Wie in der Tunnelstadt auf amerikanischem Boden, so fraßen sich Armeen schweißtriefender Menschen in Frankreich, Finisterre und auf den ozeanischen Stationen in die Erde hinein. Tag und Nacht stiegen an diesen fünf Punkten des Erdballs ungeheure Rauch- und Staubsäulen empor. Das hunderttausendköpfige Arbeiterheer rekrutierte sich aus Amerikanern, Franzosen, Engländern, Deutschen, Italienern, Spaniern, Portugiesen, Mulatten, Negern, Chinesen. Alle lebenden Idiome schwirrten durcheinander. Die Bataillone der Ingenieure bestanden zum größten Teil aus Amerikanern, Engländern, Franzosen und Deutschen. Bald aber strömten Scharen von Volontären aller technischen Hochschulen der Welt herbei, Japaner, Chinesen, Skandinavier, Russen, Polen, Spanier, Italiener.
An verschiedenen Punkten der französischen, spanischen und amerikanischen Küste, der Bermudas und der Azoren erschienen Allans Ingenieure und Arbeiterhorden und begannen wie an den Hauptbaustellen zu wühlen. Ihre Aufgabe war es, die Kraftwerke zu bauen, Allans „Niagara“, dessen Gewalt er brauchte, um seine Züge von Amerika nach Europa zu jagen, die ungeheueren Stollen zu beleuchten und zu belüften. Nach dem verbesserten System der Deutschen Schlick und Lippmann ließ Allan ungeheure Reservoire anlegen, in die das Meer zur Zeit der Flutströmte, um von da in niedriger gelegene Bassins zu donnern, niederschießend die Turbinen zu drehen, die aus den Dynamos den Strom schlugen, und bei Ebbe ins Meer zurückzukehren.
Die Eisenhütten und Walzwerke von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma, Kentucky, Colorado, von Northumberland, Durham, Südwales, Schweden, Westfalen, Lothringen, Belgien, Frankreich buchten Allans ungeheure Bestellungen. Die Kohlenzechen beschleunigten die Förderung, um den erhöhten Kohlenbedarf für Transport und Hochöfen zu decken. Kupfer, Stahl, Zement erlebten eine unerhörte Hausse. Die großen Maschinenfabriken Amerikas und Europas arbeiteten mit Überschichten. In Schweden, Rußland, Ungarn und Kanada wurden Wälder niedergemäht.
Eine Flotte von Frachtdampfern und Segelschiffen war ständig zwischen Frankreich, England, Deutschland, Portugal, Italien und den Azoren, zwischen Amerika und den Bermudas unterwegs, um Material und Arbeitskräfte nach den Baustellen zu transportieren.
Vier Dampfer des Syndikats, mit den ersten Kapazitäten (zumeist Deutschen und Franzosen) an Bord, schwammen auf dem Ozean, um die Maße und Lotungen der nach den bekannten ozeanographischen Messungen projektierten Tunnelkurve auf einer Breite von dreißig Seemeilen zu kontrollieren und nachzuprüfen.
Von all den Stationen, Arbeitsstellen, Dampfern, Industriezentren aus liefen Tag und Nacht Fäden nach dem Tunnel-Syndikat-Building, Ecke Broadway-Wallstreet, und von hier aus in eine einzige Hand — Allans Hand.
In wenigen Wochen angestrengtester Arbeit hatte Allan die große Maschine in Schwung gebracht. Sein Werk fing an, die Welt zu umspannen. Sein Name, dieser vor kurzemnoch gänzlich unbekannte Name, leuchtete wie ein Meteor über den Menschen.
Tausende von Journalen beschäftigten sich mit seiner Person und nach geraumer Zeit gab es keinen Zeitungsleser in der Welt mehr, der nicht ganz genau Allans Lebensgeschichte kannte.
Diese Geschichte aber war keineswegs alltäglich: Von seinem zehnten bis dreizehnten Jahr gehörte Allan zur Armee der unbekannten Millionen, die ihr Leben unter der Erde verbringen und an die niemand denkt.
Er war in den westlichen Kohlenbezirken geboren, und der erste Eindruck, der in seinem Gedächtnis haften geblieben war, warFeuer. Dieses Feuer stand nachts an verschiedenen Stellen am Himmel, wie feurige Köpfe auf dicken Leibern, die ihn schrecken wollten. Es kam aus Öfen gegenüber heraus in der Gestalt glühender Gebirge, auf die glühende Männer von allen Seiten Wasserstrahlen richteten, bis alles in einer großen weißen Dampfwolke verschwand.
Die Luft war voll von Rauch und Qualm, dem Geschrei von Fabrikpfeifen, es regnete Ruß, und zuweilen brannte nachts der ganze Himmel lichterloh.
Die Menschen erschienen immer in Haufen in den Straßen geschwärzter Backsteinhäuser, sie kamen in Haufen, sie gingen in Haufen, sie waren immer schwarz und selbst am Sonntag hatten sie Kohle in den Augen. In allen ihren Gesprächen kehrte stets das eine Wort wieder: Uncle Tom.
Vater und Fred, der Bruder, arbeiteten in Uncle Tom, wie alle Welt ringsum. Die Straße, in der Mac aufwuchs, war fast immer mit glänzendschwarzem Morast bedeckt. Danebenher floß ein seichter Bach. Die wenigen Gräser, die an seinen Ufern wuchsen, waren nicht grün, sondern schwarz. Der Bach selbst war schmutzig und meist schwammen buntschillernde Ölflecken darauf. Hinter dem Bach standenschon die langen Reihen der Koksöfen, und hinter ihnen erhoben sich schwarze Eisen- und Holzgerüste, auf denen unaufhörlich kleine Karren liefen. Am stärksten aber fesselte den kleinen Mac ein großes, richtiges Rad, das in der Luft hing. Dieses Rad stand zuweilen auf Augenblicke still, dann begann es wieder zu „schnurren“, es wirbelte so rasch, daß man die Speichen nicht mehr sah. Plötzlich aber sah man die Speichen wieder, das Rad in der Luft drehte sich langsamer, das Rad stand still! Und darauf begann es wieder zu „schnurren“.
In seinem fünften Lebensjahre wurde Mac von Fred und den übrigen Pferdejungen in das Geheimnis eingeweiht, wie man ohne jegliches Anlagekapital Geld machen könne. Man konnte Blumen verkaufen, Wagenschläge öffnen, umgefallene Stöcke aufheben, Autos herbeiholen, Zeitungen aus den Trams sammeln und wieder in den Handel bringen. Voller Eifer nahm Mac seine Arbeit in der „City“ auf. Jeden einzelnen Cent lieferte er an Fred ab und dafür durfte er die Sonntage mit den Pferdejungen in den „saloons“ verbringen. Mac kam nun in das Alter, wo ein witziger Junge den ganzen Tag fährt, ohne einen Cent zu bezahlen. Wie ein Parasit lebte er auf allem, was rollte und ihn vorwärtsbrachte. Später vergrößerte Mac sein Geschäft und arbeitete auf eigene Rechnung. Er sammelte leere Bierflaschen in den Neubauten und verkaufte sie, indem er sagte: „Vater schickt mich.“
Aber er wurde abgefaßt, jämmerlich verprügelt und damit war das blühende Geschäft zu Ende.
In seinem achten Lebensjahr bekam Mac von seinem Vater eine graue Kappe und große Stiefel, die Fred getragen hatte. Diese Stiefel waren so weit, daß Mac sie mit einem einzigen Schlenkern des Fußes in die nächste Stubenecke befördern konnte.
Der Vater nahm ihn an der Hand und führte ihn nach Uncle Tom. Dieser Tag machte auf Mac einen unauslöschlichen Eindruck. Noch heute erinnerte er sich deutlich, wie er, erschreckt und aufgeregt, an der Hand des Vaters durch den lärmenden Zechenhof schritt. Uncle Tom war mitten im Betrieb. Die Luft bebte von Geschrei, Pfeifen, Kärrchen sausten durch die Luft, Eisenbahnwaggons rollten, alles bewegte sich. Hoch oben aber schwirrte die Förderscheibe, die Mac schon jahrelang aus der Ferne gesehen hatte. Hinter den Koksöfen stiegen Feuersbrünste und weiße Rauchwolken empor, Ruß und Kohlenstaub sank vom Himmel herab, es surrte und zischte in mannsdicken Röhren, aus den Kühlanlagen stürzten Wasserfälle, und aus dem dicken, hohen Fabrikschlot quoll unaufhörlich pechschwarzer Qualm in den Himmel empor.
Je näher sie aber den rußigen Backsteingebäuden mit den geplatzten Fensterscheiben kamen, desto lauter und wilder wurde das Getöse. Es schrie in der Luft wie tausend gemarterte kleine Kinder; die Erde zitterte.
„Was schreit so, Vater?“ fragte Mac.
„Die Kohle schreit.“
Nie hatte Mac gedacht, daß die Kohle schreien könne!
Der Vater stieg die Treppe eines großen bebenden Hauses empor, dessen Wände Risse zeigten, und öffnete die hohe Tür ein wenig.
„Tag, Josiah! Ich will dem Jungen deine Maschine zeigen,“ rief er hinein, und dann wandte er sich um und spuckte auf die Treppe. „Komm, Mac!“
Mac lugte in den großen reinlichen, mit Fliesen belegten Saal. Der Mann namens Josiah wandte ihnen den Rücken zu. Er saß in einem bequemen Stuhl, hatte die Hände an blanken Hebeln und starrte regungslos auf eine Riesentrommel im Hintergrunde des Saales. Ein Glockensignalertönte. Da bewegte Josiah einen Hebel und die großen Maschinen links und rechts begannen ihre Schenkel zu schwingen. Die Trommel, die Mac haushoch vorkam, lief immer rasender, und um sie herum sauste ein schwarzes armdickes Drahtseil.
