The Project Gutenberg eBook ofDer VerschwenderThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der VerschwenderAuthor: Ferdinand RaimundRelease date: October 1, 2004 [eBook #6654]Most recently updated: September 20, 2012Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSCHWENDER ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Der VerschwenderAuthor: Ferdinand RaimundRelease date: October 1, 2004 [eBook #6654]Most recently updated: September 20, 2012Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE
Title: Der Verschwender
Author: Ferdinand Raimund
Author: Ferdinand Raimund
Release date: October 1, 2004 [eBook #6654]Most recently updated: September 20, 2012
Language: German
Credits: Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSCHWENDER ***
Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE
This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar.
Der Verschwender
Ferdinand Raimund
Original-Zaubermärchen in drei Aufzügen (1834)
Personen:
Erster Aufzug:Fee CheristaneAzur, ihr dienstbarer GeistJulius von Flottwell, ein reicher EdelmannWolf, sein KammerdienerValentin, sein BedienterRosa, Kammermädchen, dessen GeliebteChevalier Dumont, Flottwells FreundHerr von Pralling, Flottwells FreundHerr von Helm, Flottwells FreundHerr von Walter, Flottwells FreundGründling, BaumeisterSockel, BaumeisterFritz, BedienterJohann, BedienterDienerschaft Jäger. Gäste in Flottwells Schoß. Genien
Zweiter Aufzug(spielt um drei Jahre später):Ein BettlerJulius von FlottwellWolf, KammerdienerValentin, BedienterRosa, KammermädchenPräsident von KlugheimAmalie, seine TochterBaron FlittersteinChevalier DumontHerr von WalterEin JuwelierEin ArztEin altes WeibEin HaushofmeisterEin KellermeisterEin DienerBetti, KammermädchenMax, SchifferThomas, SchifferGäste. Bediente. Tänzer. Tänzerinnen
Dritter Aufzug(spielt um zwanzig Jahre später):Fee CheristaneAzur, ihr dienstbarer GeistJulius von FlottwellHerr von WolfValentin Holzwurm, ein TischlermeisterRosa, sein WeibIhre Kinder Liese, Michael, Hansel, Hiesel und Pepi (vier Jahre alt)Ein GärtnerEin BedienterBediente. Nachbarsleute. Bauern. Senner und Sennerinnen. Genien
Erster Aufzug
Erster Auftritt
Vorsaal in Flottwells Schloß. Mit Mittel- und vier Seitentüren, vorne ein Fenster. Dienerschaft in reichen Livreen ist im Saale beschäftigt. Einige tragen auf silbernen Tassen Kaffee, Tee, Champagner, ausgebürstete Kleider nach den Gemächern der Gäste. Fritz und Johann ordnen an. Ein paar Jäger putzen Gewehre.
Chor.Hurtig! Hurtig! Macht doch weiter!Holt Champagner! Kaffee! Rum!Bringt den Gästen ihre Kleider,Tummelt euch ein wenig um.Alles sei hier vornehm, großIn des reichen Flottwells Schloß.
(Im Hofe ertönen Jagdhörner. Alle ab bis auf Fritz und Johann, welche ans Fenster treten.)
Fritz. Ja blast nur zu! Da könnt ihr noch lange blasen. DieHerrschaften sind erst aufgestanden. Heute wird es eine späteJagd geben.
Johann. Das Spiel hat ja bis zwei Uhr gedauert.
Fritz. Ja wenn sie nach dem Souper zu spielen anfangen! Da ist kein Ende.
Johann (lachend). Aber heute Nacht haben sie den Herrn schön gerupft.
Fritz. Ich kann mich ärgern, daß er so viel verspielt.
Johann. Warum denn? Er wills ja nicht anders. Die reichen Leute sollen die Langeweile bezahlen, die sie andern verursachen.
Fritz. Ah, über den gnädgen Herrn ist nichts zu sagen. Das ist ein wahrhaft nobler Mann. Er bewirtet nicht nur seine Freunde, er unterstützt die ganze Welt. Die Bauern, hör ich, zahlen ja fast niemals eine Abgabe.
Johann. Er hat mir nur zu heftige Leidenschaften. Wart, bis du ihn einmal in Wut erblickst. Da schont er weder sein noch eines andern Glück. Da kann alles zugrunde gehen.
Fritz. Aber wenn er sich besinnt, ersetzt ers sicher dreifach wieder.
Johann (achselzuckend). Ja! Wenns nur immer so fortgeht.
Fritz. Wer ist denn der junge Mann, der gestern angekommen ist?Ein scharmanter Mensch.
Johann. Das weiß ich nicht. Das wird sich schon noch zeigen. Für mich gibt es nur zweierlei Menschen. Menschen, die Trinkgeld geben, und Menschen, die keines geben. Das bestimmt meine Dienstfertigkeit.
Fritz. Ich finde, daß er sehr höflich ist.
Johann. Da wird er vermutlich sehr wenig geben. Wer mich mit Höflichkeit beschenkt, macht mich melancholisch. Aber wenn mir einer so einen Dukaten hinwirft und zuruft: Schlingel, heb ihn auf! da denk ich mir: Ha! welch eine Lust ist es, ein Schlingel zu sein!
Zweiter Auftritt
Vorige. Pralling.
Pralling (tritt einen Schritt aus seinem Kabinett und ruft).He! Bediente!
Beide (sehen sich um). Ja! Befehlen?
Pralling. Ich habe schon zweimal geklingelt. Wollen Sie so gefällig sein, mir Rum zu bringen?
Johann (vornehm nickend). Sogleich, mein Herr! (Zu Fritz.)Hast du den gehört? Der hat mir in sechs Wochen noch keinenPfennig Trinkgeld gegeben, und ein solcher Mann hat bei mirkeinen Anspruch auf Rum zu machen. Den laß ich warten.
Fritz. Oh, auf den acht ich auch nicht. Der Herr hält ja nicht viel auf ihn.
Johann. Das ists, auf was man sehen muß. Auch der Kammerdiener mag ihn nicht.
Fritz. Nun, wenn ihn der nicht mag, da kann er sich bald aus dem Schlosse trollen. Der wird ihn schon gehörig zu verleumden suchen.
Johann. Ja, der reitet auf der Gunst des gnädgen Herrn, und niemand kann ihn aus dem Sattel werfen.
Fritz. Du kennst ja seinen Wahlspruch: Alles für den Nutzen meines gnädgen Herrn, und dabei stopft er sich die Taschen voll.
Johann. Das wird aber auch eine schöne Wäsche geben, wenn dem seine Betrügereien einmal ans Tagslicht kommen. Ich kenne keinen raffinierteren Schurken. Da ist unsereiner gerade nichts dagegen.
Dritter Auftritt
Vorige. Wolf aus dem Kabinette rechts. Sein Betragen ist gegenDiener sehr nobel stolz, gegen Höhere sehr demütig.
Wolf (hört die letzten Worte). Schon wieder Konferenz? Von wem war hier die Rede?
Johann. Von einem guten Freund.
Wolf. Nu ihr seid solcher Freundschaft wert! Ist alles besorgt?Die Gäste bedient?
Johann. Auf das pünktlichste!
Wolf. Der gnädge Herr läßt euch verbieten, von den Gästen Geschenke anzunehmen. Ihr habt sie von seiner Freigebigkeit zu fordern.
Beide. Dann haben wir dadurch gewonnen.
Wolf. Seid uneigennützig. Das ist eine große Tugend.
Johann. Aber eine sehr schwere—nicht wahr, Herr Kammerdiener?
Wolf. Wo ist der Valentin? Hat er die Quittung von der Sängerin gebracht?
Fritz. Er ist noch nicht zurück, obwohl der gnädige Herr befohlen hat, er müßte bei der Jagd erscheinen, damit die Herren auf der Jagd etwas zu lachen hätten.
Wolf (lächelnd). Ein wahrhaft unschädlicher Bursche.
Johann. Da sollten doch der Herr Kammerdiener ein Werk derBarmherzigkeit ausüben und den gemeinen Kerl aus dem Hause bringen.
Wolf. Gott bewahre mich vor solcher Ungerechtigkeit. Das wäre gegen die Gesinnung meiner gnädgen Herrschaft. Der Bursche ist zwar plump und roh, doch gutmütig und treu. Dann steht er in der Gunst des Herrn, der seine Diener alle liebt wie eigne Kinder. Ja das ist wohl ein seltner Mann, der in der Welt nicht seinesgleichen findet. Und wollte man sein Lob in Büchern schreiben, man würde nie damit zu Ende kommen. Drum dankt dem Himmel, der euch in dies Haus geführt, denn wer ihm treu dient, der hat sich wahrlich selbst gedient. Das Frühstück für den gnädgen Herrn!
