Siebenzehntes Kapitel.

Während der gefühllose Herr von Krauthof sich vergebens in allerhand Vermuthungen verlor, durch welche Ursache die Ohnmacht der schönen Fremden hervorgebracht sein könnte, waren Helene, ihr Mann und der Arzt eifrig beschäftigt, Lodoiska’n in’s Leben zurückzurufen. Aber ihre Bemühungen waren fruchtlos, und der Oberst benutzte diese Augenblicke, den lächerlichen Edelmann zurechtzuweisen.

„Ich habe mit den russischen Heeren, sagte er, einen großen Theil von Europa durchzogen, und dabei Gegenden gesehen, welche sonst von unsern Reisenden nur selten besucht werden. Ich müßte mich sehr irren, wenn diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache und ihrem ganzen Wesen zu urtheilen, nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei geboren ist; in diesem Falle muß auchsie von den in ihrem Vaterlande herrschenden abergläubischen Meinungen durchdrungen sein, und da die Unterhaltung auf einen für ihre Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so wird dieß, verbunden mit ihrer noch schwachen Gesundheit, ihren jetzigen Zustand hervorgebracht haben, dem wir sie mit aller Mühe noch nicht entreißen können.“

Diese Erklärung schien allen Anwesenden hinreichend zu sein. Der Herr von Krauthof bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in Ungarn geboren wäre, gewiß mit der Art bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln müsse, und er nahm sich vor, sie über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten, da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend in seinem Garten habe. Niemand antwortete auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska nicht wieder zu sich kam, so machte Wildenau den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen, was auch geschahe; aber sie lag noch langeZeit auf ihrem Bette völlig kalt und unbeweglich. Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus, schlug die Augen auf, und die Umstehenden der Reihe nach ansehend, fragte sie mit leiser Stimme, warum sie sich in diesem Zustand befände?

„Der außerordentliche Blutverlust, welchen Sie erlitten haben, antwortete Wildenau, wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit nicht genug in Acht, und rechnen zu sehr auf Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen zu hören.“

— Ist dieß wirklich die Ursache meiner Ohnmacht? Hat man nicht von Vampyren gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen Schleier zu lüften, mit welchem der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen Willens bedeckt? —

„O, denken Sie nicht mehr an diesen traurigen Gegenstand, sagte der Oberst; dasGespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf, und es soll nicht wieder geschehen. Aber vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse, vor welchen Sie hier in Deutschland sicher sind.“

Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern bat nur um Erlaubniß, allein bleiben zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ sie also, und begab sich in das Gesellschaftszimmer zurück, wo der Herr von Krauthof noch wartete, und eine Menge Fragen that, die man kaum beantwortete. Endlich entfernte er sich, zufrieden, endlich das Vaterland der Fremden erfahren zu haben, und mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung in der möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn mitzutheilen.

Als er fort war, nahm Wildenau das Wort, und machte dem Obersten und seiner Gemahlin folgende Erklärung: „Ich weiß nicht recht, fing er an, wie ich es machensoll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die meine ganze Seele beherrschen. Aber die Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben, giebt mir Muth, und ich schmeichele mir mit Ihrer Unterstützung zur Erreichung meiner Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre alt, besitze ein anständiges Vermögen, und habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch weit lästiger geworden, seitdem ich die reizende Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort gewährt haben. Sie ist eine Fremde; große Unglücksfälle, vielleicht ein Fehler, den sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben sie hierher geführt. Ich wünschte ihr Schicksal zu verbessern, indem ich ihr meine Hand anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe ich aber das Geringste zur Erreichung meiner Absicht unternehmen wollte, glaubte ich, mich Ihnen freimüthig entdecken zu müssen, in der Hoffnung, daß die Frau Oberstin, ummir einen Korb zu ersparen, die Güte haben würde, die Gesinnungen dieser schönen Person auszuforschen.“

Lobenthal war zu sehr bewegt durch das, was er jetzt hörte, als daß er hätte darauf antworten können, und er überließ daher diese Sorge seiner Frau. Diese billigte Wildenau’s Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht früher bestimmt zu erklären, ehe er nicht die Geschichte der Fremden genau erfahren habe, damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben verbittere.

„Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete der Arzt, daß ich dieß ebenfalls schon überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer des abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet worden, daß er dasselbe mit den dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend Thaler an die Fremde verkauft hat, welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind. Das Haus ist verloren; aber die Ländereiensind noch da, und Sie wissen, daß man bei den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren für Alles, die Gebäude fast für nichts rechnet. Sie selbst haben mir auch gesagt, daß diese Dame reiche Kleinodien besitzt, und man hat eine bedeutende Summe in baarem Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche Sie einige Zeit lang in Verwahrung hatten. Diese Reichthümer, die Talente, welche die Fremde besitzt, ihr edler Anstand, obgleich damit einige Sonderbarkeiten verknüpft sind, scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener verworfenen Klasse von Frauenzimmern gehört, die mit ihren Reizen Wucher treiben. Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der größten Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß nicht gethan haben würde, wenn sie auf Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen bleibt also nur noch übrig, daß sie vielleicht das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlandeeinen Jugendfehler in Vergessenheit bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu bestreiten. Aber die ohne Zweifel seitdem verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen müssen ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will mich durchaus nicht darauf einlassen, was geschehen ist, und wenn sie Ihnen darüber ein offenes Geständniß macht, so will ich noch weiter gehen: ich will nicht ein Wort davon wissen; sobald Sie mich versichern, Frau Oberstin, daß sie meiner nicht unwürdig ist, so führe ich sie zum Altare.“

Helene, von Wildenau’s Freimüthigkeit und Vertrauen gerührt, versprach ihm, nichts zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen. Da der Oberst die Nothwendigkeit fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende Redensarten hervor, und schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich spät, als diese Unterhaltung endete, und dader Arzt am andern Morgen in ziemlicher Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte, so trennte man sich.

Der Oberst war weit entfernt, in dieser Nacht zu schlafen; seine innere Bewegung war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu sein, daß Lodoiska den Heirathsantrag von sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien Lauf lassen, und einige Worte sagen möchte, die die Ruhe des Hauses stören könnten.

Während er sich diesen Gedanken überließ, glaubte er in dem Zimmer seiner Frau, das sich dicht neben dem seinigen befand, ein leises Geräusch zu hören. Er horchte genau auf, um gewiß zu sein, daß er sich nicht täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so fürchtete er, daß Helene unwohl sein möchte. Daher stand er rasch auf, und ging leise auf die Thür des Nebengemaches zu. Er war im Begriff sie zu öffnen, als er plötzlich voneiner Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen Schlag in’s Gesicht erhielt, daß er auf sein Bett zurückfiel, und einige Minuten fast ohne Besinnung darauf liegen blieb.

Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu seinem Degen, zündete mit einem chemischen Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun sorgfältig das ganze Zimmer, in der Hoffnung, den kühnen Urheber des höchst unsanften Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen waren vergebens. Die äußere Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen, eben so befanden sich alle Riegel vor den unversehrten Fenstern, und als er in das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß sie in einen festen, obgleich ängstlichen Schlaf versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau durch, und da er nichts entdeckte, so sahe er sich gezwungen zu glauben, daß seine Phantasie oder die Unruhe seines Blutes ihn getäuscht habe.

Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die anbrechende Morgenröthe ihn noch wachend fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden, und um nicht Zeuge der Unterhaltung seiner Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich auf die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im Hause aufgestanden war.

Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß ihr Gatte nicht erscheinen würde, und dieß war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig war, die Gesinnungen der Fremden über den ihr zu machenden Antrag zu erfahren.