„Der Korb geht nach Sohle sechs,“ erklärte der Vater. „Er fällt rascher als ein Stein. Er wird gerissen. Josiah arbeitet mit achtzehnhundert Pferden.“
Mac war ganz wirr im Kopfe.
An einer weißen Stange vor der Trommel stiegen Pfeile auf und ab, und als die Pfeile in nächster Nähe waren, bewegte Josiah wieder einen Hebel und die sausende Trommel wurde langsamer und stand still.
Mac hatte nie etwas so Gewaltiges gesehen wie diese Fördermaschine.
„Thanks, Josiah!“ sagte der Vater, aber Josiah wandte sich nicht um.
Sie gingen um das Maschinenhaus herum und stiegen eine schmale eiserne Treppe empor, auf der Mac in seinen großen Stiefeln nur mühsam vorwärtskommen konnte. Sie stiegen dem schrillen, winselnden Kindergeschrei entgegen, und hier war der Lärm so groß, daß man kein Wort mehr verstehen konnte. Die Halle war riesig, dunkel, voller Kohlenstaub und rasselnder eiserner Karren.
Macs Herz war beklommen.
Gerade da, wo die Kohlen winselten und schrien, übergab ihn der Vater den geschwärzten Männern und ging davon. Da sah Mac zu seinem Erstaunen einen Bach von Kohlen! Auf einem meterbreiten langen Band liefen unaufhörlich Kohlenstücke dahin, um endlich durch ein Loch im Boden wie ein endloser schwarzer Wasserfall in Eisenbahnwaggons hinabzustürzen. Zu beiden Seiten dieses langen Bandes aber standen geschwärzte Knaben, Knirpse wie Mac, undgriffen hastig in den Kohlenstrom hinein und suchten bestimmte Brocken heraus, die sie in eiserne Karren warfen.
Ein Junge schrie ihm ins Ohr, er solle zusehen. Dieser Knirps hatte ein geschwärztes Gesicht und erst nach einer Weile erkannte ihn Mac an einer Hasenscharte. Es war ein Junge aus der nächsten Nachbarschaft, mit dem er erst gestern noch eine Schlägerei gehabt hatte, weil er ihm seinen Spottnamen „Hase“ nachrief.
„Wir suchen die Berge heraus, Mac,“ schrie der „Hase“ mit gellender Stimme in Macs Ohr, „wir dürfen die Steine nicht mit verkaufen.“
Am nächsten Tage schon sah Mac so gut wie die andern, was Kohle war und was Stein war, am Bruch, am Glanz, an der Gestalt. Und acht Tage später war es ihm, als sei er seit Jahren in dieser schwarzen Halle voller Lärm und Kohle gewesen.
Über den ewig gleitenden Kohlenbach gebeugt, mit den schwarzen Händen nach den „Bergen“ fahrend — so stand Mac zwei volle Jahre, jeden Tag, an seinem bestimmten Platz, der fünfte von oben. Tausende von Tonnen Kohlen glitten durch seine kleinen raschen Hände.
Jeden Sonnabend holte er seinen Lohn, den er an den Vater (bis auf ein kleines Taschengeld) abgeben mußte. Mac war neun Jahre alt und ein Mann geworden. Wenn er am freien Sonntag in den „Saloon“ ging, so trug er einen steifen Hut und einen Kragen. Eine Pfeife hing zwischen den Haifischzähnen; er kaute Gummi und hatte allezeit ein reichliches Reservoir von Speichel zwischen Zunge und Gaumen. Er war ein Mann, sprach wie ein Mann und hatte nur die helle, gellende Stimme eines Knaben, der die Woche in einem lärmenden Arbeitsraum verbringt.
Das war die Kohle über der Erde, und er, Mac, kannte sie und wußte in allen Dingen Bescheid — besser als derVater und Fred! Es gab hier Dutzende von Knaben, die nach einem Jahr keine Ahnung hatten, woher die Kohle alle kam, dieser endlose Strom von Kohlenblöcken, die in die Waggons polterten. Tag und Nacht klirrten die eisernen Türen des Schachtes und der triefende Förderkorb spie Tag und Nacht, ohne Pause, vier eiserne Hunde voll Kohlen aus, fünfzig Zentner auf einmal. Tag und Nacht rasselten die Hunde über die Eisenplatten der Halle, Tag und Nacht drehten sie sich an einer bestimmten Stelle über einer Öffnung am Boden (wie Hühner am Spieß!) und schütteten die Kohle hinunter und liefen leer davon. Von da unten aber stieg die Kohle auf einem Paternosterwerk herauf und wurde auf großen Sieben hin und her gerüttelt und hierschriedie Kohle. Die große Kohle, die Förderkohle, ging in die Waggons und fort. Ja,well, das wußten auch die anderen Jungen, aber mehr nicht! Mac hatte sich schon nach einem Monat gesagt, daß die Hunde, die durch die Halle polterten, unmöglich all die Kohle bringen konnten! Und so war es. Täglich kamen Hunderte von Waggons an — von Uncle Tom II, Uncle Tom III und Uncle Tom IV — und sie alle kamen zu Uncle Tom I, weil hier die Wäschereien und Kokereien und der „chemische Betrieb“ waren. Mac hatte sich umgesehen und wußte alles! Er wußte, daß die Kohle, die durchs Sieb fiel, durch ein Paternosterwerk in die Wäscherei transportiert wurde. Hier lief sie durch Kessel, in denen das Wasser die Kohle fortspülte, während die Steine sanken. Die Kohle aber lief in eine Riesentrommel aus fünf Sieben, mit verschieden großen Löchern; hier ging sie herum, rasselnd und scharrend und wurde sortiert. Und die einzelnen Sorten liefen durch Kanäle zu verschiedenen Trichtern und fielen als Stückkohle, melierte Kohle, Nuß I, II, III, in die Eisenbahnwaggons und gingen fort! Die Feinkohle aber, alldie Splitter und der Staub — die warf man fort, glaubst du? Nein! Frage Mac, den zehnjährigen Ingenieur, und er wird dir sagen, daß man die Kohle „aussaugt“, bis nichts mehr von ihr da ist. Dieser Kohlenschutt lief eine eiserne, durchlöcherte Treppe empor. Diese ungeheure Treppe voll grauen Schmutzes schien stillzustehen, aber wenn man genau hinsah, so sah man, daß sie sich langsam — ganz langsam bewegte. In genau zwei Tagen lief jede Stufe hinauf, kippte um und schüttete den Staub in ungeheure Trichter. Von da kam der Staub in die Koksöfen, wurde Koks, und die Gase wurden in den hohen schwarzen Teufeln niedergeschlagen und Teer, Ammoniak und alles mögliche daraus gemacht. Das war der „chemische Betrieb“ von Uncle Tom I und Mac wußte alles.
In seinem zehnten Jahr bekam Mac vom Vater einen dicken Anzug aus gelbem Tuch, eine wollene Halsbinde, und an diesem Tage fuhr er zum erstenmal ein — dahin, wo die Kohle herkam.
Die eisernen Schranken klirrten, die Glocke schlug an, der Korb stürzte ab. Zuerst langsam und dann rasend rasch, so schnell, daß Mac glaubte, der Boden, auf dem er saß, breche durch. Es wurde ihm einen Augenblick schwarz vor den Augen, sein Magen schnürte sich zusammen — dann aber hatte er sich zurechtgefunden. Mit einem gellenden Lärm sauste der eiserne Korb achthundert Meter tief hinab. Er schlug schwankend gegen die Führungsschienen, daß es klirrte und krachte, als springe er in Stücke. Das Wasser klatschte auf sie herab, die triefende schwarze Bretterverschalung des Schachtes flog im Schein ihrer Grubenlampen an den offnen Türen des Korbes in die Höhe. Mac sagte sich, daß es so sein müsse. Zwei Jahre lang hatte er täglich beim Schichtwechsel die Hauer und Bergleute mit ihren Lämpchen — die wie Glühwürmchen in derdunklen Halle tanzten — aus dem Korb steigen sehen und mit dem Korb versinken, und nur zweimal war etwas passiert. Einmal war der Korb gegen das Dach gefahren und die Leute hatten sich die Schädel eingeschlagen, das andere Mal war das Seil gerissen und zwei Steiger und ein Ingenieur waren in den Sumpf gestürzt. Das konnte vorkommen, aber es kam nicht vor.
Plötzlich hielt der Korb und sie waren auf Sohle 8, und es war auf einmal ganz still. Ein paar bis zur Unkenntlichkeit geschwärzte, halbnackte Gestalten empfingen sie.
„Du bringst uns deinen Jungen, Allan?“
„Yep!“
Mac befand sich in einem heißen Tunnel, der, beim Schacht schwach erleuchtet, sich rasch in Finsternis verlor. Nach einer Weile schimmerte in der Ferne eine Lampe, ein Schimmel erschien, Jay, der Pferdejunge — den Mac schon lange kannte — an der Seite, und hinterher rasselten zwanzig eiserne Hunde voller Kohlen.
Jay grinste. „Hallo! Da ist er ja!“ schrie er. „Mac, ich habe gestern noch dreidrinksim Pokerautomaten gewonnen.Hej, hej, stop Boney!“
Diesem Jay wurde Mac beigegeben und einen ganzen Monat lang stapfte er wie ein Schatten an Jays Seite, bis er angelernt war. Dann verschwand Jay, und Mac besorgte die Arbeit allein.
