Vom Essen und Trinken.
Phot. Ad. Saal.Wanderer beim Abkochen.
Phot. Ad. Saal.Wanderer beim Abkochen.
Phot. Ad. Saal.
Wanderer beim Abkochen.
Ich fühle nicht den Beruf in mir, meine Mitmenschen und Mitwanderer auf diesem herrlichen Planeten zu meiner Speisekarte zu bekehren. Wir sonderbaren Kostgänger des Gastgebersunserer Weltenherberge sollen auch hierin ein jeder nach seiner »Fasson selig werden«, und alle Geschmäcke sind zu »tolerieren«. Aber eine kleine Predigt kann ich bei dieser Gelegenheit doch nicht unterdrücken.
Der Antialkoholismus unserer Tage kann nach meiner Ansicht eine ebenso große Besessenheit sein wie sein Gegenteil und verleitet fast noch mehr als dieser zu allerhand Hochmut, der bekanntlich immer vor dem Fall kommt. Während des Wanderns jedoch ist der Alkohol in jeder Form und Menge durchaus vom Übel. Es ist bis jetzt noch nicht erlebt worden, daß einer, der sich aufs Wandern verstanden hat, auch nur dem bekannten »Glas Wein« das Wort geredet hätte. Natürlich nur für so lange, als der Wandersmann noch irgendeine Leistung vor sich hat. Was dieser dann abends tut, das ist wieder ganz und gar seine Privatangelegenheit, und wenn er klug ist, dann hält er sich in diesem Punkt besser nicht unbedingt an den sonst auch fürs Streifen durch Wald und Welt sehr empfehlenswerten Spruch, nicht an den morgigen Tag zu denken.
Wer so steht, der mag im übrigen seinem Feuchtigkeitsbedürfnis auf dem Marsche oder bei den Mahlzeiten mit Sauermilch oder Quellwasser, mit künstlichen Limonaden in Wirtshäusern am Wege oder – was weit billiger und nützlicher – mit dünnem Tee und Kaffee aus der Feldflasche nachhelfen. Der natürliche Instinkt bewahrt ihn hier vor vielen Torheiten. Wem aber noch gesagt werden muß, daß er sich nicht mit eiskaltem Quellwasser schädigen soll, und wer nicht weiß, daß er mit einem Minimum von Flüssigkeit am besten fährt, weil er es ja doch wieder herausschwitzen muß, der möge lieber mit seinen Sorgen zu Hause bleiben. Der ist kein geborener Wanderer und wird es auch nie lernen.
Etwas anderes ist es mit dem Essen. Denn das ist wirklich eine noch ganz unbekannte Kunst im Zeitalter der angeblich so hochentwickelten Kultur. Sehr viele und nicht immer anmutige Predigten gegen den Alkoholismus wären überflüssig, wenn die Propheten sich einmal mehr mit den Gefahren des Essens als mit denen des Trinkens beschäftigen wollten. Mit dem zuvielen Essen fängt es an, nicht umgekehrt. Bei den meisten wenigstens. Nur keine Illusionen über diesen Punkt! Denn schon sehe ich in Gedanken einige Leser entrüstet auffahren mit dem zornigen Vorwurf im Herzen, nun wolle man ihnen auch noch – dieses Wort wird immer im Tone einer edlen Biederkeit ausgesprochen – ihr tägliches Brot beschneiden! »Heute, in der Ära der sozialen Frage!«
Gemach! Es gibt noch so etwas wie eine Wissenschaft, wenn auch mein Glaube an deren alleinseligmachende Wirkung nicht übermäßig groß ist. Ich halte diesen ernsthaften Predigtschwank durchaus nicht in der Wüste der Not, sondern in jenen Gefilden, wo die Fleischtöpfe Ägyptens gar heftig brodeln. Und da beißt nun keine Maus einen Faden daran ab, daß der »gebildete« Mensch aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, der ja doch ein Übermensch werden will, sich vor allem einmal vom Überessen zurückentwickeln muß zum Essen. Vielleicht hat nichts zu dieser Erkenntnis so sehr beigetragen als die nun zum Glück auch in der Versenkung verschwundenen Rekordmärsche.Plenus venterstudiert nicht nur, sondern marschiert auch nicht gern. Überall kamen die zähen, anscheinend ausgemergelten Läufer immer vor den Herkulesgestalten an. Ein richtiger David ist noch immer einem Goliath über gewesen. Beim Steinschleudern und sonst. Das zeigt sich auch beim einfachen, allem Sportgetriebe abholden Wandern.