Lodoiska trat in’s Zimmer, sobald die Frühstücksglocke ertönte. Ueber ihr Gesicht war finstere Schwermuth verbreitet; allein sie war nicht so blaß als gewöhnlich; sehr bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte.

Da Helene das beabsichtigte Gespräch nicht in Juliens Gegenwart anfangen wollte, so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab,und befahl dann Lisetten, die Kleine mit sich zu nehmen, und nicht eher wieder hereinzukommen, bis sie gerufen würde. Lodoiska setzte sich gleich darauf an ihren Stickrahmen, und Helene, um nicht in Verlegenheit zu gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie aufmerksam zu lesen schien. Nach langem Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen an. —

„Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn immer das beste, aber auch das geheimnißvollste Wesen auf der Welt bleiben? Sollen wir denn nie erfahren, durch welche wichtige Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande entfernt worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen an; sollten meine Fragen Sie beleidigen? Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme für Sie hat sie mir eingegeben.“

— Ich glaube es, Frau Oberstin, und ich entschuldige Sie, weil ich Sie kenne; da Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkthaben, ohne nach meinen näheren Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich dieses Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch länger verdienen? Habe ich mich seit Kurzem vielleicht in einem unvortheilhafteren Lichte gezeigt? Sollte ich der Verläumdung preisgegeben sein? —

„Von allemDiesem ist durchaus nicht die Rede; aber glauben Sie denn, daß Sie ungestraft so hübsch sein dürfen? Niemand wird sich um die Verhältnisse eines gewöhnlichen Frauenzimmers bekümmern. Man geht an ihr vorüber, ohne sie zu bemerken; aber Sie, Lodoiska, fallen zu sehr in die Augen, als daß man Sie mit Gleichgültigkeit ansehen könnte. Sie setzen ohne Zweifel mehr als ein Herz in Bewegung, von denen einige sich Ihnen nähern möchten, um auch das Ihrige zu rühren; und diese haben einiges Interesse dabei, zu wissen, wer Sie sind, ob Sie noch frei sind, ob keine frühere VerbindungIhnen im Wege ist; kurz, ob Sie über Ihre Hand verfügen können?“

Ein melancholisches Lächeln ging der Antwort voraus, die Lodoiska hierauf zu geben im Begriff stand. Sie schien einen Augenblick darüber nachzudenken, richtete dann ihren Kopf, den sie über den Stickrahmen gebeugt hatte, in die Höhe, und sagte, Helenen mit einem Blick der vollkommensten Gleichgültigkeit ansehend:

„Wenn es bei der Kenntniß meines Schicksals bloß auf meine jetzige Lage ankommt, so kann ich mich über diese erklären, ohne zu erzählen, was mir früher begegnete. Ich bin frei, völlig frei, und dennoch gehöre ich mir selbst nicht an. Ich habe mein Herz verschenkt, und nicht das Recht, es wieder zurückzufordern; durch ein ganzes Leben bin ich von demjenigen getrennt, den ich bis zum Uebermaß liebe; meine Seele steht unter der Abhängigkeit einer höheren Macht, und ichhabe kein Vaterland mehr, ich gehöre der ganzen Erde an. Fragen Sie mich nicht weiter; Sie haben jetzt Alles gehört, was ich Ihnen sagen kann .... suchen Sie es zu vergessen.“

— Ich würde mich ohne Zweifel mit einer solchen Erklärung begnügen, so dunkel sie mir auch ist, aber ich kann Sie versichern, daß Andere nicht damit zufrieden sein werden. Und nun erlauben Sie, daß ich mit Ihnen ein Wort der Vernunft spreche. Sie sind hier weit von Ihrem Vaterlande entfernt, allein und unabhängig; Sie können nicht hoffen, sagen Sie, demjenigen jemals anzugehören, den Ihr Herz ausgewählt hat: was wollen Sie aber dann in einem fremden Lande machen? Wird nicht eine Zeit kommen, wo Sie, unter der Last des Alters gebeugt, das Bedürfniß eines Freundes fühlen werden? Wollen Sie denn vielleicht in Ihr Vaterland zurückkehren? Das Schicksal könnteIhnen unübersteigliche Hindernisse in den Weg legen. Kurz, Sie werden es dann bereuen, etwas ausgeschlagen zu haben, was Sie jetzt vielleicht verschmähen. —

„Ich fühle es, Frau Oberstin, wie schrecklich meine jetzige Lage für jedes andere Frauenzimmer sein würde, das sich in einem der gewöhnlichen Verhältnisse des menschlichen Lebens befindet. Aber meine Verhältnisse sind ganz besonderer Art! Ich scheine Ihnen verlassen zu sein? Wohl! so glauben Sie, daß ich nicht Ursach habe, mich über meine Zukunft zu beunruhigen; sie ist schon seit mehreren Jahren fest bestimmt, und kann sich nicht mehr ändern. Ich drehe mich um einen Kreis, den ein allmächtiges Wesen mir vorgeschrieben hat, und von dem ich mich nicht entfernen kann. Sie glauben, daß mir eine Stütze, ein Freund nöthig werden möchte? Enttäuschen Sie sich; ich werde nie darein willigen, eine solche Stütze anzunehmen.Sagen Sie demjenigen, der Ihnen aufgetragen hat, mit mir hierüber zu sprechen, er möge alle Hoffnung aufgeben, vorzüglich aber eine Liebe zu unterdrücken suchen, die für ihn gefährlich werden könnte. Der Unverständige! Er weiß nicht, daß Jeder, welcher mich liebt, dem Tode verfallen ist! .... Sie erbeben, Frau Oberstin! Ach, warum ist es mir nicht erlaubt, Ihnen meine traurige Geschichte zu erzählen! Meine Lage würde Ihnen dann den schrecklichsten Abscheu einflößen .... und dennoch — ich nehme Gott zum Zeugen, den ich fürchte — habe ich über keine meiner Handlungen zu erröthen. Sie waren stets übereinstimmend mit der Tugend, und wenn ich mir selbst Böses anthat, so ist mir wenigstens bis dahin kein Vorwurf zu machen. Hören Sie auf, ich beschwöre Sie, weiter in mich zu dringen, und lassen Sie mich in der Hülle meiner Geheimnisse. Ich verlange nichts von den Menschen; gern wünschte ichmir auf der Erde die Ruhe des Grabes, aber sie ist mir versagt!“

Bei diesen Worten drückte Lodoiska ihre ganze Verzweiflung durch einen sonderbaren, fürchterlichen Blick aus, stand von ihrem Stuhle auf, beurlaubte sich bei Helenen, und begab sich in ihr Zimmer.

„Außerordentliches Geschöpf! sagte Helene zu sich selbst, als sie sie fortgehen sahe; unbegreifliches Wesen! Wer ist sie? Was hat sie gethan? Warum kam sie hierher? Ihre Geschichte muß äußerst anziehend sein, und gewiß hat sie den Becher des Unglücks mit vollen Zügen geleert.“

Sie blieb bis zur Rückkehr des Obersten und des Arztes, welche beide zugleich kamen, in das tiefste Nachdenken versunken. „Armer Freund! rief sie dem Letztern entgegen; man giebt Ihnen den Korb, ohne Ihnen die geringste Hoffnung zu lassen. Erlassen Sie mir aber, ich bitte, die weitere Auseinandersetzungmeiner Unterhaltung mit der Fremden, und begnügen Sie sich damit, zu wissen, daß sie mir nichts von ihren Schicksalen erzählt hat, und daß Sie nicht glücklich sind.“

Weit entfernt, sich mit diesen Worten zu befriedigen, verlangte Wildenau eine ausführlichere Erklärung, und Helene sträubte sich vergebens: sie mußte Alles genau wieder erzählen, was gesprochen worden war. Es läßt sich denken, mit welcher geheimen Theilnahme der Oberst zuhörte.