Fritz. Sogleich! (Geht ab.)
Johann (im Abgehen). Die Moralität dieses Menschen wird mich noch unter die Erde bringen. (Ab.)
Wolf. Das sind ein paar feine durchgetriebne Schufte. Die muß ich mir vom Halse schaffen.
Vierter Auftritt
Voriger. Baumeister Gründling.
Gründling. Guten Morgen, Herr Kammerdiener, kann ich die Ehre haben, Herrn von Flottwell meine Aufwartung zu machen?
Wolf. Herr Baumeister, ich muß um Verzeihung bitten, aber Seiner Gnaden haben mir soeben befohlen, Sie bei jedermann zu entschuldigen, denn Sie machen heute eine Jagdpartie.
Gründling. Wissen Sie nicht, Herr Kammerdiener, ob Herr von Flottwell meinen Plan zu dem Bau des neuen Schlosses für gut befunden hat?
Wolf. Er hat ihm sehr gefallen. Nur hat sich der Umstand ereignet, daß ihm auch ein anderer Baumeister einen ähnlichen Plan vorgelegt hat und sich erbietet, das Schloß in derselben Größe um zehntausend Gulden wohlfeiler zu bauen.
Gründling. Das tut mir leid, aber als ehrlicher Mann kann ich es nach seinen Anforderungen nicht wohlfeiler bauen. Ich übernehme diesen Bau überhaupt mehr aus Ehrgeiz als aus Gewinnsucht, hat aber Herr von Flottwell einen Künstler gefunden, von dem er sich Schöneres oder Besseres verspricht, so werde ich mich zu bescheiden wissen.
Wolf. Das heißt, es ist Ihnen nichts daran gelegen.
Gründling. Im Gegenteil, es ist meiner Ehre sehr viel daran gelegen.
Wolf. Ja dann müssen Sie Ihrer Ehre auch ein kleines Opfer bringen.
Gründling. Es wäre sehr traurig für die Kunst, wenn es mit ihr so weit gekommen wäre, daß die Künstler Opfer bringen müßten, um Gelegenheit zu finden, ein Kunstwerk hervorzubringen. Die Kunst zu unterstützen, ist ja der Stolz der Großen, und eine ökonomische Äußerung wäre an dem geldberühmten Herrn von Flottwell etwas Unerhörtes.
Wolf. Sie verstehen mich nicht, Herr Baumeister.
Gründling. Genug! Morgen will ich mit Herrn von Flottwell selbst darüber sprechen. Glauben Sie aber nicht, Herr Kammerdiener, daß ich ein Mann bin, der nicht zu leben versteht. Sollten Sie sich für die Sache bei dem gnädgen Herrn glücklich verwenden, so werde ich mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie ein Geschenk von hundert Dukaten nicht verschmähen wollen.
Wolf. Sie verkennen mich. Eigennutz ist nicht meine Sache, ich spreche nur zum Vorteil meines gnädgen Herrn!
Gründling. Den werden Sie durch mich besser bezwecken, als wenn das Schloß von einem andern wohlfeiler und schlechter gebaut wird.
Wolf. Nun gut. Ich will versuchen, was mein geringer Einfluß zugunsten eines so großen Künstlers vermag, und gelingt es mir, so werde ich Ihr Geschenk nur unter der Bedingung annehmen, daß Sie mir erlauben, es auf eine wohltätige Weise für andere zu verwenden.
Gründling. Ganz nach Ihrem Belieben. (Beiseite.) Die Kunst mag mir diese Herabwürdigung verzeihen. (Laut.) Morgen erwarte ich einen günstigen Bescheid. (Will ab.)
Wolf (blickt zum Fenster hinaus). Teufel! der andere. (Schnell.) Wollen Sie nicht so gefällig sein, sich über die Nebentreppe zu bemühen, weil die Bedienten auf der großen Möbel transportieren. Ich empfehle mich ergebenste (Läßt ihn durch eine Seitentür hinausgehen. Wolf allein.) Diese Zitrone gibt wenig Saft, jetzt wollen wir die andere pressen.
Fünfter Auftritt
Voriger. Baumeister Sockel.
Sockel. Guten Morgen, Herr von Wolf! Sie haben mich rufen lassen, ich wäre schon gestern gekommen, aber ich hab ein Haus stützen müssen, was ich vor zwei Jahren erst gebaut hab. Verstanden? Ich sag Ihnens, man möcht jetzt lieber Holz hacken als Häuser bauen. Erstens brennen s' Ziegel, wenn man einen nur ein unbeschaffenes Wort gibt, so fallt er schon voneinander. Nachher wollen s' immer ein Million Zins einnehmen, lauter Zimmer, keine Mauern. Verstanden? Drum sind manche moderne Häuser auch so dünn, als wenn s' bloße Futteral über die alten wären. Hernach hat halt ein Baumeister vor Zeiten auf solide Einwohner rechnen können, aber jetzt zieht sich ja manchmal ein Volk hinein, das nichts als rauft und schlagt, Tisch und Stühl umwirft und das Unterste zu oberst kehrt. Ja wo soll denn da ein Haus die Geduld hernehmen, da wirds halt springgiftig, und endlich fallts vor Zorn zusamm. Verstanden?
Wolf. Das ist alles ganz recht, aber jetzt lassen Sie uns vernünftig reden.
Sockel. Erlauben Sie, aber meine Reden sind ein wahrer Triumph der Vernunft. Verstanden?
Wolf. Ich habe Ihnen die unangenehme Nachricht zu sagen, daßSie den Bau des Schlosses nicht bekommen werden.
Sockel. Hören Sie auf, oder ich stürz zusamm wie eine alteGartenmauer. Das ist ja nach unserer Verabredung nicht möglich!Verstanden?
Wolf. Der gnädge Herr will den Baumeister Gründling nehmen.
(Ein Bedienter, der Flottwell das Frühstück gebracht hat, kommt zurück.)
Sockel. Aber es war ja schon alles richtig. Ich hab Ihnen ja tausend G—
Wolf (rasch auf den Bedienten blickend). Nun ja, Sie haben mir da tausend Gründe gesagt, die—
Sockel. Nein, ich habe Ihnen versprochen—
Wolf. Ja (stampft unwillig mit dem Fuß), Sie haben versprochen, gute Materialien zu nehmen. Fritz, dort hat jemand geläutet. (Der Bediente geht in ein Kabinett ab.) Aber ich kann nicht dafür, daß ein anderer gekommen ist, der noch größere Versprechungen gemacht hat und das Schloß um zehntausend Gulden wohlfeiler baut.
Sockel. Aber das ist ja ein elender Mensch, der gar nicht zu bauen versteht. Ein hergelaufener Maurerpolier, ein Pfuscher, und ich bin ein Mann auf dem Platz. Verstanden?
Wolf. Es macht Ihnen sehr viel Ehre, daß Sie so über IhrenKollegen schimpfen, aber das kann die Sache nur verschlimmern!
Sockel. Aber Sie bringen einem ja zur Verzweiflung. (Beiseite.) Ich kann den Bau nicht auslassen, er trägt mir zu viel ein. (Macht gegen das Publikum die Pantomime des Geldzählens.) Verstanden? (Laut.) Liebster Herr Kammerdiener, ich weiß, es hängt nur von Ihnen ab. Der gnädige Herr bekümmert sich nicht darum, er ist zu leichtsinnig. Ich geb Ihnen tausend Gulden Konventionsmünze.
Wolf. Herr!—Was unterfangen Sie sich—
Sockel. Ich unterfange mich, Ihnen noch fünfhundert Gulden zu bieten.
Wolf. Sie häufen ja Beleidigung auf Beleidigung—
Sockel. Freilich, ich bin der brutalste Kerl auf der Welt. Aber jetzt bin ich schon in meiner Grobheit drin, ich muß Ihnen noch fünfhundert Gulden antragen.
Wolf. Halten Sie ein! Sie empören mich mit solchen unmoralischenZumutungen!
Sockel (beiseite). Ah, da möcht man sich selber köpfen.
Wolf. Ich sehe ein, daß Ihre Ehre—
Sockel. Ah was Ehre! Es ist einem gerade keine Schande, wenn man ein Schloß baut, aber in Feuer lassen s' einem auch nicht vergolden deswegen. (Beiseite.) Nur das Geld ist verloren!
