»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung, verstehe Ihr Herz, aber,après tout, sind Sie denn nicht vollkommen enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es sosteht? wo wir ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort geben.«Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist, kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den Verdachtkommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will –«»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf Maria freundlich ein.Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen. Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen –? Sind Sie nicht jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen. Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt,keine Verlockung, keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?«Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin. Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein, sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern Pol gegangen sein. Das Göttliche kannman nicht zweimal wählen, und in seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal; es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.«Maria versprach es.Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte.Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm; gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser kleiner Fisch.Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina, die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen hatte.In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben. Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in einem der Höfe desHotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten; man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen, postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor dem Billardzimmer standen ein paarjunge Mädchen, blaß, verzagt, die Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: »Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.«Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes, der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage. Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal zugewandt, so begann es von neuem.Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln, war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen; aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlichschöne Frauengesichter und solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten, und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch, was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um, stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria warein paar Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne, glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat? Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder.Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die Mauer gelehnt.»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte sie regungslos.»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu; »niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf, lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr jauchzendmit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern, die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern, oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen, Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging. Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos.Die Knaben, voll Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter: »Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.«Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina, Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte. Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der Schamlosen?«»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?«Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf. Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand; »geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe keins, aber verraten Sie mich nicht.«Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der Boden brannte. Fedja war umgekehrt,um zu spähen, wo sie blieb. Jelena ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich schlecht.«»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang, über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals, brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen, stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet. Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück. Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an eine Hausmauer. Vomuntern Ende der Gasse her schallte der Schritt einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand. Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei. Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria. Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann entfernte er sich.Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen. Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladenpochen, dann mußte das Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren Kleidern, schliefen schon.Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte, bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta Petrowna?« fragte sie flüsternd.Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen, mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?«»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen, dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde.»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen Sie.«»O großer Gott!« murmelte die andere.»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen Sie.«»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!«»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen hat?« fragte Maria.»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir getraut.«»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?«»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht wünschte man,daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man dadurch etwas Begangenes gutmachen.«Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.«Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können Sie mich hören?«»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand belauscht.«Maria rückte näher.»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns und liebten uns. Wir liebten uns so, – wie soll ich es nur beschreiben? Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag,wo der Urlaub zu Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden. Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie mich?«»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich. Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn Monate.«Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.«Maria lauschte mit weiten Augen stumm.»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufsfinstre Meer. Ihn quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an, daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war. Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf. Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten. Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle, und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mitdem Menschen. Das Essen, das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben, und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte, bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am andern Morgen der Pope kam,ich habe es ja schon erzählt, und die Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie, »wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.«»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm gekommen, mit Fürst Grigorji?«»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging, wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna. Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ichhätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will ich aber gehen, es ist Zeit.«Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder, aber dieser Seufzer hatte andern Klang.Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit hinaus. Die Luft warneblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser zeigen zu können.»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen nicht beschwerlich fallen werde.«Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei, um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot. »Ich denke viel über Sie nach.«Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber. »Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.«Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputenmöge. »Guten Morgen, Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?« fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann schoß er davon.Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der Zug in Bewegung; nach Westen, durchdas Gebirge, gegen das Meer. Die Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus, alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke. Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert. Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorskistand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe. Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind eine tüchtige Frau;à la bonne heure,das haben Sie gut gemacht. Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen haben.« Und er fing bereitswieder an, zu kommandieren. Nach einer Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit plombiert; der Zug rollte weiter.Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder; eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch; hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor. Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende Lufthauch war wie Neugeburt, dasSchauspiel, das sich bot, unerhört. Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als gefürchteter Name genannt.Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom Meer her tönten Schüsse.Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten, glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen Felsen auftauchen undverschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen. Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer, deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und gab sicheine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn: »Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt. Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig: »Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand. Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht anderweitig umsehenwollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche; aber jedenfalls doch zu einem Mann.«Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf berufen Sie sich?«Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die Dachkammer.«Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,« sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen darin kurzenProzeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel. Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen; auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte, fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn; er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,« sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie. Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen aufgetaucht,die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin. Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.« Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor der Treppe unschlüssig stehen.All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo Jewgenia und Arinadie Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen, bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht. Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken, als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige Worte unter vier Augen zu sprechen.«Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den fragenden Ausdruck.Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeldanbietet. Ich vermute, Sie wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch ans Wirtshausschild hängen lassen.«»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen hat,« erwiderte Maria kühl.»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.«Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie? Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert, was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand aussieht.«»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er stieß die Wortehervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie werden mich dafür entschädigen.«»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?«»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton.Maria lächelte belustigt.»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.«Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.«Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,« herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken, und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig unter Wanjas Kissen.Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?«»Nur meine Meinung von mir selbst.«»Sonst nichts?«»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.«»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die Geschichte vonboule de suifmit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.«»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen sagen, ob sie annehmbar sind.«Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,« erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem Behälter.So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit, ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte, Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.«Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet. Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach, was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.«Er verschwand.Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden. Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte.Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen. Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den Schwatzhaften endlich über die Schwelle.Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar, brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür. Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr.Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war, verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden. Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah überniedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche ebenfalls im Mond schimmerte.»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen Romantiker, ganz sicher.« Er lachte.Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte: »Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten;I know, that’s a funny misfortune,aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt, wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte nehmen Sie Platz.«Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete, fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh, glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind Sie?«Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme verschränkt. »Alsocurriculum vitae?« antwortete er lachend. »Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich, mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie. »Ichsehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter: Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet; Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet; auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei derIllinois railway company; als Zeichner und Ingenieur in San Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt; von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital. Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12 nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden; den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief überliefern zu dürfen.«»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd.»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nichtden Inhalt. Fast jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert, den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber noch ein paar Nägel in den Deckel.«»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die Wette,« bemerkte Maria.»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen; und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.«»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne.»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen, eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespanntenDampfkessel hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich, zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine lange Hölle sie andern bereitet hatten.«Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton, wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte.
»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung, verstehe Ihr Herz, aber,après tout, sind Sie denn nicht vollkommen enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es sosteht? wo wir ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«
»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort geben.«
Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«
»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«
»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«
»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist, kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«
Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den Verdachtkommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will –«
»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf Maria freundlich ein.
Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen. Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen –? Sind Sie nicht jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen. Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt,keine Verlockung, keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«
Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?«
Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin. Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein, sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern Pol gegangen sein. Das Göttliche kannman nicht zweimal wählen, und in seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.
Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal; es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.«
Maria versprach es.
Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte.Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm; gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser kleiner Fisch.
Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina, die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen hatte.
In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben. Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in einem der Höfe desHotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten; man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen, postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor dem Billardzimmer standen ein paarjunge Mädchen, blaß, verzagt, die Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: »Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.«
Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes, der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage. Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal zugewandt, so begann es von neuem.
Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln, war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen; aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlichschöne Frauengesichter und solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten, und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch, was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um, stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria warein paar Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne, glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat? Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder.
Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die Mauer gelehnt.
»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte sie regungslos.
»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu; »niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf, lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr jauchzendmit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern, die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern, oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen, Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«
Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging. Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos.Die Knaben, voll Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter: »Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.«
Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina, Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte. Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der Schamlosen?«
»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?«
Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf. Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand; »geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe keins, aber verraten Sie mich nicht.«
Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der Boden brannte. Fedja war umgekehrt,um zu spähen, wo sie blieb. Jelena ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich schlecht.«
»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.
An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang, über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals, brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen, stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet. Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück. Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an eine Hausmauer. Vomuntern Ende der Gasse her schallte der Schritt einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand. Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei. Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria. Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann entfernte er sich.
Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen. Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladenpochen, dann mußte das Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren Kleidern, schliefen schon.
Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte, bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.
In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta Petrowna?« fragte sie flüsternd.
Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen, mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?«
»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen, dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde.
»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen Sie.«
»O großer Gott!« murmelte die andere.
»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen Sie.«
»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!«
»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen hat?« fragte Maria.
»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir getraut.«
»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«
Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?«
»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht wünschte man,daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man dadurch etwas Begangenes gutmachen.«
Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.«
Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können Sie mich hören?«
»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.
»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand belauscht.«
Maria rückte näher.