„Meine Eigenliebe, sagte endlich der Arzt, ist bei dieser Gelegenheit durchaus unverletzt geblieben; ich sehe ein, daß die Grausame eine Liebe fühlt, welcher nicht Genüge geleistet werden kann. Ohne Zweifel hat sie ihr Vaterland aus beleidigter Liebe verlassen; dieß ist eine zu heftige Maßregel, die ich nicht nachahmen will, und da sie sich weigert, meine Frau zu werden, so bleibe ich wenigstens ihr treuer Freund.“

— Das heißt vernünftig gesprochen! sagte der Oberst, sein langes Stillschweigen brechend. Nur keine Seufzer, glauben Sie mir; stellen Sie sich völlig gleichgültig, und vielleicht gerade, wenn Sie am wenigsten daran denken, werden Sie dieses stolze Herz sich geöffnet sehen. —

Obgleich Wildenau innerlich tief bekümmert war, so wußte er doch sehr gut seinen wahren Zustand zu verbergen; aber er gab seine Liebe noch nicht auf, denn auch er kannte den Werth und Einfluß der Zeit, welche allen Dingen nach und nach eine veränderte Gestalt giebt.

Lodoiska erschien heute nicht zum Mittagessen, indem sie sagen ließ, daß sie unpäßlich sei, und in ihrem Zimmer essen würde. Man glaubte anfangs, daß sie bloß nicht mit dem Arzte zusammentreffen wolle; aber Lisette berichtete, daß sie außerordentlich blaß sei, und in der heftigsten Unruhe zu sein scheine.

Am folgenden Tage, wo Lodoiska sich wieder blicken ließ, schien sie gar nicht mehr an die mit der Oberstin gehabte Unterhaltung zu denken. Wildenau befand sich noch im Schlosse. Sie behandelte ihn wie gewöhnlich, und war vollkommen gleichgültig gegen ihn; allein gegen den Obersten hatte sich ihr Betragen völlig geändert. Sie richtete häufig ihre Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit und selbst Zorn, der ihn beinahe in Schrecken setzte; sie war gegen ihn so trotzend und zu gleicher Zeit vertraulich, daß man leicht ihre frühere Bekanntschaft mit einander errathen haben würde, wenn man nicht überzeugt gewesen wäre, daß der Verstand der Fremden in manchen Augenblicken völlig zerrüttet sei.

Der Oberst, dem die Wahrheit wohl bekannt war, bebte über die Folgen, welche diese üble Laune Lodoiska’s haben könnte. Jemehr sie ihm nach und nach wieder theuer wurde, je lieber hätte er es gesehen, daß man es nicht bemerkte, und vorzüglich fürchtete er, daß eine Unvorsichtigkeit die Eifersucht seiner Frau wecken möchte. Er suchte sich Lodoiska’n verständlich zu machen, indem er sie durch Blicke bat, ihn zu schonen, und ihres Versprechens eingedenk zu sein; aber seine Bemühungen waren vergeblich, und sie fuhr in ihrem Betragen fort. Unterdessen kam ein Eilbote, der den Arzt zu einem Nachbar holte, welchen ein Schlagfluß befallen hatte; zu gleicher Zeit wollte Helene ein Geschäft in ihrem Zimmer besorgen, und die beiden Feinde befanden sich nun allein einander gegenüber.

„Sie erinnern sich also nicht mehr an Ihr mir gegebenes Versprechen?“ sagte Alfred schnell.

— Sie haben ja auch vergessen, daß Sie mir Ihr Herz versprochen hatten! Noch einmal sage ich es Ihnen, betrügerischer Mann, können Sie mir vorwerfen, daß ich meine Schwüre gebrochen? Ich betrage mich gegen Sie, wie es mich gut dünkt; aber dieß ist hier nicht der Ort, uns einander Vorwürfe zu machen. Ich muß Sie sprechen, durchaus allein sprechen. —

„Wann?“

— Heute um Mitternacht. —

„Wo?“

— Im großen Saale; dort wird uns Niemand stören. —

„Was wollen Sie von mir?“

— Sie werden es erfahren. —

„Aber wenn man uns überrascht?“

— Sein Sie ohne Sorgen. —

„Es wird einen üblen Ausgang nehmen.“

— Werden Sie kommen? —

„Ich fürchte ....“

— Zittern Sie, wenn ich vergebens auf Sie warten muß. —

Helenens Rückkehr in’s Zimmer machte dieser Unterhaltung ein Ende, die nur halb laut geführt worden war. Sie kam so plötzlich, daß ihr Gatte in Verlegenheit gerieth, und sie überraschte ihn bei einer Bewegung, die ihr so manche Dinge hätte erklären können, wenn sie nicht in vollkommener Sicherheit gewesen wäre. Lodoiska war seit der Zeit ihres Aufenthalts im Schlosse noch nie so guter Laune gewesen, als heute. Sie vergaß ihre gewöhnliche Schwermuth, ja sie wurde sogar lustig, und es gelang ihr, Helenen ein Lächeln abzugewinnen, das erste seit dem Verluste ihres Sohnes.

Alfred, weit entfernt, Lodoiska’s Frohsinn zu theilen, wurde immer tiefsinniger und trauriger, jemehr sich der Abend näherte. Kaum öffnete er den Mund zum Sprechen; eine ihm unerklärbare Unruhe bewegte sein Inneres, und er wagte es nicht, weder Lodoiska’n noch seine Frau anzublicken. Vorzüglich fürchtete er, bei der bevorstehenden Zusammenkunft mit der Erstern, mitten in der Nacht überrascht zu werden, da hiervon seine ganze häusliche Ruhe abhing.

Endlich begab sich ein Jeder in sein Zimmer. Die Oberstin, die sich seit einiger Zeit über eine allgemeine Schwäche in allen Gliedern beklagte, legte sich zuerst zu Bett, und schickte bald darauf auch Lisetten fort. Der Oberst setzte sich in seinem Zimmer auf einen Lehnstuhl, und erwartete so, völlig angezogen, aber ohne Ungeduld, sondern zitternd, die Mitternachtszeit. Als endlich der letzte Schlag der zwölften Stunde erschallte, stander seufzend auf, und ging mit leisen Tritten nach dem großen Saale, ohne ein Licht mit sich zu nehmen.

Die undurchdringliche Finsterniß in diesem weiten Saale, die schneidende Kälte, welche durch die schlecht geschlossenen Fensterscheiben eindrang, die Furcht, überrascht zu werden: alles dieß vereinigte sich, um dem Obersten ein solches Bebenzu verursachen, wie er noch nie empfunden hatte, selbst als er früher, hundert Feuerschlünden gegenüber, den Tod in der ihm angewiesenen Position erwarten mußte. Aber damals lebte er mit seinem Herzen in Frieden, und sein Gewissen war ruhig; jetzt befand er sich mit sich selbst im Widerspruch. Er war auf den Befehl eines Frauenzimmers hierhergekommen, das zu seinem Glücke nichts mehr beitragen, wohl aber es zerstören konnte. Aber konnte er ihr ungehorsam sein? Mußte er nicht fürchten, daß sie, bei ihrem heftigen Charakter, seineehemaligen Verhältnisse zu ihr öffentlich bekannt machte? Alfred glaubte, Alles thun zu müssen, um eine fast wahnsinnige Liebende in Schranken zu halten.

