnten sich dem Eindruck der fiebernden Straße, des brodelnden und glitzernden New Yorks und der Hitze nicht entziehen. Alle wurden, je länger sie warteten, mehr oder weniger erregt und empfanden es wie eine Erlösung, als der blonde Hobby, der sich sehr wichtig gebärdete, die Versammlung eröffnete.

Hobby schwenkte ein Telegramm und sagte, daß C. H. Lloyd bedaure, durch sein Leiden abgehalten zu sein, die Herrschaften persönlich zu begrüßen. Er habe ihn beauftragt, ihnen Herrn Mac Allan, den langjährigen Mitarbeiter der Edison-Works-Limited und Erfinder des Diamantstahls Allanit, vorzustellen.

„Hier sitzt er!“ Hobby deutete auf Allan, der neben Maud in einem Korbstuhl saß, in Hemdärmeln wie alle andern.

Herr Allan habe ihnen etwas zu sagen. Er wolle ihnen ein Projekt vorschlagen, das, wie sie wüßten, C. H. Lloyd selbst das größte und kühnste aller Zeiten genannt habe. Herr Allan besäße Genie genug, das Projekt zu bewältigen, für die Ausführung aber brauche er ihr Geld. (Zu Allan:) „Go on, Mac!“

Allan stand auf.

Aber Hobby machte ihm ein Zeichen, noch einen Moment zu warten, und schloß, indem er einen Blick in das Telegramm warf: Er habe vergessen ... für den Fall, daß dieVersammlung auf Mac Allans Projekt eingehe, beteilige sich C. H. Lloyd mit fünfundzwanzig Millionen Dollar. (Zu Allan:) „Now, my boy!“

Allan trat an Hobbys Stelle. Die Stille wurde schwül und drückend. Die Straße drunten fieberte wirrer und lauter. Alle Augen richteten sich auf ihn: das war also er, der behauptete, etwasUngewöhnlicheszu sagen zu haben! (Mauds Lippen standen vor Spannung und Angst weit offen!) Allan drückte seinem Auditorium durch nichts seine Wertschätzung aus. Er ließ den Blick ruhig durch die Versammlung wandern, und niemand hätte ihm die große Erregung angemerkt, von der er im Innern geschüttelt wurde. Es war keine Kleinigkeit, diesen Leuten den Kopf in den Rachen zu stecken, und sodann: er war alles, nur kein Redner. Es war das erstemal, daß er vor einer größeren und distinguierten Versammlung sprach. Aber seine Stimme klang ruhig und klar, als er begann.

Allan sagte zunächst, daß er, nachdem C. H. Lloyd die Erwartungen so hoch gespannt habe, befürchte, die Versammlung zu enttäuschen. Sein Projekt verdiene kaum größer genannt zu werden als der Panamakanal oder Sir Rodgers Palk-Street-Bridge, die Ceylon mit Vorderindien verbindet. Es sei, recht besehen, sogar einfach.

Hierauf zog Allan ein Stück Kreide aus der weiten Hosentasche und warf zwei Linien auf die Tafel, die hinter ihm stand. Das sei Amerika und das sei Europa! Er verpflichte sich, im Zeitraum von fünfzehn Jahren einen submarinen Tunnel zu bauen, der die beiden Kontinente verbinde, und Züge in vierundzwanzig Stunden von Amerika nach Europa zu rennen! Das sei sein Projekt.

In diesem Augenblick flammte das Licht der Photographen auf, die ihr Schnellfeuer eröffneten, und Allan machte eine kurze Pause. Von der Straße herauf kamwirres Geschrei: sie wußten, daß die Schlacht da droben begonnen hatte.

Es schien zunächst, als ob Allans Projekt, das eine Epoche in der Geschichte zweier Kontinente bedeutete und selbst für diese vorgeschrittene Zeit nicht alltäglich war, nicht den geringsten Eindruck auf die Zuhörerschaft gemacht habe. Manche waren sogar enttäuscht. Es schien ihnen, als hätten sie dann und wann schon gehört von diesem Projekt, es lag in der Luft wie viele Projekte. Und doch hätte es niemand noch vor fünfzig — wie sagst du? — vor zwanzig Jahren aussprechen können, ohne daß man darüber gelächelt hätte. Es gab hier Leute, die, während sie die Uhr aufzogen, mehr verdienten, als die Mehrzahl der Menschen in einem Monat, es gab hier Leute, die keine Miene verzogen, wenn die ganze Erde morgen wie eine Bombe explodierte, aber es gab hier keinen einzigen, der erlaubte, daß man ihnlangweilte. Und davor hatten sie sich alle am meisten gefürchtet, denn, bei Gott, C. H. Lloyd konnte auch einmal versagen! Es wäre ja möglich gewesen, daß dieser Bursche irgendeine alte Sache auskramte, etwa, daß er die Wüste Sahara bewässern und fruchtbar machen wolle, oder sonst etwas. Sein Projekt war wenigstens nicht langweilig. Das war schon sehr viel. Besonders die Einsamen und Schweiger atmeten erleichtert auf.

Allan hatte keineswegs erwartet, sein Auditorium durch sein Projekt niederzustrecken, und war mit dem Eindruck, den seine Ankündigung machte, vollkommen zufrieden. Mehr konnte er vorläufig nicht verlangen. Er hätte ja seine Idee langsam abbrennen können, aber er hatte sie absichtlich wie eine Kartätsche gegen seine Zuhörerschaft abgeschossen, um diesen Panzer einer scheinbaren Indifferenz, die jeden Redner hätte entmutigen können, diesen Panzer aus Phlegma, Schulung, Ermattung, Berechnungund Abwehr auf einen Schlag zu sprengen. Er mußte diese sieben Milliarden zwingen, ihm zuzuhören. Das war seine erste Aufgabe, das und nichts anderes. Und es schien, als ob ihm dies gelungen sei. Die ledernen Sessel knirschten, einige lehnten sich bequem zurecht, sie zündeten sich eine Zigarre an. Mrs. Brown nahm den Hörapparat zu Hilfe. Wittersteiner, von der New York-Central Bank raunte I. O. Morse, dem Kupfermann, etwas ins Ohr.

Und Allan fuhr ermutigt und sicherer fort.