Wolf. Man wird Sie auslachen!
Sockel. Freilich, es hats die ganze Stadt erfahren.
Wolf. Wie war das möglich?
Sockel. Weil ichs meiner Frau gesagt hab.
Wolf. Ja sind Sie denn verheiratet?
Sockel. Leider! Verstanden?
Wolf (ängstlich). Haben vielleicht Kinder!
Sockel. Jawohl.
Wolf. Ach, das ist ja sehr traurig. Wie viele?
Sockel. Mein Gott, soviel Sie wollen, verschaffen Sie mir nur den Bau.
Wolf. Ja das muß ich wissen.
Sockel. Fünf, und zwei noch zu erwarten! Verstanden?
Wolf. Entsetzlich! Das rührt mich!
Sockel. Lassen Sie sich erweichen. Nehmen Sie die zweitausendGulden.
Wolf (mit Bedauern). Sie sind Familienvater! Sie haben fünfKinder! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Und der andereBaumeister hat vielleicht keine Kinder.
Sockel. Kein einziges.
Wolf. Ah, da müssen Sie ja den Bau erhalten. Das wäre ja die höchste Ungerechtigkeit.
Sockel. O Sie edelmütger Mann!
Wolf. Jetzt kann ich Ihr Geschenk annehmen. Aber Sie müssen mir versprechen, ein Meisterstück für die Ewigkeit hinzustellen—
Sockel. Zehn Jahre keine Reparatur—
Wolf. Denn der Vorteil meiner gnädgen Herrschaft geht mir über alles.
Sockel (weinend). Große Seele!
(Beide in Flottwells Kabinett ab.)
Sechster Auftritt
Valentin.
Valentin.LiedHeissa lustig ohne SorgenLeb ich in den Tag hinein,Niemand braucht mir was zu borgen,Schön ists, ein Bedienter z' sein.Erstens bin ich zart gewachsenWie der schönste Mann der Welt,Alle Säck hab ich voll Maxen,Was den Mädchen so gefällt.Zweitens kann ich viel ertragen,Hab ein lampelfrommen Sinn,Vom Verstand will ich nichts sagen,Weil ich zu bescheiden bin.Drittens kann ich prächtig singen,Meine Stimme gibt so aus,Denn kaum laß ich sie erklingen,Laufen s' alle gleich hinaus.
Viertens kann ich schreiben, lesen,Hab vom Rechnen eine Spur,Bin ein Tischlergsell gewesen—Und ein Mann von Politur.Fünftens, sechstens, siebntens, achtensFallt mir wirklich nichts mehr ein,Darum muß meines ErachtensAuch das Lied zu Ende sein.
Ah! heut kann ich einmal mit Recht sagen: Morgenstund tragt Gold im Mund. Hat mir die Sängerin, die neulich bei unserm Konzert eine chinesische Arie gesungen hat, für das Honorar, was ich ihr von dem gnädigen Herrn überbracht hab, zwei blanke Dukaten geschenkt. Der gnädige Herr hat ihr aber auch für eine einzige Arie fünfzig Dukaten bezahlen müssen. Das ist ein schönes Geld. Aber das ist doch nichts gegen Engeland. In London, hör ich, da singen s' gar nach dem Gewicht. Da kommt eine von den großen Noten auf ein ganzes Pfund, drum heißt man s' auch die Pfundnoten. Da verdient sich eine an einen einzigen Abend einige Zenten. Die müssen immer ein Paar Pferd halten, daß sie ihnen das Honorar nachführen. Aber es war auch etwas Göttliches um diese Sängerin. Ich versteh doch auch etwas von der Musik, weil ich in meiner Jugend öfter nach den Noten geprügelt worden bin, aber im Distonieren kommt ihr keine gleich. Ich hab die ganze Arie nicht hören können, weil ich im Hof unten war und die Jagdhund besänftigt hab, damit s' nicht so stark dreingeheult haben, aber einmal hat sie einen Schrei herausgelassen—Nein, ich hab schon verschiedene Frauenzimmer schreien ghört, doch dieser Ton hat mein Innerstes erschüttert. Aber den schönsten Wohlklang hat sie doch erst gezeigt, wie sie die zwei Dukaten auf den Tisch geworfen hat, das macht sie unsterblich. Und wenn ich ein Theaterdirektor wär: die engagieret ich unter den schönsten Bedingungen. (Rosa schleicht sich herein, tritt langsam vor und steht bei den letzten Worten mit verscblungenen Armen neben ihm.) Und gelächelt hat sie auf mich—gelächelt hat sie—
Rosa. Nun und wie hat sie denn gelächelt? (Lächelt boshaft.)Wie denn? Hat sie so gelächelt—so?
Valentin. Ah, hör auf! Das ist ja nur eine Travestie auf ihr Lächeln. Du wirst dir doch nicht einbilden, daß du das auch imstand bist?
Rosa. Warum? Warum soll sie besser lachen können als ich?
Valentin. Nun, eine Person, die für eine Arie fünfzig Dukaten kriegt, die wird doch kurios lachen können?
Rosa. Ja, aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, und die werd ich sein. Ich brauch keinen solchen Liebhaber, der in die Stadt hineinlauft und den Theaterprinzessinnen die Cour macht.
Valentin. Ich muß tun, was mir mein Herr befiehlt. Punktum!
Rosa. Du und dein Herr ist einer wie der andere.
Valentin. Nu das wär mir schon recht, da wär ich auch einMillionär wie er.
Rosa. Du hast deine Amouren in der Stadt, und er hat s' im Wald draus. Und wie schaust denn wieder aus? Den ganzen Tag hat man zu korrigiern an ihm! Ist denn das ein Halstuch gebunden, du lockerer Mensch? Geh her! (Bindet es ihm.)
Valentin. So hör auf, du erwürgst mich ja, schnür mich nicht so zusamm!
Rosa. Das muß sein.
Valentin. Nein, das Schnüren ist sehr ungesund. Es wird jetzt ganz aus der Mod kommen. Du sollst dich auch nicht so zusammradeln.
Rosa. Das geht keinen Menschen was an!
Valentin. Aber wohl! Das Schnüren hätt sollen gerichtlich verboten werden, aber die Wirt sind dagegen eingekommen.
Rosa. Wegen meiner! Ja apropos, du stehst ja da, als wann einFeiertag heut wär? Wirst gleich gehn und dich anziehn auf die Jagd!
Valentin. Jetzt muß ich wieder auf die verdammte Jagd.
Rosa. Ja wer kann dafür, daß du so ein guter Jäger bist?
Valentin. Ah, ich jag ja nicht, ich werd ja gejagt. Sie behandeln mich ja gar nicht wie einen Jäger. Ich ghör ja unters Wildpret. Das letztemal hat der gnädige Herr eine Wildente geschossen, und weil kein Jagdhund bei der Hand war, so hab ich sie müssen aus den Wasser apportieren, und wie ich mitten drin war, haben sie mich nimmer herauslassen.
Rosa. Und das laßt du dir so alles gfallen?
Valentin. Ja weil ich halt für meinen Herrn ins Feuer geh, so geh ich halt auch für ihn ins Wasser.
Rosa. Nu so tummel dich, es wird gleich losgehen.
Valentin. Die verflixte Jagd! Wann man nur nicht so hungrig würd, aber ich versichere dich: Ein Jäger und ein Hund frißt alle Viertelstund.
Rosa. Schäm dich doch!
Valentin. Du glaubst nicht, was man auszustehen hat. Was einem die Gäst alles antun. Meiner Seel, wenn mir nicht wegen dem gnädigen Herrn wär, ich prügelt sie alle zusamm.
Rosa. So red doch nicht immer vom Prügeln in einem vornehmenHaus. Da sieht man gleich, daß du unterm Holz aufgewachsen bist.
Valentin. Wirf mir nicht immer meinen Tischlerstand vor.
Rosa. Weil du gar so pfostenmäßig bist.
Valentin. Schimpf nicht über mein Metier.
Rosa. Laß mich gehn. Ich nehm mir einen andern. Ich weiß schon, wem ich heirat.
