Anhang.Das Fernsprechwesen[32].
1.Geschichte.Die Versuche, den Schall mittels geeigneter Übertragung der Schallwellen fortzuleiten, gehören schon einer ziemlich weit zurückliegenden Vergangenheit an. So weist der englische ElektrikerPreecenach, daß sein Landsmann, der PhysikerRobert Hooke, bereits 1667 derartige, wenn auch noch ziemlich rohe Versuche anstellte, indem derselbe einen ausgespannten Faden benutzte. Einen telephonischen Apparat konstruierte auchWheatstoneim Jahre 1819. Aber erst 1861 fertigte der 1874 verstorbene LehrerPhilipp Reisin Friedrichsdorf bei Frankfurt a. M.daserste elektrische Telephon. Dieser von Reis mit dem von ihm selbst erfundenen Worte „Telephon“[33]bezeichnete Apparat übertrug musikalische Töne und Melodieen, ferner auch Worte, wenn schon in etwas unvollkommener Weise, auf ziemlich weite Entfernungen. Die ganze Sache wurde indes von den Physikern nur als eine Kuriosität, nicht als praktisch wichtig betrachtet[34], und auch Reis selbst hatte seinen Apparat von Anfang an nur für Unterrichtszwecke bestimmt. So kam es, daß der deutsche Erfinder und sein Instrument in Europa nach kurzer Zeit wieder vergessen wurden. In Amerika dagegen wurde der deutsche Gedanke weiter verfolgt. 1868 konstruierte dort ein gewisservan der Weydeein verbessertes Reissches Telephon, das deutlich, wenn auch nur schwach und mit näselndem Tone, hineingesprochene Worte übertragen haben soll.Van der Weydesetzte seine Versuche fort, und seinen Bestrebungen schloß sichElisha Grayin Chicago an. Aber all diese Telephone, wie auch die in England gefertigten, eigneten sich in der Hauptsache nur zur Übertragung musikalischer Töne, nicht aber für artikulierten Schall, d. i. für die Wiedergabe der Sprache. Dieses so schwierige Problem wurde durch den TaubstummenlehrerGraham BellinBoston, einen geborenen Schotten, im Jahre 1876 glücklich gelöst und so die Welt von Amerika her mit dempraktischenTelephon beschenkt. Seitdem gelang es, durch verschiedene Verbesserungen die telephonische Wirkung bedeutend zu erhöhen und überhaupt den Fernsprech-Apparat für die Verwendung im Verkehre noch bequemer zu gestalten. Großartiges zeigte bezüglich des Fernsprechwesens besonders die internationale elektrische Ausstellung zu Philadelphia im Jahre 1884. Der dort ausgestellte Quadruplex-TranslatorEdisonsz. B.verstärkte den Ton vierfach; sein Mikrophon[35]ließ den Schritt einer Fliege deutlich hören; das größte Aufsehen aber erregte unter den Laien sein lautsprechendes Telephon, dessen Töne im Umkreis von 30 Fuß deutlich vernehmbar waren, und dessen hohe Noten bedeutend ausgeprägter waren als die tieferen[36]. Sicher wird auchdieZeit nicht ausbleiben, wo man, wie schonReisandeutete, die menschliche Stimme übersMeer senden wird, wie das mittels des Telegraphen bezüglich der Schrift bereits der Fall ist[37].
Fig. 15. Philipp Reis.
Fig. 15. Philipp Reis.
In Deutschland wurde das erste Fernsprechamt für den öffentlichen Verkehr am 12. November 1877 in Friedrichsberg bei Berlin eröffnet, und heute (Ende 1885) giebt es, dank der Thatkraft des obersten Leiters der deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung,Dr.von Stephans, in 81 Orten 12655 Fernsprechstellen und 21357 km Drahtleitungen[38].
Auch in den übrigen Kulturländern der Erde hat das Fernsprechwesen fast überall Eingang gefunden; selbst das Reich der Mitte hat sich nicht ausschließen können. Shanghai zählt bereits 77, Hongkong 40 Fernsprechstellen; ja sogar die Hauptstadt der Sandwich-Inseln, Honolulu, hat ihre Telephonleitung[39].
2.Rechtsverhältnisse.Die Rechtsverhältnisse im Fernsprechbetrieb sind sehr verschiedenartig. Ganz frei in Anwendung und Ausbeutung ist der Betrieb in den Vereinigten Staaten, in Schweden, Norwegen und in den meisten Kolonieen;ganz vom Staat abhängig im Deutschen Reich und in der Schweiz; unter der Kontrolle der Regierung in England, Rußland, Österreich, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Doch ist in England, Rußland und Österreich der Betrieb den Privatgesellschaften auflangeZeit vertragsmäßig gewährt, in den anderen nur aufkurzeFristen.
3.Statistisches.Ein annäherndes Bild von der Verbreitung des Fernsprechers in der Mehrzahl der europäischen Staaten im Jahr 1885 giebt folgende Tabelle[40]:
In denVereinigten Staatenvon Amerika betrug 1884 die Länge der Telephonlinien 193120 km (vgl. Gothaischer Kalender für 1886). Im gleichen Jahre zählteNew-Yorkmit Umgebung schon 10600 Abonnenten, während gleichzeitig ganz England nur 11000–12000 aufwies, so daß demnach eineeinzigeStadt Amerikas fast ebensoviel Telephon-Abonnenten besitzt, als ein ganzes Königreich in Europa.
DieZahl der Telephongesellschaftenbetrug in der Union im Jahre 1884 über 45, deren Anlagekapital 266,7Millionen Franken (Journal télégraphique, 1885, S. 190–192).
Dielängsteder Fernsprechanlagen inDeutschlandist zur Zeit diejenige zwischen Berlin und Hannover mit 341 km. InAmerikadagegen wird bereits zwischen New-York und Chicago, d. i. auf eine Entfernung von 1600 km, mittels des Telephons korrespondiert.
4.Bedeutung des Fernsprechers.In den wenigen Jahren, welche seit der Erfindung des einfachen und doch so wunderbar wirkenden Apparates verflossen sind, hat derselbe bereits eine Bedeutung erlangt, wie sie wohl keinem Verkehrsmittel der neuern Zeit in so kurzem Zeitraum zugemessen war. Die Telephone und Mikrophone haben nicht nur für den allgemeinen Verkehr der Bewohner großer Städte untereinander hervorragenden Wert, sondern ihre Anwendung erweist sich auch in vielen anderen Fällen als äußerst nutzbringend.Geschäftshäuserbedienen sich des Fernsprechers zur Vereinfachung ihres Geschäftsbetriebs. Höchst wichtige Dienste leistet er derPolizei. Desgleichen eignet er sich vielfach fürmilitärische Zwecke, soz. B.im Vorpostendienste, zur Verbindung eines „ballon captif“ mit der Erde. Auch imEisenbahndienstefindet er mannigfache Verwendung. Für denTaucherwieder bildet das Telephon ein sehr bequemes Verständigungsmittel im Verkehre mit Personen zu Lande oder zu Schiffe. Ebenso spielt es schon imBerg- undHüttenweseneine bedeutende Rolle. Seine große Empfindlichkeit führte ferner zur Verwendung desselben fürärztlicheZwecke, und auch dieWissenschaftwurde durch dessen Erfindung zu einer Reihe sehr interessanter Untersuchungen veranlaßt.