„Ja, Madame, wir bitten Sie um die gütige Erfüllung unserer Wünsche. Wie strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangenmeiner Frau nicht weigern, die Ihre Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole Ihnen nochmals meine Bitte; geben Sie uns diesen Beweis Ihres Wohlwollens.“
„Ja, Madame, wir bitten Sie um die gütige Erfüllung unserer Wünsche. Wie strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangenmeiner Frau nicht weigern, die Ihre Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole Ihnen nochmals meine Bitte; geben Sie uns diesen Beweis Ihres Wohlwollens.“
Während der Oberst schrieb, war Wildenau, der Prag genau kannte, fortgegangen, um einen Geistlichen herbeizuholen, der die Oberstin auf dem ihr noch übrigen kurzen Lebenswege geleiten und trösten möchte. Es gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig zu machen, der ihm versprach, am folgenden Morgen sich einzufinden, worauf der Arzt zu seinen Freunden zurückkehrte. Da seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen, so nahm er bald darauf von dem Obersten und dessen Frau den rührendsten Abschied.
Es war acht Uhr des Abends, als der Wagen, welcher um Mittag abgefahren war, vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch verursachten Geräusch erbebte der Oberst; er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe hinab, weniger um der Fremden entgegenzugehen, wenn sie wirklich angekommen wäre, als um seine innere heftige Bewegung vor seiner Frau zu verbergen.
Als er auf den Hausflur gelangte, sahe er eine weibliche Gestalt, in einen großen schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen Schrittes auf sich zukommen, so daß er sich über ihren Anblick überrascht fühlte, als wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen hätte. Aber wie sehr vermehrte sich seine Verwirrung, sobald er beim Scheinedes Lichts die Leichenblässe auf Lodoiska’s Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen ihre Wangen; man mußte glauben, daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei, als die Oberstin, welche stündlich ihrem Ende entgegen sahe.
Der Oberst, voll Entsetzen über diesen Anblick, konnte kein Wort hervorbringen, um die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand an ihn machten, zu erfüllen. Unbeweglich stand er da, und betrachtete die Zerstörungen, welche ein so kurzer Zeitraum in den Gesichtszügen Lodoiska’s hervorgebracht hatte. Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit einem wilden Lachen hob sie an:
„Hier bin ich! Sie haben mich gerufen. Schmeicheln Sie sich aber nicht, mich nun wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn Sie es wünschen werden.“
Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen Worte von Niemanden weiter gehört. Er erschrak über den Sinn derselben, suchte sich jedoch zu fassen, und antwortete ihr mit einem Anschein von Galanterie, wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf. —
Als Beide in das Zimmer der Oberstin traten, brach diese beim Anblick der Fremden, die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in Thränen aus, und reichte ihr freundschaftlich die Hand entgegen.
„Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt zu haben! Aber Sie selbst scheinen der Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen Sie nicht früher nach der Stadt?“
— Mein äußeres Ansehen, erwiederte die Fremde, setzt Sie in Irrthum. Meine Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor einem oder zwei Monaten, und es ist schwer, mich besser oder schlechter zu befinden. WennIhnen meine Züge entstellt erscheinen, die Blässe meines Gesichts Sie erschreckt, so setzen Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in die ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen Befehl gerathen bin. Sie wissen, wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und ich habe mich nur schwer ihr entreißen können; aber, wenn man mich auf eine gewisse Art bittet, so habe ich nicht das Recht, mich zu weigern. Sie wollen mich haben, und ich bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen Beistand zu finden? —
Diese eben nicht höfliche Rede machte einen unangenehmen Eindruck auf Helenen, die den wahren Sinn derselben nicht errathen konnte. Nach einigem Nachdenken fiel ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend finden müsse, weil ihr Betragen ganz abweichend von allen übrigen Menschen war. Helene bedurfte der Gesellschaft, und hattesich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich also über deren Sonderbarkeit beklagen?
Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune liebkosete Lodoiska doch die kleine Julie, welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen. Sie nahm das Kind mit so vieler Zärtlichkeit in ihre Arme, daß sie sich dadurch die Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke wieder erwarb. Der Oberst stand dabei, in Träumereien versunken, unfähig ein Wort hervorzubringen; er wagte es nicht, weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen, und die Zukunft stellte sich ihm in einem schauerlichen Dunkel dar.
Am andern Morgen erklärte die Oberstin, daß sie heute eine schrecklichere Nacht als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an dem matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres abgemagerten Gesichts zu sehen; es war augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder Minute zunahm, und daß ihr Leben vielleichtbald entfliehen würde. Da der erwartete Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ, obgleich es schon nach neun Uhr des Morgens war, so gerieth Helene darüber in Unruhe; bald darauf meldete indessen Lisette seine Ankunft an. Der Oberst ging ins Nebenzimmer, um ihn zu empfangen; aber Lodoiska stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer.
Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen Geistlichen, der Helenen neben der Aussicht auf ein künftiges, besseres Leben auch die Hoffnung zu ihrer Genesung zeigte, machte einen so guten Eindruck auf sie, daß sie sich ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ; er versprach ihr, am Abend und, wenn sie es wünsche, auch am folgenden Morgen wiederzukommen.
Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst ins Zimmer seiner Frau zurück, wo auch bald darauf der Arzt erschien, welchen man inPrag angenommen hatte. Dieser fand sie nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche, und verschrieb ihr einen stärkenden Trank, wovon er sich die beste Wirkung versprach. Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska noch nicht wieder gegenwärtig war, begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte leise an die Thür.
„Wer ist da? sagte Lodoiska; was soll ich?“
— Ich wollte Sie bitten, zu meiner Frau zurückzukehren. —
„Ist sie allein? Ist er nicht mehr da, der furchtbare Mann, dessen Anblick ich nicht mehr ertragen kann?“
Mit diesen Worten öffnete sie die Thür.
„Aber von wem sprechen Sie denn?“ fragte der Oberst.
— Von wem ich spreche? Von dem Geistlichen! Seitdem ich mein Vaterland verlassen habe, ist es mir unmöglich, in der Gegenwartvon seines Gleichen auszuhalten; denn ich bin auf ewig von ihnen geschieden. —
Gerührt von dem Aberglauben dieser Unglücklichen, den er ihrem Versuche zuschrieb, sich das Leben zu nehmen, setzte der Oberst dieses Gespräch nicht fort, und sagte nur noch, daß kein Fremder im Zimmer sei.
„Dann will ich Ihnen folgen, fuhr Lodoiska fort; aber versprechen Sie mir, Alfred, wenn Sie nicht Zeuge des schrecklichsten Auftritts sein wollen, mich vor jedem Zusammentreffen mit einem Geistlichen zu bewahren. Ach, dieß ist wahrlich das Geringste, was Sie für mich thun können!“
Voller Mitleiden versprach der Oberst, was sie wünschte, und kehrte dann mit ihr zu Helenen zurück, die schon nach ihrem Anblick verlangte.
