Chapter 13

„Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme der Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich vom27. September, aufgestellte Programm als Grundlage für die Friedensverhandlungen an.Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung, den sofortigen Abschluß eines allgemeinen Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft herbeizuführen.“

„Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme der Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich vom27. September, aufgestellte Programm als Grundlage für die Friedensverhandlungen an.

Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung, den sofortigen Abschluß eines allgemeinen Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft herbeizuführen.“

Die besondere Bezugnahme auf Wilsons Rede vom 27. September 1918 in der um Waffenstillstand und Friedensverhandlungen bittenden Note macht es nötig, darauf hinzuweisen, daß der Präsident in dieser Rede unter anderem gesagt hatte:

„Wir sind uns alle einig darüber, daß es keinen Frieden geben darf, der durch irgendeine Art von Handel oder Kompromiß mit den Regierungen der Mittelmächte erreicht wird... Sie haben uns davon überzeugt, daß sie ohne Ehre sind und nicht Gerechtigkeit wollen. Sie beobachten keine Verträge und erkennen keinen Grundsatz an als den der Gewalt und ihres eigenen Interesses... Dem deutschen Volk muß jetzt klar geworden sein, daß wir nicht den Worten derjenigen trauen können, die uns diesen Krieg aufgezwungen haben.“

Faustschläge in das deutsche Gesicht! Aber die neue deutsche Regierung nahm in ihrer Note an den Mann, der diese Faustschläge ausgeteilt hatte, ausdrücklich auch die Rede vom 27. September als „Grundlage für Friedensverhandlungen“ an. Man kann sich ausmalen, in welchen Respekt sie sich damit bei dem Empfänger der Note setzte!

Prinz Max brachte die Note an den Präsidenten Wilson in seiner Rede vom 5. Oktober zur Kenntnis des Reichstags und des deutschen Volkes.

Zur Begründung führte er aus, er habe diesen Schritt bei dem Präsidenten Wilson getan, weil das von diesem aufgestellte Programm für den allgemeinen Frieden von uns als Verhandlungsgrundlage angenommen werden könne, und weil die „auf das künftige Glück der Völker“ gerichteten Gedanken, die Herr Wilson verkünde, „sich völlig mit den allgemeinen Vorstellungen im Einklang befinden, in denen sich auch die neue deutsche Regierung und mit ihr die weit überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes bewegt“.

Er machte einen Versuch, mit dem Ersuchen an Wilson einen Anschein der Entschlossenheit zu verbinden: Er wisse, daß das Ergebnis seiner ersten Handlung, wie es auch ausfallen möge, Deutschland fest entschlossen und einig finden werde sowohl zu einem redlichen Frieden als auch zu dem Endkampf auf Leben und Tod, zu dem unser Volk ohne eigenes Verschulden gezwungen wäre, wenn die Antwort der mit uns im Kriege stehenden Mächte von dem Willen, uns zu vernichten, diktiert sein sollte.

Noch am 22. Oktober sprach der Reichskanzler Prinz Max im Reichstag die Worte:

„Wer sich ehrlich auf den Boden des Rechtsfriedens gestellt hat, der hat zugleich die Pflicht übernommen, sich nicht kampflos einem Gewaltfrieden zu beugen. Eine Regierung, die hierfür kein Empfinden hat, wäre derVerachtung des kämpfenden und arbeitenden Volkes preisgegeben.“

Auch der Führer der Sozialdemokraten, Herr Ebert, bekannte sich in der gleichen Reichstagssitzung angesichts der Möglichkeit, daß „die Herrschenden der feindlichen Länder uns einen bedingungslosen Frieden aufzwingen wollten“, zu der „Politik der Landesverteidigung, heute, wie am 4. August 1914, getreu uns selbst, getreu unserem Volke und seiner Zukunft“.

Aber hinter diesen Worten des Kanzlers und des Sozialistenführers wie hinter ähnlichen Worten der anderen Mehrheitsparteiler stand keine Kraft und keine Tat. Alle die wunderbaren Volkskräfte, die nach den Worten der „Frankfurter Zeitung“ durch die demokratischen Reformen entfesselt werden sollten, entfesselt zur Rettung des Vaterlandes, blieben ungenutzt. Die neue Volksregierung tat nichts, um das Volk aufzurütteln, nichts, um das Volk zur Verteidigung seiner höchsten Güter zu führen. Im Gegenteil! Die neuen Herren wendeten ihr ganzes Interesse den „inneren Reformen“ zu, und die Leitung unserer auswärtigen Politik tat das Schlimmste, was sie tun konnte: in einer Lage, in der nur eine rasche Entscheidung uns die Möglichkeit wahren konnte, Volk und Heer zusammenzuhalten und zu einem letzten Kampf um Freiheit und Dasein zu entflammen, setzte sie Volk und Heer fünf lange Wochen hindurch der Zermürbung aus, indem sie mit Wilson einen Notenaustausch führte, der an Kläglichkeitin der Weltgeschichte wohl kaum seinesgleichen hat. Die unerhörtesten Demütigungen wurden höflich quittiert und Schritt für Schritt wurde in ständigem Zurückweichen als Voraussetzung für Waffenstillstands-Verhandlungen alles zugestanden, was äußerstenfalls Inhalt des Waffenstillstandsvertrages hätte sein dürfen; ja mehr als das! Ganz besonders verheerend auf die moralische Kraft des Volkes mußte die Tatsache wirken, daß die Organe der jetzt die Geschicke des Reiches lenkenden Mehrheitsparteien sich zur eigenen Deckung öffentlich darauf beriefen, daß die Oberste Heeresleitung die militärische Lage als aussichtslos ansehe und mit allem Nachdruck auf der sofortigen Herbeiführung des Waffenstillstandes bestehe.

Schon in seiner ersten Antwort auf unser Ersuchen, die am 8. Oktober erteilt wurde, verlangte Herr Wilson die Bestätigung dafür, daß die deutsche Regierung die in seiner Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und seinen folgenden Kundgebungen aufgestellten Bedingungen in dem Sinne annehme, daß der Zweck der Verhandlungen nur die Verständigung über die praktischen Einzelheiten ihrer Anwendung sein würde.

Diese Bestätigung wurde von der deutschen Regierung in ihrer Antwort vom 12. Oktober gegeben. Damit war die Illusion zerstört, daß Herr Wilson mit der Benutzungseines Programms als „Grundlage der Friedensverhandlungen“ zufrieden sein und über einzelne Punkte mit sich reden lassen werde. Ja, nach der von Herrn Wilson verlangten Bestätigung mußte man damit rechnen, daß er auch das Recht der Auslegung seiner sich keineswegs durch kristallene Klarheit auszeichnenden Leitsätze für sich allein beanspruchen werde.

