— Was wollen Sie hier? fragte er mich, ohne weiter irgend eine Höflichkeitsformel hinzuzusetzen. —
„Diese unartige Frage überraschte mich zwar ein wenig, da sich aber ein Edelmann aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit setzen läßt, so antwortete ich ihm: Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft,der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen, und also bei ihr vorgelassen werden will. — Nach dieser artigen Rede hatte ich einiges Recht zu glauben, daß ich sogleich Zutritt bei der Dame erhalten würde; aber ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören werden. Denn dieser neue Cerberus nahm auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.“
— Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete er mir, denn meine Herrschaft ist stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine Zeit, Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier hergekommen, um Gesellschaft zu suchen, und Sie würden auch zum zweiten Male vergebens hierherkommen. —
„So sprach der grobe Mensch, und ohne meine Antwort abzuwarten, trat er einen Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem Geräusch die Thür vor der Nase zu. Ich würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen Aerger hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern;allein ich entfernte mich sogleich voller Verachtung von diesem ungastfreundlichen Hause, mit dem festen Vorsatze, alle meine Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen lassen wollten, den hergebrachten Formen der Höflichkeit nachzukommen.“
Diese Erzählung belustigte Helenen sehr; sie nahm sich indessen vor, sich nicht einer ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch ihr Wunsch war, die geheimnißvolle Fremde kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf einem Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen; für jetzt tadelte sie aber hart die Unhöflichkeit des Bedienten, indem sie die Bemerkung machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne Zweifel völlig unbekannt sein müsse; denn, setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er die Ehre gehabt, zu sprechen, so würde er gewiß einer solchen Grobheit sich nicht schuldig gemacht haben.
Der ehemalige Ober-Jägermeister ward durch ein solches aus einem so schönen Munde hervorgegangenes Kompliment wegen seines Mißgeschicks beinahe völlig getröstet, und um es desto besser zu vergessen, eilte er, eine andere Unterhaltung auf die Bahn zu bringen. Er fing an, von Politik zu sprechen. Helene wußte, daß man über dieses Kapitel dem Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte, und daß er ganz entzückt diejenigen Häuser verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen, anhörte. Auch sprach er heute so ganz nach Herzenslust, der gute Mann! Er errieth Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen vor ihm; er setzte Minister ab, und schuf neue; er sagte den Gang der politischen Angelegenheiten vorher, kurz, er spielte eine ganze Stunde lang den Gesetzgeber von ganz Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein von Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte, und voller Zufriedenheit verließ erdas Schloß, um einen benachbarten Grafen zu besuchen, wo er im Lobe der Oberstin unerschöpflich war.
„Alles recht gut! entgegnete man ihm; aber aus welcher Familie stammt sie her? — Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge, bleiben aber immer nur ehrliche Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht viel ist!“ —
Mehrere Tage lang blieben die Wege in der Umgegend des Schlosses, in Folge des gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig, daß dadurch die Spaziergänge der Kinder des Obersten verhindert wurden, womit Werner äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen bald ihre neue schöne Freundin; aber nicht so war es mit Helenen, welche die Unbekannte schlechterdings sehen wollte. Mit Ungeduld erwartete sie den Augenblick, wo der Erdboden wieder so trocken sein würde, daß die Spaziergänge wieder ihren Anfang nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward endlich ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte die Feuchtigkeit getrocknet, und der Tag war außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte halber nicht im Schlosse war, so benutzte Helenediesen, Umstand, und ging mit Wilhelm und Julien nach der kleinen Wiese im Thale hinab. —
Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto Mehr fühlte sie ihr Herz von einer ganz sonderbaren Empfindung beklommen, deren Ursache ihr unerklärlich war. Es schien ihr, als wenn ihre Brust von einer ungeheuren Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch Athem holen, und ein allgemeines Mißbehagen durchschauderte ihren ganzen Körper. In Folge dieser physischen Ermattung erschlaffte auch ihr Geist, und sie verfiel in eine schwermüthige Stimmung, die sie vergebens von sich zu bannen suchte. Die laute Freude ihrer Kinder war heute nicht im Stande, auch sie fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte sie in ihrem Auge eine Thräne, die doch in keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte.
Als sie endlich auf der Wiese angekommen war, setzte sie sich am Fuße einer schönenLinde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur Ruhe einladete, nieder, und indem sie ihr Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen nahm, gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß sie nun die Freiheit hätten, ihre Spiele anzufangen. Dieß ließen sie sich auch nicht zwei Mal bedeuten, und lustig sprangen sie auf dem weichen Grase umher, als plötzlich, nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde, die Silbertöne einer melodischen Harfe erschallten.
Ueberrascht gab Helene ihren Kindern ein Zeichen, still zu sein, und sich neben ihr in’s Gras zu setzen. Begierig lauschte sie auf die seltsamen Töne, die der verborgene Virtuos seinem Instrument entlockte: anfangs war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel, dem aber bald ein feuriges und heftiges Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche Stimme begleitete das Spiel mit ihrem Gesange.
Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme fühlte Helene ein unwillkührliches Beben. Die Sprache, in welcher die Arie gesungen ward, war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie die Worte nicht verstand, so machte doch die Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht von der dadurch in ihr hervorgebrachten Stimmung Rechenschaft zu geben im Stande war. Endlich schwieg die Stimme und das Instrument; Helene konnte nicht zweifeln, daß es die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe befinde, und sie dachte darüber nach, auf welche Art sie am besten zu ihr gelangen möchte; da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie gab ihren Kindern die Erlaubniß, sich wieder entfernen zu dürfen, und diese, welche längst die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten, eilten ohne Verzug nach dem Orte hin, wo die Töne hergekommen waren. Sie fanden sie im nahen Gebüsch auf einem Baumstammesitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie eben wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich sie über dem einen ihrer Arme immer noch den Handschuh trug.
Sie schien sich über den Anblick der Kinder zu freuen, und rief ihren Bedienten, der sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt hatte. Nachdem sie ihm die Harfe übergeben, fragte sie ihren Liebling, die kleine Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle? Das pfiffige Kind hatte die Absicht, die Fremde ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer Nähe sei; sie antwortete daher: daß sie gern springen und laufen möchte, und setzte hinzu, ihre Freundin könne sie gewiß nicht einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung von einigen Schritten geben wollte.
Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie läuft voraus, und wird auf das Lebhafteste verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nachdem Orte, wo sich ihre Mutter befindet, die von dieser Seite her, des Gebüsches wegen, nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das kleine Mädchen in die Arme ihrer Mutter, und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich, vor derselben stehen. Letztere, voller Freude über diesen günstigen Zufall, erhob sich sogleich von ihrem Sitze und ging der Fremden einige Schritte entgegen, während sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete.
Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und ihre äußerst angenehme, verführerische Gestalt besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit, um ihre Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht war vollkommen länglich rund; ihr Mund klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß; über ihrer offenen Stirn erhob sich ein prächtiger, reicher Haarwuchs, und einige ihrer rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen Schultern hinab. Kurz, Lodoiska war sehr schön, und dennoch waren es nichtihre Reize allein, die den größten Eindruck auf den Beschauer machten; sie hatte in dem Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und Unbeschreibliches, was man nicht müde werden konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals mit sich selbst einig zu werden, ob es Vergnügen sei, was dadurch hervorgebracht würde, oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht. Die Weiße ihrer Haut war außerordentlich, durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen verschönert; aber dennoch bemerkte man in dieser Mischung eine erdfarbene, gelbgraue Schattirung, die öfters die Harmonie des Ganzen störte. Die Frische ihrer Lippen konnte nur mit der Farbe der ersten hervorbrechenden Rosenknospe verglichen werden; aber gewisse krampfhafte Bewegungen in den Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an Bosheit grenzte, verdarben den Eindruck der Bewunderung, und verriethen, daß das Herz der Fremden nicht ruhig sein könne, und daßsie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht im Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft zu zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen betrachtete, was sollte man dann von ihr denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen, um die sonderbare Mischung zu schildern, welche in ihren Blicken eine himmlische Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit hervorbrachten? Bald glüheten ihre Augen von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster, ausdruckslos und völlig unbeweglich, was eine schauerliche Empfindung hervorbrachte. Sie stellten zugleich das Leben und den Tod dar, und dennoch bemerkte man keine vollkommene Abgestorbenheit, sondern nur eine beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung dieser beiden äußersten Extreme. Ein weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt, und nach einem in Deutschland unbekannten Schnitte, so wie ein schwarzer wollener Shawl, machten ihren ganzen Putz aus.
Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick dieses ganzen Wesens der Fremden, wobei sie in der eben beschriebenen Ungewißheit blieb, sahe, daß die Unbekannte unbeweglich stand, und nicht einmal den Mund zum Sprechen öffnete, so hielt sie es für schicklich, die Unterhaltung durch Danksagungen für die Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen ihrer Kinder beigetragen habe.
Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so überflog ihr Gesicht eine leichte Röthe, ihre Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den niedlichen, kleinen Mund zum Sprechen.
„Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin Lobenthal vor mir zu sehen? Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch nicht abgestattet habe; aber ich suchte hier die ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in diese Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen Wichtigkeit allein mich dem Grabe entreißen konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeitaufhalten, und kaum im Stande sein, meine Pflichten zu erfüllen, so genau sind meine Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige zu meiner Erholung übrig.“
— Ich bedaure es sehr, antwortete Helene, daß ich Ihre Gesellschaft nicht genießen soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein würde. —
„Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska, gleichsam wider ihren Willen von einer innern Bewegung mit fortgerissen; wünschen Sie meine Gesellschaft nicht, sie führt die Verzweiflung, die bittersten Thränen und den Tod mit sich.“
Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung der Unbekannten warf, gab ihr die Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte nicht, daß der Tod der Dame einige Lieben entrissen hätte, und daß ihre Antwort daher nur auf ihren Kummer hindeutete; sie erwiederte also, daß man nicht hoffen dürfe,in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern, sondern vielmehr in der Gesellschaft guter Menschen Trost suchen müsse.
„Sie irren sich, entgegnete die Fremde; es giebt einen Zeitpunkt im Leben, nach dessen Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich ist. Ich habe keine Linderung meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine Zukunft ist unveränderlich wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil ist.“
Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen noch mehr in ihrer Meinung, daß die junge Dame sehr heftigen Kummer haben müsse, der wohl gar ihren Verstand zerrüttet haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte sie ihr die Hand reichen. Da trat Lodoiska schnell einen Schritt zurück.
„Was wollen Sie? sagte sie mit der größten Heftigkeit. Schwache Sterbliche!Eilen SieIhrem Schicksale nicht im Voraus entgegen! Wissen Sie, daß Sie dem Tode verfallen sind, sobald Sie mich berühren?“
Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der Verstandeszerrüttung der Fremden, und um sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.
„Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener Personen so unangenehm ist, sagte sie, so scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade vor Ihnen gefunden zu haben.“
— Gnade vor mir gefunden, sagen Sie? antwortete Lodoiska mit hohler Stimme. Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich damit zu rühmen; es ist vielmehr nur eine Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen Marter in Bereitschaft setzt. —
Diese Worte waren so schauerlich, daß Helene voller Furcht eine Bewegung machte, gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetztschwebte aber ein Lächeln voller Unschuld auf Lodoiska’s Lippen, und ihre Augen nahmen einen sanften Ausdruck an.
„O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte sie, daß ich Ihnen einen solchen Schrecken verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich ganz nur der Vergangenheit und der Zukunft angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt bin. Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige Reden meinen Lippen, und mein Herz kann die einzige Empfindung, die ihm noch zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.“
— Ich werde stets den Schmerz ehren, der Sie peinigt, und mich mit dem Wunsche begnügen, daß er bald ganz verschwinden möchte. Wenn der Anblick meiner Kinder Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten, sich Ihnen wieder zu nähern. —
„O, glauben Sie mir, hüten Sie sie wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz sind;eine grausame Krankheit, ein verzehrendes Gift, oder, weiß ich es? tausend andere Ursachen können sie Ihnen entreißen; wachen Sie daher über sie, und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Sie sind noch so jung und schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten Thränen verursachen könnten.“
Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre Augen abermals zu einem unbeschreiblichen Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich, ihr Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in ihr mehr einen entstellten Leichnam, als ein lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte die Letztere eine so peinliche Szene abgebrochen, aber ihr Mitleid hielt sie noch zurück, weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein sich selbst zu überlassen, und sie für völlig wahnsinnig hielt.
„Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl, und Sie werden in diesem Zustande Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können.Wollen Sie mir erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu begleiten?“
— Ich, krank sein? O nein, enttäuschen Sie sich! Ich weiß nicht mehr, was krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt in meinem gewöhnlichen Zustande. Ihnen erscheint er ohne Zweifel als unangenehm, und ich weiß nicht, ob er mir selbst gefällt oder nicht; aber Sie ängstigen sich darüber, und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen. Wohlan! wovon wollen wir sprechen? Ich wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo es gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu erwerben; aber jetzt befinde ich mich an der Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist der Vorhang der menschlichen Unwissenheit gefallen, und ich könnte Ihnen erklären, was die Menschen nicht begreifen. —
Diese Rede hielt die Oberstin für einen Beweis ihres zerrütteten Verstandes, und sie suchte daher die Gedanken der Fremden aufandere Gegenstände zu leiten, was ihr auch allmählich gelang. Lodoiska schien wieder zu sich selbstzu kommen, und sprach bald über alltägliche Dinge, wobei sie einen großen Umfang des Wissens verrieth, obgleich in ihrem Betragen etwas Rohes und Wildes war, das einen Beweis ihrer wenig sorgfältigen Erziehung gab. Indessen entschlüpfte ihr auch keine Silbe, wodurch ihr Herkommen verrathen worden wäre, und man hörte nur an ihrer Aussprache, daß sie nicht in Deutschland geboren sei. Helene vermuthete, daß sie das Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden, und in Folge dessen ihren Verstand verloren habe; daher sie es auch ganz natürlich fand, daß der Greis, dessen Obhut sie ohne Zweifel übergeben war, sie in der größten Eingezogenheit hielt.
Das Gespräch kam auch auf die Musik. Die Oberstin, welche selbst sehr gut die Harfe spielte, machte der Unbekannten wohlverdienteLobeserhebungen über das, was sie von ihr gehört hatte. Lodoiska wies dieses Lob mit Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in ihrem Wesen eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit. Sie sprach von ihrer Fertigkeit im Spiel und Gesang, wie von der eines ganz fremden Menschen, und nichts setzte sie in Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten am Herzen zu liegen; sie zeigte so wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen reizt oder nur beschäftigt, daß man sich unangenehm berührt fühlte, und es war nicht etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte, ein solcher Ueberdruß an allen Dingen, daß man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß ein Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule? sagte Helene zu sich selbst. Hängt sie nur durch den Schmerz noch mit dem Menschlichenzusammen? — Da die Sonne hinter den Bergen gänzlich verschwunden war, und die Abenddämmerung schon einbrach, so kamendie Kinder herbei, und ihrer Spiele müde, an denen man keinen Theil nahm, baten sie, nach dem Schlosse zurückgeführt zu werden.
„Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach Hause zu gehen, und Alles, was körperlich ist, wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist der Raum der Welt nur mit den höhern Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet zu sein, und unser Zusammentreffen wird mir noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer verursachen.“
Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, und verschwand im nahen Gebüsche.
Helene, stets geneigt, von der Unbekannten nur Gutes zu urtheilen, sahe in dieser Rede ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte, sie nicht zum gesellschaftlichen Umgange mit andern Menschen überreden zu können. In Begleitung ihrer Kinder tratsie den Rückweg nach dem Schlosse an, und zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache ihres Kummers und ihrer Eingezogenheit errathen zu haben, theilte sie am Abend dem treuen Werner ihr Zusammentreffen mit der Unbekannten mit. Der brave Bediente zeigte aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was er von der Oberstin hörte; nur hätte er gern gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn in ihr zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte, daß die Gesichtszüge seiner Herrschaft völlig heiter waren, und schloß daraus, daß Lodoiska verschwiegen und vorsichtig gewesen sein müsse.
Am folgenden Nachmittage baten die Kinder, wieder auf der Wiese spielen zu dürfen, und Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten, gehorchte nur mit Widerwillen. Zu seiner größten Zufriedenheit ließ sich aber Lodoiska gar nicht sehen, so wenig als am folgenden Tage, wo Werner die Antwort des Obersten auf seinen Brief erwartete. Er schickte den Boten nach der Stadt, um die nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe von der Post abzuholen, und harrte den ganzen Tag über mit der größten Ungeduld auf dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen, als der Bote endlich an das Schloßthor klopfte.
„Die Briefe! Schnell die Briefe her! rief ihm Werner entgegen. Tausend MillionenBomben und Granaten! ich glaubte, du würdest gar nicht wiederkommen.“
— Die Briefe? antwortete der Bote. Sie irren sich, Herr Werner, denn ich habe nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche, daß es der sein mag, den Sie erwarten. —
Werner griff hastig danach, und sahe beim Schein der Lampe, die er in der Hand hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings vom Obersten, indessen nicht an ihn, sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen können, als das Ausbleiben des so sehnlich erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit des Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte den in der Hand habenden Brief hin und her; manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte sich bei der Aufschrift geirrt haben, und der Brief könnte also dennoch für ihn sein. Indessen wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen,und zitternd händigte er endlich das Schreiben der Oberstin ein.
Helene kannte die große Anhänglichkeit des guten Unteroffiziers an ihren Gemahl, und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange Stellen aus den von ihm erhaltenen Briefen vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal wich sie nicht von ihrer Gewohnheit ab, und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der Oberst sich wohl befinde, aber daß er die Zeit seiner Rückkehr noch nicht bestimmen könne. Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen strebte, waren äußerst aufgebracht gegen einander, und es war daher nicht so leicht, sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst schloß endlich seinen Brief mit der Bitte an seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft zu versichern, und sich bei ihm wegen seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch versprochen hätte, zu schreiben, und ihm dienöthigen Nachrichten über den Zustand der Gärten und Felder mitzutheilen.
Dieser letztere Theil des Briefes machte einen zu großen Eindruck auf Werner, als daß er sich länger hätte halten können.
„Alle Teufel! rief er aus, das ist ein Vorwurf, den ich wahrlich nicht verdiene. Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine Briefe nicht erhält? Denn ich habe ihm an demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den dieser hier beantwortet. O, Herr Bote, wart’ er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen, wie er es verdient hat!“
Helene war im Begriff, Werner’s Zorn zu besänftigen, als dieser sich plötzlich besann und fortfuhr:
„Da fällt mir aber eben ein, daß der arme Teufel von Bote nicht daran Schuld sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich hatte Mißtrauen, ich weiß selbst nicht warum,und empfahl daher dem Boten, mir von der Post in Prag einen Empfangschein über den Brief mitzubringen, was er auch gethan hat. Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!“
Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit Werner mit Recht auf den Verlust seines Briefes setzte, dachte nicht weiter daran; und voller Freude, Nachrichten von ihrem Gatten erhalten zu haben, fühlte sie weiter keine Unruhe, als über das gezwungene längere Ausbleiben desselben. Sie begab sich bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf das seinige, wo er einen vierten Brief zu schreiben beabsichtigte, den er selbst mit Tagesanbruch nach Prag bringen wollte. Denn er ging in seinem Zorne so weit, daß er selbst die Rechtlichkeit des Postoffizianten in Verdacht hatte. —
Voll von diesem Entschlusse öffnete er seinen Schreibtisch, um Papier und Feder zur Hand zu nehmen, als er beim Scheinder Lampe einen Brief erblickte, der ihm nicht unbekannt zu sein schien — — es war sein eigener Brief, den er an den Obersten geschrieben hatte. Er war abermals mit einigen Blutstropfen befleckt, und eine zitternde Hand hatte Folgendes auf den Umschlag geschrieben:
Dein Briefschreiben ist vergeblich; Alfred wird nie eine Zeile von Dir erhalten, wenn Du ihn nicht bloß von den Gegenständen der Landwirthschaft unterhältst.
Dein Briefschreiben ist vergeblich; Alfred wird nie eine Zeile von Dir erhalten, wenn Du ihn nicht bloß von den Gegenständen der Landwirthschaft unterhältst.
Schon oft hatte Werner den Mündungen der Kanonen gegenüber gestanden, die auf tausend verschiedene Arten den Tod von sich spieen; mehr als einmal hatte er den Säbel eines feindlichen Husaren über seinen Kopf schwingen sehen; aber noch niemals hatte er einen solchen Schreck empfunden, als den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte.
Maschinenmäßig irrte sein Blick im Zimmer umher, als wenn er erwartete, irgend eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen erscheinen zu sehen; wiederholt wischte er sich mit der Hand den Schweiß von der Stirne, aber der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich, als wenn er festgebannt gewesen wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was ihm seit Kurzem geschehen war, desto mehr verlor er sich in allerhand Muthmaßungen. Oft wollte er sich überreden, daß er nur durch seine Einbildungskraft getäuscht würde; aber der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem Boten übergeben hatte; zugleich sah er den Empfangschein des Postoffizianten vor sich, und dieser mußte also der Schuldige sein. Doch jetzt boten sich neue Schwierigkeiten dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel seines Zimmers, des Schreibtisches und des darin enthaltenen Schubfaches? Befandsich also der Verräther im Schlosse selbst? War er unter den Tagelöhnern und Knechten, oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner konnte sich über alle diese Fragen keine Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal sah er sich gezwungen, beinah an überirdische Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau und Wallachei davon hatte erzählen hören, und er verfluchte die Zauberer und Hexen, von deren Macht man dort allgemein überzeugt war. Ja selbst die fürchterlichen Vampyre fielen ihm ein, die nach den dortigen Sagen die Gräber wieder verlassen, um auf der Erde, deren Schrecken sie sind, umherzuirren, und aus den Adern der Lebendigen, deren Blut sie aussaugen, ein Dasein zu fristen, das kein völliges Leben, aber auch kein Tod ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen Aberglauben wieder, und suchte seinen Verdacht auf natürlichere Art zu begründen; ernahm sich vor, die größte Wachsamkeit zu verwenden, um zu erfahren, wer im Schlosse der Lodoiska seinen Beistand leistete.
Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen wollte, die wenig mit seinem offenen und freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm er sich vor, seine Feindin persönlich zu sprechen, und dieß gleich am andern Morgen auszuführen. Kaum konnte er erwarten, bis der Tag wieder angebrochen war, und als er glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen zu werden, machte er sich nach dem Häuschen im Walde auf den Weg.
Als er hier ankam, war die Hausthür verschlossen. Er klopfte, aber man antwortete nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen, um gehört zu werden, und nichts unterbrach die Stille im Innern des Hauses. Je länger er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld, und er setzte den Klopfer zum dritten Male in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zuerlangen. Was sollte er thun? War das Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben oder sie am andern Morgen hartnäckiger fortsetzen?
Während er darüber nachdachte, was er zu thun habe, hörte er nicht weit von sich ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich umgedreht, so sahe er den alten Bedienten Lodoiska’s sich gegenüber stehen. Dieser war von einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel war gänzlich von allem Haar entblößt, und über seinem mageren Gesichte herrschte eine schaudervolle Leichenblässe. Seine Augen, völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton seiner Stimme war schleppend und heiser, und ein verpestender Athem strömte aus seinem Munde, in welchem man kaum noch einige Zähne erblickte. Ein weiter Mantel von grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt dieser kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigtean, daß er des Lebens müde sei, daß er Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen kann, verachtete.
„Holla! sagte Werner, ohne vor seinem unangenehmen Aeußern zu erschrecken. Ist deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?“
— Hoho! Patron! Wer giebt dir ein Recht zu solcher Frage? antwortete der alte Bediente. Sind wir denn schon so bekannt, daß du so vertraut mit mir sprechen darfst? —
Der Ton dieser Rede war nichts weniger als freundschaftlich, so daß Werner, ungeachtet seines Selbstvertrauens, davon überrascht ward. Indessen wollte er nicht gleich beim Anfange der Feindseligkeiten als Besiegter erscheinen, und er erwiederte daher:
„Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter Eisenfresser. Ich will deine Herrschaft sprechen, und ich habe hier lange vergebens geklopft, ohne daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen Wesens wahrnehmen konnte. Istes nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da ich dich hier vor mir sehe, nach deiner Herrschaft frage? Oder bist du vielleicht einer von jenen Leuten, denen es leichter wird, Streit anzufangen, als eine Frage richtig zu beantworten?“
— Wenn du mich kenntest, Freund, sagte der Greis, so würdest du leicht einsehen, daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit anfangen kann. Du gehst deinen Weg, der meinige hat aber schon seit langer Zeit sein Ziel erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht geneigt, Beleidigungen oder Drohungen so ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe, es wird so weit unter uns nicht kommen, und wir werden sogleich fertig mit einander sein. Was willst du von meiner Herrschaft? Ich kann deinen Auftrag bei ihr so ausrichten, ganz so, als wenn du es selbst gethan hättest. —
„Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich unwillig über die Art, wie ihn dieserBediente behandelte; meine Geschäfte mit Lodoiska bedürfen keiner Mittelsperson. Zwar ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt sind, ja daß du selbst in die Taschenspielerei verwickelt bist, welche mich eigentlich bewogen hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es mir nun einmal nicht, dich zum Vertrauten zu machen, und ich will mit Lodoiska selbst sprechen. Verstehst du mich?“
— Ich verstehe dich; allein deßhalb habe ich noch keine Lust, deinen Wunsch zu erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu nennen beliebst, hat mit dir gar nichts zu schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da du Soldat gewesen bist, wie es mir scheint, so mache die Wendung, die ihr Linksumkehrt nennt, und geh deiner Wege. —
„Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere Artillerie dazu gehört, um mich zum Rückzuge zu zwingen?“
— Nun gut, so wollen wir sie schon finden, sagte der Bediente mit der größten Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich dessen versahe, ergriff er ihn vor der Brust, und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn mit einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob, und ihn, ungeachtet aller Anstrengungen des Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in einiger Entfernung wieder niedersetzte.
Ach, wie sehr bedauerte es Werner in diesem Augenblicke, seinen Säbel nicht bei sich zu haben, um diese schwere Beleidigung augenblicklich rächen zu können! Sein handfester Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot sich ihm Nichts dar, das er als Waffe hätte gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene Beleidigung ungestraft lassen? Der Zorn verblendete den Unteroffizier nicht so sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie es unmöglich war, mit dem Alten zu ringen,da seine körperliche Stärke Alles übertraf, was Werner je gesehen hatte; es blieb ihm also nichts übrig, als seinen Gegner auf den Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern.
Der Bediente, stets voll unerschütterlicher Ruhe, sahe ihn kaltblütig an. „Was willst du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich noch anderer Waffen bedienen, um deinen Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz auf. Ich schlage mich nicht, ich vertheidige mich bloß, und vernichte denjenigen auf der Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen. Du hast mich nun schon kennen gelernt; geh ruhig deinen Weg, schwacher und eitler Thor, und wage dich nicht wieder hierher, von wo ich dich vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig entkommen lassen würde.“
Der rauhe Ton, womit er diese Worte aussprach, die todtverkündende Geberde, womit er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht,welche in seinen Augen leuchtete, alles Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines Muthes, aus aller Fassung. Er war sogar in Zweifel, ob er seineAufforderung erneuern sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen Kleide, das ihr ein höchst seltsames Ansehen gab, heraustrat.
„Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus, sagte sie, daß ich dir verboten habe, dich deinem heftigen Charakter zu überlassen? Ist es möglich, daß die Thorheiten der Menschen dich noch immer nicht gänzlich verlassen haben? Und mußt du diejenigen beleidigen, die mich zu sprechen wünschen?“
Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner Herrschaft zusammen, aber in seinem gleichgültigen Gesichte zeigte sich weder Hochachtung noch Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen sich in ein scheußliches Lächeln, und ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamenSchrittes in das Haus hinein, als wenn er an der eben stattgefundenen Szene gar keinen Theil gehabt hätte.
Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke erwünschter sein, als das Erscheinen Lodoiska’s. Bloß um sie zu sprechen, war er hierher gekommen, und das Benehmen ihres Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig, seinen Zweck zu erreichen; er war also froh, als er sahe, daß Lodoiska ihn anzuhören geneigt schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch nicht umhin, ihr bei seiner Anrede sein Mißvergnügen über das Betragen ihres Bedienten zu erkennen zu geben.
„Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter, denn anders kann ich ihn nicht nennen, mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine gewisse Art von Eisen nicht bei mir hatte, die mich sonst niemals verließ, als ich mich noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte er damals eine Grobheit, wie heute, gezeigt,ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll tief in die verdammte Brust gestoßen haben; aber nur Geduld! er soll mich nicht immer so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen, ihm mit Zinsen zurückzuzahlen, was ich ihm heute schuldig bleiben mußte.“
— Laß es gut sein, Werner, antwortete Lodoiska, und vergiß den unangenehmen Vorfall. Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber du hast ihn gereizt, und, ihn nach dem Anschein seines Alters beurtheilend, geglaubt, daß es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner Wünsche zu zwingen. Dein Irrthum zeigte sich bald; aber glaube mir, vergiß, was vorgegangen ist, es ist für dich am Besten. Deine Rache würde sonst auf dich selbst zurückfallen. —
„Das ist recht schön gesagt, aber ein alter Soldat läßt nicht mit sich spielen wie mit einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung ungeahndet lassen; und habe ichüberdieß Ursache, mit der Herrschaft zufriedener zu sein, als mit dem Bedienten? Haben wir Beide nicht auch etwas abzumachen? Steht es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß Sie hierherkommen, mich zu beleidigen, und die Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?“
— Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß nicht, welche höhere Macht dich deinem Untergange entgegentreibt. Wie kannst du es wagen, dich gegen mich zu beklagen? Wer von uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht zugefügt? Bist du es nicht, Elender, der in dem Hause meines Vaters vorzüglich zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich der Zeit nicht mehr, wo du, zu Gunsten der verbrecherischen Absichten des Obersten, mich von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest? Warst du nicht stets bei mir, um meine Vernunft irre zu führen und meiner Tugend Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dirsteht es wohl an, in einem anmaßenden Tone gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen dich vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen, wenn dir dein Leben lieb ist, elender Wurm des Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! —
„Teufel noch einmal! Lodoiska, Sie gehen ja rasch zu Werke! Doch, ich mache mir nichts daraus, weil Sie ein Weib sind, und was schon vor so vielen Jahren geschehen ist, dessen erinnere ich mich nicht mehr. Wenn Sie leichtgläubig waren, so ist es nur Ihre Schuld. Aber woraus ich mir viel mache, und was ich nie erlauben werde, ist: wenn man in meine Geheimnisse eindringt, wenn man meinen Briefwechsel stört, und sich auf eine strafwürdige Art in das Haus meiner Herrschaft einschleicht.“
Lodoiska antwortete nicht; sie warf nur einen Blick auf Werner, in dem sich die auffallendste Bosheit malte, gleichsam als Triumph einer schon gewissen Rache.
„Ich wiederhole es Ihnen, fuhr Werner fort, daß ich Ihrer Ränke und Spielereien müde bin. Schon zwei meiner Briefe haben Sie aufgehalten; denn wer anders, als Sie, könnte es gethan haben? Ich weiß zwar noch nicht, durch welche Mittel Sie Ihre Absicht erreichten; aber sein Sie überzeugt, wenn ich einst Jemanden auf der That ertappen sollte, sein Prozeß würde nicht lange dauern, und sein Rücken würde sich über meine Dazwischenkunft eben nicht zu erfreuen haben.“
— Wie! so grausam wolltest du verfahren, und selbst mit dem armen Ladislaus? sagte Lodoiska spottend und mit einem boshaften Lächeln. —
„O, bei allen Teufeln! lassen Sie ihn kommen — mit ihm vor allen Andern. Ich habe eine gute Jagdflinte, mit welcher er genaue Bekanntschaft machen, und gegen welche seine Faust nichts ausrichten soll.“
— Werner, ich wiederhole es dir zum letzten Male, du gehst mit starken Schritten deinem nahen Untergange entgegen. —
„Und Sie, Lodoiska, dem Ende Ihrer verbrecherischen Intriguen. Ich werde sie nicht länger ertragen, und wenn auch ein vierter Brief nicht an den Obersten gelangt, so wollen wir sehen, ob ich mit Hülfe der Obrigkeit nicht Recht erlangen kann.“
— Unsinniger! worauf willst du deine Klage gründen? Soll ich für deine Thorheit verantwortlich gemacht werden? Wem willst du es einbilden, daß ich im Stande bin, den Briefwechsel zwischen dir und deinem Herrn zu hindern? Du wirst vor den Augen der Welt zum Gelächter werden! Armer Schwächling, die Strafe für deine Kühnheit soll dir dann auf dem Fuße folgen. —
„Lodoiska, Sie können mir vorreden, was Sie wollen. Ich weiß, daß ich einiges Unrechtgegen Sie begangen habe, wenn es nämlich unrecht ist, einen jungen Offizier und ein hübsches Mädchen einander näher zu bringen; aber ich beschwöre Sie, vergessen Sie das Geschehene, und lassen Sie mich in Ruhe.“
— Ich habe dir versprochen, dich in Ruhe zu lassen, ja, habe dir Belohnungen angeboten, wenn du dich anheischig machen wolltest, den Obersten nicht von meinem Hiersein zu benachrichtigen. Wie kannst du mir eine solche Kleinigkeit abschlagen? Laß ihn zurückkommen, und erlaube, daß ich ihn zum letzten Male sehen darf; sein Glück, seine Ruhe, ja sein Leben hängt davon ab. Uebrigens wirst du mir vergeblich entgegenstreben, denn mir stehen Mittel zu Gebote, denen du nicht zu widerstehen vermagst. Aber zittere, wenn dir ein einziges Wort entschlüpft, wodurch die glückliche Nebenbuhlerinn, welche meine Stelle an Alfreds Seite einnimmt, von meinem Verhältnisse benachrichtigt wird. Deine Unvorsichtigkeitwürde dir das Leben kosten; ja Werner, ich würde dich auf der Stelle aufopfern! —
Bei diesen Worten machte Lodoiska eine so heftige Bewegung, daß dadurch ein Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner unter ihrer linken Brust eine Wunde erblicken konnte, aus welcher einige Tropfen Blut hervorrieselten. Der unwillkührliche Schrecken, in welchen ihn dieser unerwartete Anblick versetzte, entging der Fremden nicht, und da sie ohne Mühe die Ursache davon errieth, so suchte sie mit ihrer Hand die zerrissene Stelle des Kleides zu bedecken.
Sobald Werner sich von seiner Erstarrung erholt hatte, fühlte er sein Herz von plötzlichem Mitleiden bewegt. „Unglückliches Mädchen! rief er, was haben Sie gethan? Wie können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben? Eilen Sie schnell nach Ihrer Wohnung; Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Siekennen wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der Sie sich befinden.“
— Von welcher Gefahr sprichst du? Ich kenne keine mehr auf der Erde. —
„Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde, von welcher wahrscheinlich der Verband losgegangen ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen, und wenn Sie meiner Hülfe bedürfen, so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.“
— Beunruhige dich meinetwegen nicht. Mein Blut kann nicht mehr fließen, denn ich habe keines mehr, und schon vor langer Zeit verlor ich es bis auf den letzten Tropfen. An Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden kann. Laß dieses Blut hier nur fließen, und kümmere dich deßhalb nicht. —
Bei diesen seltsamen Worten zweifelte Werner, gleich wie die Oberstin, nicht länger, daß Lodoiska’s Unglücksfälle sie um den Verstand gebracht haben möchten, und sein ganzerZorn gegen sie war verschwunden. Er wollte es daher versuchen, sie durch gelinde Worte zu beruhigen, und da er bemerkte, daß ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe bedeckt ward, so eilte er auf sie zu, um sie unter den Arm zu fassen und nach ihrem Hause zu geleiten.
„Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit heiserer und schwacher Stimme entgegen. Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu entfliehen! Was jetzt vorgehen wird, darfst du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus! komm geschwind, oder ich bin nicht ferner im Stande, die Absichten meiner Sendung in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!“
Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam noch schnell genug herbei, um Lodoiska, die ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten. Nachdem der Greis sie einen Augenblick betrachtet hatte, sahe er mit wilden Blickenum sich her, und ohne ein Wort zu sprechen, gab er Wernern ein Zeichen, sich zu entfernen. Dieser schien anfangs nicht geneigt, ihm Folge zu leisten; allein er entschloß sich dazu, als er bedachte, daß er vielleicht durch seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden herbeiführen könnte. Er kehrte daher auf den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse führte. Bei einer Krümmung des Weges, wodurch der Ort, wo Lodoiska auf dem Grase ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam, blieb er stehen und sahe nun, wie der alte Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte, und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund goß. In demselben Augenblick aber erhielt Werner einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß er davon zu Boden stürzte. Er raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde, der ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten; aber keine lebendige Seele war rings um ihn her zu erblicken, und er mußte daher seinenFall einem Stoße an einen Baumast zuschreiben, da er eben durch einen Wald ging.
Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten Male nach der Gruppe auf der Wiese hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr. Dieses plötzliche Verschwinden setzte ihn in das größte Erstaunen, und in tiefes Nachdenken versunken, kam er nach dem Schlosse zurück. „Gebe Gott! sagte er zu sich selbst, daß dieß Alles eine natürlichere Wendung nimmt; denn was ich gesehen habe, ist unbegreiflich; und ich wünschte wohl, die Geheimnisse zu durchdringen, mit denen wir umgeben sind.“ —
Da die Fremde immer fortfuhr, in der größten Zurückgezogenheit zu leben, so ward am Ende auch die Neugier der Nachbarn müde, sich mit ihr zu beschäftigen, und schon sprach man kaum mehr von den Bewohnern des Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit die Aufmerksamkeit der Landbewohner auf sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in Vergessenheit brachte.
Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen von ausgezeichneter Schönheit, das auch ziemlich wohlhabend war, und daher allen jungen Leuten in der Umgegend den Wunsch einflößte, sie zu heirathen. So oftRöschensich bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ, bildete sich sogleich ein Kreis von Anbetern um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hofmachten; allein sie blieb lange Zeit völlig gleichgültig. Röschen nahm die ihr dargebrachten Huldigungen an, ohne einen von den Anbetern im Geringsten auszuzeichnen, bis endlich ein junger Pächter das Herz der schönen Gleichgültigen zu rühren verstand.
Sobald Röschens Wahl bekannt wurde, setzte dieß die übrigen nun hoffnungslosen Anbeter in Wuth, und man brach in die schrecklichsten Drohungen gegen das glückliche Paar aus. Es wurden mehrere Verträge geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen; aber ohne sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf das junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit, und schon war der Tag der Trauung in der Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt.
Der Sonnabend vor der Hochzeit war derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch bei Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigtnach dem Schlosse zurückkehren mußte. Auch er war zur Hochzeit Röschens eingeladen, und sollte sich am andern Morgen schon mit Tagesanbruch mit den Freunden des Bräutigams vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt zu sein, theils um, mit ihnen vereint, die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche die verschmähten Nebenbuhler etwa machen könnten.
Nach dem Abendessen begab sich Werner auf sein Zimmer, noch ganz mit dem Gedanken an das beschäftigt, was er heute gesehen und gehört hatte. Unaufhörlich fiel ihm immer wieder die riesenmäßige Stärke des alten Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn er vor seinen Augen das Blut aus Lodoiska’s Wunde fließen sähe. Während er so, in ein peinliches Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl saß, warf er seine zerstreuten Blicke hier und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen endlich starr auf einen Punkt hefteten,und er in einen lauten Angstruf des Schreckens ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er dem alten Ladislaus gedroht hatte, war in hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am meisten in Erstaunen setzte, auch selbst der Lauf war eben so zerstückelt, wie die übrigen Theile des Gewehres.
Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei er sich überzeugen mußte, daß eine übermenschliche Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von einem eiskalten Schauer ergriffen, und eine gute Zeit lang blieb er wie versteinert vor seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit überstieg seine Fassungskraft, da er keine natürliche Ursache dafür auffinden konnte; und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte er fast bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr in Lodoiska’s Angelegenheiten zu mischen, da er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als die schwachen Mittel, die ihm zu Gebote standen, bedurfte, um mit Vortheil gegen sie indie Schranken zu treten. Es dauerte lange, ehe er einschlafen konnte. Bei jedem leisen Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich seine Abspannung so hoch stieg, daß er in eine Art von Schlafsucht verfiel; denn es war schon sieben Uhr, als er von dem starken Lärm, den eine heftig an seine Thür klopfende Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel ihm die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen war, und da er glaubte, daß man ihn dazu herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller Scham über seinen langen Schlaf. Als er die Thür öffnete, sahe er einen seiner guten Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so traurig war, daß er darüber erschrak. Schon war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu fragen, als dieser ihm zuvorkam.
„Ach, lieber Werner, sagte er mit halb erstickter Stimme, welche fürchterliche That ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist todt, auf die schrecklichste Art ermordet!“
— Was sagst du da, Mathes? Wer hat dieses schändliche Verbrechen begangen? Du machst mich vor Schrecken erstarren! —
„Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der Mörder ist noch völlig unbekannt. Er hat sich auf eine unbegreifliche Art in’s Zimmer geschlichen, und dem armen Mädchen zwei Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei ist, daß durchaus kein Blut mehr in dem Körper der Unglücklichen gefunden wird, und kaum hat man einige kleine Blutflecke an ihrem Bette bemerkt.“
— Kein Blut mehr! rief Werner, wie vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr! O Himmel, sollten sich denn die Schrecken der Moldau und Wallachei auch hier nach Deutschland fortpflanzen! —
Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er schon zu viel gesagt habe; aber das Uebel, was er gern vermieden hätte, war schon geschehen. Voller Neugierde bestand Mathesauf die Erklärung dessen, was er nicht verstand, und vergebens suchte Werner das Gespräch auf andere Dinge zu bringen, indem er sich näher nach den Umständen bei der Mordthat erkundigte; sein Freund ließ sich nicht abweisen, und nachdem er ihm erzählt hatte, was er wußte, drang er abermals darauf, zu wissen, von welchen Schrecken der Moldau und Wallachei Werner gesprochen habe. Er zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit in seinen Fragen, daß Werner ihn wohl befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit ihm gänzlich erzürnen wollte.
„Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner, du läßt mir auch gar keine Ruhe; da du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren; aber schiebe nicht die Schuld auf mich, wenn du dich vielleicht heute Abend fürchtest. Die Schrecken der Moldau und Wallachei, deren ich vorher erwähnte, sind nämlich gewisse Wesen, die des Nachts aus den Gräbernauferstehen, um die Lebendigen zu morden. Wie ich gehört habe, sollen sie auch in Ungarn und in Griechenland allgemein sein; kurz diese Wesen, welche weder todt noch lebendig sind, kommen des Nachts selbst in die Wohnungen ihrer Verwandten und Freunde. Sie legen sich dann neben ihnen in’s Bett, öffnen ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut aus, was ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen Daseins nöthig ist. Diese Handlung wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein Uhr, so lange, bis alles Blut aus dem Körper verschwunden ist, und so den Tod ihres Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser Wesen, welche man dortVampyrenennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat, ist allenthalben Furcht und Trauer verbreitet; man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der Vampyr treibt ungestört sein Wesen fort. Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihmzu befreien: man muß nämlich suchen, seinen Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein; aber an seiner Wohlbeleibtheit, an der Röthe seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann leicht. Sogleich entreißt man dieses verabscheuungswürdige Ungeheuer seinem Sarge, haut ihm die Hände, die Füße und den Kopf ab; aber damit wäre noch nichts geschehen, wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem spitzigen Pfahle durchbohrte. Dann entströmt der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei des Vampyrs, eine Menge von blutiger Materie, und mit ihm das Leben. Sämmtliche Theile des Körpers werden nun in’s Feuer geworfen und verbrannt, worauf das Land ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem Grabe aufersteht. Diese schreckliche Plage der Menschen ist um so furchtbarer, als es scheint, daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oftein Mensch, der durch sie geopfert wurde, ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt es sowohl männliche als weibliche Vampyre, und ich würde gar nicht fertig werden, wenn ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber bei meinem Aufenthalt in jenen Ländern gehört habe.“
Werner hätte noch lange fortsprechen können, ohne von seinem Zuhörer unterbrochen zu werden; dieser verlor kein Wort von seiner Erzählung, und wendete schon in Gedanken den fürchterlichen Vampyrismus auf den plötzlichen Tod des jungen Röschens an.
„Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen möglich? Sieh, Werner, es ist mir jetzt schon leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich ich dadurch über etwas belehrt worden bin, was ich bisher noch nicht wußte. Gott sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande bis jetzt nur einige Gespenster, die manchmal den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohneihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich von Blut zu nähren! man könnte bei dem bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben. Armes Röschen! ja gewiß, ein Vampyr hat dich gemordet, es ist nicht daran zu zweifeln!“ —
Ungeachtet Werner im Geheimen selbst daran glaubte, so suchte er doch seinen Freund Mathes zu überreden, daß Röschens Tode eine andere Ursache zum Grunde liege; aber Mathes war zu begierig, die neu erlangten Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er seine Voraussetzung hätte aufgeben können.
„Du magst mir sagen, was du willst, rief Mathes aus; ich bin und bleibe überzeugt, daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben hat, und ich will es sogleich im ganzen Dorfe bekannt machen.“
Mit diesen Worten rannte er aus dem Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern zurückhaltenwollte. Den ersten Bekannten, denen er begegnete, eilte er, seine wunderbare Geschichte von den Vampyren zu erzählen, welche so allgemein Eingang fand, daß man bald in der ganzen Gegend von nichts Anderem sprach, und darüber die Fremde im Häuschen im Walde und ihre Sonderbarkeiten vergaß.
Unterdessen drückte Wernern die Sorge, zu erforschen, wie es Lodoiska möglich gemacht habe, sich heimlichen Eingang in’s Schloß zu verschaffen. Er fing damit an, alle Bewohner desselben auf das Genaueste zu beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten Handlungen; ganze Stunden lang blieb er in einem Winkel seines Zimmers versteckt, um Jemanden zu ertappen, der sich vielleicht hineinschleichen würde. Alle seine Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und er fand nicht einmal Veranlassung, gegen irgend Jemanden gerechterweise den kleinsten Verdacht zu hegen.
Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen jetzt schon einzustellen, richtete er sie nach einer andern Seite hin. Er wußte nämlich, daß die alten Schlösser fast immer mit unterirdischen Gewölben und geheimen Gängen versehen waren, welche dazu dienen konnten, Werke der Finsterniß dem Tageslichte zu entziehen; um sich daher auch in dieser Hinsicht zu beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande, die Festigkeit der Grundmauern und des Gebälkes zu untersuchen, in Gesellschaft eines geschickten Maurers eine genaue Besichtigung des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten sie damit zu, die Wände, die Fußböden und alle Mauern zu untersuchen; allenthalben, wo man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm, überzeugte man sich sogleich, was etwa daselbst verborgen sein könnte.
Die Genauigkeit dieser Untersuchung führte endlich zu der Kenntniß eines unterirdischen Ganges, welcher in einem Winkeleines der Zimmer des untersten Stockwerks seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr engen Treppe hinabführte, und sich sehr weit unter der Erde hin, in der Richtung nach Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung dieses Ganges, und noch mehr an der Richtung desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt zu haben, auf welchem man sich heimlich ins Schloß schleichen könnte. Von seinem Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne versehen, trat er die Wanderung in diesem unterirdischen Gang an; allein als sie ungefähr hundert Schritte weit vorgedrungen waren, sahen sie sich durch große Felsenmassen aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten. Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß zu beseitigen, überzeugte sie endlich der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen entgegensetzten, daß ihre Bemühungen vergeblich seien. Sie kehrten daher um, und Werner ließ nun den innern Eingang miteiner Mauer verschließen; denn dieser unterirdische Gang schien ihm dennoch gefährlich, weil er leicht durch irgend eine geheime Thür, die sie nicht bemerkt hatten, mit dem Häuschen im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt erst war er zufrieden, weil er sich schmeichelte, nun die Pläne der Feindin seiner Ruhe vernichtet zu haben.
Schon war man dem Ende des Monats Oktober nahe. Alle Verbindung der Familie Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört, und Helene verlor nach und nach einen Theil der Neugierde, welche ihr anfangs ihre geheimnißvolle Nachbarin einflößte; aber der Zeitpunkt war gekommen, der sie näher als je mit derselben in Berührung bringen sollte.
Helene saß eines Abends noch ziemlich spät, mit einem neuen sehr anziehenden Buche beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen Schein am Himmel erblickte. Sie sprang auf und näherte sich dem Fenster; da hörte sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten im Schloßhofe erscholl das Geschrei: Feuer! Feuer! und Helene erkannte an der Richtung des hellen Scheines, welcher über dem Waldeschwebte, daß es nur das Haus der Fremden sein könne, welches jetzt in Flammen stand. Sogleich eilte sie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, über den Schloßhof und dem Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner entgegen; vergebens bewies er ihr unterweges, daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre Schritte, ohne auf seine Vorstellungen zu hören, und überließ sich ganz dem edlen Gefühle ihres mitleidigen Herzens.
Mit welchem Schmerze betrachtete sie die Fortschritte der helllodernden Flammen, als sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte! Es war keine Hoffnung mehr übrig, das Haus zu retten. Vergeblich strengten sich einige von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer Einhalt zu thun; es mangelte ihnen an den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt der völligen Zerstörung des Hauses ruhig zusehen.
Helene war kaum angekommen, so suchte sie eifrig nach der Fremden, und bei der schauerlichen Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte sie sie bald, wie sie, in ein großes weißes Bettlaken eingewickelt, an einen Baum angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche Ansehen eines Gespenstes; ihr Gesicht war leichenblaß, ihre Augen stier und ohne irgend einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit, ihre kalte Ruhe Jedermann auffiel. Man irrte um sie her, beklagte und tröstete sie, aber sie antwortete nicht; und bei Allem, was man auch sagen mochte, beharrte sie in ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft weckte sie aus ihrem dumpfen Hinstarren, und kaum hatte sie dieselbe erkannt, so schwebte ein schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand aber sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren vorigen träumerischen Zustand zurückkehrte.
„Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich Ihren Willen befolgt, und Sie völlig IhrerEinsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück mit neuer Wuth über Sie ausgebrochen ist, so bewilligen Sie mir die Bitte, eine Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß Sie je wieder in diesem Hause wohnen können; nehmen Sie daher den Zufluchtsort an, den Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.“
Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer Träumerei zu erwachen, und suchte sogar ihrer finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck zu geben. Ohne Weigerung nahm sie das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an. Sie erzählte Helenen: daß das Feuer auf dem Heerde schlecht ausgelöscht gewesen sein müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in einem Bunde Flachs Feuer gefaßt haben könnten, das in der Nähe des Heerdes befindlich gewesen sei. Bald darauf wäre die ganze Küche und der anstoßende Hausflur in Flammen gewesen. „Kaum hatte ich nochso viel Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider, meine Börse und Kostbarkeiten zum Fenster hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe hinab, welche bereits brannte, und suchte hier im Freien einen Zufluchtsort. Aber was mag aus meinem alten Bedienten geworden sein? Ich sehe ihn nirgends.“
— Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen sehen, antwortete Helene, die der Fremden die Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen wollte. Aber kommen Sie jetzt in’s Schloß; die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht angezogen; dieses Betttuch kann Sie unmöglich vor den schädlichen Eindrücken der Nachtluft beschützen. —
Ohne weiter eine Einwendung zu machen, nahm Lodoiska, jedoch mit vielen Danksagungen, das Anerbieten an. Werner, der in der Nähe stand und Alles mit anhörte, gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung. Den Gedanken, daß Lodoiska mitseiner Gebieterin unter einem Dache wohnen sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes Vorgefühl ließ ihn die schrecklichsten Auftritte, die daraus entstehen würden, voraussehen, und zwei Mal hatte er schon den Mund geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit zu entdecken, damit sie erführe, welche Schlange sie an ihrem Busen erwärmen wollte; aber immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen einer solchen Entdeckung wieder zurück, und er behielt das Geheimniß in seinem Herzen verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den ihm seine Feindin zuwarf, brachte ihn vollends zur Verzweiflung; indessen nahm er sich vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr unmöglich werden würde, ihre geheimen Triebfedern in Bewegung zu setzen. Schweigend folgte er den beiden Damen nach dem Schlosse zurück.
Am andern Morgen entdeckte man unter den Trümmern des Hauses die Ueberbleibseleines fürchterlich verstümmelten und verbrannten Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen war. Er verpestete die ganze Luft umher; übrigens konnte man keine Spur mehr von seinem Gesichte erkennen. Da man jedoch den Körper nicht weit von den Ueberbleibseln eines Bettes fand, so zweifelte man keinen Augenblick, daß es der Bediente der Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder im Dorfe gesehen wurde.
Als die beiden Damen auf dem Schlosse angekommen waren, bat Helene die Fremde, sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette trat näher, um sie von ihrer Umhüllung zu befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft zurück, und äußerte den Wunsch, einige Minuten allein zu bleiben. Man willfahrtete ihr. Als man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt haben würde, trat Helene wieder zu ihr ins Zimmer, um ihr einige Erfrischungen anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckigausschlug; und da Lisette ihr ein Glas mit Glühwein darreichen wollte, gab sie mit ihrer linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses Getränk verschmähe. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Helene, daß die linke Hand der Fremden noch immer mit einem Handschuhe versehen sei; noch mehr erstaunte sie aber, als Lisette dasBetttuch, in welches Lodoiska eingehüllt gewesen, aufnahm, und man nun bemerkte, daß es von Blut benetzt sei.
„Sie haben sich verwundet, sagte Helene mit lebhafter Besorgniß; warum wollen Sie nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen Zufällen gewöhnliche Hülfe leiste? Warum wollen Sie eine so natürliche Sache ausschlagen? Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß Sie derselben höchst nöthig bedürfen.“
— Nein, nein! rief die Fremde voller Schrecken aus, wofür man gar keine gerechte Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag keine Hülfe! Es ist wahr, daß ich verwundetbin; aber ich bin es schon seit sehr langer Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten. Um Alles in der Welt wollte ich Niemanden meine blutende Wunde zeigen; glauben Sie mir, daß ich mir selbst genug bin. Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich ist keine Gefahr mehr zu befürchten. —
In der Stimme, womit sie diese Worte aussprach, lag eine so unbegreifliche Mischung von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen Schauder zuhören konnte. Helene glaubte sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen zu dürfen, und ließ sie daher allein.
Am andern Morgen stand sie erst sehr spät wieder auf; man wagte nicht, eher in ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin umhergehen hörte; dann klopfte Helene leise an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen.Die Fremde war bereits völlig angezogen; das schwarze Kleid, das sie heute trug, machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts noch bemerkbarer.
Die Nachricht von dem Tode des alten Ladislaus war schon im Schlosse bekannt, und Helene glaubte nicht, daß es möglich sein würde, sie vor der Fremden stets geheim zu halten. Um sie aber nicht zu sehr zu erschüttern, wandte Helene alle mögliche Vorsicht an, und bereitete sie nur ganz allmählich darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze Mühe. Schon bei den ersten Worten ward sie von der Fremden errathen, und sowohl in ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort bemerkte man nichts als die ruhigste Gleichgültigkeit. Sie schien völlig gefühllos bei Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht einmal das gewöhnliche Gefühl des Mitleidens, welches dergleichen Unglücksfälle sonst bei den Menschen hervorbringen.
Ueber ein solches Benehmen mußte Helene natürlich auf’s Höchste erstaunen; Lodoiska bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren Fehler hätte wieder gut machen wollen, sagte sie: „Frau Oberstin, Sie wundern sich über mich, und fassen vielleicht eine schlechte Meinung von mir, daß ich nicht mehr Gefühl bei dem Tode des armen Ladislaus zeige; aber glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen Zeichen des Mitleids gelegen. Ich stand mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung; wir kamen Beide von demselben Orte her, und fanden uns zusammen, weil es so sein mußte. Jetzt hat uns der Wille des Allmächtigen wieder getrennt, aber wir werden zum zweiten Male, und dann auf ewig, mit einander vereinigt werden. Warum sollte ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine Thränen mehr; sie sind ausgetrocknet für jede Art von Schmerz: denn ich habe während meines sterblichen Lebens zu viel geweint.Jetzt, da ich nur noch ein Dasein besitze, weil ich mich nicht in ein Grab legen kann, ungeachtet ich das sehnlichste Verlangen nach dieser kühlen Wohnung trage, soll ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich nichts angehen? Nein, nein! Nur ein einziger Zweck belebt mich noch, nur eine einzige Absicht strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne Freude, wie ohne Leid, einen Körper verlassen, in welchem ich mich selbst nicht mehr leiden mag.“
Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen können, ohne von der Oberstin unterbrochen zu werden. In Allem, was jene junge Person sagte, lag immer etwas so Unbegreifliches und Unzusammenhängendes, daß man nicht wußte, ob man sie bemitleiden oder fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig aus ihrem Munde, daß dadurch immer die Wirkung zerstört wurde, welche sie sonst hätten machen können; das unbewegliche Hinstarrenihres Auges schien zu beweisen, daß sie dem, was sie sprach, völlig fremd war; kurz, bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen Regel ab, und man konnte sich nicht erinnern, je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben.
Helene war so erstaunt über die Rede der Fremden, daß sie darauf nichts zu antworten wußte; sie suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, und fragte: ob sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu sich nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes Zeichen, worauf die Oberstin Befehl gab, das Frühstück hereinzubringen.
Jetzt traten auch die Kinder herein, die schon ungeduldig darauf gewartet hatten, bei ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska empfing sie mit einem Lächeln, welchem sie den Ausdruck des Wohlwollens zu geben strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht, das zu gleicher Zeit so verzerrt wurde, als wenn ihr Herz von einem tödtlichen Stichedurchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde jedoch von Niemanden bemerkt. Helene, stolz auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren zärtlichsten Liebkosungen, während die Fremde heimlich Blicke voll Zorn und Verachtung auf diese allerliebste Gruppe warf. Um zu verbergen, was in ihrem Innern vorging, bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden Händen, von denen die eine stets mit einem Handschuh bedeckt war, und lange Zeiträume hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken versunken zu sein.