Dritter Abschnitt.Die zeichnerischen Darstellungsweisen.
Man kann sich einig sein über den mannigfachen Wert einer Wissenschaft oder einer Kunst. Man kann ihre Pflege in den Schulen für eine dringende Notwendigkeit erklären, und man kann doch rat- und tatlos dastehen, sobald es sich um die praktische Durchführung handelt. Aus dem einfachen Grunde,weil es an Kräften fehlt, die jeneWissenschaft oder Kunst in rechter Weise vermitteln. Mit der obligatorischen Einführung des Zeichenunterrichts in den allgemein bildenden Schulen, mit der detaillierten Aufstellung eines Lehrplans und bestimmter methodischer Grundsätze ist noch wenig erreicht. Die Hauptsache ist und bleibt – wie überall im Unterricht so auch hier –der Lehrer selbst.
Nun hat die deutsche Lehrerschaft wohl den besten Willen, zu leisten und durchzuführen, was sie selbst als besser und fortschrittlicher einsehen gelernt hat; aber ihre eigene Ausbildung verlief vielfach in Bahnen, die unserer Zeit als Irrwege gelten. Die Mehrzahl der heute an öffentlichen Schulen tätigen Lehrer wurde während ihrer Studienjahre zeichnerisch verbildet. Durch die Stuhlmannsche Methode oder durch jahrelanges Kopieren Weishauptscher oder Herdtlescher Vorlagewerke wurden Kraft und Lust zu freier Gestaltung, ja die Freude am ganzen Fache so gründlich ausgetrieben, daß man sich später scheute, die alte Plage zu erneuern. Man ließ – ohne es zu ahnen – eines der wirksamsten didaktischen Hilfsmittel ungenützt zur Seite liegen und half sich auf andre Weise durch. Man verlor zuletzt den Glauben an die eigene Fähigkeit – trotz des »Seminareinsers«. Man stand bewundernd und bedauernd vor dem Schüler, der aus eignem Antrieb heraus zu zeichnen begann, und wußte weder ihm noch sich selbst zu helfen. Man kaufte sich diesen oder jenen modernen Lehrgang; zu einem rechten Verarbeiten aber wollte es nicht kommen. Irgendeinen Kursus zu besuchen, war nicht jedermann möglich. Und selbst wer so glücklich war, fand in der Regel in diesen fachmännisch geleiteten Kursen nicht das, was gerade erfür seine Schularbeitsuchte und brauchte. Der Betrieb gestaltete sich fast ausschließlich nach der Natur des Faches und nahm zu wenig oder gar keine Rücksicht auf die Natur des Kindes. Beides aber muß in Einklang gebracht werden. Ist dies möglich?
Zeichnen ist ein künstlerisches Fach, ein Zweig der bildenden Kunst. Zeichnen entnimmt seine Gesetze dem Reiche der Kunst. Wer sich klar darüber werden will, welcher Art diese Normen sind, der muß die Wissenschaft der Kunst, die Ästhetik, zu Rate ziehen. Wie überall in didaktischen Fragen, so offenbart sich auch hier der pädagogische Grundwissenschaftscharakter dieser philosophischen Disziplin.
Der bildende Künstler will die Welt des Sichtbaren mit sichtbaren Ausdrucksmitteln wiedergeben. Die Welt des Sichtbaren besteht – real genommen – eigentlich nur aus Körpern. Linien, Flächen, Farben und Lichter sind Abstraktionen, die in Wirklichkeit gar nicht für sich vorkommenkönnen, sondern nur an Körpern. Der dünnste Seidenfaden ist ein Körper, keine Linie. Der feinste Papierbogen hat Länge, Breite, Dicke, ist also ein dreidimensionales Gebilde. Der kleinste Punkt, den wir mit dem Stift oder mit der Kreide zu geben suchen, ist körperhafter Natur.
Die der Natur selbst am meisten analoge Wiedergabe der sichtbaren Welt ist darum dieplastischeGestaltung, die körperhafte Nachbildung, wie sie der Bildhauer versucht. Wenn der Plastiker einen Menschen – eine Bismarckstatue z. B. – modelliert, so tut er dasselbe, was nach der biblischen Darstellung der Schöpfer bei Herstellung des ersten Menschen getan haben soll: er formt und knetet aus bildsamer Masse einen menschlichenKörperund haucht ihm – biblisch gesprochen – mittels seiner Kunst eine menschliche Seele ein.