Sie ließ nicht lange auf sich warten. Sie trat durch die Thür ein, welche von der Haupttreppe in den Saal führte, mit einem weißen Kleide angethan, und halb in einen großen schwarzen Schleier verhüllt, der ihr das furchtbare Ansehen eines Gespenstes gab, das sie auch durch ihren leblosen Blick, durch die Leichenblässe ihres Gesichts nicht verläugnete. In der Hand trug sie ein Licht, das sie schnell auf den Fußboden setzte, als sie den Obersten erblickte; dann trat sie auf ihn zu, und gab ihm ihre Zufriedenheit über sein pünktliches Erscheinen zu erkennen.

„Ich werde stets gern erscheinen, wenn Lodoiska mich sehen will, vorzüglich seitdem sie mich versichert hat ....“

— Alfred, ich bitte Sie, rufen Sie mir ein Versprechen nicht mehr in’s Gedächtniß zurück, dessen Erfüllung mir zu viel kostet. Wie! soll ich mich denn unaufhörlich verstellen? Soll ich es ruhig mit ansehen, daß Sie alle Mittel aufsuchen, mich von hier zu entfernen, und daß Sie dergleichen Anträge unterstützen, wie man mir gestern mitgetheilt hat? —

„Glauben Sie mir, Lodoiska, daß ich dabei so viel gelitten habe, als Sie selbst, sobald man mich davon in Kenntniß setzte? Ja, es war mir schon unerträglich, es nur zu vermuthen; aber was konnte ich dagegen thun? Schweigen und das Weitere Ihnen überlassen. Ich hoffte .... ich wußte, wollte ich sagen, daß Ihre Antwort verneinend sei, und daß man Sie dann nicht weiter verfolgen würde.“

Ein Strahl von Freude blitzte bei diesen Worten in Lodoiska’s Augen auf.

„Sie hofften, sagen Sie. Ach, warum kann ich meinerseits nicht mehr hoffen! Ich bin die Zeugin eines Glücks, das mir über Alles verhaßt ist, und das ich niemals selbst schmecken werde. Jetzt muß ich mich einem Orte entreißen, der mir unerträglich wird. Ich habe Sie wiedergesehen; mein Unglück ist vollendet, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als mich zu entfernen.“

— Sie wollen fort? Lodoiska, bedenken Sie unsere Freundschaft! —

„Unsere Freundschaft! Alfred, ich mache mir nichts daraus, und wenn Sie mir dieselbe auch ganz aufrichtig anbieten, ich nehme sie nicht an. Mein Loos ist gefallen, und ich weiß mich dabei zu erhalten! setzte sie mit einem boshaften Lächeln hinzu. Indem ich Sie durch meine Abreise von meiner Gegenwart befreie, gebe ich Ihnen zugleich Ihre Ruhe zurück. Sie werden nicht mehr zittern, wenn ich mich Ihnen zeige oder mit Ihnenspreche, und von der Liebe zu derjenigen, die Sie mir vorziehen, nicht mehr zerstreut werden.“

— Es steht Ihnen frei, zu bleiben oder abzureisen; ja ich weiß nicht, ob ich selbst Sie nicht zum Letzteren auffordern sollte. Aber sein Sie überzeugt, daß mein Herz Ihre Entfernung nicht wünscht; es würde zufrieden in Ihrer Nähe sein, wenn es Sie nicht mehr zu fürchten hätte, und es fühlt mehr als je, wie verführerisch Sie sind. —

„Nun? Und welchen Platz wollten Sie mir denn neben sich anweisen? Sie antworten nicht; was soll ich daraus schließen?“

— Daß ich höchst verlegen bin; denn was soll ich Ihnen antworten, um Sie zu befriedigen? Die Bande, welche mich an Helenen fesseln sind unauflöslich. —

„Ja unauflöslich, wie alles Uebrige bei den Menschen, bis zum Tode .....“

In dem Tone, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden, lag ein so geheimnißvoller Sinn und ein so boshafter Ausdruck, daß der Oberst schaudernd einen Schritt zurücktrat, und Lodoiska’n erstaunt ansah; allein er bemerkte, daß ihre Augen von der gewöhnlichen außerordentlichen Gleichgültigkeit erfüllt waren, und ihr unbefangenes Wesen stand so sehr in Widerspruch mit dem, was schon der bloße Ton ihrer Stimme ausgedrückt hatte, daß Alfred glauben mußte, er habe sich geirrt. Es folgte ein langes Stillschweigen, wobei der Oberst in’s tiefste Nachdenken versunken war, bis endlich Lodoiska wieder das Wort nahm.

„Sie denken sehr ernsthaft nach, Alfred; beschäftigen Sie sich mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft?“

— Nein, nur mit der Gegenwart, die mich in die unbeschreiblichste Verwirrung setzt. —

„Sein Sie nicht böse, wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihre Schwäche kenne. Sie sind nicht im Stande, einen bestimmten Entschluß zu fassen, und Sie wissen selbst kaum, was Sie wollen.“

— Ach, Lodoiska, könnten Sie in mein Herz sehen! Aber ich möchte wohl wissen, wie Sie sich benehmen würden, wenn Sie sich in meiner Lage befänden. —

„Nach reiflicher Ueberlegung aller Gründe würde mein Entschluß sehr bald gefaßt sein, und den einmal eingeschlagenen Weg würde ich dann mit Muth und Dreistigkeit betreten.“

— Wenn aber dieser Weg Sie zum Irrthume, oder gar zum Verbrechen führte? —

„Auch dann würde ich ihn verfolgen, denn von allen Uebeln ist das schlimmste die Unschlüssigkeit. Aber haben Sie sich auch recht davon überzeugt, worin eigentlich die Verlegenheit in Ihrer Lage besteht? Wissen Sie denn bestimmt, wo das Böse und wodas Gute anzutreffen ist? Und seit wann ist es Sitte, daß neuere Rechte die ältern verdrängen können?“

— Lodoiska, was würden Sie also von mir fordern? —

„Alles oder Nichts, Alfred! Sie schaudern? O, dann sind Sie nicht würdig mich weiter anzuhören.“

— Wie könnte ich eine Gattin verlassen, der ich durchaus keinen Vorwurf zu machen habe! mich von einem Kinde trennen ..... —

„Alles oder Nichts, ich wiederhole es Ihnen. Worüber können Sie sich beklagen, da Sie völlig freie Wahl haben, und ich Ihnen deutlich zwei Wege zeige, aus Ihrer Verlegenheit zu kommen?“

— Wohl, Lodoiska! Aber so groß auch meine Anhänglichkeit an meine erste Liebe sein mag, so werde ich doch nie meinen Ruf so beflecken, eine tugendhafte Gattin,die ich freiwillig gewählt habe, wieder zu verlassen. —

„Allerdings! das können Sie auch nicht, ohne Ihrem Rufe, Ihrer Ehre zu schaden, die mir theuer sind. Aber wenn man Sie sprechen hört, sollte man glauben, daß diese Gattin unsterblich ist, oder einen Bund mit der Ewigkeit geschlossen hat.“

— Sie flößen mir Entsetzen ein, Lodoiska, und ich will Sie nicht verstanden haben; ja vielleicht verstehen Sie sich selbst nicht. —

Ein schauerliches Lächeln war die Antwort der Fremden, und in ihren Augen las der Oberst völlig klar ihre Gedanken, so daß ihm kein Zweifel mehr übrig bleiben konnte.

