An die Alten und die Jungen.
In den großen Zeiten des Weltenadvents, in denen wir leben, und in den brausenden Wehen der Pfingsten eines neuen Jahrtausends müssen am Schlusse eines Wanderbuches noch zwei Dinge gesagt werden. Denn es ist nicht gleichgültig, wie der Sauser des nahenden Herbstes ins Stadium kommt – wie sie drüben über dem Rhein sagen – und wie der neue Most sich bis zur Klärung gebärdet. Da kommt es erheblich auf die Schläuche an.
Das eine ist also das: Mag es mit der neuen Religion, von der wir so viel reden hören, kommen wie es wolle, sie wird mit den Kenntnissen der biologischen Wissenschaft und mit unserem bisher entweder allzu verachteten oder zu sehr verhätschelten Körper rechnen müssen. Denn dieses größte aller Wunder der Natur hat da auch sein Wort mitzureden. Wir wissen heute, daß eine sündhafteVerschwendung von Kraft in der Richtung moralischer Anstrengungen gemacht wird und daß der heilige Antonius und viele ähnliche nach größerer sittlicher Reinheit ringende Menschen viel weniger Versuchungen zu erdulden gehabt hätten und daß das Maß vieler Heiligengeschichten auf ein Geringes zurückgedrängt worden wäre, wenn diese Stoiker, Heiligen oder wie sie sich heißen, mehr von dem Zusammenhängen des Seelenlebens mit dem Essen und der Verdauung gekannt hätten. So wie für den wirklichen Kulturmenschen Eile etwas Niedriges bedeutet, so muß Sauberkeit in jedem Sinne eine Nationaltugend werden. Vor allem beim Wandern, wo die Verführung zum Gegenteil so groß ist.
Das ist das eine und gilt für die Alten wie für die Jungen. Das andere ist nur für die Alten.
Seitdem die Welt steht, haben die Menschen jenseits der Fünfziger noch nie den Heroismus gehabt, auf die alte selbstgefällige Einbildung zu verzichten, die Jugend sei schlimmer als zur Zeit, wosiejung waren. Mit diesem Greisengedanken prahlt schon Salomo, man findet ihn bei Plinius; kurz, es handelt sich hier um eine Gedankenverkalkung, die niemand aufgeben will. Und doch spricht schon allein der Gang der Weltgeschichte dagegen. Aber es braucht noch mehr. Wir älteren Semester sollten es wieder anstreben, die Jungen nicht nur zu schulmeistern, sondern auch von ihnen zu lernen. Schon deswegen, weil wir so selber jünger bleiben, als wenn wir uns in die würdigen Ecken unserer Philisterweisheit zurückziehen. Es ist so töricht, wenn wir keinen Gebrauch machen von der weisen Einrichtung der Natur, die uns die Jungen als Schrittmacher gibt, wenn wir ihnen – denn sie sind mit Recht anspruchsvoll in den vielen Fällen ihrer rührenden Hilflosigkeit – unsere Erfahrungen nicht aufschulmeistern, sondern mit väterlicher Kameradschaftlichkeit mitteilen.
Wenn ich mich bisher fast nur an die Jugend wandte, um sie zum Kampf gegen sportliche Herzverkalkung beim Wandern und exklusive Tendenzen aufzurufen, so gelten diese Worte den vielen älteren Stillen im Lande, die sich von irgendeiner guten Tante weismachen ließen, sie seien zu alt zum Wandern.
Es ist nicht wahr! Ihr seid nicht zu alt! Lernet wieder das Wandern! So würde ganz ohne Lärm und Organisation und Agitation ein Geheimbund der alten Herren, eine Brüderschaft vom geruhigen Wanderschuh entstehen, deren Mitglieder schon durch ihr Dasein beschämend und anfeuernd auf die Jugend wirken könnte. Das gäbe eine Brüderschaft der Unentwegten, ein Fähnlein der Aufrechten, ohne Vereinsbeiträge und ohne Vereinszeichen.Höchstens das eine Zeichen wäre erlaubt, ein gut pochendes Herz, das jung geblieben ist, nicht an Arteriosklerose und ähnliche überflüssige Segnungen unserer Zeit glaubt, sondern an die Jugend, besonders an die eigene. Das sind die Herzen, die ihre Flammen, wenn auch gedämpft durch den gesunden Menschenverstand des Schwabenalters, noch lodern lassen, wenn die anderen von der alten Garde zwar noch nicht gestorben sind, aber sich schon lange ergeben und die Flinte ins Korn geworfen haben.
Und warum?
Weil sie auf den die Lebenskraft gar zu leicht untergrabenden Trick der modernsten aller Zauberinnen, der Technik, hereingefallen sind, den wichtigsten Teil des körperlichen Lebens, dieBewegung, nach und nach an sich zu ziehen und aus den Menschen immer mehr Stückgüter zu machen, die zur Beförderung übernommen werden, sei's auf dem Motorrad und Auto, oder auf der Eisenbahn und im Lenkballon, oder auf dem Ozeandampfer und im Unterseeboot. Besonders die »Elektrische« wirkt im Alltagsleben verheerend und entzieht uns mit einer infernalischen Subtilität Bewegungsbedürfnis und Muskelkraft. Es wird den älteren Semestern lebensgefährlich bequem gemacht. Mit beängstigender Zuvorkommenheit wird alles an uns herangebracht. Das Kino erspart uns bald das Reisen, und wer weiß, bald können wir vielleicht in unseren vier Wänden prima Schwarzwaldluft atmen, die uns Fernluftleitungen zu mäßigen Preisen zuführen wie Wasser, Gas und Elektrizität. Wir werden uns eines schönen Tags überhaupt nicht mehr von der Stelle zu bewegen brauchen, und unser Leben wird sich auf dem Sofa ganz wirkungsvoll und schöpferisch abspielen können, ohne daß wir mit der Wimper zucken.
Das ist groteske Übertreibung, werden viele sagen. Zugegeben! Und doch kann ich es nicht verwehren, daß angesichts solcher Möglichkeitsperspektiven zwei Gestalten vor mein Auge treten: Mein alter Großvater, der noch mit 80 Jahren uns jede Woche einmal in der Stadt besuchte und die vier Stunden her und die vier Stunden heim ins Dorf zu Fuß zurücklegte. Und dann der jetzt auch schon 80jährige leichtfüßige Vater Weißbart, in dessen Familie das allsonntägliche Wandern eine Art Gottesdienst war und dessen Frau und Kindern ich es heute noch danke, daß ich mit meinem erheblichen Talent zum Stubenhocker und Bücherwurm schon in jungen Jahren den Segen kennen lernte
vom Wandern, ja vom Wandern.