Der Tunnel sollte hundert Kilometer südlich von New York von der Küste New Jerseys ausgehen, die Bermudas und Azoren und Nordspanien berühren und an der biskayischen Küste Frankreichs emporsteigen. Die beiden ozeanischen Stationen, die Bermudas und Azoren, waren vom technischen Standpunkt aus unentbehrlich. Denn mit ihnen, zusammen mit der amerikanischen und den zwei europäischen, waren fünf Angriffsstellen für die Tunnelstollen gegeben. Ferner waren die ozeanischen Stationen für die Rentabilität des Tunnels von größter Bedeutung. Die Bermudas würden den gesamten Personenverkehr und die Post des mexikanischen Beckens, Westindiens, Zentralamerikas und des Panamakanals aufsaugen. Die Azoren den gesamten Verkehr Südamerikas und Afrikas an sich reißen. Die ozeanischen Stationen würden Angelpunkte des Weltverkehrs werden von der Bedeutung New Yorks und Londons. Es war ohne jeden Kommentar einleuchtend, welche Rolle die amerikanische und die europäischen Stationen in Zukunft auf dem Erdball spielen würden! Die einzelnen Regierungen würden gezwungen sein, ihre Zustimmung zum Tunnelbau zu erteilen, ja, er, Mac Allan, würde sie zwingen, die Papiere des Tunnel-Syndikats an ihren Börsen zuzulassen — wenn anders sie nicht gesonnen waren, ihre Industrien um Tausende von Millionen zu schädigen.

„Der Tunnel der Behringstraße, der vor drei Jahren in Angriff genommen wurde,“ sagte Allan, „der Dover-Calais-Tunnel, der in diesem Jahr seiner Vollendung entgegengeht, haben zur Genüge bewiesen, daß der Bau submariner Tunnel der modernen Technik keine Schwierigkeiten bereitet. Der Dover-Calais-Tunnel hat eine Länge von rund fünfzig Kilometern. Mein Tunnel hat eine Länge von rund fünftausend Kilometern. Meine Aufgabe besteht demnach lediglich darin, die Arbeit der Engländer und Franzosen zu verhundertfachen, wenn ich auch keineswegs die größeren Schwierigkeiten verkenne. Aber ich brauche es Ihnen nicht erst zu sagen: wo der Mensch von heute eine Maschine aufstellen kann, da ist erzu Hause! Finanziell hängt die Ausführung des Projektes von Ihrer Zustimmung ab. Ihr Geld brauche ich nicht — wie Hobby sagte — denn ich werde den Tunnel mit amerikanischem und europäischem Geld, mit dem Geld der ganzen Welt bauen. Das Projekt technisch in der Zeit von fünfzehn Jahren zu bewältigen, ist allein von meiner Erfindung bedingt, die Sie kennen, dem Allanit, einem Hartstahl, der der Härte des Diamanten nur um einen Grad nachsteht, die Bearbeitung des härtesten Gesteins ermöglicht und es erlaubt, eine unbeschränkte Anzahl von Bohrern in beliebiger Größe äußerst billig herzustellen.“

Das Auditorium folgte. Es schien zu schlafen, aber gerade das war ein Zeichen, daß es seine Arbeit aufgenommen hatte. Die meisten der grauen und weißen Scheitel hatten sich gesenkt, nur zwei, drei schweißglänzende Gesichter waren nach oben zum Himmel gerichtet, wo die Sterne wie Scherben glitzerten. Jemand drehte eine Zigarre zwischen den gespitzten Lippen und blinzelte zu Allan empor, ein anderer nickte, das Kinn in der Hand, nachdenklich vor sich hin. Fast aus allen Augen war der gutmütige und kindlicheAusdruck gewichen und hatte einem nachdenklichen, verschleierten oder gespenstisch wachen Blick Platz gemacht. Mrs. Brown hing an Allans Lippen und ihr Mund zeigte einen scharfen, höhnischen, fast bösartigen Ausdruck. All die Gehirne der dreißig Sklavenhalter, in die Allan seine Ideen und Argumente hineinhämmerte, daß sie wie Keile festsaßen, waren in Schwung gekommen. Das Geld dachte, das Eisen, der Stahl, das Kupfer, das Holz, die Kohle. Diese Sache Allan war nicht gewöhnlich. Sie verdiente, daß man sie überlegte und erwog. Ein Projekt wie dieses fand man nicht täglich auf der Straße. Und diese Sache Allan war nicht leicht! Es handelte sich hier nicht um ein paar Millionen Bushel Weizen oder Ballen Baumwolle, nicht um tausend King-Edward-Mines-Aktien, Australien. Es handelte sich um weit mehr! Für die einen bedeutete die Sache Allan einen Berg von Geld ohne besonderes Risiko für das Eisen, den Stahl, die Kohle. Ihr Entschluß war kein Kunststück. Für die andern bedeutete sie Geld bei großem Risiko. Aber es hieß Stellung nehmen. Stellung! Denn es handelte sich hier um noch etwas, es handelte sich hier um Lloyd und um keinen andern als Lloyd den Allmächtigen, der wie ein goldenes Gespenst, schaffend und vernichtend, über den Erdball schritt! Lloyd wußte recht wohl, was er tat, und dieser Allan wurde geschoben und glaubte zu schieben. In den letzten Wochen waren in Wallstreet große Transaktionen in Montanwerten und Papieren der schweren Industrie vor sich gegangen. Nun wußten sie, daß es Lloyd war, der seine Armeen durch Strohmänner hatte vorschieben lassen! Es lag auf der Hand, Lloyd, der jetzt in seinem Tresor saß und seine Zigarre lutschte, hatte schon seit Wochen losgeschlagen, und dieser Mac Allan war seine Faust! Immer war Lloyd der erste, immer hatte er die besten Claims schon besetzt,wenn der allgemeine Rush kam. Allein noch wäre es ja Zeit, den Vorsprung einigermaßen einzuholen. Man brauchte nur heute abend noch seine Depeschen über die Welt zu jagen, sofort nach dem Meeting. Morgen früh allerdings wäre es schon viel zu spät.

Es galt Stellung zu nehmen ...