»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns und liebten uns. Wir liebten uns so, – wie soll ich es nur beschreiben? Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag,wo der Urlaub zu Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden. Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie mich?«
»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.
»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich. Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn Monate.«
Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.«
Maria lauschte mit weiten Augen stumm.
»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufsfinstre Meer. Ihn quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an, daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war. Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf. Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten. Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle, und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mitdem Menschen. Das Essen, das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben, und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte, bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am andern Morgen der Pope kam,ich habe es ja schon erzählt, und die Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«
Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie, »wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.«
»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«
»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm gekommen, mit Fürst Grigorji?«
»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging, wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna. Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ichhätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will ich aber gehen, es ist Zeit.«
Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder, aber dieser Seufzer hatte andern Klang.
Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit hinaus. Die Luft warneblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser zeigen zu können.
»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen nicht beschwerlich fallen werde.«
Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei, um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«
»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot. »Ich denke viel über Sie nach.«
Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber. »Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.«
Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputenmöge. »Guten Morgen, Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?« fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann schoß er davon.
Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der Zug in Bewegung; nach Westen, durchdas Gebirge, gegen das Meer. Die Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus, alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke. Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert. Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorskistand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe. Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind eine tüchtige Frau;à la bonne heure,das haben Sie gut gemacht. Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen haben.« Und er fing bereitswieder an, zu kommandieren. Nach einer Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit plombiert; der Zug rollte weiter.
Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder; eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch; hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor. Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.
Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende Lufthauch war wie Neugeburt, dasSchauspiel, das sich bot, unerhört. Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als gefürchteter Name genannt.
Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom Meer her tönten Schüsse.
Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten, glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen Felsen auftauchen undverschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen. Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer, deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.
Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und gab sicheine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn: »Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt. Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig: »Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand. Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht anderweitig umsehenwollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche; aber jedenfalls doch zu einem Mann.«
Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf berufen Sie sich?«
Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die Dachkammer.«
Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,« sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen darin kurzenProzeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel. Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen; auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte, fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn; er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,« sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie. Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen aufgetaucht,die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin. Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.« Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor der Treppe unschlüssig stehen.
All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo Jewgenia und Arinadie Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen, bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht. Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.
Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken, als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.
»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige Worte unter vier Augen zu sprechen.«
Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den fragenden Ausdruck.
Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeldanbietet. Ich vermute, Sie wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch ans Wirtshausschild hängen lassen.«
»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen hat,« erwiderte Maria kühl.
»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.«
Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?
Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie? Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert, was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand aussieht.«
»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.
Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er stieß die Wortehervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie werden mich dafür entschädigen.«
»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?«
»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«
»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«
Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton.
Maria lächelte belustigt.
»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.«
Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.«
Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.
Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,« herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken, und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig unter Wanjas Kissen.
Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?«
»Nur meine Meinung von mir selbst.«
»Sonst nichts?«
»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.«
»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die Geschichte vonboule de suifmit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.«
»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen sagen, ob sie annehmbar sind.«
Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,« erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem Behälter.So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit, ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte, Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.«
Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet. Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach, was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.«
Er verschwand.
Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden. Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte.Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen. Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den Schwatzhaften endlich über die Schwelle.
Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar, brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür. Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr.
Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war, verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden. Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah überniedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche ebenfalls im Mond schimmerte.
»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen Romantiker, ganz sicher.« Er lachte.
Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte: »Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten;I know, that’s a funny misfortune,aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt, wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte nehmen Sie Platz.«
Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete, fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh, glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind Sie?«
Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme verschränkt. »Alsocurriculum vitae?« antwortete er lachend. »Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich, mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie. »Ichsehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter: Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet; Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet; auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei derIllinois railway company; als Zeichner und Ingenieur in San Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt; von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital. Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12 nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden; den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief überliefern zu dürfen.«
»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd.
»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nichtden Inhalt. Fast jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert, den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber noch ein paar Nägel in den Deckel.«
»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die Wette,« bemerkte Maria.
»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen; und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.«
»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne.
»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen, eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespanntenDampfkessel hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich, zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine lange Hölle sie andern bereitet hatten.«
Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton, wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte.