Flottwell. Oh, schäm dich, so um Geld zu jammern, es ist das Niedrigste, was wir beweinen können. Du hast genug für heut, ein andermal komm wieder.
Bettler. Ich bin ein Bettler und gehorche. (Verbeugt sich und geht langsam fort.)
(Ein Diener eilig mit einem Brief.)
Diener. Gnädger Herr! ein Brief. (Übergibt ihn und geht wieder fort.)
Flottwell (sieht die Aufschrift). Von Amalie, von meiner himmlischen Amalie. (Liest.) "Mein teurer Julius! Verzeih, daß ich Dir gestern nicht geschrieben habe, allein der große Kampf in meinem Herzen mußte erst entschieden sein. Doch nun gelob ich Dir, Dich niemals zu verlassen. Ich willge nicht in meines Vaters strenge Forderung, und kann kein Flehen sein sonst so edles Herz erweichen, so mag geschehen, was wir beschlossen haben."—Amalie mein! oh, könnt ich doch die Welt umarmen! He du! (Der Diener kommt.) Ruf mir den Bettler dort zurück, der eben sich in jene Laube setzt. (Zeigt in die Kulisse.)
Diener. Ich sehe keinen Bettler, gnädger Herr!
Flottwell. Bist du denn blind! Geh fort! (Bedienter ab. Ruft.)He Alter, komm!
Bettler. Was befehlen Sie, mein gnädiger Herr!
Flottwell. Ich habe eine frohe Botschaft hier erhalten, und Flottwell kann sich nicht allein erfreun. Verzeih, ich habe dich zu karg behandelt. Nimm diesen Beutel hier, auch diesen noch. (Wirft sie ihm in den Hut.) Nimm alles, was ich bei mir habe. Was ich verschenken kann, hat eines Sandkorns Wert gen den unendlichen Gewinn, der mir durch diesen Brief geworden ist. (Nach dem Garten ab.)
Bettler (allein). O Mitleid in des Menschen Brust! Wie bist du oft so kränkelnder Natur, als hätte dich ein weinend Kind gezeugt. Begeistrung ists, die alles Edle schnell gebiert, sie hat mit des Verschwenders Gold des Bettlers Hut gefüllt.
(Geht ab.)
Vierter Auftritt
Dumont, elegant gekleidet, kommt aus dem Schloß.
Dumont. Ach, wie sein ick doch vergnügt! Ein ganzer Jahr hab ich der Gegend nicht gesehen. Die Nacht war mir zu lang. Ich hatte fünfzig Dukaten auf eine Karte gesetzt, hatt sie gewonnen, da schlug der Nachtigall, ich lief davon, der Geld blieb stehn und war perdu. Doch was sein Dukatenglanz gegen Morgenrot! Prächtiger Tag! Die Natur legen heut aller ihrer Reize zur Schau. (Blickt durch die Lorgnette in die Szene.) Da kommt ein altes Weib!
Fünfter Auftritt
Voriger. Ein altes zahnloses Mütterchen, zerrissen gekleidet, auf dem Rücken einen großen Bündel Reisig.
Dumont. Bon jour, Madame! Wo tragen du hin das Holzen?
Weib. Nach Haus. Gleich ins Gebirg, nach Blunzendorf.
Dumont. Blonsendorf? O schöner Nam! Du wohnen wohl sehr gerne im Gebirge?
Weib. Ah ja, 's Gebirge wär schon schön. Wenn nur die Berg nicht wären! Man steigt s' so hart.
Dumont. Das sind der Figuren, die der Landschaft beleben. O, mir gefallen das Weib sehr.
Weib (beiseite). Ich gfall ihm, sagt er. Ja, einmal hätt ich ihm schon besser gfallen.
Dumont. Sie sein so malerisch verlumpt. Ich kann sie nicht genug betrachten. (Er sieht durch die einfache Lorgnette und drückt das linke Auge zu.)
Weib. Er hat im Ernst ein Aug auf mich; aber 's andre druckt er zu.
Dumont. Du seien wohl verheiratet?
Weib. Schon über dreißig Jahr.
Dumont. Und bekümmern sich dein Mann doch noch um dich?
Weib. Ah ja. Er schlagt mich fleißig noch.
Dumont. Er slagen dich? O! Das sein nick schön von ihm.
Weib. Ah, es is schon schön von ihm. Das ist halt im Gebirg bei uns der Brauch. Ein schlechter Haushalt, wo s' nicht raufen tun.
Dumont. Unschuldige Freuden der Natur. Von dieser Seit muß sich das Bild noch schöner machen. Stell dich dort hin. Ich will dich gans von ferne sehen.
Weib. Hören S' auf! Was sehen S' denn jetzt an mir? Hätten S' mich vor vierzig Jahren angschaut. Jetzt bin ich schon ein altes Weib.
Dumont. Das machen deiner Schönheit eben aus. Du sein vortrefflich alt. Au contraire, du sollen noch mehr Falten haben.
Weib. Warum nicht gar. Mein Mann sein die schon zu viel.
Dumont. Du sein wahrhaft aus der niederländischen Schule.
Weib. Ah beleib. Ich bin ja gar nie in die Schul gegangen.
Dumont. Ick hab einer ganzer Sammlung solcher alter Weiber zuHaus.
Weib. Jetzt ists recht. Der sammelt sich die alten Weiber, und die andern wären froh, wenn sie s' losbringeten.
Dumont (nimmt einen runden kleinen schwarzen Spiegel aus derTasche, dreht sich um und läßt die Gegend abspiegeln). O quelcontraste! Das Schloß! Der Wald! Der Weib! Der Ochsen auf derFlur! O Natur, Natur! Du sein groß ohne Ende.
Weib. Der Mensch muß narrisch sein. Jetzt schaut er sich inSpiegel und sieht Ochsen drin.
Dumont. Hier hast du einen Dukaten. Jetzt hab ich dich genug gesehen. (Gibt ihr ein Goldstück.)
Weib (rasend erfreut). Ah Spektakel! Ah Spektakel! jetzt schenkt er mir gar ein Dukaten. Euer Gnaden, das ist ja z'viel, ich trau mir ihn gar nicht zu nehmen. Für was denn? sagen S' mirs nur.
Dumont. Dein Anblick hat mir sehr viel Vergnügen verschafft.
Weib. Nein, das hätt ich meinen Leben nicht geglaubt, daß ich mich in meinen alten Tagen sollt noch ums Geld sehn lassen. Ich dank vieltausendmal. (Küßt ihm die Hand.) Euer Gnaden verzeihen S'—Ich bitt Ihnen—hab ich Ihnen denn wirklich gfallen?
Dumont (muß lachen). O, du gefallen mir außerordentlich.
Weib (verschämt). Hören S' auf. Sie konnten ein altes Weib völlig verruckt machen. Nein, wenn das mein Mann erfahrt, der erschlagt mich heut aus lauter Freud. Ich sags halt. Wenn man einmal recht schön war und man wird noch so alt, es bleibt doch allweil noch a bissel was übrig. (Trippelt ab.)
Dumont (sieht ihr nach). Ha! wie sie schwankt. Wie ein alterSchwan! Ich sein so aufgeregt, daß mir jeder Gegenstand gefallen.
Sechster Auftritt
Voriger. Rosa will mit einem Kaffeegeschirr nach dem Garten.
Dumont. Ah ma belle Rosa!
Rosa. Guten Morgen, Herr Chevalier!
Dumont (hält sie auf). O, Sie kommen nicht so schnell von mich.Der Alt sein charmant, aber der jung gefallen mir doch nochbesser. Das sein Malerei für der Aug, das sein Malerei für derHerz.
Rosa. Herr Chevalier, ich hab kein Zeit, der gnädige Herr wünscht noch Kaffee zu trinken.
Dumont. Ah! Schöne Ros'! (Umfaßt sie zärtlich.)
Rosa (windet sich los). Ah was generos. Was hab ich von IhrerGenerosität. Ich muß in Garten hinaus.
Dumont. O, Sie dürfen nicht. Ich sein zu enchanté. DieserWangen! Dieser Augen! Dieser Augenblicken! O Natur, was habendu da geschaffen, ich kann mick nicht enthalten. Ich mussenSie embrasser.