Einzelne, deren Gehirne sich heißgelaufen hatten, unternahmen den Versuch, dem Problem dadurch beizukommen, daß sie Allans Person unter die Lupe nahmen. Während sie genau hörten, was Allan über den Bau des Tunnels sagte — wie er die Stollen vortreiben, ausbauen, belüften wolle — studierten sie ihren Mann von den Patentlederschuhen an — seine schneeweißen Flanellhosen, seinen Gürtel, sein Hemd, seinen Kragen und seine Binde — bis hinauf zu den soliden Stirnknochen, über die sich sein glatter, kupferrot schimmernder Scheitel spannte. Das Gesicht dieses Mannes glänzte im Schweiß wie Bronze, aber es zeigte jetzt, nach einer Stunde, nicht die leiseste Abspannung. Im Gegenteil, es war markanter und wacher geworden. Die Augen dieses Mannes hatten kindlich und gutmütig ausgesehen, als er begann, nun aber, schwimmend in Schweiß, waren sie kühn und klar, stählern und blinkend wie jenes Allanit, das dem Diamanten nur um einen Grad an Härte nachstand. Und es war gewiß, daß dieser Mann sich nicht oft so in die Augen blicken ließ! Wenn dieser Mann Nüsse aß, so brauchte er auf keinen Fall einen Nußknacker. Die Stimme dieses Mannes hämmerte und rauschte im Brustkasten, bevor sie herauskam. Allan warf eine Skizze auf die Tafel, und sie studierten seinen gebräunten Unterarm mit den tätowierten gekreuzten Hämmern, es war der Arm eines trainierten Tennisspielers und Fechters. Sie studierten Allan wie einen Boxer, auf den man setzen will. Der Mann war gut, ohne Zweifel. Man konnteauf ihn verlieren und brauchte sich nicht zu schämen. Es war Lloyds Blick! Sie wußten, daß er mit zwölf Jahren Pferdejunge in einer Kohlengrube war und daß er sich im Laufe von zwanzig Jahren aus einer Tiefe von achthundert Metern unter der Erde bis empor auf den Roofgarden des Atlantic gearbeitet hatte. Das war etwas. Es war auch etwas, dieses Projekt auszuarbeiten, aber das weitaus Schwerere und Bewunderungswürdigere war, daß er es fertiggebracht hatte, dreißig Menschen, für die ein Tag ein Kapital bedeutet, zu einer bestimmten Stunde hierher zu beschwören und sie zu zwingen, ihm bei einer Temperatur von neunzig Grad Fahrenheit zuzuhören. Vor ihren Augen schien sich das seltene Schauspiel abzuspielen: einer kam den Glasberg herauf zu ihnen, gesonnen, seinen Platz zu beanspruchen und zu verteidigen.

Allan sagte: „Zur Verwaltung der Stollen und für den Betrieb brauche ich eine Stromstärke, die etwa jener der gesamten Niagara-Power-Works gleichkommt. Der Niagara ist nicht mehr zu haben, so werde ich mir meinen eigenen Niagara bauen!“

Und sie erwachten aus ihren Gedanken und sahen Allan ins Gesicht.

Noch etwas fiel ihnen an diesem Burschen auf: er hatte während des ganzen Vortrages weder gelächelt noch einen Scherz gemacht. Humor schien nicht gerade seine Sache zu sein. Nur einmal hatte die Gesellschaft Gelegenheit gehabt zu lachen. Das war, als die Photographen ein wütendes Zwischengefecht eröffneten und Allan sie anherrschte: „Stop your nonsense!“

Allan las am Schluß die Gutachten der ersten Kapazitäten der Welt, Gutachten von Ingenieuren, Geologen, Ozeanographen, Statistikern, Finanzgrößen aus New York, Boston, Paris, London, Berlin.

Das größte Interesse erweckte Lloyds Resümee, der die Finanzierung und die Rentabilität des Projektes ausgearbeitet hatte. Allan las es zuletzt, und die dreißig Gehirne arbeiteten mit ihrer größten Geschwindigkeit und Präzision.

Die Hitze schien sich urplötzlich verdreifacht zu haben. In Schweiß gebadet lagen sie alle in den Sesseln und das Wasser rann ihnen über die Gesichter. Selbst die Kühlapparate, die hinter den Gebüschen und Sträuchern aufgestellt waren und ununterbrochen kalte, ozongesättigte Luft aushauchten, schufen keine Linderung mehr. Es war wie in den Tropen. Chinesische Boys, in kühles, schneeweißes Linnen gekleidet, glitten lautlos zwischen den Sesseln hindurch und reichten Limonade,horses-neck,gin-fizzund Eiswasser. All das half nichts. Die Hitze stieg in Schwaden von der Straße herauf und wälzte sich als glühender Brodem, den man mit den Händen greifen konnte, über den Dachgarten. New York, aus Eisenbeton und Asphalt, war wie ein vieltausendzelliger Akkumulator, der die Glut der letzten Wochen aufgespeichert hatte und sie jetzt ausspie. Und ununterbrochen gellte und schrie die fieberige Broadway-Schlucht tief unten. New York, von den Menschen zwischen 3000 Meilen Ozean und 3000 Meilen Kontinent aufgetürmt, dieses kochende, schlaflose New York selbst schien zu fordern, zu beschwören, anzupeitschen zu immer größeren, immer unerhörteren Anstrengungen. New York selbst, das Gehirn Amerikas, schien zu denken, einen Riesengedanken hin und her zu wälzen, zu gebären ...

In diesem Augenblick hörte Allan auf zu sprechen. Fast mitten im Satze. Allans Rede hatte gar keinen Schluß. Es war eine umgekehrte Rede, deren Steigerung am Anfang lag. Der Schluß kam so unerwartet, daß alle in der gleichen Lage sitzen blieben und ihre Ohren noch arbeiteten,als Allan schon gegangen war, um sein Projekt der Diskussion zu überlassen.

Das Reklameluftschiff kreuzte über dem Dachgarten und trug die Worte über Manhattan dahin: „25 Jahre Lebensverlängerung! — Garantie! — Dr. Josty, Brooklyn!“

Allan fuhr mit Maud bis zum zehnten Stock ab, um zu dinieren. Er war vom Schweiß derart durchnäßt, daß er sich vollständig umkleiden mußte. Aber selbst dann schlugen augenblicklich wieder die Schweißperlen aus seiner Stirn. Seine Augen waren noch geweitet und blicklos von der großen Anspannung seiner Kräfte.

Maud trocknete ihm vorsorglich die Stirn und kühlte seine Schläfen mit einer Serviette, die sie in Eiswasser getaucht hatte.

Maud strahlte! Sie plapperte und lachte vor Erregung. Was für ein Abend! Die Versammlung, die Lichtgirlanden, der Dachgarten, das zauberische New York ringsum, nie würde sie diesen Anblick vergessen. Wie sie alle im Kreise saßen! Sie, dieNamen, die sie seit ihrer frühesten Jugend tausendmal gehört hatte, deren bloßer Klang eine Atmosphäre von Reichtum, Macht, Genie, Kühnheit und Skandal erzeugte. Und sie saßen und hörten ihm zu, Mac! Maud war unendlich stolz auf Mac. Sein Triumph begeisterte sie, sie zweifelte keinen Augenblick an seinem Erfolg.