„Der Arzt, sagte sie, hat mir so eben neue Hoffnung zu meiner Genesung gemacht,und ich würde mich selbst über meinen Zustand täuschen, so lange es Tag ist; aber die schreckliche Nacht ist die gewisse Ursache meines Todes. (Lodoiska bebte unwillkührlich zusammen). Ich weiß am besten, daß es mit meinem Leben bald zu Ende sein wird; vorher aber habe ich noch einige Bitten, deren Erfüllung allein mich mit Ruhe sterben lassen kann.“
— Ach, theure Helene! rief der Oberst lebhaft, ohne sich durch Lodoiska’s Gegenwart stören zu lassen; gieb dich doch nicht so schwarzen Gedanken hin. Du wirst noch lange zum Glück deiner Familie leben, und deine Wünsche selbst erfüllen können. —
„Der eine meiner Wünsche, lieber Alfred, kann nicht durch mich selbst erfüllt werden, weil er mein Begräbniß betrifft. Ich will nach meinem Tode neben meinem Sohne, auf dem Kirchhofe zu R...., ruhen; jedeandere Erde würde mir fremd sein, und nur dort soll man mich begraben.“
Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten den Obersten, zu antworten; aber er drückte die Hand seiner Frau in die seinigen, und gab ihr durch dieses stumme Zeugniß die Versicherung, daß er sich in ihren Willen füge. Sie bestand also nicht weiter darauf, und wandte sich nun an Lodoiska, die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend da saß.
— Was Sie betrifft, meine Freundin, fuhr die Oberstin fort, so bitte ich Sie, auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter zu übernehmen. Sie haben sie bisher immer mit Zuneigung behandelt, und ich nehme daher die süße Ueberzeugung mit ins Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus dieser Gegend abrufen. —
Lodoiska stieß bei diesen Worten ein lautes, unbeschreibliches Angstgeschrei aus. Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, sank sie in den Lehnstuhl zurück, auf welchem sie saß, und schien einem lebhaften Schmerze zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu können. Auch der Oberst erstarrte, als er hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen Nebenbuhlerin empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und er wagte es nicht, Lodoiska’n zu Hülfe zu eilen, aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen.
Da die Fremde immer noch schwieg, so glaubte Helene, ihre Bitte wiederholen zu müssen. Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete ihre dunkelflammenden Augen gen Himmel, und rief: „Du willst es, allmächtige Vorsehung! Wie könnte ich mich gegen deinen Willen sträuben! Ja, ich nehme es an, was du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja, ich will die Wärterin ihrer Tochter sein bis an ihren Tod!“
Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska diese Worte aussprach, war für die arme Helene gleichsam ein Dolchstoß in’s Herz; doch wagte sie nicht, ihre Gefühle zu erkennen zu geben, und sagte nur: „Verlassen Sie wenigstens meine Tochter nicht eher, als bis Sie sie dem Gatten überliefern können, den ihr Vater für sie wählen wird.“
Ein verächtliches Lächeln war der Fremden ganze Antwort, und bald darauf entfernte sie sich aus dem Zimmer.
Fünf oder sechs Tage vergingen, während welcher Helene immer schwächer wurde. Vergebens verschwendete man an ihr alle Mittel der Arzneikunst: sie vermochten nichts gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht wachte der Oberst bei ihr in Gesellschaft einer an dergleichen Dienst gewöhnten Frau;aber durch ein seltsames Zusammentreffen verfielen Beide in jeder Nacht zu derselben Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf. Jeden Morgen beklagte sich Helene über ihre außerordentliche Erschöpfung, und im Geheimen bei ihrem Gatten über den unersättlichen Dämon, der ihr das Blut tropfenweis aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf nichts zu antworten, weil er glaubte, daß ihr Verstand immer mehr durch nächtliche Phantasien zerrüttet würde.
Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska ihrem ehemaligen Liebhaber weder durch ein Wort noch durch einen Blick ihre geheimen Empfindungen zu erkennen; sie betrug sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt hätte. Für Helenen zeigte sie jetzt während des Tages die größte Sorgfalt; aber mit Anbruch der Nacht begab sie sich in ihr Zimmer, das sie des Morgens erst spät wieder verließ.
Wildenau, der Freund der Familie, kam von Zeit zu Zeit nach Prag; er belästigte die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen Seufzern, sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit der Krankheit Helenens, deren Tod er bei seinem Besuche in der nächsten Nacht vorhersagte. Wirklich wurde auch sein Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus ihrem Körper entflohen.
Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu beschreiben, welchem der Oberst sich ergab; zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau mit Gewalt von dem Leichname Helenens fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen Tag über nirgends blicken, so daß endlich der Arzt das Recht zu haben glaubte, sich gegen Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil er fürchtete, daß auch sie der Hülfe bedürftig sein könnte. Nachdem er an die Thür geklopft hatte, erhielt er die Einladung einzutreten.
Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt, saß in ihrem Lehnstuhle, ganz in ihren schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den Worten Wildenau’s zu, ohne ihn anzusehen, und antwortete ihm mit schwachem, aber ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe, daß sie aber nach dem Tode ihrer Freundin ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen, und sich daher morgen ganz allein nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die Ankunft des ihrer Obhut anvertrauten Kindes erwarte.
Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort gefaßt war, indem er glaubte, daß Lodoiska doch wenigstens dem Leichenbegängniß der Oberstin beiwohnen werde, behielt seine Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob man ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle?
„Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska, immer noch ohne ihn anzusehen; ich selbsthabe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln getroffen. Ich werde ganz früh abreisen, weil es mir unmöglich ist, dem traurigen Leichenbegängniß beizuwohnen.“
Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit veranlaßte endlich den Arzt, sich voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser jungen Person zu entfernen. Er benachrichtigte den Obersten von ihrem Entschlusse, und dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska ihn durch ihre Gegenwart nicht in der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten stören würde. Am folgenden Tage brachte man den Leichnam Helenens nach dem Schlosse R...., wo diese unglückliche Mutter neben dem Grabe ihres Sohnes ihre Ruhestätte fand.
Ein Monat war verflossen, und Lodoiska beobachtete immer noch im Schlosse die völlige Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher gewohnt gewesen war, als sie sich in ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer war jedem Andern als ihrer Bedienung unzugänglich, und nur Julie hatte darin Zutritt, obgleich dieses Kind weit lieber im Garten unter Lisettens Aufsicht umherlief.
Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick gefürchtet hatte, wo er nach dem Tode seiner Gattin zum ersten Male wieder mit seiner ehemaligen Geliebten zusammentreffen würde, fing jetzt nach und nach an, sich über Lodoiska’s hartnäckige Einsamkeit insgeheim zu ärgern, und jemehr sie ihn zu vermeiden schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende,sie zu sehen. Doch wagte er noch nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; er verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils sich mit Lesen beschäftigend, theils Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend.
Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig, daß er die Fremde nicht mehr zu sehen bekam, und nahm sich nun fest vor, sich freimüthig mit dem Obersten zu erklären, dessen Empfindungen für den Gegenstand seiner Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit in Verdacht hatte. Er wollte sich von den Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen, um danach sein Betragen für die Zukunft einzurichten. Aber verschiedene Male ward er durch besondere Umstände von der Ausführung seines Entschlusses abgehalten, indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen konnte, wenn er es sich vorgenommen hatte, theils daselbst mit besuchenden Nachbarnzusammentraf, in deren Gegenwart er die beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten nicht anfangen konnte.
Lobenthal, ohne diesen Entschluß des Arztes zu ahnen, fand sich dennoch in dem Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so ungezwungen, seitdem sein Verhältniß zu Lodoiska durch den Tod seiner Gattin verändert worden war. Wildenau war nun sein Nebenbuhler — — was er selbst sich nur erröthend gestanden haben würde; und dennoch beschäftigte sich sein Herz wider seinen Willen mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh ihn der Schlaf bis spät in die Nacht hinein, und wenn die übrigen Bewohner des Schlosses schon längst sich der süßen Ruhe überlassen hatten, war Alfred noch in seinem Zimmer wach, wo er durch Lesen seine mancherlei ihn peinigenden Gedanken zu verscheuchen suchte. Aber dieses Mittel blieb gewöhnlich vergeblich; Lodoiska’s Bild, das Andenkenan Helenen zogen seine Aufmerksamkeit von dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen seine Augen die Buchstaben, ohne ihren Sinn zu erfassen.
In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger fühlte als je, wollte er durch Auf- und Niedergehen in dem großen Saale des Schlosses seinen Unmuth zu verscheuchen suchen; er nahm daher sein Licht, und ging mit demselben durch mehrere Zimmer, bis er in den erwähnten Saal gelangte. Hier setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen Kamins, und bei dem schwachen Scheine, der nicht im Stande war, den weiten Raum zu erleuchten, ging er mit großen Schritten durch die wenig geminderte Finsterniß.
Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte er diese Bewegung fort, als er die Flügelthür, welche nach der Haupttreppe des Schlosses führte, knarren hörte .... der Oberststand still .... die Thür öffnete sich, und Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er sie erkennen, so sehr verschwand sie durch die Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen konnte; doch bemerkte er bei dem schwachen Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen zu sein, und gleich einer überirdischen Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben; ja die Einbildungskraft Alfred’s stellte sie ihm auf einen Augenblick beflügelt und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick ging mit der Schnelligkeit des Blitzes vorüber, obgleich der Oberst darüber fast erstarrte. Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen über den Anblick ihres Geliebten zu zeigen, den sie sogleich erkannte, stand still, und stützte sich auf einen alten Lehnstuhl, als wenn sie sich von einer langen Anstrengung einen Augenblick lang hätte erholen wollen.
Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht ohne heftige innere Bewegung, der jungen Fremden.
„Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder, und zwar an demselben Orte, und in derselben Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit Ihre Entfernung von hier ankündigten. Wie seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte es also dem bloßen Zufalle verdanken?“
— Es ist möglich, antwortete Lodoiska mit ihrem gewöhnlichen schwermüthigen Tone, daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein Spiel treibt; was aber mich betrifft, da ich in jeder Nacht mich in diesem Saale zu erholen pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen nur Etwas, das auf jeden Fall früher oder später Statt finden mußte. —
„Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen Sie, kommen Sie hier her? Welchen Reiz kann dieser weite und verfallene Saal fürSie haben, wo man nur unangenehmen Vorstellungen ausgesetzt ist, sobald das Licht des Tages nicht mehr leuchtet?“
— Ich mache mir wenig aus dem Glanz der Sonne oder aus dem schauerlichen Anblick der Finsterniß. Ich lache über Alles, was Andere meines Geschlechts in Furcht setzt; ich verspotte das Schrecklichste, und durch ein trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten in der Mitte des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten für alle übrige Menschen. —
„Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen ändern? Werden Sie nie zu fröhlichen Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit, deren Andenken anfangs so peinlich ist, verliert durch die Länge der Zeit den unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters verwandelt der Lauf der Dinge das heftigste Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser Wirkungen nicht empfänglich sein?“
— Nein! sie gleiten eindruckslos an mir vorüber. Sie sprechen von der Vergangenheit; ich kenne sie nicht mehr; für mich ist die Gegenwart Alles, da ich weder rückwärts noch vorwärts gehen kann. Ich bin nur aneinenfesten Punkt gebannt, und die Hoffnung, welche selbst der Elendeste der Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie ist mir völlig fremd. Was wollen Sie dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben Lodoiska’s Schicksal bestimmt; wundern Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich bleibt. —
„Je mehr ich Sie reden höre, grausame Freundin, desto mehr zerreißen mir Ihre unerklärbaren Worte das Herz. Was ist es für eine grenzenlose Verzweiflung, der Sie sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die nicht mehr auf die Zukunft hoffen darf? Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück, überzeugen Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändernkann; das Glück wird Ihnen nicht stets entgegen sein.“
— Kann es machen, Alfred, erwiederte Lodoiska lebhaft, daß Ihr Versprechen wieder aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf ewig verborgen habe? —
„Mein Versprechen, sagen Sie?“
— Ja, Ihr Versprechen, das Sie mit Ihrem Blute unterzeichneten, und das Sie unwiderruflich an mich fesselt. —
„Ist dieß der Augenblick, mich daran zu erinnern? Und wie auch meine geheimen Empfindungen sein mögen, sehen Sie nicht, daß ich Trauerkleider trage? Denken Sie nicht an die schmerzliche Begebenheit, die vor Kurzem Statt fand?“
— Ich weiß, daß Sie, obgleich Sie behaupten, nichts als mein Glück zu wünschen, noch nie angestanden haben, meinem Herzen eine neue Wunde zu schlagen. Ich weiß, daß Sie mich schändlich betrogen haben;dieß ist der einzige Umstand aus der Vergangenheit, dessen ich mich noch erinnere, der Sie vernichten muß, und über den Sie auf ewig seufzen werden! —
„Ich wünschte, Sie wieder zu sehen, Lodoiska; aber ich wußte nicht vorher, daß dieß nur geschehen würde, um Ihre Vorwürfe anzuhören. Wie ungerecht sind Sie, und wie wenig kennen Sie mich!“
Ein Strahl von Freude glänzte in den Augen der Fremden, und ihre Lippen verschlangen einige Worte, die sie auszusprechen im Begriff war. Es folgte ein Augenblick des Schweigens, der nicht ohne Süßigkeit für sie war, und schon erschien eine gewisse Heiterkeit auf ihrer Stirn, die seit langer Zeit davon verscheucht gewesen war, als ein bitterer Gedanke Alles wieder zerstörte. Lodoiska’s Blick wurde wilder, und sie legte ihre Hand auf ihr Herz, gleichsam um dessen schmerzliches Klopfen zu unterdrücken.
