Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen einen brennenden Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden Rachen, der sich vor Schmerz noch weiter öffnete. Herbeigeeilte Männer halfen uns stark und schnell, selbst Knaben griffen an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast auf demRücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die glühenden Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe, war er schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die große Krokodilgestalt schrumpfte zusammen und hob, wie um Erbarmen bittend, die Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum Himmel! Die berauschten Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck, die berauschten Begräbnißfeirer schlichen wieder fort; nur einige Knaben blieben, und die alten Weiber stellten ihre Arzneien wieder in die Kohlen.
Mein Okki war, mit dem Gesichte auf der Schulter des Mädchens, eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar. Selbst die Mutter hatt’ er vergessen. Wir gingen vor Hitze glühend. Ich bettete ihn in d’Issaly’s Hütte. Der Kleine fühlte nicht Hunger und Durst — er schlief. Ich aber aß, mehr um dem Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für diebevorstehendenBeschwerden, als aus Lust an Speise, die Schnitte von d’Issaly’s Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann streckten wir uns hin auf die Decken, die Flasche mit Rum stand zwischen uns, und die Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen Zuge im Dunkeln auf.
Da erst fragte mich mein Wirth nach meinem Namen, woher und weß Landes ich sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover, Lüneburg — meinen Namen:Hagen. Ach, und diese Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem Elend auszusprechen, kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd und unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom göttlichen Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector wie vom Himmel dabei herunterrief: „Troja ist heut zu Tage türkisch!“ Ich theilte ihm meine Schicksale mit, ich erzählte ihmunsere Flucht, — meiner Eoo That und Verlust — vielleicht ihr Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf dasHerz!Selbst das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu weinen, ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in der Dämmerung verschwinden.
Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes Gesicht. Ich war im Traum am Gestade von Tauris, ich hörte den Sturm, den Donner, und der Chor der Priesterinnen sang ihr verzagendes:
O welche Nacht! Tod droht uns Armen!Welch banges Grau’n, welch Traumgesicht!Ihr Götter schenket uns Erbarmen,Erhört dieß Fleh’n, und zürnet länger nicht!
O welche Nacht! Tod droht uns Armen!
Welch banges Grau’n, welch Traumgesicht!
Ihr Götter schenket uns Erbarmen,
Erhört dieß Fleh’n, und zürnet länger nicht!
Ich mußte im Schlafe die Worte vernehmlich sogar gesungen haben, denn mir war, als hörte ich d’Issaly einstimmen, oder als säng’ er wunderlich selbst gegenwärtig unter jenen Priesterinnen:
Wann trocknen unsre Thränen ab?Drückt Leiden ewig unser Leben?Ach, soll allein das stille GrabDie lang entfloh’ne Ruh’ uns wiedergeben?
Wann trocknen unsre Thränen ab?
Drückt Leiden ewig unser Leben?
Ach, soll allein das stille Grab
Die lang entfloh’ne Ruh’ uns wiedergeben?
* **
Spät machte meine schwerträumende Seele Tag. D’Issaly war schon fort. Der Nachmorgen hatte etwas Zauberhaftes, als sei die Erde unter andre Gestirne versetzt. Fünf Sonnen standen am rauchumzogenen Himmel, roth wie ein Licht durch Rubinglas. Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte. Woher es stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandemein; Alles war nur, was es im Augenblick schien; heiß oder kalt, trüb oder hell,daswar, was uns rührte! Die fünf himmlischen großen Rubinen schmolzen zuletzt und zerflossen in unbeschreiblich herrlichem Farbenspiel; und nach einer halben Stunde schien der Himmel ein Spiegel geworden, in dem sich die goldgelbe Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende Bild in dem Spiegel sehen, und sie selber zugleich.
D’Issaly kam, setzte sich zu mir und sprach: „Es herrscht eine Wahrsagung hier unter dem Volke, daß, „wann die blinde Frau den blinden Hirsch fängt,“ sein Leben am Ende sei!“
Das Leben des Hirsches, oder des Volkes? frug ich ihn.
„Umgeben vom Waldbrande sind wir;“ antwortete er. „Der feurige Kreis ist geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und glühen noch hin und her. Das Feuer überspringt sich selbst. Wollen Sie den blinden Hirsch nun sehen? Er steht dort mitten in dem dichten Kreis der erstaunten Indianer leicht angebunden. Er ist matt bis auf den Tod, ein blindes Weib hat ihn am Geweih gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen. Viele machen ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen! Einige behaupten, sie sehenoch, oderwerdewieder sehen, und bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen herzustellen; Andere versuchen, den alten Hirsch wieder sehend zu machen, damit die Alte keinenblindenHirsch gegriffen! Gläubigere behaupten: der Hirsch sei doch blindgewesen, wenn er auch wieder sehe. Vor Allen brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude über das Eintreten des vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als Angst über den dadurch angedeuteten Untergang. So sind die Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich erprobte Wahrhaftigkeitderalten Thorengiebt ihnen neue Würde, die doch nun am Ende wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu Tode umarmen zu lassen.“
Wir traten zu der Scene. Und der Anblick der Menge war wirklich wunderbar, welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem zackigen Geweih als ein Gesandtervom großen Geisterschien. Wer es auch hätte wagen können, ihn zu tödten, der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm Mais aus seiner magern Hand zu fressen und blickte dabei zu den zwei goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in den Augen. Alle waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab.
Gerade jetzt trug das Mädchen — sie hießAyana— meinen Okki eilig nach einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da trat ein Algonkine hervor, schnell gab sie ihndemauf den Arm, eilte hinein und verbarg sich.
Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch: „Du bist doch meiner Eoo Mann? Nein Du bist es eben nicht, das wissen wir schon, darum ist der Knabe nun mein! Mein Blut rinnt in seinen Adern. AberAyanahat Unrecht gethan, ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir abzufordern. Du bistals ein Gastzu uns genaht, selber in Noth, darum gehe Du unberührt von hinnen!“
Er wollte hinein gehen. Ich hielt ihn an Okki’s Arme, der schrie. Er stand. Es war Eoo’s Vater! Seine schwarzen Augen funkelten, die Nüstern seiner schön gebogenen Nase bewegte Zorn, seine Lippen schwellte Verachtung, und mit seiner hohen Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir herrlich und unbegreiflich da. Und doch regte sich eine heimlicheschwere Schuld in mir, eine Schuld am Mutterherzen. — Aber ein Wort ist den Indianern ein Schwur, es ist Wahrheit der Gefühle — und Okki war mir verloren, wenn ich ihn ließ. Das Kind konnt’ ich nicht fassen, wir hätten es zerrissen; Eoo’s Vater konnt’ ich, ihretwillen und meines Dankes wegen, nicht tödtlich, nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht’ ich klar. Aber mich befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr die Folgen erwog, noch das Gelingen von dem, was ich that. Ich faßte den Vater, ich rang mit ihm — während daß — ihm Ayana den Knaben wegriß. Meine Kraft war furchtbar gespannt, und doch wollt’ ich so eben dem Manne, in Thränen ausbrechend, an die Brust fallen und vor Verehrung der Liebe zu seiner und meiner Eoo ihn an mich drücken — da riß mich d’Issaly rücklings von ihm weg. Er selber half mich mit Baststricken binden und trug mich mit anderen Männern in seine Hütte. Er selber ging von mir weg und ließ sich nicht sehen.
Nach einer Stunde kam Ayana, setzte sich in scheuer Entfernung von mir und schien mich mit Antheil, ja mit Neigung zu bewachen.
So lag ich und starrte hinaus auf den offenen Platz in die Savanne und zum Himmel.
Der Oberwind war herunter gestiegen und brachte die Flamme. Vor ihr den heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch. Ich sahe, die Indianer rissen ihren Schmuck aus den Ohren, die Tai’s warfen ihre rothen und blauen Federhüte von sich und zogen die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel unbekleidet erschienen sie nun bemalt mit Farben und Strichen, und selbst bei den Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das den Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, derenlangsam steigende Töne das Herz zerrissen und, bebend in der Tiefe gehalten, das Innerste erschütterten. Das Feuer vertrieb sie aus dem Walde, wie die Otter die Vögel aus dem Neste. Ihr Geschlecht war ins Land der Geister gestiegen; nun war anihnendie Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr folgte. Sie waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. „Die Bäume machte der große Geist — nun zerstört’ er sie wieder. Das blinde Weib hat den blinden Hirsch gefangen, die Hirsche und wir verschwinden aus den Wäldern mit den Wäldern, und Alles war ein Bild im See, ein Bild, bis die Nacht ihm erspart, zu sein!“
Das, wähnt’ ich, müßten sie jetzt da vor mir singen.
Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel in dieser höchsten Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort Grabgesänge, als Nachklänge der Stimmung des vorigen Tages und aller Tage! Das unendliche reiche, und bis in die innerste Tiefe aufgeregte Gemüthdes Menschenschien noch für die Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren Lebens — wie ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages gedrängt und schnell wiederholt — eine kurze Minute in Anspruch zu nehmen, ja alle seine Freuden und Leiden noch einmal ganz ausschütten zu wollen, zu müssen! Der Tabak, den sie in kleinen Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn berauschen. Dann hielten sie einen Rath. Das Calumet, die Riesentabakspfeife, ging umher, und jeder rauchte daraus so entsetzlich, so entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein großer Entschluß!
Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.
So nahe, so nahend hatt’ ich das Feuer bisher nicht gesehen.Jetzt knisterteesnicht weit von uns am Boden dahin; es knackerte, prasselte tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten, stiebten nun erst müde Schnepfen und Kragenfasanen und anderes Geflügel auf, wie Phönixe neu aus den Flammen belebt. Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder eine Gesellschaft wasserberaubter Kraniche. Dem Abbrennen des Grases und des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme Aschenwolken, die aufstiegen und niederfielen und wieder aufstiegen; glühende Kohlen flogen empor, die wuchtenden Flammen dobberten und sausten, nur mit sich selbst zu vergleichen. Ihre Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos. Hier konnte Niemand retten als Einer. Alles, was ich sah, war mir nur noch eine Erscheinung, ich selbst eine Erscheinung auf der Erde. Ich nahm eine Hand voll Sand auf, betrachtete ihn, und der Staub war mir unbegreiflich! woher ewig, ewig wozu? unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber er war mir kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir liegen wie ganz etwas Fremdes, nicht mein, auch jetzt nicht, oder nicht mehr. Der Lebensglanz war selbst von den Gedankenbildern meiner Frau und meiner Kinder abgefallen, die Liebe gesunken wie eine Flamme, so schien auch der Tod nun nicht Tod mehr! Also auch Jene vor mir dort anzusehen, so aufgegeben in der leuchtenden Wüste der Welt — war nur ein reines Zuschauen, rein — wie Eis.
Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder Wahrsager, die gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem Himmel gepriesen, gelangten jetzt auch dafür zu der Ehre, „als Gesandte zu dem großen Geiste“ zu wandeln. Sie dankten feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den Halstanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte wieder und sprach während alle schwiegen: „Bittet nur, daß der Hase möge weiß sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das schon verstehen; und es ist ihm so leicht wie einen schwarzen Adler aus weißem Eie zu machen!“ —
„Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen daran so lang, als Er will!“ rieth ihnen die Menge; „Er kann es auf einmal so gut, als nach und nach!Dieß Allesthun nurdie Untergötter— vielleicht die Manitto’s — die bösen; dochErist derHerr des Lebens. Zeigt eure angesengten Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten! Er wird euch glauben, wenn Er euch sieht, und uns helfen, wenn Er euch glaubt. Sagt Ihm: Wir würdenIhmhelfen, wennWirAlle drobengroße Geisterwären, undErallein hier unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das muß Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!“
Die Himmelsboten versprachen das Alles; dann tanzten sie wieder; die Lieder erschollen, die Männer tanzten, die sie an den Stricken hielten und, auf den Wink eines Häuptlings, die Schlingen um die Hälse der Himmelsgesandten zuzuziehen, mit begierigen Augen harrten. —
Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl — ich weiß nicht vor Was; ich drückte sie zu — ich weiß nicht vor Wem. Meine Seele hatte sich verloren in den Wüsten des Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es flammte in mir wie ein goldener feuriger Schein! und in dem inneren Meteor erblickte ich auch Deine Gestalt, mein Bruder, die Gestalt des Vaters, der Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath. Wunderlich tauchten die früheren Erscheinungen vor mirauf und verschwanden verdrängend und wieder verdrängt. Mir fiel ein Mann ein, ein sehr hoher Mann — und ich mußte sarkastisch laut auflachen! Ein herzlicher Mensch frug ihn einst, um ihm durch eine auf die Spitze gestellte Alternative zwischen Selbstsucht und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein mitleidloses Herz zu geben, er frug ihn: „ob er lieber wolle alle Tage seines Lebens alle guten Braten essen, alleedlenWeine trinken, und so fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk sammt seiner Insel im stillen Ocean versinken und umkommen solle?“ Da der sehr hohe Mann vorgab, das Volk nicht zu kennen, blieb er bei gutem Braten und edlem Wein — und ließ das Volk verderben.
Hierwar nun zu sehen, wasMitleidsei, oder nurWohlwollen, und was Selbstsucht! Hier stand ein Volk am Rande des Abgrunds — und wie derunbarmherzigeMann aus meinen Augen im Geiste jetzt hier das ansah, wie seine Stimme, gleich sonst, auch jetzt in mir sprach:„allemein Lebtag Braten und Wein“ — da faßt’ ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich besann mich! Warum haben die Wilden kein Mitleid? — Sie haben keine Phantasie, sie fühlen nur sich, nur den Schein der Natur wie die Kinder, sie können ihr Ich nicht in Andre versetzen — und Menschen ohne Mitleid sind eben — Wilde Ueberall!
Aber dergroße Geistempfindet jedes Herz, jede Freude und jedes Leid aller Menschen in seiner Brust wie wir, und mir schaudert zu sagen,alswir. —
Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon — sie schienen nicht mehr auf der Erde. — Die Noth stieg am höchsten. Eben sollten sie erwürgt — gesandt werden. —
Da ward plötzliche Windstille!
Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr war im Säuseln. Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er zog empor. Das Feuer strich wahrscheinlich an dem graslosen Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es wehte nicht über; die Savanne blieb weiter unberührt — in mildem Glanze stand nur Eine Sonne am Himmel, die Freude war unaussprechlich. Die halbtodten alten Gesandten wurden mit goldgelben Einseng erquickt. Die verständliche Aufführung des Sprichwortes: „DiesesGlasdem großen Geist“ war jetzt zu sehen;ja das Calumet ward ihm zu Ehren geraucht, und der Dampf war das Opfer. Denn die armen Indianer, zum Erwerb des Lebens zu ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig, haben keinen andernGottesdienst, zu dessenAusbildungerst beharrende Völker gelangen.
Monsieur d’Issaly kam und umarmte mich voll Freuden. — „Das war eine große Lehre!“ sprach er; „Gott Lob! sie hat mich klug gemacht! Auch Sie sind zum Glücke hierher gekommen. Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr Heidenbegräbniß in eigener Asche!“
Ich blieb düster sitzen, ja zornig.
„Aber auf wen sind Sieböse?“fuhr er freundlich fort; „Sie zürnen? — Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre wohl jetzt ein Augenblick, zu vergeben! Aber mischt’ ich mich nicht darein, so sah ich, spielten Andre voll Erbitterung Ihnen leicht übler mit als ich — zum Schein that. Sie haben sich noch nicht losgebunden? Doch Sie konnten mich noch nicht kennen!“
Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und sprach: „Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vatervergeben! Er erfuhr ja Alles! Er ist der Vater! und ist ein Algonkine!Bei den Söhnen der Natur gelten nur große Tugenden, nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern sie dringend fast jeden Tag! und von Jedem werden sie leicht geleistet — wie man in Europa einem guten Freunde wohl einen Ducaten — auf dreifaches Pfand borgt. Wer hier ein musterhaftes Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber wer es unterläßt, wird verachtet. Ich sage nur so. Hier darf ein Mann sein Weib nie verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch mir, daß ich nur solcheAnhänglichkeitnoch bewundere! Hier ist auch die leichtsinnigste Verbindung goldenfest; denn das ganze Herz, die volle Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann in dieser Art nichts Anderes mehr, nichts Besseres mehr, und was sie besitzen, daran besitzen sie gleichsam ihre sichtbar gewordene Seele, sich selbst! ein zweites, liebreicheres Mal. Und darin nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die Unsern, „die Unsern“ sind, daß esaußer ihnen keinemehr für uns giebt — wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend, todt — dann sind wir dahin! Was ist dann das Leben noch? — Dem Wilden: Nichts! Er schlägt sich selbst nicht so hoch an, nicht höher als seine Neigung und Liebe, die er in seine Lieben versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher achten? Aber Ihr — ach —Wirhalten nichts für einzig, nichts einzig werth für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer wieder die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß und erhaben über uns selbst! — Und so forderte jetzt der Vater den Sohn seiner Tochter dem Manne ab, der —“
Sie irren, d’Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete über und über. Ich schwieg, schuldig — zwar aber anders. Ich war mir jetzt klar geworden: Weil ich unsere Tochter mitentfremdet, liebt’ ich meinen und meiner Eoo Sohn, Okki, nun doppelt, und doch einseitig. Eoo aber liebte die hingegebene Tochter nur mehr, ja mit voller heftig erregter Mutterliebe, seit sie sie wieder gesehen. Ihr Schmerz entflammte die Liebe nur mehr. So war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen. Und ich liebte Eoo gewiß, ja gewiß über Alles! — Leider! Aber verstand ich sie auch zu lieben, wie mir es Pflicht gegen sie war? Ach, ich mußte auchDasam höchsten halten,was sie liebte, mit heiligem Rechte so liebte — dann erst liebt’ ich sie wirklich: ihre Seele, und all’ ihre Neigung! Das sind keine Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller unverstimmten Menschen im Leben, und gerade der Aermsten, selber der Wilden, wie d’Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist der einfachste Mensch. Aber Vorliebe zu Okki — verschuldete Vorliebe hatte mich gebannt. Ihn opfern — die schöne, geliebte Eoo opfern, nur wagen — ich war es nicht fähig! und sollt’ es doch! Und wahrlichich dachtean mich nicht. Das sahe Eoo so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem Berge mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete: Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände leise des Nachts — ich liebte ja sie und ihr anderes Kind, und sie liebte mich noch. —
Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d’Issaly, auch wenn der Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr ihn wieder — — es ist nur eine Tagereise zum Strom, der Weg ist rein, ihr wißt, wie die Indianer schlafen, ihr wißt die Hütte, morgen ist Fest, der blinde Hirsch wird geopfert, wir essen nicht ohne zu trinken, und was! und wie lange! — Nun wißt Ihr genug.