„Welch schreckliche Angst ich doch hatte, Mac!“ sprudelte sie hervor und umschlang seinen Nacken. „Aber du hast gesprochen! Ich traute meinen Ohren nicht! Guter Gott, Mac!“

Allan lachte. „Ich hätte lieber zu einer Herde von Teufeln gesprochen als zu diesen Burschen, Maud, das kannst du mir glauben!“ entgegnete er.

„Wie lange wird es nun dauern, denkst du?“

„Eine Stunde, zwei Stunden. Kann sein, die ganze Nacht.“

Maud öffnete überrascht den Mund.

„Die ganze Nacht —?“

„Kann sein, Maud. Auf jeden Fall werden sie uns Zeit lassen, ruhig zu Abend zu essen.“

Allan war nun wieder vollkommen ins Gleichgewicht gekommen. Seine Hände zitterten nicht mehr und in seine Augen war der Blick zurückgekehrt. Er erfüllte seine Anstandspflicht als Gatte und Gentleman und legte Maud das schönste Stück Beef vor, so wie sie es liebte, die schönsten Spargel und Bohnen, und machte sich hierauf selbst ruhig an die Arbeit, während ihm der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand. Er fand, daß er außerordentlich hungrig war. Maud dagegen plauderte so eifrig, daß sie kaum zum Essen kam. Sie ließ die ganze Gesellschaft der Geladenen aufmarschieren. Sie fand, daß Wittersteiner einen wunderbaren und bedeutenden Kopf habe. Über Kilgallans jugendliches Aussehen wunderte sie sich, und John Andrus, den Minenkönig, verglich sie mit einem Nilpferd; C. B. Smith, der Bankier, dagegen kam ihr wie ein kleiner, grauer, schlauer Fuchs vor. Und diese alte Hexe Mrs. Brown habe sie in der Tat gemustert, als sei sie ein Schulmädchen! Ob es wahr sei, daß diese Mrs. Brown aus purem Geiz nie Licht zu Hause brenne ...?

Mitten in der Mahlzeit kam Hobby ins Zimmer. Hobby, der es gewagt hatte (und es sich leisten konnte), in Hemdärmeln im Lift des Atlantic herunterzufahren.

Maud sprang sofort erregt auf. „Wie steht es, Hobby?“ schrie sie.

Hobby lachte und warf sich in einen Sessel.

„So etwas habe ich noch nicht erlebt!“ rief er aus. „Sie liegen sich in den Haaren! Es ist wie in Wallstreet nach den Wahlen! C. B. Smith wollte gehen — nein, das müßt ihr hören! Er will gehen, sagt, die Sache sei ihm zu gewagt und steigt in den Lift. Aber sie sind hinter ihm her und ziehen ihn mit aller Gewalt an den Rockschößen wieder aus dem Lift heraus! Keine Lüge!Ye gods and little fishes!Kilgallan steht in der Mitte und schwingt die Gutachten, Mac, und schreit wie ein Ausrufer: Dagegen können Sie nicht ankommen, dagegen können Sie nichts sagen!“

„Natürlich Kilgallan!“ warf Allan ein. „Er hätte nichts dagegen!“ (Kilgallan war das Haupt des Stahltrusts.)

„Und Mrs. Brown! Es ist nur gut, daß Photographen da sind! Sie sieht aus wie eine Vogelscheuche in Ekstase! Sie ist verrückt geworden, Mac. Sie hat Andrus fast die Augen ausgekratzt. Sie ist außer sich und schreit fortwährend: Allan ist der größte Mann aller Zeiten! Es wäre eine Schande für Amerika, wenn sein Projekt nicht ausgeführt würde!“

„Mrs. Brown?“ Maud war starr vor Erstaunen. „Aber sie brennt ja nicht einmal Licht vor lauter Geiz!“

„Trotzdem, Maud!“ Hobby brach von neuem in helles Gelächter aus. „Der Teufel kennt die Menschen,girl! Sie und Kilgallan, die zwei werden dich durchsetzen, Mac!“

„Willst du nicht mit uns essen, Hobby?“ fragte Allan, der einen Hühnerschenkel zwischen den Zähnen bearbeitete und Hobby aufmerksam zuhörte.

„Ja, komm doch her, Hobby!“ rief Maud und stellte Teller zurecht.

Aber Hobby hatte keine Zeit. Er war weitaus erregter als Allan, obwohl ihn die ganze Sache wenig anging. Er stürzte wieder hinaus.

Von Viertelstunde zu Viertelstunde kam er wieder, um über den Stand von Allans Sache zu berichten.

„Mrs. Brown hat zehn Millionen Dollar gezeichnet, Mac! Es beginnt!“

„Mein Gott!“ schrie Maud mit schriller Stimme und schlug vor Überraschung die Hände zusammen.

Allan schälte eine Birne und wandte sich ruhig an Hobby: „Na, und?“

Hobby aber war zu erregt, um sich setzen zu können. Er lief hin und her, nahm eine Zigarre aus der Tasche und biß die Spitze ab. „Sie zieht also einen Notizblock aus der Tasche,“ begann er, während er mit fliegenden Händen die Zigarre in Brand steckte, „einen Block, den ich nicht mit der Feuerzange anfassen möchte, so schmutzig ist er — und zeichnet! Stille! Alles ist starr! Und nun greifen die anderen in die Tasche und Kilgallan geht herum und sammelt die Zettel ein. Kein Wort wird mehr gesprochen. Die Photographen arbeiten mit Hochdruck! Mac, deine Sache ist gemacht,I will eat my hat...“

Dann ließ sich Hobby lange nicht mehr sehen. Eine ganze Stunde verging.

Maud war still geworden. Sie saß aufgeregt da und lauschte mit Ohren und Augen, ob sich nichts rege. Je länger es dauerte, desto verzagter wurde sie. Allan saß im Sessel und rauchte still und nachdenklich die Pfeife.

Endlich vermochte Maud nicht länger an sich zu halten, und sie fragte, ein wenig kleinlaut: „Und wenn sie sich nicht entschließen können, Mac?“

Allan nahm die Pfeife aus dem Mund, hob den Blick mit einem Lächeln zu Maud und erwiderte ruhig und mit tiefer Stimme: „Dann fahre ich wieder nach Buffalo und fabriziere meinen Stahl!“ Aber mit einem festen, sicherenNicken des Kopfes fügte er hinzu: „Sie werden sich entschließen, Maud!“

In diesem Augenblick klingelte das Telephon. Es war Hobby. „Sofort heraufkommen!“

Als Allan wieder auf dem Dachgarten erschien, kam ihm der Stahltrustmann Kilgallan entgegen und klopfte ihm auf die Schulter.