Rosa. Herr Chevalier, lassen Sie mich los, oder ich schrei.
Dumont. Ich will den Mond versiegeln. (Will sie küssen, sie schreit und läßt das Kaffeegeschirr fallen.)
Siebenter Auftritt
Vorige. Flottwell und Wolf aus dem Garten.
Flottwell. He, he, Herr Chevalier! Was machen Sie denn da?
Dumont. Ich bewundre der Natur!
Flottwell. Bravo! Sie dehnen Ihre Liebe zur Natur auf die höchsten und auf die gemeinsten Gegenstände aus.
Wolf. Schön oder häßlich, das gilt dem Herrn Chevalier ganz gleich.
Dumont. Was sagen Sie da von Häßlichkeit! Der Natur sein der höchster Poesie, und wahre Poesie kann nie gemein noch häßlich sein. Ich wollen mich für ihrer Schönheit schlagen, und schlagen lassen; und fallen ick, so schreib der Welt mir auf mein Grab:
Es schlafen unter diesem SteinChevalier Dumont hier ganz allein,Er haben nur gemacht der CourAuf Erd der himmlischen Natur.Nun seien tot. Welch glücklick Los!Er ruhn in der Geliebten SchoßUnd wird, kehrt er im Himmel ein,Naturellement willkommen sein.(Geht stolz ab ins Schloß.)
Rosa (lest das Geschirr zusammen). Abscheulich! AllenZudringlichkeiten ist man ausgesetzt in diesem Haus.
Flottwell. Weich Sie den Gästen aus, wenn sie Champagner getrunken haben. Ich bin sehr unzufrieden mit Ihr, Herr Wolf hat sich auch beklagt, daß Sie sehr unartig mit ihm ist und ohne Achtung von mir spricht.
Rosa. Der gnädige Herr Kammerdiener? Ah, jetzt muß ich reden—
Wolf (fein). Das soll Sie nicht, mein Kind, Sie soll nur IhrenDienst versehen.
Rosa. Ich stehe bei dem gnädgen Herrn in Diensten und nicht bei gewissen Leuten.
Wolf. Schweig Sie nur—
Rosa. Nein, nichts will ich verschweigen. Alles muß heraus.
Wolf. Welche Bosheit!
Flottwell. Still! die Sache wird zu ernsthaft.
Rosa. Wissen Euer Gnaden, was der Kammerdiener gesagt hat?
Flottwell. Was hat er gesagt?
Rosa. Er hat gesagt—
(Valentin schnell.)
Valentin. Der Juwelier ist da.
Flottwell. Ah bravo! Nur geschwinde auf mein Zimmer.(Geht schnell ab.)
(Der Juwelier tritt von der Seite ein, und)
Wolf (führt ihn ins Schloß, vorher sagt er zu Rosa). Wir sprechen uns, Mamsell. (Ab.)
Rosa (steht wie versteinert). Da steh ich jetzt!
Valentin. Da steht sie jetzt.
Rosa. An wem soll ich nun meinen Zorn auslassen?
Valentin. Wart, ich besorg dir wem. (Will fort.)
Rosa. Du bleibst! An dir will ich mich rächen, du verhängnisvoller Mensch. (Geht auf ihn los.)
Valentin. An mir? Das ging' mir ab. Ich hab ja gar nichts gesagt als: Der Juwelier ist da.
Rosa. Still sei! oder—(Reibt auf und will ihm eine Ohrfeige geben, wird aber plötzlich schwach.) Weh mir! mich trifft der Schlag.
Valentin. Das ist ein Glück, sonst hätt er mich getroffen.
Rosa (springt). Der Juwelier soll hingehn, wo der Pfeffer wächst.
Valentin. Das kannst ihm selber sagen. Ich weiß nicht, wo er wächst.
Rosa. Schweig! ich weiß mich nicht zu fassen.
Valentin. Nu schimpf nur zu, der Juwelier wird dich schon fassen.
Rosa. Gleich geh mir aus den Augen (tut, als wollt sie ihm die Augen auskratzen), du bist an allem schuld!
Valentin. Ich hab ja gar nichts gsagt als: Der Juwelier ist da.
Rosa. Das ist ja dein Verbrechen eben. Du hättest gar nichts sagen sollen, wenn du siehst, daß meine Tugend auf dem Punkt steht, ihre Rechte zu verteidigen. (Ab.)
Valentin. Das ist schrecklich. Da darf ja eine noch so viele Untugenden haben, so kann man nicht soviel Verdruß haben als wegen derer ihrer unglückseligen Tugend. Und ich weiß mich gar nichts schuldig. Ich muß nur grad das Gesetzbuch aufschlagen lassen, um zu erfahren, was denn das für ein Verbrechen ist: Wenn einer sagt, der Juwelier ist da! (Ab.)
Achter Auftritt
Verwandlung
Kurzes Kabinett Flottwells. Durch die Fenster sieht man in eine Kolonnade und durch diese ins Freie.
Flottwell und der Juwelier treten ein.
Flottwell (sehr fröhlich.). Wo haben Sie den Schmuck? Geben Sie! Ich freue mich schon wie ein Kind! Wie wird sich erst Amalie freuen!
Juwelier. Hier ist er!
Flottwell (besieht ihn und wird ernst). Mein Gott, was habenSie denn gemacht?
Juwelier. Wieso?
Flottwell. So kann ich ihn nicht brauchen!
Juwelier. Er ist nach Ihrer Angabe, gnädger Herr!
Flottwell (wird immer heftiger). Nein, nein! das ist er nicht!
Juwelier. Ganz nach der Zeichnung, ich versichere Sie!
Flottwell. Nein, nein, nein, nein. (Mißmutig.) Er ist zu altmodisch, auch sind es nicht die Steine, die ich ausgewählt.
Juwelier. Herr von Flottwell! das betrifft ja meine Ehre.
Flottwell. Die meine auch, ich kann den Schmuck nicht brauchen.
Juwelier. Ich nehm ihn nicht zurück.
Flottwell. Das müssen Sie.
Juwelier. Ich will ihn ändern.
Flottwell. Zu spät. Er ist ja ein Geschenk zum heutgen Fest.Sie haben meine schönste Freude mir gemordet durch IhreUngeschicklichkeit.
Juwelier (etwas beleidigt). Herr von Flottwell—(Faßt sich)Ich versichere Sie, es ist nur eine Grille.
Flottwell. Versichern Sie mich nicht, der Schmuck ist schlecht.
Juwelier. Betrachten Sie ihn nur.
Flottwell. Nein, er ist mir so zuwider, daß ich ihn zum Fenster hinauswerfen könnte.
Juwelier. Das werden Sie wohl bleibenlassen, denk ich!
Flottwell. Das werd ich nicht. Da liegt er! (Schleudert ihn zumFenster hinaus.)
Juwelier (erschrocken). Ums Himmels willen! der Schmuck beträgt zweitausend Taler!
Flottwell (stolz). Ist Ihnen bange? Lumpengeld! Sie sollen es erhalten! Warten Sie! (Er eilt ins Kabinett.)
Juwelier. Das ist ein Wahnsinn, der mir noch nicht vorgekommen ist. Ich hol den Schmuck herein! (Läuft ab.)
(Man sieht den Bettler vor dem Fenster, welcher den Schmuck aufgehoben hat, ihn gen Himmel hält und singt.)
Bettler.Habt Dank, habt Dank, ihr guten Leute,Daß ihr so reichlich mich beschenkt,Mein Herz ist ja des Kummers Beute,Durch eigne Schuld bin ich gekränkt.
(Er entfernt sich durch die Säulen und wiederholt noch die letzten Worte in der Ferne.)
Juwelier (kommt bestürzt zurück). Der Schmuck ist fort, ich find ihn nicht.
(Flottwell aus dem Kabinett. Er hat sich Besinnung geholt, und sein Betragen zeigt, daß er seine Heftigkeit bereut und sich ihrer schämt. Er trägt zwei Rollen Gold.)
Flottwell (edel freundlich). Hier haben Sie Ihr Geld, mein Herr!
