JahrGeboreneUebertritt z. JudenAustritt[25]GestorbeneBevölkerungs Zunahme resp. Abnahme19102457915122163- 127191123711075392332- 393191222251245672259- 477[26]191322371174982355- 499191425481075322551- 428
Für die Provinz und zwar gerade für die ursprünglich fruchtbarste hat Friedrich Swart in Schmollers Jahrbüchern im Jahre 1912 S. 316 (Deutsche und Polen in der ProvinzPosen) den Geburtenüberschuß nachgeprüft und bezeichnenderweise auch für diese Gegendendas unzulängliche Resultat festgestellt. So betrug der Geburtenüberschuß auf je 10000 Köpfe in Posen:
JahrKath.JudenJahrKath.Juden18802021191895248251885178891900225- 241890197411905213- 36
Auf dem Lande bleiben verhältnismäßig viele alte Leute zurück, während die Mehrzahl der zeugungsfähigen abwandert und der Rest bei geschmälter Fruchtbarkeit immer geringeren Nachwuchs produziert.
Eine Ruppinsche Berechnung für die Jahre 1885-1900 habe ich fortgesetzt. Danach waren in Preußen Juden:
1885 bis 18901890 bis 18951895 bis 19001900 bis 19051906 bis 19101911 bis 1913Geboren:453024244239386373433395018909Gestorben:296782889627496283142861517371Geburtenüberschuß:156241354611890902953351538Verlustea) durch Austritt125020002500300032002000b) durch Kinder aus Mischehen.664696775100010001000Zunahme resp. Abnahme+13716+10850+861550291135-1500
Leider sind die Ziffern, die den Verlust der Gemeinschaft durch die Taufe, Austritt und Mischehe betreffen, nicht ganz genau zu erfassen (siehe das betr. Kapitel). Es ist nun ganz gleichgültig, ob der Verlust durch Austritt oder Mischehen um ein paar Seelen größer oder kleiner ist.Selbst bei günstigster Berechnung haben die preußischen Juden vor dem Kriege keine Bevölkerungszunahme aus sich heraus erfahren.Der Ausfall ist auf Grund sorgfältiger Berechnungen auf 1500 Seelen von 1911-1913 resp. 500 für das Jahr anzunehmen. Das istaber nicht das Wesentliche an dem Vorgang, die Bedeutung liegt in der fabelhaften Tendenz, die sich in den wenigen harmlosen Ziffern widerspiegelt.
Auch Bayern weist z. B. für das Jahr 1913 695 Geburten und 686 Todesfälle auf. Wir können noch so sophistisch die Zahlen deuteln, die Geburtenunterbilanz ist unleugbar, da den 686 gestorbenen Juden die hinzuzuzählen sind, die bei ihrem Tod als Christen oder Freireligiöse gezählt wurden. Selbst bei bescheidensten Ziffern der getauften resp. ausgetretenen bayrischen Juden läßt sich nicht ein Plus erzielen.
Segall hat es, obwohl es von mir öfters im „Untergang” als ein fundamentaler Fehler gekennzeichnet wurde, trotzdem unterlassen (siehe z. B. die reptilienartige Berechnung eines Geburtenüberschusses der preußischen Juden auf Seite 136 d. 9. Jahrg. der Zeitschr. f. St. d. J.) die Zahl der Austritte bei seinen Geburtenüberschuß-Berechnungen zu buchen; auf diese Weise täuscht er einen Geburtenüberschuß vor, der in Wirklichkeit nicht existiert. Wenn die Austretenden nicht zu dem Zeitpunkte, an dem sie die jüdische Gemeinde verlassen, als Abgang in Rechnung gebracht werden, dann sind sie in ihrem Sterbejahr den gestorbenen Juden zuzuzählen, da sie doch auf der anderen Seite auch in die Statistik der geborenen Juden aufgenommen werden!
Im Jahre 1914 gab es in Preußen — naturgemäß alle aus der Friedenszeit stammend — fast 6000 Geburten, die dem Judentum zuflossen. Demgegenüber war die Sterblichkeit der letzten Jahre vor dem Krieg durchschnittlich über 5700, mit der Zahl der Austretenden aber übertraf sie den Zuwachs. Der aus Geburten stammende Zufluß genügt also im Jahre 1914 nicht, den regelmäßigen Abgang zu ersetzen.
Mit Absicht bin ich nicht auf die Bevölkerungsbewegung der Kriegszeit eingegangen. Die Kinderzahl jener Jahre sinkt noch um die Hälfte, während die Sterblichkeit sich fast verdoppelte. Es ist anzunehmen,daß während des Krieges der einheimischen jüdischen Bevölkerung eine Abnahme von 25-30000 Seelen erwachsen ist, was ungefähr 4-5% ihrer Gesamtheit ausmacht. Genaue Berechnungen werden sich erst aufstellen lassen, wenn alles Material vorliegt.
Man hat erwartet, daß Deutschland durch einen frisch-fröhlichen Krieg bevölkerungsproblematisch „gebessert” würde. Auch die statistische Wissenschaft der Juden (Segall) hat noch im Dez. Heft 1915 ihrer Zeitschrift dem Gedanken Ausdruck verliehen: „Ob durch den Krieg eineandauernde Besserungbewirkt werden wird, wird die Zukunft lehren” (S. 106) und auf das Stahlbad der ehernen Zeit gehofft, das insbesondere auch auf dem Gebiet des Sexuallebens tief einschneidende Aenderungen auslösen sollte. Da aber der Wille der Massen von den ökonomischen Einflüssen abhängig ist, da die Erkenntnis vorteilhafteren Lebens und die Bannung dogmatisch-religiöser Vorstellungen gerade durch den Krieg eine starke Beeinflussung erfahren haben, wird die Hoffnung der „Optimisten” Schiffbruch erleiden. Deutschland und insbesondere seine Juden werden mehr denn je ihre Fruchtbarkeit beschränken, wenn auch die Geburtenhöhe des Jahres 1920, des ersten Friedensjahres, durch ein momentanes Anschwellen der Heiraten, besonders infolge der Zuwanderung ansteigen wird. Aber die Erschwerung der Kinderhaltung wird durch die bekannten neuen Verhältnisse erst recht potenziert. Allerdings ist die absolute Zahl der Juden Deutschlands durch eine starke Einwanderung gekräftigt. Das verzögert den Prozeß, gestaltet ihn aber nicht um. —
Wer Sinn und Verständnis für Statistik hat, der mag sich den Bevölkerungsaufbau der Juden Berlins vom Jahre 1910 ansehen. Ich hätte ihn gerne ausführlichst mit weiteren früheren Altersgliederungen gegeben, muß aber aus Raummangel hier, wie so oft, mich bescheiden.