Dem Maler und dem Zeichner aber erwächst eine andere Aufgabe. Sie gestalten zwar auch Körperliches, weil die Außenwelt, die sie nachbilden, nur Körperliches bietet; aber sie haben bei ihrer Gestaltungsarbeit nicht drei, sondernnur zwei Dimensionenzur Verfügung. Vor dem Zeichner liegt nur eine Fläche – eine Tafel, ein Papier oder eine Leinwand – und auf diesem zweidimensionalen Gebilde soll er die dreidimensionale Außenwelt wiedergeben. Das Papier, die Leinwand haben wohl auch eine Dicke – eben weil es Dinge der Außenwelt, also Körper, sind – aber diese dritte Dimension kommt für den Künstler nicht in Betracht. Er kann nur mit der ihm zugewandten Fläche rechnen. Er weiß: da draußen ist ein Ding, das Länge, Breite und Dicke hat, und hier ist eine Fläche, die mir nur Länge und Breite zur Verfügung stellt. Und doch soll er Wirklichkeit nachbilden. Jenes körperliche Gebilde soll flächenhaft wiedergegeben werden. Diese Aufgabe stellt ihn vor ein Problem. Auf doppelte Weise kann sich die Lösung vollziehen. Ein Beispiel möge es erläutern:
Nehmen wir an, eineZündholzschachtelsoll dargestellt werden. Wir wissen: die Schachtel hat sechs Flächen, von denen je zwei einander gleich sind. Es müßten also nur drei Flächen gezeichnet werden, aber in welcher Weise? Schauen wir von oben auf die Schachtel, so sehen wir die größte (Abb. 1a), bei einer Vierteldrehung die mittlere (Abb. 1b) oder die kleinste (Abb. 1c) Fläche. Wir können die drei Flächen mit genauer Angabe ihrer Größe zeichnerisch darstellen (Abb. 1a,b,c) – ein rechtes Bild der Schachtel aber würden wir auf diese Art nicht erhalten. Es fehlt der Zusammenhang.
Wir könnten versuchen, diesen Zusammenhang dadurch zu erzielen, daß wiralleFlächen in ihrerVerbindungdarstellen: die Schachtelhülsemit ihren vier (Abb. 2) und die innere Schachtel mit ihren fünf (Abb. 3) Flächen. Wir könnten, indem wir die neun Flächen mit der Schere ausschnitten und entsprechend zusammenklebten, sogar das Modell einer Zündholzschachtel aus Papier darstellen. Aber das wäre im Grunde genommen doch nur eineplastische, keine zeichnerische Gestaltung.
Abb. 1Abb. 1
Abb. 1
Abb. 2Abb. 2
Abb. 2
Abb. 3Abb. 3
Abb. 3
Abb. 4Abb. 4
Abb. 4
Die rechtezeichnerischeDarstellung käme erst zustande, wenn jene drei doppelt vorhandenen Flächen in ihremZusammenhangals Grundriß, Aufriß, Seitenansicht durch eine bestimmte Lagerung entsprechend gekennzeichnet würden. Etwa folgendermaßen: (Abb. 4). Auf diese Weise bekämen wireine wissenschaftliche Skizze. Sie zeigt uns, wie der Körperin Wirklichkeit ist. Aber nur ein für zeichnerische Projektion geschultes Auge wird diese Darstellung richtig deuten können. Denn die Zündholzschachtelsiehtin Wahrheit garnicht so aus. Wir haben inAbb. 4immer nur Rechtecke vor uns, nur Flächenbilder, nicht Körperbilder. Es wird zwar wiedergegeben, wie die Schachtel nach ihren verschiedenen Ausdehnungen ist, aber nicht, wie sie dem menschlichen Augeerscheint. Soll dieserAugeneindruckwiedergegeben werden, so muß ein anderer Weg eingeschlagen werden. Zu den dargestellten Flächen muß die Dicke des Körpers treten – seineTiefemußvorgetäuschtwerden. Die Außenwelt muß so dargestellt werden,wie sie sich auf der Netzhaut des Auges projiziert.
Das ist das Eigenartige in der Welt des Sichtbaren: wohl gibt es draußen in der Außenwelt nur Körper; aber in unsrer Innenwelt, auf der Netzhaut des menschlichen Auges, finden sich nur Flächen, nur zweidimensionale Bilder einer dreidimensionalen Wirklichkeit. Auch das Papier, auch die Leinwand sind Flächen, analog der Augennetzhaut. Es handelt sich also darum, daskörperhaftwirkende Bild auf der Netzhautflächeso auf der Papierflächewiederzugeben, daß es auch hierkörperhaftenEindruck im Betrachter erwecken kann.
Abb. 5Abb. 5
Abb. 5
Abb. 6Abb. 6
Abb. 6
Stellen wir jene Zündholzschachtel derart, daß sie uns eine ihrer senkrechten Kanten zukehrt, so sehen wir die Hälfte ihrer sechs Flächen: von je zwei gleichgroßen und gleichgestaltigen Flächen eine. Eine Wiedergabe dieser drei Flächen müßte also das rechte Wirklichkeitsbildergeben, sofern wir so darstellen, wie die Flächen unserm Augeerscheinen. Bei näherem Zusehen wird sich nämlich zeigen, daß besonders zwei Flächen von der Rechteckfigur stark abweichen. Wir könnten versuchen, diese Umwandlung durch Rauten oder Rhomboide auszudrücken, wie es die sogen.Parallelperspektivetut (Abb. 5au.b). Allein auch diese Darstellung würde der Erscheinung nicht gerecht werden. In Wahrheiterscheintkeine Fläche mehr als Rechteck, keine als Raute und keine als Rhomboid. Es sind vielmehr Vierecke, bei denen keine Seite mehr der andern gleich ist, bei denen kein Winkel mehr mit dem gegenüberliegenden übereinstimmt (Abb. 6).