Juwelier (artig). Herr von Flottwell, ich bedaure sehr—
Flottwell. Bedauern Sie nichts—An mir ist das Bedauern meiner unverzeihlichen Heftigkeit. Mein Blut spielt mir manch tollen Streich. Ich muß zur Ader lassen nächster Tage.
Juwelier. Ein gütig Wort macht alles wieder gut.
Flottwell (drückt ihm gutmütig die Hand). Nicht wahr, Sie nehmen es nicht übel, lieber Freund—und Sie vergessen es—Sie sprechen auch nie mehr davon? Ich wünschte nicht, daß Sie es irgendwo erzählen möchten.
Juwelier. Ich geb mein Ehrenwort—
Flottwell. Ja, ja, ich weiß, ich kann mich ganz auf Sie verlassen.Auch werd ich Ihre Kunst gewiß sehr bald in Anspruch wiedernehmen. Gewiß, gewiß, ich werde bald etwas bestellen lassen.Sehr bald. Und nun Adieu, mein Freund, und keinen Groll.
Juwelier (mit einer tiefen Verbeugung). Wie könnt ich das, ich bin so tief gerührt. (Im Abgehen.) Wenn er doch nur bald wieder etwas machen ließe! (Ab.)
Flottwell (allein). Ein sturmbewegter Tag! Wär er doch schon vorüber. (Wirft sich vor sich hinstarrend in einen Stuhl.)
(In der Ferne klingen die letzten Verse von des Bettlers Gesang.)
Bettler.Mein Herz ist stets des Kummers Beute,Durch eigne Schuld bin ich gekränkt.
Flottwell (springt auf). Welch Gesang—
(Wolf tritt ein.)
Wolf. Ach liebster gnädger Herr! Wie hat der Juwelier doch seine Sache schlecht gemacht, ich hab ihn eben ausgezankt. Doch stellen Sie sich vor, der Schmuck ist weg, und niemand will ihn aufgehoben haben.
Flottwell. Das wäre mir sehr unlieb—denn er kostet viel.
Wolf. Er muß sich finden, ich sah ihn aus dem Fenster fliegen.Niemanden gewahrt ich in der Nähe als das Kammermädchen Rosa.Ich eilt sogleich herab, da war sie fort, und als ich siebefragte, wollt sie nichts gesehen haben.
Flottwell. Das kann ich doch nicht von ihr glauben.
Wolf. Man muß die Sache untersuchen lassen.
Flottwell. Nur heute nicht. Das macht zu großes Aufsehen; und dann wer weiß, ists wahr.
Wolf. Gewiß, ich hab es ja beinahe gesehen.
Flottwell. Wenn es wahr ist, muß sie fort, sonst wünsch ich keine Strafe.
Wolf. Wie der Himmel doch die Menschen oft verläßt! Es ist schon alles zu dem Fest bereitet, die Gäste sind im Gartensaal versammelt. Ich habe die schöne Aussicht nach dem Tal mit Traperien verhängen lassen. Wir wollen warten, bis die Sonne untergeht, und wenn sie plötzlich schwinden, wird es einen imposanten Anblick geben.
Flottwell. Sind die Tänzer schon bereitet?
Wolf. Ja. Der Herr Präsident ist auch schon hier.
Flottwell. Amalie hier! Was sagst du das erst jetzt?
Wolf. Ich habe sie in das blaue Zimmer geführt, der Baron ist aber nach dem Garten gegangen.
Flottwell (auffahrend). Der Baron? Schändlich, daß ich meinen Nebenbuhler noch zu Gaste bitten muß. Was soll ich nun Amalien verehren, der Schmuck ist fort.
Wolf. Schenken Sie ihr die kostbare Vase, die Sie erst gekauft haben, das ist doch ein Geschenk, das eines Millionärs würdig ist.
Flottwell. Sie ist von großem Wert, doch eben recht, der Präsident ist ein Freund der Künste. Vielleicht gewinnt ihn das.
Wolf (für sich). Da irrst du dich.
Flottwell. Laß sie mit Blumen schmücken, kurz, besorge alles.Ich muß zu ihr, zu ihr.—
(Beide ab.)
Neunter Auftritt
Verwandlung
in ein nobles Gemach.
Der Präsident von Klugheim und Amalie.
Klugheim. Beruhige dich doch, meine Tochter, und laß mich nicht bereuen, daß ich so schwach war, deinen Bitten nachzugeben.
Amalie (ihren Schmerz bekämpfend). Ja, mein Vater, ich will ruhig sein.
Klugheim. Nun seh ich erst, du hast mich durch erzwungneFröhlichkeit getäuscht. Du solltest ihn nicht wiedersehen.
Amalie. Im Gegenteil, mein Vater, es wird auf lange Zeit mich stärken, meine Leiden zu ertragen.
Klugheim. Vergiß nicht, daß wir in Gesellschaft sind und daß dich der Baron mehr als sein Leben liebt.
Zehnter Auftritt
Vorige. Flottwell.
Flottwell (mit Herzlichkeit). Mein verehrungswürdiger HerrPräsident! Die höchste Gunst, die ich vom Glück erlangenkonnte, ist die Ehre, Sie auf meinem Schlosse zu begrüßen.Mein holdes Fräulein! Flottwell wird es nie vergessen, daßIhr edles Herz es nicht verschmähte, seines kleinen FestesKönigin zu sein.
Amalie (sich verbeugend). Herr von Flottwell—
Klugheim. Genug der Zeremonie. Es kommt der Freund zum Freunde.
Flottwell. Ist das wirklich so, Herr Präsident?
Klugheim. Zweifeln Sie daran? Dann wär es nur zur Hälfte so.
Flottwell. Ach, wie sehnlich wünscht ich, daß es ganz so wäre!Daß ich Sie—
Klugheim (fein). Herr von Flottwell, jeder Ausfall auf frühere Verhältnisse ist gegen die Bedingung, unter welcher ich Ihre heutige Einladung angenommen habe.
Amalie. Bester Vater, lassen Sie sich doch erweichen! WennIhnen das Leben Ihres Kindes etwas gilt.
Klugheim. Was soll das sein? Ist ein Komplott gegen mich im Werke? hat man mich hieher geladen, um eine Sache zu erneuern, die ich für beendet hielt?
Flottwell. Sie irren sich, Herr Präsident. Ihr Fräulein Tochter—
Klugheim. Ist eine Schwärmerin. Ihres Lebens Glück ist mir von Gott vertraut, und niemand kann es mir verargen, wenn ich sie nicht in ihres Unglücks Arme führe.
Flottwell. Herr Präsident, Sie verkennen mich zu sehr.
Klugheim. Ich sehe klar, was Ihnen erst die Zukunft einst enthüllen wird.
Flottwell. Ich bin verleumdet.
Klugheim. Durch niemand—
(Flitterstein öffnet die Tür.)
Flottwell. Durch den hinterlistigen Baron Flitterstein—
Baron Flitterstein (mit Erstaunen, ohne den Anstand zu verletzen). Ist hier von mir die Rede?
Flottwell (frappiert). Nein—
Flitterstein (faßt sich und lächelt fein). Ah so. Also von einem Verwandten von mir. Das wollte ich als Edelmann nur wissen.
Flottwell (verlegen). Herr Baron! Ich bin erfreut—
Flitterstein (schnell). Ich verstehe. Meine Freundschaft zu dem Herrn Präsidenten—
Flottwell. Ist die Ursache, daß Sie mir die Ehre Ihres Besuches schenken. Ich bin von allem unterrichtet. (Nach einer Pause, durch welche sich die Verlegenheit aller ankündigt.) Ist es nun gefällig, sich zur Gesellschaft zu begeben?
Flitterstein. Nach Belieben.
Flottwell (reicht Amalien den Arm). Mein Fräulein!(Führt sie fort.)
(Flitterstein folgt.)
Klugheim. Ich fürchte, wir haben den Frohsinn gerufen und demMißmut unsre Tore geöffnet. (Ab.)
Elfter Auftritt
Verwandlung
Herrlich mit Gold und Blumen geschmückter Gartensaal. DieHinterwand geschmackvoll traperiert.
