Vom Knipsen.
Die Sprache ist eine Verräterin. Durch alle möglichen Klangfarben; in den Worten deutet sie an, um was es sich in Wirklichkeit handelt. Wer nicht das Diebische, das Leichtfertige, Elsternhafte aus dem Wörtchen »Knipsen« heraushört, der weiß noch nichts von der verborgenen Musik der Worte, die hier doch ganz klar im Ton an »Stibitzen« erinnert. Die kleinen Detektivapparate, die seit einem Jahrzehnt etwa den roten Baedeker aus der Hand der »Vergnügungsreisenden« verdrängt haben, sind nichts anderes als kluge Behälter für die kleinen raschen Diebstähle draußen in der Natur. Die moderne Technik macht uns alles so bequem. Wer hat es nicht schon erlebt, das Bild: Auf dem Dampferverdeck eines der herrlichsten Seen Deutschlands stehen allerhand Reisende, Damen und Herren. Auf einmal taucht ein altes Schloß aus den Fluten auf. Ein allgemeines »Ah!« So drückt sich die rasche Begeisterung aus. Dann wird's auf einmal still. Wie auf Kommando werden Kodaks und andere Kameras hochgehoben und ein lautloses Pelotonfeuer auf das arme Schloß gerichtet. Ein paarknipsende Geräusche, wie wenn man einen Fingernagel am anderen wetzt, zucken durch die feierliche Stille. Dann beginnt wieder die Unterhaltung in allen Weltsprachen, und der nächste Film wird aufgedreht.
Der Seggenstein im Hessenlande.
Der Seggenstein im Hessenlande.
Der Seggenstein im Hessenlande.
Ich will die Kunst des Photographierens gewiß nicht herabsetzen und den ungeheuren Fortschritt auf diesem Gebiet bestreiten. Die Illustrationen dieses Buches würden mich teilweise selber Lügen strafen. Aber das Photographieren als Massenbetrieb ist eine grauenhafte Sache geworden. Denn nicht nur kann man nichts getrost nach Hause tragen, wenn man's nur schwarz auf weiß besitzt, sondern was das Licht auf die photographische Platte im Bruchteil einer Sekunde zaubert, ist lange nicht das, was wir in der Kamera unserer Augen, der das photographische Spielzeug ja nur nachgebildet ist, sammeln könnten.
Tafel VIWimpfen a. B.: Hohenstaufentor
Tafel VI
Tafel VI
Wimpfen a. B.: Hohenstaufentor
Wimpfen a. B.: Hohenstaufentor
Neckartal bei Neckargerach
Neckartal bei Neckargerach
Neckartal bei Neckargerach
Es liegt in allem rein Technischen eine merkwürdige Ironie. So etwas wie eine Strafe dafür, daß man sich mit untergeordneten Hilfsmitteln begnügt, wo wir doch alle über viel Größeres verfügen, wenn wir's nur erkennen und pflegen wollten. Ich meine die psychische Fähigkeit, alle äußeren Dinge, vor allem Landschaften und Stimmungen in der Natur, durch unser Augeunmittelbaraufzunehmen und wie durch eine konservierende Lösung den künstlerischen Gehalt des Geschauten durch unsere Seele ins Unterbewußtseinversinken zu lassen. Daß das möglich ist, das zeigt – um ein möglichst prägnantes Schulbeispiel anzuführen – der Fall aller jener Maler und Zeichner, die nach dem Gedächtnis reproduzieren. Ich kenne selber einen alten Akademieprofessor, der tagsüber im Café oder abends im Theater interessante Köpfe durch intensives Schauen sich derart tief einverleibt, daß er in der Nacht vor dem Schlafengehen die Gesichter aus dem Gedächtnis zeichnen kann. Sie sind fast immer porträtähnlich. Aus dieser alten bekannten Tatsache ziehen nur leider die allerwenigsten Wanderer den richtigen Schluß: Jeder Mensch ist bis zu einem gewissen Grade Zeichner, Maler, Dichter, Musiker. Denn: es gibt wirklich gar keine menschliche Fähigkeit, die der einzelne nicht in irgendeinem Grade selber besäße. Die Zeichnungen in den Wohnhöhlen unserer Vorfahren aus der Steinzeit lehren uns, wie stark damals schon der Mensch künstlerisch produktiv war. Das bildnerische Talent im Menschen und seine Anlagen zum Zeichnen und Malen werden nun aber durch die handwerksmäßige Liebhaberphotographie am meisten unterdrückt. Daß manche Menschen erst durch das Photographieren zu den ersten Sehübungen gelangen, wird damit gar nicht bestritten, wie denn ein jedes Ding bekanntlich seine zwei Seiten hat.
