187118801890190019051910512153561612567884586833607802615021
Bei den deutschen Juden war die Zunahme also:
Inden70erJahrenca.50000„„80er„„6000„„90er„„200001900 bis 1910„30000
Jedem, der eine Statistik zu lesen vermag, fällt die geringe Zunahme in den 80er Jahren und die plötzliche Zunahme in den 90er Jahren und gar die noch stärkere von 1900 auf 1910 auf. Leider besitzen wir keine umfassende Ermittlung der jüdischen Einwanderung in ganz Deutschland, sondern nur einzelne Ziffern für die Gebiete Hamburg, Sachsen, Hessen, Berlin usw. Danach geht ganz klar hervor, daß die Einwanderung 1900-1910 bestimmt über 30000 Juden betrug, nach allen Berechnungen ca 40000-50000, so daß die Zunahme selbst unter Berücksichtigung der Abwanderung keine eigentliche Volksvermehrung bedeutet, sondern einem zufälligen äußeren Zuwachsgewinnaus dem Osten entspricht. Proportionell sinkt der Anteil der Juden erheblich. Wenn wir die Juden auf 1000 Deutsche berechnen, gab es ihrer (in0/00):
187118801890190019051910192012512411510410095(92?)
Der Anteil der Juden ging somit unter der Gesamtbevölkerung in einem Menschenalter um 30% zurück. Der jüdische Einschlag wurde um über ein viertel zurückgedrängt (Judenfeinde müssen diese Ziffern mit Befriedigung lesen).Sombartund andere Wirtschaftspolitiker glaubten letzthin auch ein deutliches Zurückweichen und eine sinkende Einwirkung der Juden im Wirtschaftsleben angezeigt zu finden. Ihre prominierende Stellung in einzelnen Wirtschaftsformen: im Bankwesen, im Textilfach, im Produktenhandel hat nicht nur durch die Angleichung an das übrige Wirtschaftsgetriebe zu einer Erschütterung geführt. Sie haben nicht mehr die ausreichende Zahl von Individuen, um neuökonomische Existenzmöglichkeiten zu erschließen und die alten Positionen sich zu erhalten. So ergibt der relative Rückgang der Juden im Reich bedeutsame Perspektiven. Ein deutliches Bild gewinnen wir durch Eingehen auf die Entwicklung in den einzelnen Bundesstaaten.
In dem inzwischen abgetretenenElsaß-Lothringengab es Juden (detailliertere Ziffern gab ich in allen diesen Fragen in meiner ersten Auflage dieses Buches):
188139278 = 2,5 %191130483 = 1,6 %
Damit verlor Elsaß-Lothringen 8995 = 29% seiner Juden.
Hessenhatte Juden:
185819051910126302469924063
Es wurden Ausländer 1910 ermittelt in Offenbach 1131, Darmstadt 512, Mainz 360.Die (1905) ermittelten 1787 ausländischen Juden erfuhren bis 1910 eine Zunahme von 715, so daß ohne ihren Zuzug ein doppelt so großer Verlust eingetreten wäre. Die ausländischen Juden, die 1905 noch 7,2% der Judenheit bildeten, waren in 5 Jahren schon 10%. Dabei hat Hessen viele kleine Landgemeinden, deren Fruchtbarkeit wir noch berühren werden.Knöpfelschloß seine Betrachtung in den „Mitteilungen der gr. hess. Zentralstelle f. d. Landesstatistik”, Sondernr. 1910 mit den vorsichtigen Worten:
„Die jüdische Bevölkerung Hessens ist nicht wie die nichtjüdische im raschen Wachstum begriffen, liefert vielmehr das Bild der Stagnation. Ein Hauptzeichen besteht darin, dass sie kinderarm geworden sind.”
„Die jüdische Bevölkerung Hessens ist nicht wie die nichtjüdische im raschen Wachstum begriffen, liefert vielmehr das Bild der Stagnation. Ein Hauptzeichen besteht darin, dass sie kinderarm geworden sind.”
