Lukardis

»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie weißer Bernstein.«Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwartgewünscht, um mit mir zu verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.«»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung, wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?«Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen, seien Sie nicht lustig genug.«»Es muß ja nichtboule de suifsein,« entgegnete er zynisch, »es kann ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.«Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus, dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?«Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vorsolchem Mantel widert. Das bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.«Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen, und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit, kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen, Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung, man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer, der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat. Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören. Na, ich ging entschlossenauf das Gespenst los, ohne mich um die hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern, griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen, wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.«Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen, schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern, primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean; durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt. Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganzeIndividuum ein von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe. Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig, flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt, geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze, übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert. Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdecktenBlicken messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung, überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut,Maria Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.«Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton: »Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.«»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung.»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.«Golowin starrte sie sprachlos an.Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben? so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser Ansicht sind, – bitte.«Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mitabgewendetem Gesicht dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand.»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort. »Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben, wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«Golowin schwieg noch immer.»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.«Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme: »Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen als Weibunrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt. Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr helfen, seine Arme werden lahm.«»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria.»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu pressen, die von der Faulheit und dem Mangel anSchwung in so öde Länge gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack auf einer Sandbank.«»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.«Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage der Magie.«Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte, einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue; was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte Hand.«»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt, Feuer gibt oder nicht.«»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand; »gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt. Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst, von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen, verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden; spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt man in das Hausihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen, sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt, ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich, denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der Menschvon der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht. Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell, aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen; die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So eigentümlich entseeltwaren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel, das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert, und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme, die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja, ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir Liebe.«Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchennicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.«»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin zu ihr hinüber.»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie ernst. »Ein Leben lang.«»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich pariere ihn nicht.«Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles, was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt, sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka, du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem Gold.«Sie schwieg.»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowinlächelnd; »Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.«»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.«»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen gewesen sein; man muß gegraben haben.«»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand, fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten. Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein: »Glauben Sie an das Ende?«»An welches Ende?«»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?«Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.«»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein Gesicht warf.»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.«»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen. Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte. Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenneerniedrigt wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen; wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.«Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der Golowin betroffen machte.»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten Tones.Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt den angesammelten Kehricht weg.«»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit – und mordet; er schwärmt von Bruderliebe – und mordet; er trieft von Mitleid – und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung – und mordet;er küßt und umarmt – und mordet. Er kennt kein Erbarmen in seiner – Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden Augen. Die Kerze verlosch zischend.Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien, ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt.Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre sein. Ich kann warten.«Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.«Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, das viele andere überflüssig macht.«»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete Maria.Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument. Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?«»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht dieGegenwart, ist zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.«»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie bedeckte die Augen mit der Hand.Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr, Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter, Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und du öffnest dich wie ein Kelch ...«Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet, das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,« murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhrGolowin fort: »Ja, es wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal. Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu.Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine: prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere Wege sich nie mehr kreuzen.«»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie.»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden Ihrer Seele wieder gewinnen können,außer es kommt noch einmal zur Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.«Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe.Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt.LukardisIm Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen vermocht hätte.Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch, Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte. Eugen Pawlowitsch Nadinskyliebte seine Schwester, sie war die vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß, das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und feuerte gegen dieAnstürmenden, denen sein empörtes Herz die Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines zwischen Bretter geklemmten Stuhls.Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab, den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden. Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war.Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik, um den todkrankenMann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben. Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis seine Kräfte den Transport erlauben würden.Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde, die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es warMitte des Monats März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag, und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen. Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner, schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei überwogdas Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben; man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders – denn sie gab Nadinsky für ihren Bruder aus – stehe auf dem Spiel; umsonst, sie schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war, daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen.Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, einenPaß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der Gesellschaft sein.Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast nochein Kind gewesen war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war, hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte. Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln, Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; esgab Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille, in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei, was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen, ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu besiegenden Eindruck.Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte, stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab, das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen, runzelte sie die Stirn und erwiderte, siebedürfe des Zuspruchs nicht, ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes oder Häßliches begangen habe.»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit –«»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände verschränkend.Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben –«»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu. »Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum Lächeln zu bringen und in der Generalinkeinen Argwohn keimen zu lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete, daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen, besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle des Bahnhofs erwarten und daß sie sichbis dahin einen Auslandspaß für ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht schreckte und daß sie schweigen durfte.Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns, den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren, was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sichnicht geben, wie sie sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte, mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein, Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht, nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd, hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der angstvollen Erinnerung Platzzu machen, denn ihr war, als seien viele Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser zurückkehrte.Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs,ihres Verlobten. Sie wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie, halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter, an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er, den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar. Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen, drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei, dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch den aufgespeichertenParfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände, die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich mit Grauen.Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen, sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen dasTor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die Schanze geworfen hatte.Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane;ihr ekelte vor dem Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum, das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte. Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein, flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf der Welt keinenandern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig in der Welt als dieses Haus.Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung. Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben; Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte, zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sichherauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen. Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet. Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen Schwester nicht.Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb, nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin. Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegelauf, eilte dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend, mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde; ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen. Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas, das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky rührte sich nicht, ihre Empfindungteilte sich ihm mit, er begriff ihre Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß, empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen.Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr. Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde, und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklichzu sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert folgen mußte.