Da und dort dämmert ja die Ahnung vom Schaden des Knipsens schon auf, und manche Feinfühlige empfinden die Vorspiegelung falscher Tatsachen beim Photographieren recht lebhaft. Die Täuschung seiner selbst und des anderen liegt nämlich darin, daß – künstlerisch ausgedrückt – der schöpferische Vorgang zwischen dem Eindruck einerseits, den der Photograph von einer Landschaft hat, die ihn zur Wiedergabe reizt, und zwischen dem Resultat der Wiedergabe andererseits eine ganze Anzahl von Trübungen und Fälschungen durchmachen muß. Wer »nur so zum Spaß« photographiert, wird das natürlich nicht verstehen und es für überspannt halten. Wer aber sich ständig über sein eigenes Photographieren ärgert, auch wenn er künstlerisch schon recht ansehnliche Bilder zustande bringt, und dabei nicht darauf kommt, woran es eigentlich liegt, daß das fatale Gefühl einer ständigen Unbefriedigung nicht weichen will, dem möchte ich auf die Sprünge helfen.
Jeder Amateur weiß, daß die allerbesten Stimmungsbilder sehr häufig Zufallssache sind, wenn nicht die Stimmung bewußt durch kluge Mittel der Technik hineingetont wurde. Daß viele der schönsten Dämmerstimmungen bei ganz grellem Sonnenscheinlicht gemacht sind, dürfte auch weniger Unterrichteten bekannt sein. Jedenfalls gelingt es nicht sehr oft, gerade denjenigenStimmungswert photographisch aus einer Landschaft herauszuholen, der einen zur Wiederholung des Geschauten durch Negativ und Kopie gereizt hat. So ist es eben keine Ausnahme beim Photographieren, daß man, wie ein französisches Sprichwort sagt, auch Amseln ißt, wenn man keine Wachteln hat. Andererseits ist mancher Kamerajäger sehr erstaunt, wenn er nach scheinbar harmlosen photographischen Streifereien in der Dunkelkammer große Entdeckungen konstatiert. Vielen Liebhaberphotographen kommt es gar nicht zum Bewußtsein, daß eben hier eine im höheren Sinne nicht anders als Unwahrhaftigkeit zu nennende Trübung des künstlerischen Schaffens vorliegt. Aber die bei feineren Gemütern unausbleibliche Wirkung dieses inneren Vorgangs wird eben doch empfunden, genau so, wie der Aquarellist sich schämt, wenn er in Wasserfarben eine duftige Morgenstimmung aufs Papier hauchen wollte, die ihm vorbeigerät, die von einem Ahnungslosen aber als ein sehr hübscher Abendeffekt empfunden und gelobt wird.
Phot. Gottheit & Sohn, Königsberg.Aus Gilge, dem ostpreußischen Venedig.
Phot. Gottheit & Sohn, Königsberg.Aus Gilge, dem ostpreußischen Venedig.
Phot. Gottheit & Sohn, Königsberg.
Aus Gilge, dem ostpreußischen Venedig.
Aus diesen und manchen anderen Gründen greift mancher Wanderer wieder zu Bleistift und zum Skizzenbuch oder trägt anstatt der Kamera eine Blechschachtel mit Wasserfarben und einen guten Papierblock im Rucksack. Goethe hat sich in seinen späteren Jahren manchmal unmutig darüber geäußert, daß zu seiner Zeit »alles gezeichnet« habe. Aber abgesehen davon, daß der alte Herr eben auch manchmal, wohl vom Vater her, schulmeisterliche, engherzige Anwandlungen hatte, ist es doch jedenfalls noch hundertmal besser, alles zeichnet, denn alles knipst! Denn Zeichnen und Malen ist, mag es noch so unbeholfen ausfallen, kein mit dem leichten Schatten künstlerischer Unehrlichkeit behaftetes Knipsen, sondern – man erschrecke nicht über das neue Wort – ein Ipsen!
»Ego ipse!« Ich selber hab's gemacht! Das kann jeder sagen, der, an einem Rain oder auf einem Baumstamm sitzend, mit der Tücke des Objekts gerungen hat, das sich nur widerwillig den Absichten des Naturfreundes fügt. Aber dieses Bewußtsein ist das geringste. Der Wert des Zeichnens und des Malens liegt vielmehr darin, daß der Wanderer gezwungen wird, einmal das Bild, das er gern mit nach Hause nehmen möchte, intensiv auf sich wirken zu lassen, und zwar nach seinen Helligkeitswerten wie nach den allgemeinen Linien, nach seinen Farbentönen wie nach dem perspektivischen Aufbau. Kurz, er muß den Eindruck in seine Einzelbestandteile zerlegen und dann das erschaute Bild in seinem wesentlichsten Inhalt auf die denkbar einfachste Form in seinem Innern zusammenbringen. Dann erst kann der Vorgang der Wiedergabe beginnen.
So aber lernt man dasSchauen und das Schaffen. Selbst wenn das, was er auf das Papier mit Blei oder Farben zaubert, auch ein fauler Zauber ist, so hat er doch ein Stückchen der großen Arbeit geleistet, die jedes wirklichen Menschen Aufgabe bildet: die Wunder der Außenwelt in sich aufzusaugen, sich damit das Herz zu erfüllen, so groß oder klein es ist, und das Aufgenommene als eine neue Schöpfung herauszugestalten, sich selber zur Freude, manchmal auch anderen zur Lehre: nämlich zur Lehre, wie man dahinterkommt hinter die verborgenen Herrlichkeiten und Wunder der Welt.