Er war auf Sohle 8 zu Hause und dachte gar nicht daran, daß ein Junge von zehn Jahren etwas anderes sein könne als ein Ponyboy. Anfangs hatte ihn die Finsternis und mehr noch die unheimliche Stille hier unten bedrückt. Ja, was für einfoolwar er doch gewesen, zu glauben, daß es hier unten von allen Seiten picken und klopfen würde! Es war im Gegenteil totenstill, wie in einer Gruft, aber man konnte pfeifen, verstehst du? Nur beim Schacht, woder Korb lief und ein paar Leute die Hunde einschoben und herauszogen, bei den Flözen, wo die Hauer, zumeist unsichtbar für Mac, eingeklemmt zwischen dem Gestein hingen und die Kohle schlugen, war ein wenig Lärm. Eine Stelle aber gab es auf Sohle 8, wo ein furchtbarer Lärm war. Dort arbeiteten die Bohrer. Zwei Männer, die längst taub sein mußten, preßten die pneumatisch betriebenen Bohrer mit den Schultern gegen den Felsen, und hier war kein Wort zu verstehen.
Auf Sohle 8 arbeiteten einhundertundachtzig Menschen — und doch sah Mac selten jemand. Zuweilen einen Steiger, den Schießmeister, das war alles. Es war stets ein Ereignis, wenn irgendein Lämpchen im finsteren Stollen auftauchte und ein einsamer Wanderer angestapft kam. Seine ganze Schicht lang fuhr Mac in diesen öden, schwarzen, niedern Gängen hin und her. Er sammelte die Kohlenkarren bei den Flözen und Bremsbahnen und fuhr sie zum Schacht. Hier hängte er sein Pferd vor den fertigen Zug, leere Hunde, Hunde mit Gestein zum Ausfüllen der abgebauten Flöze, mit Stempeln, Balken und Brettern zum Verzimmern der Stollen, und brachte die Wagen an die betreffenden Stellen. Er kannte das ganze Labyrinth der Stollen, jeden einzelnen Balken, den der hereindrückende Berg geknickt hatte, alle Flöze, sie mochten heißen George Washington, Merry Aunt, Fat Billy oder wie immer. Er kannte die Wettervorhänge, aus denen schwere Grubengase stiegen. Er kannte jeden „Sargdeckel“, ins Gestein eingesprengte kurze Säulen, die plötzlich herausfahren können, um dich an die Wand zu nageln. Er kannte die Wetterführung genau, Türen, die der stärkste Mensch nicht öffnen konnte, bevor er nicht die dagegenpressende Luft durch ein kleines Fenster in der Türe hatte ausströmen lassen — dann pfiff die Luft wie ein eisiger Sturmwind. Und wieder, da gabes Stollen voll dumpfer, heißer Luft, daß einem sofort der Schweiß vom Gesicht stürzte. Hundertmal in der Schicht durchquerte er diese eisigen und kochenden Stollen, ganz wie es tausend Pferdejungen in diesem Augenblick tun.
Nach der Schicht fuhr er aus mit den Kameraden im aufwärtsschießenden, klirrenden Korb, aus und wieder ein, ohne sich dabei etwas zu denken, genau wie ein Clerk den Lift nimmt, um in seine Office und von der Office auf die Straße zu kommen.
Da drunten auf Sohle 8 machte Mac die Bekanntschaft von Napoleon Bonaparte, gekürzt Boney. So hieß sein Schimmel. Boney hatte Jahre da unten in der Dunkelheit zugebracht und war halb blind. Sein Rücken war gebogen und der Kopf bis zum Boden gesenkt, von dem ewigen Bücken in den niedrigen Stollen. Boney hatte sich in den Pfützen zwischen den engen Schienen die Hufe breitgetreten, so daß sie wie Kuchen waren. Er war aus den besten Jahren heraus und die Haare gingen ihm aus. Um die Augen und die Nüstern hatte er fleischrote Ringe, die nicht hübsch aussahen. Dabei aber ging es Boney prächtig, er war dick und fett und phlegmatisch geworden. Er ging stets im gleichen Trott. Sein Gehirn hatte sich auf diesen Trott eingestellt und er konnte jetzt nicht mehr anders. Mac konnte mit der Bürste (von ihr wird gleich die Rede sein) vor ihm hertanzen — Boney ging nicht rascher. Mac konnte ihn schlagen — da tat dann Boney, der alte Schwindler, als werde er eifriger, er zeigte seinen Willen, nickte rascher mit dem Kopf, klatschte nachdrücklicher in den Schmutz — aber er ging nicht rascher.
Mac behandelte ihn nicht besonders zärtlich. Wenn er Boney zur Seite haben wollte, so rannte er ihm den Ellbogen in den Wanst; anders tat es Boney nicht, denn obwohl er sah, daß er Platz machen sollte und die Ohrenspitzte, ließ er es erst zu Rippenstößen kommen. Wenn Boney einschlief, was häufig vorkam, so schlug ihn Mac mit der Faust auf die Nase — denn Mac mußte fördern und flog hinaus, wenn er seine Karren nicht bewältigte. Er konnte keine Rücksicht nehmen. Trotz alledem waren sie gute Freunde. Zuweilen — wenn Mac sein Repertoire abgepfiffen hatte — klopfte er Boney auf den Hals und plauderte mit ihm: „He, old Boney, how are you to-day, old fellow? All right, are you?“ —
Nach halbjähriger Bekanntschaft fiel es Mac auf, daß Boney schmutzig war. Er sah nur hier in der Finsternis, bei der Lampe, wie ein Schimmel aus. Hätte man ihn ans Tageslicht gebracht —holy Gee!— wie hätte Boney sich schämen müssen!
Mac nahm einen Anlauf und kaufte einen Striegel. In Boneys Kopf war keine Erinnerung mehr an diesen Komfort, das sah Mac, denn Boney wandte den Kopf. Das tat er aber selbst dann nicht, wenn neben ihm gesprengt wurde. Dann schwang Boney seinen dicken Hängebauch vor Vergnügen hin und her, um die Wollust des Bürstens auszugenießen. Mac versuchte es auch mit Wasser, denn er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Boney schneeweiß herzurichten. Aber sobald Boney Wasser spürte, zuckte seine Flanke, als fahre ein elektrischer Strom durch ihn, und er wechselte unbehaglich die Füße. So blieb es beim trockenen Striegeln. Und wenn Mac lange genug striegelte, so streckte old Boney plötzlich den Hals vor und ließ ein tremulierendes, weinerliches Hundeheulen hören — die Ruine eines Gewiehers. Dann lachte Mac, daß der Stollen hallte. —
Mac hat Boney geliebt, ohne Zweifel. Noch heute spricht er zuweilen von ihm. Er hat ein außergewöhnliches Interesse für alte, krummrückige, fette Schimmel, und manchmal bleibt er stehen und klopft den Hals eines Schimmels undsagt: „So sah Boney aus, Maud, siehst du, genau so!“ Aber Maud hat so viele verschiedene Boneys schon gesehen, daß sie an der Ähnlichkeit mit dem old Boney zweifelt. Mac versteht nichts von Gemälden und hat nie einen Cent dafür ausgegeben. Aber Maud entdeckte einen primitiv gemalten, alten Schimmel unter seinen Sachen. Sie war übrigens schon über zwei Jahre mit Mac verheiratet, als ihr seine Sympathie für alte Schimmel auffiel. Einmal, in den Berkshirehills, hielt er plötzlich das Auto an.
„Sieh dir mal den Schimmel an, Maud!“ sagte er und deutete auf einen alten Schimmel, der am Weg vor einem Bauernkarren stand.
Maud mußte laut heraus lachen. „Aber Mac, das ist ein alter Schimmel, wie es Tausende gibt.“
Das sah Mac natürlich ein und er nickte. „Das mag schon sein, Maud, aber ich hatte einmal genau den gleichen Schimmel.“
„Wann?“
„Wann?“ Mac sah an ihr vorbei. Es gab nichts, was ihm schwerer wurde, als von sich selbst zu sprechen. „Das ist schon lange her, Maud. In Uncle Tom.“
Noch etwas hat Mac aus Uncle Tom mitgebracht. Das ist ein gellender Raubvogelschrei — hej! — hej! — den Mac unwillkürlich ausstößt, wenn ihm jemand vor den Reifen des Autos herumläuft. Diesen Schrei hat er in Uncle Tom gelernt. Damit trieb er Boney an, wenn er abfahren wollte, und damit stoppte er Boney, wenn ein Wagen aus den Schienen gesprungen war.
Mac war fast drei Jahre auf Sohle 8 und hatte den halben Erdumfang in den Stollen von Uncle Tom zurückgelegt, als die Grubenkatastrophe eintrat, an die sich heute noch viele erinnern. Sie kostete zweihundertundzweiundsiebzigMenschen das Leben, aber sie sollte Macs Glück werden.
In der dritten Nacht nach Pfingsten, um drei Uhr morgens, ereignete sich eine Explosion schlagender Wetter in der untersten Sohle von Uncle Tom.