Der Präsident verlangte ferner in seiner Antwort vom 8. Oktober als Voraussetzung für die Weitergabe des Vorschlags eines Waffenstillstandes an seine Verbündeten die Räumung der sämtlichen von den Truppen der Mittelmächte noch besetzten Gebiete. Die deutsche Regierung erklärte sich auch hierzu bereit. Die elementarste Klugheit hätte erfordert, diese Räumung nicht als Voraussetzung für Waffenstillstandsverhandlungen, sondern höchstens als Bedingung des Waffenstillstandes zuzugestehen. Hätten wir unsere Feinde damals noch vor die Wahl zwischen der kampflosen Preisgabe der besetzten Gebiete und deren Verwüstung durch einen im zähesten Ringen erfolgenden Rückzug gestellt, so hätte sich auch bei unseren Feinden manche Stimme für einen billigen Waffenstillstand geregt, die sich jetzt gestatten konnte, zu schweigen.

Der Präsident fragte schließlich an, ob der Kanzler nur für diejenigen Gewalten des Reiches spreche, die bisher den Krieg geführt hätten. Gemeint waren offenbar der Kaiser und die Oberste Heeresleitung. Die deutsche Antwort verwies auf den parlamentarischen Charakter der Regierungdes Prinzen Max. Der Reichskanzler spreche im Namen der deutschen Regierung und des deutschen Volkes. Der Deutsche Kaiser, der doch immerhin auch noch ein Faktor im deutschen Verfassungsleben war, wurde unterschlagen.

Herr Wilson nahm zu der deutschen Antwort vom 12. Oktober in einer weiteren Note seines Staatsdepartements vom 14. Oktober Stellung. Er stellte zunächst die „uneingeschränkte Annahme“ der von ihm in seinen Botschaften niedergelegten Bedingungen fest. Er erklärte ferner, daß die Modalitäten der Räumung der besetzten Gebiete sowie die Bedingungen des Waffenstillstandes Angelegenheiten seien, die „dem Urteil und dem Rat der militärischen Berater der Regierung der Vereinigten Staaten und der Alliierten überlassen werden müßten“ und daß er und die mit ihm verbündeten Regierungen keine Regelung annehmen würden, „die nicht völlig befriedigende Sicherheiten und Bürgschaften für die Fortdauer der gegenwärtigen militärischen Überlegenheit der Armeen der Vereinigten Staaten und der Alliierten an der Front schafft“. Weiter verlangte er als Voraussetzung für einen Waffenstillstand die Einstellung des U-Bootkriegs und das Unterlassen der angeblichen „unmenschlichen Handlungen, Plünderungen und Verwüstungen“, die sich die deutschen Heere auf ihrem Rückzuge in Flandern und Frankreich zuschulden kommen ließen. Schließlich wurde der Präsident deutlicher in seinen den Deutschen Kaiser und diedeutsche Verfassung betreffenden Forderungen. Er verwies auf seine Worte vom 4. Juli 1918, in denen er als Programmpunkt für den Frieden aufgestellt hatte:

„Die Vernichtung jeder willkürlichen Macht überall, die für sich, geheim und nach eigenem Belieben den Frieden der Welt stören kann, oder — wenn sie jetzt nicht vernichtet werden kann — mindestens ihre Herabminderung zu tatsächlicher Machtlosigkeit.“

Die Macht, die bisher die deutsche Nation beherrscht habe, so führte er jetzt aus, sei von der hier beschriebenen Art. Die deutsche Nation habe die Wahl, dies zu ändern. Das sei natürlich eine Bedingung, die vor dem Frieden erfüllt sein müsse, wenn der Friede durch das Vorgehen des deutschen Volkes selbst kommen solle.

Diese Note erklärte uns also klipp und klar, daß uns die Waffenstillstandsbedingungen von den militärischen Autoritäten unserer Feinde diktiert werden würden, und zwar in einem Sinne, daß sie uns wehrlos machten. Als weitere Vorleistung unsererseits neben der bereits zugesagten Räumung der besetzten Gebiete verlangte sie die Einstellung des U-Bootkriegs, natürlich ohne dafür die Einstellung der völkerrechtswidrigen Handels- und Hungerblockade, die den U-Bootkrieg herausgefordert hatte, in Aussicht zu stellen. Schließlich verlangte sie die Abschaffung oder völlige Entrechtung der kaiserlichen Gewalt; dies als Forderungen eines Präsidenten, der erheblich mehr an Machtbefugnissen besaß, als dem Deutschen Kaisernach den inzwischen durchgeführten oder eingeleiteten Verfassungsänderungen noch verblieb.

Wir standen vor dem Biegen oder Brechen. Wenn jetzt die deutsche Regierung weiter nachgab und sich weiter demütigte, dann war Volk und Heer nicht mehr zu halten, dann mußte auch der Tapferste sich fragen: Wofür noch kämpfen und wofür noch leiden?

Ich versuchte in jenen entscheidenden Tagen wiederholt, den Prinzen Max und den Staatssekretär des Auswärtigen zu sprechen und ihnen meine Ansicht vorzutragen. Als mir dies nicht gelang, wandte ich mich schriftlich an Herrn Dr. Solf und schlug ihm vor, Herrn Wilson etwa in folgendem Sinn zu antworten:

Nachdem über die Friedensbedingungen auf Grund des von Herrn Wilson selbst verkündeten Programms eine grundsätzliche Einigung erzielt sei, habe die Fortsetzung des Menschenmordens jede Rechtfertigung verloren; sie sei unsinnig und verbrecherisch. Der deutschen Regierung, die ihre Hände frei von diesem Verbrechen zu halten wünsche, komme es darauf an, zu erfahren, ob die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten auf Grund der über die Friedensbedingungen erzielten Einigung und der sonstigen von der deutschen Regierung gegebenen Zusagen und Aufklärungen bereit seien, alsbald in Waffenstillstandsverhandlungen einzutreten oder nicht. Sie müsse Wert darauf legen, auf diese Frage ohne Verzug eine klare Antwort zu erhalten, um danach ihre Dispositionen zu treffen.

Über die an Herrn Wilson zu erteilende Antwort wurden im Kriegskabinett unter Zuziehung des Generals Ludendorff und des Chefs des Admiralstabs, des Admirals Scheer, eingehende Beratungen gepflogen. Bei diesen Beratungen erklärte General Ludendorff, daß sich die militärische Lage gebessert habe, daß er die Gefahr einer unmittelbaren Katastrophe nicht als gegeben erachte, daß die Verteidigung mit Aussichten auf Erfolg fortgesetzt werden könne und daß eine bedingungslose Unterwerfung unter allen Umständen abgelehnt werden müsse. Gegen die von Wilson verlangte Einstellung des U-Bootkriegs sprach sich Ludendorff mit Entschiedenheit aus; ebenso der Admiral Scheer.

Aber von der Mehrzahl der Mitglieder des Kriegskabinetts wurde die Besserung der militärischen Lage, die übrigens auch von unseren Feinden zugegeben werden mußte, mit starken Zweifeln aufgenommen. Noch lange hinterher wurde gegen den General Ludendorff der Vorwurf erhoben, daß er bei jenen Beratungen nun mit einem Mal die Situation an der Westfront günstiger dargestellt habe als drei Wochen zuvor.