Das anschließendeBaden, das 1890 noch 27278 Juden = 1,74% auf wies, hatte
190525893Juden=1,29 %191025896„=1,21 %
Leider veröffentlicht Baden keine Ziffer über den Zuzug fremder Juden. Stärker ist die Abnahme inWürttemberg, wo die Juden in konstantem Rückgang
188013331= 0,67 %und191011982= 0,49 %zählten,
und inMecklenburg-Schwerinmit
18802580=0,53 %Juden19101413=0,22 %"
Selbst für dieses kleine Land weistMax Grünfeldnach, daß ausländische Juden sich niederlassen und die Abnahme der Juden aufhalten (Zeitschrift f. Stat. u. D. d. J. 8. J. Heft 1). Von den 12 Gemeinden, die bis 1850 noch über 100 Juden aufwiesen, blieben nur zwei übrig, die allerdings die Hälfte der Juden an sich rissen (Rostock und Bütow), dafür wuchs die Zahl der Zwerggemeinden mit weniger als 26 Juden von 3 (1860) auf 31.
Seit 1880 verloren die Juden in einzelnen Kleinstaaten z. T. bis über 100 Prozent.
Es hatten Juden
18801910Anhalt17521382in %0,930,42Sachsen-Meiningen16271137in %0,860,41Oldenburg16541525in %0,470,32Lippe1030780in %0,930,45Braunschweig18241757in %0,390,36Lübeck670626in %0,690.54
Bayernhatte 1840 bereits 59168 Juden, von denen viele durch die bedrückenden Ausnahmegesetze zur Auswanderung verurteilt waren. Bis Anno 1870 hatte sich ihre Zahl auf 50000 gemindert. Bis in die 90er Jahre steigt ihre Ziffer. In der neuesten Zeit (etwa seit dem Jahre 1900) geht die Bevölkerung wie ehedem in der Zeit der großen Auswanderung wieder zurück.
Ihre Ziffer betrug:
184018521871188019001905191059168561685016253526549285534155065
Ich habe überall Erkundigung über die Wanderung der bayrischen Juden angestellt. Insbesondere die Münchener, Nürnberger, Fürther, Würzburger Juden, die knapp die Hälfte der bayrischen ausmachen, sind recht seßhaft. Allerdings besteht unter den Landjuden eine beträchtliche Abwanderung, die aber hauptsächlich in nahe liegende Städte führt. Die Zahl der Amerikafahrer ist jetzt im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten zusammengeschrumpft. Dagegen ist das emporblühende Bayern eine Wanderetappe der Ostjuden geworden.Frau Dr.Weiner-Odenheimergibt in ihrem Buch „Die Berufe der Juden in Bayern” eine Auszählung der erwerbstätigen Juden in München, von denen unter 100 geboren waren (1907)
in Bayern44b)im übrigen Deutschland26,5c)im Ausland29,5
Von der erwerbstätigen Bevölkerung im ganzen sind nur 5% im Ausland geboren gegenüber 29,5% bei den Juden! Die Tatsache der überragenden Einwanderung geht aus der Weinerschen Arbeit klar hervor. Sie gibt sich dann auch aus der eingehenden Statistik Bayerns zu erkennen. Es hatten Juden
18951910Oberbayern741111625+4214Niederbayern240339+139Mittelfranken1229114219+1928Unterfranken1415711925-2232Rheinpfalz104238998-1425Schwaben42863462-826Oberfranken35162946-560Oberpfalz14511395-86
Die Zunahme betrifft also nur München, da es außerhalb dieser Stadt keine oberbayrischen Juden gibt und für Mittelfranken: Nürnberg. —
Während in Bayern das flache Land die umliegenden Städte mit reichlichem Nachwuchs versorgt und kleine Orte wiederum an die größeren Städte ihre Juden abgeben, istHamburgohne bedeutendes jüdisches Hinterland. Schleswig-Holstein ist selbst judenarm, ebenso wie das Elbgebiet. Wir treffen Juden in Hamburg:
1871188018901900190519101379616024178771794519602194724,1 %3,5 %2,9 %2,3 %2,2 %1,9 %
Die Ziffern für 1905 und 1910 schließen 804 resp. 540 jüdische Auswanderer, die auf der „Veddel” (Hafen) lagen, ein. Diese müssen abgerechnet werden, so daß wir es mit 19000 Juden zu tun haben, von denen (1910)(siehe die Zusammenstellung vonDora Weigertin der Zeitschr. f. St. u. D. 15. Jahrg.) 21,6% aus nichtdeutschen Ländern stammten (gegenüber 4,8% bei der übrigen Bevölkerung). Dora Weigert schreibt: „Es war selbst in den 80er Jahren zur Zeit der grauenhaften Judenbedrückungen von einer verstärkten russischen Einwanderung in Hamburg nichts zu merken. Der Staat hatte Maßnahmen getroffen, um die eintreffenden Flüchtlinge nach England und Amerika weiter zu befördern”. Trotz der neuesten starken ostjüdischen Einwanderung, trotz eines nicht unbeträchtlichen Zuzuges aus dem übrigen Deutschland erhält sich die jüdische Bevölkerung Hamburgs auf ihrer absoluten Höhe; im Verhältnis zum Wachstum der übrigen Bewohnerschaft ist sie aber um 100% zurückgegangen.
Aber ein Staat in Deutschland hat eine Entwicklung seines jüdischen Bevölkerungsmassivs erfahren: In Sachsen fand man Juden[10]
1871188018901900191033576518936812416175870,1 %0,2 %0,3 %0,3 %0,4 %
Im Jahre 1900 wurden 5637 ausländische Juden und 1910: 10378 ermittelt. Ohne diesen Zuzug der Ostjuden gäbe es also auch keine eigene Zunahme. Wie die sächsischen jüdischen Gemeinden aussehen, erkennen wir aus Leipzig, das 1871: 731 Ostjuden und 1905: 4843 hatte, ferner Dresden (anno 1905) 1715 Ostjuden neben 1799 in Deutschland geborenen, von denen viele nur die Kinder der ersteren waren. Jetzt soll mehr als die Hälfte der sächsischen Juden auf die Einwanderung aus dem Osten zurückzuführen sein.
Die übrigenKleinstaatenhaben eine nur unbeträchtliche jüdische Bevölkerung (z. B. Reuß ä. L. mit 54 Juden (1900) und 44 (1910)). Nur Bremen, das um 1900 in seiner jüdischen Bevölkerung stagnierte, bekam neuerdings (1910) einen Zuwachs von 400 Köpfen, wohl ein Wanderungsgewinn, der sich ähnlich wie inanderen Städten hauptsächlich auf ausländische Einwanderung resp. sogar Durchwanderung zurückführen lassen dürfte.
Trotz der Zuwanderung von Ostjuden, die für die süddeutschen Staaten auf 10-20% der einheimischen Bevölkerung und mehr betragen, entstand eine deutliche Stagnation resp. ein auffallender Rückgang des jüdischen Anteils.
Die süddeutschen Staaten, die zusammen 1880: 160159 zählten, wiesen 1910 nur noch 147489 auf.
In den mitteldeutschen Kleinstaaten sind analoge Verhältnisse.
Die Juden der Hansastädte, deren allgemeine Bevölkerung sich seit 1880 durchschnittlich verdoppelte, konnten sich nur durch den Einwanderungsgewinn der Ostjuden minimal entwickeln.
Die Zunahme der Juden in Sachsen ist durch die russische und österreichische Immigration erfolgt.
Somit ist abgesehen von Preußen ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung eingetreten resp. der Zuwachs durch die ausländische Wanderungsbewegung bedingt.
DIE JUDEN IN PREUSSEN.
