Chapter 27

Unter den LändernEuropassteht hiernach bezüglich der ausgeliefertenBriefzahl Großbritannienmit 1360 Millionen Briefen obenan. Freilich finden sich hier auch alle einen lebhaften Briefverkehr begünstigenden Verhältnisse vereinigt: volkreiche Städte, Dichtigkeit der Bevölkerung, Wohlhabenheit, eine Industrie, die an Ausdehnung, zum Teil auch an Vortrefflichkeit der Erzeugnisse jede andere der Erde übertrifft, ein Welthandel in der großartigsten Bedeutung des Wortes und ein in hohem Grade ausgebildetes Verkehrswesen. Großbritannien zunächst stehtDeutschlandmit fast 683Mill. Briefen; ihm folgen Frankreich mit über 621 Mill., Österreich-Ungarn mit 342 Mill.u. s. w.Die geringste Zahl der Briefe entfällt auf die Staaten der Balkanhalbinsel, so auf Bulgarien nur rund 1½ Mill.

Was dieaußereuropäischen Staatenbetrifft, so ist besonders der Briefverkehr der Union, des britischen Indien, Japans, der Provinzen Neu-Südwales und Victoria, sowie Neu-Seelands von hervorragender Bedeutung. Auf die Union kommen über 1068 Mill. Briefe, auf Britisch-Indien 134 Mill. (1884: 144 Mill.) und aus Japan 50 Mill. (1884: 56 Mill.).

Eine beträchtlich andere Anordnung der Staaten ergiebt sich hinsichtlich der Menge der expediertenPostkarten. Den ersten Platz in dieser Beziehung nimmtDeutschlandein mit 212½ Mill., dann erst folgt Großbritannien und Irland mit 160 Mill., an dritter Stelle steht Österreich-Ungarn mit über 81 Mill., und an vierter Frankreich mit 34 Mill. Karten.

In der Union beträgt die Zahl der ausgelieferten Postkarten fast 326 Mill. Stück; sie machen somit von der Postkarte unter sämtlichen Staaten der Erde den häufigsten Gebrauch. Japan figuriert in der Statistik mit 32 Mill. (1884: 36,6Mill.) und Britisch-Indien mit fast 22 Mill. Karten (1884: 38,6Mill.).

Was die Zahl der expediertenDrucksachen,Warenprobenu. s. w.betrifft, so befördert in Europa die meisten derartigen SendungenFrankreich: über 367 Mill. Sehr gering ist die Zahl solcher Sendungen in den industriearmen Gebieten der Balkanhalbinsel.

In den Vereinigten Staaten beliefen sich diese Sendungen auf 495 Mill.; dieselben übertreffen also auch in dieser Hinsicht alle übrigen Staaten der Erde. Von den außereuropäischen Gebieten kommt ihnen zunächst Neu-Südwales mit 18 Mill.

Ganz außerordentlich groß ist auch die Zahl der postmäßig versendetenZeitungen. So wurden ausgeliefert an Zeitungsnummern: inDeutschland527 Mill., in Frankreich 341 Mill., in Großbritannien fast 143½ Mill., in Österreich-Ungarn an 130 Mill.u. s. w.Die unterste Stufe nehmen auch in dieser Beziehung die Balkanstaaten ein.

Geradezu enorm ist die Zahl der in den Vereinigten Staaten expedierten Zeitungsexemplare; sie betrug 874 Mill.

Daß die Post durch die Beförderung dieser Millionen und Millionen von Zeitungen und Drucksachen einen großen Anteil an dergeistigen Entfaltungder Völker hat, ist außer Zweifel. Ein amerikanisches Blatt preist deshalb die Post als den „mächtigen Mauerbrecher, der die Finsternis der Unwissenheit zerstört“, und ein Präsident der Vereinigten Staaten nennt das Postamt den „großen Erzieher des Volkes“.

Von höchstem Interesse ist eine Vergleichung der Staaten bezüglich der Zahl der Briefe, die durchschnittlich auf jedenKopf der Bevölkerung trifft.Man erhält dadurch eine Art Censurentabelle für die Bildung der betreffenden Nationen, aber auch für den Grad der Entwicklung der Posteinrichtungen in den bezüglichen Ländern. Am stärksten ist nach unserer Tabelle der Briefverkehr in Europa entwickelt, in Großbritannien und Irland mit 42,3Briefen und Karten pro Kopf; daran reihen sich die Schweiz, Deutschland, Belgien, die Niederlande und Frankreich, dieses mit 19,8Briefen und Karten pro Kopf. Dengeringstendurchschnittlichen Briefverkehr weisen auf Rußland und die Staaten der Balkanhalbinsel.