Von 100 Juden in Berlin[27]waren alt:
18711880190019100-20 Jahre40,938,530,22920-50 "47,048,452,35050 und älter12,113,117,520
Nach einzelnen Altersklassen wurden ausgezählt Personen (1910):
davon betrafen die0-5Jahre58590-1Jahre11485-1062381-2113610-1566272-3115015-2077913-4120420-2588794-5122125-30858830-35Jahre881461-65Jahre304135-40755266-70220240-45686971-75139145-50583776-8072150-55516081-8535255-60392486 undälter
Hier wie auch anderorts sind die Juden des reifen Alters in größerer Zahl vertreten als ihr Nachwuchs. Die aufrückenden jüngeren Jahrgänge sind nicht imstande, numerisch gleich stark an die Stelle der älteren Jahrgänge zu rücken. Die in den Jahren 1906-1910 in Berlin geborenen, insgesamt nicht ganz 6000 jüdischen Kinder werden in 2-3 Jahrzehnten aus sich heraus nur ca. 5000-5300 Erwachsene stellen, (bei günstiger Sterblichkeit). Damit ersetzen sie, oder sollen sie die heute 8588 25-30 Jährigen ersetzen! Und selbst mit den Jahrgängen jenseits der Fruchtbarkeitszeit, selbst mit diesen älteren Jahrgängen können sie sich nicht messen. Man kann mit viel Kunst Ziffern anzweifelnund den Wert der Statistik kritisieren. Hier zeigt sich schwarz auf weiß: die Fruchtbarkeit der Berliner Juden ist schon heute um große Teile zu gering. Exakte Berechnungen, die ich in der Preisschrift der Gesellschaft für Rassenhygiene anstellte, ergaben einen Nachwuchs, der weit mehr als 40% zu gering ist! Die Geburtenziffer von 1910-1914 ist noch stärker zurückgegangen. Eine Unterbilanz von etwa 50% war ihre Folge.
Der Altersaufbau gibt einen glänzenden Ueberblick über die Frage der Quantität des Nachwuchses. In der jüdischen Statistik ist diese treffliche Beobachtungsmethode leider unbeachtet geblieben. Einige Beispiele lehren die Uebereinstimmung des Prozesses an anderen jüdischen Centren.
Im Jahre 1905 gab es inHamburg
bei der allgemeinenjüdischen BevölkerungKinder(0-10 Jahre)176341 = 19.7%30275,15%Erwachsene(30-40 „ )140897 = 16%323416,5%
Bei derallgemeinenBevölkerung kam auf jeden Kopf der 30-40jährigen 1,25 der jüngeren Generation. Danach hatte die Hamburger Bevölkerung damals die Möglichkeit, sich aus den Kindern zu ergänzen. Bei den Juden kamen auf 3234 Dreissigjährige nur 3027 Kinder von 0-10 Jahren. Damit war die Altersklasse der Kinder um 7% schlechter besetzt. Erfahrungsgemäß fallen noch 10-12% infolge der Säuglings- und Kindersterblichkeit aus. Die jüdische Geburtenziffer war für Hamburg im Jahre 1905 mit 20% zu gering zu veranschlagen. Selbst wenn die ausländischen Juden daran schuld wären (Segall), so interessiert uns dies für den Augenblick nicht. Wir stellen momentan lediglich die Tatsache fest und können uns erst später den Einwänden nähern, die in dieser Ziffer Zufälligkeiten erblicken wollen.
Segall hat einmal eine weitschweifige Arbeit über die Münchener Juden herausgegeben, in der einige bedeutsame Ziffern in dem Wust der Tabellen verborgenblühten und die unbeachtet geblieben sind. Diese Zahlen betreffen den Bevölkerungsaufbau. Es waren in München:
Jahre altJudenGesamtbevölkerung18751905187519051-15108822254375814281016-30108531736476615898231-5081730345777415904451-7040014092766065912über 7077215480612235
Die eine Tatsache geht aus dieser Statistik klar hervor, daß (1905) die Jahrgänge der 1-15jährigen Juden durchschnittlich 148 Kinder zählen und die der 30-50jährigen 151 Personen. Wie sollen die 148 Kinder nach Abzug der Verluste durch ihre Sterblichkeit die mit 151 Personen besetzten Jahrgänge der Erwachsenen ersetzen?
Bei derallgemeinenBevölkerung ist eine ebenso große Einwanderung wie bei der jüdischen. Trotzdem kommen auf die mit 9520 Kinder besetzten Jahrgänge (0-15 Jahre) der Gesamtbevölkerung nur 7952 Erwachsene von 30-50 Jahren. Bei der christlichen Bevölkerung war der Nachwuchs fast genügend, bei der jüdischen war er absolut ungenügend. Und Segall gibt selbst den Beweis, daß die starke Einwanderung in die Städte nicht den Grund für den anormalen Volksaufbau abgibt. Er gibt ja die Statistik des Jahres 1875, da die Zuwanderung in München schon begonnen hatte. Damals waren 1-15 Jahre alt durchschnittlich 72 Juden und 31-50 jährig nur 41 Personen.
Segalls Irrtum, daß die ausländischen Juden die Fruchtbarkeit herabdrücken, erweist die Statistik der Leipziger Juden.
Hier, wo die verhältnismäßig stärkste Zuwanderungvon Ostjuden besteht, isteinzig und allein eine stärkere Besetzung der jüngeren Jahresklassen(der Kinder)anzutreffen. Es waren die Altersklassen besetzt in Leipzig
190019051-1019,6%20,1%10-2020,620,120-3019,720,730-4015,314,840-5012,412,8
In Leipzig ist sogar die Zahl der Kinder unter der Bevölkerung proportionell gewachsen!
Segall gibt in seiner „Andacht zum Unbedeutenden” wie einmal A. W. Schlegel sich ausdrückte, das von amtlicher Stelle gesammelte Material in hundert Aufsätzen und Arbeiten, aber er verwirrt nur die Probleme mit seinen Kommentaren. Er kompliziert die einfachsten Vorgänge.
Segall genügt nichts. Er sieht die Ziffern der Eheschließungen, Ehelosen, der Geburten, ihr Verhältnis zu den Eheschließungen. Nichts genügt ihm, der Geburtenrückgang erscheint ihm nicht wissenschaftlich belegt. Nur die Fruchtbarkeitsziffer könne bezeugen, ob tatsächlich die Kinder bei den Juden weniger wurden. Zum Unglück aber könne man diese Ziffer nicht bekommen. Wie steht es nun wirklich mit diesem seltenen Schlüssel, der allein uns das Rätsel lösen könnte. Diese Fruchtbarkeitsberechnung geht von dem Gedanken aus, die Zahl der Geburten an den Frauen zu messen, die gebärfähig sind, also anallenMädchen und Frauen vom 15. bis 50. Lebensjahre. Jacob Segall benutzte eine Auszählung, die ernuran den MünchenerEhefrauen anstellte. Diese Arbeit ist natürlich nur eine halbe Sache. Die Fruchtbarkeit hängt nicht nur von verheirateten Frauen ab, sondern von allen weiblichen Wesen, also auch von ledigen ohne Kinder. Ist der Prozentsatz der Ledigen gering, so kann eine mäßigeehelicheFruchtbarkeit noch genügenden Nachwuchs liefern, ist die Ziffer der Ledigen mit Kindern groß, so könnte auch eine mäßige eheliche Geburtenziffer die Größe des Nachwuchses nicht beeinträchtigen. Alle diese Zwischenfragen werden überflüssig, wenn wir die Fruchtbarkeitsziffer an allen weiblichen Individuen ermitteln.