Ich faßte schweigend meinen Entschluß. Mein bedenkenderFreund streckte sich hin, und halb mit mir, halb mit sich selbst, redet’ er fort. „Der Mensch sollte ein Bärsein!“sprach er über sich selbst unwillig;„nichtder Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! Nackt bin ich auf die Welt gekommen, nackt muß ich wieder dahinfahren — das Wort ist auch in Hinsicht des Vaterlandes — traurig. Wahrhaftig! Wer Federn wie der Kolibri hat, oder eine zarte Haut wie die Feuerschlange, der kann nicht auswandern zum Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und der Eisbär müßte sich auf St. Helena zu Tode schwitzen, und in Cayenne — Pfeffer! die glückseligen, von der NaturgekleidetenBewohner der Erde,sie müssen ihr Vaterland bewohnen, und nurausgestopftkann man sie in einer andern Zone sehen, denn sie sehen uns nicht mit ihren Glasaugen. Aber Homo — der Mensch hat das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene große Modenpuppe, sich anzuziehen in leichten Nanking, wenn er nach Sumatra ziehen will, in Zobelpelze, wenn ihm Kamtschatka gefällt. Als Herr des Eisens baut er Hütten, wie sie ihm überall recht sind, Sommer- und Winterpalais — oder näht Pelze! und das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall seine Stube auf — Stubenwärme! Und nun denkt der — Fahrenheit, wo er wohnenkannals Leib, sei sein Vaterland, und wird ein laufender Jude wie ich. O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß Du verloren gingst! O Vernunft, daß Du das nicht einsiehst wie — ich! O Verstand, du glaubst der Erfahrung wie ich! Nur kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es mit auszustehen und ausgestandenzu haben. Ins Vaterland wiederzukehren, ist Niemand zu alt. Das macht wieder jung! Und so lange nur noch das Licht der Augen, bis sie den Mont-Ventouxgesehen! dann zieht Monsieur d’Issaly die Decke sich lächelnd über den Kopf — und schläft wie ein todter Urson!“*
Und so that der Ausgewanderte, der reuige brave Mann wirklich und schnarchte wenige Augenblicke darauf.
Ich aber hatte keine Ruhe. Ich wartete die völlige Nacht und Stille in den Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst dem großen Geist, dessen Sterne durch eine Lücke der Wolken mir wieder schienen, und schlich mich außerhalb des Kreises — nach meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief vor dem Wigwam mit ihm. Er war im Schlafe ihrem ausgestreckten Arm entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt’ ich weinen, eh’ ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt’ ich ihm in das holde Gesicht sehen — das Herz pochte mir ungestüm — er redete leis und unverständlich im Schlafe. Ayana zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst, bald wieder los. Ich wartete das ab; eine peinliche Weile. Ich wand meine Hand unter seine Schulter, die andere unter seine Kniekehlen — ich hob ihn sanft — ich fühlte die süße Last wieder — ich kniete schon nur auf einem Knie, ich wollte auch dieß erheben — da schlug Ayana die Augen auf; ich stand wie angewurzelt; sie setzte sich auf, sie sah mich an, oder schien mich anzusehen; ich hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß die Augenlieder, als schlaf’ ich; sie sank wieder hin, sie wandte sich ab und bettete sich auf der eigenen Brust — nun holt’ ich erst Athem, nun schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind wieder mein!
* Eine Art Faulthier — Histrix dorsata.
Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die Nacht, vom fernen rothen Feuerscheine erleuchtet; ich hatte nicht Steg noch Weg, nur die Richtung nach dem Flusse; und als der Morgen erschien, verbarg ich mich, weit von der leeren Savanne schon, wieder im Walde mit meinem geliebten Kinde. —
Sein Erwachen, seine erste Rede — o Gott, welch’ Entzücken! Ich kosete mit ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank ich ermüdet in stärkenden Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so glücklich ein Vater sein kann im Umkreis der Erde. Mir war hier der Himmel — denn ich sahe im Traume mein Weib und mein anderes Kind. Sie lebten also — in mir, und ich lebte mit ihnen — in mir.