Alle Gäste sind versammelt. Nobel gekleidete Herren und Damen.Dumont. Walter.Während des Chores treten der Präsident, Flitterstein, Flottwellund Amalie ein und setzen sich. Wolf.
Chor.Froh entzückte Gäste wallenDurch die reich geschmückten Hallen.Will sich Lust mit Glanz vermählen,Muß sie Flottwells Schloß sich wählen.Nur in seinen Sälen prangt,Was das trunkne Herz verlangt.
(Tänzer und Tänzerinnen im spanischen Kostüm führen einen reizenden Tanz aus, und am Ende bildet sich eine imposante Gruppe, bei welcher Kinder in demselben Kostüme die Vase, mit Blumen geschmückt, auf ein rundes Postament in die Mitte des Theaters stellen.)
Flottwell (für sich). Was hat doch Wolf gemacht, jetzt sollte sie sie nicht erhalten.
Klugheim. Sehen Sie doch, Baron, hier die berühmte Vase, welche ein Franzose dem Minister um zwanzigtausend Frank anbot.
Flitterstein. Wahrhaftig, ja, sie ist es.
Mehrere Gäste (betrachten sie). Wirklich schön!
Walter. Sehn Sie doch hier, Chevalier, die Vase aus Paris.
Dumont (in einem Stuhl hingeworfen, ohne hinzusehen). O charmant!Sie sein ganz außerordentlick.
Walter. Sie haben sie ja gar nicht angesehen.
Dumont. Ick brauchen sie gar nick zu sehen, ick brauchen nur zu hören de Paris, kann gar nick anders sein als magnific.
Flitterstein. Fürwahr, Sie sind um dieses Kunstwerk zu beneiden,Herr von Flottwell.
Flottwell (für sich). Nun kann ich nicht zurück. (Laut.) Es ist nicht mehr mein Eigentum. Ein unbedeutendes Geschenk, das ich der Königin des Festes weihe.
Amalie (erfreut). Ach Vater! wie erfreut mich das.
Klugheim (strenge). Nicht doch, mein Kind! Verzeihen Sie, Herr von Flottwell, das geb ich nicht zu. Das Geschenk hier ist durchaus zu kostbar, um es anzunehmen.
Flitterstein. Ja, ja, es ist zu kostbar.
Flottwell. Das ist es nicht, mein Herr Baron. Die Welt erfreut sich keines Edelsteines, der zu kostbar wäre, ihn diesem Fräulein zum Geschenk zu bieten.
Klugheim. Auch weiß ich nicht, wie wir zu solcher Ehre kommen.
Flitterstein (halblaut). Die mehr beleidigend als—
Flottwell (fängt es auf). Beleidigend?
Flitterstein. Ich nehm es nicht zurück!
Flottwell (verbissen). Wie kömmt es denn, mein Herr Baron, daß Sie das Wort so eifrig für des Fräuleins Ehre führen?
Klugheim. Er spricht im Namen seiner künftgen Braut.
Einige Gäste. Da gratulieren wir!
Flottwell (vernichtet). Dann hab ich nichts mehr zu erwidern!
Klugheim. Nehmen Sie die Vase hier zurück, so beschenkt einFürst, kein Edelmann.
Flottwell (stolz). Ich beschenke so! ich bin der König meines Eigentums. Dieses Kunstwerk hatte seinen höchsten Wert von dem Gedanken nur geborgt, daß diese schöne Hand es einst als ein erfreuend Eigentum berühren werde, es soll nicht sein! Ich acht es nicht. Wolf! (Wolf tritt vor) nimm sie hin! Ich schenke diese Vase meinem Kammerdiener.
(Wolf macht eine halbe verlegene Verbeugung. Die Vase wird weggebracht.)
Flitterstein. Welch ein Tollsinn!
Klugheim. Unbegreiflich!
Dumont. Der Mann sein gans verrückt.
Amalie. Wie kann er sich nur so vergessen!
Die Gäste (klatschen). Bravo! so rächt sich ein Millionär!
Flottwell. Dies soll unsere Freude nicht verderben. DaFrankreichs Kunst so schlechten Sieg errungen, will ich vorIhrem Auge nun ein deutsches Bild entrollen, dessen SchönheitSie gewiß nicht streitig machen werden. Sie sollen sehen, wasich für eine vortreffliche Aussicht habe. (Klatscht in dieHand.)
(Musik.—Der Vorhang schwindet, und über die ganze Breite des Theaters zeigt sich eine große breite Öffnung, durch deren Rahmen man eine herrliche Gegend perspektivisch gemalt erblickt. Ein liebliches Tal, hie und da mit Dörfern besäet, von einem Fluß durchströmt und in der Ferne von blauen Bergen begrenzt, erstrahlt im Abendrot. Die Basis des Rahmens bildet eine niedre Balustrade. Im Vordergrunde links von dem Zuschauer sitzt wie eine geheimnisvolle Erscheinung unter dunklem Gesträuch, von der untergehenden Sonne beleuchtet, der Bettler mit unbedecktem Haupte und gegen Himmel gewandtem Blick in malerischer Stellung. So daß das Ganze ein ergreifendes Bild bietet.)
Flottwell (ohne genau hinzusehen). Gibt es eine schönereAussicht? (Er erschrickt, als er den Bettler sieht.) Ha!welch ein Bild. Ein sonderbarer Zufall! (Diese Worte sprichtFlottwell schon unter der leise beginnenden Musik.)
Chor von Gästen (für welche sämtlich der Bettler nicht sichtbarist).Oh, seht doch dieses schöne Tal,Wo prangt die Erd durch höhern Reiz?Dem Kenner bleibt hier keine Wahl,Der Anblick übertrifft die Schweiz.
Bettler.Nicht Sternenglanz, nicht SonnenscheinKann eines Bettlers Aug erfreun.Der Reichtum ist ein treulos Gut,Das Glück flieht vor dem Übermut.
Flottwell (welcher immer nach dem Bilde hingestarrt hat, zu Wolf). Jagt doch den Bettler fort, warum laßt ihr ihn hier so nah beim Schloß verweilen?
(Der Bettler steht auf und geht an der Seite, wo er sitzt, über den Hügel durch das niedere Gesträuche in die Szene.)
Wolf. Welch einen Bettler? Wir bemerken keinen.
Flottwell. Da geht er hin! (Starrt ihm nach.)
Wolf. Er spricht verwirrt.
(Amalie wird unwohl.)
Klugheim. Gott im Himmel! meine Tochter.
Flottwell. Amalie? Was ist ihr?
(Alle Gäste in Bewegung.)
Klugheim. Sie erbleicht!
Flottwell (stürzt zu ihren Füßen). Amalie, teures Mädchen! höre deines Julius Stimme.
Flitterstein (schleudert ihn entrüstet von ihr). Zurück,Verführer! nun entlarvst du dich!
Flottwell (ergreift ergrimmt seine Hand). Genugtuung, meinHerr! Das geht zu weit.
Flitterstein. Ists gefällig? (Zeigt nach dem Garten.)
Flottwell. Folgen Sie!
(Beide links ab.)
Mehrere Gäste. Haltet! (Eilen nach.)
Klugheim. Holt den Arzt!
(Bediente fort.)
Wolf. Ins Kabinett!
Mehrere. So endet dieses Fest.
(Die andere Hälfte gehen mit Klugheim und Wolf, welche Amalie nach dem Kabinett rechts führen, ab. Nur)
Dumont (welcher sich während der Verwirrung an das Fenster begeben hat und durch das Gewühl der Gäste verdeckt war, bleibt zurück, er hat sich in der Mitte des Fensters in einen Stuhl geworfen, springt, wenn alles weg ist, auf, lehnt sich auf die Fensterbrüstung, sieht durch die Lorgnette und ruft begeistert). Göttliche Natur!
Zwölfter Auftritt
Kurzes Kabinett fällt vor.
Valentin und Rosa.
Valentin. So laß mich aus, ich muß ja sehen, was geschehen ist. Alles lauft davon, und die Fräulein Amalie, sagen s', ist umgefallen wie ein Stückel Holz. Sie hat Konfusionen kriegt.