Vor hundert Jahren (1816) hatte Preussen 123938 = 11,90/00Juden, die sich trotz des starken Abströmens und keiner nennenswerten Einwanderung bis 1861 verdoppelt hatten und 251145 = 13,60/00ausmachten. Nach der Einverleibung von Schleswig und der 1866 annektierten Gebiete treffen wir 1867: 313156 Juden, die in 45 Jahren um ein schwaches Drittel zunahmen, d. h. um 100000 Seelen, von denen 50000 in 13 Jahren bis 1880 gewonnen wurden und in den darauffolgenden 30 Jahren wiederum 50000. Es gab ihrer
1871:325426 = 13,20/001880:363790 = 13,30/001890:372059 = 12,40/001900:392372 = 11,40/001910:415867 = 10,70/00
IndemJahrzehnt1871/80betrugdieZunahme38400„„„1881/90„„„8300„„„1891/1900„„„20300„„„1901/10„„„23500
Nach einem Rückgang in den 80er Jahren erfolgt wieder eine stärkere Bevölkerungszunahme in den nächsten Jahrzehnten. Leider besitzen wir nur eine unvollkommene Erfassung der Einwanderung. 1880 ermittelte die amtliche Untersuchung 11390 und 1905 38844 nichtdeutsche Israeliten. Berlin hat folgende drei Auszählungen veranstaltet:
Berlin ermittelte für seinen Stadtbezirk
18905077ausländischeJuden190011651„„190518316„„1910fehlt!
Mit Charlottenburg und den übrigen Vororten dürfte Groß-Berlin bereits 1905 ca 23000 ausländische Juden beherbergt haben. Wenn nun Segall diese Einwanderung für eine vorübergehende Erscheinung nimmt, so entspricht das weder der ganzen Entwicklung, noch der Analogie in Sachsen etc., noch den inzwischen zur Geschichte gewordenen Tatsachen. Alle Kenner haben die Zunahme der Ostjuden bestätigt. Nachdem 1905 knapp 40000 ermittelt waren, werden es 1910 50-60000 gewesen sein, so daß der Zuwachs an preußischen Juden seit 1880 auf ihr Konto fällt; da von 1905 auf 1910 eine Zunahme von insgesamt nur 6366 jüdischen Seelen in Preußen gezählt wurde, ist dieser Ueberschuß wohl fraglos allein von dem Zuzug der Ostjuden getragen. Ohne den Andrang vom Ausland hätte die Volkszählung von 1910 auch für Preußen eine Abnahme an Juden ergeben.
Segallläßt die Ostjuden nur in dem Pogromjahre 1904 vorübergehend nach Berlin flüchten. Das ist unrichtig. Die Industriebezirke in Oberschlesien und Rheinland, die Grenzorte wie Königsberg, Großstädte und zwar Frankfurt, Hannover, Breslau etc., habenseit 20 Jahren ständigen ausländischen Zuzug bekommen. Ein Zuzug, der in der Million Ausländer, im Deutschen Reich (anno 1910) an sich nicht gewaltig ist, bei der mangelhaften Fruchtbarkeit der deutschen Juden doch für diese ins Gewicht fällt.[11]
Der Centralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens gab eine Schrift „Die Juden im Heere” von Dr. W. Leiser heraus, in der die ausländischen Juden auf mindestens 70000 zu Beginn des Krieges geschätzt wurden. Nach den preußischen Ermittlungen, die 1880 10000 ausländische Juden in Preußen ergaben, können damals noch keine 20000 in Deutschland gewesen sein.Auch darnach ist der Zuwachs der deutschen Juden seit dem Jahre 1880 auf die Ostjüdische Einwanderung zurückzuführen.
Bereits W. Bambus hat in einem Artikel, der mir erst jetzt in die Hände fiel (Nr. 5 jüd. Presse von 1902), berechnet, daß die Volkszählung mehr Seelen ergab, als der Ueberschuß der Geborenen über die Ausscheidenden betrug. Und er spricht in dem Artikel, den er bezeichnungsweise „Warnende Zeichen” nannte:
„Eine ernste Prüfung dieser Frage, bei der es sich um Sein oder Nichtsein handelt, wäre wahrhaftig des Schweisses der Edlen wert und verdienstlicher als manche Geistesarbeit unserer Gelehrten, auf welche Zeit und Mühe ohne Nutzen für die Gesamtheit verschwendet wird. Caveant consules!”
„Eine ernste Prüfung dieser Frage, bei der es sich um Sein oder Nichtsein handelt, wäre wahrhaftig des Schweisses der Edlen wert und verdienstlicher als manche Geistesarbeit unserer Gelehrten, auf welche Zeit und Mühe ohne Nutzen für die Gesamtheit verschwendet wird. Caveant consules!”
„Es ist klar, dass in dem beständigen Wechsel, dem die Judenschaft ausgesetzt war, nicht die behaglich bodenständigen, sondern die rastlos nomadialen Elemente diejenigen waren, die sich am widerstandsfähigsten erhielten, und darum überlebten.”
Werner Sombart.
Die deutsche Judenheit saß vor einem Jahrhundert in einer Unzahl kleiner, aber in sich geschlossener Judengemeinden des Elsaß, in Unterfranken, im Schwabenländchen und am gesegneten Rhein. Wir trafen Judendörfer in den drei Hessen; sporadisch finden wir jüdische Siedelungen in Thüringen, Westfalen, im Hannoverschen und insbesondere im Badischen. Die Stärke dieser Gemeinschaften trat zurück gegen die Bedeutung der Kolonien in der Ostmark, aus der immer wieder neue Ströme von jüdischen Menschen hervorbrachen, und seit Jahrhunderten die westlichen Gemeinden mit frischen jüdischen Impulsen versahen. Berlin, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts 3000 Juden aufwies, maß sich mit Kempen, Lissa u. a. jüdischen Gemeinden. Die Assimilation in Berlin war solange von sekundärer Bedeutung, als es hundert andere große Gemeinden gab, in denen man von der Assimilation kaum den Namen kannte. Die Kleinstadt, in der die jüdische Bevölkerung dominierte, war für die Juden von dreierlei Bedeutung:
1. Sie bot eine gleichmäßige soziale Verteilung auf verschiedene Berufe.
2. Die Nähe der Natur und das einfache Leben brachten hygienisch bessere Verhältnisse mit als das aufreibende Milieu der Großstadt.
3. VomjüdischenGesichtspunkt. Hier entfaltete sich ein ausgesprochenes jüdisches Leben. Hier wurden die Sabbathe gehalten, die Feste bildeten den Kulminationspunkt des Jahres, die Lebenshaltung war eine selbstverständlich rituelle. Taufen, Mischehen waren ebensolche Unmöglichkeiten, als sie in der Großstadt Selbstverständlichkeiten geworden sind.
Wie stark die Judenheit im Osten an kleinen Orten gewesen ist, läßt ein Vergleich beobachten. Es waren
in18171905Judeninsges.Einw.in %d. B.Judenin %d. B.1)Fordon[12]1290197265,41816,52)Kempen[13]2406458852,473911,53)Schwersenz1091197455,52086,64)Cchodziesen906170651,53004,75)Zempelbg.1160230450,739320,36)Wreschen1210241450,13866,67)Märkisch Friedland11512301502009,48)Hohensalza1784380446,9115759)Grätz1455298348,82504,410)Lissa3644793446196??6,211)Filehne1231278844,237812)Zülz1050243343,380,313)Kurnick774180942,81084,3
Erst die Ziffern des Jahres 1920 werden die volle Umgruppierung der Juden ergeben, wie sie das Beispiel des Ortes Zülz angibt. Auch ohne die Abtretung der Posenschen Provinzen an Polen wäre das ursprünglich unerschöpfliche Reservoir der deutschen Juden zum Versiegen gekommen. Noch im Jahre 1880 finden wir100 000 Juden in den drei Ostprovinzen. 1910 gerade die Hälfte, sodaß ihr Anteil rasch verkümmert ist. Zwischen 1900 und 1910 verminderte sich z. B. die Judenheit in
Kempenum320JudenLissa„359„Krotoschin„200„Samter„50„
So rasch löste sich die preußische Ostjudenheit auf. Ihre ehemals gesunde gewerbliche Struktur beschreibt N. M.Gelberan den westpreußischen Städten des XVIII. Jahrhunderts: „Durchschnittlich finden wir in den (s. Zeitschr. f. St. d. J. 9. Jahrg. Nr. 4) genannten Ortschaften 3-10 Brauereipächter, 2-6 Krämer, 1-10 Schneider, 1-3 Fleischer, 1-15 Kürschner, 1-4 Glaser, Barbiere usw. Es scheint, daß das jüdische Proletariat sehr stark vertreten war.”