DuettRosa. Ein Schlosser ist mein schwache Seit,Das ist der erste Mann,Der sorgt für unsre SicherheitUnd schlagt die Schlösser an.Valentin. Mein Kind, da bist du schlecht bericht,Der Tischler kommt zuvor,Der Schlosser ist der Erste nicht,Der Tischler macht das Tor.Rosa. Ein Schlosser ist zu schwarz für michUnd seine Lieb zu heiß.Valentin. Verliebt sich ein Friseur in dichDer macht dir nur was weiß.Rosa. Nein! nein! ein Drechsler! o wie schön!Der ist für mich gemacht.Valentin. Der kann dir eine Nasen drehn,Da nimm du dich in acht.Rosa. Ein Bäck, der ist mir zu solid,Ich fürcht, daß ich mich härm.Valentin. So nimm dir einen Kupferschmied,Der schlagt ein rechten Lärm.Rosa. Mit einem Schneider in der Tat,Da käm ich prächtig drausValentin. Doch wenn er keine Kunden hat,So geht der Zwirn ihm aus.Rosa. Ein Klampfrer ist ein sichrer Mann,Dem fehlt es nie an Blech.Valentin. Ich ratet dir ein Schuster anEs ist halt wegnem Pech.Rosa. Ein Hutrer wär wohl nicht riskiert,Der hat ein sichres Gut.Valentin. Ja wenn die Welt den Kopf verliert,Da braucht kein Mensch ein Hut.Rosa. Ein Spekulant, o welche Pracht—Doch hätt ich kaum den Mut.Valentin. Ah, wenn er pfiffig Krida macht,Da gehts ihm erst recht gut.Rosa. Kurzum, ich wend im Kreis herumVergebens meinen Blick.Drum kehr ich zu dem Tischler um,Er ist mein einzig Glück.Valentin. Verlaß dich auf den Tischlerjung,Der macht dir keinen Gram.Und kriegt das Glück einmal ein Sprung,Der Tischler leimts zusamm.Beide. Ein schöner Stand ist doch auf EhrEin wackrer Handwerksmann.Seis Schneider, Schuster, seis Friseur,Ich biet das Glas ihm an.
(Beide ab.)
Siebenter Auftritt
Helm, im Jagdkleide, tritt aus seinem Kabinett. Wolf ausFlottwells Zimmern.
Helm. Nun wie stehts, Herr Kammerdiener, gehts bald los?
Wolf (sehr geschäftig). Jawohl, der gnädge Herr wird gleich erscheinen. (Läuft zum Fenster.) Heda, Jäger, laßt euch hören! Pagen, führt die Pferde vor! Büchsenspanner, schnell herauf!
(Man hört Jagdhörner.)
Helm. Holla, holla, hurtig, meine Herren! kommt heraus, derTanz geht an.
(Mehrere Gäste kommen teils zur Mitte, teils aus den Seitentüren, auch Pralling. Valentin. Alle sind jagdmäßig gekleidet.)
Pralling. Guten Morgen allerseits!
Alles (gegenseitig). Guten Morgen! Gut geschlafen?
Helm. Potz Donnerwetter, war das eine schlechte Nacht!
Pralling. Mein Schlaf ist wie ein liederlicher Diener, wenn ich ihn rufe, kommt er nicht.
Helm. Er ist ein freier Mann und kommt nur, wenn er will.
Walter. Eine Kokette ist er, die sich ziert, bevor sie uns umarmt.
Achter Auftritt
Vorige. Chevalier Dumont im eleganten Jagdanzug.
Dumont (blickt durch eine einfache Lorgnette). Ah bon jour, mes amis! (Er spricht gebrochen deutsch.) Wie aben Sie geschlafen?
Alle. Ah, unser Naturfreund!
Dumont. Ja, Messieurs, der Natur sein groß. Ick aben wieder geschwelgt in ihren Reizen. Der ganzen Nacht bin ick am Fenster gelegen, um der Gegend zu betrachten. O charmant!
Neunter Auftritt
Vorige. Flottwell. Sockel.
Flottwell. Guten Morgen, edle Freunde!
Alle. Guten Morgen!
(Einige schütteln ihm die Hand.)
Flottwell. Wir kommen spät zur Jagd. Ich hoffe, daß die Herren, die heut zum erstenmal in meinem Schloß geruht, mit der Bedienung so zufrieden waren, als ichs nur immer eifrig wünschen kann. Gern hätt ich Ihren Schlaf mit süßen Träumen auch bewirtet, doch leider stehn die nicht in meinem Sold.
Ein Gast. Mir hat von Lilien geträumt.
Helm. Und mir von einer wilden Sau, der ich den Fang gegeben hab.
Walter. Ich hab die Gastfreundschaft an einem goldnen Tisch gesehen, und deutscher Lorbeer hat ihr Haupt geschmückt.
Pralling. Ich habe all mein Glück auf die Coeur-Dame gesetzt, und als ich es verloren hatte, bin ich aufgewacht.
Flottwell. Und was hat dir geträumt, Freund Valentin?
Valentin. Mir hat geträumt, Euer Gnaden hätten mir vier Dukaten geschenkt.
Flottwell (lachend). Das ist ein eigennützger Traum, doch will ich ihn erfüllen.
Valentin. Ich küß die Hand Euer Gnaden.
Flottwell. Was mir geträumt hat, kann ich euch noch nicht entdecken. Es war ein süßer Traum, dienstfertig meinem höchsten Wunsch, er hat mir meines Lebens Zukunft rosig abgespiegelt.
Helm. Dir hat gewiß von einem Rendezvous geträumt. Spitzbub!Was? Von Augen wie Rubin und solchem dummen Zeuch.
Flottwell (lachend). Du kannst etwas erraten haben, Herzensbruder. Es soll ein Rendezvous fürs ganze Leben werden. Doch still davon, mein Herz ist übermütig heut, es könnte sich verraten.
Pralling. Wir kennen Ihre Schliche schon, Sie haben andre Jagd im Sinn als wir.
Flottwell. So ist es auch. Jagt euren Freuden nach, um mich braucht ihr euch nicht zu kümmern. Wir haben jeder andre Leidenschaft.
Pralling. Ich leide an der Gicht.
Helm. Ich bin ein passionierter Jäger.
Walter. Ich spreche dem Champagner zu.
Dumont. Und ick bewundre der Natur.
Helm. Das nimmt mich wunder, Chevalier. Sie sind ja kurzsichtig.
Dumont. Das sind der Menschen alle.
Pralling. Und wenn Sie fahren, schlafen Sie im Wagen.
Dumont. O, das macken nichts. Ein wahrer Naturfreund müssen ihrer Schönheit auch im Schlaf bewundern können.
Helm. Das kann ich nicht. Mein Liebling ist die Jagd.
Flottwell. Heda! bringt uns Bordeaux. Die Herren sollen sich begeistern.
Dumont. Mackt mir der Fenster auf, daß ick der Landschaft kann betrachten. (Sieht durchs Glas.)
Wolf. Hier ist Bordeaux!
(Er ordnet die Diener, welche schon bereitet standen und ihn in gefüllten Stengelgläsern auf silbernen Tassen präsentieren.)
Walter (ruft). Herrlicher Wein!
Dumont (am Fenster entzückt rufend). Himmlischer Wasserfall!
Flottwell (schwingt das Glas). Auf ewge Freundschaft und auf langes Leben, meine Herren!
Alle. Der reiche Flottwell lebe lang!
Dumont (wie vorher, ohne ein Glas genommen zu haben). Ha! derKirchhof macken sich dort gut.
Flottwell. Oh, wär ich überreich! Ich wünscht es nur zu sein, um meine Schätze mit der Welt zu teilen. Was ist der Mammon auch! das Geld ist viel zu sehr geachtet. Drum ists so stolz. Es will nie in des armen Mannes Tasche bleiben und strömt nur stets dem Reichen wieder zu.
Helm (enthusiasmiert). Wer ist so gut wie unser edler Flottwell hier?
Walter. Ich kenne kein Gemüt, das seinem gleicht.
Alle. Jawohl!
Dumont. Un enfant gâté de la nature.
Flottwell. Oh, lobt mich nicht zu viel. Ich habe kein Verdienst als meines Vaters Gold. Will mirs die Welt verzeihn, ists wohl und gut, und tut sies nicht, mag sie sich selbst mit ihrem Neid abfinden. Ich kämpfe nicht mit ihm. Mein Glück ist kühn, es fordert mich heraus, darum will ich mein Dasein großartig genießen, und wollen Sorgen mich besuchen, laß ich mich verleugnen. Düstern Philosophen glaub ich nicht. Nicht wahr, Freund Helm, man muß das Leben von der schönen Seite fassen? Der Himmel ist sein herrlichstes Symbol. Die glühnde Sonne gleicht dem heißen Brand der Liebe, der mildgesinnte Mond der innigen Freundschaft, die reiche Saat der Sterne ist ein Bild der Millionen Freuden, die im Leben keimen. Die ernsten Wolken sind zwar kummervolle Tage, doch Frohsinn ist ein flüchtger Wind, der sie verjagt.