Rosa. Da bleibst. Mein Schicksal ists, um das du dich zu kümmern hast. (Weint bitterlich.) Ich bin die gekränkteste Person in diesem Haus.
Valentin. Was haben sie dir denn schon wieder getan?
Rosa. Aber nur Geduld! Morgen geh ich zu Gericht. Alles wird arretiert. Der gnädge Herr, der Kammerdiener. Alle Gäst, das ganze Schloß und du.
Valentin. Mich läßt s' nicht aus. Was hats denn gegeben?
Rosa. Ohrfeigen hätts bald gegeben.
Valentin. Ah, da bin ich froh, daß ich nicht dabei war.
Rosa. Der Kammerdiener hat mir Ohrfeigen angetragen. Hat mich eine Diebin geheißen, hat einen Schmuck von mir verlangt. Uns im Namen des gnädgen Herrn den Dienst aufgekündigt und hat mich wollen durch die Bedienten hinauswerfen lassen.
Valentin. Das ist ja eine ganze Weltgeschichte. Wann ist denn das alles geschehen?
Rosa. Vor einer Viertelstund, wie sie die Vasen im Saal oben geholt haben.
Valentin. Das ist schrecklich!
Rosa. Der Mensch glaubt ja, man hat seine Ehr und Reputation gestohlen.
Valentin. Und den Schmuck auch dazu. Nein! das kann man nicht so hingehn lassen.
Rosa. Du mußt dich annehmen. Ich bin ein Weib. Ich bin zu schwach.
Valentin. Auf alle Fäll. Du bist zu schwach.
Rosa. Du bist ein Mann, dir ist die Kraft gegeben.
Valentin. Freilich, mir ist die Kraft gegeben, drum werd ich mirs auch überlegen.
Rosa. Ich geh noch heut, und morgen klag ich.
Valentin. Und ich geh morgen, und klag heut noch! und wo? beim gnädgen Herrn, denn das ist eine Beschuldigung, die man nicht auf sich sitzenlassen darf!
Rosa (weinend). Nicht wahr, du glaubst es nicht, daß ich dieDiamanten genommen hab?
Valentin. Nein! Du bist zu tugendhaft. Du gehst nur auf dieAugen los, nicht auf die Diamanten. Doch jetzt mach dich auf.
Rosa. Wir packen zusamm und gehen.
Valentin. Die Livree bleibt da, die gehört dem Herrn. Mir ghört mein Tischlerrock, den ich mit hergebracht hab. Die andere Bagage brauch ich nicht, ich bin mit dir allein zufrieden.
Rosa. Wir bringen uns schon fort.
Valentin. Ich geh zu meiner Tischlerei zurück. Aber vorher will ich mein Meisterstück noch machen.
Rosa. Was wirst denn tun?
Valentin. Den Kammerdiener werd ich in die Arbeit nehmen. Ah, der ist zu ungehobelt. Über den muß ein Tischler kommen.
Rosa. Nimm dich zusamm.
Valentin. Oh, du kennst mich nicht, ich bin der beste Mensch, aber wenn es sich um Ehr und Reputation handelt, so kann ich in eine Wut kommen wie der rollende Rasand. Ich will dem Kammerdiener zeigen—(Der Kellermeister eilt über die Bühne.) He! Herr Kellermeister, wo gehn Sie hin?
Kellermeister. Mir ist am großen Faß ein Reif abgesprungen, ich muß den Wein abziehen.
Valentin. Ha! Das ist ein Wink des Schicksals. Mann! Ich folge dir.
(Geht tragisch mit dem Kellermeister ab.)
Rosa (allein). Ah Spektakel! jetzt muß sich der ein Spitzel antrinken, wenn er eine Courage kriegen will. Nein, was das für miserable Mannsbilder sein bei der jetzigen Zeit, das ist nimmermehr zum Aushalten. (Ab.)
Dreizehnter Auftritt
Verwandlung
Ein anderes Kabinett.
Amalie. Der Arzt. Präsident Klugheim.
Arzt. Fühlen Sie sich leichter, Fräulein?
Klugheim. Wie ist dir, liebes Kind?
Amalie. Ganz wohl, mein Vater! es ist schon vorüber.
Klugheim. Ein Unstern hat uns in dies Haus geführt.
Vierzehnter Auftritt
Vorige. Betti.
Betti. Zu Hülfe! Ach Herr Doktor, der Baron ist schwer verwundet.Man suchet Sie!
Klugheim. Heilger Gott, mein Freund! Bleib Sie bei meiner Tochter hier! Kommen Sie, Herr Doktor! Ach, ich bin an allem schuld.
(Eilt mit dem Doktor ab.)
Amalie. Was ist vorgegangen?
Betti. Sie haben duelliert! der gnädge Herr und der Baron.
Amalie. Ist Julius auch verwundet?
(Flottwell tritt aus einer Tapetentür. Er ist bleich und spricht halblaut und schnell.)
Flottwell. Nein, er ist es nicht. (Zu Betti.) Geh auf die Lauer!
(Betti geht vor die Tür.)
Amalie. Gott, wie siehst du aus!
Flottwell. Wie ein Mann, der seinem Schicksal trotzt. Doch noch ist nicht mein Glück von mir gewichen, weil ich dich nur sprechen kann. Jede Minute droht. Du mußt mit mir noch diese Nacht entfliehn.
Amalie. Unmöglich, nein! ich kann den Vater nicht verlassen.
Flottwell. Du hasts geschworen. Denk an deinen Eid.
Amalie. Doch heute, und so plötzlich—
Flottwell. Heute oder nie! Schon lang ist deine Dienerschaft von mir gewonnen. Nimm Laura mit und nichts von deinem Eigentum. Dein Vater ist erschöpft, er wird sich bald zur Ruhe legen, und wenn auch nicht, verbotne Liebe ist erfinderisch. Ich harr auf dich, nah an der Stadt, bei der verfallenen Kapelle, wo wir uns oft getroffen haben.
Amalie. Wird sich mein Vater je versöhnen?
Flottwell. Er wirds. Das weite Meer, das seiner Rache trotzt, wird seinem Stolz gebieten. Entschließe dich.
Amalie. Oh, könnt ich leben ohne dich—
Flottwell. Wenn dus nicht kannst, so sind wir ja schon einig.
Amalie. Und doch—
Flottwell. Ja! oder Nein! Nein! ist ein Dolch, den du ins Herz mir drückst. Ja! eine Sonn, die uns nach England leuchtet.
Amalie. Nur eine Frage noch!
(Betti schnell.)
Betti. Der Präsident!
Flottwell. Sprich schnell!
Amalie. Erwarte mich.
Fünfzehnter Auftritt
Präsident Klugheim. Vorige.
Klugheim (empört, strenge). Was wollen Sie bei meiner Tochter hier?
Flottwell. Ich war besorgt.
Klugheim (nimmt Amalie auf die linke Seite. Kummervoll). Sie sind zu gütig gegen mein Haus. Komm, meine Tochter, der Wagen wartet, dann geleit ich den Baron. Mein Herr! Sie haben uns zu einem Fest geladen, (mit Wehmut) und wir danken Ihnen mit gebrochenem Herzen für die großen Freuden, die Sie uns bereitet haben. (Führt seine Tochter ab.)
(Betti folgt.)
Flottwell (allein). O Starrsinn eines alten Mannes! Was rufst du doch für Unglück auf so vieler Menschen Haupt. (Wolf tritt ein.) Ha Wolf! Gut, daß du kommst. Der Augenblick ist da, wo du mirs danken kannst, daß ich dir mehr ein Freund als Herr gewesen bin. Ich will in dieser Nacht noch mit Amalien nach England fliehen. Es steht dir frei, ob du uns auf der Flucht begleiten willst.
Wolf. O mein gütger Herr! Mein Wille ist an Ihren Wunsch gekettet. Und wo Sie hinziehn, find ich meine Heimat.