„Auch ich wünschte Sie wiederzusehen, Alfred, sagte sie, weil es mir schien, als wenn Sie noch derselbe sein könnten, wie früher; aber ich besitze jetzt keinen von den Reizen mehr, die Sie vormals entzückten.“
— Ich liebte damals die vortrefflichen Eigenschaften Ihres Herzens eben so sehr, als Ihre Reize. Die Zeit konnte Ihnen einen kleinen Theil der letzteren rauben; aber vermochte sie etwas gegen die inneren Vorzüge Ihrer Seele? —
„Ich kann Ihnen nichts darauf antworten, Alfred. Unsere Unterhaltung, die uns nur Kummer verursacht, hat schon viel zu lange gedauert. Leben Sie wohl, ich muß mich entfernen. Erwarten Sie, was die Vorsehung entscheiden wird. Ach, wie schrecklich ist das Schicksal, womit mich ihr Zorn belastet hat!“
— Ja, lassen wir die Zeit ruhig verstreichen; wir werden uns einst wieder vereinigen, und dann .... —
„Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe zu, das uns als Hochzeitbett dienen wird!“
— Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska, wie können Sie so grausam sein? Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in der Zukunft? —
Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte sich mit größter Eile. Als sie sich auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes Gelächter erschallen, welches einen so schrecklichen Eindruck auf den Obersten machte, daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter eines höllischen Wesens gehört zu haben glaubte.
„Armes Mädchen, sagte er endlich, dein Unglück hat dich eines Theils deiner Verstandeskräfte beraubt und deinen liebenswürdigen Charakter völlig entartet. Aber dennoch bleibt sie immer höchst interessant, und vielleicht kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück, wenn die Ursache ihres Unglücks aufgehört hat.“
Während er diese Worte ziemlich lebhaft und laut aussprach, glaubte er hinter sich einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich schnell um, und erblickte nun in dem finsteren Theile des Saales eine weiße Gestalt, die ein Kind an der Hand führte, und mit ihm aus dem Saale in das anstoßende Zimmer ging. Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst bei diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft gab der Gestalt Gesichtszüge, die ihm ein theures Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er nicht, was er thun sollte; dann aber ergriff er das Licht, und folgte den Erscheinungen in’s anstoßende Zimmer. Er fand es einsam und leer; nur seine eigenen Schritte unterbrachen das tiefe Schweigen der Nacht .... und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen. Von Angst gefoltert und mit großen Schweißtropfen bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer zurück.
Der Oberst fand in dieser Nacht keine Ruhe. In angstvollen Gedanken versunken ging er mit heftigen Schritten auf und nieder, bis endlich die Morgenröthe anbrach, und mit ihr die Ruhe in seine stürmisch bewegten Adern zurückkehrte.
Die kleine Julie pflegte jeden Morgen in das Zimmer ihres Vaters zu kommen, um ihm einen Kuß zu bringen; auch heute erschien sie zur gewöhnlichen Zeit, aber ihre sonst immer lachende Physiognomie war traurig, und man bemerkte eine auffallende Blässe in ihren Gesichtszügen.
„Bist du krank, mein Kind?“ fragte ihr Vater sie beunruhigt.
— Nein, lieber Vater; aber ich habe schlecht geschlafen.
„Wer hat dich denn daran verhindert? Lisette sagt ja, daß du sonst ganz vortrefflich schläfst.“
— O, lieber Vater, ich wollte es dir wohl sagen, wenn es mir Lisette nicht verboten hätte. —
„So muß ich wohl alle weitere Fragen einstellen? Dennoch bin ich sehr neugierig, die Ursache deiner Schlaflosigkeit zu wissen; sie muß sehr böse sein, da du plötzlich deine frische Gesichtsfarbe dadurch verloren hast.“
— Weinst du auch nicht, Väterchen, wenn ich dir die Wahrheit sage? —
„Ich hoffe so viel Gewalt über mich zu besitzen, daß ich meine ersten Gefühle überwinde, wenn deine Erzählung traurig ist.“ Der Oberst sagte dieß, sich zum Lächeln zwingend, obgleich eine böse Ahnung sein Inneres schon mit Schrecken erfüllte.
— Nun, so will ich dir Alles erzählen. Wilhelm und meine gute Mutter haben mich heute Nacht besucht. Sie blieben fast dieganze Nacht zu beiden Seiten meines Bettes sitzen, um, wie sie sagten, mich gegen den Dämon zu vertheidigen, der ihnen den Tod gegeben hat, und der sich auch an meinem Blute sättigen will. Anfangs fürchtete ich mich sehr, ward aber nachher vollkommen beruhigt. Wilhelm sahe so glücklich und selig aus! Meine Mutter blickte mich mit so großer Zärtlichkeit an! Sie haben mir versprochen, mich nicht mehr aus den Augen zu verlieren, und mit Anbruch des Morgens verließen sie mich erst, indem sie versicherten, daß ich bei Tage nichts zu fürchten hätte. Sie sprachen mit mir von vielen Dingen; aber glaubst du wohl, lieber Vater, daß sie dich mit keiner Silbe erwähnten? Ich sagte ihnen, wie sehr du über ihren Verlust weintest; aber sie schüttelten den Kopf, und lächelten, ohne mir zu antworten. —
Das Kind hätte noch lange in seiner Erzählung fortfahren können, ohne daß seinVater daran dachte, es zu unterbrechen. Stumm vor Verwirrung, durch Schrecken und Verzweiflung im Innersten seines Herzens ergriffen, saß er unbeweglich in seinem Lehnstuhle da. Die unbegreifliche Uebereinstimmung zwischen dem, was er selbst gesehen hatte und was seine Tochter ihm jetzt erzählte, versetzte ihn in einen Wirrwarr von Gedanken, aus welchem er sich nicht wieder herausfinden konnte. Zum ersten Male unterlag er einem abergläubischen Schrecken. Indessen stand Julie noch immer vor ihm, seine Antwort erwartend, und er brach endlich das Stillschweigen, indem er mit bewegter Stimme ihr für die Mittheilung der nächtlichen Scene dankte.
