Ungnad

Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange, konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter Entschiedenheit sagte er,sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an. Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihmin diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl, dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück, »Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.«Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen. Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte. Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd, noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt, lautlos gehorsame Geister huschtensie hin und her, den Augen des Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft. Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen. Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen. Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich schweigend und wollte gehen.Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,«hauchte Lukardis wie entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten. Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er. Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eineunendliche, geheimnisvolle Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll, und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzterBlick flog durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte, die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch, weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der wiedergewonnenen Herzenskraft.Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleierder Scham; sie stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab, erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß. Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern, und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug aus der Halle.Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst. Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis sich beharrlich weigerte, denStaatsrat Kussin zu sehen, der für einige Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren, niemals er den ihren.UngnadLänger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein überlegener Charakter.In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei Monate daraufwar gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei angeklagt.Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad’schen Hause außerdem wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetemBesitz, in hundertjährigen Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am Mißlingen war nicht zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die Versöhnung mit Marietta.Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; nichts sei geeigneter, dieÖffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu verstimmen als ostensible Herzenspassionen.Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und körperlich ein Krüppel.Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichunggefaßt sein. Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen Gegensatz zu ihrem Wesen stand.Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen Bemühungen, daßman Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort beendet war, unmittelbar nach London befahl.Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio; und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde. Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue hatten schwärmerische Lobredner.Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin.Dem vorwärts- wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand, oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht, auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch; hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen.Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtumund die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken, eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm, der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete, Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten vorbereitet,in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit dann wirklich machte.Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war, blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbeiund über Schlachtfelder. Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern, viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben. Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert; stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein die Reise fortsetzte.Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe, unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher. Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war gewohnt, viel Raum um sich zu haben.Raum feite, Raum trennte. Die andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte. Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war, schrieb das Maß vor.Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges Gespenst.Man saß aufrecht und hielt sich bereit.Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte. Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war Mutter von zwei Kinderngeworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt, Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse, und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag.An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus’ Zukunft auf dem Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen, sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden.Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora Klingenberg vor, die ihr solchen Schrittentschieden widerriet. »Soll denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau. Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir, ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt, ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie aufzukommen; wenn man nochbeim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und anmutig, das reine Wunder.Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner vollkommenen Diskretion.Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlicherstaunte Augen machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so verdrießlich waren.Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an, der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte. Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf gehabt hatte.Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß. Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie der Boreas auf alten Bildern.»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus. »Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen Telegramme unbeantwortet liegen.«Ferry Sponeck seufzte.Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten Kopfstimme; »wir hatten keineFührer; keiner war der Herr. Manche haben das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird. Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.«Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel, und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz in die goldene Tasse.Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man Geschrei, fernes Geschrei.«»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. »Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.«Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind sie frech.Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt, haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche Wappen hat eine schöne Devise:fort et modeste.Ehestens wird das nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle Legitimität von Gott stammt.«Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.«Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete, erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine, entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich überden Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde.Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft. Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen. Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen, Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung. Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn verhindere, früher als Mittwochzu reisen. Francine starrte ihn sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die Köpfe schauen.In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig schluckte.Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen. Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie erstickten es in sich.Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu.Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten Seiden-Gespinnst überzogen.Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders, daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, sondern auch, weil man sie schonen müsse.Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe. In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen; er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie achtzehn Jahre altgewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt, ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein. Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmackgibt. Man kommt nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm, armer Kerl, sehr schlimm.«Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen bewahrt werden muß, oft Pein.Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in sicherer Hut.Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt; es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an belastet. Erasmus war der Mann nicht, denein Kind inniger an die Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen, wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache. Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig. Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es, und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu schweigen.Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen, daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln, und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung. Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen, wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes- und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit; Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein:Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab, daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter, geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in unaufhörlicher Schwebe.Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig, als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen.Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab sich dem Vorüberrinnen derStunden. Den November hatte sie von jeher gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot der Überfülle ihres Haares.Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln, entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den Eindruck der Lektüre von Barbusse’l’enfer,die Verabschiedung einer unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß.Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit, diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen; er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einenSchritt zurück, auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und Wechsel.Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine, dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben. Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies. Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die richtige.«Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider istder Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß; zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie. Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet, in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr, daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.«Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen töricht, daß ich ja oder neinsagen soll. Warum rücken einem die Leute so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.«»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht, was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren. Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens, eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener, mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf wartest du?«Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine Verheiratung zu finden. Es ist mir neu –«Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,« sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Alsich ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten. Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.«»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal übereingekommen –«»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig. Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?«»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.«Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du? Wen denn, um Gotteswillen?«Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares, heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat.Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer kennengelernt,reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener, und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren sollten.Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen, leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu heben, im Gleiten nur.Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt, ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder, während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner Gedanken, Wunsch und Erfüllung.»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu.»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt, es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen, ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse,mir mit der Achtung begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.«Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.«»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen; meinst du nicht?«Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die Arme aus.Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An viel Gemeinsames konnteangeknüpft werden. Der leichte Zwang zur Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, Hofmann, der er war.Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre. Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau, aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.«Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich, in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer Verehrung. Es hieß, er benutzedie ländliche Muße zur Niederschrift seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte.Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des Verhängnisses.«Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern.Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt.Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte; keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken, sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es ihn aus der Bahn des Ersprießlichenlockte; aber er ließ es geschehen, daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten seiner Natur.Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst wenig zu berauben.

Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange, konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter Entschiedenheit sagte er,sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an. Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihmin diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl, dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück, »Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.«

Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen. Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte. Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd, noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt, lautlos gehorsame Geister huschtensie hin und her, den Augen des Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft. Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen. Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen. Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich schweigend und wollte gehen.

Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,«hauchte Lukardis wie entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten. Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er. Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eineunendliche, geheimnisvolle Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.

Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll, und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzterBlick flog durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte, die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch, weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der wiedergewonnenen Herzenskraft.

Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleierder Scham; sie stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab, erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß. Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.

Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern, und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.

In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug aus der Halle.

Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst. Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis sich beharrlich weigerte, denStaatsrat Kussin zu sehen, der für einige Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.

Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren, niemals er den ihren.

Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein überlegener Charakter.

In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei Monate daraufwar gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei angeklagt.

Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad’schen Hause außerdem wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetemBesitz, in hundertjährigen Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.

Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am Mißlingen war nicht zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die Versöhnung mit Marietta.

Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; nichts sei geeigneter, dieÖffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu verstimmen als ostensible Herzenspassionen.

Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und körperlich ein Krüppel.

Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichunggefaßt sein. Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen Gegensatz zu ihrem Wesen stand.

Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen Bemühungen, daßman Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort beendet war, unmittelbar nach London befahl.

Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio; und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde. Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue hatten schwärmerische Lobredner.

Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin.Dem vorwärts- wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand, oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht, auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch; hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen.

Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtumund die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.

Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken, eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm, der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete, Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten vorbereitet,in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit dann wirklich machte.

Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war, blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbeiund über Schlachtfelder. Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern, viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben. Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«

Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert; stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.

Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein die Reise fortsetzte.

Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe, unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher. Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war gewohnt, viel Raum um sich zu haben.Raum feite, Raum trennte. Die andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte. Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war, schrieb das Maß vor.

Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges Gespenst.

Man saß aufrecht und hielt sich bereit.

Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte. Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war Mutter von zwei Kinderngeworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.

Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt, Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse, und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag.

An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus’ Zukunft auf dem Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen, sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden.

Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora Klingenberg vor, die ihr solchen Schrittentschieden widerriet. »Soll denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau. Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir, ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«

Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt, ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie aufzukommen; wenn man nochbeim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und anmutig, das reine Wunder.

Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.

Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner vollkommenen Diskretion.

Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlicherstaunte Augen machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so verdrießlich waren.

Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an, der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte. Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf gehabt hatte.

Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß. Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie der Boreas auf alten Bildern.

»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus. »Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen Telegramme unbeantwortet liegen.«

Ferry Sponeck seufzte.

Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten Kopfstimme; »wir hatten keineFührer; keiner war der Herr. Manche haben das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird. Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.«

Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel, und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz in die goldene Tasse.

Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man Geschrei, fernes Geschrei.«

»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. »Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.«

Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind sie frech.Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt, haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche Wappen hat eine schöne Devise:fort et modeste.Ehestens wird das nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle Legitimität von Gott stammt.«

Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.«

Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete, erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine, entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich überden Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde.

Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft. Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen. Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen, Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung. Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn verhindere, früher als Mittwochzu reisen. Francine starrte ihn sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.

Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die Köpfe schauen.

In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig schluckte.

Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen. Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«

Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie erstickten es in sich.Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu.

Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten Seiden-Gespinnst überzogen.

Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders, daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, sondern auch, weil man sie schonen müsse.

Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe. In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen; er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:

Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie achtzehn Jahre altgewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt, ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein. Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.

Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmackgibt. Man kommt nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«

Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm, armer Kerl, sehr schlimm.«

Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen bewahrt werden muß, oft Pein.

Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in sicherer Hut.

Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt; es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an belastet. Erasmus war der Mann nicht, denein Kind inniger an die Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen, wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache. Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig. Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es, und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu schweigen.

Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen, daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln, und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung. Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen, wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes- und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit; Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein:Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab, daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter, geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in unaufhörlicher Schwebe.

Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig, als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen.

Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab sich dem Vorüberrinnen derStunden. Den November hatte sie von jeher gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot der Überfülle ihres Haares.

Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln, entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den Eindruck der Lektüre von Barbusse’l’enfer,die Verabschiedung einer unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß.

Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit, diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen; er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einenSchritt zurück, auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und Wechsel.

Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine, dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben. Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies. Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die richtige.«

Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider istder Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß; zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie. Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet, in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr, daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.«

Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen töricht, daß ich ja oder neinsagen soll. Warum rücken einem die Leute so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.«

»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht, was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren. Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens, eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener, mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf wartest du?«

Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine Verheiratung zu finden. Es ist mir neu –«

Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,« sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Alsich ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten. Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.«

»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal übereingekommen –«

»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig. Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.

»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?«

»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.«

Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du? Wen denn, um Gotteswillen?«

Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares, heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat.

Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer kennengelernt,reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener, und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren sollten.

Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen, leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu heben, im Gleiten nur.

Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt, ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder, während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner Gedanken, Wunsch und Erfüllung.

»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu.

»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt, es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen, ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse,mir mit der Achtung begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.«

Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.«

»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen; meinst du nicht?«

Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die Arme aus.

Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An viel Gemeinsames konnteangeknüpft werden. Der leichte Zwang zur Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, Hofmann, der er war.

Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre. Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau, aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.«

Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich, in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer Verehrung. Es hieß, er benutzedie ländliche Muße zur Niederschrift seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte.

Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des Verhängnisses.«

Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern.

Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt.

Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte; keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken, sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es ihn aus der Bahn des Ersprießlichenlockte; aber er ließ es geschehen, daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten seiner Natur.

Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst wenig zu berauben.


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