* **
Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D’Issaly’s Wort „das war eine große Lehre,“ trug ich beständig im Sinn. Ich war schon krank, und es machte mich kränker und spannte die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt’ es nicht ungern, wie Jemand, der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich fühlt. Je näher er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder ist ihm unwillkommen, der ihn wieder in das vergessene Leben stört. Denn Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer nur den ersten Tag ermüdet, den zweiten und dritten Schmerzen leidet und dann sich nach und nach erholt, bis er unermüdlich geht wie eine Uhr. So hatt’ ich mich an den neuen Zustand gewöhnt, als habe die ganze Welt von meiner Jugend an gebrannt und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder. Denn hätt’ ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns, dann war die Mutter auch bei uns — und wenn ich das dachte,erschien mir Eoo vor Augen und sah mir lächelnd und froh ins Gesicht, und ich stand, als halte mich ihr Gebild wirklich auf im Weitergehen! Darum eilt’ ich, nachQuebeczu kommen, denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen zu gelangen. Ich hatte dort Freunde, Geld, und dort war alles Verlorene wieder zu ersetzen und anzuschaffen.
Am dritten Morgen nach meiner Flucht aus dem Sumpfe oder Swamp in der Savanne erschrack ich, mich von den Algonkinen wieder umlagert zu sehen! Ich fürchtete wirklich nicht ohne Grund, denn die Indianer vergeben nie. Mir fiel es aufs Herz: in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana, versetzt, daß ich ihr das Kind aus den Armen geraubt. Vielleicht hatte das d’Issaly bei dem Vater ausgeglichen. Vielleicht hatte Der sie zur bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf Gegenwehr, doch verhielt ich mich ruhig, sorglos wie ein Abwesender. —
Der gute d’Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber er sahe, wie krank ich war, wie sehr ich an den Augen litt, und äußerte mir das. Ich wunderte mich.
Aber noch mehr, als er Ayana zu mir brachte, die ihre wenigen Sachen unter dem Arme hielt. „Sie wird nun bei Euch bleiben und Euch leiten!“ sprach d’Issaly, der mich eine kurze Zeit verlassen und mir an der Hand sie herführte. „Um des Kindes willen zuerst, und dann auch Eurer selbst wegen, denn dem Vater hat geträumt:Ihrwäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!“ „Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle des großen Geistes und werden heilig erfüllt; wie überall die Einfälle bei Tag und bei Nacht, auch wenn sie nicht so gut sind als dieser des väterlichsorgendenSachem, oder Arm des Hauptes.So zieht denn in Frieden! — Und was mir gefiel: der Vater nahm nicht Abschied von ihr; als bleibe sie bei ihm, immer vor seinen Augen, da sie einen guten Weg geht, und also sein Herz mit jedem Pulsschlag in jeden ihrer Schritte aufs neue willigt. Sie kniete nur flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte seine Hand mit ihrer Stirn. Sie hat Fleischpulver, Pemmican, auf lange. Ihr findet auch Kronsbeeren. Der Mond ist zwar todt — daß heißt bei Euch: alt, — die Sonne scheint zu sterben; aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und Südwuchs der Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum Flusse, der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr aus Hand in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden! Vielleicht — —“
Er sprach nicht aus, sondern sah uns nur lange nach, als er uns erst mit Sagamite aus Mais erquickt. Auch ich sah mich um und erblickte noch lang die im Winde von seiner Schulter wehende blaue Decke, und die langen rothen Hosen.
Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr langes weißes, erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen am Saume besetzt, hatte sie aufgeschlagen; ihre Schuhe von weichem Büffelleder (Mocossins) beschützten ihren Fuß, und ihr um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie nicht. So schritt sie voran, ihr schwarzes, bis in die Kniekehlen reichendes Haar flatterte, mit Geschmeide geziert, im Winde ihr nach. Ihr Wuchs,dereiner indianischen Schönheit — einer Sqaw — ließ mich an Eoo denken, wie sie war, als sie mein Weib ward. Ich folgte in Träumen und voll der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit dem glimmenden Hölzchen im Munde mich Abends Eoo heimlich genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum Zeichen meiner Erhörung.
Zur Nacht erreichten wir den Utawas. Ein Kanot, mit Kork überzogen, fanden wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen Cabanne, auf dem Flusse sich wiegend. Es war so klein, daß der kleine Esel zurück bleiben mußte; und ich vergesse die großen Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es seine Mutter stumm dahin fahren sah! Die Mutter schrie und sang, der Sohn sang und schrie — und wir Menschen fuhren dahin.
Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne, mit Allem versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern zum Würfeln für Kinder. Ich gedachte der Heimath! — Aber am Morgen war das verlassene Esels-Muttersöhnchen da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen herübergeholt. Die Freude war groß!
Aber was sollt’ ich denken, als ich auch die rothen Hosen erblickte — die d’Issaly trug! Er trat ein und stellte sein Tomahawk an die Wand.