„Du mußt, sagte er, diesen Traum als eine Wohlthat Gottes betrachten. Er hat dich dadurch belehren wollen, daß deine Mutter und dein Bruder vom Himmel herab dich vor dem Dämon beschützen werden,dasheißt, vor der Sünde; dieß ist der Sinn der Worte, die du gehört hast.“
— O, lieber Vater, ich schlief nicht, als sie in mein Zimmer kamen. Von der Sünde haben sie mir nichts gesagt, sondern bloß von einem abscheulichen Wesen, das uns alle verderben will, und das sie einenVampyrnannten. Ich weiß recht gut, was dieß ist; denn der arme Werner hat uns von diesen bösen Geistern erzählt. Ich habe noch jedes Wort behalten, denn die Vampyre ... —
„Mein Kind, ich kenne ihre Geschichte besser als du; aber man hätte sie dir ersparen sollen, weil dadurch deine Einbildungskraft erhitzt wurde, und dieß vielleicht die Ursache deines Traumes ist. Glaube mir, Julchen, vergiß ihn gänzlich; denn man würde dich auslachen, wenn du davon erzähltest; man würde dich für ein kleines furchtsames Mädchen halten, oder dich wohl gar der Lüge beschuldigen, wenn du behauptest, nichtgeschlafen zu haben. Was mich betrifft, so zweifle ich nicht an deiner Wahrheitsliebe; du glaubtest wirklich zu sehen, was doch nur Täuschung war; vor allen Dingen aber bitte ich, gegen Lodoiska darüber das tiefste Stillschweigen zu beobachten.“
— O, sei unbesorgt, lieber Vater, ich weiß es schon, daß ich ihr nichts davon sagen darf. Wilhelm hat es mir sehr dringend anempfohlen; denn er behauptet, sie sei meine ärgste Todfeindin. —
Dieser neue Schlag verwundete den Obersten mitten im Herzen. Er sprang heftig auf und entließ seine Tochter, um sich wieder zu sammeln. Unerklärlich war es ihm, wie so viel Seltsames so genau übereinstimmen, wie es möglich sei, daß ein Traum eines Kindes so viel Wahres enthalten könne. Ach, er selbst hatte die Erfahrung gemacht, daß eine Stiefmutter fast immer die Feindin der Kinder ist, die sie nicht selbst geborenhat. Sein eigener Vater hatte sich zum zweiten Male verheirathet, und seine ganze Jugend wurde deßhalb durch täglichen Zank, ungerechte Beschuldigungen, und Versuche, ihn mit seinem Vater zu entzweien oder ihm den größten Theil seines Vermögens zu entziehen, vergiftet. Zum ersten Male dachte er jetzt an das Unrecht, was er seiner Tochter zufügen würde, wenn er sich jemals wieder vermählte, und die väterliche Zärtlichkeit erhob einen neuen Kampf in seinem Herzen.
Nicht ohne das größte Erstaunen sahe er zur Frühstückszeit Lodoiska in’s Speisezimmer treten. Sie schien zeigen zu wollen, daß sie jetzt völlig zufrieden sei, aber dennoch blickte ein tiefer Verdruß durch ihre verstellte Freude. Die kleine Julie sahe sie mit dem finsteren Ausdruck des heftigsten Zornes an, aber nur, wenn Alfred’s Blicke nicht auf sie gerichtet waren. Sie scherzte über ihre lange Zurückgezogenheit, und sagte, daß sie von nunan ihren Schmerz zwar nicht vergessen, aber doch zerstreuen wolle. Sie ließ ihren Verstand mit so vielem Vortheile glänzen, und betrug sich so liebenswürdig, daß der Oberst, anfangs auf seiner Hut, dennoch bald dem Einflusse nachgab, den sie über ihn ausüben wollte. Die Vergangenheit stellte sich gänzlich in den Hintergrund. Alfred sah in Lodoiska nur das Mädchen seiner ersten heftigsten Liebe, und sein Entzücken stieg auf’s Höchste, als sie ihre Harfe nahm, und durch ihre hinreißende Stimme ihn gleichsam aus den Grenzen des irdischen Daseins hinauszauberte.
In diesem Augenblicke war Wildenau, den man übrigens gar nicht erwartete, im Schlosse angekommen. Voll Erstaunen, harmonische Töne an einem Orte zu hören, wo die äußern Zeichen der Trauer noch nicht verschwunden waren, stand er in dem Vorzimmer still, und ein der offenen Thür gegenüberhängender Spiegel zeigte ihm, wasvorging. Der Arzt kam in der Absicht, sich mit dem Obersten in Betreff Lodoiska’s eine Erklärung zu verschaffen; was er aber jetzt sahe, überhob ihn jeder weiteren Unterhaltung über diesen Gegenstand. Das Entzücken des Obersten, die Blicke Lodoiska’s, die so leicht zu erkennende Uebereinstimmung zweier gleichfühlenden Herzen, Alles gab ihm den Beweis, daß beide schon durch eine frühere Liebe vereinigt gewesen. Bei diesem Gedanken entstand der fürchterlichste Verdacht in seinem Herzen; doch unterdrückte er ihn wieder voller Scham vor sich selbst. An der Rechtschaffenheit des Obersten konnte er nicht zweifeln; aber die finstere, wilde Lodoiska flößte ihm nicht ein gleiches Vertrauen ein, und mancherlei Geheimnisse erklärten sich ihm jetzt so deutlich, daß er davor schauderte.
Lodoiska hörte jetzt auf zu singen, und nun hielt es Wildenau für passend, sich zuzeigen. Seine Gegenwart schien der Fremden höchst ungelegen zu sein, daher sie bald darauf die Gesellschaft verließ, und der Oberst, dadurch gewissermaßen dem Arzte Preis gegeben, fühlte sich in großer Verlegenheit, so daß er sogleich wünschte, ein neuer Besuch möchte ihm zu Hülfe kommen. Aber es geschah nicht, und der Arzt, der seinen Zustand sehr genau beobachtete, fühlte Mitleiden mit ihm, so daß er seiner Verwirrung ein Ende machen wollte, und ohne weitere Umschweife seinen Angriff begann:
„Sie sind ein Mann von Ehre, Herr Oberst, und ich glaube einiges Recht auf Ihre Achtung zu haben. Haben Sie daher die Güte, mir nur eine einzige Frage zu beantworten; sie enthält nichts Feindseliges, sondern soll nur dazu dienen, mein künftiges Betragen zu bestimmen. Haben Sie die schöne Fremde schon gekannt, ehe sie zum ersten Male in dieser Gegend erschien?“
— Herr Doktor, antwortete der Oberst sehr bewegt, wenn jeder Andere mich so fragte, so würde ich gegen ihn ein vollkommenes Stillschweigen beobachten. Aber ich weiß, wie sehr ich mich gegen Sie vergangen habe, und ich kann mein Unrecht nur durch meine Aufrichtigkeit wieder gut machen. Lodoiska war das erste weibliche Wesen, das mir Liebe einflößte. Ich befand mich damals in ihrem Vaterlande; ich konnte über ihre Tugend nicht siegen, und dennoch vergaß ich sie, nachdem ich ihr das feierlichste Versprechen gegeben hatte, sie zur Gattin zu nehmen. Aber sie leistete nicht auf mich Verzicht, sondern hat mich bis hierher nach Deutschland verfolgt; so lange indessen meine unglückliche Frau gelebt hat, ermuthigte ich ihre Leidenschaft auf keine Weise. Dieß, schwöre ich Ihnen, ist reine Wahrheit. —
„Es ist genug, Herr Oberst, mehr verlange ich nicht; nur hättenSie vielleicht mitdiesem Geständniß gegen mich nicht so lange zögern sollen.“
— Konnte ich anders? Ist das Geheimniß anderer Menschen auch das unsrige, und konnte ich daher das Geheimniß Lodoiska’s wider ihren Willen entdecken? Jetzt habe ich es nur für Sie allein entschleiert, und ich hoffe, Sie werden es Niemanden anvertrauen. —
„Leben Sie wohl, Herr Oberst; möchten Sie glücklich sein! Möge die Zukunft Sie die Vergangenheit nicht vermissen lassen.“
Nach diesen Worten entfernte sich Wildenau, ungeachtet der dringenden Bitten des Obersten, zum Mittagsessen da zu bleiben.