Die Posener Kammer erfaßte Gewerbetreibende im Jahre 1797
jüdischchristlichSchneider923676Schlosser238638Schankwirte und Brenner811048Barbiere47163Musikanten26126Bäcker51607
Ebenso stark waren die Juden unter den Goldschmieden, Buchbindern, Posamentieren, Mützenmachern, Knopfmachern und in anderen Gewerben vertreten. Der Einfluß der körperlichen Arbeit, das Leben in der kleinen Stadt und auf dem Dorfe brachte sie in persönlichen Konnex mit der Mutter Erde. Sowohl im Osten wie auch in Süddeutschland besaßen viele dörfische Juden Land. Mit der Abwanderung vom Land geht proportional ein Absinken der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden vor sich. Die Verknüpfung der Juden mit dem Grund und Boden wurde gerade zu Beginn des XIX. Jahrhunderts stärker, alsihnender Ankauf gesetzlich gestattet wurde. Häufig bestellten Handwerker und Händler, die mit Vieh, Pferden, Getreideund mit Waren einen Teil ihres Lebensunterhaltes sich erwarben, ihren Hof und ihr Feld und gewannen ihren Eigenbedarf, ihr Brot und die Kartoffeln, Milch und Eier sich selbst. —
Berechnungen haben ergeben, daß der deutsche Osten1/4Million Juden auswandern ließ, von denen wir ungefähr allein 100000 in Berlin wiederfinden. Die Politik Deutschlands ist oft ohne Verstand gemacht worden. Es wurde aber wenigstens Politik — wenn auch schlechte — gemacht. Die Judenpolitik fara da sé. Was kümmerte irgend einen Minister das jüdische Ostmarkenproblem. Mochte das gesunde Volksleben der Juden in der Ostmark ersterben, die deutschen Interessen dabei einen empfindlichen Schlag erleiden: Haß macht blind. — Für die Oeffentlichkeit und für die Gesamtheit der Juden selbst existierte keine jüdische Frage.
Vor vielen Jahren fand die RenegatinFanny Lewald, die Vielgelesene, in ihrer Lebensgeschichte die beherzten Worte:
„In Frankreich und wohin die französische Herrschaft sich ausbreitete, waren die Juden emanzipiert. In Preussen lastete Unfreiheit und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, dass in jener Zeit sich in vielen Juden die Frage regte, ob Freiheit unter einem fremden Herrscher nicht der Knechtschaft unter einem heimischen Fürstenbauer vorzuziehen sei? Und es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie gross die Selbstverleugnung und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen ist, welche sich im Jahre 1813 als Freiwillige den Kämpfen gegen Frankreich angeschlossen haben, um einem Lande seine Freiheit wieder erobern zu helfen, welches ihnen keine Freiheit, wohl aber Kränkungen und Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot.”