Aber wir wollen doch ganz absehen von den äußeren Leistungen und nur von innerem Gewinn reden. Frau Aja erzählte, ihr Wolfgang habe mehr gesehen und erlebt, wenn er von Frankfurt nach Mainz reiste, als andere Leute auf großen Fahrten durch die Welt.Darumhandelt es sich aber! Nämlich um die Aufnahmefähigkeit und das persönliche Glücksempfinden beim Wandern. Schon aus reinem Egoismus müßte da jeder, der das Wandern ernst nehmen, als eine Lebensschule betrachten und als einen Quell des Glücks genießen will, einmal in einem guten, von einem verständigen Fachmann geschriebenen Buche die neue Lehre vom Essen studieren. Ob das in einem Werk des Engländers Fletscher, des Dänen Hindhede oder des Amerikaners Dew geschieht, ist gleichgültig. Dann würde er nach einigen praktischen Übungen und Erfahrungen innewerden, daß alle Nahrungsaufnahme zu einem Fest werden kann, wenn man, was bisher für eine Schande und für ein Zeichen von Unbildung gehalten wurde,ganz und gar bei der Sache ist. Etwa so, wie es kraftgenialisch und exzentrisch Goethe, der große Lebenskünstler, schildert in seinem Gedicht von den zwei Propheten und dem Weltkind in der Mitten. Dann braucht es sich aber gar nicht um gebackene Hahnen zu handeln wie damals. Beim ebenso bedächtigen wie hingebungsvollen Genießen der einfachsten Nahrung kann man dahinterkommen, daß Reichtümer von Wohlgeschmack in jedem Stück Butterbrot liegen, wenn man sie nur zu heben versteht.
Wir Städter rümpfen in manchen Dingen die Nase über das Landvolk, das von den Dilettanten des Wanderns mit gleichem Unrechtungebührlich über- wie unterschätzt wird. So beruht zum Beispiel der Vergleich zwischen dem hochentwickelten Appetit eines an einer Table d'hote mit fünf Gängen arbeitenden Essers mit demjenigen eines Scheuerndreschers auf irrigen Voraussetzungen. Wer's nicht glaubt, der möge einmal Bauernknechte oder -mägde beobachten, wie sie am Tisch um eine große Schüssel Milch sitzen, bedächtig löffeln und langsam dazu ihre Kartoffeln kauen und das Mahl höchstens mit einem kraftvollen und nicht für zarte Ohren geeigneten Spaße würzen. Es könnte sich manche Tafel, an der man vor Messerklirren, tollem Durcheinanderreden und Schmatzen fast selbst nichts mehr hört, ein Beispiel daran nehmen. Wer nach einem scharfen Marsch im kühlen Schatten einer alten Eiche oder einer mächtigen Tanne schon einmal allein seinen kargen Imbiß eingenommen hat, umfächelt vom streichenden Wind und unterhalten durch die Tafelmusik der summenden Hummeln, der lispelnden Blätter und der gluckernden Quellen, der weiß, was ich meine. Er weiß, daß man beim Essen nicht beten soll! Das Gebet soll im Essen selber liegen. Alles andere ist vom Übel. Man soll sich freuen. Das ist alles.
Einen anderen Grundsatz aber als denjenigen der größtmöglichen Mäßigkeit gibt es nicht, wenn man dieser einfachen Freuden teilhaftig werden will. Auch hier wirkt in ganz ungeahnter Weise das Naturgesetz von der denkbar stärksten Wirkung bei denkbar geringstem Kraftaufwand. Man muß nur immer die richtige Grenze zu finden wissen, und zwar immer nur für seine Person allein. Denn auch das ist ein unanfechtbarer Grundsatz, der sehr trivial klingt, aber ganz tiefe Geheimnisse enthält, daß, was für den einen gilt, nicht auch zugleich für den anderen richtig zu sein braucht: die eben erwähnte Grenze muß man langsam herausklauben lernen.