Sockel. Ein Göttermann! Ein wahrer Göttermann! Verstanden!
Flottwell. Gebt doch ein Glas auch unserm wackern Baumeister. Oh, das ist gar ein wichtger Mann hier, meine Herren, der wird ein neues Schloß uns bauen, und diese Hallen wollen wir der Zeit nicht länger vorenthalten. Flottwells Haus solls heißen, noch ein Glas auf dieses Ehrenmannes Werk! (Zu Sockel, barsch.) Trinken Sie!
Sockel (erschrickt, daß er das Glas fallen läßt). Verstanden!
Alle (schwingen die Gläser). Flottwells Haus! Lang solls bestehn!
Flottwell (stürzt ein Glas hinein). Und nun zur Jagd, Ihr Herren! Werft die Gläser hin und nehmt 's Gewehr zur Hand! Der Wald ist euer Eigentum und all mein Wild. Doch hetzt mirs nicht zu sehr, ich kanns nicht leiden, denn der Hirsch weint wie ein Mensch, wenn er zu Tod gepeinigt wird. Und seit ich dieses Schauspiel sah, hab ich die Jägergrausamkeit verloren. Nun Glück zur Jagd! Der Abend führt uns wieder hier zusammen, dann wollen wir beim vollen Glas besprechen, wer eines edlern Sieges sich zu freuen hat? Ihr! oder ich!
Alle. Holla zur Jagd! (Alles ab.)
(Hörner tönen.)
Dumont (verweilt noch am Fenster, bis die andern alle zur Tür hinaus sind, dann ruft er) Himmlische Natur! (und folgt den andern nach).
Zehnter Auftritt
Dann unter rauschender Musik Verwandlung in eine goldene Feenhalle, rückwärts die Aussicht in eine reizende Berggegend. In der Mitte der Halle ein großer runder Zauberspiegel, vor ihm ein goldner Altar mit einer Opferschale auf Stufen.
Cheristane, in ein lichtblaues faltiges Gewand gehüllt, welches mit Zaubercharakteren geziert ist, und das Haupt mit einer goldnen Krone geschmückt, kommt von der Seite, ein goldnes Buch und einen Zauberstab tragend.
Cheristane.Der Kampf ist aus, ich habe mich besiegt.Beschlossen ists, ich scheide von der Erde.Wenn auch mein Herz dem Kummer unterliegt,Ich leide nur, daß er gerettet werde.
(Sie nimmt von dem mittleren Zacken ihrer Krone eine blaue Perle.)
Komm, teure Perle, die den Geist umschließt,Den letzten der sich beugt vor meiner Macht,Die bald für ihn in eitles Nichts zerfließt!Ich opfre dich in diesem goldnen Schacht.
(Sie wirft die Perle in die goldne Schale. Eine blaue Flamme entzündet sich in ihr, der Donner rollt. Kurze passende Musik. Der Spiegel überzieht sich mit Rauch.)
Nun zeig dein Haupt, umkränzt von Zauberschein,Und blick mich an mit holden Demantaugen!Erschein! Es soll Azur dein Name sein!Laß Hoffnung mich aus deinen Worten saugen!
(Musik.—Fürchterlicher Donnerschlag. Der Rauch hebt sich und in dem Spiegel erscheint Azur, in Silberdock ägyptisch gekleidet, das Haupt umhüllt, die halbentblößten Arme und das Antlitz ist mit blauer Folie überzogen, statt der Augen leuchten zwei glänzende Steine. Magische Beleuchtung.)
Azur.Du! die du mich durch Zaubermacht geboren,Gebietest du mir Segen oder Fluch?
Cheristane.Zu Flottwells Schutzgeist hab ich dich erkoren.
Azur.Darf ich das sein? Blick in des Schicksals Buch!
(jetzt folgt eine zitternde Musik darunter.)
"Kein Fatum herrsch auf seinen Lebenswegen,Er selber bring sich Unheil oder Segen.Er selbst vermag sich nur allein zu warnen,Mit Unglück kann er selbst sich nur umgarnen,Und da er frei von allen Schicksalsketten,Kann ihn sein Ich auch nur von Schmach erretten."
Cheristane.Mir ist bekannt des Schicksals strenger Spruch,Der, mich zu strafen, tief ersonnen ist.Empfange hier mein goldnes Zauberbuch.Es wird dich lehren, welche schlaue ListMein liebgequälter Geist erfunden hat.Doch ich muß machtberaubt von hinnen fliehn.Darum vollziehe du statt mir die TatUnd laß mich trostlos nicht nach meiner Heimat ziehn.
Azur (nimmt das Buch).Zieh ruhig heim, treu will ich für dich handeln,Als Retter sollst du wieder mich erblicken.
(Die Wolke schließt sich. Musik.)
Cheristane.Oh, hätt ichs nie gewagt auf Erd zu wandeln,Zu bitter straft sich dieser Lust Entzücken!
(Sie sinkt aufs Knie und beugt ihr Haupt kummervoll vor dem Altar.)
Elfter Auftritt
Unter klagender Musik Verwandlung in einen kurzen Wald.An der Seite ein Hügel mit Gesträuche.Jäger ziehen über die Bühne.
Jagdchor.
Gilts, die Wälder zu durchstreifen,Hebet freier sich die Brust.Kühn den Eber anzugreifen,Ist des Jägers höchste Lust.Holla ho! Holla ho!Weidgesellen froh!Ist die Fährte aufgefunden,Wälzt er sich im schwarzen Blut,Spiegelt sich in seinen WundenNoch des Abends letzte Glut.Holla ho! Holla ho!Jägerbursch ist froh!
Zieht man heim nach Jägersitte,Winkt die Nacht uns traut zur Ruh,Sucht man seines Liebchens Hütte,Schließt das Pförtlein leise zu.Holla ho! Holla ho!Jägersbraut ist froh! (Alle ab.)
(Valentin, der im Gesträuch versteckt war, kommt hervor.)
Valentin. Wegen meiner jagt ihr fort, solang ihr wollt. Ich werd mich da so wildschweinmäßig behandeln lassen. Ich schießet alle zusammen, die Sappermenter, wenn ich nur einen Hahn auf der Flinten hätt. Ich kann gar nicht begreifen, was denn die vornehmen Leut mit der verdammten Jagd immer haben.
LiedWie sich doch die reichen HerrnSelbst das Leben so erschwern!Damit s' Vieh und Menschen plagen,Müssen s' alle Wochen jagen.Gott verzeih mir meine Sünden,Ich begreif nicht, was dran finden,Dieses Kriechen in den Schluchten,Dieses Riechen von den Juchten.Kurz, in allem Ernst gesagt:'s gibt nichts Dummers als die Jagd.Schon um drei Uhr ist die StundFür die Leut und für die Hund.Jeder kommt mit seinem Stutzen,Und da fangen s' an zum putzen.Nachher rennen s' wie besessen,Ohne einen Bissen z' essen,Ganze Tage durch die Waldung,Und das ist a Unterhaltung!Ah, da wird eim Gott bewahrn,D' Jäger sind ja alle Narrn.
Kurz, das Jagen laß ich bleiben.Was die Jägerburschen treiben,Wie s' mich habn herumgestoßen,Bald hätt ich mich selbst erschossen.Über hunderttausend WurzelnLassen eim die Kerls purzeln,Und kaum liegt man auf der Nasen,Fangen s' alle an zu blasen,Und das heißen s' eine Jagd!Ach, dem Himmel seis geklagt.
Müd als wie ein ghetzter HasSetzt man sich ins kühle Gras,Glaubt, man ist da ganz allein,Kommt ein ungeheures Schwein.Und indem man sich will wehren,Kommen rückwärts ein paar Bären,Auf der Seiten ein paar Tiger,Und weiß Gott noch was für Vieher,Und da steht man mitten drin!Dafür hab ich halt kein Sinn. (Läuft ab.)
RepetitionNein, die Sach muß ich bedenken.D' Jäger kann man nicht so kränken.Denn, wenn keine Jäger wären,Fräßen uns am End die Bären.'s Wildpret will man auch genießen,Folglich muß doch einer schießen.Bratne Schnepfen, Haselhühner,Gott, wie schätzen die die Wiener!Und ich stimm mit ihnen ein:Jagd und Wildpret müssen sein. (Ab.)