„In Frankreich und wohin die französische Herrschaft sich ausbreitete, waren die Juden emanzipiert. In Preussen lastete Unfreiheit und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, dass in jener Zeit sich in vielen Juden die Frage regte, ob Freiheit unter einem fremden Herrscher nicht der Knechtschaft unter einem heimischen Fürstenbauer vorzuziehen sei? Und es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie gross die Selbstverleugnung und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen ist, welche sich im Jahre 1813 als Freiwillige den Kämpfen gegen Frankreich angeschlossen haben, um einem Lande seine Freiheit wieder erobern zu helfen, welches ihnen keine Freiheit, wohl aber Kränkungen und Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot.”
Trotzdem ergab die Zählung in der Provinz Posen
Judenmit deutscherpolnischer Mutterspracheanno 1900350111761905300367019102644422
Der Rückgang der Juden im Osten stellte somit einen Verlust für den deutschen Volksteil dar.Swart, einer der besten Kenner dieser Frage betont: „Die Juden haben in der Provinz Posen überall die deutsche Muttersprache und gehören kulturell und politisch zu den Deutschen ...” „Solange die Juden”, schrieb LeoWegener, „einen großen Teil der städtischen Bevölkerung ausmachten, waren sie nicht nur in den Zweigen des Handels, sondern auch in denen des Handwerks zu finden und ließen kein polnisches Handwerk aufkommen”.Bernhardunterstrich die Bedeutung des jüdischen Elements für die Loyalität der Ostprovinzen und spricht den Auswanderern einen proletarischen Charakter zu, da sie meist ein Handwerk erlernt hätten. An einer anderen Stelle nennt Bernhard die in den letzten 20 Jahren emporgekommenen Organisationsformen der Polen, die Banken, Einkaufs-, Verkaufsgenossenschaften, Berufsvereine die Mittel, die ein polnisches Gemeinwesen schufen und zur Ertötung des deutschen und jüdischen Einflusses führten. Sogar die amtliche Denkschrift „20 Jahre deutsche Kulturarbeit” bringt den Rückgang des Deutschtums ausschliesslich mit der Abwanderung der Juden zusammen und in der im Auftrag des Vereins zur Sozialpolitik gefertigten Studie steht der vom Bürgermeister Zitzlaff von Marienwerder formulierte Satz: „Man kann über den nationalen Wert der Juden denken wie man will, jedenfalls ist die Abwanderung als Verlust auf deutscher Seite zu buchen.”
Ein jüdischer Autor (Kassel) führt die Ursache weiter aus: „Wurden die Juden heute verhöhnt, so wurden sie morgen abgestoßen. Bei dem Hin- und Herstoßen wurden die Juden jedoch wirr- und planlos, was sich durch den Mangel an jeder Organisation unter ihnen schließlich bis in die heutige Zeit hinein fühlbar machte. Hinzu kam, daß die Juden den christlich deutschen Kulturträgern eine billige Gelegenheit boten, den Aerger über das Mißglücken aller anti-polnischenMaßregeln an einem geduldigen Prügelknaben auszulassen ...” Lautete die Losung für die Ostjuden „Auswandern und Aussterben”,[14]so ist jetzt die Frage gelöst. Die letzten Reste der ostdeutschen Juden strömen im Jahre 1920 nach Berlin und von einigen Nachzüglern abgesehen, existieren im Osten nur noch Trümmer von kleinen Siedelungen. Mit der antisemitischen Politik hat Preußen die Juden zwar aus dem Osten vertrieben, selbst aber dazu beigetragen, das Polentum zu stärken und ihren Abfall begünstigt.[15]
Ebenso bedeutsam ist die Verstädtichung, die Ueberführung der Dorf- und Kleinstadtjuden in die Großstädte. Viele Ziffern illustrieren diese Umstellung. Es waren z. B. in Preußen in Orten mit weniger als 20000 Einwohnern Juden:
189519001910192016010614173611788180000??in % d. Juden42,236,128,418??
dagegen in Großstädten:
164110193204247518300000??in %43,249,359,572,0??
Mindestens3/4der preußischen Juden dürften 1920 in den Großstädten leben, wahrscheinlich 50% allein in Berlin, das 1910 schon über1/3beherbergte.