Jedenfalls kam das Kriegskabinett über das Votum Ludendorffs und Scheers hinaus zu dem Beschluß, auch den neuen Forderungen Wilsons zu entsprechen. Auch eine eindringliche Vorstellung, die der Feldmarschall von Hindenburg noch in der Nacht zum 20. Oktober unternahm und in der er insbesondere seine Zustimmung zu derEinstellung des U-Bootkriegs ausdrücklich verweigerte, vermochte den Entschluß des Kriegskabinetts nicht zu ändern. Vergeblich hatte Hindenburg die Frage gestellt: „Will das deutsche Volk um seine Ehre nicht nur in Worten, sondern tatsächlich bis zum letzten Mann kämpfen und sich damit die Möglichkeit des Widerstehens sichern, oder will es sich zu der Kapitulation und damit zum Untergangvorder äußersten Kraftanstrengung drängen lassen?“

Die deutsche Antwortnote vom 20. Oktober enthielt die erneute Bitte, Herr Wilson möchte zur Regelung der Einzelheiten der Räumung der besetzten Gebiete Gelegenheit schaffen, und sprach dabei das Vertrauen aus, der Präsident werde keine Forderung gutheißen, „die mit der Ehre des deutschen Volkes und der Anbahnung eines Friedens der Gerechtigkeit unvereinbar sein würde“. Daß diedeutsche Regierungkeine solche Forderung gutheißen würde, wagte man bereits nicht mehr auszusprechen. Die Note enthielt ferner eine lahme Verwahrung gegen den von Wilson gegen die deutschen Land- und Seestreitkräfte erhobenen Vorwurf ungesetzlicher und unmenschlicher Handlungen. „Wo trotzdem Ausschreitungen vorkommen, werden die Schuldigen bestraft.“ Die deutsche Regierung schlage vor, den Sachverhalt durch neutrale Kommissionen aufklären zu lassen. „Um alles zu verhüten, was das Friedenswerk erschweren könnte, sind auf Veranlassung der deutschen Regierung an sämtliche U-BootkommandantenBefehle ergangen, die eine Torpedierung von Passagierschiffen ausschließen.“ — In Wirklichkeit war die völlige Einstellung des U-Bootkriegs gegen Handelsschiffe angeordnet worden. — Die Note machte ferner dem Präsidenten Wilson Mitteilungen über den „grundlegenden Wandel“, der im deutschen Verfassungsleben eingetreten sei; die neue Regierung sei in völliger Übereinstimmung mit den Wünschen der Volksvertretung aus den Führern der großen Reichstagsparteien gebildet, und auch künftig werde keine Regierung ihr Amt antreten oder weiterführen können, ohne das Vertrauen der Mehrheit des Reichstags zu besitzen. Die Verantwortung des Reichskanzlers gegenüber der Volksvertretung werde gesetzlich ausgebaut und sichergestellt. Die erste Tat der neuen Regierung sei eine Vorlage gewesen, die zur Entscheidung über Krieg und Frieden die Zustimmung der Volksvertretung erforderlich mache. Das Friedens- und Waffenstillstandsangebot gehe also aus von einer Regierung, die, frei von jedem willkürlichen und unverantwortlichen Einfluß, getragen werde von der Zustimmung der überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes.

Nun endlich erklärte der Präsident Wilson in einer weiteren Note vom 23. Oktober, daß er auf Grund der von der deutschen Regierung abgegebenen Erklärungen glaube, es nicht ablehnen zu können, mit den Regierungen seiner Verbündeten die Frage eines Waffenstillstandes aufzunehmen. Mit Zugeständnissen von kaum hoch genug zuveranschlagendem Gewicht, die wertvolle Trümpfe in den Verhandlungen über die Bedingungen eines Waffenstillstandes hätten sein können, und um den Preis von Demütigungen, die im deutschen Volk die letzte Widerstandskraft zerstören mußten, hatte die deutsche Regierung nun also erreicht, was sie am ersten Tage hätte haben können, wenn sie sich mit bestimmten Vorschlägen direkt an die Kriegführenden gewandt hätte. Aber Herr Wilson legte Wert darauf, jede Illusion gründlich zu zerstören. Er eröffnete uns, daß nur ein Waffenstillstand in Frage kommen könne, der unsere Feinde „in der Lage beließe, jede zu treffende Vereinbarung zu erzwingen und eine Erneuerung der Feindseligkeiten deutscherseits unmöglich zu machen“. Das hieß Übergabe auf Gnade und Ungnade. Es war bitterer Hohn, wenn der Präsident hinzufügte, die Annahme eines solchen Waffenstillstandes durch Deutschland werde der beste Beweis dafür sein, daß Deutschland die Grundbedingungen und Grundsätze der ganzen Friedensaktion unzweideutig annehme. Im übrigen zeigte sich der Präsident mit den ihm notifizierten deutschen Verfassungsänderungen noch nicht befriedigt; er müsse es offen aussprechen, daß die Völker der Welt kein Vertrauen in die Worte derjenigen setzten, die bisher die Herren der deutschen Politik gewesen seien, und daß beim Friedensschluß die Vertreter der Vereinigten Staaten einzig und allein mit echten Vertretern des deutschen Volkes würden verhandeln können. „Wenn dieVereinigten Staaten jetzt mit den militärischen Beherrschern Deutschlands und monarchischen Autokraten verhandeln sollen, werden sie nicht Friedensverhandlungen, sondern Übergabe verlangen.“

Als Antwort schlugen Hindenburg und Ludendorff den Abbruch der Verhandlungen vor. Unser Heer stehe unbesiegt auf feindlichem Boden und dürfe nicht kapitulieren. Hindenburg erklärte in einer Besprechung am 25. Oktober: „Wir sind über den Berg gekommen.“

Die deutsche Antwort vom 27. Oktober lautete jedoch:

„Der Präsident kennt die tiefgreifenden Wandlungen, die sich in dem deutschen Verfassungsleben vollzogen haben und vollziehen. Die Friedensverhandlungen werden von einer Volksregierung geführt, in deren Händen die entscheidenden Machtbefugnisse tatsächlich und verfassungsmäßig ruhen. Ihr sind auch die militärischen Gewalten unterstellt. Die deutsche Regierung sieht nunmehr den Vorschlägen für einen Waffenstillstand entgegen, der einen Frieden der Gerechtigkeit einleitet, wie ihn der Präsident in seinen Kundgebungen gekennzeichnet hat.“

Das Schlußstück in diesem Notenwechsel war die Rückäußerung des Präsidenten Wilson in der Note vom 5. November. Der Präsident teilte mit, daß er den Notenwechsel den mit den Vereinigten Staaten verbundenen Regierungen mitgeteilt habe; darauf habe er ein Memorandum der alliierten Regierungen erhalten, in dem es heiße:

„Die alliierten Regierungen erklären mit den folgendenEinschränkungen ihre Bereitschaft zum Friedensschluß mit der deutschen Regierung auf Grund der Friedensbedingungen, die in der Ansprache des Präsidenten Wilson an den Kongreß vom 8. Januar 1918, sowie der Grundsätze, die in seinen späteren Ansprachen niedergelegt sind.“

Die Einschränkungen bezogen sich auf Wilsons Forderung der Freiheit der Meere, hinsichtlich deren sich die alliierten Mächte alles vorbehalten müßten; ferner auf die Wiederherstellung der besetzten Gebiete, worunter sie verstehen wollten, „daß Deutschland für allen durch seinen Angriff zu Land, zu Wasser und in der Luft der Zivilbevölkerung und ihrem Eigentum zugefügten Schaden Ersatz leisten soll“.