„Nein, nein, tausend Mal nein! Nie werde ich mich mit einem Verbrechen besudeln! Grausames Weib, ich verabscheue Sie!“

— Ja, ich weiß es, Sie waren ein geringerer Verbrecher, als Sie mein Herz zerfleischten, als Ihr Betragen, Ihre Briefemeinem Dolche den Weg zeigten. — Bei diesen Worten schlug sie ihren Schleier zurück, und zeigte dem erstarrenden Alfred die offene, noch blutende Wunde, welche mitten in’s Herz ging. — Auch mein Vater, meine Mutter, fuhr sie fort, fanden ihre letzte Zuflucht nur durch den Tod! Nein, damals war Alfred kein Verbrecher, und noch jetzt ist er der unschuldigste, der tugendhafteste der Männer! —

„O, Lodoiska! welche Verzweiflung! Welche schreckliche That haben Sie vollbracht! Wie, Ihr Blut ist geflossen, und Sie legten Hand an sich selbst? Und dadurch haben Sie auch Ihren ehrwürdigen Aeltern das Leben geraubt?“

— Nicht ich, Alfred! Nicht ich, sondern Sie, Sie allein sind an Allem Schuld. Ich war nur das Werkzeug, dessen Sie sich bedienten, eine ganze Familie von der Erde zu vertilgen. Und dennoch werden Sie ruhig schlafen, oder Ihr Schlaf wird bloß durchden Schrecken beunruhigt werden, den ich Ihnen verursache. Auf Wiedersehen! Urheber alles meines Elendes, der Sie meine ewige Verbannung aus dem Himmel verursacht haben! —

„Sie vernichten mich durch Ihre Vorwürfe! Aber wozu wollen Sie verzweifeln? Mein Vergehen war groß; doch ich hoffe Gnade vor Gott zu finden, und Sie, glauben Sie mir, daß Sie noch durch aufrichtige Reue .....“

— Reue! rief die Fremde mit einem lauten schrecklichen Lachen, daß der Saal davon erschallte; Reue giebt es nicht mehr für mich; ich habe sie sammt meinen übrigen menschlichen Empfindungen in meiner Hütte zurückgelassen. Mein Weg ist mir vorgeschrieben, ich kann nichts mehr thun, als ihn genau befolgen! —

Der Oberst erstarrte über diese Worte; aber als er bedachte, welche Vorurtheile Lodoiskain ihrem Vaterlande seit ihrer frühen Jugend eingesogen haben müsse, und daß ihr Unglück ohne Zweifel einen nachtheiligen Einfluß auf ihren Verstand gehabt habe, ward er von zärtlichem Mitleiden ergriffen; er suchte sie zu trösten und zu beruhigen, indem er sich ihr näherte, um die Hand Lodoiska’s zu ergreifen, über welche sie stets einen Handschuh trug. Allein sie errieth den Zweck seiner Bewegung, und trat erschrocken einen Schritt zurück.

„Nein, nein, Alfred! Geben Sie Ihre Versuche auf, mich anderes Sinnes zu machen. Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich nicht länger hier bleiben kann, und das Schloß mit dem morgenden Tage verlassen muß. Ich habe mein abgebranntes Haus wieder aufbauen lassen, und vorgestern die Nachricht erhalten, daß es zu meiner Aufnahme bereit ist. Fürchten Sie nun nicht mehr, daß ich Ihnen durch meinen Anblick lästig fallen werde.“

— Ich kann die Ausführung Ihres Entschlusses nicht zugeben, Lodoiska. Warten Sie noch einige Zeit, ehe Sie uns verlassen; denn wie können Sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen? Wissen Sie nicht, wie schädlich die Feuchtigkeit der Mauern auf die Gesundheit wirkt? —

„O, mir schadet sie nichts; denn in einer andern Wohnung fand ich eine weit größere Feuchtigkeit, und doch sehen Sie mich noch hier. Mein Entschluß ist unabänderlich, und Niemand wird mehr an mich denken, wenn ich mich entfernt habe.“

Nach diesen Worten eilte Lodoiska auf ihr Licht zu, nahm es in die Höhe, und ging fort, ohne auf Alfred’s wiederholte und dringende Bitten zu hören. Da er sie verschwunden sahe, kehrte er in sein Zimmer zurück, wo er die Nacht unter den peinlichsten Gedanken schlaflos zubrachte.

Zur Frühstückszeit erschien Lodoiska am folgenden Tage wie gewöhnlich. Ihre ruhige Haltung und die Gleichgültigkeit in ihren Blicken verriethen Helenen im Geringsten nicht, welchen Entschluß sie gefaßt habe, und selbst der Oberst wurde einigermaßen irre an ihr. Nach dem Frühstück setzte sie sich an ihren Stickrahmen, wie sie es immer gethan hatte, und arbeitete mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Als der Oberst sich aber aus dem Zimmer entfernte, weil ein Bauer ihn einiger Geschäfte halber zu sprechen verlangte, stand Lodoiska auf, und ging zur Thür hinaus, als wenn sie sich bloß in ihr Zimmer begeben wollte. Da Helene wußte, wie sehr ihr oft die geringsten Fragen lästig waren, so fragte sie auch nicht nach der Ursache ihrerplötzlichen Entfernung, die überdieß nur auf einige Minuten zu geschehen schien.

Eine Stunde ging vorüber, und die Fremde ließ sich noch nicht blicken. Der Oberst bemerkte bei seiner Rückkehr sogleich ihre Abwesenheit, und fragte seine Frau nach ihr.

„Sie hat sich, kurz nachdem du das Zimmer verlassen hast, entfernt, und ich glaubte bloß, daß sie sich Wolle zum Sticken holen wollte; allein jetzt sehe ich ein, daß sie wohl eine andere Absicht haben mußte.“

Der Oberst vermuthete sogleich die Wahrheit, suchte jedoch seine innere Bewegung zu verbergen, und stellte sich völlig gleichgültig. Bald darauf trat der neue Bediente ein, welcher Werners Stelle ersetzte, und übergab der Oberstin einen Brief von Lodoiska.

„Ich muß mich, schrieb dieses unglückliche Mädchen, bei Ihnen über die Art entschuldigen,wie ich mich von ihnen trenne. Ich bin in meine frühere Wohnung zurückgekehrt, und bedaure, Ihnen so viel Last verursacht zu haben; aber die innigste Dankbarkeit erfüllt mich für Ihre mir erwiesene Güte. Warum darf ich Ihnen keinen Beweis von dieser Gesinnung geben! Ein schreckliches Schicksal zwingt mich, stets gegen meinen eigenen Willen zu handeln! Ich habe bei Ihnen die größte Zuvorkommenheit gefunden, und dennoch werde ich ... Verzeihen Sie meinen Wahnsinn .... Ich weiß selbst nicht, was ich will, aber ich traure darüber, daß ich weiß, was ich kann. Gern wäre ich in Ihrem Schlosse geblieben; aber dann hätte ich mich entschließen müssen, öfters einen Mann zu sehen, dessen Zuneigung zu mir mich zwingt, ihn zu meiden. Sie seiner Besuche zu berauben, wäre ungerecht gewesen, und es war also nothwendig, daß ich mich entfernte. Ich befindemich jetzt wieder in meinem Hause, und habe meinen ganzen Geschmack für die ungestörteste Einsamkeit dahin zurückgebracht; diese werde ich nur dann auf einige Augenblicke verlassen, wenn ich Ihnen, ohne Furcht vor einem unangenehmen Zusammentreffen, persönlich Alles das versichern kann, was ich jetzt nur mit schwachen Worten ausdrücke.“

„Ich muß mich, schrieb dieses unglückliche Mädchen, bei Ihnen über die Art entschuldigen,wie ich mich von ihnen trenne. Ich bin in meine frühere Wohnung zurückgekehrt, und bedaure, Ihnen so viel Last verursacht zu haben; aber die innigste Dankbarkeit erfüllt mich für Ihre mir erwiesene Güte. Warum darf ich Ihnen keinen Beweis von dieser Gesinnung geben! Ein schreckliches Schicksal zwingt mich, stets gegen meinen eigenen Willen zu handeln! Ich habe bei Ihnen die größte Zuvorkommenheit gefunden, und dennoch werde ich ... Verzeihen Sie meinen Wahnsinn .... Ich weiß selbst nicht, was ich will, aber ich traure darüber, daß ich weiß, was ich kann. Gern wäre ich in Ihrem Schlosse geblieben; aber dann hätte ich mich entschließen müssen, öfters einen Mann zu sehen, dessen Zuneigung zu mir mich zwingt, ihn zu meiden. Sie seiner Besuche zu berauben, wäre ungerecht gewesen, und es war also nothwendig, daß ich mich entfernte. Ich befindemich jetzt wieder in meinem Hause, und habe meinen ganzen Geschmack für die ungestörteste Einsamkeit dahin zurückgebracht; diese werde ich nur dann auf einige Augenblicke verlassen, wenn ich Ihnen, ohne Furcht vor einem unangenehmen Zusammentreffen, persönlich Alles das versichern kann, was ich jetzt nur mit schwachen Worten ausdrücke.“

Unter der Unterschrift, welche bloß aus dem Namen Lodoiska bestand, befanden sich noch einige Höflichkeitsformeln für den Obersten.