Die Gesetze derPerspektivewerden in ihre Rechte eintreten und Berücksichtigung fordern. Wir werden ferner finden, daß die eine Fläche heller, die andre dunkler erscheint, daß Farben und Schlagschatten zu sehen sind und was der Belichtungserscheinungen sonst noch sein mögen.
Das auf diese Art entstandene Bild ist grundsätzlich verschieden von jener wissenschaftlichen Skizze, die der denkende Verstand konstruierte. Handelte es sich dort um eine Wiedergabe des wirklich Existierenden,so finden wir hier eine Wiedergabe der sichtbaren Erscheinung. Im Gegensatz zu jenerwissenschaftlichenDarstellung haben wir es hier mit einerkünstlerischenzu tun. Diese beiden Darstellungsweisen muß der Zeichner scharf auseinanderhalten. Beide haben ihre Berechtigung; aber beide verfolgen durchaus verschiedene Zwecke. Beide können einander unterstützen. Über beide Darstellungsweisen muß sich klar sein, wer die Welt des sichtbaren mit zeichnerischen Mitteln wiedergeben möchte. In beiden muß darum unterrichtet werden, wo Zeichnen gelehrt werden soll.
Noch ein zweiter Unterschied muß dem Zeichner klar geworden sein: der zwischen dem Zeichnennach der Vorstellungund dem Zeichnennach der Wirklichkeit. Die alte Schule kannte – wie wir sahen – eigentlich keines von beiden; denn sie betrieb den Zeichenunterricht fast ausschließlich nach Vorlagen und nach Modellen, die eigens für den Zeichenunterricht präpariert wurden: nach geometrischen Vollkörpern, nach Stabmodellen und nach Gipsabgüssen. Die Reformer verwarfen diese Hilfsmittel und forderten ein Zeichnen nach der Natur und ein Zeichnen nach dem Gedächtnis oder nach der Phantasie.
Bei näherem Zuschauen erweist sich allerdings der Unterschied zwischen dem Zeichnen nach der Vorstellung und dem Zeichnen nach der Wirklichkeit nur als gradueller, nicht als wesentlicher; denn jedes Zeichnen nach der Vorstellung ist zugleich ein Zeichnen nach der Wirklichkeit, ist doch nach einem alten Spruch nichts im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen war. Alles – auch was wir aus dem Gedächtnis, aus der Erinnerung, aus der Phantasie heraus zeichnen – muß vorher – wenigstens in den Elementen – wirklich gesehen worden sein. Umgekehrt ist jedes Zeichnen nach der Wirklichkeit auch zugleich ein Zeichnen nach der Vorstellung; denn kein Zeichner, auch wenn er noch so sehr darnach strebt, nur wiederzugeben, was ihm die Wirklichkeit zeigt, gibt reine, volle Wirklichkeit, sondern nur Ausschnitte, irgendein Etwas, worauf sein Interesse eingestellt war. Und jeder gibt diesen Ausschnitt nur so, wie er in seiner Seele sich ein Bild, eine Vorstellung davon geschaffen hat. Wenn zehn Maler dieselbe Landschaft zeichnen, so werden nicht zehn gleiche, sondern zehn verschiedene Bilder entstehen, und ein geschultes Auge wird – sofern es sich um bekannte Künstler handelt – auf den ersten Blick die Schöpfer der einzelnen Bilder erkennen können; denn jeder wählte anders aus, jeder vereinfachte und charakterisierte auf seine eigene Art. Die Persönlichkeit wandelt das Wirklichkeitsbild um. Keiner gibt die Wirklichkeit objektiv wieder, sondern nur, was von ihr in seiner Vorstellung lebte.
Wenn der Zeichner auch bei jedem Strich, den er zu Papier bringt,vorher die Wirklichkeit anschaut, im Moment der Niederschrift ist doch der Blick auf den Strich gerichtet, der darum unmittelbar durch die Vorstellung und nur mittelbar durch die Wirklichkeit dirigiert wird. Das gleiche ist jedoch auch beim Zeichnen nach der Vorstellung der Fall. Der ganze Unterschied ist also nur darin zu suchen, daßdie zeitliche Differenzzwischen dem Betrachten der Wirklichkeit und der graphischen Darstellung beim Zeichnen nach der Vorstellung eine große, beim Zeichnen nach der Wirklichkeit eine kleine ist.
Beide Arten haben ihre Berechtigung; in beiden Weisen werden wir uns üben müssen, wenn wir zeichnerische Schulung anstreben. Es fragt sich nun nach diesen mehr theoretisch gehaltenen Erwägungen, welchen Weg wir in der Praxis am besten einschlagen, um den verschiedenen Forderungen entsprechen und um möglichst rasch und möglichst sicher dem erstrebten Ziele nahe kommen zu können.