„Ich kehre aus dem Hause des Todes neu in das Haus des Lebens,“ sprach er, mich weich begrüßend. „Die Wälder sind hin, und man kann kein Wilder mehr sein! Gewiß sind die Hundsribben-, Hasen- und Zänker-Indier nun alle auchWeibergeworden. Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer der Sonne begraben werden. Dennnur um Lebensunterhaltward hier Krieg geführt. Aus der Asche der Bäume wächst nun das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden — Nomaden.Die Kuh und das Schaf wird nun hier herrschen, bis der gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven macht wie in den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse, der Sicherheit und des Besitzes.DerTausch ist schwer, und soll ich ihn machen, so tausch’ ich für dieses sehr sonderbar mit Aschegedüngte Jungferland mir wieder mein Vaterland ein, das ich floh, um Niemandem zu gehorchen, 1790. Jetzt will ich daran arbeiten,nur mich zu beherrschenund mir als wahrer Monarch zu befehlen. Alles, was die Indianer haben und thun, geht den ganzen Stamm an; nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr im Flusse; ihm ist Mann, Weib und Kind lebendig, und ihm nur stirbt es. Diese Gesinnung hab’ ich hier erworben — sie will ich alsmeinenReichthum hinübernehmen und ausstreuen — mit milden Händen! Und könnt’ ich, ach könnten wir alle da drüben,beiGeschicklichkeiten und Wissen,diesenCharakter behaupten, was fehlte uns dann — verklärte Wilde zu sein? nichtalleindurch die Stärke des Leibes zu leben, nichtalleindurch die Kräfte des Geistes, sonderndurch beide vereint!— Das war mein Lehrbrief! schloß er, den die Natur mir hier geschrieben, welche die Menschen hier etwas sonderbar zu erziehen beliebt; und einen kleinen verbrannten Baum will ich als Denkzeichen an die Schnüren — mein Fathom of Wampum reihen! —“
Er besah sich jetzt in einem kleinen Spiegel an der Wand und ging dann mit großen Schritten sinnend auf und ab und glühte dabei. „Ich bin ohne ein wahrer Mensch zu sein, so ziemlich, was man sagt, alt geworden. Doch Ich habe mich hier um das innere Leben gebracht, Ich will Mir vergeben!“
Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust, und ich hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und rauchte wunderlich eine Friedenspfeife mit sich selbst. Dabei sah er mich öfter an, und als sie ausgegangen, und er den letzten Zug des Rauches dem Himmel zugeblasen, schien er mir zur Lehre zu sagen, was er indeß gedacht.
„Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben, wenn leben heißt: Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll wirken und Wirkungen empfangen. Nicht die Stadt, nicht das Dorf sollten wir verlassen, worin wir geboren und aufgewachsen sind. Nur darin wird uns die Landschaft, die Natur zurGewohnheit:dieäußerenErscheinungen stören uns nicht, unserinneresLeben fortzusetzen. Denn Nichts soll uns hinderlich aufregen, oder gar aufschrecken — wir sollen uns im Menschlichen, ganz dahingegeben, vergessen. Ueber ein Menschenleben recht klar werden, das stellt uns höher, als an Millionenvorüberziehen, deren Herz und Schicksal uns verschlossen ist! Und unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das Herkommen, die Mitbewohner und ihren Sinn, ihre Werke von Jugend auf und lernen an ihnen die Führung des großen Geistes, seine göttlichen Gerichte in dieser Welt — den Segen des Stillbescheidenen und Guten, den geheimen Lohn des Ungerechten, Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge ihren Fortgang und ihr Ende erreichen; wir sehen die Kinder um die Gräber der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen, darin wir liebe Freunde gewesen! Dieser heilige Wandel der Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen, dieses Göttliche im Menschlichen, mit dem Geiste sehen und bewundern lernen, ist mehr werth als — Auswandern! als fremde Meere und Länder, fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen; mehr werth — als ein Leben, das uns ein nie so verstandenes, verworrenes Gewebe ist. Darum, wer auswandert aus seiner Heimath, der bringt sich schlimmer als um das Leben! Und geschieht ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als in derFremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach seinem Tode, einen Goldklumpen nach Hause bringt, der hatseine Zeitdort gelassen, nicht sein Herz, denn er hatte keines. Ein Sechsziger will nun erst zwanzig Jahre alt sein; und wer Geizen oderWohllebennur Leben nennt, der hat nicht wohl gelebt. Darum darf man nicht als Strafe den Tod auf das Auswandern setzen — die Natur hat ihn selbst darauf gesetzt!“
— Ich schwieg befremdet, als selbst hier auch in der Fremde.
— „Euch wundert meine Weisheit?“ sprach er und sah mich selbst Gerührten und schwer Betroffenen an. „Wundert Euch nicht — das war der Extract aus 35jähriger Thorheit! die Blüthe einer baumhohen großenFackeldistel; des meergrünen Armleuchters der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken, welche die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche droben, wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. DasHerunterkletterngeschieht dannumsonst; aber man hat den Geschmack noch tagelang auf der Zunge!“ —
Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde in die langen an einander hängenden Dörfer am Cataragui. Hier wohnen noch Irokesen, die Letzten, die Christen geworden. Franzosen haben sich hier mit den Töchtern derselben vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns freundlich begrüßten.
So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch ein Plätzchen bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen, sie konnte nicht weiter; Okki war unwohl; d’Issaly hatte einen alten Freund gefunden; mich hielt nur die Hoffnung noch aufrecht, die Hoffnung, Eoo zu finden! Ihrem Muthe war Alleszu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal nicht vergeblich geworden.
Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten! Ich beschloß den Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank. Die Freunde und Okki kamen ja nach! Sie waren bei Menschen, nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem Landeverwandelt— die also geschaffen hatte, denn auch ihr Schaffen ist nur Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.
* **
Von Glangory in Obercanada, so wußt’ ich aus der Sage, hatte der Wald bis an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt; das sah ich. Hier aber standen die köstlichen Rhododendrons, die Cedern, die Kalmien — ach, und die Cypressen! Mit Herzklopfen erblickte ich die Stadt! Ich mochte kaum hinsehen, und mein Aug’ schweifte verlegen und irr’ in ihrer Umgebung, feucht auf den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im Strome umher — bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des Freundes ruhten und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine Eoo darin sei? Ich stand mit gefalteten Händen, und während ich erst meinen Weg wiederholte im Fluge der Gedanken, sah ich auch drüben über dem Stromedie blauen Bergebrennen, Neu-Braunschweig! Ich senkte die Augen, die Alles nur dunkel sahen wie in einem Flor. Meine Stiefeln waren abgerissen, ich war schwarz bis an den Gürtel, ich hatte das Ansehen eines Köhlers. So ruht’ ich am Wasserfall bis zu Sonnenuntergang. Mich labte die Frische seines Hauches. Die Gewalt seines Sturzes und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern Brunnen ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Malso hoch; und darüber sah ich die Hellung des blauen Himmels, seit lange zum ersten Male, wieder. Ein Adler, der von seinem Nachttrunk darin aufstieg, und welchen mein Auge hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das Gesicht mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände des unermeßlichen Brunnens schimmerten golden vom Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden Sonne — dann rosig — dann purpurn — dann violet; und als sie sich bräunten, schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.