„Wahrhaftig, sagte Helene, nachdem sie den Brief mit lauter Stimme vorgelesen, eine sonderbare Art uns zu verlassen. Und wie ist es möglich, daß sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen kann, bloß um einen Mann zu fliehen, den ein einziges Wort von ihr zurückgehalten haben würde! Wir wollen ihr aber sogleich ihre Sachen schicken, von denen sie ohne Zweifel nichts mitgenommen hat.“

Der Oberst suchte eine Antwort hervorzubringen, welche gleichgültig sein sollte; zu seinem Glücke achtete aber Helene nicht auf ihn, sondern ging, um Lisetten zu klingeln, welche mit der Nachricht eintrat, daß zugleich mit dem Briefe auch ein Wagen angekommen sei, der die Sachen der Fremden abholen sollte. Dadurch fand der Oberst einen Vorwand, sich aus dem Zimmer zu entfernen, um Befehl zum Aufladen dieser Sachen zu geben, in der That aber, um wieder freien Athem zu schöpfen; und während sein Körper sich im Schlosse befand, irrten seine Gedanken in ungeheuren Räumen umher.

Das plötzliche Verschwinden Lodoiska’s aus dem Schlosse gab der Neugierde der Nachbarn neue Nahrung. Herr von Krauthof, der diesem schönen Frauenzimmer nicht gewogen war, verbreitete zuerst die boshaftesten Gerüchte über die Nothwendigkeit dieser schnellen Veränderung der Wohnung, undbald erzählte man sich allgemein in der Umgegend, daß die Eifersucht der Oberstin sie verursacht habe. Glücklicherweise kamen diese Gerüchte den betheiligten Personen nicht selbst zu Ohren; aber der Arzt erfuhr sie ebenfalls, und nahm sie nicht mit völliger Gleichgültigkeit auf. Er erinnerte sich einer Menge Umstände, die er in dem Augenblicke selbst nicht beachtet hatte, die ihm aber jetzt als ein Lichtstrahl zu sein schienen; doch hütete er sich, von seinen Entdeckungen irgend Jemanden etwas mitzutheilen, und zog es vor, sich mit dem Obersten selbst darüber freimüthig zu erklären, sobald er die Gelegenheit dazu finden würde.

Zu dieser Zeit wurden Helenens Gesundheitsumstände immer bedenklicher. Vorzüglich empfand sie eine große Schwierigkeit, Athem zu holen; sie verlor ihre Kräfte, und verfiel allmählich in eine Abzehrung, die sie zum Grabe führen konnte.

Wildenau, der wirklich ein Arzt von großen Verdiensten war, studirte mit der größten Genauigkeit alle Symptome dieser Krankheit, welche dieselbe zu sein schien, wodurch der kleine Wilhelm dem Leben entrissen worden war. Eine außerordentliche Abspannung und Schwäche, ein beständiges Bedürfniß zu essen, ein anhaltender Schweiß; alle Zeichen waren dieselben. Helene ward still und schwermüthig, ohne die Gefahr zu kennen, die ihr drohte; ihren Gatten schien sie mehr als je zu lieben, und dieser war weit entfernt, an ihren nahen Tod zu glauben.

Seit der Flucht Lodoiska’s bemerkte der Oberst mit Schrecken, daß dieses junge Mädchen immer mehr die Oberhand in seinem Herzen gewann, und aus Furcht vor den Folgen dieser zunehmenden Neigung hätte er vor sich selbst fliehen mögen. Bald war er froh darüber, daß Lodoiska sich aus dem Schlosse entfernt hatte, indem er sich schmeichelte,daß dadurch die Ruhe seines Lebens gesichert worden sei; bald seufzte er nach der Rückkehr der Fremden, und es schien ihm, daß das Schloß jetzt nichts als eine große Einöde sei. Oft ging er in das Zimmer, welches sie bewohnt hatte, und bildete sich ein, sie dort wiederzusehen; er setzte sich in ihren Lehnstuhl, oder auf ihr Bett, und wer ihm zugesehen hätte, würde geglaubt haben, daß er wahnsinnig geworden sei.

Oefters führte ihn ein edles Gefühl zu seiner Pflicht zurück, und voller Scham über seine Schwäche, über den ihn entehrenden Wahnsinn, suchte er in Gesellschaft seiner Frau, seiner Tochter, reinere Gedanken zu sammeln. In diesen Augenblicken verschwand das Bild Lodoiska’s allmählich aus seinem Herzen, und die tugendhafte Helene nahm alle ihre Rechte wieder ein; aber leider dauerten diese Augenblicke nicht lange: Lodoiska, mit dem mächtigen Reiz eines Gegenstandes,in dessen Besitz man noch nicht gewesen ist, kehrte siegreich in sein Herz zurück.

Mehrere Tage vergingen, während der Oberst fast beständig unter diesen Kämpfen mit seinem Innern zubrachte, seine Gattin aber immer schwächer wurde. Sie war nicht im Stande, wie sie es wünschte, Lodoiska’n in ihrer neuen Wohnung einen Besuch abzustatten, und diese ließ sich vorNiemandem blicken. Sie begnügte sich damit, sich von Zeit zu Zeit durch einen Bauer nach dem Gesundheitszustande Helenens erkundigen zu lassen.

Wildenau fand sich täglich im Schlosse ein, um der Oberstin seine ganze Kunst zu widmen. Er vervielfältigte seine Fragen, um die erste Ursache ihrer Krankheit kennen zu lernen, aber die Antworten, die er erhielt, waren weit entfernt, ihn zu befriedigen.

„Ich erinnere mich durchaus keines Umstandes, sagte sie, der meinen jetzigen Zustandverursacht haben könnte, und Sie werden sehen, daß ich eben so wie mein Sohn, unter gleichen Umständen, sterben werde.“

— Um Gottes willen! unterbrach sie der Arzt, glauben Sie so etwas nicht! Schon dieser Gedanke allein ist im Stande, Ihren Zustand zu verschlimmern, und überdieß sind Sie weit entfernt von der Krankheit ihres Kindes. —

Helene erwiederte mit einem schwermüthigen Lächeln: „Ich weiß, daß man mich in dieser Hinsicht täuschen will; wenn ich alle meine Gedanken offenbaren wollte, so würde man mich für kindisch halten; allein ich bin überzeugt, daß ich mich nicht irre, und ich weiß am besten, welches Uebel mich peinigt.“

— Diese Worte, erwiederte Wildenau, beweisen, daß Sie uns irgend Etwas verschweigen wollen. Aber das ist nicht gut, es könnte die gefährlichsten Folgen haben.Scheuen Sie sich nicht, uns Ihr Geheimniß zu entdecken, was es auch sei; Sie leiten mich dadurch vielleicht auf die richtige Spur, Ihnen Ihre Gesundheit wiederzugeben. —

Helene weigerte sich lange hartnäckig, die Meinung, welche sie von ihrem Zustande hatte, zu entdecken, bis sich der Oberst mit dem Arzte vereinigte, und sie so dringend bat, daß sie endlich erklärte: sie wolle ihr Geheimniß ihrem Manne mittheilen, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß dieser es gänzlich für sich behalten wolle. Dieß war zwar nicht das, was Wildenau wünschte, allein er mußte sich darein fügen, und entfernte sich augenblicklich, mit dem Versprechen, morgen wiederzukommen.