Aber selbst die Entwicklung der ehelichen Fruchtbarkeit in München müßte einem Statistiker zu denken geben, denn das ist ja eben das wesentliche an dieser Untersuchungsmethode, daß sie sich frei macht von der Besetzung der einzelnen Jahresklassen, daß sie die Einflüsse der Abwanderung gebärfähiger Elemente paralysiert und ein wirklichesabsolut einwandfreies Bildder Zeugungslust abgibt. Nach den Segallschen Zahlen habe ich diese jüdische eheliche Fruchtbarkeit zusammen gefaßt. Sie beträgt in München
Im Durchschnitt d. JahreGeburten1875/762221877/821701883/801221891/991121900/05107,5
Glaubt Segall wirklich, daß dieser rapide Geburtensturz der Münchener Jüdinnen eine in Deutschland singuläre Erscheinung darstellt? Da er mir vorwarf, daß ich die Fruchtbarkeitsberechnung nicht für andere Gegenden aufstellte, kam ich seinen Vorhaltungen nach und habe eine einwandfreie in der citierten Preisarbeit über die Berliner Juden niedergelegt.
Meine Berechnungen wenden sich nicht nur an die gebärfähigen Ehefrauen, sondern berücksichtigen, wo es logisch ist, alle fruchtbarkeitsfähige weibliche Wesen. Es wäre ein leichtes, auch wenn die offizielle Statistik diesbezüglich versagt, diese Ziffern für andere jüdische Gemeinden nachzuprüfen.
Es trafen auf 1000 verheiratete und ledige weibliche Personen im Fruchtbarkeitsalter Geburten bei der
preuß. Bev.Berliner Bev.bei d. Jüd. Berlins1880105100,818959667,519008460,81905ca. 150-1607656,8191048,61911/1440-45
Eingehendere Ziffern sind a. O. gegeben. Im Jahre 1910 fanden sich in Berlin 25742 Jüdinnen im Alter von 15-50 Jahren. Ihre Geburtenziffer in 1100 ehelichen jüdischen und 100 unehelichen und ca. 50 jüdischen Kindern aus Mischehen (die biologische Fruchtbarkeitsziffer der Jüdinnen ohne Rücksicht auf die Kindererziehung war dementsprechend 50,5).
Die allgemeine Fruchtbarkeitsziffer für die gesamte Bevölkerung war z. B. in Bayern
1908-121913in den Großstädten87,174,9in den Bezirksämtern145,5124,0
Jeder Mathematiker kann nachrechnen, daß eine Bevölkerung ohne jede Kindersterblichkeit 57,2 Geburten pro Jahr auf 1000 Frauen (15-50 Jahren) gebraucht. Bei eineridealenSäuglings- und Kindersterblichkeit und Mortalität der Erwachsenen bis zum 50. Jahre aber 65 Geburten. In praxi dürften bei den heutigen Mortalitätsverhältnissen 70 Geburten auf 1000 gebärfähigen Frauen gerade die Bevölkerung erhalten. Darnach war dieBerliner jüdische Fruchtbarkeit um über 40% zu gering.
Segall verlangte nach einer Fruchtbarkeitsstatistik eines Landes. Die großstädtische Ziffer genügte ihm mit Recht nicht. Er hätte sie sich selbst bequem aus der Ruppinschen Arbeit (III. Jahrgang der Zeitschr. f. Statistik) ausziehen können. Sie ergibt für das Jahr 1905 und fürHessenmit reichlich ländlichen Gemeinden einen Fruchtbarkeitswert von 65. Damithinkt die jüdische Fruchtbarkeit Hessens der Berlins nicht sehr nach. Auch Hessen teilte das Schicksal der deutschen Juden bereits 1905.
Genug der Methodik, der Tabellen, der Polemik.
Eine folgende schlichte Zusammenstellung ergibt dem, dem das Gewirr der Tabellen nicht Klarheit bietet, den erwünschten Ueberblick.
Von 100 Mädchen, die vor 45 Jahren von jüdischen Eltern geboren wurden (im Durchschnitt berechnet)
sind getauft als Kind und späterledig u. kinderlosledige Mütterheir. Nichtjud.heir. JudenInsgesamt22231855100davon jüdisch. Nachwuchs0034118125
Auf jede dieser Frauen kommen momentan durchschnittlich 1,25 Kinder, während zur Erhaltung der Art 2,4 Kinder auf den Schoß jedes Weibes entfallen sollten. (Man verwechsle hiermit nicht unsere Berechnung, wonach auf jede jüdische Ehe je 2,15 kommen. Hier handelt es sich nicht nur um die Ehestatistik, die übrigens in Rubrik 5 enthalten ist, sondern um die Fruchtbarkeit im allgemeinen). Selbst wer nachsichtig, noch so liebevoll wissenschaftlich die Statistik des jüdischen Sexuallebens bearbeitet, kann nie und nimmer zu anderen Resultaten gelangen. (Dr.Herlitzfand an einzelnen Familien ähnliche Resultate, die er in dem Wiener Archiv für jüdische Genealogie publizierte).Die den Juden zufließende Fruchtbarkeit war nach dem statistischen Stand im Jahre 1913 um die Hälfte zu gering.
Der Stolz des Mannes ist sein Volk.
Beaconsfield.
Die Theologen und Moralisten haben in der Austrittsbewegung nur die ethische Komponente beobachtet. Sie haben das verwerfliche Motiv unterstrichen, wonach die Anerkennung dogmatischer Voraussetzungen und religiöser Ideengänge von äußeren Vorteilen abhängig gemacht wird. Sie bewerten den Charakter des Austritts als gesellschaftliche Erscheinung ideell, aber nicht soziologisch. Man hat bisher wenig die Ursachen dieser Bewegung aufgeklärt. Zeitlich seit der Emanzipation verliert die Taufe den Charakter der Seltenheit. Bereits 1811 reichte David Friedländer dem Staatskanzler von Hardenberg ein Verzeichnis ein, nach dem in den vorhergehenden 8 Jahren 32 Familien und 18 ledige Männer in Berlin die Taufe nahmen. 1830 klagte Sarah Levy, die Tochter Itzigs: „Ich komme mir vor wie ein entlaubter Baum; alle die Meinigen um mich her sind durch ihren Uebertritt zum Christentum mir doch in vieler Hinsicht fremd geworden.” In einer demnächst erscheinenden Arbeit über „Die Juden in der deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte” konnte ich beobachten, daß gerade die bedeutendsten und bekanntesten deutschen Juden in Handel und Verkehr, in der Literatur, Kunst und Wissenschaft die Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft gelöst haben.