Mac brachte seinen Zug leerer Hunde zurück und pfiff einen Gassenhauer, den gegenwärtig der Phonograph in Johnsons „Saloon“ jeden Abend brüllte. Plötzlich hörte er durch das Gerassel der eisernen Hunde hindurch ein fernes Donnern und blickte sich ganz mechanisch um, immer noch pfeifend: da sah er, wie die Stempel und Balken wie Streichhölzer knickten und der Berg hereinbrach. Er riß Boney mit aller Gewalt am Halfter und gellte ihm in die Ohren: „Hej, hej!Git up — giit up!“ Boney, der erschrak und die Stempel hinter sich krachen hörte, versuchte einen Galopp, old Bonaparte streckte seinen plumpen Leib, daß er ganz flach lag, warf die Beine hinaus zu einem verzweifeltenfinish— dann verschwand er unter dem stürzenden Gestein. Mac lief wie besessen, denn der Berg kam hinter ihm her. Es galt! Aber zu seinem Entsetzen sah er, daß die Stempel und Balken vor ihm ebenfalls knackten und die Decke sich senkte. Da drehte er sich ein paarmal im Kreise, wie ein Kreisel, die Hände an den Schläfen und stürzte in einen Seitenverschlag. Der Stollen brach donnernd zusammen, der Seitenverschlag krachte, und gehetzt von stürzendem Gestein flog Mac dahin, rasend und flink. Endlich lief er nur noch im Kreise, die Hände am Kopf, und schrie!
Mac zitterte an allen Gliedern und war ganz ohne Kraft. Er sah, daß er in den Pferdestall gelaufen war, was Boney ebenfalls getan haben würde, wenn ihn der Berg nicht erfaßt hätte. Er mußte sich setzen, da ihn die Knie nicht mehr trugen, und da saß er nun, betäubt vom Schrecken,und dachte eine Stunde lang gar nichts. Endlich beschäftigte er sich mit seiner Lampe, die ganz winzig brannte, und leuchtete die Umgebung ab; er war vollkommen eingeschlossen von Geröll und Kohle. Er versuchte zu denken, wie es gekommen war, aber es fiel ihm gar nichts ein.
So saß er lange Stunden. Er weinte aus Verzweiflung und Verlassenheit, dann raffte er sich zusammen. Er nahm ein Stück Kaugummi und seine Lebensgeister kehrten zurück.
Es war eine Schlagwetter- oder Kohlenstaubexplosion, das stand fest. Boney hatte der Berg erschlagen — und ihn, nun ihn würden sie wohl herausgraben!
Mac saß neben seiner kleinen Lampe am Boden und begann zu warten. Er wartete ein paar Stunden, dann überschlich ihn eine eisige, kalte Angst, und er fuhr erschrocken auf. Er nahm die Lampe und ging in die Stollen links und rechts hinein und leuchtete das Geröll ab, ob kein Weg offen sei. Nein! Es blieb also nichts übrig, als zu warten. Er untersuchte die Futterkiste, setzte sich auf den Boden, und ließ die Gedanken in seinem Kopfe tun, was sie wollten. Er dachte an Boney, an Vater und Fred, die mit ihm eingefahren waren, an Johnsons Bar. An das Lied des Phonographen. An den Pokerspielapparat in Johnsons Bar. Und in Gedanken spielte er eine unendliche Serie von Spielen: er warf seine fünf Cent ein, drehte die Kurbel, ließ los — und merkwürdig, immer gewann er:full hand,royal flush...
Aus diesem Spiel erweckte ihn ein eigentümlicher Laut. Es zischte und knackte wie im Telephon. Mac lauschte angestrengt. Da hörte er, daß er nichts gehört hatte. Es war die Stille. Seine Ohren schliefen ein. Aber diese schreckliche Stille war unerträglich. Er steckte die Zeigefinger in die Ohren und schüttelte sie. Er räusperte sich und spuckte lautaus. Dann saß er, den Kopf gegen die Wand gelehnt und sah vor sich hin auf das Stroh, das für Boney da war. Schließlich legte er sich auf das Stroh, und mit einem jämmerlichen Gefühl der größten Hoffnungslosigkeit schlief er ein.
Er erwachte (wie er glaubte nach einigen Stunden) infolge von Nässe; die Lampe war ausgegangen und er plätscherte mit den Füßen im Wasser, als er einen Schritt machte. Er war hungrig, nahm eine Handvoll Hafer und begann zu kauen. Er setzte sich auf Boneys Barren, zusammengekauert, in die Dunkelheit blinzelnd und kaute Korn um Korn. Dabei lauschte er, aber er hörte weder Klopfen noch Stimmen, nur das Rieseln und Tröpfeln von Wasser.
Die Dunkelheit war furchtbar, und nach einer Weile sprang er herab, knirschte mit den Zähnen und raufte sich das Haar, während er toll vorwärtsrannte. Er stieß gegen die Mauer, rannte zwei-, dreimal den Kopf dagegen und hieb sinnlos mit den Fäusten aufs Gestein ein. Seine verzweifelte Raserei dauerte nicht lange, dann tastete er sich den Weg zum Barren zurück und fuhr fort, Hafer zu kauen, während er die Tränen laufen ließ.
Stundenlang saß er so. Nichts regte sich. Sie hatten ihn vergessen!
Mac saß, kaute Hafer und dachte. Sein kleiner Kopf begann zu arbeiten, er wurde ganz kühl. In dieser furchtbaren Stunde mußte es sich zeigen, was an Mac war. Und es zeigte sich!
Plötzlich sprang er wieder auf den Boden und schwang die Faust in der Luft: „Wennthose blasted foolsmich nicht holen,“ schrie er, „so werde ich mich selbst ausgraben!“
Aber Mac begann nicht sofort zu wühlen. Er nahm wieder auf dem Barren Platz und dachte lange und sorgfältignach. Er zeichnete sich im Kopf den Plan der Sohle beim Pferdestall. Im Südstollen war es unmöglich! Wenn er überhaupt herauskam, so konnte es nur durch Merry Aunt, Pattersons Flöz, sein. Die Abbaustelle dieses Flözes lag siebzig, achtzig, neunzig Schritte vom Stall entfernt. Das wußte Mac ganz genau. Die Kohle in Merry Aunt war schon durch den Druck des Gebirges brüchig geworden. Das war von großer Wichtigkeit.
Noch um ein Uhr hatte er zu Patterson hinaufgeschrien: „He, Pat, Hikkins sagt, wir fördern nur noch Dreck!“
Pats schwitzendes Gesicht war im Lichtkreis der Lampe erschienen und Pat hatte wütend geheult: „Hikkinsshall go to the devil, sag’ ihm das, Mac!To hell, Mac! Merry Aunt ist nichts als Dreck, der Berg hat sie zerdrückt. Hikkins soll das Maul halten, Mac, sag’ ihm das, sie sollen besser versetzen!“
Pat hatte das Flöz mit neuen guten Stempeln solid gestützt, denn er hatte befürchtet, daß ihn das Gebirge totschlagen werde. Das Flöz war steil, zweiundfünfzig Meter hoch und führte über eine Bremsbahn auf Sohle 7.
Mac zählte die Schritte ab, und als er siebzig gezählt hatte, wurde ihm eiskalt, und als er fünfundachtzig gezählt hatte und ans Gestein stieß, jubelte er hell auf.
Eiskalt vor Energie, mit harten Sehnen und Muskeln machte er sich sofort an die Arbeit. Nach einer Stunde hatte er — knietief im Wasser stehend — eine große Nische aus dem Geröll geschlagen. Aber er war erschöpft und wurde in der schlechten Luft seekrank. Er mußte ausruhen. Nach einer Pause arbeitete er weiter. Langsam und besonnen. Er mußte die Steine oben und zu beiden Seiten abtasten, um sich zu sichern, nicht verschüttet zu werden, Steinsplitter und Steine zwischen gefährlich hängende Brocken treiben, Stempel und Bretter aus dem Stall zum Stützen holenund die Felsstücke herauswälzen. So arbeitete Mac stundenlang, keuchend, kurz und heiß atmend. Dann war er total erschöpft und schlief auf dem Barren ein. Sobald er erwachte, lauschte er, und als er nichts hörte, machte er sich wieder an die Arbeit.
Er grub und grub. Mac grub auf diese Weise einige Tage — und im ganzen waren es doch nur vier Meter! Hundertmal hat er später geträumt, daß er gräbt und gräbt und sich durchs Gestein wühlt ...
Dann fühlte er, daß er an der Mündung des angeschlagenen Flözes war. Er fühlte es deutlich an dem feinen Kohlenstaub, der da lag von den abgerutschten Kohlen. Mac füllte sich die Taschen mit Hafer und stieg in das Flöz ein. Die meisten Stempel standen, der Berg hatte nur wenig Kohle hereingedrückt, und Mac jauchzte und zitterte vor Freude, als er merkte, daß sich die Kohle leicht wegschieben ließ, denn er hatte zweiundfünfzig Meter vor sich. Sich von Stempel zu Stempel schiebend, stieg er das schwarze Flöz in die Höhe. Zurück konnte er jetzt nicht mehr, denn er verschüttete sich selbst den Weg. Plötzlich spürte er einen Stiefel und am rauhen, abgeschürften Leder erkannte er sofort Pattersons Stiefel. Old Pat lag da, verschüttet, und der Schrecken und das Entsetzen lähmten Mac derartig, daß er lange Zeit untätig kauern blieb. Noch heute wagt er es nicht, an diese grauenhafte Stunde zu denken. Als er wieder zu sich kam, kroch er langsam höher. Dieses Flöz war in normaler Verfassung leicht in einer halben Stunde zu besteigen. Aber da Mac erschöpft und schwach war, die Kohle in ganzen Tonnen wegräumen mußte und vorsichtig erst zu untersuchen hatte, ob die Stempel noch standen, so dauerte es lange bei ihm. Schweißtriefend, zerschlagen erreichte er die Bremsbahn. Diese Bremsbahn führte von Sohle 8 direkt zur Sohle 7.
Mac legte sich schlafen. Er erwachte wieder und kletterte langsam die Gleise hinauf.
Endlich war er oben: Der Stollen war frei!