Flottwell. Ich habe große Summen in der englischen Bank liegen. Was ich von Gold und Kostbarkeiten retten kann, will ich jetzt zu mir nehmen. Was ich in meinem Pulte zurück noch lasse, verteilst du unter meine Diener doch ohne etwas zu verraten. Ich wünsche, daß sie einen Herrn finden mögen, der es so gut mit ihnen meint als ich. Die beiden Schiffer an dem See, die ich auf diesen Fall seit längerer Zeit gedungen habe, sollen sich bereit halten. In einer Stunde längstens muß alles geordnet sein. Dann erwart ich dich bei der alten Kapelle. Dein Geschenk bring in Sicherheit, sein Wert ist dir bekannt. Sei vorsichtig. Ich baue ganz auf deine Treue. (Ab.)
Sechzehnter Auftritt
Wolf.
Wolf (allein). Du schiffst nach England. Günstgen Wind! Ich bleibe hier und will mein Schifflein in den Hafen lenken. Wie doch die Sonne auf und nieder geht! Wer ist nun zu beneiden? Er? der stolze, der gepriesene Mäzen, der seines Glückes Reste, mit zerfallenem Gemüt, dem ungetreuen Meer vertrauen muß? oder ich, der sanfte, der bescheidene Kammerdiener, der sein still erworbnes Schäfchen demütig ins trockne bringen kann. Und wem verdank ich diesen Sieg? (schlägt sich an die Stirn) dir, Klugheit! vielseitigste der Göttinnen! Die Natur hat mir nur eine starke Gallenblase gegeben, die nicht zerplatzt ist bei all dem Unsinn, den ich seit fünf Jahren in diesem Haus hab sehen müssen. Aber die Klugheit hat mich lächeln gelehrt. Oh, es ist eine große Sache um das Lächeln! Wie viele Menschen haben sich ihr Glück erlächelt, und ein Schwachkopf kann eine Minute lang für einen vernünftigen Mann gelten, wenn er mit Anstand zu lächeln weiß. Darum will ich lächeln über die Erbärmlichkeit, solang ich noch zu leben habe, und dann eine laute Lache aufschlagen—auf welche Grabesstille folgt. (Ab.)
(Als er schon in der Kulisse ist, drängt ihn Valentin zurück. Er hat seinen Tischlerkaputrock an und einen wachsleinwandenen Hut auf. Ein Parapluie und einen Spazierstock zusammengebunden unter dem Arm und ein kleines Felleisen auf dem Rücken, aus dem Sack steht ihm das kurze Tabakrohr seiner eingesteckten Pfeife. Er ist benebelt, ohne zu wanken oder zu lallen.)
Valentin. Halt! Barbar, wo willst du hin? Du kommst nicht von der Stell. Wie kannst du dich unterstehen, meine Geliebte zu verleumden? Was hat sie dir getan? Sie hat deine Liebesanträge nicht angenommen, weil du ihr zu häßlich bist. Kann es eine größere Tugend geben? Sie ist meine Verlobte, und du hast geglaubt, ich bin der Gfoppte! Sie soll einen Schmuck gestohlen haben. Diese schmucklose Person? Pfui, schäme dich!
Wolf. Jetzt hast du die höchste Zeit, aus dem Hause zu gehen, du Trunkenbold!
Valentin. Oh, ich hab Zeit genug! Ich hab eigentlich gar nichts mehr zu tun auf dieser Welt, als Ihnen meine Meinung zu sagen. Glauben Sie mir, Herr von Kammerdiener—ich will Ihnen nichts Unangenehmes sagen, ich versichre Sie, Sie sind ein niederträchtiger Mensch. Sie haben zwei arme Dienstboten aus dem Haus gebracht, die von ihrer Herrschaft treu und redlich bedient worden sind. (Schluchzt.) Aber der Himmel wird Sie dafür bestrafen.
Siebzehnter Auftritt
Vorige. Rosa, auch zum Fortwandern gerüstet, mit einigenBändeln, einem Sonnenschirm.
Rosa. Was tust denn, Valentin? So laß ihn gehn. Ich hab ja ghört, du bist betrunken?
Valentin. Wer hat dir das entdeckt? Ha! ich bin verraten.
Wolf. Jetzt packt euch! Beide.
Valentin. Sollen wir uns selber packen? Nein! wir packen ihn.
Rosa. Schäm dich doch!
Wolf. He Bediente! (Bediente kommen.) Jagt dieses Lumpenpack hier aus dem Haus. Ich befehl es euch im Namen unsres gnädigen Herrn. (Geht ab.)
Valentin (geht auf einen Bedienten los, welcher mit dem Kammerdiener Ähnlichkeit in der Kleidung haben muß). Was? hinauswerfen willst du uns lassen? du schändlicher Verräter!
Rosa. Was treibst denn da?
Valentin. Laß mich gehn. Der Kammerdiener hier muß unter meinen Händen sterben.
Rosa. Es ist ja nicht der Kammerdiener!
Valentin. Nicht? das macht nichts. Es wird schon ein andererSpitzbub sein.
(Bediente lachen.)
Rosa (will ihn fortziehn). So geh doch nur!
Valentin. Er soll sich nicht für den Kammerdiener ausgeben.Dieser Mensch, der in die Kammer gar nicht hinein darf.
Bediente. Jetzt fort! wir haben mehr zu tun.
Chor. Fort, nur fort! Packt euch hinaus!Ihr gehört nicht in dies Haus.Denn das heißt man zu viel wagen,So gemein sich zu betragen,So zu trinkenBis zum Sinken.Fort hinausAus dem Haus!Rosa. Daß ein wenig Saft der Trauben,Einen Menschen, sanft wie Tauben,Des Verstandes kann berauben,Um ihn so hinaufzuschrauben,Daß er 'n Hut nicht von der HaubenKann mehr auseinanderklauben,Das ist stark doch, wenn S' erlauben.Valentin. Glaubt mir doch, ihr lieben Leutel,Auf der Welt ist alles eitel,Denn kaum trinkt man vierzehn Seidel,Hat man schon kein Geld im Beutel,Schnappt vom Fuß bis zu dem ScheitelZsamm als wie ein Taschenfeitel,Alles eitel. Noch ein Seidel!Chor. Ei, was nützt denn dieses Gaffen,Fort mit euch, ihr dummen Laffen!Rosa. Geh und leg dich lieber schlafen!Valentin. Ich hab einen schönen Affen.Chor. Macht uns nicht so viel zu schaffen,Ihr müßt euch zusammenraffen,Denn das wird uns schon zu kraus,Fort mit euch zum Schloß hinaus!(Führen sie hinaus.)
Achtzehnter Auftritt
Verwandlung
Musik. Das Innere einer ganz verfallenen gotischen Kapelle. Es stehen nur die Mauern noch. Der Mond leuchtet am bewölkten Himmel, und sein Licht strahlt gerade durch das Eingangstor, so daß der Bettler, wenn er die letzte Rede spricht, von ihm beleuchtet wird.
Der Bettler sitzt an der Ecke der Hinterwand im Dunklen auf einem niedern Stein. Flottwell, in einen Radmantel gehüllt, tritt ein.
Flottwell. Die Nacht ist kühl. Auch zieht in Westen einGewitter auf. Wenn es nur bald vorübergeht! Was rauscht?Bin ich hier nicht allein? Wer kauert in der Ecke dort?Hervor!
Der Bettler (steht auf). Ich bins, mein gnädger Herr, und habe Sie schon lang erwartet.
Flottwell. Was tritt mir dieser Bettler heut zum drittenmal entgegen? (Der Bettler tut einen Schritt vor, nun bescheint ihn der Mond.) Ha! wie der Mond sein Antlitz graß beleuchtet. Was willst du hier von mir, du grauenhaftes Bild des selbstgeschaffnen Jammers?
Bettler (kniet). Ach, das verzweiflungsvolle Los meines geheimnisvollen Elends und meine Herzensangst, daß Sie dies Land verlassen, zwingen mich, den morschen Leib aufs neue in den Staub zu werfen. Sie sind der einzige in dieser unbarmherzgen Welt, auf dessen Großmut ich noch bauen kann.
Flottwell. Hinweg von mir! je länger ich dich schaue, je greulicher kommt mir dein Anblick vor. Dring ihn nicht auf, ich will dich nie mehr sehen.
