Ein Nachwort
Sommer und Winter kamen und gingen. Russenstürme zerschellten vor den Hindernissen. Unerschüttert hielt das deutsche Ostheer in seinen Gräben. Und wieder monatelange stille Wacht hinter Brustwehr und Drahtverhau. –
Die Frühlingsstürme des vierten Kriegsjahres brausten über die Lande. Im Osten entfachten sie den Krieg nicht zu neuen Gluten. Aber drüben in Frankreich brannte er lodernd auf, an der Aisne und bei Arras. Die vereinte Kraft der Westmächte rannte Sturm gegen die deutsche Mauer. Walter Flex hielt es nicht länger in der Stille des östlichen Stellungskriegs. Es trieb ihn nach dem kampfdurchwogten Westen:
»Ich habe mich mit ein paar Kameraden, darunter ein prächtiger alter Major, freiwillig zur Westfront gemeldet. Schwer ist's mir nur geworden im Gedanken an meine Mutter, die auch noch nichts davon weiß. Im übrigen kennen Sie mein Denken. Es ist nicht damit getan, sittliche Forderungen aufzustellen, sondern man muß sie an sich vollstrecken, um ihnen Leben zu geben. Abenteurerlust und Idealismus sind zu Anfang des Krieges viel verwechselt worden, und der unbeugsame und zu keiner Konzession bereite Idealismus, in dem allein das Heilfür Gegenwart und Zukunft unseres Volkes liegt, ist selten geworden. Ihr Brief gibt mir willkommene und dankbar ergriffene Gelegenheit, mich zu einem gleichgesinnten Menschen auszusprechen, zumal Sie selbst an die Stimmung rühren, in der ich mich in dieser Schicksalsstunde unseres Volkes befinde, wenn Sie schreiben: ›Es steht mir allerlei Sorgliches vor der Seele, wenn ich an Sie denke.‹ Dazu ist kein Anlaß. Diese Sorge wäre nur begründet gewesen, wenn ich durch Verzicht auf meine Meldung die Einheit zwischen Handeln und Denken aus Herzensrücksichten verletzt hätte. Ich bin heute innerlich so kriegsfreiwillig, wie am ersten Tage. Ich bin's und war es nicht, wie viele meinen, aus nationalem, sondern aus sittlichem Fanatismus. Nicht nationale, sondern sittliche Forderungen sind's, die ich aufstelle und vertrete. Was ich von der ›Ewigkeit des deutschen Volkes‹ und von der welterlösenden Sendung des Deutschtums geschrieben habe, hat nichts mit nationalem Egoismus zu tun, sondern ist ein sittlicher Glaube, der sich selbst in der Niederlage oder, wie Ernst Wurche gesagt haben würde, im Heldentode eines Volkes verwirklichen kann … Eine klare Grenze des Denkens habe ich freilich immer festgehalten: ich glaube, daß die Menschheitsentwickelungihre für das Individuum und seine innere Entwicklung vollkommenste Form im Volke erreicht, und daß der Menschheitspatriotismus eine Auflösung bedeutet, die den in der Volksliebe gebundenen persönlichen Egoismus wieder freimacht und auf seine nackteste Form zurückschraubt. Mein Glaube ist, daß der deutsche Geist im August 1914 und darüber hinaus eine Höhe erreicht hat, wie sie kein Volk vordem gesehen hat. Glücklich jeder, der auf diesem Gipfel gestanden hat und nicht wieder herabzusteigen braucht. Die Nachgeborenen des eigenen und fremder Völker werden diese Flutmarke Gottes über sich sehen an den Ufern, an denen sie vorwärtsschreiten. – Das ist mein Glaube und mein Stolz und mein Glück, das mich allen persönlichen Sorgen entreißt …«
Sein Wunsch, sich in den entscheidungsvollen Kämpfen des Westens einzusetzen, blieb unerfüllt. Ein mehrwöchiges Kommando rief ihn nach Berlin. Heißen Herzens verfolgte er von dort das Schicksal seiner Kameraden: Sein Regiment kämpfte um Tarnopol. Er erreichte es rechtzeitig, um an der Eroberung Rigas teilzuhaben. Frohe Grüße flogen in die Heimat: »Ich bin ganz glücklich, dabei sein zu dürfen.« Auf Riga folgte Ösel. Ausden neuen Angriffsvorbereitungen heraus schrieb er weiter:
»Von den Kameraden, die vor Monaten nach dem Westen gingen, ist kaum einer mehr am Leben. Es waren ein paar prächtige Menschen darunter, mit denen ich gern hinausgegangen wäre. Ich sehe sie noch am Bahnhof aus dem abfahrenden Zuge winken. ›Schad' daß Sie nicht mitkommen!‹ rief mir Erichson noch zu, der Mecklenburger, der mit Wurche und mir vor Augustow in der 9. Kompanie das Zugführer-Kleeblatt bildete. Nun liegt er auch vor Verdun begraben. Hätte er damals geahnt, daß wir kurz darauf Tarnopol und Riga mitschlagen sollten, er wäre wohl bei uns geblieben. Wo wäre ich wohl heute, wenn meine Meldung damals nicht kassiert worden wäre? Zufälligkeiten oder Bestimmung? Dankbar bin ich immer von neuem für das Gleichgewicht des Herzens, das mir nie ernstlich erschüttert worden ist. Nicht etwa, daß ich das Gefühl hätte, vor anderen bewahrt und aufgehoben zu sein – aber ich habe das geruhige, innere Wissen, daß alles, was mit mir geschieht und geschehen kann, Teil einer lebendigen Entwicklung ist, über die nichts Totes Macht hat …«
An dem Tage, der diesen Brief in die Heimatbrachte, traf ihn auf Ösel die tödliche Kugel. Er hatte seine neunte Kompanie zum Angriff auf Lewwal entwickelt. Das Gefecht neigte sich zu siegreichem Ende. Unschlüssig zwischen Widerstand und Übergabe schwankend hielten die Russen noch vor Peudehof. Sein linker Zugführer geht vor und fordert Ergebung. Russische Offiziere erklären den Ankommenden für gefangen. Der springt zurück, das Gewehr im Anschlag: »Herr Leutnant, sie wollen sich nicht ergeben!« Walter Flex hat ein russisches Beutepferd gegriffen und reitet vor. Ein Schuß kracht und fehlt ihn. Er zieht den Säbel, der ihm am Sattel hängt. Mit blanker Klinge reitet er gegen den Schützen an. Gewehrfeuer schlägt ihm entgegen. Eine Kugel fährt ihm durch die Degenhand in den Leib und wirft ihn vom Pferd. Seine Kompanie greift an. Die Russen heben die Hände. Sie sind gefangen. – Die ersten Worte des Verwundeten fragen nach dem Stand des Gefechts. Die Antwort läßt ihn beruhigt zurücksinken.
Seine Leute trugen ihn in eine nahe Hütte. Heiteren Herzens erreichte er das Lazarett. Seinem treuen Burschen diktierte er diese Karte: »Liebe Eltern! Diese Karte diktiere ich, weil ich am Zeigefinger der rechten Hand leicht verwundet bin. Sonst geht esmir sehr gut. Habt keinerlei Sorge. Viele herzliche Grüße! Euer Walter.«
Am nächsten Tage, am Geburtstag seines ihm im Soldatentod vorangegangenen jüngsten Bruders, ist er gestorben. Eins im Leben und Sterben wie im Denken und Handeln ist er stille eingegangen zum größten Erleben, ein wegesicherer Wanderer zwischen beiden Welten. –
Der Abend brachte seinem Regiment den Marschbefehl. Die Nachtstunden, die vor dem Aufbruch verblieben, führten seine Leute zusammen zu stillem Totendienst: Laubgewinde wuchsen unter ihren Händen zu letztem Gruß und Dank.
Das Regiment marschierte. Neun Leute seiner lieben Kompanie blieben zurück. Im Morgenlicht betteten sie ihn in der grünen Ostseeinsel, die sein Herzblut trank. Graugänse rauschten über die frische Erde nach Süden. –
Er ruht in deutscher Erde, wo einst das alte Ordensschloß von Peude stand. Eichenkränze, die ihm Soldatenliebe wand, schmücken Kreuz und Grab. In den Winden des baltischen Meeres webt sein letztes Lied von der lebenspendenden Kraft rein vergossenen Blutes. Der Nordwald rauscht über den Hügeln:
»Wir sanken hin für Deutschlands Glanz.Blüh, Deutschland, uns als Totenkranz!Der Bruder, der den Acker pflügt,ist mir ein Denkmal wohlgefügt.Die Mutter, die ihr Kindlein hegt,ein Blümlein überm Grab mir pflegt.Die Büblein schlank, die Dirnlein rankblühn mir als Totengärtlein Dank.Blüh, Deutschland, überm Grabe meinjung, stark und schön als Heldenhain!«
»Wir sanken hin für Deutschlands Glanz.Blüh, Deutschland, uns als Totenkranz!Der Bruder, der den Acker pflügt,ist mir ein Denkmal wohlgefügt.Die Mutter, die ihr Kindlein hegt,ein Blümlein überm Grab mir pflegt.Die Büblein schlank, die Dirnlein rankblühn mir als Totengärtlein Dank.Blüh, Deutschland, überm Grabe meinjung, stark und schön als Heldenhain!«
Im Felde, November 1917.
Martin Flex.