Der Präsident fügte hinzu, daß nunmehr der Marschall Foch von der Regierung der Vereinigten Staaten und den alliierten Regierungen ermächtigt worden sei, „Vertretern der deutschen Regierung die Waffenstillstandsbedingungen mitzuteilen“.

Am 6. November reisten die deutschen Bevollmächtigten unter Führung des Staatssekretärs Erzberger nach dem Großen Hauptquartier, um sich von dort an den von dem General Foch zu bestimmenden Verhandlungsort zu begeben.

Inzwischen hatte der General Ludendorff seinen Abschied eingereicht und war am 26. Oktober zur Disposition gestellt worden. Zu seinem Nachfolger warder General Gröner ernannt worden, der sich bei den Beratungen über das Hilfsdienstgesetz das besondere Wohlwollen der Mehrheitsparteien erworben hatte.

Österreich-Ungarn und die Türkei hatten sich unserm Schritt vom 5. Oktober bei dem Präsidenten Wilson angeschlossen. Herr Wilson hatte jedoch den weiteren Notenwechsel ausschließlich mit Deutschland geführt und bekanntgeben lassen, daß er mit unseren Bundesgenossen einzeln und für sich die Friedensangelegenheit behandeln werde.

Ehe Herr Wilson überhaupt an Österreich-Ungarn eine Antwort erteilte, hatte Kaiser Karl sich veranlaßt gesehen, einen Schritt zu tun, der die Auflösung der Donaumonarchie einleitete. Am 17. Oktober hatte er ein Manifest erlassen, überschrieben: „An meine getreuen österreichischen Völker.“ In diesem Manifest führte er aus, der Neuaufbau Österreichs müsse auf zuverlässigen Grundlagen in Angriff genommen und dabei müßten die Wünsche der Völker untereinander in Einklang gebracht werden; er sei entschlossen, dieses Werk unter Mitwirkung der Völker und im Geiste des Friedensangebots der Mittelmächte durchzuführen. Demgemäß solle Österreich in einen Bundesstaat umgewandelt werden; dem Anschluß der polnischen Gebiete an ein unabhängiges Polen solle damitnicht vorgegriffen werden; Triest mit seinem Gebiet werde eine Sonderstellung erhalten.

Der österreichische Kaiser beeilte sich also, Herrn Wilsons möglichen Wünschen in bezug auf die Selbstbestimmung der Völker zuvorzukommen. Aber er wurde grausam enttäuscht.

Einmal waren seine „getreuen Völker“ so wenig mehr getreu, daß ihre Vertreter zu der Obmännerkonferenz, in der das Programm des Manifestes durch den Ministerpräsidenten erläutert werden sollte, größtenteils überhaupt nicht erschienen: die Tschechen, Polen und Südslawen blieben fern. Dann aber sandte der Präsident Wilson um dieselbe Zeit, in der Kaiser Karl sein Manifest erließ, endlich seine Antwortnote auf das österreichisch-ungarische Friedensersuchen ab: das Todesurteil für die Donaumonarchie. Er, der Präsident Wilson, könne auf die Vorschläge der Wiener Regierung nicht eingehen; denn seit seiner Kongreßbotschaft vom 8. Januar habe die Regierung der Vereinigten Staaten die Tschecho-Slowaken als kriegführende Macht und den tschecho-slowakischen Nationalrat als kriegführende Regierung anerkannt; desgleichen habe sie in der weitestgehenden Weise die Gerechtigkeit der nationalen Bestrebungen der Jugoslawen anerkannt. Die bloße Autonomie der österreichischen Völker sei mithin als Grundlage für den Frieden überholt. Diese Völker selbst müßten jetzt Richter darüber sein, wie ihre Aspirationen als Mitglieder der Familie der Nationen befriedigt werden könnten.

Die folgenden Tage brachten die Proklamation selbständiger Staaten der Tschecho-Slowaken, der Südslawen und der Ruthenen. Die Deutsch-Österreicher folgten dem Beispiel und proklamierten in einer Vollversammlung aller deutschen Reichsratsabgeordneten am 21. Oktober den Staat Deutsch-Österreich. Die Auflösung und das Chaos waren da. In Budapest legte Herr Wekerle, in Wien Herr von Hussarek das Ministerpräsidium nieder. Ebenso trat Graf Burian als Minister des Auswärtigen zurück. Zu seinem Nachfolger ernannte der Kaiser den Grafen Julius Andrassy, obwohl für einen „gemeinsamen Minister des Äußeren“ bei dem offenkundigen Zerfall der Monarchie kein Raum mehr war.

Die einzige Amtshandlung des Grafen Andrassy war der Verrat an dem deutschen Bundesgenossen. In einer Note vom 28. Oktober an die Regierung der Vereinigten Staaten teilte er die Zustimmung der „österreichisch-ungarischen Regierung“ zu der Auffassung Wilsons über die Rechte der Völker Österreich-Ungarns, speziell der Tschecho-Slowaken und der Jugoslawen, mit und schloß daran die Erklärung der Bereitwilligkeit, „ohne das Ergebnis anderer Verhandlungen abzuwarten“, in Verhandlungen über den Frieden und über einen sofortigen Waffenstillstand an allen Fronten Österreich-Ungarns einzutreten. Dieses Angebot eines Sonderfriedens und eines Sonderwaffenstillstandes wurde ohne vorherige Vereinbarung mit Deutschland, ja ohne vorherige Verständigung des deutschenBotschafters und der Reichsregierung abgesandt. So wurde das von dem Vater Andrassy gezeichnete Bündnis zwischen den beiden Reichen durch den Sohn Andrassy in der Stunde höchster Not, die höchste Treue gefordert hätte, zerrissen. Die Donaumonarchie wurde durch diesen Verrat nicht gerettet, ihr Untergang wurde nur besiegelt. Überall flammte die Revolution auf. Arbeiter- und Soldatenräte wurden gebildet, die sich der öffentlichen Gewalt zu bemächtigen suchten. In Budapest wurde am 31. Oktober die Republik ausgerufen und der frühere Ministerpräsident Graf Tisza, der stärkste Mann der ehemaligen Donaumonarchie, ermordet.

Am 3. November kam der von dem Grafen Andrassy nachgesuchte Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und den Alliierten zustande. Er war in der Sache eine bedingungslose Kapitulation. Die Unterwerfung ging so weit, daß den Alliierten das unbedingte Recht eingeräumt wurde, alle Straßen, Wasserwege, Eisenbahnen und Transportmittel Österreich-Ungarns für die freie Bewegung ihrer Truppen zu benutzen, also auch zu einem Aufmarsch gegen Deutschland; daß ferner die Internierung der deutschen Truppen zugestanden wurde, die Österreich-Ungarn nicht innerhalb der unmöglich einzuhaltenden Frist von fünfzehn Tagen verlassen haben sollten.