Bettler. Es steht bei Ihnen, gnädger Herr, mich gänzlich zuverscheuchen. Doch müßten Sie dafür ein großes Opfer bringen.Oh, geben Sie die Hälfte dieses Schatzes nur, den Sie aufIhrer Brust verbergen, und niemals hören Sie mich mehr zuIhren Füßen wimmern.
Flottwell. Habgieriges Gespenst! Hat Satan dich verflucht, daß du der Erde Gold sollst nach der Hölle schleppen? So ein frech Begehren kann ja Wahnsinn kaum erfinden. Ein Bettler, der um Millionen flehet!
Bettler. Vernünftger ists, sie zu begehren, als sie wie du vergeuden.
Flottwell. Wie wagst dus, mich zur Rechenschaft zu ziehen?Du undankbarer Molch, den ich so reich beschenkt!
Bettler. Nie wird ein Bettler müd, den Reichen zu beneiden.
Flottwell. Wie Hundgeklaffe bei des Diebs Erscheinen schallt sein Gebelfer durch die Nacht!
Bettler (gegen den Eingang rufend). Oh, hör es, Welt! Oh, hört es, Menschen alle! Der überreiche Mann läßt einen Bettler darben.
Flottwell (halblaut). Dies gräßliche Geschrei wird mich am End verraten. Schweig doch und nimm dies Gold, um deine Gier zu stillen. (Er wirft ihm einen Beutel hin.)
(Ferner Donner.)
Bettler (hebt ihn auf. Laut jammernd) Zu wenig ists für mich, mein Elend ist zu groß. Ich laß nicht ab, der Welt mein Leid zu klagen (zwischen dem Eingang) und ruf die Menschheit zwischen uns zum Richter auf.
Flottwell. Verstummst du nicht durch Gold, so mach dich Stahl verstummen. Schweig! oder ich durchbohre dich! (Er zieht den Degen und durchsticht ihn.)
Bettler (bleibt stehen). Mörder! Dein Wüten ist umsonst! Du hast mich nicht verwundet. Was ich begehrt, kann mich versöhnen nur. (Nochmal bittend.) Oh, möchtest du doch jetzt in meine Bitte willgen.
Flottwell (hartnäckig). Du willst mich zwingen? Nie!
Bettler (halblaut rufend). So flieh, Verschwender, flieh! Doch mir entfliehst du nicht, und an der Themse sehen wir uns wieder! (Ab.)
(Der Mond verbirgt sich hinter den Wolken. Man hört den Wind brausen. Blitze leuchten.)
Flottwell. Als ich ihm dort im Mondlicht in das bleiche Antlitz starrte, ergriff es mich, als säh ich meines Vaters Geist. Die Nacht wird stürmisch. Ha! Ein Schatten fliegt daher!
Neunzehnter Auftritt
Voriger. Amalie, in einen Mantel gehüllt, den Kopf mit einemMännerhut bedeckt, tritt atemlos ein.
Flottwell. Bist du es, Wolf?
Amalie (stürzt erschöpft in seine Arme). Nein, ich bin es, mein Julius!
Flottwell (entzückt). Amalie! Teures Mädchen! Kommst du so allein?
Amalie. Ich konnte keine meiner Dienerinnen bewegen, das ungewisse Los mit der Gebieterin zu teilen. Mein Vater wacht bei dem Baron. Drum laß uns schnell entfliehen, wenn er nach Hause kommt, so wird er mich zu sprechen wünschen.
Flottwell. Es tut mir weh, den treuen Wolf zurückzulassen. Doch drängt uns die Gefahr. Wenn wir nur das Gewitter nicht zu fürchten hätten!
(Donner. Beide ab.)
Zwanzigster Auftritt
Verwandlung
Das Gestade des Sees. Auf einem Felsen eine Schifferhütte.
Max und Thomas, zwei Schiffer, ziehen einen Kahn mit einem Segel ans Ufer. Die Wellen des Sees gehen hoch. Es ist nicht gänzlich finster, sondern falbes Licht.
Thomas (steht auf dem Fels und zieht das Schiff). Max, zieh das Segel ein, der Wind zerreißt es sonst.
Max (tut es). Das Hundewetter hat auch kommen müssen, um armerLeut Verdienst zu schmälern.
Thomas. Wenn man am Morgen gleich ein altes Weib erblickt, die brummt, da führt der Henker stets ein Wetter her.
Max. Fluch nur nicht so, sonst geht die See noch immer höher.
Einundzwanzigster Auftritt
Vorige. Flottwell. Amalie.
Flottwell. Ha, seid Ihr da? Nun laßt uns schnell von hinnen!
Thomas. Was fällt Euch ein, wer wird in solchem Wetter fahren!
Flottwell. Wir müssen fort. Ich hab euch ja gedungen!
Max. Zum Überschiffen. Ja! Allein was zahlt Ihr uns denn fürsErtrinken?
Thomas. Der Sturm schmeißt uns den leichten Kahn ja zehnmal um.
Max. Wir segeln nicht!
Flottwell (verzweiflungsvoll). Ihr müßt.
Thomas, Max. Wir wollen nicht!
Amalie (für sieh). O Gott, du strafst mich schon in dieserStunde.
Flottwell. Ich brenn dir diese Kugel durch den Kopf. (Hält ihm ein Terzerol vor.)
Thomas (schlägt ihm das Pistol mit dem Ruder aus der Hand).Laßt doch das dumme Zeug. Das Wetter wird schon knallen lassen.
Max. Da müßt Ihr uns auf andre Weise zwingen.
Flottwell. Wohlan, ich gebe euch zweihundert Louisdor, wenn wir den See im Rücken haben.
Thomas. Das ist ein Wort! (Zu Max.) Willst du dein Leben wagen?
Max. Warum nicht? Wenn ich hin bin, bin ichs nicht allein.(Schlägt ein.)
Thomas (schlägt in Flottwells Hand). Potz Sturm und Klippen denn, es gilt. Doch hört, daß uns das Frauenzimmer da nicht etwa schreit. Die See ist wie mein böses Weib, wenn man sich fürchtet, treibt sies immer ärger, doch schlägt man mit dem Ruder tüchtig sie aufs Maul, da gibt sie nach. Nun kommt!
Flottwell. Nun auf gut Glück!
(Sie gehen alle vier nach dem Schiff. Musik beginnt. Nach einigem Herumwerfen des Kahns steuern sie fort. Das Gewitter wütet. Es schlägt ein. Dies drückt die Musik aus. Seemöven fliegen über die Bühne. Doch plötzlich läßt der Sturm nach, die Wogen gehen niedrer. Der Mond wird zur Hälfte zwischen den Wolken sichtbar und wirft seinen Schein auf den Bettler, welcher auf einem kleinen kaum bemerkbaren Kahn mit einem vom Sturme zerrissenen Segel gebeugt sitzend sachte vorüberfährt. Die Musik spielt die Melodie seines Bettlerliedes. Wenn er fort ist, vermehrt sich der Sturm, und die Kortine fällt.)
Dritter Aufzug
Zwanzig Jahre später
Erster Auftritt
Flottwells Schloß, wie zu Anfang des zweiten Aktes, nur dasStammschloß in der Ferne ist zur Ruine verfallen.
Flottwell, ganz aussehend wie der Bettler, sitzt beim Aufgebender Kortine an demselben Platz, wo der Bettler saß. Wenn dieEingangsmusik, welche bei Eröffnung der Bühne noch mehrereTakte fortdauert, geendet ist, steht er auf.