Zwölfter Auftritt
Verwandlung
Eine reizende Gegend, im Hintergrunde ein klarer See, von lieblichen Gebirgen eingeschlossen. Rechts ein Fels, über ihm der Eingang in Cheristanens Felsenhöhle, vor welcher sie in ihrem früheren Kostüm, doch ohne Krone steht und in die Ferne blickt.
Cheristane. Nun hat er bald die steile Höh erklommen und wird den süßen Blick nach Minnas Hütte senden, von der er wähnt, daß sie sein Liebstes stets umschirme. So mag er denn zum letztenmal sich ihres Anblicks freuen.
(Kurze Musik. Sie verwandelt sich in ein liebliches Bauermädchen, im italienischen Geschmacke zart gekleidet, und sinkt rasch in den Fels, welcher zu einer freundlichen Hütte wird, die von Reben und Blumen umrankt ist und aus deren Tür sie schnell überraschend tritt. Zugleich verwandeln sich die Kulissen in orientalische hohe Blumen und goldgesäumte Palmen, die noch praktikabel gegen die Mitte der Bühne reichen. Nachdenkend setzt sie sich im Vordergrunde auf eine mit Blumen behangene Rasenbank.)
Ach! selber darf er sich nur warnen,Mit Glück und Unglück selbst umgarnen,Und da er frei von allen Schicksalsketten,Kann er nur selbst von Schmach sich retten.
O trüber Schicksalsspruch, der einem Kinde Flügel leihet und sie seinem Engel raubt.
Dreizehnter Auftritt
Vorige. Flottwell.
Flottwell (froh). Heitern Tag, mein teures Mädchen, sei nicht böse, daß ich selbst so spät erscheine, denn meine Sehnsucht ist schon lang bei dir. Doch—sag! was ist dir? Du bist traurig! Wer hat dir was zu Leid getan? Quält dich die Eifersucht? Bist du erkrankt? Betrübt? Sprich! Oder willst du mich betrüben?
Cheristane (steht bewegt auf). Dich? mein Julius, nein, das will ich nicht! (Schlingt ihre Arme um seinen Hals und legt ihr Haupt an seine Brust.)
Flottwell. So bist du halb nur die, die mich sonst ganz beglückt. Die frohere Hälfte fehlt, und nur die trübe ruht an meiner Brust. Komm, laß uns Frieden schließen, trautes Kind. Du ahnest nicht, was mich so freudig stimmt. Du sollst nicht länger hier in deiner Hütte weilen. Du mußt mir morgen schon nach meinem Schlosse folgen. Zu lange schmückt der Brautkranz deine seidnen Locken, er könnte sonst auf deiner Stirne welken. Die Welt muß als mein treues Weib dich grüßen, du darfst durchaus nicht länger widerstreben.
Cheristane. Oh, mehr' mein Leid nicht! Zieh mich nicht auf diese Höhe, sie zeigt ein Paradies mir, das ich nie betreten darf. Ich habe dich getäuscht! ich bin nicht das Geschöpf, das du in diesem Augenblick noch in mir suchst.
Flottwell. Sei, was du willst. Hör nur nicht auf, die Liebenswürdigkeit zu sein. Drei Jahre sind es, als ich auf der Jagd mich bis hieher verirrt und dich zum erstenmal erblickte. Befremdend glänzte deine Schönheit in der niedern Hütte wie ein Edelstein in eines Bettlers Hand. Du weihtest mir dein Herz. Doch durft ich niemals forschen, woher du kamst und wer du seist. Und sieh! ich war so folgsam wie ein Kind, nie hast du eine andre Frag gehört, als ob du mich auch immer lieben wirst. Du hast die Gegend in ein Eden hier verwandelt und pflanztest Blumen wie sie nur des Indiers Träume schmücken. Ich hab dich nie befragt, woher dir solche Macht geworden ist, mir wars genug, daß dus für mich getan.
Cheristane. Dir waren sie geweiht, doch blühten sie umsonst. Sie sollten dein Gemüt in ihre duftgen Kreise ziehn und dich den wahren Wert des Glückes lehren. Ich hab es nicht erreicht. Zu wild ist deine Phantasie, zu hochbegehrend. Du willst, dein Leben soll ein schimmernd Gastmahl sein, und ziehst die Welt an deine goldne Tafel. Ach, möchte sie dirs einst mit Liebe lohnen!
Flottwell. Sie wird es tun, zeig nicht so düstern Sinn. Komm, folg mir gleich, du bist durch Einsamkeit erkrankt.
Cheristane. Umsonst. Zu spät! Du kannst mich länger nicht besitzen, umarmst mich heut zum letztenmal.
Flottwell (wild und heftig). Es darf nicht sein. Wer wagt den Raub an meinem liebsten Gut?—
Cheristane. Das Schicksal!
Flottwell. Glaub es nicht! Mein Glück hat Mut, so schnell läßt es sich nicht besiegen. (Umschlingt sie.) Ich laß dich nicht aus meinem Arm, selbst wenn du treulos bist, ich will dich lieben, bis du zu mir wiederkehrst.
(Musik.—In diesem Augenblick fliegt ein roter Adler mit einer goldnen Krone auf dem Haupte über den See.)
Cheristane. Hinweg von mir, (für sich) schon fühl ich meiner Macht Vergehen. Siehst du den purpurroten Aar, der sein befiedert Haupt mit einer Kron geschmückt?
Flottwell. Was sprichst du da? Kein Vogel regt sich hier!
(Musik.—Eine Gruppe von Nebelgestalten, deren Auge drohend auf Cheristane gerichtet ist, fliegt über den See.)
Cheristane. Auch nicht die drohenden Gestalten, die mich an meine Heimkehr mahnen? Zieht nur voraus, ich folge bald. (Blickt starr nach.)
Flottwell. Mein teures Kind, wie bist du schwer erkrankt! Sag an, was sind das für Gestalten? und wer ist der gekrönte Aar?
Cheristane (feierlich). Illmaha, die Feenkönigin. (Sie sinkt nieder und beugt ihr Haupt. Dann fährt sie fort.) Wisse denn, kein menschlich Wesen hast du an dein Herz gedrückt. Cheristane ist mein Name, ich bin aus dem Feiengeschlechte, meine Heimat sind die fernen Wolken, die in ewgen Zauberkreisen über Persien und Arabien ziehen.
Flottwell. Ist in den Wolken Lieb Verbrechen, straft sie dort des Schicksals Fluch? dann wär ja die Erd ein Himmel und die Ewigkeit Exil?
Cheristane. Oh, höre mich, bevor du lästerst! Schon dreimal sind es sieben Jahre, daß ich euren Stern betrat. Um Wohltat auf der Erd zu üben, sandte mich die Königin. Sie drückte eine Perlenkrone auf mein ewig junges Haupt und sprach: In jeder dieser Perlen ist ein Zauber eingeschlossen, welchen du benützen kannst in jeglicher Gestalt. Verwende sie mit Weisheit zu der Menschen Heil. Wenn du die letzte Perle hast geopfert, ist auch dein Reich zu Ende, und du kehrst zurück, um Strafe oder Lohn vor meinem Throne zu empfangen. Weh dir, wenn du Unwürdige beglückst und so den edlen Schatz dem Dürftigen entziehst.—(Pause, in der sie Julius wehmütig und bedeutungsvoll anblickt.) Ob ichs getan, wird mir die Zukunft zeigen!—Ich hatte viele Perlen noch, als ich vor deines Vaters Schloß den siebzehnjährgen Julius erblickte. Du warst so hold wie Frühlingszeit, und ich vermochte nicht, mein liebgereiztes Aug von dir zu wenden. Von diesem Augenblick hatt ich dein Glück in mir beschlossen, und viele Perlen löste ich von meiner Krone ab und streute sie auf dein und deines Vaters Haupt. Daher der unermeßne Reichtum, den er sich in kurzer Zeit erwarb. Oh, hätt ichs nie getan! Er starb. Vom Undank nicht beweint, von dir allein. Du wardst der Güter Herr, und nun erkannt ich erst, daß alles, was ich für dein Wohl zu tun gedachte, durch deine Leidenschaft dir einst zum Unglück werden kann. Ich konnte meinem Herzen länger nicht gebieten, ich führte dich hieher und hab seit dieser Zeit mein höchstes Glück in deiner Lieb gefunden. Nun ist der Traum vorüber. Meine Perlen sind verschwendet, und die letzte mußt ich heut noch deinem Wohle opfern. Einst hab ich nicht bedacht, daß sie das Sinnbild bittrer Tränen werden könnte.
Flottwell. O Cheristane! was hast du getan? Ich laß dich nicht und werfe alles hin, wenn du mir bleibst. Und ziehst du fort, nimm auch mein Leben mit.