Mac kauerte sich nieder und kaute Hafer und leckte seine nassen Hände ab. Dann machte er sich auf den Weg zum Schacht. Er kannte die Sohle 7 so genau wie die Sohle 8, aber verschüttete Stollen zwangen ihn immer wieder, den Weg zu ändern. Er wanderte stundenlang, bis das Blut in seinen Ohren rauschte. Zum Schacht mußte er, zum Schacht — die Glocke ziehen ...
Plötzlich aber — als er schon zitterte vor Angst, nunhiereingeschlossen zu sein — plötzlich sah er rötliche Lichtfunken: Lampen! Es waren drei.
Mac öffnete den Mund, um zu schreien — aber er brachte keinen Ton heraus und brach zusammen.
Es ist möglich, daß Mac doch geschrien hat, obschon zwei von den Männern schworen, nichts gehört zu haben, während der dritte behauptete, es sei ihm gewesen, als habe er einen leisen Schrei gehört.
Mac fühlte, daß ihn jemand trug. Dann fühlte er, daß er sich im ausfahrenden Korb befand, und zwar erwachte er, weil der Korb so langsam ging. Dann fühlte er, wie man Decken über ihn breitete und ihn wieder trug — und dann fühlte er nichts mehr.
Mac war sieben volle Tage im Berg eingeschlossen gewesen, obschon er glaubte, es seien nur drei gewesen. Von allen Leuten auf Sohle 8 war er der einzig Gerettete. Wie ein Gespenst kam der Pferdejunge aus der zerstörten Sohle herauf. Seine Geschichte ging seinerzeit durch alle Blätter Amerikas und Europas. Der Pferdejunge von Uncle Tom! Sein Bild, wie man ihn hinaustrug, zugedeckt, und seine geschwärzte kleine Hand hing herab, wie er im Hospital im Bett aufrecht saß, erschien in allen Journalen.
Die ganze Welt lachte gerührt über Macs erste Bemerkung, als er erwachte. Er fragte den Arzt: „Haben Sie nicht etwas Kaugummi, Sir?“ — Diese Bemerkung war aber ganz natürlich. Macs Mundhöhle war ausgetrocknet, er hätte ebensogut um Wasser bitten können.
Mac war in acht Tagen gesund. Als man ihm auf seine Frage nach Vater und Fred ausweichend antwortete, schlug er die mageren Hände vors Gesicht und weinte, wie ein Knabe von dreizehn Jahren weint, der plötzlich allein auf der Welt steht. Sonst aber ging es dem kleinen Mac vorzüglich. Er wurde gefüttert, alle Welt schickte ihm Kuchen, Geld, Wein. Damit aber wäre Macs Erlebnis zu Ende gewesen, wenn nicht eine reiche Dame in Chikago — gerührt durch das Schicksal des verwaisten Pferdejungen — sich seiner angenommen hätte. Sie leitete fortan seine Erziehung.
Mac kam es nicht in den Sinn, daß man etwas anderes werden könne als Bergmann, und so sandte ihn seine Patronesse auf eine Bergakademie. Nach beendetem Studium kehrte Mac als Ingenieur nach Uncle Tom zurück, wo er zwei Jahre blieb. Darauf ging er in die Silbermine Juan Alvarez in Bolivia — in eine Gegend, wo ein Mann genau wissen mußte, wann der richtige Moment für einen gutsitzenden Faustschlag gekommen war. Die Mine verkrachte und Mac leitete hierauf den Bau der Tunnel der Bolivia-Anden-Bahn. Hier war ihm seine „Idee“ gekommen. Die Durchführung seiner Idee hing von verbesserten Gesteinsbohrern ab — und so machte sich Mac an die Arbeit. Der Diamant der Diamantbohrer mußte durch ein billiges Material von annähernder Härte ersetzt werden. Mac trat bei den Versuchswerkstätten der Edison Works Limited ein und versuchte einen Werkzeugstahl außerordentlicher Härte zu schaffen. Nachdem er zwei Jahremit Zähigkeit gearbeitet hatte und seinem Ziele nahe war, schied er aus den Edison Works aus und machte sich selbständig.
Sein Allanit machte ihn rasch wohlhabend. Zu dieser Zeit lernte er Maud kennen. Er hatte nie Zeit gehabt, sich um Frauen zu kümmern und machte sich nichts aus ihnen. Maud aber gefiel ihm auf den ersten Blick! Ihr zarter brauner Madonnenkopf, ihre warmen, großen Augen, die in der Sonne bernsteinfarben aufleuchten konnten, ihre ein wenig versonnene Art (sie trauerte damals um ihre Mutter), ihr rasch entzündetes und entzücktes Wesen, all das machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Besonders ihr Teint tat es ihm an. Es war die feinste, reinste und weißeste Haut, die er je gesehen hatte, und er begriff nicht, daß sie nicht beim kleinsten Luftzug zerriß. Es imponierte ihm, wie mutig sie ihr Leben in die Hand nahm. Sie gab damals Klavierunterricht in Buffalo und war von früh bis nachts tätig. Er hörte sie einmal über Musik, Kunst und Literatur sprechen — lauter Dinge, von denen er gar nichts verstand — und seine Bewunderung ihres Wissens und ihrer Klugheit war grenzenlos. Er verschoß sich regelrecht in Maud und beging die gleichen Dummheiten wie alle Männer in dieser Lage. Anfangs hatte er gar keinen Mut, und es gab Stunden, da er ehrlich verzweifelt war. Eines Tages aber entdeckte er einen Blick in Mauds Augen — was für ein Blick war es doch? — und dieser Blick gab ihm Mut. Kurz entschlossen machte er ihr einen Antrag, und einige Wochen darauf heirateten sie. Hierauf widmete er drei weitere Jahre rastloser Tätigkeit der Ausarbeitung seiner „Idee“.
Und nun war er Mac, ganz einfach Mac, den die Volkssänger in den Concerthalls der Vorstadt besangen.
In den ersten Monaten sah Maud ihren Gatten sehr selten.
Sie erkannte schon nach den ersten Tagen, daß seine jetzige Arbeit von ganz anderer Art war als seine Tätigkeit in der Fabrik in Buffalo, und sie war klug und stark genug, Macs Werk ohne viele Worte ihr Teil zu opfern. An vielen Tagen bekam sie ihn überhaupt nicht zu Gesicht. Er war auf der Baustelle, in den Versuchswerkstätten von Buffalo, oder er hatte dringende Konferenzen. Allan begann seine Arbeit morgens um sechs Uhr und sie hielt ihn häufig bis spät in die Nacht hinein fest. Vollkommen ermüdet, zog er es zuweilen vor, auf der Ledercouch seines Arbeitsraumes zu übernachten, anstatt erst nach Bronx zu fahren.
Auch darein fügte sich Maud.
Damit er wenigstens einigen Komfort für diese Fälle habe, richtete sie ihm ein Schlafzimmer mit Bad und ein Speisezimmer im Syndikatgebäude ein, eine richtige kleine Wohnung, in der er Tabak und Pfeifen, Kragen, Wäsche, kurz alles, was er brauchte, fand. Sie überließ ihm Lion, den chinesischen Boy, zur Bedienung. Denn niemand vermochte so gut mit Mac umzugehen wie er. Lion konnte mit asiatischem Gleichmut hundertmal nacheinander sagen — immer mit einer kleinen angemessenen Pause dazwischen —: „Dinner, sir — Dinner, sir.“ Er verlor weder die Geduld noch hatte er Launen. Er war immer da und man sah ihn nie. Er arbeitete lautlos und gleichmäßig wie eine gutgeölte Maschine und doch war stets alles in peinlicher Ordnung.
Nun sah sie Mac allerdings noch seltener, aber sie hielt sich tapfer. Solange es die Witterung erlaubte, arrangiertesie am Abend kleine Diners auf dem Dach des Syndikatgebäudes, das einen berückenden Blick über New York gewährte. Diese Diners mit einigen Freunden und Mitarbeitern Macs machten ihr große Freude und sie verwandte den ganzen Nachmittag auf die Vorbereitung. Es verdroß sie auch nicht, wenn Mac zuweilen nur auf einige Minuten kommen konnte.
Die Sonntage aber verbrachte Allan regelmäßig in Bronx bei ihr und Edith; und dann schien es, als wolle er alle Versäumnisse der Woche wettmachen, so ausschließlich widmete er sich ihr und dem Kinde, heiter und harmlos wie ein großer Knabe.
Manchmal auch fuhr er an den Sonntagen mit ihr nach der Baustelle in New Jersey, um „Hobby etwas Dampf aufzusetzen“.
Es kam ein ganzer Monat voller Konferenzen mit den Gründern und Großaktionären des Syndikats, mit Finanzleuten, Ingenieuren, Agenten, Hygienikern, Baumeistern. In New Jersey waren sie auf große Mengen Wassers gestoßen, in „Bermuda“ verursachte der Bau des Serpentintunnels unerwartete Schwierigkeiten. In „Finisterra“ war das Arbeitermaterial minderwertig und mußte durch besseres ersetzt werden. Und dazu häuften sich die laufenden Arbeiten von Tag zu Tag mehr und mehr.
Allan arbeitete zuweilen zwanzig Stunden nacheinander, und es war selbstverständlich, daß sie an solchen Tagen keine Ansprüche an ihn erhob.
Mac versicherte ihr, daß es in einigen Wochen besser sein werde. Wenn der erste Rush vorbei sei! Sie hatte Geduld. Ihre einzige Sorge war, daß Mac sich überarbeiten könne.