Der Mangel jüdischer Kenntnisse und die fehlende Ehrfurcht vor den Geistesgrößen des Judentums allein kann nicht die Erklärung bieten, wenn sogar die Familien der Vorkämpfer die Taufe nahmen.Fishbergmachte bereits nebenSamter(„Judentaufen”) darauf aufmerksam: „Die bestbekanntesten jüdischen Familien aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts sind in der christlichen Majorität, in deren Mitte sie lebten, aufgegangen.” Dazu sind zu rechnen: die Mendelsohns, die Nachkommen des jüdischen Historikers Bresslau und Grätz, des begeisterten Chowewe Zionisten Hirsch Kalischer, die Anverwandtschaft des jüdischen Schriftstellers Bernstein bis in die Kreise des Berthold Auerbach und Gabriel Rießer, Söhne gebildeter Rabbiner (Wedell, Levy[28], Klemperer etc.), wie die Kinder von jüdischen Adeligen, welche als Juden nobilitiert worden waren z. T. mit alttestamentarischen und prononcierten Namen Cohn-Oppenheim, v. Hirsch. Von 100 geadelten Familien rechnet sich der kleinste Teil noch zu den Juden. Die v. Bleichröder, Beit auf Speyer, Friedländer-Fould, von Weinberg — um nur einige zu nennen — sind convertiert. Aus den Kreisen der Wissenschaft wären viele Hunderte aufzuzählen, die nur noch der Rasse nach als Juden betrachtet werden können. Von vielen bekannten Forscher-Familien[29]und vielen Häusern der Haute-Finance ist es kaum mehr bekannt, daß ihr Aufstieg durch einen Juden eingeleitet wurde. In einer Arbeit (Archiv f. Rassen und Ges. Biol. 1911) zur Geschichte der Familie Samson habe ich Beispiele für den Uebergang der geadelten deutschen Judenschaft in die christliche Gesellschaft angeführt. Für die nobilitierten deutschen Juden bedeutete die Aufnahme in eine derKreise der alten Geschlechter den letzten möglichen Aufstieg, den Höhepunkt ihres ehrgeizigen Strebens. (Blauhat vor dem Krieg nachgewiesen, daß in Berlin unter den Austretenden allein 12 Personen, die mehr als 1000 Mk. Steuern zahlten, sich befanden, also damals Millionäre waren.) Bei der Sucht eine Rolle zu spielen, geachtet zu werden, ist die Taufe so lange eine Notwendigkeit, als die jüdische Gemeinschaft nicht nur fremdartig, sondern alsminderwertigden Deutschen und ihnen selbst erscheint.
Ueber die numerische Bedeutung belehren einige Berechnungen vonHoffmann,Samteru. a. Danach gab es
1822-1840Uebertritte in Preußen22001841-188070001880-19126513
Für Dresden liegen genaue Erfassungen vor. Dort waren (1886-1911) 277 Austritte und 30 Eintritte.
InHamburg(nach Weigert)inWienTaufenAustritteEintritte1885-18902811880110531890-18953701890302601895-19003811901/0531045001900-19054041906/1030737661905-1910363
inBerlinAustritte1873-1880511881-18881051889-18965091897-19049961905-191313241913-19191055
Für das Jahr 1903 hatte das Büro für Statistik d. J. eine Enquête für ganz Deutschland veranstaltet. Es wurden 20 Eintritte und 259 Austritte gemeldet, davon etwa 120 zum Protestantismus, während die „Mitteilungen” der evangelischen Landeskirche von 500 Uebertrittensprachen. Da viele Juden an Orten, wo man es sozusagen nicht wahrnimmt, aus dem Judentum verschwinden, kann letztere Ziffer richtig sein. Samter hat auch in Berlin höhere Taufziffern als Blau (Zeitschr. f. Statistik d. J. III. Jahrg. S. 149). Sie sind durchweg um das 2-3 fache so hoch als die Austrittsziffern, welche die jüdische Gemeinde gibt. Samter zitiert hierfür das städt. Jahrbuch der Stadt Berlin und das Allg. Kirchenblatt f. d. ev. Deutschland. Zusammen mit den Uebertritten zum Katholizismus und den Anschluß an die dissidentische Bewegung ist der Abfall vom Judentum (die Taufe etc. der Kinder jüdischer Ehen einbezogen) etwa um die Jahrhundertwende auf mindestens 1000 pro Jahr für Deutschland zu veranschlagen.
Die jüdischen Gemeindestatistiken ermitteln fast nur Täuflinge über 20 Jahre, 17-20 jährige betrafen nur wenige, kleine Kinder allein wurden ohne die Taufe der Eltern nie gemeldet, so daß die der Kinder allein statistisch nicht festgehalten wurde.Artur Kahnhat in dem Blatt der Großloge für Deutschland geschrieben, daß s. Z. ca. 15% aller jüdischen Kinder am evangelischen Religionsunterricht teilnahmen. In einzelnen Lehranstalten steigt der Prozentsatz bis über 30%. Natürlich ist die Erteilung des Religionsunterrichts nicht nur eine rein platonische Ehrenbezeugung vor dem Christentum. Die Konsequenzen aus dieser Vorliebe für die Heilswahrheit des Evangelismus ziehen die Eltern bei passender Gelegenheit, sonst hätte diese Uebung keinen Zweck. Ebenso bedeutsam ist die Tatsache, daß in dem Jahr 1897 von 11668 jüdischen Kindern 1245 ohne Religionsunterricht waren.
Die Absentierung vom jüdischen Unterricht bedeutet eine starke Abneigung gegen die jüdische Religion, die leicht zur vollständigen Aufgabe jeglicher Beziehungen zur Religionsgemeinschaft führt. Blau hat in Gross-Berlin (Zeitschr. f. Stat. d. J. Bd. 11 S. 12) von 36671 Kindern rein jüdischer Ehen 416 in nicht jüdischem Glauben ermittelt, darunter nur 24 konfessionslos und3 als katholisch, 389 evangelisch. Diese Auszählung gibt einen gewissen Ueberblick über die Kindertaufe.Dora Weigerthat in einer eingehenden und trefflichen Arbeit für Hamburg nachgewiesen, daß von 100 ehelich geborenen jüdischen Kindern vom Jahre 1880-1910 1,6-3,6% getauft wurden, bei den unehelichen schwankt der Prozentsatz zwischen 10-18%, wir können also mit einer Taufe von Kindern rechnen, die für ganz Deutschland zwischen 1 und 2% aller geborenen liegt.