Phot. Ad. Saal.»Nun leb wohl, du kleine Gasse.«
Phot. Ad. Saal.»Nun leb wohl, du kleine Gasse.«
Phot. Ad. Saal.
»Nun leb wohl, du kleine Gasse.«
Es bleibt nur noch übrig, einige kleine Winke zu geben in der Richtung des besten Nahrungsmaterials. In dieser Beziehung werden mit der besten Absicht unendlich viel Torheiten begangen, genau so wie in der Richtung des Zuwenig oder Zuviel. Vor allem gilt eines, was zu wenig beachtet wird! Der Magen ist in Angelegenheiten des Essens und Trinkens immer viel klüger als das Gehirn, und alles unmittelbare Empfinden, das sich leise und in nachdrücklicher Stille geltend macht, trifft immer viel besser das Rechte als alle aus Büchern gelernten Theorien. Diese verwirren nur im gegebenen Fall, wo der Wanderer sich nicht klar ist, was und wieviel er jetzt gerade essen oder trinken soll. Da fängt die Hypochondrie an, die man sich doch wegwandern will. Die Selbsterziehung beim Wandern kommt also gar nicht auf dem üblichenWege durchs Gehirn und durch Vielwisserei, sondern sie muß sich darauf erstrecken, daß wir wieder Ohren bekommen – innerliche natürlich und nicht zu lange – Ohren für das feine Mahnen und Klopfen unseres Organismus und seiner einzelnen wichtigen Zentralen. Diese Art des Gehorsams hat nichts zu tun mit äußeren Vorschriften. Denn jeder Organismus ist etwas ganz Besonderes. Erst durch diesen freiwilligen Gehorsam – nicht unseren groben Instinkten, sondern unseren feinsten Empfindungen gegenüber – kommen wir zu einer unvermutet großen Freiheit des Körpers. Denn so wie alles Überschätzen des Körperlichen vom Übel ist, ebenso rächt sich alles Unterschätzen des von uns noch lange nicht mit allen seinen Wundern genügend erkannten Zellenbaus unseres Körpers. Zu einer allgemeiner verbreiteten und höheren Art von Kultur und Leben können wir aber in unserer Zeitenwende nur dadurch kommen, daß die den Zellenbau ihres Organismus bewußt beherrschenden Menschen zu gesunden Bauzellen eines höherstehenden gesellschaftlichen Organismus werden. Womit, nebenbei gesagt, die Zusammenhänge zwischen dem Wandernund den großen Kulturproblemen unserer Zeit genügend aufgedeckt sein dürfte.
Wer besondere Versuche mit vollwertigem Ernährungsmaterial machen will, der sei in erster Reihe auf frische Nüsse, Früchte, sodann Brot allererster Qualität (worüber im Anhang ein Rezept) und schließlich, wo frisches Obst und Früchte oder Nüsse nicht zu haben sind, auf die hervorragenden Nuß-, Honig- und ähnliche Präparate der Hamburger Nuxowerke verwiesen. Zu beachten wäre dabei immer, daß die leichteren und weniger nahrhaften dieser Präparate den kräftigeren und nicht immer kräftigenderen beim Wandern vorzuziehen sind. Den kaum ausbleibenden Vorwurf geschäftlicher Reklame für diesen Artikel auf dem Gebiet der Ernährungshygiene für den Wanderer werde ich mit gänzlicher Gelassenheit ertragen. Mit alledem soll aber nicht im geringsten einer einseitigen vegetarischen Ernährung mit ihren außerordentlichen Gefahren das Wort geredet werden. Wer daher dem natürlich empfundenen und nicht mehr zurückzudrängenden Bedürfnis nach einem solidenFilet aux Champignonsam Abend eines festen Marsches nachgibt und sich dabei eine halbe (für starke Männer eine ganze) Flasche Rebenbluts zu Gemüte führt, der kann eines herzlichen »Prosit!« und »Wohl bekomm's!« meinerseits sicher sein.