Diese Censurentabelle gilt übrigens nicht ohne weiteres; sie will vielmehr mit gewissen Einschränkungen angewendet sein. Die auffällige Erscheinungz. B., daß die Schweiz, deren Posteinrichtungen im allgemeinen jenen in Deutschland gleichen, und deren Bevölkerung kaum eine höhere Durchschnittsbildung besitzt als die deutsche, eine so erheblich höhere Brieffrequenz aufzeigt, erklärt sich leicht, wenn man an die Hunderttausende von Reisenden denkt, welche einer Völkerwanderung gleich alljährlich das Land überschwemmen und die eigene Bevölkerung desselben von drei Mill. Einwohnern unverhältnismäßig steigern. Der Briefverkehr Großbritanniens ist nach der Tabelle mehr als doppelt so groß wie der in Deutschland. Thatsächlich aber kommt die Brieffrequenz im Deutschen Reiche derjenigen in England nahezu gleich. In England befaßte sich nämlich die Post bis in die jüngste Zeit, abgesehen von dem Postanweisungsverkehr, nur mit der Beförderung von Briefen, Postkarten, Warenproben, Drucksachen und Zeitungen, in Deutschland hingegen auch mit der Expedition von Paketen, Postaufträgen und Geldbriefen. Fast jedes durch die Post versandte Paket und jeder Geldbrief wird nun in Deutschland erfahrungsgemäß auch zu brieflichen Mitteilungen benutzt; beide Arten von Sendungen stellen mithin in den meisten Fällen einen Brief dar: all diese Mitteilungen kommen aber bei der obiger Berechnung zu Grunde gelegten Anzahl von denBriefsendungennicht in Ansatz.

Es wirken eben zu den oben angeführten Ergebnissen sehr verschiedenartige Umstände mit. So ist auf die Entwicklung, beziehungsweise den jetzigen Umfang des Briefverkehrs auch der Umstand von Einfluß, ob die ermäßigte Brieftaxe schon seit längerer Zeit in einem Lande eingeführt ist oder erst seit wenigen Jahren besteht. Selbst Sitten und Gewohnheiten eines Volkes sind für den Briefverkehr maßgebend. Der Reisetriebz. B.ist bei einigen Völkern mehr, bei anderen weniger ausgebildet; ersteres ist der Fall besonders bei den Engländern, Nordamerikanern, Deutschen und Schweizern, letzteres bei den Franzosen, Italienern und Spaniern. Demgemäß befindet sich ein größerer Teil der zuerst erwähnten Nationen vielfach außerhalb der Heimat und steht mit dieser durch die Posteinrichtungen in steter Verbindung. Erwähnenswert ist ferner, daß in Frankreich, wie es den Anschein hat, aus Rücksichten der Etikette bis jetzt von der Postkarte für Familien- und Verwandtschafts-Beziehungen wenig Gebrauch gemacht wird. Sie dient dort im wesentlichen nur zu kürzeren geschäftlichen Mitteilungen. Es werden denn auch, wie aus den obigen Angaben ersichtlich, in Deutschland mehr als fünfmal soviel Postkarten verwendet, als in Frankreich.

Unter den Ländernaußerhalb Europasstehen bezüglich der Häufigkeit des Briefverkehrs obenan Neu-Seeland (mit 44,17Briefen und Karten pro Kopf), dann die australischen Provinzen Neu-Südwales und Victoria (mit 37,31, beziehungsweise 33,49), ferner die Vereinigten Staaten und Canada (mit 27,81, beziehungsweise 16,62). Den niedrigsten Stand des Korrespondenzbedürfnisses zeigt unter dengroßenaußereuropäischen Staatsgebieten Britisch-Indien mit 0,62Briefen und Karten pro Kopf (1884: 0,71).

Sehr instruktiv ist, wie wir gesehen haben, eine Vergleichung der Staaten bezüglich der Zahl der Briefe und Karten, die auf jeden Kopf der Bevölkerung durchschnittlich entfällt. Nicht weniger belehrend ist eineZusammenstellung derselben mit Rücksicht darauf, wieviel Drucksachen, Zeitungsnummern und Warenproben auf einen Einwohner entfallen. In dieser Hinsicht steht an erster Stelle die Schweiz mit 27,2Sendungen pro Kopf der Bevölkerung; ihr schließen sich an Belgien (mit 25), Dänemark (mit 19,4), Frankreich (mit 188), die Niederlande (mit 16,3). Deutschland (mit 15,8)u. s. w.Die geringste Zahl derartiger Sendungen zeigen Griechenland, Rußland, Rumänien und Bulgarien.

Außerhalb Europasentfallen die meisten dieser Sendungen auf die Vereinigten Staaten (27,31pro Kopf) und auf die australischen Staaten (22,36–17,93).

Bei Zusammenfassungsämtlicher Briefpostsendungen(Briefe, Postkarten, Drucksachen, Warenproben und Zeitungen) stellt sich das Verhältnis dereuropäischenStaaten derart, daß Großbritannien mit Irland mit 55,2Stück pro Kopf den ersten Rang einnimmt. Diesem Staate reihen sich an die Schweiz (mit 52,9), Belgien (mit 44,7), Frankreich (mit 36,2), die Niederlande (mit 36), Deutschland (mit 35,6), Dänemark (mit 34,9) und Österreich-Ungarn (mit 30,5Stück). An letzter Stelle stehen Serbien und die Türkei.