„You are all right, Mac!“ sagte er.

Allan hatte gesiegt. Er händigte dem rotgekleideten Groom einen Stoß Telegramme ein und der Groom versank im Lift.

Einige Minuten darauf war der Dachgarten leer. Jeder einzelne ging unverzüglich an seine Arbeit. Hotelbedienstete schafften die Gewächse und Sessel fort, um Platz für Vanderstyffts großen Vogel zu machen.

Vanderstyfft kletterte in die Maschine und schaltete die Lampen ein. Der Propeller prasselte, ein Sturmwind fegte die Hotelbediensteten in die Ecke, der Apparat lief ein Dutzend Schritte vorwärts und stieg in die Luft. Und der große weiße Vogel zog den Lichtnebeln New Yorks entgegen und verschwand.

Zehn Minuten nach dieser Sitzung spielte der Telegraph nach New Jersey, Frankreich, Spanien, den Bermudas und Azoren. Eine Stunde später hatten Allans Agenten für fünfundzwanzig Millionen Dollar Ländereien aufgekauft.

Diese Ländereien befanden sich in der für den Tunnelbau denkbar günstigsten Lage; Allan hatte sie schon vor Jahren ausgewählt. Sie bestanden aus dem schlechtesten und billigsten Boden: Dünen, Heiden, Moräste, kahle Inseln,Riffe, Sandbänke. Der Preis von fünfundzwanzig Millionen Dollar war ein Spottgeld, wenn man bedenkt, daß die Ländereien zusammen das Gebiet eines Herzogtums umfaßten. Einbegriffen war ein ausgedehnter, tiefer Komplex in Hoboken, der mit einer Front von zweihundert Metern an den Hudson stieß. Die aufgekauften Gebiete lagen alle entfernt von größeren Städten, denn Allan brauchte diese Städte nicht. Seine Heiden und Dünen waren berufen, in Zukunft selbst Städte zu tragen, die die Umgebung verschlangen.

Während die Welt noch schlief, flogen Allans Telegramme durch die Kabel und durch die Luft und überrumpelten sämtliche Börsen der Welt. Und am Morgen erbebte New York, Chikago, Amerika, Europa, die ganze Welt, bei dem Wort: „Atlantic-Tunnel-Syndikat“.

Die Zeitungspaläste waren die ganze Nacht tageshell erleuchtet. Die Rotationspressen der Druckereien arbeiteten mit ihrer größten Geschwindigkeit. Herald, Sun, World, Journal, Telegraph, all die in New York erscheinenden englischen, deutschen, französischen, italienischen, spanischen, yiddischen, russischen Zeitungen hatten erhöhte Auflagen gedruckt, und Millionen von Zeitungsblättern gingen mit dem erwachenden Tag über New York nieder. In den sausenden Aufzügen, auf den rollenden Trottoiren und kletternden Treppen der Hochbahnstationen, auf den Perrons der Subway, wo sich der allmorgendliche Kampf um einen Platz in den vollgestopften Waggons abspielte, auf den Hunderten von Ferrybooten und in den Tausenden von elektrischen Cars — von der Battery angefangen bis hinauf zur Zweihundertsten Straße wurden förmliche Schlachten um die nassen Zeitungen geschlagen. In allen Straßen stiegen Fontänen von Extrablättern über Menschenknäuel und ausgestreckte Hände empor.

Die Nachricht war sensationell, unerhört, kaum faßbar, kühn!

Mac Allan! — Wer war er, was hatte er getan, woher kam er? Wer war der Bursche, der über Nacht vor die Front der unbekannten Millionen trat?

Einerlei, wer er war! Er hatte es fertiggebracht, das Tag um Tag gleichmäßig dahinsausende New York aus den Geleisen zu werfen.

Die Augen saugten sich fest an den Ansichten prominenter Persönlichkeiten, die ihre Meinung über den Tunnel im Telegrammstil veröffentlichten:

C. H. Lloyd: „Europa wird ein Vorort Amerikas werden.“

Der Tabakmann H. F. Herbst: „Du kannst einen Waggon Waren von New Orleans nach St. Petersburg schicken, ohne umladen zu müssen.“

Der Multimillionär H. I. Bell: „Ich werde meine Tochter, die in Paris verheiratet ist, anstatt dreimal im Jahr, zwölfmal sehen können.“

Verkehrsminister de la Forest: „Der Tunnel bedeutet für jeden Geschäftsmann ein geschenktes Lebensjahr an ersparter Zeit.“

Man verlangte ausführliche Nachrichten und man hatte ein Recht, sie zu verlangen. Vor den Zeitungspalästen stauten sich die Menschen, so daß die Führer der elektrischen Wagen mit den Stiefeln auf den Glockenknopf hämmern mußten, um ihre Trains durchschieben zu können. Stundenlang waren die Augen des kompakten Menschenblocks auf die Projektionsfläche im zweiten Stock des „Herald-buildings“ gerichtet, obgleich seit Stunden die gleichen Bilder erschienen: Mac Allan, Hobby, die Gesellschaft auf dem Dachgarten.

„Sieben Milliarden sind vertreten!!“ „Mac Allan verkündetsein Projekt.“ (Kinematographisch). „Mrs. Brown zeichnet 10 Millionen.“ (Kinematographisch). „C. H. Smith wird aus dem Lift gezerrt.“

„Wir sind die einzigen, die Vanderstyffts Ankunft auf dem Roofgarden bis zur unmittelbaren Landung zeigen können. Unser Photograph wurde von der Maschine niedergerissen.“ (Kinematographisch). New Yorks weiße, mit Fenstern punktierte Wolkenkratzer, aus denen dünner, weißer Dampf steigt. Ein weißer Schmetterling erscheint, ein Vogel, eine Möwe, ein Monoplan! Der Monoplan saust über den Roofgarden hinweg, beschreibt eine Kurve, kommt zurück, senkt sich, ein Riesenflügel schwenkt heran. Schluß. Ein Porträt: Mr. C. G. Spinnaway, unser Photograph, den Vanderstyffts Maschine zu Boden schleuderte und schwer verletzte.

Neueste Aufnahme: Mac Allan verabschiedet sich in Bronx von seiner Frau und seinem Kind, um in die Office zu fahren.

Und wieder beginnt dieselbe Serie von Bildern.

Plötzlich — gegen elf Uhr — stockt die Serie. Etwas Neues?! Alle Gesichter sind nach oben gerichtet.