Ich war durchnäßt, ohn’ es zu wissen, bis ich an der Pforte des Hauses stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern trat ich ein. Mein Freund und sein Weib erkannten mich nicht. Ich setzte mich auf den nächsten Stuhl. Sie beleuchteten die fremde Erscheinung — sie hatten mich auch für umgekommen betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne Nahrung und Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich mit Thränen.
Ich sahe mich schweigend im Zimmer um. Ich glaubte, sie sollte zu Tische erscheinen —sie!— Und meine Tochter Alaska sollte mir, im Rücken genaht, die Augen zuhalten und mich rathen lassen, wer es sei, bis sie in Thränen ausbrach und an meinem Halse hing! —
Nichts von alle dem! Ich getraute mich nicht zu fragen. Sie schwiegen, um mir nicht unendlichen Schmerz zu erregen. Erst als ich zu Bette ging, hielt mich der Freund an der Hand fest und fragte, die Augen niederschlagend: „Dein Weib kommt doch nach?“ —
Ich suchte sie hier! war Alles, was ich sagen konnte. Ichhatte große Umwege, lange Aufenthalte gemacht — und sie war nicht hier.
Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten Augen den Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß lange schon Tag geworden war. Fieberphantasieen hatten mich eingenommen, und wer nun aus mir sprach, wer in mir litt — lange Tage und Nächte — das war ich nicht mehr. Und doch! denn — —
„Wie durch einen Zauber ward ich wieder gesund! Ich machte eine höchst beschwerliche Reise nachSaint-Réal’s Wohnung. Sie war nicht mehr. Die Schafe irrten hirtenlos umher, die größeren Hausthiere alle waren umgekommen. Ich zog nach unserem verlorenen Dorfe. Ich fand noch Inseln von Wald. An andern Orten lagen vom Feuer umschlossene wilde Thiere mit versengten Pelzen. — Mein Haus — es stand! Die Papageien flogen umher. Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum Fenster hinein. — Da sah mich der Geist wieder aus dem Spiegel an! Da stand das Wiegenpferd mit finsterem Gesichte! Da lag der angefangene kleine Strumpf — ich seufzte, ich sahe zu Boden, da lag der Teppich gebreitet, den Eoo gewirkt. — Ich ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl, den langen ahornen Stiel ihrer Apfelpresse; ja ich trat mechanisch ihr schnurrendes Spinnrad, bis mir vor Wehmuth der Fuß versagte. Ich stieg in den Keller —da saß Eoo!und ob es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein Licht, dessen Quell ich nicht wahrnahm. Sie stand nicht auf, sie schwieg — ich ergriff ihre Hand — sie war kalt. Eoo war todt! — und doch schlug sie — wie mir zu Liebe, die Augen noch ein Mal auf!sie lächelte wieder, sie drückte mir lange die Hand — dann senkte sie sanft den Kopf auf die Brust und war todt.“ —
Und ich erwachte! Denn Alles war nur ein Traum. Meine linke Hand, mit der ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette hinaus, und ich war erwacht durch ein sanftes Anfassen derselben, ein Weinen darauf, und durch ein fröhliches, aber gedämpftes Rufen: „Der Vater erwacht! er schlägt die Augen auf!“ —
Ich that das wirklich; aber ich sahe Niemand. Aber in mein Bewußtsein dämmerte das Wissen:Alaska, meine Tochter sei hier!Siesei gerettet. So lag ich wieder still.
Am Abend las man die Zeitung, die hier überall eineröffentlichenSchule gleicht, die wie durch Zauber im ganzen Lande gehalten wird für die Schüler der neuen Welt, das heißt für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem Volke nichts vorzuenthalten. Es war ein Blatt „Freeman’s Journal“ aus Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des Waldes, der von der Hudsonsbai bis hinab an die Spitze von Florida fast ununterbrochen die Staaten bedeckte, hatte sich so sehr der Gemüther bemächtigt, daß man in Neu-York die Erscheinung zweier Engel glaubte, welche den Untergang der Stadt auf den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt schien Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt alle Wochen aus der alten Welt „mittheilt,“ war eine aus Rußland. Ein Weib war im Schlitten mit ihren 5 Kindern nach der entlegenen Kirche gefahren, und auf der Nachhausefahrt hatten sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie und das kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und um sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen — worüber er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillungdes Hungers war dieser verstummt. Aber bald hatte der Zweite die Pfote hinten auf ihren Schlitten gelegt, und um sich zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur Beute gegeben. Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind — von der Brust. Und wohlbehalten war sie in einem Bauerhofe angelangt, wo die Bewohner so eben in ihrer Scheune gedroschen. Sie hatte ihre Rettung erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn des Hauses gefragt: ob sie das wirklich gethan? und auf ihre Bejahung hatte er ihr den Kopf mit dem Flegel zerschmettert; und der Menschenkenner und Menschenfreund Alexander hatte den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. — —
Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften sich in Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend eine Art zu entschuldigen — denn das Blatt einer Lüge zu zeihen, kam Niemand an. Und sie beruhigten sich erst, als ein fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen erklärte: die fünf Kinder seien nicht Kinder desMannesjenes Weibes gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der Beichte — ihre fünfSündengenannt — unddiesefünf Sünden habe dasWeibden fünf Wölfen geopfert, nicht dieMutterihre fünfKinder.
Ich fühlte — ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf’s Bett gelegt, und manchmal leckte er mir die Hand. — Unsere Ariadne war da! Gott, und mein Weib! Denn Alaska sagte jetzt zuEoo:Nicht wahr, Mutter, ich bindeinKind!