Als Helene sich mit ihrem Manne allein befand, verbarg sie ihr Gesicht in ihren Händen, gleichsam aus Furcht, befragt zu werden. Auch Alfred fürchtete, sie zu fragen, weil er glaubte, daß seine Frau vielleicht von seinenfrüheren Verhältnissen zu Lodoiska Kenntniß erhalten habe, und daß der Kummer darüber die Ursache ihres langsamen Dahinschmachtens sei. Indessen mußte er sich doch endlich entschließen, das Wort zu nehmen, und er fragte daher Helenen, ob sie ihm nun ihr Geheimniß anvertrauen wolle.

„Ach Alfred! wie kann ich mich entschließen, dir meine Gedanken mitzutheilen? Was wirst du von mir denken, wenn du erst meinen Wahnsinn kennst?“

— Wie so, liebe Helene? Ich hoffe doch nicht, daß du an meiner Liebe zu dir zweifelst? —

„Nein, Alfred, warum sollte ich dieß thun? Es ist keinesweges bei meinen Träumereien von ähnlichen Gegenständen die Rede, sondern ich werde von einer schrecklichen Erscheinung verfolgt ..... O, wie lächerlich werde ich dir vorkommen!“

— Nein, nein, Helene! fürchte nichts, sagte der Oberst mit der äußersten Zufriedenheit,da er gewiß war, daß sie gegen ihn keinen Verdacht geschöpft habe. —

„Nun wohlan! Sei es nun Schwäche, oder Aberglauben, oder irgend eine andere Ursache, genug, es scheint mir, als wenn ich alle Nächte von einem schrecklichen Ungeheuer verfolgt werde, das sich über mich hinlegt, mit seinem häßlichen stinkenden Munde den meinigen berührt, und mir so das Blut aus den Adern saugt. Kurz, ich werde von einemVampyregequält. Glaube es mir sicher, derselbe Dämon hat schon den Tod unseres Sohnes, so wie einer jungen Bäuerin aus dem Dorfe verursacht, obgleich bei der letztern auf eine plötzliche und gewaltsame Weise.“

— Sprichst du wirklich im Ernst, Helene? Suchst du nicht vielleicht mit mir durch eine solche Entdeckung zu scherzen? —

„Ich wußte es wohl, daß du über mich spotten würdest; allein dem sei, wie ihm wolle, ich habe die schreckliche Gewißheit von meinennächtlichen Qualen. Es ist nicht eben ein bloßer Traum, der alle Nächte wiederkehrt; nein, der Schmerz, den ich empfinde, das Gewicht des Wesens, das mich fast erdrückt, entreißt mich meinem Schlafe. Aber eine höhere Macht hemmt alle meine Bewegungen, schließt mir die Augenlieder, und überwältigt meine Anstrengungen, mich von meinem Verfolger loszumachen. Vergebens suche ich zu schreien, die Töne ersterben in meiner Brust; ich fühle die auf mir liegende Last und das Verschwinden meines Blutes aus den Adern.“

— Du setzest mich in Erstaunen, Helene, und ich weiß nicht mehr, was ich dir antworten soll. Fühlst du nicht, daß du bloß das Spiel einer traurigen Täuschung bist, die nur durch deine Krankheit verursacht wird, die sie verschlimmert, aber nicht hervorbringt? Ich will nicht versuchen, dir die Unmöglichkeit zu beweisen, daß ein solches Wesen, wie du es fürchtest, existiren kann;nie wird die Vorsehung erlauben, daß die Gesetze der Natur auf eine so schreckliche Weise verletzt werden. Aber du hast Zerstreuung nöthig; unser jetziger Aufenthalt taugt nicht mehr für uns, und mit dem morgenden Tage wollen wir nach Prag reisen, um dort deine völlige Genesung abzuwarten. —

„Nein, Alfred, ich kann nicht einwilligen, dieses Schloß zu verlassen. Ich bitte dich, hier zu bleiben, weil eine allzutheure Ursache mich hier fesselt.“

— Diese Ursache kann dir nur traurige Erinnerungen bringen. Wenn du willst, so wollen wir nach Dresden, deiner Vaterstadt, reisen, oder wohin du sonst wünschest. Aber der Anblick neuer Gegenstände muß dich diejenigen vergessen machen, die deine Schwermuth verursacht haben. —

„Ich will mich nicht von hier entfernen, weil ich sonst nicht neben demGrabe meines armen Wilhelm würde ruhen können.“

Diese rührende Antwort, mit einem Strom von Thränen begleitet, drohte Alfreds Herz zu brechen. Er vermischte seine Thränen mit denen seiner Frau, aber gab dessenungeachtet ihren Wünschen nicht nach, sondern stellte ihr die wichtigsten Gründe vor, um sie zur Veränderung ihres Aufenthalts zu überreden. Nach vielen Bitten mußte sie endlich nachgeben, und sie ertheilte ihre Einwilligung zu einem vierzehntägigen Aufenthalte in Prag.

Als Helene am andern Morgen die Anstalten zur Abreise sahe, schien ihr Versprechen ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren Mann, seinen Entschluß aufzugeben. Allein ihre Bitten waren vergebens; der Oberst blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise schrieb Helene noch einige Zeilen an Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß sie auf vierzehn Tage mit ihrem Gatten und ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm es ihr sein würde, einen Besuch von ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch ein Zimmer für sie in der Wohnung, die man wählen würde, bereit gehalten werden sollte.

Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt worden war, kam in dem Augenblickean, wo die Familie sich in den Wagen setzen wollte. Kaum hatte der Oberst, ihn bei Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft seiner Frau durch schreckliche Vorstellungen angegriffen werde, weßhalb er es für nöthig gehalten habe, sie zu zerstreuen, und sie zu diesem Zwecke mitten in den Tumult einer großen Stadt zu führen. Der Arzt konnte diesen Plan nur billigen, und er versprach, die Familie in der Stadt öfters zu besuchen.

Der Wagen, mit vier raschen Pferden bespannt, eilte pfeilschnell auf der Landstraße, die nach der Stadt führte, fort, und nach zwei Stunden befand sich die Familie bereits in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie trat hier so lange ab, bis gegen Abend der Oberst, welcher die ganze Stadt durchlaufen hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine sehr bequeme Wohnung, ganz wie er siewünschte, gefunden zu haben. Noch in dieser Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung, wo der Oberst sein Bett in das Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen.

„Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr, was ich für Anstalten zu deiner Beschützung gemacht habe; ich bin hier mit Degen und Pistolen, um den Dämon mit Vortheil zu bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich mit ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil er uns wahrscheinlich nicht bis hierher folgen wird; denn die Gespenster und bösen Geister haben nur selten Erlaubniß in großen Städten umherzuwandeln; nur in den alten Schlössern vermögen sie zu spuken.“

Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern; sie blieb stets schweigend und tiefsinnig, denn das Uebel, von welchem sie befallen war, hatte schon zu große Fortschritte gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen, während ihr Mann noch lange wachte; aber alsauch er endlich das Bett suchte, erstaunte er über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so schloß der Schlummer seine Augen. Mit anbrechendem Tage erwachte er wieder, und da er hörte, daß seine Frau sich im Bette umwendete, um eine andere Lage zu suchen, fragte er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe?