Die Türkei war mit der Kapitulation um drei Tage, Bulgarien um mehrere Wochen vorangegangen.

Deutschland war jetzt auf sich allein gestellt.

Aber auch Deutschland war in seinen Grundfesten erschüttert.

Die seit den schwarzen Tagen am Ende des September verflossenen fünf Wochen hatten im deutschen Volke in Heer und Heimat den letzten Rest von Widerstandskraft gebrochen.

Zwar wurden jetzt im Sturmwind der Zeit alle Blütenträume der Demokraten Wirklichkeit. Das gleiche Wahlrecht in Preußen war gesichert, nachdem auch die konservativen Parteien in Rücksicht auf die Lage des Vaterlands ihren Widerstand aufgegeben hatten. Die Reichstagsabgeordneten durften ohne Verlust ihres Mandats Mitglieder der Reichsleitung werden. Die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und seiner Stellvertreter, der Staatssekretäre, gegenüber dem Reichstag wurde unzweideutig und einwandfrei festgelegt. Dem Reichstag wurde das volle Mitbestimmungsrecht bei den Entscheidungen über Krieg und Frieden gegeben. Die mit der Handhabung des Belagerungszustandes betrauten militärischen Befehlshaber wurden in ihren Maßnahmen und Anordnungen an die Zustimmung des Reichskanzlers oder dessen für diese Geschäfte bestellten Stellvertreters gebunden. Die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit der Kriegsminister für die Verwaltung ihrer Kontingente wurde festgelegt.Darüber hinaus wurde eine weitgehende Amnestie für die wegen politischer Verbrechen oder Vergehen verurteilten Personen erlassen. Unter anderen wurden Karl Liebknecht und der Abgeordnete Dittmann in Freiheit gesetzt. „Manchem von ihnen“ — sagte der Prinz Max am 22. Oktober im Reichstag — „hat die Regierung die Gnade erst nach Überwindung ernster vaterländischer Sorgen vermittelt. Die Überzeugung von der Heilkraft einer Politik des Vertrauens hat den Ausschlag gegeben.“

Diese „Politik des Vertrauens“ hat nach innen nicht minder Schiffbruch gelitten wie nach außen. Denn diese „Politik des Vertrauens“ war nach innen wie nach außen nichts anderes als eine Politik der Schwäche und der Illusionen.

Für die nationale Verteidigung, das höchste Gebot der Stunde, wurde durch alle diese Volksrechte nichts gewonnen; ja es wurde von den neuen Machthabern durch ihre Behandlung der innen- und außenpolitischen Dinge geradezu jeder patriotische Aufschwung im Keim erstickt. Dagegen wurden die letzten Dämme gegen die revolutionäre Flut, die bereits die Grundmauern des Reiches unterspülte, hinweggeräumt und allen zerstörenden Kräften die Bahn freigemacht. Die aus den Gefängnissen befreiten Propheten des gewaltsamen Umsturzes begaben sich, umstrahlt von der Glorie des Märtyrertums, erneut an ihre Arbeit und predigten öffentlich die Revolution. Der rote Generalstab in der russischen Botschaft entfaltete mit russischenAgitatoren und russischem Gelde eine fieberhafte Tätigkeit. Das Bewußtsein, daß niemand mehr es wagen würde, einem revolutionären Ausbruch tatkräftig entgegenzutreten, drang in die Massen des Volkes und der bewaffneten Macht.

Der Boden war für die revolutionäre Saat auf das beste bereitet. Die schweren Opfer und Leiden des Krieges, die Überspannung der Kräfte gegen eine Welt hatten das Volk moralisch und physisch mehr und mehr zermürbt. Das Vertrauen in die staatlichen Autoritäten, die sich den unerhört schweren Anforderungen der Zeit nicht gewachsen gezeigt hatten, war schwer erschüttert. Die bewußt revolutionäre Wühlarbeit hatte auch bei Parteien, die auf dem Boden der Staatsordnung standen, allzu bereite Unterstützung gefunden. Die allzu oft deutlich herausgekehrte scharfe Kritik der Männer der Obersten Heeresleitung an den Personen und Maßnahmen der Zivilregierung hatte zweifellos dazu beigetragen, die Achtung vor den staatlichen Behörden zu untergraben. Nun kam, für die große Masse des Volkes wie der Blitz aus heiterem Himmel, der Sturz von der Höhe unserer militärischen Erfolge in den Abgrund der Niederlage. Volk und Heer waren gegenüber diesem Sturz völlig unvorbereitet. Die Heeresberichte hatten zwar für den Urteilsfähigen, der sie Tag für Tag in Kenntnis der Verhältnisse auf der Karte verfolgte, nicht aber für die große Masse des Volkes den verhängnisvollen Umschwung in seiner ganzen Schwere erkennen lassen. Die große Masse des Volkes aber lebte noch in den Hoffnungender großen Siege des Frühjahrs, und es klangen jedermann noch die stolzen und zuversichtlichen Worte im Ohr, die er bis in die letzte Zeit von unseren Heerführern gehört hatte. Mit dem plötzlichen und furchtbaren Rückschlage sank die einzige große Autorität in den Staub, auf die das Volk während des ganzen Krieges ein unbeschränktes Vertrauen gesetzt hatte.

Dazu machte sich jetzt die verheerende Wirkung der Friedenspropaganda geltend, wie sie unter der Führung der Mehrheitsparteien des Reichstags — von den Unabhängigen Sozialdemokraten ganz zu schweigen! — seit der Mitte des Jahres 1917 betrieben worden war. Mit allen Mitteln war in Volk und Heer der Wahn großgezüchtet worden, wir könnten längst einen ehrenhaften Frieden haben, wenn nicht die übertriebenen Kriegsziele der Alldeutschen und der Militärs, denen der Kaiser sich anschließe und die Reichsleitung sich unterwerfe, hindernd im Wege ständen. Ein Erzberger, dessen Kredit durch den militärischen Rückschlag stark gehoben wurde, hatte sich anheischig gemacht, in einer kurzen Unterredung mit Lloyd George den Frieden herbeizuführen. Da mußte es doch wohl an der Untüchtigkeit oder dem bösen Willen der Regierenden liegen, wenn der Friede trotzdem nicht gekommen war! Der ganze Groll des leidenden und hungernden Volkes war von den Einbläsern der öffentlichen Meinung, statt gegen die Unerbittlichkeit unserer Feinde, gegen die Unersättlichkeit der Annexionisten und Kriegsgewinnlerdes eigenen Landes gelenkt worden. Diese verhängnisvolle Stimmung wurde dadurch noch gesteigert, daß gewissenlose Agitatoren und verblendete Flagellanten das Gift des Zweifels an der Reinheit und Gerechtigkeit unserer Sache in die Herzen des Volkes träufelten. In Handzetteln und Flugblättern, in durchsichtigen Andeutungen und allmählich auch in offener Rede wurde die deutsche Regierung und wurde vor allem der Kaiser beschuldigt, den Krieg herbeigeführt zu haben. Der Elende, der bald nach Kriegsbeginn in feiger Anonymität und im sicheren Schutz eines neutralen Landes mit seinem „J'accuse“ als falscher Ankläger gegen das eigene Vaterland aufgetreten war, fand immer mehr Nachahmer und Gläubige.