Ein Porträt: Mr. Hunter, Broker, 37. Straße 212 East, buchte soeben sein Billett für die erste Fahrt New York—Europa.

Die Menge lacht, schwingt die Hüte, schreit!

Die Telephonämter waren überarbeitet, die Telegraphen und Kabel konnten die Arbeit nicht mehr bewältigen. In all den Tausenden von Bureaus New Yorks riß man den Hörer vom Apparat, um mit Verbündeten die Lage zu besprechen. Ganz Manhattan fieberte! Die Zigarre im Mund, den steifen Hut im Nacken, in Hemdärmeln, schweißtriefend, saß und stand man und schrie und gestikulierte. Bankiers, Broker, Agenten, Clerks. Offerten ausarbeiten!Es galt, seine Stellung einzunehmen, so rasch, so günstig wie möglich! Eine Riesenkampagne stand bevor, eine Völkerschlacht des Kapitals, bei der man niedergeritten wurde, wenn man sich umsah. Wer würde das Riesenunternehmen finanzieren? Wie würde es geschehen? Lloyd? Wer sagt Lloyd? Wittersteiner? Wer wußte etwas? Wer war dieser Teufel Mac Allan, der für fünfundzwanzig Millionen Ländereien über Nacht aufkaufte, deren Bodenwert sich verdreifachen, verfünffachen, — wie sagst du! — verhundertfachen mußte?

Am erregtesten ging es in den vornehmen Geschäftsräumen der großen transatlantischen Schiffahrtskompanien zu. Mac Allan war der Mörder des transatlantischen Passagierverkehrs! Sobald sein Tunnel fertig war — und es war ja recht wohl möglich, daß er eines Tages fertig sein würde! — konnte man die viermalhunderttausend Tonnen, die man schwimmen hatte, einschmelzen lassen. Man konnte in Luxusschiffen Reisende zu Zwischendeckpreisen befördern, man konnte die Kähne in schwimmende Sanatorien für Lungenkranke umbauen oder sie nach Afrika zu den Schwarzen schicken. Innerhalb von zwei Stunden hatte sich ein Anti-Tunnel-Trust zusammentelephoniert und -telegraphiert, der eine Interpellation an die verschiedenen Regierungen entwarf.

Von New York aus verbreitete sich die Erregung über Chikago, Buffalo, Pittsburg, St. Louis, San Franzisko, während das Tunnelfieber drüben in Europa London, Paris, Berlin zu ergreifen begann.

New York flimmerte und glitzerte in der Mittagshitze und als sich die Leute wieder auf die Straße wagten, donnerten ihnen von allen Straßenecken riesenhafte Plakate entgegen: „Hunderttausend Arbeiter!“

Endlich erfuhr man nun auch den Sitz des Syndikats:Broadway-Wallstreet. Hier stand ein blendendweißes, halbfertiges Turmgebäude, dessen zweiunddreißig Etagen noch von Handwerkern wimmelten.

Schon eine halbe Stunde, nachdem das Riesenplakat New York überschwemmt hatte, drängten sich auf den mit kalkbespritzten Brettern belegten Granitstufen des Syndikatgebäudes Scharen von Arbeitsuchenden zusammen, und das gesamte Heer der Arbeitslosen, das zu jeder Zeit gegen Fünfzigtausend beträgt, wälzte sich durch hundert Straßen nach Downtown. In den Parterreräumen, wo noch Leitern, Böcke und Farbkübel herumstanden, stießen sie auf Allans Agenten — kalte, erfahrene Burschen mit dem raschen Blick von Sklavenhändlern. Sie sahen durch die Kleider hindurch das Knochengerüst ihres Mannes, seine Muskeln und Sehnen. An der Stellung der Schultern, an der Beuge der Arme erkannten sie seine Kraft. Eine Pose, Schminke und gefärbte Haare, waren vor ihren Augen sinnlos. Was grau war und schwächlich, was die mörderische Arbeit New Yorks schon ausgesogen hatte, das ließen sie liegen. Und ob sie auch Hunderte von Menschen in wenigen Stunden sahen — wehe, wenn einer einen zweiten Versuch machte: ihn traf ein eiskalter Blick, daß ihm das Rückenmark gefror, und der Agent sah ihn hierauf überhaupt nicht mehr.

Noch am gleichen Tage erschienen auf allen fünf Stationen, an der französischen, spanischen und amerikanischen Küste, auf den Inseln Bermuda und San Jorgo (Azoren) Truppe von Männern. Sie kamen in Wagen und Mietsautomobilen an, die sich langsam den Weg durchs Geländesuchten, in Sümpfe einsanken und über Dünen humpelten. Bei einer gewissen Stelle, die sich nicht im geringsten von der Umgebung unterschied, kletterten sie von den Sitzen herab, schnallten Nivellierapparate, Meßinstrumente, Bündel von Markierungsstäben vom Wagen und machten sich an die Arbeit. Mit ruhiger Konzentration visierten, maßen, rechneten sie, ganz als gälte es nur einen Garten anzulegen. Der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn. Sie steckten einen Streifen Landes ab, der in einem genau festgelegten Winkel gegen das Meer deutete und rückwärts weithinein ins Land lief. Bald waren sie zerstreut an verschiedenen Punkten tätig.

In der Heide tauchten einige Wagen auf, beladen mit Balken, Brettern, Dachpappen und verschiedenen Gerätschaften. Diese Wagen schienen ganz zufällig hierhergekommen zu sein und nicht das geringste mit den Geometern und Ingenieuren, die nicht einmal aufsahen, zu tun zu haben. Sie hielten. Balken und Bretter prasselten auf die Erde. Spaten blitzten in der heißen Sonne, die Sägen kreischten, Hammerschläge dröhnten.

Dann kam ein Auto angeholpert und ein Mann stieg aus und schrie und gestikulierte. Der Mann nahm ein Bündel Meßstangen unter den Arm und stapfte zu den Geometern hinüber. Er war schmal und hellblond, es war Hobby, der Chef der amerikanischen Station.

Hobby schrie Hallo! lachte, wischte sich den Schweiß ab — er war in Schweißgebadet— und rief:

„In einer Stunde kommt ein Koch! Wilson schafft wie ein Wilder in Toms River.“ Dann steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff.

Von den Wagen herüber kamen vier Männer mit Meßstangen auf den Schultern.

„Hier, die Herren werden euchchapssagen, was ihr tunsollt.“ Und Hobby kehrte wieder zu den Wagen zurück und sprang mitten in den Holzhaufen hin und her.