Cheristane. Oh, du bist freigebig gleich einem König, du könntest eine Welt verschenken, um einer Mücke Dasein zu erhalten. Doch ich will deine Großmut nicht mißbrauchen. Schenk mir ein Jahr aus deinem Leben nur. Ein Jahr, das ich mir wählen darf, auf das du nie mehr Anspruch machst.
Flottwell. Oh, nimm es hin! Nimm alles hin! Nimm dir das glücklichste, das einzige, das die nichtswürdge Seligkeit umfängt, die ich noch ohne dich genießen kann.
Cheristane. Ich danke dir, ich werde dich nicht hart berauben. Und nun bin ich gefaßt, fall ab, du irdscher Tand! Nur dieser Fels mag ein geheimnisvoller Zeuge sein, daß Cheristane einst auf Erden hat geliebt. (Wehmütige Musik. Sie verwandelt sich in die Gestalt einer reizenden Nymphe. Zugleich verwandelt sich die Hütte in einen Fels, der mit Blumen umwunden ist, von Palmen gleich Trauerweiden überschattet wird und in welchem der Name Cheristane eingegraben ist. Die praktikablen Blumen neigen sich, und aus den Gesträuchen heben sich zarte Genien und sinken trauernd zu Cheristanens Füßen.) Die Sonne sinkt, die Blumen neigen ihre Häupter, und meine Genien weinen still, weil sie mit mir die schöne Erde meiden müssen. Die Zeit ist da! Verbannung winkt!
(Musik.)
Flottwell (stürzt bewegt zu ihren Füßen). O Cheristane! Töte mich!
Cheristane. Hab Dank für deine süße Treu, mein teurer Erdenfreund! Was mich betrübt, ich darf es dir nicht sagen, darf dir nicht unser künftig Los enthüllen, doch könntest du des Donners Sprache und des Sturms Geheul verstehen, du würdest Cheristane um dich klagen hören. Oh, könnt ich meine Lieb zu dir in aller Menschen Herzen gießen, ich würde reich getröstet von dir ziehn! (Sie geht in die Kulisse. Die Genien folgen ihr. Musik beginnt. Cheristane fliegt auf Rosenschleiern, die ein geschwelltes Segel formen, von Genien, welche zart gemalt sind, umgeben, so daß das Ganze eine schöne Gruppe bietet, langsam aus der Kulisse über den See, in welchem sich plötzlich die ganze Gruppe abspiegelt. In diesem Augenblick blickt sie noch einmal wehmutsvoll auf Flottwell und ruft.) Julius, gedenke mein! (Dann verhüllt sie sich schnell in den dunklen Schleier ihres Hauptes, das sie trauernd beugt, und plötzlich verwandeln sich die rosigen Segelschleier in Trauerflöre, sowie die Gruppe der Genien nun in abendlicher Beleuchtung gemalt wie durch einen Zauberschlag erscheint. Der rosige Himmel umwölkt sich düster, und nur aus einem unbewölkten Feld schimmern ihr noch bleiche Sterne nach. Indem Cheristane in die entgegengesetzte Kulisse schwebt und)
Flottwell (auf den Fels sinkt und ausruft) O Gott, laß mich in meinem Schmerz vergehn! (fällt der Vorhang langsam.)
Zweiter Aufzug
Drei Jahre später
Erster Auftritt
Morgen. Im Hintergrunde die Hauptfronte von Flottwells neuerbautem Schlosse. An dem Fuße der breiten Stufen, welche zu dem palastartigen Portale führen, sitzt ein Bettler. Abgetragne Kleider, doch nicht zerlumpt. Wanderstab. Sein Haar ist grau, und tiefer Gram malt sich in seinen Zügen. Die Morgensonne beleuchtet ihn. Seitwärts ist ein Gittertor, durch welches man in den Schloßgarten sieht. In der Ferne erblickt man auf einem Hügel das früher bewohnte Schloß Flottwells. Die Fenster des neuen Schlosses sind geöffnet, in dem großen Saale brennen noch Lichter.
Flottwell und einige Gäste lehnen am Fenster.
Chor (im Tafelsaale).Laßt brausen im Becher den perlenden Wein!Wer schlafen kann, ist ein erbärmlicher Wicht.Und guckt auch der Morgen zum Fenster herein,Ein rüstiger Zecher lacht ihm ins Gesicht.Ha! ha! ha! ha!(Schallendes Gelächter.)
Der Bettler (zugleich mit dem Chor).Oh, hört des armen Mannes BitteUnd reicht ihm einen Bissen Brot!Der Reichtum thront in eurer Mitte,Mich drückt des Mangels bittre Not.(Das Gelächter beantwortet gleichsam sein Lied.)
Chor.Die düsteren Sorgen werft all über Bord!Ein Tor, der die Freude nicht mächtig erfaßt.Das Leben hält ja nur dem Fröhlichen Wort,Wer niemals genoß, hat sich selber gehaßt.Ha! ha! ha! ha!
Bettler.Oh, laßt mich nicht vergebens klagen,Seid nicht zu stolz auf eure Pracht!Ich sprach wie ihr in goldnen Tagen,Drum straft mich jetzt des Kummers Nacht.(Er senkt sein Haupt.)
(Valentin und Rosa kommen aus dem Garten.)
Valentin. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, daß du mit dem Kammerdiener nicht so grob sein sollst. Du weißt, was er für ein boshafter Mensch ist, am End verschwärzt er uns beim Herrn.
Rosa. Still sei und red nicht, wenn du nichts weißt. Ich muß grob sein, weil ich eine tugendhafte Person bin.
Valentin. Ah, das ist ja keine Konsequenz. Da müßten ja dieSesseltrager die tugendhaftesten Menschen auf der Welt sein.
Rosa. Bist du denn gar so einfältig? Merkst du denn noch nicht, daß mir der Kammerdiener überall nachschleicht, daß ich nicht einmal in der Kuchel a Ruh hab.
Valentin. Ja was will er denn von dir?
Rosa. Er will mich zu seiner Kammerdienerin machen.
Valentin. In der Kuchel drauß? Er soll in seiner Kammer bleiben, wenn er ein ordentlicher Kammerdiener ist. Du gibst ihm doch kein Gehör?
Rosa. Du willst ja nicht, daß ich ihm meine Meinung sagen soll.
Valentin. Aber wohl! Das hab ich ja nicht gewußt. Wirf ihm deine Tugend nur an Kopf! Es schadt ihm nicht. Übrigens ist das sehr schön von dir, daß du mir das sagst.
Rosa. Nun warum soll ichs denn nicht sagen? Ich mag ihn ja nicht. Wenn er mir gfallet, so saget ich nichts.
Valentin. Bravo! Das sind tugendhafte Grundsätze. Aber der duckmauserische Kammerdiener! Der geht mir gar nicht aus den Kopf.
Rosa. Es ist nicht mehr zum Aushalten mit ihm. Alles will er dirigieren. Um die dümmsten Sachen bekümmert er sich.
Valentin. Jetzt lauft er gar dir nach.
Rosa. Überall muß er dabeisein.
Valentin. Nu neulich haben s' für unsern Koch Stockfische gebracht, da war er auch dabei. Wenn nur mit unsern gnädgen Herrn etwas zu reden wär, aber der ist seit einiger Zeit verstimmt als wie ein alts Klavier.
Rosa. Weil nichts aus seiner Heirat wird. Der Herr Präsident von Klugheim gibt ihm seine Tochter nicht. Er kann ihn gar nicht leiden.
Valentin. Wie soll er ihn denn nicht leiden können? Er kommt ja heut zur Tafel.
Rosa. Ja wenn sich die Leute alle leiden könnten, die miteinander an einer Tafel sitzen, da wär die ganze Welt gut Freund. Was außer dem Herrn Präsidenten da in unser Haus hergeht, das heißt man Tafelfreunde. Das sind nur Freunde von der Tafel, aber nicht von dem, der Tafel gibt.
Valentin. Und der Herr Präsident?
Rosa. Bei dem ists ganz ein andrer Fall. Das ist ein Ehrenmann.Der halt ein bessere Ordnung in sein Haus als unser Herr. Ichbin sehr gut bekannt dort, denn das Stubenmädel ist meine besteFreundin.
Valentin. Ich auch. Der Kutscher schätzt mich ungemein. Und der führt das ganze Haus.