Das alles erzeugte den verhängnisvollen Wahn, daß wir uns nur zur deutschen „Schuld“ zu bekennen, die Hand gegen die „Schuldigen“ zu erheben und die Waffen niederzulegen brauchten, um unsere Feinde zu versöhnen und einen gerechten Frieden herbeizuführen.

Die feindlichen Staatsmänner und die feindliche Presse wußten diesen Wahn vortrefflich zu nähren und zu züchten. Vor allem waren die Worte des Präsidenten Wilson raffiniert darauf berechnet, das deutsche Volk gegen seine „Machthaber“ aufzureizen und ihm den Frieden der Völkerversöhnung zu verheißen, wenn es sich nur seiner „militärischen Herren und monarchischen Autokraten“ entledigen, seine Waffen niederlegen und seine Sache vertrauensvoll dem hohen Gerechtigkeitssinn seiner Feindeübergeben wollte. Es verschlug nichts, daß die Taten mit diesen gleißenden Worten nicht im Einklang standen; es verschlug nichts, daß seit unserem Ersuchen um Waffenstillstand vom 5. Oktober Woche auf Woche verging, ohne daß unsere Feinde sich beeilten, dem sinnlos gewordenen Morden ein Ende zu machen; es verschlug nichts, daß jene edlen Menschenfreunde das deutsche Heer, dessen kampfloser Rückzug hinter die Reichsgrenze ihnen angeboten war, Stunde für Stunde mit einem unaufhörlich niederprasselnden Hagel von Geschossen aller Kaliber überschütteten, daß sie Woche auf Woche durch hinhaltende Rückfragen den Zeitpunkt hinausschoben, der den verderbenspeienden Feuerschlünden Einhalt gebieten sollte. Unser Volk war in seinen blind gewordenen Massen auch durch diesen handgreiflichen Beweis des Kriegs- und Vernichtungswillens unserer Feinde nicht mehr zu belehren. Im Gegenteil, statt daß jenes Hinauszögern von Waffenstillstand und Friedensverhandlungen und die offenbar absichtliche Verlängerung des Menschenmordens unserem Volk die Augen über die wahre Gesinnung und die wahren Pläne unserer Feinde geöffnet hätte, vollendete der über Heimat und Heer verhängte Druck der Ungewißheit im Verein mit der hilflosen und jammervollen Haltung unserer „Volksregierung“ gegenüber den uns von Herrn Wilson mit jeder seiner Noten angesonnenen Demütigungen das Werk der Zermürbung und des Zusammenbruchs.

Der Kaiser, der alsbald nach der Verabschiedung desGrafen Hertling zur Beratung des Weiteren in Berlin eingetroffen war, hatte gegenüber dem stürmischen Verlangen der Mehrheitsparteien und ihrer Regierung nach Änderungen der Verfassung, die den größten und wichtigsten Teil der Kronrechte auf die Volksvertretung übertrugen und das Deutsche Reich aus einem konstitutionell-monarchischen Staate zu einer radikal-demokratischen Schattenmonarchie machten, keinerlei Widerstand geleistet. Er hatte die Verfassungsänderungen nicht nur hingenommen und gebilligt, er war auch — niemand zweifelte daran — gewillt und entschlossen, sie loyal durchzuführen und sich ehrlich und aufrichtig dem neuen Zustand anzupassen. Bei der Vollziehung der Reformgesetze am 28. Oktober richtete er an den Prinzen Max einen Erlaß, in dem er dies zum Ausdruck brachte. In diesem Erlaß sagte er:

„Vorbereitet durch eine Reihe von Regierungsakten tritt jetzt eine neue Ordnung in Kraft, welche grundlegende Rechte von der Person des Kaisers auf das Volk überträgt. Damit wird eine Periode abgeschlossen, die vor den Augen künftiger Geschlechter in Ehren bestehen wird. Trotz aller Kämpfe zwischen überkommenen Gewalten und emporstrebenden Kräften hat sie unserem Volke jene gewaltige Entwicklung ermöglicht, die sich in den wunderbaren Leistungen dieses Krieges unvergänglich offenbart. In den furchtbaren Stürmen der vier Kriegsjahre aber sind alte Formen zerbrochen, nicht um Trümmer zu hinterlassen, sondern um neuen Lebensgestaltungen Platz zumachen. Nach dem Vollbringen dieser Zeit hat das deutsche Volk den Anspruch, daß ihm kein Recht vorenthalten wird, das ihm eine freie und glückliche Zukunft verbürgt. Dieser Überzeugung verdanken die jetzt vom Reichstag angenommenen und erweiterten Vorlagen der verbündeten Regierungen ihre Entstehung. Ich aber trete diesen Beschlüssen der Volksvertretung mit meinen hohen Verbündeten bei, in dem festen Willen, was an mir liegt, an ihrer vollen Auswirkung mitzuarbeiten, überzeugt, daß ich damit dem Wohle des deutschen Volkes diene. Das Kaiseramt ist Dienst am Volke.“

Dieser am 28. Oktober vom Kaiser unterzeichnete Erlaß ist aus Gründen, die noch der Aufklärung bedürfen, erst fünf Tage später, am 2. November, veröffentlicht worden, in einem Zeitpunkt, zu dem sich der Kaiser wieder in das Große Hauptquartier begeben hatte und zu dem im Anschluß an die nicht mehr verhüllten Ausführungen der Wilsonschen Note vom 23. Oktober die Frage der Abdankung des Kaisers unter Duldung der Reichsregierung bereits zum Gegenstand einer heftigen Erörterung in voller Öffentlichkeit geworden war. Die Abdankung des Kaisers und der Thronverzicht des Kronprinzen wurden mit der Begründung verlangt, daß durch einen solchen Schritt die dem deutschen Volke drohenden Friedensbedingungen erleichtert werden würden. Die Frage der Staatsform wurde geflissentlich beiseitegelassen; ja die Befürworter der Abdankung des Kaisers behaupteten, daß allein dieErfüllung ihrer Forderung die Dynastie der Hohenzollern und die Monarchie retten könne.

Es waren nicht einmal die Sozialdemokraten gewesen, die mit der öffentlichen Behandlung der Kaiserfrage vorangegangen waren, sondern demokratische Blätter, wie die „Frankfurter Zeitung“ und das „Berliner Tageblatt“. Die Mehrheitssozialisten scheinen sogar anfänglich geschwankt zu haben, ob eine Abdankung des Kaisers unter den obwaltenden Verhältnissen erwünscht und nützlich sei. Erst nachdem bürgerlich-demokratische Blätter und bürgerlich-demokratische Versammlungen — so am 31. Oktober in München — laut und ungestraft nach der Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen gerufen hatten, scheint der Sozialdemokratie voll zum Bewußtsein gekommen zu sein, was sie jetzt wagen könne. Sie übernahm nun in dieser neuen Umsturzbewegung die Führung. Herr Scheidemann brachte die Abdankungsfrage vor das Kriegskabinett.