„Nein! sagte er; erlauben Sie, daß ich mich entferne; denn ich darf durch meine Gegenwart der Fremden keine unangenehmen Empfindungen verursachen. Sie würde in meiner Gesellschaft nur verlegen, ich aber keinesweges bei ihr in guter Laune sein.Nochmals, leben Sie wohl! Empfangen Sie meine aufrichtigsten Wünsche für Ihr Glück.“
Diese Worte des Arztes waren ohne Zweifel sehr natürlich und der Sache völlig angemessen; aber dennoch glaubte der Oberst darin eine Art von Vorwurf zu erblicken, der ihn in Unmuth setzte. Er unterdrückte ihn indessen, indem er das vermeintliche Bittere in dem Betragen seines Freundes auf Rechnung seiner verschmäheten Liebe verzeihen zu müssen glaubte.
Mehrere Wochen vergingen nach dieser Unterhaltung, und Lobenthal, der sich immer mehr seiner Neigung hingab, machte die jungfräuliche Lodoiska zum zweiten Male zur Gebieterin seines Herzens. Diese schien bald überaus glücklich zu sein, bald sich wieder ihrer wilden Schwermuth zu überlassen; je mehr Gewalt sie über ihren alten Liebhaber erhielt, desto mehr überließ sie sich den eigensinnigstenLaunen. Vorzüglich zeigte sie eine außerordentliche Abneigung gegen die kleine Julie, so daß schon ihr bloßer Anblick ihr einen geheimen Unmuth verursachte, den sie vergebens zu verbergen oder zu unterdrücken suchte. Dem Obersten konnte dieser Haß nicht lange unbekannt bleiben, und er machte ihr darüber sein Erstaunen, selbst sein Mißvergnügen bemerklich.
„Ach Alfred, antwortete die Fremde, ich mache mir selbst mehr Vorwürfe darüber, als du dir vorstellen kannst; ich fühle, wie ungerecht mein Haß gegen dieses liebenswürdige Geschöpf ist; aber kann man den Empfindungen seines Herzens befehlen? Ich will allein in dem deinigen herrschen, und Alles, was dich an eine Andere erinnert, ist mir daher unerträglich. Mit der Zeit werde ich ohne Zweifel vernünftiger werden, aber jetzt kann ich den Sieg über mich selbst noch nicht erringen. Indem ich dich mehr liebe als je,habe ich alle menschliche Schwachheiten wieder angenommen. Habe Mitleiden mit mir und mit meinem Kummer, der mich schon seit so langer Zeit, seitdem du mich verlassen, gequält hat.“
Diese Worte und die dazu reichlich vergossenen Thränen beruhigten den Obersten; er glaubte den Augen der Gebieterin seines Herzens einen Gegenstand unwillkührlichen Widerwillens entziehen zu müssen, und ohne Lodoiska vorher davon zu benachrichtigen, fuhr er eines Morgens mit Julien nach Prag, wo er sie in eine der besten Erziehungsanstalten that.
Die unerklärbare Lodoiska zeigte den größten Kummer, als sie Juliens Abreise erfuhr. „Wenn Sie Ihre Tochter aus dem Hause schaffen, sagte sie zum Obersten, so zwingen Sie mich dadurch, mich ebenfalls daraus zu entfernen. Ihretwegen allein warich hier: sie ist fort, unter welchem Titel kann ich nun noch hier verweilen?“
— Unter dem Titel, der mir der theuerste sein würde, liebe Lodoiska, erwiederte Alfred voller Zärtlichkeit, und den ich Ihnen schon angeboten hätte, wenn der äußere Anstand mich nicht abhielte. Es hat der Vorsehung gefallen, die früheren Hindernisse unserer Vereinigung hinwegzuräumen; werden Sie mir jetzt abschlagen, was Sie früher vielleicht glücklich gemacht hätte? —
Lodoiska mußte ohne Zweifel schon lange auf eine solche Erklärung gefaßt sein; aber dennoch stand sie wie erstarrt, als Lobenthal so zu ihr sprach. Ihr Inneres ward von verschiedenen Empfindungen bewegt, und sie fühlte zu gleicher Zeit die höchste Glückseligkeit und die tiefste Verzweiflung. Sie sahe den entscheidenden Augenblick sich nähern; sie wußte, welche Grausamkeit ihr nochauszuüben oblag; sie hätte eigentlich nichts alsRache in ihrem Busen tragen sollen; aber die Alles besiegende Liebe hatte auch sie unterjocht. Durch ihre Sinne gehörte sie noch der Erde an, und sie kämpfte daher hartnäckig, obgleich vergebens, gegen die höhere Macht, die ihre Handlungen gebieterisch leitete. Endlich faßte sie sich, und rief:
„Nein, Alfred, nein! Reden Sie mir nicht mehr von einer Feierlichkeit, an welcher ehemals meine ganze Glückseligkeit hing! Kann ich Ihnen jetzt noch angehören, da ich mir selbst nicht mehr angehöre? Und habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß ich durch einen fürchterlichen Fluch von den Tempeln und Dienern des Herrn entfernt bin? Sie lieben mich, sagen Sie? Wohl, so geben Sie mir den Beweis davon, indem Sie mich nicht länger mit ihren Wünschen bestürmen.“
— Grausame! hören Sie doch endlich auf, sich und mich durch nichtige Truggestalten Ihrer Einbildungskraft zu quälen.Zwar ist schon der Versuch zum Selbstmorde ohne Zweifel vor dem Angesichte Gottes ein Verbrechen; aber es giebt ja keine Sünde, welche nicht durch die Reue getilgt wird, und warum sollten Sie allein mit so unerbittlicher Strenge verfolgt werden? —
„Armer Sterblicher! Sie wissen nicht, was Sie wünschen! Wenn nun der Augenblick, wo Sie unsere Glückseligkeit zu befestigen glauben, gerade der unserer ewigen Trennung würde? Hier können wir noch beisammen bleiben .... aber dort unten (fuhr sie mit leiser Stimme fort) gehen wir beide unseren eigenen Gang. Und was würde der Geistliche sagen, dem ich mich zur Trauung vorstellen wollte!“
— Kann er allwissend sein? Kann er hier von dem Vergehen wissen, zu welchem Ihre Liebe Sie in Ihrem entfernten Vaterlande trieb? —
„Alfred! Gott zeichnete die Stirn des Brudermörders Kain mit einem fürchterlichen Zeichen; auch ich trage ein solches auf der meinigen; obgleich Sie es nicht sehen, so würde es doch der Geistliche sogleich erblicken.“
— Armes Mädchen! Wie sehr muß ich Sie beklagen! So weit können die Vorurtheile Ihrer Erziehung Sie irre führen! Doch ich will für jetzt nicht weiter in Sie dringen, und ich hoffe, daß Sie später meinen Wünschen nachgeben werden. —
Ein schwermüthiges Lächeln, ein leichtes Kopfschütteln waren die ganze Antwort der Fremden; Alfred schien nicht darauf zu achten, er hoffte Alles von der Zeit und von der Macht seiner Zärtlichkeit.