Maud war stolz, die Frau Mac Allans zu sein! In einer stillen Begeisterung ging sie umher. Sie liebte es, wenn die Zeitungen ihn den „Eroberer der submarinen Kontinente“nannten und die Genialität und Kühnheit seiner Entwürfe priesen. Übrigens hatte sie sich noch nicht ganz daran gewöhnt, daß Mac nun plötzlich ein berühmter Mann geworden war. Sie betrachtete ihn zuweilen voller Staunen und Ehrfurcht. Aber dann fand sie, daß er ganz genau so aussah wie früher, schlicht, gar nicht ungewöhnlich. Sie befürchtete auch, daß sein Nimbus in der Öffentlichkeit verblassen würde, wenn die Leute wüßten, wie simpel sein Wesen im Grunde genommen sei. Eifrig sammelte sie alle Aufsätze und Zeitungsnotizen, die sich auf den Tunnel und Mac bezogen. Zuweilen trat sie auch in ein Kinotheater, wenn sie gerade vorbeikam, um sich selbst zu sehen, „Mac’s wife“, wie sie in Tunnel-City aus dem Automobil stieg und ihr heller Staubmantel flatterte im Winde. Die Journalisten nahmen jede Gelegenheit wahr, um sie zu interviewen, und sie lachte sich tot vor Vergnügen, wenn sie am nächsten Tag in der Zeitung einen Artikel fand: „Macs Frau sagt, er ist der beste Gatte und Vater New Yorks.“
Obwohl sie es sich nicht eingestand, schmeichelte es ihr, wenn die Leute in Geschäften, wo sie Einkäufe machte, sie neugierig anstarrten, und ein großer Triumph ihres Lebens war es, als Ethel Lloyd ihren Wagen am Union-Square abstoppen ließ und sie ihren Freundinnen zeigte.
An den schönen Tagen fuhr sie Edith in einem eleganten Korbwägelchen im Bronx-Park spazieren und dann besuchten sie stets den Tiergarten, wo sie sich beide stundenlang vor den Affenkäfigen amüsieren konnten, und zwar amüsierte sich Maud nicht weniger als ihr Kind. Als aber der Herbst kam und Nebel aus dem feuchten Boden von Bronx stiegen, hatte dieses Vergnügen ein Ende.
Mac hatte versprochen, an Weihnachten drei Tage ganz und gar — ohne jede Arbeit! — mit ihnen zu verbringen, und Mauds Herz jubelte schon Wochen vorher. Es solltegenau so werden wie ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest. Hobby sollte am zweiten Feiertag kommen und sie wollten Bridge spielen, bis sie umfielen. Maud hatte ein endloses Programm für die drei Tage ausgearbeitet.
Den ganzen Dezember hindurch bekam sie allerdings ihren Gatten fast nicht zu sehen. Allan war tagtäglich von Beratungen mit Finanzleuten in Anspruch genommen, da sie die Vorbereitungen für die finanzielle Kampagne trafen, die im Januar eröffnet werden sollte.
Allan brauchte — vorerst! — die hübsche Summe von drei Milliarden Dollar. Aber er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er sie bekommen würde.
Wochenlang war das Syndikatgebäude von Journalisten belagert gewesen, denn die Presse hatte mit der Sensation glänzende Geschäfte gemacht. Auf welche Weise sollte der Tunnel gebaut werden? Wie verwaltet? Wie sollten sie da drinnen mit Luft versorgt werden? Wie war die Tunnelkurve berechnet worden? Wieso kam es, daß die Tunnelkurve, trotz kleiner Umwege, um ein Fünfzigstel kürzer werden würde als der Seeweg? („Stich eine Nadel durch einen Globus und du weißt es!“) Das waren alles Fragen, die das Publikum wochenlang in Atem hielten. Am Schluß hatte man nochmals die Fehde um den Tunnel, einen neuen „Tunnelkrieg“ in den Zeitungen entfacht, der mit der gleichen Erbitterung und dem gleichen Lärm geführt wurde wie der erste.
Die gegnerische Presse führte wiederum ihre alten Argumente ins Feld: daß niemand diese ungeheure Strecke aus Granit und Gneis herauszubohren imstande sei, daß eine Tiefe von 4000 bis 5000 Metern unter dem Meeresspiegel jede menschliche Tätigkeit ausschließe, der ungeheuren Hitze und dem enormen Druck kein Material standhalten würde — daß aus all diesen Gründen der Tunnelein klägliches Fiasko erleiden würde. Die freundlich gesinnte Presse aber machte ihren Lesern zum tausendstenmal die Vorzüge des Tunnels klar: Zeit! Zeit! Zeit! Pünktlichkeit! Sicherheit! Die Züge würden so sicher laufen wie die Züge auf der Erdoberfläche — ja, sicherer! Man sei nicht mehr vom Wetter, vom Nebel und Wasserstand abhängig und setze sich nicht der Gefahr aus, irgendwo auf dem Ozean von den Fischen gefressen zu werden. Man erinnere sich nur an die Katastrophe der „Titanic“, bei der sechzehnhundert Menschen das Leben verloren, und an das Schicksal der „Kosmos“, die mit ihren viertausend Menschen an Bord mitten im Ozean verscholl!
Die Luftschiffe kämen überhaupt niemals für einen Massenverkehr in Betracht. Und zudem sei es bis heute erst zwei Luftschiffen gelungen, den Atlantik zu überfliegen.
In jener Zeit konnte man keine Zeitung oder Zeitschrift in die Hand nehmen, ohne auf das Wort „Tunnel“ und auf Illustrationen und Abbildungen zu stoßen, die sich auf den Tunnel bezogen.
Im November wurden die Nachrichten spärlicher und schließlich erloschen sie ganz. Das Pressebureau des Syndikats hüllte sich in Stillschweigen. Allan hatte die Baustellen gesperrt und es war unmöglich, neue Illustrationen zu veröffentlichen.
Das Fieber, das die Zeitungen im Volk entfacht hatten, verflog, und nach einigen Wochen war der Tunnel eine alte Geschichte, für die man kein Interesse mehr übrig hatte. Etwas Neues stand momentan im Vordergrund: internationaler Rundflug um die Erde!
Der Tunnel aber war vergessen.
Das war Allans Absicht! Er kannte seine Leute und wußte recht gut, daß diese ganze erste Begeisterung ihm keine Million Dollar eingebracht hätte. Er selbst wollte,wenn er den richtigen Zeitpunkt für gekommen wähnte, eine zweite Begeisterung entfachen, die nicht allein auf Sensation beruhte!
Im Dezember ging eine ausführlich kommentierte Nachricht durch die Zeitungen, die geeignet war, eine Ahnung von der Tragweite des Allanschen Projektes zu geben: die Pittsburg-Smelting and Refining Company erwarb für die Summe von zwölfeinhalb Millionen Dollar das Anrecht auf alle im Verlauf des Baus zutage geförderten Materialien, die sich hüttentechnisch verarbeiten ließen. (Die Aktien der P. S. R. C. waren im sechsten Baujahr um 60 Prozent gestiegen!) Gleichzeitig erschien die Notiz, daß die Edison-Bioskop-Gesellschaft für eine Million Dollar das alleinige Recht erworben habe, photographische und kinematographische Aufnahmen vom Tunnel während der ganzen Bauzeit zu machen und zu veröffentlichen.
Die Edison-Bio verkündete in grellen Plakaten, daß sie „das ewige Denkmal des Tunnelbaus, vom ersten Spatenstich an bis zum ersten Europa-Flyer schaffen wolle, um den kommenden Geschlechtern die Geschichte des größten menschlichen Werkes zu überliefern.“ Sie beabsichtige, die Tunnelfilme alle zuerst in New York vorzuführen, um sie von da aus über dreißigtausend Theater des ganzen Erdballs zu schicken.
Es war unmöglich, eine bessere Reklame für den Tunnel zu ersinnen!
Die Edison-Bio begann ihre Arbeit am gleichen Tage und ihre zweihundert Theater New Yorks waren bis auf den letzten Platz besetzt.
Edison-Bio brachte die bekannten Szenen auf dem Dachgarten des Atlantic, sie zeigte die fünf gewaltigen Staubsäulen der einzelnen Baustellen, die Steinfontänen, die das Dynamit emporjagt, die Abfütterung von hunderttausendMenschen, den Anmarsch der Arbeiterbataillone am Morgen, sie zeigte den Mann, dem ein Felsstück den Brustkorb eingeschlagen hat und der noch leise atmet, bevor er stirbt. Sie zeigte den Friedhof der Tunnelstadt mit fünfzehn frischen Hügeln. Sie zeigte Holzfäller in Kanada, die einen Wald für Allan niederschlagen — sie zeigte die Heere von beladenen Waggons, die alle die Buchstaben A. T. S. trugen.
Dieser Film, der zehn Minuten lang dauerte und den schlichten Namen „Eisenbahnwagen“ trug, machte den stärksten und in der Tat einen überwältigenden Eindruck. Güterzüge, nichts sonst. Güterzüge in Schweden, Rußland, Österreich, Ungarn, Deutschland, Frankreich, England, Amerika. Züge mit Erzen, Holzstämmen, Kohlen, Schienen, Eisenrippen, Röhren, endlos. Ihre Maschinen qualmten und alle rollten vorüber — alle rollten! — ohne Aufhören rollten sie vorüber, so daß man sie schließlich rollen und rauschenhörte.
Zum Schluß kam noch ein kurzer Film: Allan geht mit Hobby über die Baustelle in New Jersey.
Jede Woche brachte die Edison-Bio einen neuen „Tunnelfilm“, und am Schluß erschien Allan stets in irgendeiner Situation in eigener Person.
Während Allans Name früher kaum mehr gewesen war als der Name eines Rekordfliegers, der heute bejubelt wird und morgen das Genick bricht und übermorgen vergessen ist, so verband die Menge jetzt mit seinem Namen und seinem Werk festgefügte und klare Vorstellungen.