Flottwell. So seh ich dich nach zwanzig Jahren wieder, du stolzer Freudentempel meines sommerlichen Lebens. Du stehst so ernst und sinnend da, gleich einem Monument ins Grab gesunkener Glückseligkeit. Die alte Fröhlichkeit scheint auch aus dir gewichen. Einst schallte Jubel aus den Fenstern dieses Marmorsaales. Silberne Würfel kollerten noch auf dem grünen Tisch. Berauschte Spieler stürzten auf mein Wohl die goldnen Becher aus, und übermütge Freude schwang die riesgen Flügel. Nun ist es stumm und still geworden. Der Morgen hat schon lang sein frohes Lied gesungen, und jene Pforte ist noch immer fest verschlossen. Oder blickst du nur in diesem Augenblick so ernst, weil dein Begründer so dich wieder grüßt? Seit ich dich nicht gesehen, hat sich mein Schicksal sehr geändert. Ich habe Gattin, Kind und all mein Gut durch eigne Schuld verloren. Verfolgung hab ich hier wohl nimmermehr zu fürchten, denn Flitterstein, mein größter Feind, ist in der Schlacht gefallen. Doch wo soll ich in dieser Lage nun um Beistand flehen? Der edle Präsident— er hat uns ja vor seinem Tode noch verziehn—ist lang hinüber. An einige Freunde hab ich schon geschrieben, doch niemand will den armen Julius mehr kennen. Drum will ich noch das letzte wagen. Ich will nach Bettlerweise einem Fremden mich vertrauen. Will dem Besitzer dieses Schlosses sagen, daß ich der erste war, dessen Aug mit Herrenblick in diesem holden Eigentum geschwelgt, und daß ich nun nichts mein zu nennen hab als diesen Bettelstab. Vielleicht, daß ihn die Größe meines Unglücks rührt. Hier kommt der Gärtner auf mich zu! den will ich doch befragen.
Zweiter Auftritt
Voriger. Gärtner mit einer Gießkanne, er ist phlegmatisch und etwas roh.
Flottwell. Guten Morgen!
Gärtner (sieht ihn verdächtig an). Guten Morgen. (Für sich.) Muß doch den großen Hund von der Kette loslassen, weil gar so viel Gesindel immer kommt.
Flottwell. Mein lieber Freund, wollt Ihr so gut sein, mir zu sagen, wie Euer gnädger Herr wohl heißt und wie lang er dieses Schloß besitzt?
Gärtner. Ihr wollt ihn wohl um etwas bitten?
Flottwell. Ich wünsche ihn zu sprechen.
Gärtner (für sich). Scheint doch nicht, daß er etwas stehlen will. (Laut.) Es mag jetzt ohngefähr zwölf Jahre sein. (Rechnet nach) Der Flottwell hats gebaut, der wischt nach England durch. Da kaufts ein Graf, der starb, und dann nahms unser Herr, und der wirds wohl auch bis an seinen Tod behalten.
Flottwell. Seid Ihr schon lang in seinem Dienst?
Gärtner. Ziemlich lang, aber gestern hat er mich persönlich abgedankt—
Flottwell. Wie tituliert man ihn?
Gärtner (unbedeutend). Herr von Wolf—
Flottwell. Von Wolf? Von der Familie hab ich nie gehört.
Gärtner. Ja mit der Familie ists auch nicht weit her. Er war des Flottwells Kammerdiener.
Flottwell (rasch). Mein Kammerdiener? (Faßt sich.) Nicht doch—
Gärtner (macht große Augen). Was fällt Euch ein? (Für sich.)Der Mann muß nicht in Ordnung sein? (Deutet aufs Hirn.) Jetztwill der Lump gar einen Kammerdiener haben. (Laut.) BeiFlottwell, sagt ich, der in Amerika gestorben ist.
Flottwell. Da hat Euer Herr vermutlich eine sehr große Erbschaft gemacht?
Gärtner. Nichts hat er gemacht! Den Flottwell hat er tüchtig übers Ohr gehauen. Da kommt sein Reichtum her. Der war so dumm und hat ihn noch dafür beschenkt. Hat ihn gehätschelt, und Unserer hat ihn dann brav ausgelacht und sagt ihm noch im Tod nichts Gutes nach. So gehts den jungen Herrn, die nur vertun und nichts verdienen können. Da hängen sie den Schmeichlern alles an, die andern Leute sind nicht ihresgleichen, und wenn sie in die Not dann kommen, lacht sie alles aus. (Gibt ihm Tabak.) Wollt Ihr eine Prise nehmen?
Flottwell. Ich danke! (Nach einigem Nachdenken.) Ich will ihn dennoch sprechen!
Gärtner. Nun wenn Ihr ihn in guter Laune findet, vielleicht schenkt er Euch etwas. (Greift in den Sack.) Ich will Euch auch auf ein Glas Branntwein geben.
Flottwell (spöttisch). Ihr seid zu gut. Ich bin Euch sehr verbunden.
Gärtner. Ei, seht einmal! Wenn man ein armer Teufel ist, da muß man jeden Groschen nehmen. Doch Ihr werdet wohl am besten wissen, wie Ihr mit Eurer Kassa steht.
Flottwell. Ich dank Euch sehr für Euren Unterricht. Mich wundert aber, daß Ihr das so alles ungescheut von Eurem Herrn erzählt.
Gärtner. Früher hätt ich nichts gesagt. Jetzt geh ich aber so in einigen Tagen fort. Da liegt mir nichts mehr dran!
Flottwell. Sagt mir nur eins noch: Ist Herr von Wolf im Besitze dieses ungerechten Gutes glücklich?
(Das Tor öffnet sich.)
Gärtner. Ob der wohl glücklich ist? Da schaut ihn an und überzeugt Euch selbst.
Dritter Auftritt
Vorige. Wolf. Er ist sehr gealtert, sieht sehr krank aus, ist in Pelz gekleidet und geht an einem Stock. Drei Bediente mit ihm.
Flottwell (fährt zurück). Himmel! ich hätt ihn nicht erkannt.
Wolf (sein Betragen ist sehr düster und sinnend). Ich habe eine üble Nacht gehabt. Die Sonne kommt mir heut so trübe vor.
Gärtner. Gnädger Herr! Es will ein armer Mann Sie sprechen.
Flottwell. Du lügst. Ich bins nicht mehr. (Für sich.) In solcherNähe macht mich mein Bewußtsein reich.
Wolf. Er kann nicht ärmer sein als ich. Wo ist er?
Flottwell (tritt vor). Flottwell nennt er sich.
Wolf (fährt zusammen). Flottwell? (Fühlt in die Seite.) Das hat mir einen Stich gegeben. Die böse Gicht ist doch noch unbarmherziger, als es die Menschen sind. (Für sich.) Er lebt noch. Und kommt so zurück? So straft der Himmel seine Sünder.
Gärtner. Das ist der reiche Flottwell? Gute Nacht, da will ich lieber Gärtner sein. (Geht ab.)
Wolf. Herr von Flottwell, ich fühle mich sehr geehrt, daß Sie sich Ihres alten Dieners noch erinnern, und bedauere nur, daß meine Krankheit, die mich schon seit vielen Jahren quält, mir nicht erlaubt, meine Freude über Ihre Ankunft so glanzvoll an den Tag zu legen, als Sie von mir es fordern könnten.
Flottwell. Ich habe nichts zu fordern, gar nichts mehr. Was ich mit Recht zu fordern hatte, ist mir durch einen Höhern (blickt gegen Himmel) schon geworden. Ich wollte nur den Besitzer meines Schlosses sehen.
Wolf (lächelnd). Ja, es ist ein ganz besondrer Zufall. Ich habe dadurch eine wahre Anhänglichkeit an Ihr Haus bewiesen. Der Himmel hat mich mit Gewinn gesegnet, aber ich habe jetzt große Verluste erlitten. Verzeihen Sie, der Arzt erlaubt mir nicht, so viel zu sprechen; ich weiß die Ehre Ihres Besuches sehr zu schätzen. (Zu den Bedienten.) Geleitet mich zu jener Aussicht hin. Doch nein! Ins Schloß zurück. Auch das nicht. Nach dem Garten. Der Garten ist so schön. Nur schade, daß die Rosen schon verwelken. (Wird nachdenkend.) Wie oft werd ich sie wohl noch blühen sehen? (Schauert.) Heut ist ein kalter Tag.
Flottwell. Mir scheint die Sonne warm.
Wolf. Mich friert. Geht doch hinab ins Dorf und ruft den frommen Mann, den ich so gern jetzt um mich habe. Daß er mir ein moralisches Buch vorliest. Ich hör so gern moralische Bücher lesen. Die Welt ist gar so schlecht, und man kann seinen Trost nur in der Zukunft suchen. (Schleicht in den Garten.)