Außerhalb Europasentfallt der stärkste Briefpostverkehr auf Neu-Seeland (66,53Stück pro Kopf), Neu-Südwales (61,36), Victoria (53,62) und auf die Vereinigten Staaten von Amerika (55,12).Diese ebengenannten Gebiete weisen unter sämtlichen Ländern der Erde die höchste Zahl von Briefpostsendungen pro Kopf der Bevölkerung auf.

IminternationalenAustausch gruppieren sich die einzelnen wichtigeren Postgebiete mit ihrem eigentlichen Briefverkehre (Briefe und Postkarten ohne Hinzuzählung der übrigen Briefpostgegenstände) nach den Resultaten der Berner Statistik für 1884 und den Angaben inVeredarius(S. 382) wie folgt:

Vorstehende Zahlen begreifen den Verkehrausden bezeichneten Postgebieten nach fremden Ländern in sich; fast dieselbe Reihenfolge ergiebt sich bezüglich des Verkehrs aus den fremden Ländernnachden einzelnen Postgebieten, nämlich:

DieGesamtzahlder iminternationalenVerkehr innerhalb des dermaligen Weltpostvereinsgebietes ausgetauschten Briefpostsendungen, die Zeitungen nicht mit eingeschlossen, betrug für 1883 rund 774 Mill.; es ist das im Vergleich zu den 428 Mill. Briefpostsendungen des Jahres 1875 eine Steigerung von 346 Mill. oder um 81%.

Die ganze Großartigkeit des Getriebes der Weltpost kommt aber erst dann zum vollen Ausdruck, wenn man dengesamtenPostverkehr der Kulturländer, mithin sowohl den internationalen, als auch den Verkehr innerhalb der einzelnen Länder, in seinen Riesenzahlen sich vergegenwärtigt.

Der Weltpostverkehr auf der ganzen Erdegestaltete sich (nach der „Statistik der Reichspost- und Telegraphenverwaltung für 1884“) im Jahre 1884 wie folgt:

Es beträgt hiernach die Gesamtstückzahl der auf der ganzen Erde bei der Post aufgegebenenBriefeundPostkarten6926 Mill. jährlich, 19 Mill. täglich. Unter Hinzurechnung der Zahl der übrigen Briefpostsendungen, als der Drucksachen, Geschäftspapiere, Zeitungsnummern, Warenproben, beläuft sich die Gesamtsumme auf 11640 Mill. Wird die Bevölkerung der Erde rund zu 1400 Mill. angenommen, so treffen auf einen Menschen im Jahre 8,3Briefpostsendungen, darunter 4,9oder rund 5BriefeundPostkarten. In den einzelnen Weltteilen gestalten sich die Verhältnisse sehr verschieden; in Europa entfallen entsprechend der Bedeutung seiner Stellung im Weltverkehr auf einen Einwohner 22,1Briefpostsendungen, darunter 13,7Briefe und Postkarten. Wenn Amerika mit der hohen Ziffer von 38,19, Australien mit 37,9Briefsendungen auf einen Einwohner erscheinen, so treten beide Erdteile doch in der Gesamtsumme des Postverkehrs weit hinter Europa zurück, da sie weit spärlicher bevölkert sind als dieses.

In obenstehender Tabelle finden sich auch Angaben über die Gesamtsumme derPostanstalten, derPostbriefkastenund derPostbeamtenin den einzelnen Weltteilen. Hier tritt ebenfalls Europas Übergewicht hervor. Es stehen daselbst 68000 Postanstalten im Betriebe mit einem Personal von 334800 Beamten. Für Amerika ist die Zahl der Postanstalten auf 59100 anzunehmen; davon befinden sich etwa 47870 allein in den Vereinigten Staaten von Amerika. Im übrigen ist die Organisation der Mehrzahl der amerikanischen Postanstalten weit weniger entwickelt, als dies bei den Postanstalten in Europa der Fall ist; dies geht schon daraus hervor, daß in Amerika bei dem Vorhandensein von 85900 Postbeamten, darunter 69000 in den Vereinigten Staaten von Amerika, durchschnittlich noch nicht 2, dagegen in Europa 4,9, rund 5 Beamte, also mehr als noch einmal soviel, aufeinePostbetriebstelle entfallen.

Vergleichen wir die vorstehenden Resultate des Weltpostverkehrs mit jenen früherer Jahrzehnte, so zeigt sich uns eine gewaltige Steigerung desselben. Im Jahre 1865 mögen etwa 2300 Mill. Briefe im Weltverkehr gewechselt worden sein; 1873 war diese Zahl auf 3300 Mill. angewachsen; 1882 hat die Briefzahl die Höhe von 5000 Mill. bereits überschritten, und im Jahr 1884 betrug die Zahl der Briefsendungen, einschließlich der Postkarten, Drucksachen, Warenproben und Zeitungsnummern, mehr als 11 Milliarden[77]. Diese Zahlen sind wohl ein glänzendes Zeugnis der Wirksamkeit des Weltpostvereins und seiner Bedeutung für die menschliche Kultur.


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