Nicht uninteressant ist es, der Berufstätigkeit der Täuflinge nachzuspüren. 1911 waren in Berlin unter den 148 Männern 45 Akademiker, also fast ein Drittel, was natürlich der Beteiligung dieser Berufe an der Bevölkerung nicht entspricht.
Gotthold Weilhat in der „Jüdischen Rundschau” einige der Motive bloßgelegt. „Die Sorge der Eltern um ihre Kinder, die Furcht, daß diesen später einmal durch die Zugehörigkeit zum Judentum viele Schwierigkeiten im öffentlichen Leben erwachsen könnten, bestimmte die meisten nur nach dem Erfolg strebenden Eltern durch einen rechtzeitigen Austritt aus dem Judentum ihren Kindern wenigstens die äußeren Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die sie trotz großen Fleißes und starker Kämpfe für sich nicht zu beseitigen vermochten.”
G.Wolfbemerkte in seiner Abhandlung „Die Judentaufen in Oesterreich” (Wien 1863) „Aller Sorge und Qual des unsäglichen Jammers und Elends konnte man sich mit einem Schlage entledigen. Das Taufwasser wäscht jede Schmach und jeden Makel weg; er, der noch gestern gramgebeugt einherging, kann heute stolz das Haupt emporgehoben einhergehen, noch mehr, er wird mit Amt und Würden ausgezeichnet.”
Neuerdings ist zum Austritt der Reichen und der Akademiker noch eine Abfallbewegung der Proletarier gekommen. Eine genaue Untersuchung der Wiener und Berliner Statistik hat diese auf den ersten Augenblick befremdende Erscheinung sichergestellt.
Die Taufe der Wohlhabenden ist der Ausdruck ihres Strebens über das Erreichte noch emporzukommen. Auf das Butterbrot der Konversion bekommt man, wie Nordau einmal sagte, alles gestrichen, sie ist das Entreebillet zur besten Gesellschaft, sie ist noch heute die conditio sine qua non, für akademische Lehrstätten, kurz für Amt und Würde und Auszeichnung. Ueber das Weihbecken geht der aussichtsvolle und bequeme Weg zu den Quellen der Macht und dem sprudelnden Born der Wissenschaft. In Ländern, wo die politische Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden restlos auch im Unterbewußtsein des Volkes sich durchgesetzt hat, ist die Taufe eine unbekannte Erscheinung. Im Lande D'Israelis und Ricardos ist sie heute überflüssig geworden, in Vergessenheit geraten, ebenso wie im Reich der Luzatti und Ottolenghi. Solange die Juden den Deutschen minderwertig erscheinen, wird die Taufe anhalten, und viele, die nicht die Kraft oder das Lustvermögen aufbringen, das Los der Mißachteten zu teilen, aus ihrer Mitte entführen. Die Juden, die dem Judentum den Wert absprachen, sind Produkte dieser Konstellation.Rathenau,Samuel Lublinski,Benedictus Levita,Weininger,Fromer,Trebitzschund andere handelten und schrieben unter dem Einfluß der politischen Lage.
Bleichröder meinte zu Bismarck (Zukunft 17. Jahrg. No. 32): Etwas sujet mixte muss auch der beste deutsche Jude bleiben, wie es schon in den Worten deutscher Jude liegt. Und es gibt nur drei Auswege aus dieser Doppelmischung: „Rückkehr nach Jerusalem oder wie es die meisten meiner Glaubensgenossen jetzt so halten, völlig Eins werden und Untergehen in dem germanischen Volkskörper.” Ein Königsberger Jude verstieg sich sogar zur Forderung der Zwangsmischehen, deren Kinder zu taufen seien (Grätz II 5. 263).„Der moderne Jude ist in das Kulturleben der Wirtsvölker eingetreten (Fromer), nimmt an ihren Freuden und Leiden Anteil, und beansprucht gesellschaftliche und politische Gleichstellung. Er ist auf die Leiden nicht gefasst, hat keinen Trost, keine Linderung für diese Leiden und ist gegen die Auflösung, die er nicht will, durch nichts geschützt.”
Bleichröder meinte zu Bismarck (Zukunft 17. Jahrg. No. 32): Etwas sujet mixte muss auch der beste deutsche Jude bleiben, wie es schon in den Worten deutscher Jude liegt. Und es gibt nur drei Auswege aus dieser Doppelmischung: „Rückkehr nach Jerusalem oder wie es die meisten meiner Glaubensgenossen jetzt so halten, völlig Eins werden und Untergehen in dem germanischen Volkskörper.” Ein Königsberger Jude verstieg sich sogar zur Forderung der Zwangsmischehen, deren Kinder zu taufen seien (Grätz II 5. 263).
„Der moderne Jude ist in das Kulturleben der Wirtsvölker eingetreten (Fromer), nimmt an ihren Freuden und Leiden Anteil, und beansprucht gesellschaftliche und politische Gleichstellung. Er ist auf die Leiden nicht gefasst, hat keinen Trost, keine Linderung für diese Leiden und ist gegen die Auflösung, die er nicht will, durch nichts geschützt.”
Marcusefindet in seiner Apologetik der Mischehe (Sexualprobleme (1912)): „Die Auflösung ein Schicksal, das zugleich aufs innigste zu wünschen und wie jede auf ihren Gesetzen sich vollziehende Entwicklung unabwendbar. So kann die Mischehe nur, was zum Sterben reif ist, einem schnelleren und schöneren Tod zuführen und der jüdische Deutsche darf, wenn er klar erkennt, was ist und was werden muss, mit FriedrichBiachdie Bezeichnung der Mischehe als eines Selbstmordes getrost anerkennen, aber als eines freien und freudigen Selbstmordes: Denn ich will nicht mehr das Selbst sein, das ich war, ich will dem herrlichen Volke angehören, in dessen Mitte ich geboren; stirb zur rechten Zeit: also lehrte Zarathustra, allzu lange haben wir gezaudert.”
Marcusefindet in seiner Apologetik der Mischehe (Sexualprobleme (1912)): „Die Auflösung ein Schicksal, das zugleich aufs innigste zu wünschen und wie jede auf ihren Gesetzen sich vollziehende Entwicklung unabwendbar. So kann die Mischehe nur, was zum Sterben reif ist, einem schnelleren und schöneren Tod zuführen und der jüdische Deutsche darf, wenn er klar erkennt, was ist und was werden muss, mit FriedrichBiachdie Bezeichnung der Mischehe als eines Selbstmordes getrost anerkennen, aber als eines freien und freudigen Selbstmordes: Denn ich will nicht mehr das Selbst sein, das ich war, ich will dem herrlichen Volke angehören, in dessen Mitte ich geboren; stirb zur rechten Zeit: also lehrte Zarathustra, allzu lange haben wir gezaudert.”
Der deutsche Jude entlehnt einen Teil seiner Methodologie antisemitischer Lektüre. Chamberlain haben die meisten Juden gelesen. Der scharfe, kritische Geist erkennt am besten die Schwäche seines Volkes. Wie bei einem geschlagenen Heer, wenn die Kommando-Gewalt der Offiziere versagt, die Soldaten zu entweichen suchen, so drückt sich die Masse der Juden, die sich nur an ihren eigenen Interessen orientieren, denen das jüdische Joch zu schwer wird. Aus der Not wird eine Tugend. Die Aufgabe des eigenen Ichs zu einem kategorischen Imperativ — der Abschied vom Judentum zur befreienden Tat.
Letzten Endes ist dieser Vorgang nichts anderes als ein Versuch aus dem sich entwurzelnden Judentum mit einem kühnen Sprung ins andere Lager zu springen.
Kompliziert wird aber die Judenfrage durch neue Einflüsse. Die jüdische Gemeinschaft des XIX. Jahrhunderts galt allgemein als religiöse Korporation. Die vom Sozialismus erfassten Kreise des Proletariats und ihres Umkreises haben aus politischen und kulturellen Erwägungen heraus den Kampf gegen den Katholizismus als den Bundesgenossen des Centrums und gegen die evangelische Kirche als die Beschützerin der bestehenden Rechtsordnung und der konservativen Richtung angenommen. Die Feindschaft ging somit gegen die Religionen als die Horte der Reaktion, als Fundamente des Autoritätsglaubens, des Konservativismus, dem derFortschritt, die materielle und rein ökonomische Auffassung der Lebensprobleme entgegenstanden. Aus diesempolitischenGegensatz resultiert die Verneinung der Existenzberechtigung der Konfessionen, die erbitterte Feindschaft der radikalen Parteien gegen die Kirchen und die Geistlichkeit. Die Abwehrstellung gegen die Religionen entspringt einer politischen Einstellung, die durch kulturelle Interessen gefördert wird. Auch im universellen Gedanken der Profeten stecken Ansätze, die zum Bund der allmenschlichen ethischen Gemeinschaft führen zum Ueber-Konfessionalismus, zu Formen der allgemeinen humanen Ethik, die in seiner vollen Tiefe Spinoza geahnt hat.
Der Jude mit seinem scharfsinnigen Geist und seiner ethisch prononcierten Ueberlegung hat am frühesten sich allen Bewegungen angeschlossen, die das geistige Ghetto, das die Völker umgab, durchbrechen sollten. Deshalb waren lange Zeit die Konfessionslosen meist jüdischer Rasse.
Ist die Taufe in gewissem Sinne eine Folge des Antisemitismus und ist die Taufe vor allem das Mittel des utilitaristisch denkenden Menschen, so ist der Austritt der Freidenker, Atheisten, Ueberkonfessionellen u. s. w. gerade das Stigma idealistisch gesinnter Personen, die in dem Abstreifen einer engherzigen Religionsgemeinschaft eine kulturelle Tat begangen zu haben glauben.
Solange das Judentum als rein religiöse Organisation fungiert, werden sich welche von ihm absondern, die keine religiösen Interessen oder nicht die jüdischen besitzen. Dabei wird die Erleichterung des Austritts ihre Zahl um das Heer derer vermehren, die aus den simpelsten finanziellen Erwägungen (die aber heute für jeden Haushalt von weittragendster Bedeutung sind) heraus den Augenblick begrüßen, einer der vielen Belastungen zu entgehen, mit denen man in Deutschland zur Stunde recht gesegnet ist.
Das Bekenntnis zum Judentum ist eine freiwillige Willensäußerung. Sie appelliert an die Ueberzeugung,an das Gefühl des einzelnen, aber es steht ihr kein Machtmittel zur Verfügung, ihre Mitglieder festzuhalten. Vorerst hat sie keine Möglichkeit, ihre Anhänger von ökonomischen, kulturellen, politischen und anderen Interessengebieten unabhängig zu machen. Wohl können sich einzelne persönlich in vielem freimachen, die Mehrzahl, die in Deutschland lebt, wird wohl ihren Anteil an den Lebensformen der Umwelt nehmen. Solange die Judengemeinschaft bestehen bleibt, dauert dann der Anreiz an, der Zwitterstellung zwischen Deutschen und Juden zu entsagen. Mögen in jüdischem Lager die Philosophen und Literaten, die Theologen und Politiker die Unterschiede in der Rassenpsyche und der letzten Mentalität der beiden Volksteile bestreiten, die Konkruluz des Deutschtums und des Judentums beweisen, das Unternehmen wird immer ein akademisches bleiben, so lange die tatsächlichen Kontraste, die Randspannungsgefühle der beiden Gemeinschaften nicht einen gewissen Ausgleich gefunden haben. Ob dieser letzten Endes bei den Menschen überhaupt und gerade den Deutschen möglich ist, ist nicht a priori abzusehen. Im Orient haben Jahrhunderte lang fremde Rassen nebeneinander gelebt, das alte römische Reich war vielerorts das Sammelbecken der verschiedensten Völker, in Indien sollen verschiedene Nationen friedlich nebeneinander hausen.
Vorerst hat die deutsche Judenheit in den letzten hundert Jahren ihren Zusammenhang mit dem nationalen Judentum gelöst und die religiösen Absonderungsgesetze und Sitten gelockert. An die feste Vorstellung von der Auserwähltheit des jüdischen Volkes, das in jedem Anhänger das unbedingteste Vertrauen an die Zukunft der eigenen Nation, die Hoffnung auf den Messias so fest verankerte, daß kein Zweifel möglich war, trat eine rationalistische ethische Vorstellung von Gott und der Welt, losgelöst von alter Form und ureigenstem Inhalt.
Der Nivellierung, Assimilierung und Entjudaisierung ist gerade dadurch, daß nunmehr das Judentum die festennationalen und religiösen Umrisse verloren hat, die Arbeit der Auflösung leicht gemacht. Dass die deutschen Juden die Rückkehr zum nationalen und religiösen Judentum antreten werden, ist unwahrscheinlich. Wie wenig das neologe religiöse Judentum die Erhaltung bewerkstelligen konnte, belegt die Geschichte des ganzen XIX. Jahrhunderts. Ob demnationalenJudentum, also einer Komponente des jüdischen Komplexes, die Kraft des ursprünglichen nationalen und religiösen Judentums inne wohnt, ist fraglich.
Nicht der Sieg über die neologen und religiös interessierten Juden, nicht die Erreichung neuer Gesetze wird ihre letzte Bedeutung belegen, sondern die Fähigkeit des Nationalismus, alle Juden zu erfassen und das Judentum zu binden, insbesondere das Sexualleben so zu regeln, dass Eros sie nicht außerhalb der Gemeinschaft hinausführt, ein Unterfangen, dem man nur mit größtem Skeptizismus gegenüber treten kann ...