Ehe noch das Kriegskabinett zu einem Entschluß kam, vollzogen sich in der Flotte die Ereignisse, die zur offenen Revolution führten.

In den letzten Oktobertagen sollte die Hochseeflotte auslaufen, um die durch die Einstellung des U-Bootkriegs gegen Handelsschiffe für rein militärische Zwecke freigewordene Tauchbootflotte bei einer Aktion gegen die britische Kriegsflotte zu unterstützen. Auf einem Teil der Schiffe verweigerten die durch die revolutionärePropaganda aufgewiegelten Mannschaften die Ausfahrt. Es war die Ausführung des Programms, das schon dem Komplott vom Sommer 1917 zugrundegelegen hatte. Der Versuch, gegen die meuternden Mannschaften vorzugehen, führte zu dem Aufruhr in Kiel, der alsbald auch auf andere Seestädte, vor allem auf Hamburg und Bremen, übersprang. Nach russischem Muster wurden Soldaten- und Arbeiterräte gebildet, die sich der politischen Gewalt bemächtigten. Auch die in jenen Städten garnisonierenden Landtruppen erwiesen sich als unzuverlässig. Die Regierung verlegte sich gegenüber den Meuterern und Aufständischen auf das Verhandeln; sie wählte damit den sichersten Weg, um aus Revolten die Revolution entstehen zu lassen.

Am 7. November kam es in München zum gewaltsamen Umsturz. Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte proklamierten die Absetzung des Königs und die Errichtung einer demokratisch-sozialistischen Republik. Auch aus anderen Städten des Reiches kamen Nachrichten von Tumulten und Revolten.

Berlin selbst war verhältnismäßig ruhig. Der Oberstkommandierende in den Marken suchte die Bewegung durch seine Maßnahmen — Verbot der für den 7. November von den Unabhängigen Sozialdemokraten angekündigten Massenversammlung und Verbot der Bildung von Arbeiterräten — im Keim zu ersticken. Die Zivilregierung, der er seit Inkraftsetzung der neuen Ordnung unterstellt war, desavouierte ihn jedoch.

Die Parteileitung der Mehrheitssozialisten fürchtete jetzt offenbar, den Anschluß an die Revolution zu versäumen. Sie beauftragte am 7. November den Staatssekretär Scheidemann, im Kriegskabinett zu fordern, daß die Versammlungsverbote aufgehoben und daß Polizei und Militär zur äußersten Zurückhaltung angehalten würden; ferner verlangte sie die sofortige Umbildung der preußischen Regierung im Sinne der Reichstagsmehrheit, die Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses in der Reichsregierung und die Abdankung des Kaisers sowie den Thronverzicht des Kronprinzen bis zum nächsten Mittag. Dieses Ultimatum, bei dessen Nichterfüllung die Mehrheitssozialisten mit ihrem „Austritt aus der Regierung“, d. h. ihrem Übergang zur Revolution drohten, wurde am folgenden Tage verlängert, und zwar bis zum Abschluß des Waffenstillstandes, dessen Unterzeichnung für die nächsten Tage erwartet wurde und dessen Zustandekommen die Sozialdemokraten durch ihren Austritt aus der Regierung zu gefährden fürchteten.

Ein Zufall ließ mich dem Staatssekretär Scheidemann am Abend des 8. November im Vestibül des Reichskanzlerhauses begegnen. In sichtlicher Erregung sagte er mir: „Wenn nur der Kaiser endlich einen Entschluß faßt und abdankt — heute noch! Sonst kann ich keine Garantie übernehmen.“ Auf meine Frage: „Und wenn der Kaiser abdankt, welche Garantie können Sie dann übernehmen?“ — war ein Achselzucken die einzige Antwort.

Der nächste Tag brachte die Revolution in Berlin.

Als am Vormittag des 9. November die Nachricht an das unter dem Vorsitz des Prinzen Max im Reichskanzlerhaus versammelte Kriegskabinett gelangte, daß sich demonstrierende Arbeiterzüge nach dem Innern der Stadt bewegten und daß ein Teil der in Berlin garnisonierenden Truppen, vorwiegend Ersatzbataillone, sich der revolutionären Bewegung angeschlossen habe, da ließ der Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdankung des Kaisers und Königs und den Thronverzicht des Kronprinzen öffentlich bekanntmachen, obwohl die Verhandlungen mit dem Kaiser über seine Abdankung noch nicht abgeschlossen waren und eine Abdankungserklärung noch nicht vorlag, und obwohl mit dem Kronprinzen wegen eines Thronverzichtes überhaupt noch nicht Fühlung genommen worden war. Gleichzeitig faßte das Kriegskabinett, wie mir von einem seiner Mitglieder am Nachmittag mitgeteilt worden ist, den später angezweifelten Beschluß, daß den Demonstranten und Aufrührern kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt werden dürfe. Schon vorher hatte der Oberstkommandierende in den Marken aus eigener Initiative einen ähnlichen Befehl ausgegeben.

So kapitulierten die bürgerlichen und militärischen Behörden kampflos, ja ohne jeden Versuch eines Widerstandes.

Prinz Max hatte noch in seiner Bekanntmachung über die angebliche Verzichtleistung des Kaisers und des Kronprinzen erklärt, er werde als Reichskanzler so lange imAmte bleiben, bis die mit dieser Verzichtleistung und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt seien; er beabsichtige, dem Regenten die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler und die Vorlage eines Gesetzentwurfs wegen der sofortigen Ausschreibung allgemeiner Wahlen für eine verfassunggebende deutsche Nationalversammlung vorzuschlagen, der es obliegen würde, die künftige Staatsform des Deutschen Reiches endgültig festzustellen. Der Vizekanzler von Payer, den ich am Nachmittag besuchte, sprach sich mir gegenüber dahin aus, daß eine Änderung der Reichsverfassung nicht beabsichtigt sei und nur die Ernennung eines Regenten und die Bildung eines neuen Reichskabinetts unter sozialdemokratischer Führung in Frage komme; es sei nur noch die Frage offen, ob in dem neuen Kabinett auch die Unabhängigen Sozialdemokraten vertreten sein würden, die ihren Eintritt von der Bedingung abhängig zu machen schienen, daß die Regierung unter Ausschluß aller bürgerlichen Elemente lediglich aus Sozialdemokraten zusammengesetzt werden solle.

Inzwischen aber hatte Herr Scheidemann um zwei Uhr nachmittags von der großen Freitreppe des Reichstags herab die Republik proklamiert. Prinz Max hatte die Wahrnehmung der Geschäfte des Reichskanzlers, ohne die Einsetzung der am Vormittag von ihm angekündigten Regentschaft zu betreiben, dem Abgeordneten Ebert übertragen und schickte sich an, Berlin zu verlassen,um sich nach seiner badischen Heimat zu begeben. Die beiden sozialdemokratischen Gruppen einigten sich und bildeten für die Regierung des Reiches einen „Rat der Volksbeauftragten“, der aus je drei Mehrheitssozialisten und Unabhängigen zusammengesetzt wurde.