Ich vernahm nichts weiter, die Sinne vergingen mir wieder.
Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur einst Kühlung auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint, und eine heiße Wange an meine geschmiegt. Dann wardas lange nicht mehr. Aber eines Morgens sah ich meinen Okki vor mir stehen, der schwer seufzte; Ayana hielt ihn an der Hand — und d’Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander geschlungen, mit gesenktem Kopfe.
Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete vor mir auf. Nun wußt’ ich erst deutlich: meine Tochter, mein Weib waren da! Ich bat, sie zu mir zu rufen, aber Ayana verneinte das, sanft weinend, mit leise bewegtem Haupt. Dann trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein — und Okki sprach: „Komm’ in denGarten!“Aber d’Issaly sprang auf und wehrte dem Kinde. Nur so viel erfuhr ich jetzt: der gute alte Saint-Réal hatte nicht Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle war er sitzen geblieben; die beiden Frauen hatten ihn nicht zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der entzündeten Steinkohlen daraus vertrieben, hatten sie treulich bei ihm ausgehalten. Dort saß er nun, gestorben noch eh’ er erstickt. Eoo war zur rechten Zeit gekommen! Sie hatte die besten Wege gefunden. Und so erklärte ich mir Alaska’s Thränen als das Opfer für ihren Pflegevater, dessen — Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran nicht dachte. D’Issaly hörte von dem Vermächtniß, es sei hier niedergelegt; und er wollte später einmal in den Wald, in die Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten, die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß sie zugleich ihm darin ein Denkmal, doch eine Inschrift von Erz oder Marmor setzten.
Endlich nach Tagen stand ich auf. Ich trat an das Fenster, das den tiefen Garten übersehen ließ — man wollte mich hinwegziehen, ich konnte nicht widerstehen, trat mitten ins Zimmer undsahe nun wie es Asche regnete über das Land. Stürme hatten sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt, und in dem schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen Tropfen gemischt, als schwarzer Regen und deckte das Land und das herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.
Eoo war nicht zu sehen. Niemand sprach, mir graute zu fragen, denn ich errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei gekommen, sie habe mit Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki? — hatte sie erblassend gefragt. Ach, der war ja noch in dem letzten Dorfe gewesen — und eh’ sie gehört, war sie tödtlich erschrocken, und meine Krankheit hatte ihr den vermeinten Verlust bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie ihre Alaska bei sich gewußt — und jetzt war ihre Natur erlegen. Mein Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell, noch schnell genesen gesehen! bald, nur bald mir wieder das Licht der Augen gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie — ach, sie noch einmal zu sehen in dieser Welt. Nichts hatte sie gehalten; und obschon selber schwer erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel geschlichen und hatte mir Kräuter gesucht, sie gepreßt und den Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also die Kühlung, das waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!
Der Freund schwieg. Ich frug nichts weiter. — — Sie hat den heiligen Trost gehabt, ihren Okki wiederzusehen, setzte die Frau des Hauses nach einiger Zeit hinzu. Auch ihre Schwester hatte sie wiedergefunden, und die Lieben waren Alle bei ihr! Der Arzt versicherte ihr: der Vater der Kinder werde genesen. —
— — „Die Gesänge“ habt Ihr selber gehört, setzte d’Issaly hinzu, und wißt sie zu deuten!
* **
— Es war ein prachtvoller Abend, als ich, meinen Okki an der Hand, zum ersten Male in den Garten hinunter stieg und bis in das Rhododendrongebüsch zu den Kalmien ging.
Hier liegt die Mutter! sprach Okki. Ich stand mit Herzklopfen, ich sah ihn an. Und jetzt bemerkt’ ich erst — sein schönes Haar war abgeschnitten! Ich wußte warum. Ich sah einen grünen Hügel — ich kniete hin, ich umfaßte die kühle Erde statt des schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie bedeckte! ich weinte in die gebeugten Augen der Blumen statt auf die Augen und die Stirn, die darunter nun ruhig schliefen. Die Abendsonne vergoldete die Welt — Wolken, Felsen, Strom und Cypressen, und in ihrem Glanze stand auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes und streute ihre Locken darauf als Opfer, nach dem frommen Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah, mußt’ ich bei mir sprechen: Da steht dein Weib, deine Eoo, die Mutter! nicht allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt — sondern wirklich: —ihrefromme Seele,ihreLiebe steht schauernd da und schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und blaß und zagend wie ein Engel.Die Liebe lebt!Sie ist nicht allein ein Geist! sondern sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen Wirkungen leben und wirken und lieben uns wieder! Eoo rettete ihre Tochter. Und das Gebild, das seine Locken ihr streut, ist nicht die Tochter —nicht sie allein— sondern heilig verschmolzen:auch die Mutter!ein goldenes Werk mit Asbest geschmolzen, mit Silber versetzt — aber das Silber ist Alaska — das Gold ist Eoo — das Feuer aus Asbest aber istdie Liebe!—
Und nun zog ich die Tochter an meine Brust, und wie sie vor Wehmuth glühte und doch blaß war, küßte sie mich mit Eoo’sLippen, mit ihrem Kusse!IhreArme wanden sich um meinen Hals, und ihr Herz schlug an meinem Herzen! Und das schöne Gebild war mein durch sie — mir war es die Mutter — ach, und zugleich ihr Kind, mein Kind! O Wehmuth und Seligkeit! —Die Abendröthenahm ich zum Angedenken an den Brand! Jede Morgenröthe wollt’ ich an Eoo gedenken! Und so wie, nach jener Sündflut durch die Wasser, derRegenbogenein Zeichen der Huld des Himmels geworden, so solltendie ewigen hellen Gestirne, die über uns Weinenden jetzt heraufgestiegen, mirFunken des Brandesbedeuten, so oft ich des Nachts zum Himmel nach meiner Eoo aufsah — als Zeichen des Friedens und ihrer Liebe!