Selig die, denen diese Gedankengänge überflüssig und zu schwarz erscheinen!
Religion und Inzucht waren die beiden eisernen Reifen, die das jüdische Volk fest umschlossen und als eine einzige feste Masse durch die Jahrtausende erhalten haben. Und wenn sie sich lockern? Was wird dann die Wirkung sein?
Werner Sombart.
„Das genealogische Moment hat die Nationen nicht geschaffen, sondern sie fixiert. Die Vererbung ist ein Zeichen und das Resultat der Nationalität, aber nicht ihre Ursache. Nicht der Beginn, sondern die weitere Existenz wird durch die Vererbung erklärt” (Bluntschli: Die nationale Staatenbildung, gesammelte Schriften). Mit anderen Worten: Nachdem eine gewisse Menschengruppe, die aus den verschiedensten Rassenbestandteilen zusammengewürfelt sein kann, untereinander in engere Verbindung getreten ist, wird nach D.Pasmanikdurch Wechselheiraten und Vererbung ein bestimmter Menschentypus fixiert und konserviert. Der ursprünglichen wahllosen Vermischung der Juden in der Zeit ihrer Volkswerdung suchten einzelne weitsehende jüdische Politiker entgegen zu treten. Die Vorkehrungen gegen die Mischehe und die sie verwerfende Stellen deuten darauf hin. (Abraham und Isaak — Jacobs Brautfahrt, Deut. 23, 4, 8, 9, die Eheverbote mit den Amalikitern, Moabitern, Edomiternund Egyptern. Es sei an Ex. 34, 15, 16, und Deut. 7, 3, 4, erinnert).
Unter Esra und Nehemia wurde der Kampf um die Reinerhaltung der jüdischen Art bewußt durchgeführt. Auch im Talmud befinden sich viele dahin zielende Auslassungen. Maimonides und insbesondere der Schulchan Aruch, der diese Entwicklungen abschliesst, kommt zu einer absoluten Verwerfung der Mischehe. Praktisch hat (nach dem Schrifttum) Esra am konsequentesten gehandelt, indem er die damals in Palästina existierenden 113 Mischehen verwarf und ihre Auflösung durchsetzte. So alt die Geschichte der Juden ist, so oft wiederholen sich aber Ansätze und Ausbreitung der Mischehe. Moses heiratete die Tochter eines midianitischen Götzenpriesters, die allerdings rassenmässig einem nicht sehr fernestehenden Stamme angehörte. Die Sexualbeziehungen von Simson und David, des Sohnes der Moabiterin Ruth, Salomons, des Nachkommens einer hittitischen Mutter, Ahabs u. a. darf man als bekannt voraussetzen. Ich verweise hierbei insbesondere auf die Arbeit von Dr.Fritz Kahn, „Die Juden — als Rasse und Kulturvolk,” Welt-Verlag 1920, und Dr. Tänzers „Die Mischehe,” Berlin 1913.”
Eine Rolle in der jüdischen Religion und in den Festen dieses Volkes spielen die Vorgänge am persischen Hofe zur Zeit der Königin Esther, und man kann es den Kabbalisten nicht verdenken, daß sie deren Andenken verwarfen. Unter den Hasmonäern in der Zeit des Hellenismus tritt die Mischehe recht stark auf. Im Mittelalter gibt es sogar in Deutschland (900-1100) erotische Wechselbeziehungen mit der christlichen Umgebung.
In der Geschichte der Rassenforschung ist die Frage nach der Vermischung der Juden des häufigen aufgeworfen worden. Von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, schwankt das Urteil über die Beimischung fremden Blutes.
Historisch wichtig ist, daß im XVI., XVII. und XVIII. Jahrhundert Mischehen im gesamten Judentum der Welt zu den Ausnahmeerscheinungen gehörten. Diese sexuelle Abgeschlossenheit, wird durch die Mischehe durchbrochen in der Zeit der Emanzipation und in hoc signo. Napoleon wollte jeden dritten Juden zwingen, einen christlichen Gemahl zu nehmen, sein Staatsrat wies allerdings eine solche Maßnahme zurück. Sogar Bismarck war für die Zucht des arischen Hengstes mit der semitischen Stute, wie auch E. v. Hartmann und andere die providenzielle Beimischung des jüdischen Blutstropfens als einen Segen für den deutschen Michel hielten. Sogar im jüdischen Lager wurde für die Mischehe Propaganda gemacht.
Natürlich fanden sich auch Gegner. So protestierte H. St. Chamberlain gegen die Idee einer Infizierung der Indoeuropäer mit jüdischem Blut. „Ginge das ein paar Jahrhunderte fort, es gäbe dann in Europa nur noch ein einziges rassereines Volk, das der Juden; alles übrige wäre eine Herde pseudo-hebräischer Mestizen und zwar ein unzweifelhaft physisch, geistig und moralisch degeneriertes Volk.”
Die Kenntnis und Benutzung des Hebräischen als Kultursprache, des jüdisch-deutschen als Umgangsdialekt, die absolute Befangenheit im jüdischen Glauben verbanden sich als psychische Voraussetzungen für die Inzucht. Das Einheiraten in die Gruppe derselben Menschen, hatte zur Erhaltung eines körperlich von anderen unterschiedlichen Typus geführt, der zwar nicht reinrassig in dem Sinne ist, als ob nur eine und dieselbe Form von Menschen am Eingang der jüdischen Nation bestanden hätte.
Aber die stetige Verschwägerung der Juden führte zu einer körperlichen Verwandtschaft, die sich im Aussehen allein schon anzeigt.Fishberghat ganz recht, wenn er von der Mischehe das völlige Aufgehen des Judentums erwartet, weil die Kinder von Mischpaaren nicht mehr Träger der jüdischen Rasse seinkönnen und religiös zumeist aus dem Judentum ausscheiden.
Die Mischehe ist dementsprechend eine weitere Form der Auflösung der jüdischen Gemeinschaft. Die Wege zur Mischehe sind verschiedentliche.Sie liegen letzten Endes nicht wie die Taufbewegung auf politischem Gebiet, sondern auf sozialem.Ist die Geburtseinschränkung ein vornehmlich durch ökonomische Ursachen bedingter Vorgang, so führen gesellschaftliche Momente zur Vermischung. Man kann ihre einzelnen Vorausbedingungen einbeziehen in das Gebiet der:
1. Die Wege der Liebe sind oft wunderbar. Aber erst die Neuzeit, welche die Schranken zwischen den einzelnen Klassen und Kasten wegräumt, hat im Erwerbsleben, im gesellschaftlichen Umgang auf Schritt und Tritt den jüdischen und nichtjüdischen Mensch einander näher gebracht. Ob die psychischen Differenzen durch die erotischen Beziehungen, die zwei so verschiedene Charaktere aneinander knüpfen, auf die Dauer überbrückt werden, diese Ueberlegung versagt, wo starke Erotik alle übrigen Denkvorgänge zurückdrängt. Das Ideal der altjüdischen Ehe war die Heirat durch den Segen der Eltern und nach deren Willen und Bestimmung. Das Idol der heutigen und kommenden Bindungen ist die völlige Abkehr von allen Konventionshindernissen.