Mehrere Monate vergingen, ehe der Oberst weitere Schritte zur Erreichung seiner Wünsche that, bis er endlich beschloß, Lodoiska’n durch Ueberraschung dahin zu vermögen, daß sie seine Gattin würde. Ohne ihr also das Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem Pfarrer darüber, und vertraute ihm freimüthig alle Umstände an, welche seiner Braut eine so große Furcht vor dem Anblick eines Geistlichen verursachten. Der Pfarrer war ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß er sich leicht von der strenge vorgeschriebenen Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden würde. Er versprach also, um Mitternacht, in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle,die Ehe des Obersten mit Lodoiska einzusegnen.
Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen gekommen zu sein, sandte er eiligst seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich einen Notarius nebst einigen Zeugen mitzubringen. Hierauf begab er sich zu seiner Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen Abend dazu festgesetzt habe, vorläufig einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und daß schon alle nöthigen Anstalten dazu getroffen seien.
Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser unvermutheten Ankündigung die Wangen der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete sich aber auch in ihren Augen eine düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen Körper, und war gezwungen, sich an dem neben ihr stehenden Tische zu stützen.
„Schon heute, Alfred? sagte sie; warum eilen Sie so? Können Sie es nicht längermit ansehen, daß unser Glück noch einige Zeit dauert?“
— Zerstören wir es denn, wenn wir es auf immer an uns fesseln? Kann unsere Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren, wenn sie unauflöslich wird? —
„Sie glauben es, weil Sie nur an die Gegenwart denken, und nicht an die Zukunft.“
— O gewiß denke ich an die Zukunft, und male sie mir mit den freundlichsten Farben aus. Aber warum wollen Sie noch immer bei Ihrer Schwermuth beharren? Was führte Sie denn anders hierher, als die Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten Sie nicht meine Person als Ihr Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre Rechte anerkenne, wollen Sie mich von sich stoßen? —
„Daß Sie mir angehören, kann mir nicht bestritten werden, denn Ihr mit IhremBlut geschriebenes Versprechen ist mir ein sichreres Unterpfand, als alle diese Ceremonien, die mir gleichgültig sind. Aber ich bin zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich fürchte den Augenblick, der mir ein schreckliches Recht über Sie geben wird. Ach, Alfred, glaube mir, ändere deinen Entschluß, denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht, wenn du dich unwiderruflich an mich fesselst.“
Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell aus dem Zimmer, und begab sich in das ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören wagte. Er erstaunte über ihre Rede, schob aber Alles auf ihre abergläubische Furcht vor der Gegenwart eines Geistlichen, und beharrte bei seinem Entschlusse, diese Furcht mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei der Trauung hatte er seinen Bedienten und den Verwalter der zum Schlosse gehörigen Ländereien gewählt, weil ihm beide zu jederZeit zu Gebote standen; unmittelbar nach dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner neuen Gemahlin in einen Wagen setzen, und sich erst nach Prag, dann aber nach Berlin begeben, um daselbst seinen festen Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der Aufenthalt im Schlosse R.... schien ihm jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm zu traurige Erinnerungen hervorrief.
Endlich wurde es Abend. Lodoiska, die noch immer in ihrem Zimmer blieb, äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher, als bis im letzten Augenblick zu verlassen. Während dieser Zeit irrte der Oberst in der größten Unruhe hier und dort umher, und fand nirgends seines Bleibens. Es hatte sich ein fürchterlicher Sturmwind erhoben, der bis in das Innere des Schlosses drang, und durch sein Pfeifen bald die Klagen eines Leidenden, bald ein höllischesGelächter nachzuahmen schien. Er setzte die Fensterscheiben in Bewegung, daß sie klirrten, erschütterte selbst die inneren Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth dieses Sturmes war so groß, daß der Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens nicht erwehren konnte.
Bei seinem Umherirren im Schlosse kam Lobenthal auch zufällig in die Nähe der Gesindestube, wo die Knechte und Mägde von der Meierei beim Abendessen versammelt waren. Sie sprachen unter einander von dem Befehle, den er gegeben hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig zu halten, und suchten die Absicht dieser plötzlichen Reise zu errathen.
„Ich wundere mich gar nicht darüber, sagte einer der Knechte; denn wir wissen ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst keine ruhigen Nächte haben kann, und esmuß ihm daher angenehmer sein, um diese Zeit zu reisen, als in seinem Bette den schrecklichen Besuch abzuwarten, den er dort empfängt.“
— Was sagst du da, Peter? rief eins der Mädchen mit einer Stimme, die schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was für Besuchen sprichst du denn? —
„Nun, von den Besuchen, die ihm die verstorbene Oberstin alle Nächte abstattet! Der Schulze, der Küster und auch die alte Mutter Rieben, die eben kein Geheimniß daraus macht, haben es ja schon öfters gesehen, wie unsere verstorbene gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt, ihren kleinen Sohn beim Namen ruft, der dann ebenfalls aufsteht, und mit ihm nach dem Schlosse geht.“
„Das ist eine abscheuliche Lüge,“ sagte Johann, der Bediente des Obersten,der in einer großen Stadt erzogen war, und daher weniger Aberglauben besaß.
— Nun, sei nur nicht böse, Johann, es könnte dir Schaden thun, erwiderte Peter. Auch du wirst noch zu sehen bekommen, was Andere schon gesehen haben, und es scheint mir, als wenn das Wunder heute Nacht noch etwas früher als sonst geschehen werde. Als ich vom Felde hereinkam, begegnete ich der alten Mutter Rieben. „Höre, Peter, sagte sie zu mir, du gehst nach dem Schlosse; aber bete vorher ein Vaterunser, wenn du mir glauben willst; denn es werden sich heute dort seltsame Dinge zutragen. Die nächtlichen Geister haben sich heute früher als sonst aus ihren Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich der wüthende Sturmwind Schuld ist, der sie gerufen hat, und ich habe sie so eben vorbeigehen sehen.“
Als der Oberst diese außerordentliche Erzählung mit anhörte, schauderte er unwillkührlich, und um nicht noch mehr zu erfahren, entfernte er sich mit langsamen Schritten, und stieg die Treppe hinauf. Eben befand er sich an der Thür des großen Saales, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Er stand still und blickte sich um .... zwei weiße Gestalten schwebten schnell bei ihm vorüber und verloren sich dann in der Finsterniß. Er glaubte, sie zu erkennen .... seine Kniee wankten unter ihm; es war ihm unmöglich, seines Schreckens Herr zu werden, und an einen Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange Zeit in einem fast sinnlosen Zustande.