»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie weißer Bernstein.«

Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwartgewünscht, um mit mir zu verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.«

»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung, wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?«

Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen, seien Sie nicht lustig genug.«

»Es muß ja nichtboule de suifsein,« entgegnete er zynisch, »es kann ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.«

Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus, dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?«

Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vorsolchem Mantel widert. Das bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.«

Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen, und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit, kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen, Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung, man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer, der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat. Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören. Na, ich ging entschlossenauf das Gespenst los, ohne mich um die hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern, griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen, wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.«

Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen, schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern, primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean; durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt. Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganzeIndividuum ein von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe. Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig, flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt, geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze, übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert. Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdecktenBlicken messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung, überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut,Maria Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.«

Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton: »Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.«

»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung.

»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.«

Golowin starrte sie sprachlos an.

Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben? so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser Ansicht sind, – bitte.«

Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mitabgewendetem Gesicht dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand.

»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort. »Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben, wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«

Golowin schwieg noch immer.

»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.«

Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme: »Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen als Weibunrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«

Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.

Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt. Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr helfen, seine Arme werden lahm.«

»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria.

»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu pressen, die von der Faulheit und dem Mangel anSchwung in so öde Länge gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack auf einer Sandbank.«

»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.«

Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage der Magie.«

Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.

»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte, einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue; was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte Hand.«

»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt, Feuer gibt oder nicht.«

»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand; »gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt. Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst, von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen, verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden; spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt man in das Hausihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen, sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt, ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich, denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der Menschvon der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht. Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell, aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen; die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So eigentümlich entseeltwaren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel, das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert, und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme, die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja, ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir Liebe.«

Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchennicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.«

»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin zu ihr hinüber.

»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie ernst. »Ein Leben lang.«

»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich pariere ihn nicht.«

Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles, was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt, sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka, du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem Gold.«

Sie schwieg.

»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowinlächelnd; »Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.«

»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.«

»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.

»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen gewesen sein; man muß gegraben haben.«

»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«

»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«

Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand, fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten. Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein: »Glauben Sie an das Ende?«

»An welches Ende?«

»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?«

Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.«

»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein Gesicht warf.

»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«

»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«

Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.«

»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen. Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte. Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenneerniedrigt wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen; wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.«

Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der Golowin betroffen machte.

»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten Tones.

Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.

»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt den angesammelten Kehricht weg.«

»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit – und mordet; er schwärmt von Bruderliebe – und mordet; er trieft von Mitleid – und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung – und mordet;er küßt und umarmt – und mordet. Er kennt kein Erbarmen in seiner – Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden Augen. Die Kerze verlosch zischend.

Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien, ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt.

Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre sein. Ich kann warten.«

Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.«

Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, das viele andere überflüssig macht.«

»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete Maria.

Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument. Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?«

»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«

»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht dieGegenwart, ist zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.«

»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie bedeckte die Augen mit der Hand.

Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr, Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter, Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und du öffnest dich wie ein Kelch ...«

Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet, das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,« murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.

Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhrGolowin fort: »Ja, es wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«

Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal. Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.

»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu.

Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.

»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine: prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere Wege sich nie mehr kreuzen.«

»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie.

»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden Ihrer Seele wieder gewinnen können,außer es kommt noch einmal zur Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.«

Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe.

Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt.

Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen vermocht hätte.

Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch, Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte. Eugen Pawlowitsch Nadinskyliebte seine Schwester, sie war die vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß, das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und feuerte gegen dieAnstürmenden, denen sein empörtes Herz die Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines zwischen Bretter geklemmten Stuhls.

Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab, den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden. Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war.

Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik, um den todkrankenMann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben. Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis seine Kräfte den Transport erlauben würden.

Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde, die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es warMitte des Monats März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag, und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen. Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner, schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei überwogdas Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben; man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders – denn sie gab Nadinsky für ihren Bruder aus – stehe auf dem Spiel; umsonst, sie schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war, daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen.

Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, einenPaß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der Gesellschaft sein.

Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast nochein Kind gewesen war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war, hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte. Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.

Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln, Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; esgab Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille, in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei, was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen, ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu besiegenden Eindruck.

Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte, stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab, das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen, runzelte sie die Stirn und erwiderte, siebedürfe des Zuspruchs nicht, ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes oder Häßliches begangen habe.

»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.

»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit –«

»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.

»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände verschränkend.

Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.

»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben –«

»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu. »Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«

Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum Lächeln zu bringen und in der Generalinkeinen Argwohn keimen zu lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.

Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete, daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«

Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen, besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle des Bahnhofs erwarten und daß sie sichbis dahin einen Auslandspaß für ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.

Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht schreckte und daß sie schweigen durfte.

Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns, den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren, was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sichnicht geben, wie sie sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte, mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein, Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht, nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd, hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der angstvollen Erinnerung Platzzu machen, denn ihr war, als seien viele Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser zurückkehrte.

Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs,ihres Verlobten. Sie wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie, halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.

Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter, an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er, den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar. Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen, drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei, dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch den aufgespeichertenParfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände, die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich mit Grauen.

Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen, sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen dasTor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die Schanze geworfen hatte.

Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane;ihr ekelte vor dem Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum, das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte. Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein, flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf der Welt keinenandern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig in der Welt als dieses Haus.

Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung. Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben; Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte, zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sichherauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen. Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet. Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen Schwester nicht.

Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb, nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin. Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegelauf, eilte dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend, mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde; ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen. Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas, das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky rührte sich nicht, ihre Empfindungteilte sich ihm mit, er begriff ihre Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß, empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen.

Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr. Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde, und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklichzu sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert folgen mußte.


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