Das Tempo, in dem sich dieser Umzug vollzieht, ist Expreßzugsgeschwindigkeit. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung bleibt die Masse der ländlichen Bevölkerung ungefähr konstant, die kleinen Orte vermehren sich, wenn auch der größte Teil der Volksvermehrung den Hauptstädten zugutekommt. Man kann aber nicht von einer Dezimierung des flachen Landes und der Kleinstadt sprechen. Bei den Juden entstand aber eine Auflösung der Dorfgemeinden und der Landstädte. Allein in der kurzen Frist von 5Jahrenänderte sich die Bevölkerungszahl der Juden in
19001905(Westpreußen): Zempelburg792393(Posen): Schrimm593396(Brandenburg): Landsberg568479
In Bayern waren in unmittelbaren, d. h. größeren Städten Juden
1875190019051920in %31,6506070?
auf dem Lande
184018951905192051097240651505310000?in % d. J.86,241,827,218?
Durch das Abfluten der Dorfjuden sollte man meinen, würde sich die Zahl der Juden in den Städten vermehren; dem ist aber nicht so. Es gab zu Beginn unseres Jahrhunderts über 70 Städte in Preußen, die mehr als 500 Juden zählten. Von diesen verloren 1900-1910 an Juden:
1.Hohensalza4402.Gnesen3913.Posen3824.Lissa3595.Stettin3716.Gleiwitz2987.Beuthen2048.Krotoschin ca.2009.Ratibor18710.Oppeln16111.Altona18212.Glogau14713.Schneidemühl15514.Thorn16115.Rogasen15016.Breslau14417.Danzig17018.Bromberg17019.Liegnitz13220.Memel114451821.Frankfurt O.12122.Tilsit10223.Stolp9824.Ostrowo7825.Mülheim4126.Görlitz4127.Krefeld6728.Trier7229.Graudenz11330.Magdeburg8231.Kreuznach5432.Samter5033.Schönlanke5034.Halberstadt2835.Hanau2036.Hildesheim2037.Königshütte2438.Aachen1739.Bochum1040.Eschwege131101
Außerdem schieden aus der Reihe der Großgemeinden mit über 500 jüdischen Gemeindemitgliedern aus im Jahre 1905 resp. 1910: 41. Czarnikau, 42. Rawitsch, 43. Myslowitz, 44. Coblenz, 45. St. Johann, 46. Zempelburg, 47. Krotoschin, 48. Landsberg a. W. Ueber 500 Juden hatten neu 1900/10 nur vier Orte (also nur die Hälfte der Ausfallenden), Hagen, Zabrze, Marburg, Kattowitz. Insgesamt nahmen in ihrer absoluten Zahl ca. 24 Großgemeinden Preußens in ihrer Bevölkerung zu und in 48 — das ist die doppelte Zahl — ging die jüdische Einwohnerschaft zurück. Die Zersetzung der kleinen Gemeinden hier anzuführen, ist leider zur Zeit wegen Platzmangels unmöglich.
Es handelt sich um die Großgemeinden. Wir finden die niedergehenden jüdischen Großgemeinden in Städten mit über 100000 Einwohnern, wie Danzig, Stettin, Posen, Krefeld, Altona, sodann von bedeutenden Industriezentren Beuthen, Bochum, Königshütte, Magdeburg, Görlitz, Mülheim und Breslau, das Zentrum der schlesischen Juden. Insgesamt verloren in nur 10 Jahren allein 40 der judenreichstenStädteüber 6000 ihrer Seelen.
Nun sollte man in den restlichen 24 Städten einen großen Zuwanderungsgewinn vermuten, der die Juden über ihr Verhältnis stärkte; das gerade Gegenteilist richtig. Trotz des Zuzugs vom Lande, der Kleinstadt,der zu erwartenden eigenen Vermehrung und der ausländischen Einwanderung, ist auch hierein relativer Rückgang der Judenin der Bevölkerung eingetreten.
Es waren Juden unter 100 der Bevölkerung in