Mehrere Stimmen, die er unten an der Treppe hörte, weckten ihn aus seiner Betäubung. Er raffte sich schnell empor, und sahe nun den Notarius und dessen Zeugen, die von seinem Bedienten mit einem Lichte begleitet,die Treppe heraufkamen. Kaum hatte er noch so viel Zeit, sich einigermaßen wieder zu sammeln. Die erste Frage, die der Notarius an ihn that, war nach seinem Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen seine Gesichtszüge noch aus. Der Oberst antwortete ihm ausweichend, und führte ihn in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf einige Augenblicke verließ, um Lodoiska’n seine Ankunft anzukündigen.
Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn eintreten sahe, und erbebte, sobald er sich erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich so viel verschiedene Empfindungen malten, daß es unmöglich gewesen wäre, sie zu beschreiben. Ihre Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes, einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen Wuchs; ein Halsband von Perlen und ein Kranz in ihrem Haar war der ganze Schmuck, den sie sich erlaubt hatte.
Der Oberst mußte seine Bitte mehrere Male wiederholen, ehe sie sich entschloß, ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den Augenblick noch verzögern wollte, den er so sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob ihre Arme und Augen gen Himmel, und schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie gezwungen würde, oder ihn um Gnade zu bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten hoffte.
Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer und beim Anblick des Notarius und der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen in Verwirrung; doch erholte sie sich bald wieder, und antwortete mit Bescheidenheit auf die Komplimente, die der Notarius an sie richtete. Sein Geschäft war bald abgemacht, worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet der Oberst ihn dringend bat, bis zum andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben.
Unterdessen beschäftigte sich Johann, der Bediente des Obersten, mit den nöthigen Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie, die nun noch Statt finden sollte. Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die Schloßkapelle zu führen, den Verwalter herbeizuholen, und sich dann zu dem Obersten zu verfügen, unter dem Vorwande, seine etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe er sich niederlegte, in der That aber, um ihm durch seine Gegenwart anzukündigen, daß Alles bereit sei.
Lodoiska, die nun mit Alfred allein geblieben war, zeigte immer noch die größte Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm, ihre Blicke irrten unstät umher, und jedes Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte, ergriff sie ein krampfartiges Zittern, und sie streckte die Hände vor sich hin, gleichsam um ihn von sich abzuhalten. Alfred bemerkte den außerordentlichen Kampf, derin ihrem Innern vorging, und versuchte sie zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach nichts, als unzusammenhängende Worte, welche bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten, bald eine schauerliche Zukunft vorhersagten; sie riefen den Himmel um Mitleiden an gegen die bevorstehenden Qualen der Hölle.
Es schlug zwölf Uhr, und Johann erschien im Zimmer. Bei seinem Anblick wandte sich der Oberst an Lodoiska:
„Nur noch ein wenig Muth, Geliebte, sagte er; in einigen Augenblicken wird Alles vorbei sein. Folge mir jetzt; in Zeit von einer Stunde sitzen wir schon im Wagen; vorher haben wir aber noch eine Pflicht zu erfüllen, und wir müssen uns jetzt in ein anderes Zimmer begeben.“
— Giebt es einen Ort, antwortete Lodoiska mit dumpfem Tone, wo ich Ruhefinden kann, wo ich von der rachsüchtigen Frau nicht verfolgt werde? —
„Von welcher Frau?“ fragte Alfred lebhaft.
— Wissen Sie es denn nicht? Haben Sie sie denn nicht gesehen, wie sie mit ihrem Kinde umherstreicht? Es ist nicht meine Schuld, wenn sie nicht ihrer drei sind; warum hat sie mich verhindert, mein Geschäft gänzlich zu vollenden! —
„Lodoiska, ich beschwöre Sie bei meiner Liebe, erholen Sie sich; Sie machen mich zum unglücklichsten aller Männer. Was fehlt Ihnen? Was wollen Sie?“
— Ich habe Durst, großen Durst! —
„Er ist ja leicht zu befriedigen.“
— Oh, nicht so leicht! Blut muß ich haben! Blut! und zwar das deinige, Alfred! —
„Ach, Unglückliche, wie kann Ihr Verstand Sie so gänzlich verlassen! Beruhigen Sie sich; vergessen Sie, was geschehen ist,und bedenken Sie, daß wir für einander bestimmt sind.“
— Ja, ja! im kühlen Grabe, wo ich schon einmal geruht habe. —
„Ich höre nicht weiter auf Sie; kommen Sie jetzt, um das Letzte zu erfüllen.“
Mit diesen Worten schlang er seinen Arm um Lodoiska, und zog sie schnell zur Kapelle hin, während sie ein lautes Geschrei ausstieß, das sich in das Heulen des Sturmwindes mischte.
„Alfred! mein Alfred! so bald willst du sterben? .... Ja, ja, du gehörst mir an, und mein schreckliches Geschäft wird nun erfüllt werden!“
Unter so unerklärbaren Ausrufungen der halb bewußtlosen Lodoiska gelangte der Oberst endlich in die Kapelle, sie mehr tragend als führend. Ein fürchterliches Angstgeschrei war die erste Wirkung, die der Anblick des erleuchteten Altars und des Geistlichen auf sie machte.
„O, grausames Schicksal! rief sie aus; so ist es denn wahr, daß du erfüllt werden mußt?“
Fast mit Gewalt zog Alfred sie bis vor den Altar. Jetzt leistete sie keinen Widerstand mehr, sondern schluchzte nur und zerfloß in Thränen; dann schienen ihre Gesichtszüge sich zu verzerren, und der Kreislauf ihres Blutes sich zu hemmen. Nur an einem dünnen Faden schien das Leben Lodoiska’s noch zu hängen, während der Pfarrer die Trauungsceremonie anfing. Jetzt sollten die Ringe gewechselt werden; aber Lodoiska’s Hand war mit dem Handschuh versehen, dessen wir schon mehrmals erwähnten. Voll heftiger Ungeduld riß der Oberst diesen Handschuh herunter, ehe es Lodoiska verhindern konnte .... und die Abscheu erregenden knöchernen Gebeine eines Skelets fielen ihm und dem erstaunten Geistlichen in die Augen! —
Ein Schrei des Entsetzens entfuhr allen Zeugen dieses schrecklichen Schauspiels. Lodoiskafiel leblos auf den Fußboden nieder, und aus drei geöffneten Wunden quoll ein unreines, stinkendes Blut hervor. —
Am dritten Tage ward der Leichnam der Fremden zur Erde bestattet. Aber mit den ersten Strahlen des Mondes, die ihr Grab beschienen, erhob sie sich abermals aus ihrer Ruhestätte, und .... am andern Morgen fand man den Obersten todt in seinem Bette ..... An drei verschiedenen Orten waren ihm die Adern geöffnet, und in seinem ganzen Körper war auch kein Blutstropfen mehr vorhanden, der von seinem ehemaligen Dasein zeugte. —
Ende.