2. Die Gewöhnung als Voraussetzung zur Mischehe besteht in der Fortsetzung des Verhältnisses in der Legalisierung des Zusammenlebens. Der Student, der Handlungsgehilfe, der sich in seinem Drang einen Kameraden sucht, nimmt ihn häufiger aus dem christlichen Volke, da sich die Jüdinnen weniger leicht hingeben. Mit der Zeit, durch äußere Umstände, Schwangerschaft,Geburt eines Kindes, Infizierung und so weiter findet die ursprünglich nur auf kurze Zeit gedachte Verbindung ihren Dauerzustand in der Ehe.
3. Um gesellschaftlich emporzukommen, verheiraten sich reiche Jüdinnen mit verarmten Adligen oder wohlhabende Juden mit Nichtjüdinnen aus vornehmen Hause. Die Jüdin, die in ihrem Kreise keinen Mann findet, insbesondere die arme, ist froh, wenn sie einem Nichtjuden gefällt. Denn der innerste Beruf des Weibes ist ihr Streben nach der Hingabe. Und die Vereinsamung um Volkes willen mag ein gutes nationales Ziel sein. Rein menschlich betrachtet ist dieser Idealismus obsolet. Vielfach kann sich auch das heterogene Geschlechts- und Schönheitsempfinden ausleben erst in den Beziehungen zur Umwelt. Der dunkle Jude, auf den das blonde schlichte Gretchen, die große schlanke Frauengestalt der Deutschen wirkt: Les extrêmes se touchent. Die Juden fangen bereits an, bei der Wahl des Ehegatten das Schönheitsideal des sie umgebenden Volkes anzuerkennen, die jüdische Art und den jüdischen Typus zu meiden und den sogenannten arischen zu bevorzugen. In jüdischen Heiratsannoncen wird oft die blonde Haarfarbe hervorgehoben und sogar die geschmackvolle Bemerkung „nicht jüdisch aussehend” ist nicht allzu selten (Ruppin).
Umgekehrt erotisiert die schwarze Jüdin, mit ihrem Reiz, ihrer Eigenart, und ihrer geistigen Aufgewecktheit den Nichtjuden; selbst ausgeprägte antisemitische Ueberlegungen treten oft zurück, wo schöne Judenmädchen mit Feinden ihres Volkes in Berührung kommen.
Und schließlich wäre es sonderlich, wenn in einer Zeit, in der die sexuellen Beziehungen so stark gelockert sind, in der eine vollkommene Vermischung der Rassen, eine bunte Liebeslust die Menschheit ergriffen hat, nicht auch nahe Beziehungen zwischen den Individuen der germanisch-deutschen und der deutsch-semitischen Gemeinschaft entstünden.
Die von Napoleon I. berufene jüdische Nationalversammlung — als das Sanhedrion bekannt — hat erstmalig der Schließung einer Mischehe zugestimmt. Allerdings in der stark gewundenen Form, diese stehe in Uebereinstimmung mit dem bürgerlichen Gesetz, und dürfe, wenn auch gegen den jüdischen Ritus vorgenommen, nicht den Vorwurf für den rabbinischen Bann abgeben. Die Versammlung der jüdischen Theologen in Braunschweig (1844) und die Synoden von Leipzig und Augsburg sanktionierten die Mischehe, wenngleich mit dem Vorbehalt der jüdischen Erziehung der Kinder. Die in den 70er Jahren eingeführte Zivilehe bot vollends jedem die Möglichkeit der freiesten Eheschließung. Daß sich dabei die Eheschließenden nicht an die Wünsche der Rabbiner kehrten und die Kinder in Mischehen zum größten Teil im anderen Glauben erzogen, ist selbstverständlich. Insbesonders ist es einer Jüdin nicht leicht, von ihrem christlichen Ehemanne zu verlangen, daß er die Kinder in ihrer Religionsgemeinschaft aufwachsen lasse, der er selbst fernsteht und die in Deutschland als etwas minderwertiges erscheint. Die Mischehe ist ein Bund zwischen zwei Partnern, von denen der jüdische einer in der Oeffentlichkeit wenig beliebten Gemeinschaft angehört[30].
Die Freiheit der sexuellen Betätigung, die heute der Mann genießt, erobert sich immer mehr und mehr das in der Großstadt selbständige, von der Aufsicht der Familie losgelöste Mädchen. Durch die Erschwerung der Eheschließung kann sie sich nicht mehr darauf verlassen durch die Mitgift oder die Macht der Eltern an den Mann gebracht zu werden, so wünscht sie sich selbst zu versorgen und ihren Anteil am Leben und Genießen zu erhaschen. Dieser Prozeß ist noch langenicht abgeschlossen. Ich möchte fast glauben, daß er erst richtig einsetzt. J. D. Meyer hat die Frankfurter Mischehen untersucht (Zeitschr. f. St. d. J.) und eine auffallend hohe Verehelichungsziffer armer Jüdinnen mit Christen gefunden, während die jüdischen Männer besonders des Mittelstandes sich christliche Partnerinnen wählten.
Die Mischehe ist aus dem Stadium herausgetreten, in dem sie eine Seltenheit war. Heute wo sie etwas alltägliches ist, findet sie keine Verurteilung und so werden die Widerstände von allen Seiten geringer und mit dem Sinken der Hemmungen wird sie nur selbstverständlicher.
Es gehört auch hier eine gesunde Naivität dazu, das plötzliche Aussetzen eines überall wirkenden Vorganges zu erhoffen, das Versiegen einer soziologischen Erscheinung zu erwarten. Die aus so vielen Ursachen bedingte Mischehe ist letzten Endes dadurch kurz erklärt, daß unter 100 Nichtjuden ein Jude lebt, der nach Ableugnung des nationalen Bandes nur noch mit einigen Vorstellungen über Gott und die Welt Beziehungen besonderer Art zu anderen Juden unterhält, wobei aber auch hier krasse Differenzen zwischen den Glaubensvorstellungen des konservativen und liberalen Juden auftreten. Objektiv ist der Unterschied in der Religionsauffassung zwischen gesetzestreuen und neologen Juden stärker als zwischen neologen Juden und ebensolchen Evangelischen. (Der unbewußt empfundene jüdische Nationalismus wird bewußt durch diese neologe offizielle Judenheit geleugnet und bekämpft). Ohne nationalistische Einstellung ist also die Mischehe bei diesem Standpunkt nicht zu verwerfen. —