Dann verschwand er in seinem Auto, um nach den Arbeitern in Lakehurst zu sehen, die mit dem Bau einer provisorischen Telephonlinie beschäftigt waren. Er schrie und schimpfte und fuhr weiter, am Bahnkörper Lakehurst-Lakewood entlang, der das Gelände des Syndikats durchschnitt. Mitten auf der Strecke, in einer Viehweide, auf der Kühe und Ochsen umherstanden, hielt ein qualmender Güterzug von zwei Lokomotiven und fünfzig Waggons. Hinter ihm her kam ein Zug mit fünfhundert Arbeitern. Es war fünf Uhr. Diese fünfhundert Arbeiter waren bis zwei Uhr mittags angeworben worden und hatten um drei Uhr Hoboken verlassen. Sie waren alle heiter, gutgelaunt, aus dem kochenden New York heraus zu sein und eine Beschäftigung in freier Luft gefunden zu haben.

Sie stürzten sich auf die fünfzig Waggons und warfen Bretter, Wellbleche, Dachpappen, Kochherde, Proviant, Zelte, Decken, Kisten, Säcke, Ballen auf die Viehweide. Hobby fühlte sich wohl. Er schrie, pfiff, kletterte rasch wie ein Affe über die Waggons und Bretterhaufen und heulte seine Befehle. Eine Stunde später waren die Feldküchen installiert und die Köche an der Arbeit. Zweihundert Arbeiter waren beschäftigt, in aller Eile Baracken zusammenzuschlagen für die Nacht, während die übrigen noch ausluden.

Als es dunkel war, empfahl Hobby seinen „boys“ zu beten und sich aufs Ohr zu legen, so gut es ging.

Er fuhr zurück zu den Geometern und Ingenieuren und telephonierte seinen Rapport nach New York.

Dann ging er mit den Ingenieuren hinunter an die Dünen zum Baden. Und hierauf warfen sie sich in den Kleidern auf den Bretterboden der Baracke und schliefenaugenblicklich ein, um mit dem Grauen des Tages wieder ihre Tätigkeit aufzunehmen.

Um vier Uhr morgens trafen hundert Waggons Material ein. Um ein halb fünf tausend Arbeiter, die die Nacht im Zug geschlafen hatten und hungrig und erschöpft aussahen. Die Feldküchen arbeiteten schon im Grauen des Tages mit Hochdruck und die Bäckereien standen unter Dampf.

Hobby war pünktlich zur Stelle. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, und obwohl er nur wenige Stunden geschlafen hatte, befand er sich in seiner besten Laune, die ihm sofort die Sympathie seines Arbeiterheeres gewann. Er hatte sich ein Pferd zugelegt, einen Grauschimmel, auf dem er den ganzen Tag unermüdlich hin und her galoppierte.

Neben der Bahnstrecke häuften sich ganze Berge von Material an. Um acht Uhr traf ein Zug von zwanzig Waggons ein, der nur Schwellen, Schienen, Karren, zwei zierliche Lokomotiven für eine Schmalspurbahn enthielt. Und um neun Uhr kam der zweite. Er brachte ein Bataillon von Ingenieuren und Technikern mit, und Hobby warf tausend Mann auf den Bau des schmalen Bahnkörpers, der zur drei Kilometer weit entfernten Baustelle führen sollte. Am Abend traf ein Zug mit zweitausend eisernen Feldbetten und Schlafdecken ein. Hobby wetterte ins Telephon und bat um mehr Arbeiter, und Allan sagte ihm zweitausend Mann für den nächsten Tag zu.

In der Tat trafen beim Morgengrauen zweitausend Mann ein. Und hinter ihnen her schleppten sich endlose Züge mit Material. Hobby fluchte das Blaue vom Himmel herunter. Allan begrub ihn buchstäblich! Dann aber ergab er sich in sein Schicksal: er erkannteAllans Tempo! Es war das an sich höllische Tempo Amerikas und dieser Zeit zurRasereigesteigert. Und er respektierte es, obwohles ihm den Atem benahm, und potenzierte seine Anstrengungen.

Am dritten Tage hatte die Feldbahn, auf der gerade ein Zug fahren konnte ohne umzustürzen, die Baustelle erreicht, und am Abend des dritten Tages noch pfiff eine kleine Feldlokomotive, die mit lautem Hurra begrüßt wurde, mitten im Camp. Sie schleppte endlose Karren voller Bretter, Balken und Wellblech herbei, und zweitausend Arbeiter waren in fieberhafter Hast beschäftigt, Baracken, Feldküchen, Schuppen anzulegen. Aber in der Nacht kam ein Gewittersturm und fegte die ganze Stadt Hobbys durcheinander.

Hobby hatte für diesen Scherz nur einen langen gehaltvollen Fluch. Er bat Allan um vierundzwanzig Stunden Frist, aber Allan nahm nicht die geringste Rücksicht und sandte einen Materialzug nach dem andern, so daß es Hobby schwarz vor den Augen wurde.

An diesem Tag kam Allan selbst abends um sieben Uhr im Auto mit Maud heraus. Und Allan fuhr umher, wetterte und fluchte und nannte alles eine Bummelei und sagte, das Syndikat bezahle und verlange angestrengteste Arbeit, und fuhr wieder ab und hinterließ ein Kielwasser von Staunen und Respekt.

Hobby war nichtderMann, der sich rasch entmutigen ließ. Er war entschlossen, das fünfzehnjährige tolle Rennen durchzuhalten und fuhr nun wie ein Teufel dazwischen. Das Allansche Tempo riß ihn mit fort! Ein Arbeiterbataillon war mit dem Bau eines Bahndammes nach Lakewood beschäftigt; für reguläre Züge; eine rostrote Staubwolke zeigte den Weg seiner Arbeit. Ein zweites stürzte sich auf die ankommenden Materialzüge, um in gepeitschtem Tempo die Güter abzuladen und aufzustapeln, Schwellen, Schienen, Kabelmaste, Maschinen. Ein drittes wühltebeim „Schacht“; ein viertes zimmerte die Baracken. All diese Bataillone wurden von Ingenieuren befehligt, die an nichts erkennbar waren als dem unaufhörlichen Geschrei und den erregten Gestikulationen, womit sie die Arbeiterrotten antrieben.

Hobby, auf seinem Grauschimmel, war allgegenwärtig. Die Arbeiter nannten ihn „Jolly Hobby,“ wie sie Allan „Mac“ getauft hatten und Harrimann, den Chefingenieur — ein stiernackiger düsterer Mann, der sein ganzes Leben auf den großen Baustellen aller Kontinente verbracht hatte — einfach „Bull.“

Zwischen all diesen Menschenknäueln aber bewegten sich die Feldmesser mit ihren Instrumenten, als ob sie der ganze Tumult nichts angehe, und übersäten das ganze Gelände mit buntfarbigen Pflöcken und Stangen.