Vier Tage vor Weihnachten waren New York und alle großen und kleinen Städte der Staaten mit möbelwagengroßen Plakaten überschwemmt, vor denen sich die Menge trotz dem Geschäftsfieber der Weihnachtswoche ansammelte. Diese Plakate zeigten eine Feenstadt, einen Ozean vonHäusern, aus der Vogelperspektive gesehen. Nie hatte ein Mensch etwas Ähnliches gesehen oder erträumt! In der Mitte dieser Stadt, die in lichten Farben gehalten war (ganz wie New York an einem dunstigen sonnigen Morgen erscheint), lag eine grandiose Bahnhofanlage, im Vergleich zu der Hudson-River-Terminal, Central- und Pennsylvania-Station Kinderspielzeuge waren. Ein Delta tiefliegender Trassen ging von ihr aus. Die Trassen, ebenso die Haupttrasse, die zu den Tunnelmündungen führte, waren von unzähligen Brücken überspannt, von Parkanlagen mit Fontänen und blühenden Terrassen eingesäumt. Ein dichtgedrängtes Gewimmel tausendfenstriger Wolkenkratzer scharte sich um den Bahnhofsquare: Hotels, Kaufhäuser, Banken, Officebuildings. Boulevards, Avenuen, in denen die Menge wimmelte, Autos, elektrische Bahnen, Hochbahnen dahinschossen. Endlose Reihen von Häuserblöcken, die sich im Dunst des Horizonts verloren. Im Vordergrund links waren märchenhafte, faszinierende Hafenanlagen zu sehen, Lagerhäuser, Docke, Kaie, auf denen die Arbeit fieberte, voller Dampfer, Schornstein an Schornstein, Mast an Mast. Im Vordergrund rechts ein endloser, sonniger Strand voller Strandkörbe, und dahinter riesige Luxusbadehotels. Und unter dieser blendenden Märchenstadt stand: „Mac Allans Städte in zehn Jahren.“
Die oberen zwei Drittel des Riesenplakates waren sonnige Luft. Und ganz oben, am Rande, zog ein Aeroplan, nicht größer als eine Möwe. Man sah, daß der Pilot etwas mit der Hand über Bord warf, das anfangs wie Sand aussah, dann aber rasch größer wurde, flatterte, sich ausbreitete zu Zetteln wurde, von denen einzelne dicht über der Stadt so groß waren, daß man deutlich lesen konnte, was darauf stand: „Kauft Baustellen!“
Dieser Entwurf stammte von Hobby, der nur an denKopf zu klopfen brauchte und die großartigsten Dinge kamen heraus.
Am gleichen Tag lag das Plakat in entsprechendem Format allen großen Zeitungen bei. Jeder Quadratfuß New Yorks war damit bedeckt. In allen Bureaus, Restaurants, Bars, Saloons, Zügen, Stationen, Ferryboats, überall stieß man auf die Wunderstadt, die Allan aus den Dünen stampfen wollte. Man belächelte, bestaunte, bewunderte sie, und am Abend kannte jedermann Mac Allans City ganz genau: ganz New York glaubte schon in Mac Allan City gewesen zu sein!
In der Tat, dieser Bursche verstand es, von sich reden zu machen!
„Bluff! Bluff! Fake! The greatest bluff of the world!“
Aber unter zehn, die „Bluff“ schrien, sah man immer einen, der die Hände rang, die andern an den Schultern schüttelte und sich blau schrie:
„Bluff?Nonsense, Mann! Nimm deinen Kopf zusammen! Mac macht es!!! Wir sehen uns wieder! Mac ist ein Kerl, der alles macht, was er sagt!“
Waren diese Riesenstädte in Zukunft überhaupt wahrscheinlich und möglich? Das war die Frage, an der man sich die Köpfe einstieß.
Schon am nächsten Tage brachten die Zeitungen die Antworten der berühmtesten Statistiker, Nationalökonomen, Bankiers, Großindustriellen.Mr. F. says: —! Sie stimmten alle darin überein, daß allein schon die Verwaltung des Tunnels und der technische Betrieb viele Tausende von Menschen erfordern würde, die an und für sich respektable Städte füllten. Der Passagierverkehr zwischen Amerika und Europa würde sich nach Ansicht der einzelnen Kapazitäten zu drei Vierteln, nach jener anderer zu neun Zehnteln dem Tunnel zuwenden. Heute waren täglich rund fünfzehntausendMenschen zwischen den Kontinenten unterwegs. Mit der Eröffnung des Tunnels würde sich der Verkehr versechsfachen, ja — nach einigen — verzehnfachen. Die Ziffern konnten ins Unfaßbare emporschnellen. Ungeheure Menschenmassen würden täglich in den Tunnelstädten eintreffen. Es war sogar möglich, daß diese Tunnelstädte in zwanzig, fünfzig und hundert Jahren Dimensionen annehmen würden, die wir Menschen von heute mit unseren kleinlichen Maßstäben gar nicht auszudenken vermochten.
Allan führte nun Schlag auf Schlag.
Am nächsten Tag gab er die Bodenpreise bekannt!
Nein, Allan war nicht so schamlos, die gleichen Unsummen zu verlangen, die man in Manhattan forderte, wo man den Quadratmeter mit Tausend-Dollarnoten auslegen mußte, nein, aber trotzdem waren seine Preise unverschämt und machten den stärksten Mann mundtot. Die Real-Estate-Agenten tanzten, als ob sie Gift genommen hätten. Sie machten Bewegungen, als hätten sie sich Finger und Mundwerk verbrannt. Oh, hehe! Sie schlugen Beulen in ihre steifen Hüte: Mac! Wo war er, dieser Schurke, der ihre Hoffnungen zerschmettert hatte, in einigen Jahren ein Vermögen zu verdienen! Woher nahm er das Recht, alles Geld in die eigenen Taschen zu schieben?
Es lag haarklar auf der Hand: dieser Fall Allan war die größte und kühnste Bodenspekulation aller Zeiten! Allan, dieser Schurke, hatte Sandhaufen hektarweise eingekauft und verzapfte sie in Quadratmetern! — In der billigsten Zone seiner verfluchten Schwindelstädte — die noch gar nicht existierten! — verhundertfachte, in der teuersten Zone vertausendfachte er sein Geld!
Die Spekulation versteinerte! (Aber die einzelnen Spekulanten behielten einander argwöhnisch im Auge. Sie witterten geheime Attentate, Truste, Konzerne!) Wie eine feindseliggeschlossene Phalanx stand sie Allans unverschämten Forderungen gegenüber. Allan hatte noch dazu die Nerven, zu verkündigen, daß er dieses „günstige“ Angebot nur drei Monate offen lassen werde. Sollte er! Es würde sich ja zeigen, ob es Liebhaber gab für seine Schmutzpfützen — hoho! — Narren, die einfaches Wasser für Whisky bezahlten — — —
Und es zeigte sich!
Gerade jene Schiffahrtskompagnien, die Allan mit Feuer und Gift auf den Leib gerückt waren, sicherten sich die ersten Baustellen, Kaie, Docke. Lloyds Bank schluckte einen ungeheuren Brocken, das Warenhaus Wannamaker folgte.
Nun mußte man! Man mußte! Jeden Tag veröffentlichten die Zeitungen neue Ankäufe — sinnlose Summen für nichts als Sand, Geröll — in einer Bluffstadt! — aber man mußte, wollte man nicht zu spät kommen. Es gab Geschichten in der Welt, deren Ausgang man nie voraussagen konnte.
Nearer my God to thee, — es gab kein Zurück mehr ...
Allan machte keine Pause. Er hatte die Öffentlichkeit auf die nötige Temperatur gebracht und er wollte von dieser Temperatur profitieren.
Am vierten Januar lud er die Welt auf einer Riesenseite in allen Zeitungen zur Zeichnung der ersten drei Milliarden Dollar ein, von welcher Summe zwei Drittel auf Amerika und ein Drittel auf Europa entfallen sollten. Eine Milliarde sollte durch Aktien, der Rest durch Shares aufgebracht werden.
Die Subskriptionseinladung enthielt alles Wesentliche über Baukosten, Eröffnung des Tunnels, Rentabilität, Verzinsung, Amortisation. Dreißigtausend Passagiere täglich angenommen, würde sich der Tunnel schon rentieren. Es sei aber ohne Zweifel täglich mit vierzigtausend undmehr zu rechnen. Dazu kämen die enormen Einnahmen für Fracht, Post, pneumatische Expreßpost und Telegramme ...
Es waren Zahlen, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte! Verwirrende, beschwörende, unheimliche Zahlen, die einem Atem und Verstand raubten!
Die Zeichnungsaufforderung war von den Gründern und Großaktionären des Syndikats, den blendendsten Namen der Staaten, den führenden Banken unterzeichnet. Als Chef des finanziellen Ressorts tauchte zur größten Überraschung New Yorks ein Mann auf, der aller Welt als „Lloydsright-hand-man“ bekannt war: S. Woolf, bisher Direktor von „Lloyds Bank.“
Lloyd selbst hatte S. Woolf an die Spitze des Syndikats geschoben, und damit war S. Woolfs Name für ewige Zeiten mit dem Tunnel verknüpft.
Sein Porträt erschien in den Abendblättern: ein würdevoller, ernster, etwas fetter Gentleman von orientalischem Typus. Wulstige Lippen, eine starke, gekrümmte Nase, kurzes, schwarzes, gekräuseltes Haar und kurzer schwarzer Bart; dunkle hervorquellende Augen von leicht melancholischem Glanz.