Und das ist schonetwas.
Hans Thoma, der große Zauberer, der es mehr als fast alle anderen deutschen Maler verstanden hat, aus der Landschaft die Seele zu lösen und auf Leinwand zu bannen, hat vor nicht gar zu langer Zeit aus einem ähnlichen Gesichtspunkt heraus gegen die sonst sicher sehr schönen Künstlerdrucke geredet, die jetzt in den Schulenzum Schmuck und zur Belehrung die Wände zieren. Er haßt das Mechanische darin, das Unlebendige; und er meinte, auch das schlechteste Ölbild eines sehr bescheidenen Malers gäbe den Kindern mehr als ein Druck, weil sie da eine Idee davon bekommen können, wie solch ein Gemälde entsteht. Die Kinder sehen die Pinselstriche, mit denen die Farbe und damit das Bild auf die Leinwand getragen wurde. So kommen sie dahinter. Diejenigen, welche genügend begabt sind, werden auf diese Weise zum Nachmachen angeregt. Bei einem noch so vorzüglichen Steindruck aber ist der technische Werdevorgang viel schwerer zu erkennen.
Das ist ganz zweifellos so. Die Massenreproduktion zerstört den lebendigen Zusammenhang zwischen künstlerischem Erzeugnis und dem Beschauer. Das lehrt uns aber noch etwas anderes, für unseren Fall Wichtigeres. Kleine Skizzen, sei es mit Bleistift oder in Aquarell, enthalten etwas so Persönliches und haben so viel von dem innersten Ringen um Gestaltung in sich aufgesogen, daß sie, mögen sie auch noch so dürftig sein, für den Dilettanten selber viel bessere Schlüssel zur Erweckung vergessener Eindrücke sind als Photographien. Die Engländer, von denen wir noch manches lernen könnten, haben das Aquarellieren und Zeichnen auf Wanderungen schon lange geübt. Und ich war einmal Zeuge davon, wie ein früherer Zögling einer Ruskinschule einigen Bekannten seine nicht übermäßig gut geratenen Aquarellskizzen zeigte. Bei einer jeden von ihnen brach er, obwohl die Bildchen schon alt waren, in eine lebendige und humorvolle Schilderung der ganzen Situation aus, in der das Aquarell entstanden war. Das künstlerisch Unvollkommene rief seinen Erinnerungsschatz wach; und was er nun in Worten hinzufügte, gab uns allen ein noch viel lebendigeres Bild, als es die beste Skizze vermocht hätte. Ist nun aber einer gar so klug, seine unvollkommenen Bemühungen mit Bleistift und Papier für sich zu behalten und nie zu zeigen, so werden sie ihm in stillen einsamen Stunden die schönsten Geschichten aus seinen Wanderfahrten erzählen, noch besser, als alle Tagebücher dies vermöchten.
Ich habe hier nur gegen dieKnipsergeredet; gegen jene fatalen Wanderkameraden, die nichts ungeknipst lassen können. Dieser Tage fand ich in der Zeitschrift »Der Wanderer« einen ausgezeichneten Ausdruck für Photographenapparat, einen wahren Kernschuß der Sprachreinigung: »Die Strahlenfalle« nennen die Gesellen eines hannöverschen Wanderbundes den Kodak ebenso bezeichnend als witzig! – Wie wär's, wenn man auch von den »Strahlengefallenen« reden würde, womit die Leute gemeintwären, die nicht mehr wissen, daß der Mensch bei der Geburt zwei wundervoll arbeitende »Strahlenfallen« mitbekommen hat, die in der Regel kein Licht mehr ausstrahlen, sobald sie das Einstrahlenlassen verlernt haben.
Hofphot. C. Eberth, Cassel.Kirchbauna bei Cassel.
Hofphot. C. Eberth, Cassel.Kirchbauna bei Cassel.
Hofphot. C. Eberth, Cassel.
Kirchbauna bei Cassel.
Ich sage nichts gegen das Photographieren einzelner begabter Amateure. Ich besitze selbst eine Sammlung von geschenkten Lichtbildern, deren Durchsicht mir schon mehr als einmal nicht nur immer wieder neue Erinnerungswerte zum so und so vielten Male verschaffte, sondern auch jenen fast an die Grenze des Kunstgenusses grenzenden Genuß bereitete, der von untheatralischen, mit keuschen Sinnen und mit zarten Fingern aufgenommenen und liebevoll »entwickelten« Photos ausgeht. Ich rede also nur gegen die neue Naturkleptomanie der wandernden Nurknipser, gegen jene Filmpest, die nur ein weiterer Schritt zu der Entpersönlichung des Menschen und seiner Entwürdigung zum Maschinisten einer Unzahl von wunderbarfeinen technischen Apparaten ist, die ihm aber nach und nach die Hände, die Füße, die Augen und schließlich auch – das Herz ersetzen. Und derDeus ex machinataugt auch auf diesem Gebiete nichts. Er gibt scheinbar und raubt dafür um so mehr! Und dusollstdich nicht berauben lassen, du Wanderer, der du einer neuen Zeit der Fülle und der Helle entgegengehst!