Drei Tage nach dem ersten Spatenstich war die Tunnelstadt ein Minen-Camp gewesen, dann ein Feldlager und eine Woche später eine ungeheure Barackenstadt, in der zwanzigtausend Menschen kampierten, mit Schlachthäusern, Molkereien, Bäckereien, Basaren, Bars, Post, Telegraph, einem Hospital und einem Friedhof. Abseits von ihr stand schon eine ganze Straße fertiger Häuser, Edisonsche Patenthäuser, die an Ort und Stelle gegossen wurden und innerhalb von zwei Tagen fix und fertig waren. Die ganze Stadt war dick mit Staub bedeckt, so daß sie fast weiß erschien; die wenigen Grasbüschel und die vereinzelten Büsche waren zu Zementhaufen geworden. Die Straßen waren Eisenbahnschienen und Schwellen, und die flachen Baracken versanken in einem Wald von Kabelmasten.

Acht Tage später erschien inmitten der Barackenstadt ein schwarzer, heulender und gellender Dämon: eine riesige amerikanische Güterzugmaschine auf hohen roten Rädern, die einen endlosen Zug von Waggons nachschleppte. Siestand fauchend in dem Trümmerfeld, stieß eine schwarze, hohe Rauchwolke in die grelle Sonne empor und sah um sich. Alle blickten auf sie und schrien und heulten begeistert: es warAmerika, das in die Tunnelstadt gekommen war!

Am andern Tag waren es Rudel und eine Woche später waren es Schwärme dieser schwarzen, rauchenden Dämonen, die die Luft mit der bebenden Ausdünstung ihrer Leiber erschütterten, ihre Saurierknochen schwangen und aus Kiefern und Nasenschlund Dampf und Rauch stießen. Die Barackenstadt sah aus, als ginge sie in Qualm auf. Oft war der Qualm so dick, daß sich in der verdunkelten Atmosphäre elektrische Entladungen vollzogen und bei schönstem Wetter Donner über die Tunnelstadt hinrollte. Die Stadt tobte und schrie, sie pfiff, schoß, donnerte, gellte.

Aus der Mitte dieser tobenden, rauchenden, weißen Schuttstadt aber stieg eine ungeheure Staubsäule empor, Tag und Nacht. Diese Staubsäule bildete Wolkenformationen, ähnlich jenen, die man bei Vulkanausbrüchen beobachtet. Pilzförmig, von den oberen Luftschichten zusammengedrückt, und Wolkenfetzen zogen von ihr aus mit den Luftströmungen.

Es kam ganz auf den Wind an. Aber die Dampfer haben diesen Staub auf dem Meere beobachtet als eine viele Kilometer umfassende, kalkweiße schwimmende Insel, und zuweilen siebte der Tunnelstaub über New York herab wie ein feiner Aschenregen.

Die Baustelle war hier vierhundert Meter breit und zog sich fünf Kilometer schnurgerade ins Land hinein. Sie wurde in Terrassen abgebaut, die tiefer und tiefer stiegen. An der Mündung der Tunnelstollen sollte die Sohle der Terrassen zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel liegen.

Heute eine sandige Heidefläche mit einer Heerschar von buntfarbigen Pflöcken, morgen ein Sandbett, übermorgen eine Kiesgrube, ein Steinbruch, ein ungeheurer Kessel aus Konglomeraten, Sandsteinen, Tonen und Kalk, und zuletzt eine Schlucht, in der es wimmelte wie von Maden. Das waren Menschen, winzig von oben gesehen, weiß und grau vom Staub, graue Gesichter, Staub in den Haaren und Wimpern und einen Brei von Staubmasse zwischen den Lippen. Zwanzigtausend Menschen stürzten sich Tag und Nacht in diese Baugrube hinein. Wie ein See glitzert, so glitzerten drunten die Picken und Schaufeln. Hornsignale: Staub wirbelt empor, ein steinerner Koloß neigt sich vornüber, stürzt, zerfällt, und Knäuel von Menschen wälzen sich in die Staubwolke, die emporjagt. Die Bagger kreischen und jammern, die Paternosterwerke winseln und rasseln unaufhörlich, Krane schwingen, Karren sausen durch die Luft, und die Pumpen drücken Tag und Nacht einen Strom von schmutzigem Wasser durch mannsdicke Röhren empor.

Heere von winzigen Lokomotiven schießen unter den Baggern hindurch, schleppen sich zwischen Geröll und über Sandhaufen. Aber sobald sie das freie Land und solide Schienen erreicht haben, fliegen sie wild pfeifend und mit gellenden Glockensignalen zwischen den Baracken dahin nach den Baustellen, wo man Sand und Steine braucht. Hier haben die Züge Berge von Zementsäcken angefahren, und Arbeiterscharen sind beschäftigt, große Kasernenbauten zu errichten, die vierzigtausend Mann beherbergen sollen und zum Winter unter Dach sein müssen.

Fünf Kilometer vom „Schacht“ entfernt aber — wo die Trasse sich in sanftem Winkel zu neigen beginnt — stehen in einer Wolke von Öl, Hitze und Rauch vier finstere Maschinen auf funkelnagelneuen Schienen und warten und qualmen.

Vor ihren Rädern blitzen Schaufeln und Picken. Schweißtriefende Rotten heben den Boden aus und füllen ihn auf mit Steinblöcken und Schottersteinen, die aus Kippwagen die Böschung herunterpoltern. In die Steine betten sie Schwellen, die noch kleben vom Teer, und wenn sie eine Leiter von Schwellen gelegt haben, so schrauben sie die Schienen darauf fest. Und wenn sie fünfzig Meter Schienen gelegt haben, so pusten und zischen die vier schwarzen Maschinen und bewegen die Stahlgelenke, drei-, viermal, und schon sind sie wieder bei den blitzenden Schaufeln und Picken angelangt.

So wandern die vier schwarzen Ungeheuer jeden Tag vorwärts, und eines Tages stehen sie tief zwischen hohen Geröllbergen, und eines Tages stehen sie tief unter den Terrassen in einem Kamin von steilen Betonwänden und starren mit ihren Zyklopenaugen auf die Felswand vor ihnen, wo im Abstand von dreißig Schritten zwei große Bogen angeschlagen sind — die Mündung des Tunnels.


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