Der „Sieg der Revolution“ wurde durch den offiziellen Telegraphen alsbald der Welt mitgeteilt; vor allem dem deutschen Heer in der Heimat, in den Etappen und an der Front, und zwar mit der Aufforderung, sofort überall Soldatenräte zu bilden. Während die Fronttruppen in ihrer überwiegenden Mehrzahl den Nachrichten aus der Heimat verständnislos gegenüberstanden und sich gegenüber der Aufforderung zur Zertrümmerung der militärischen Organisation und Disziplin ablehnend verhielten, gingen die in den Etappen stehenden, durch die sozialistische und bolschewistische Agitation zersetzten Verbände alsbald mit fliegenden Fahnen zur Revolution über. Was in jenen Tagen in den besetzten Gebieten des Ostens und Westens angesichts von Polen, Belgiern und Franzosen an Kopflosigkeit, an Feigheit, an nationaler Gesinnungs- und Würdelosigkeit geleistet worden ist, wird für alle Zeiten ein Schandfleck auf dem deutschen Namen sein.

So wurde in dem Augenblick, in dem die deutschen Unterhändler im Walde von Compiègne aus den Händen des Marschalls Foch die Waffenstillstandsbedingungen unserer Feinde entgegennahmen, das Gefüge des deutschen Heeres zerschlagen und damit die letzte Möglichkeit einesWiderstandes gegen die von unseren Feinden uns zugedachte Knebelung und Vernichtung zerstört.

Der Kaiser, dessen Abdankung über seinen Kopf hinaus von dem Prinzen Max veröffentlicht und von den revolutionären Machthabern in Berlin dem Heere mitgeteilt worden war, fügte sich dem Drängen seiner Umgebung; um dem deutschen Volke in seiner schwersten Stunde den Bürgerkrieg zu ersparen, verzichtete er auf jeden Versuch eines Widerstandes und begab sich am Abend des 9. November nach Holland. Der Kronprinz, dessen Anerbieten, auch unter der neuen Regierung weiterzudienen und seine Armee nach der Heimat zu führen, von der revolutionären Berliner Regierung abgelehnt wurde, folgte dem Beispiel seines kaiserlichen Vaters.

Inzwischen waren die Waffenstillstandsbedingungen in Berlin eingetroffen. Sie verlangten von uns innerhalb kurzbemessener Fristen die Räumung der von unseren Truppen besetzten Gebiete und des linken Rheinufers sowie der mit einem Halbkreis von 30 Kilometer Halbmesser auf das rechte Rheinufer hinüberreichenden Brückenköpfe von Mainz, Koblenz und Köln; ferner die Räumung Ostafrikas von unserer Schutztruppe, die sich dort in dem mehr als vierjährigen Kampfe gegen eine vielfache Übermacht ehrenvoll behauptet hatte; weiter die Auslieferung eines großen Teils unseres Kriegsmaterials an Geschützen, Maschinengewehren, Minenwerfern, Flugzeugen; desgleichen die Auslieferung eines großen Teils unsererKriegsflotte einschließlich sämtlicher U-Boote, und die Desarmierung des uns zunächst belassenen Restes von Kriegsschiffen; außerdem die Auslieferung eines ansehnlichen Teiles unseres Bestandes an Lokomotiven, Güterwagen und Lastautomobilen. Dabei wurde die gegen Deutschland verfügte Handels- und Hungerblockade aufrechterhalten und die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln während des Waffenstillstandes „in dem für notwendig erachteten Maße“ in die Hände unserer Feinde gelegt.

Was von uns verlangt wurde, war nichts anderes als eine bedingungslose Unterwerfung. Der Ausbruch der Revolution, die Entthronung des Kaisers und die Beseitigung der Hohenzollerndynastie haben uns weder damals noch späterhin die von unseren Pazifisten und Illusionisten erhofften Milderungen gebracht.

Die erste Tat des „Rates der Volksbeauftragten“ war ein offenes Telegramm an die deutsche Waffenstillstandsdelegation, daß die Bedingungen des Marschalls Foch anzunehmen seien.

Um die Mittagszeit des 11. November 1918 trat der Waffenstillstand in Kraft. Die Geschütze, die bis zum letzten Augenblick mit ungeschwächter Wut ihr Vernichtungswerk verrichtet hatten, verstummten auf allen Fronten. Der größte und blutigste Krieg der Weltgeschichte war zu Ende.

Länger als vier Jahre hindurch hatte das deutsche Volk, von fremder Hilfe fast völlig abgeschnitten, die ungeheure Last des Krieges getragen, hatte das deutsche Heer, nur von wenigen und schwächeren Bundesgenossen unterstützt, in wunderbaren Waffentaten sich der erdrückenden Übermacht an Menschen und Kriegsmaterial erwehrt. Das Aufgebot und die Anspannung aller Tugenden des deutschen Volkstums waren nahe daran, das Wunder des siegreichen Widerstandes gegen eine Welt zu verwirklichen.

Unsere physischen und moralischen Kräfte haben nicht ausgereicht, um das Höchste zu vollbringen. Sie haben uns vor dem Ziel im Stich gelassen. So ist das deutsche Volk von den Höhen, die es in Jahrzehnten und Jahrhunderten friedlicher Arbeit erklommen, die es in dem Ringen des Krieges in unvergleichlicher Gegenwehr behauptet hatte, hinabgestürzt in den dunklen Abgrund, in dem es jetzt wehrlos in den Klauen erbarmungsloser Feinde um Sein oder Nichtsein ringt.

Und doch, so schwer uns das Schicksal geschlagen hat, durch unsere Feinde und mehr noch durch uns selbst — die Hoffnung will uns nicht verlassen. Besiegt und gedemütigt, entwaffnet und verarmt gehen wir aus der Völkerdämmerung hervor, sehen wir uns in eine Welt gestellt, die ihr Angesicht von Grund aus verändert hat. Aberwir können in uns das Bewußtsein tragen, daß keine der Nationen, die sich des Sieges rühmen, in diesem Kriege ein solches Maß von innerer Kraft und Tüchtigkeit entfaltet hat wie unser deutsches Volk. Ein ungeheurer Druck von Zahl und Masse, wie er niemals in der Geschichte aller Zeiten von einem einzelnen Volk zu tragen war, hat schließlich unsere Kraft erlahmen lassen, hat uns gebeugt und allen bösen Geistern Gewalt über uns gegeben. Aber dieser Niederbruch kann nicht das Ende sein. Wir denken zurück an die schwersten Zeiten unserer Geschichte. Wir denken an die grauenhafte Verwüstung des Dreißigjährigen Krieges, die nach dem Worte Treitschkes den Untergang des deutschen Namens anzukündigen schien und der Anfang eines neuen Lebens geworden ist. Wir denken an die Wiedergeburt deutscher Gesittung und deutscher Macht, in der unser Volk sich mehr als einmal aus tiefstem Elend und niedrigster Schmach erhoben hat. In aller Not und Bedrückung des Tages richten wir den Blick auf den weiten Horizont der Zukunft, glauben wir an die Unzerstörbarkeit des deutschen Wesens und den unveräußerlichen Beruf des deutschen Volkes in dem Aufstieg der Menschheit.


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