Rosa. Ich hör fast jedes Wort. Der Herr Präsident mag unsern Herrn nur darum nicht, weil er so großen Aufwand macht, er fürcht sich halt, er geht zugrunde Der Baron Flitterstein ist ganz ein anderer Mann und fast so reich wie unser Herr. Den muß das gnädge Fräulein heiraten.
Valentin. Das darf nicht sein. Da muß ich mit dem Kutscher drüber reden. Einen bessern kann sie gar nicht kriegen als unsern Herrn. Er ist so wohltätig, so gut.
Rosa. Zu gut ist auch ein Fehler. Ich bin viel zu gut mit dir.Und kurz und gut, der Herr Präsident gibts halt nicht zu.
Valentin. Sie ist ja wahnsinnig in ihm verliebt. Sie laßt ihn nicht.
Rosa. Sie muß. Da hats schon viele Auftritt geben. Sie kommen immer heimlich zusammen, der Herr Präsident darfs gar nicht wissen. Daß du nur niemand etwas sagst.
Valentin. Ich werd doch nicht meinen Herrn verraten. Aber warum ladet er denn den Baron Flitterstein heut ein? Er steht ja auf der Liste.
Rosa. Weil er muß. Der Herr Präsident wär ja nicht gekommen ohne ihn. Drum war schon gestern große Tafel, weil heut der Fräulein Amalie ihr Geburtstag ist. Aber gestern sind sie nicht gekommen. Da war der gnädge Herr desperat, hat einen langmächtigen Brief geschrieben an den Herrn Präsidenten. Der Kammerdiener ist damit in die Stadt geritten, ist ganz erhitzt nach Haus gekommen und hat die Nachricht gebracht, daß sie heut erscheinen werden; aber der Baron kommt mit.
Valentin. Das ist doch erschrecklich, was sie mit dem Herrn treiben. Wann ich nur wüßt, was da zu tun ist. Soll sich denn diese Sach gar nicht ausputzen lassen?
Rosa. Putz du deine Kleider und deine Stiefel aus und kümmere dich nicht um Sachen, die sich nicht für dich schicken.
Valentin. Ich fürcht nur, wenn ihm s' der Baron wegheirat, er tut sich ein Leid an. Am End wirds noch das beste sein, daß ich selber mit dem Herrn Präsidenten vernünftig darüber red.
Rosa. Du? Nu das würd ein schöner Diskurs werden. Untersteh dich, das wär ja eine Beleidigung für einen solchen Herrn.
Valentin. Ja es ist nur, daß man sich hernach keine Vorwürf zu machen hat. Wenn heut oder morgen ein solches Unglück passiert.
Rosa. Nu geh nur, du einfältiger Mensch!
Valentin. Ja man kann nicht vorsichtig genug sein, weil das eine große Verantwortung wär.
(Beide ab.)
Zweiter Auftritt
Flottwell und sein Haushofmeister aus dem Schloß.
Flottwell. Wie stehts mit uns, mein alter Haushofmeister? Ist alles so, wie ichs befohlen habe? Ich will an Glanz durchaus nicht übertroffen werden, und für Amaliens Freude ist kein Opfer mir zu groß.
Haushofmeister. Jawohl ein Opfer, gnädger Herr. Da sich das Gastmahl heute glänzender noch wiederholt, so wird die Rechnung ziemlich stark ausfallen.
Flottwell. Drum ists ein Glück, daß Er sie nicht zu zahlenbraucht. Der reiche Flottwell wird doch keinen Heller schulden?Wie ist es mit dem Schmuck, den ich bestellt, hat ihn derJuwelier noch nicht gebracht?
Haushofmeister. Noch weiß ich nichts.
Flottwell (auffahrend). Den Augenblick schickt nach der Stadt. Es ist die höchste Zeit, er sollte schon die vorge Woche fertig sein.
Haushofmeister. Hätten Euer Gnaden ihn bei dem braven Mann bestellt, den ich Euer Gnaden empfohlen habe, so würden Sie ihn schon besitzen. Er würde schön und billig ausgefallen sein. Allein der Kammerdiener hat—
Flottwell. Mir einen bessern anempfohlen. Ists nicht so?
Haushofmeister. Das glaub ich kaum.
Flottwell. Die Meinung steht Ihm frei. Doch lieb ichs nicht, wenn meine Diener mir als Lehrer dienen wollen. Dies für die Zukunft. Nun den Juwelier. (Wendet sich von ihm.)
Haushofmeister (für sich, gekränkt). O Treue, was bist du für ein armer Hund, daß Undank dich mit Füßen treten darf. (Ab.)
Dritter Auftritt
Flottwell. Der Bettler, welcher immer mit unbedecktem Haupt erscheint.
Flottwell. Ein altes Möbel aus des Vaters Nachlaß. Der Mann ist immer unzufrieden mit allem, was ich tue. Die alten Leute sind doch gar zu wunderlich. Ich bin so schlecht gelaunt. Heut wird ein heißer Tag auf Flottwells Schloß, ein groß entscheidender. Ich kann Amalie nicht verlieren, sie nicht in eines andern Arm erblicken, ich hab es ihr geschworen; und gelingt es mir nicht, ihren Vater zu gewinnen, läßt er nicht ab, sein Kind dem Starrsinn aufzuopfern, so müßte ich zu einem bösen Mittel greifen. Schon gestern hab ich einen Brief erwartet. Gott! wenn sie wanken könnte. (Erblickt den Bettler, der nachdenkend mit seinem Stabe in den Sand schreibt.) Was macht der Bettler dort! Ich hab ihn heut vom Fenster schon bemerkt, und sein Gesang hat mich ganz sonderbar ergriffen. Mir wars, als hätt ich ihn schon irgendwo gesehn und als wollt er meiner Lust ein Grablied singen. Mich wunderts, daß ihn meine Dienerschaft hier sitzen läßt. Was schreibst du in den Sand mit deinem Bettelstab?
Bettler. Die Summen Goldes, die ich einst besaß.
Flottwell. So warst du reich?
Bettler (seufzend). Ich wars.
Flottwell. Daß du Verlust betrauerst, zeigt die Trän in deinem Auge.
Bettler. Was ich betraure, spiegelt sich in meiner Träne!—Ein Palast.
Flottwell (betroffen). Oho!—Was warst du, und wie heißest du?
Bettler. Es ist die letzte Aufgabe meines Lebens, beides zu vergessen. Das einzge Mittel, das mich vor Verzweiflung retten kann.
Flottwell. Sonderbar. (Wirft ihm ein Goldstück in den Hut.)Hier nimm dies Goldstück! (Will nach dem Garten gehen.)
Bettler (springt auf und stürzt zu seinen Füßen, ohne ihn je zu berühren). O gnädger Herr, schenken Sie mir mehr, schenken Sie mir eine Summe, welche Ihrer weltberühmten Großmut angemessen ist.
Flottwell. Bist du beweibt, hast du so viele Kinder?
Bettler. Ich bin allein, nur Gram begleitet mich.
Flottwell (wirft ihm noch ein Goldstück hin). So sättge dich und jag ihn fort.
Bettler. Er läßt sich nicht so leicht verjagen als das Glück.
Flottwell. Er ist nur Wirkung, heb die Ursach auf.
Bettler. Vermögen Sie die Ursach Ihrer Lieb zu tilgen?
Flottwell. Wer sagt dir, daß ich liebe?
Bettler. Wer denket groß und liebet nicht?
Flottwell. Willst du mir schmeicheln, Bettler? Schäme dich!
Bettler. Soll Schmeichelei denn nur ein Vorrecht reicherMenschen sein? Sie stammt von Bettlern ab, weil sie vonGeistesarmut zeigt.
Flottwell. Ich frag dich nicht, um deines Mißmuts Spott zu hören. (Beiseite.) Mir ist so bang in dieses Mannes Nähe. Du kannst mit dem Geschenk zufrieden sein. (Will gehn.)
Bettler (flehend). Nein, gnädger Herr! ich bin es nicht, ich darfs nicht sein. Erbarmen Sie sich meiner Not. Nicht Habgier ists. Nicht Bettlerlist. Beschenken Sie mich reich, ich werde dankbar sein!
Flottwell. So nenn mir deinen frühern Stand.
Bettler. Ich nenn ihn nicht. Der Armut Rost hat meinen Schild zernagt, wer frägt darnach, was ihn einst für ein Sinnbild zierte. Ich weiß es, ich begehre viel, und meine Forderung kann mich in Verdacht des Wahnsinns bringen. Doch ist er fern von meinem Geist, und werd ich noch so reich bedacht, so hab ich einst viel größere Summen selbst gegeben.