„Ganz so wie gewöhnlich, antwortete sie; meinen Aufenthalt habe ich verändert, aber meine Marter ist geblieben. Fahre immer fort zu lächeln; der Vampyr hat mich dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat sich heute schrecklicher und blutgieriger als sonst gezeigt.“

Diese Antwort war für Alfred äußerst niederschlagend; denn da er an die Wirklichkeit ihrer Träume nicht glauben konnte, so mußte er annehmen, daß wohl gar ihr Verstand angefangen habe zu leiden. Er beschloß daher, sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie inGesellschaften, in’s Theater zu führen, und noch an demselben Morgen beredete er sie, sich mit ihm in den Wagen zu setzen, um in der Stadt umher zu fahren, und die Merkwürdigkeiten derselben zu besehen.

Helene ward wider ihren Willen durch die Menge und Verschiedenheit der Dinge, die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien beim Mittagessen, wo sie mit vielem Appetit aß, sich sehr wohl zu befinden. Der Oberst sah sogar auf ihren blassen Wangen einen Anschein von Farbe, und fühlte sich von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner Pflicht lebend, entfernte er jeden Gedanken von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte, und suchte die Erinnerung an Lodoiska völlig aus seinem Herzen zu verbannen.

Die Nacht kam heran. Um einen Versuch zu machen, ob seine Frau dadurch mehr ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß, sich neben ihr ins Bett zu legen,und Helene willigte ein. Er versprach ihr, so lange als möglich wach zu bleiben, um durch seine Gegenwart das gefürchtete Ungeheuer abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen gegeben. Es dauerte nicht lange, so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt, daß er vergebens dagegen kämpfte, und wider seinen Willen die Augen schloß.

Als er wieder erwachte, fühlte er auf der Stelle seines Herzens einen lebhaften Schmerz, und als er mit der Hand dahin tastete, wurde derselbe noch stärker. Er wendete sich gegen die neben dem Bett stehende Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf jede Vorstellung, als er auf seiner Haut den Abdruck von fünf Fingern, in gelben und schwärzlichen Flecken, erblickte! Er urtheilte sogleich, daß Helenens Hand diesen Druck hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus, daß sein Schlaf außerordentlich fest gewesen sein müsse, weil er nichts davon gefühlt hatte.

Helene erwachte bald darauf ebenfalls; ihr Stillschweigen sagte hinreichend, daß ihr Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen sei, als sonst, und es war also dringender als je, ernstlich an ihrer Genesung zu arbeiten. Der Oberst fuhr heute wieder vor Tische mit Helenen spazieren, und benutzte diese Gelegenheit, zugleich dem berühmtesten Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen. Er bat denselben dringend, Alles zur Herstellung seiner Frau anzuwenden, was der Arzt auch versprach; aber indem er diesen Trost gab, hatte er schon gesehen, daß Helenens Lebenskräfte auf dem Punkt waren, zu erlöschen.

Am folgenden Morgen war die Oberstin so schwach, daß sie nicht im Stande war, das Zimmer zu verlassen; sie empfing den Besuch Wildenau’s, der bloß nach Prag gekommen war, um einen Tag mit der Familie zu verleben; aber der erste Blick überzeugte ihn schon, daß die Kranke von einem Augenblickezum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern könne.

Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder ein, und beide beobachteten nun lange Zeit die Symptome des Uebels, das mit so fürchterlicher Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel völlig gleich aus. Sie sahen, daß die Oberstin höchstens noch eine Woche lang leben konnte, und hielten es für angemessen, ihren Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste in Kenntniß zu setzen.

Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich auf Wildenau fallen, weil derselbe mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen Verhältnissen stand; er bat ihn also einige Augenblicke mit ihm allein sein zu dürfen, und machte ihn nun mit der schrecklichen Wahrheit bekannt. Der Oberst überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze; er wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit der ärztlichen Behauptung zweifeln, und aufdem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden, fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in ihrer ganzen Kraft erneuen. Es schien ihm grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden Ende in Kenntniß zu setzen, und da er nicht wußte, wozu er sich entschließen sollte, kehrte er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück, wo er sich dergestalt setzte, daß seine Frau ihn und seinen Kummer nicht sehen konnte.

Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher Stimme, ob er Lodoiska gesehen, oder Nachricht von ihr habe?

„Sie zu sehen, Frau Oberstin,antwortete Wildenau, ist unmöglich, denn sie kommt nie aus ihrem Hause, das beständig verschlossen ist. Können Sie wohl glauben, daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat, sich abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet der früher gemachten üblen Erfahrung?“

— Er ist also bei seinem zweiten Versuche nicht glücklicher gewesen? —

„Der Ausgang war ganz derselbe, wie das erste Mal, und er ist nun so entmuthigt, daß er geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Nähe des Hauses zu setzen.“

— So sind wir doch glücklicher gewesen, fuhr Helene fort, denn sie hat sich öfters sehr artig nach uns erkundigt. Das sonderbare Wesen! Was führt sie bei ihrer Jugend und Schönheit für eine Lebensart! Dabei bleibt sie stets kalt und gleichgültig, und erscheint mehr als eine Maschine, derenRäderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, als wie ein menschliches Geschöpf. Indessen kann ich mir nicht erklären, welche Gewalt sie über mich erlangt hat. Seitdem wir von einander getrennt sind, vermisse ich sie beständig, und es scheint mir, als wenn ich sie in den letzten Stunden meines Lebens bei mir haben müßte; auch wünschte ich ihr nach meinem Tode die Aufsicht über meine Tochter anzuvertrauen. —

Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen Worte setzten die beiden Zuhörer in Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom Stuhle auf, ergriff Helenens Hand, und stammelte einige Worte des Trostes und der Hoffnung. Wildenau, der mehr an dergleichen Szenen gewöhnt war, benutzte diese Gelegenheit, um die Oberstin aufzufordern, einen Geistlichen kommen zu lassen.

„Sie thun sich großen Schaden, Frau Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit so düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß Sie Zutrauen genug in mich setzten, um mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand zu verbessern; da Sie mir dieß aber verweigern, warum fragen Sie nicht einen jener frommen Geistlichen um Rath, die gewohnt sind, an dem Bette der Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde dieß Ihrem Zustande am zuträglichsten sein.“

Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort Helenens vorher. „Sie kommen meinen Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon im Begriff, meinen Mann zu bitten, daß er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich komme ich aber auf meinen vorher erwähnten Wunsch zurück: ich sehne mich, die junge Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit bei mir zu haben.“

Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt wurde, bewies, wie sehr Helene an dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer wurden davon überrascht, am meisten aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche für ihn aus Lodoiska’s Gegenwart entstehen mußte. Allein er wußte nicht, wie er diesem Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen sollte, und seine Verlegenheit hinderte ihn anfangs, eine Antwort zu geben. Helene, über sein Stillschweigen verwundert, fragte ihn daher, ob ihr Verlangen tadelnswürdigsei, und ob der Erfüllung desselben große Hindernisse entgegenständen?

Diese Frage weckte den Obersten aus seinen Träumereien, und er antwortete, daß er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe, weil er fürchtete, daß die seltsame Fremde die Bitte abschlagen würde. „Da du aber auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort, so versuche, ihr einige Zeilen zu schreiben, denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde, und unser Bediente soll augenblicklich mit unserm Wagen nach R**** fahren. Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.“

Helene versuchte, den verlangten Brief zu schreiben, wozu sie fast eine Stunde gebrauchte. Der Oberst setzte dann folgende Worte hinzu:


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