„Beginnt als Händler mit alten Kleidern — jetzt finanzieller Leiter des A. T. S. mit zweihunderttausend Dollar jährlich. Spricht zwölf Sprachen.“
Die Sache mit den alten Kleidern war ein Märchen, das S. Woolf selbst einmal scherzweise in die Welt gesetzt hatte. Aber ohne Zweifel kam S. Woolf von „da unten“ herauf. Bis zu seinem zwölften Jahre hatte er als Samuel Wolfsohnden Schmutz eines ungarischen Nestes, Szentes, an den Füßen herumgeschleppt und sich von Zwiebeln ernährt. Sein Vater war Leichenwäscher und Totengräber. Mit dreizehn Jahren kam er als Lehrling in eine Bank nach Budapest, wo er fünf Jahre blieb. Hier in Budapest begann ihn zuerst „der Rock zu zwicken,“ wie er sich ausdrückte. Ausgehöhlt von Ehrgeiz, Verzweiflung, Scham und Machtgelüsten war er, krank von tollen Wünschen. Er sammelte sich zu einem verzweifelten Sprung. Obacht, nun kam er! Und Samuel Wolfsohn schuftete Tag und Nacht, die Zähne zusammengebissen, mit wütender Energie. Er lernte Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch. Und siehe da, sein Gehirn saugte diese Sprachen ohne große Schwierigkeiten auf wie ein Löschblatt die Tinte. Er machte sich an Teppichhändler, Orangenverkäufer, Kellner, Studenten, Taschendiebe heran, um sich in der Aussprache zu üben. Sein Ziel war Wien! Er kam nach Wien, aber auch hier zwickte ihn der Rock. Er kam sich wie mit tausend Riemen gefesselt vor. Sein Ziel war Berlin! Samuel Wolfsohn ahnte die Marschroute. Er nagelte noch weitere hunderttausend Vokabeln in sein Gedächtnis und lernte die ausländischen Zeitungen auswendig. Nach drei Jahren gelang es ihm, gegen einen Hungerlohn als Korrespondent bei einem Börsenmakler in Berlin anzukommen. Aber auch in Berlin zwickte ihn der Rock! Hier war er plötzlichUngarundJude. Er sagte sich, daß der Weg über London führen müsse und bombardierte die Londoner Bankhäuser mit Offerten. Ohne Erfolg. Die in London brauchten ihn nicht, aber er, Samuel Wolfsohn, wollte sie zwingen, ihn zu brauchen. Sein Instinkt wies ihn auf Chinesisch hin. Sein Gehirn saugte auch diese schwierige Sprache auf; die Aussprache übte er mit einem chinesischen Studenten, dem er als Entgelt Briefmarken verschaffte.Samuel Wolfsohn lebte elender als ein Hund. Er gab nie einen Pfennig Trinkgeld, er hatte den Mut, die frechste Schnauze eines Berliner Kellners zu überhören. Er nahm nie eine Elektrische, sondern schleppte sich heroisch auf seinen elenden, schmerzenden Plattfüßen, die voller Hühneraugen waren, dahin; er gab Sprachstunden für achtzig Pfennig, er übersetzte. Geld! Seine tollen Wünsche schüttelten ihn, sein Ehrgeiz knirschte, die kühnsten Verheißungen blendeten sein Hirn. Keine Pause, keine Erholung, kein Schlaf, keine Liebelei. Demütigungen und Züchtigungen, die das Leben über ihn verhängte, konnten ihn nicht mürbe machen, er krümmte den Rücken und richtete sich wieder auf. Entweder, oder! Plötzlich aber setzte er alles auf eine Karte! Er kündigte seine Stellung! Er bezahlte einem Zahnarzt dreißig Mark für eine Plombe und das Reinigen seines Gebisses. Er kaufte elegante Schuhe, ließ sich bei einem ersten Schneider einen englischen Anzug bauen und dampfte als Gentleman nach London. Nach vierwöchigen fruchtlosen Bemühungen stieß er hier bei Tayler and Terry, Bankers, auf einen Wolfsohn, der schon die Metamorphose hinter sich hatte. Dieser Wolfsohn sprach genau so viele Sprachen wie er und machte sich einen Spaß daraus, dem jungen Schwung das Genick zu brechen. Aber er brach es nicht. Es war der größte Erfolg seines Lebens. Der arrivierte Wolfsohn ließ einen chinesischen Dolmetsch kommen und versteinerte, als er hörte, daß die beiden eine regelrechte Unterhaltung führten. Drei Tage später war Samuel Wolfsohn wieder in Berlin, aber —if you please!— nicht, um dazubleiben! Er war nun Mr. S. Wolfson (ohne h) aus London, sprach ausschließlich Englisch und fuhr am selben Abend als nobler Reisender, der die Bedienung des Schlafwagens tyrannisierte, nach Schanghai weiter. In Schanghai fühlte er sich schon wohler. Er sah Luft, denHorizont. Aber immer noch zwickte ihn der Rock ein wenig. Hier war erkein Engländer, so peinlich genau er auch seine Klubgenossen kopierte. Er ließ sich taufen, wurde Katholik, obgleich es niemand von ihm verlangte. Er machte Ersparnisse (der alte Wolfsohn konnte seine Leichenwäscherei aufgeben) und ging nach Amerika. Endlich konnte er frei atmen! Er hatte endlich einen weiten Rock an, in dem er sich wohlfühlte. Die Bahn war frei, alle Geschwindigkeitsenergien, die er in sich aufgespeichert hatte, konnte er entfesseln. Resolut stieß er die Endsilben seiner Namen ab, wie eine Eidechse den Schwanz, und nannte sich Sam Wolf. Damit aber niemand auf den Gedanken kommen sollte, er sei einDeutscher, schob er noch ein o ein. Er verleugnete seinen englischen Akzent, ließ sich den englischen Schnurrbart rasieren und sprach durch die Nase; er gebärdete sich laut und gutgelaunt, er war der erste, der den Rock auszog und in Hemdärmeln über die Straße ging. Er lag wie ein Vollblutamerikaner im Thronsessel der Schuhputzer. Damit war aber die Zeit vorbei, da man ihn in jede beliebige Form pressen konnte, dreieckig, viereckig, kugelförmig, wie es sein mußte. S. Woolf stoppte ab. Er hatte diese Verwandlungen nötig gehabt, um er selbst zu werden. Punktum! Einige Jahre schuftete er an der Baumwollenbörse in Chikago, dann kam er nach New York. Ausgerechnet von hinten her, um den Erdball herum, war er dahin gekommen, wohin er gehörte. Seine Kenntnisse, sein Genie, seine unerhörte Arbeitskraft brachten ihn rasch in die Höhe, und nun preßte er mit seinen Patentsohlen fest und gehörig auf die Schultern unter ihm, genau so, wie man ihn gepreßt hatte. Er legte den lauten Brokerton ab, er wurde würdevoll, und zum Zeichen, daß er arriviert sei und tun könne, was er wolle, schaffte er sich ein individuelles Gesicht an: er ließ sich einen kurzen Backenbart stehen.
In New York widerfuhr ihm ein zweites Mal ein ähnliches Glück wie vor Jahren in London. Er stieß auf einen zweiten S. Woolf, aber auf einen S. Woolf von ungeheurem Kaliber. Er stieß auf Lloyd! Damals war er bei der Union-Exchange, keineswegs in erster Stellung. Aber das Glück wollte es, daß er ein kleines Manöver gegen Lloyd einzuleiten hatte. Er machte ein paar geschickte Schachzüge, und Lloyd — beschlagen in allen Eröffnungen dieser Art von Schachspiel, ein Kenner — fühlte, daß er es hier mit einem Talent zu tun hatte. Das war nicht die Taktik W. P. Griffith’ und T. Lewis’, nein — und als Lloyd anklopfte, kam S. Woolf heraus, und er sicherte sich dieses Talent. S. Woolf stieg und stieg — sein Auftrieb war so gewaltig, daß er nicht stillstehen konnte, bevor er nicht ganz oben war. So landete er im Alter von zweiundvierzig Jahren — etwas fett schon und asthmatisch, hartgebrannt vom Ehrgeiz — im Atlantik-Tunnel-Syndikat.
S. Woolf hatte auf seinem Weg nur einmal eine kurze Pause gemacht, und sie war ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte sich in Chikago in eine hübsche Wienerin verliebt und sie geheiratet. Aber die Schönheit der Wienerin, die seine Sinne entzündete, war bald verblüht, und nichts war geblieben als eine zänkische, arrogante, kränkelnde Ehefrau, die ihn mit ihrer Eifersucht bis aufs Blut peinigte. Genau vor sechs Wochen war diese Frau gestorben. S. Woolf trauerte ihr nicht nach. Er brachte seine zwei Söhne in eine Pension, nicht nach Europa etwa, sondern nach Boston, wo sie zu freien, gebildeten Amerikanern erzogen werden sollten. Er richtete einer lichtblonden Schwedin, die Gesang studierte, ein kleines Appartement in Brooklyn ein — und dann nahm er einen tiefen Atemzug und begann seine Tätigkeit im Syndikat.
Am ersten Tag schon kannte er Namen und Personalienseines ungeheuren Stabs von Subdirektoren, Prokuristen, Kassierern, Buchhaltern, Clerks, Stenotypistinnen, am zweiten Tag hatte er sämtliche Zügel in die Hand genommen und am dritten Tage war es, als ob er diesen Posten schon seit Jahren bekleidete.
Lloyd hatte S. Woolf empfohlen als den bedeutendsten Finanzpraktiker, den er in seinem Leben kennen gelernt habe, und Allan, dem die Persönlichkeit S. Woolfs fremd und wenig sympathisch war, mußte schon nach wenigen Tagen gestehen, daß er, wenn nicht mehr, zum mindesten ein bewundernswerter Arbeiter war.