Mit einem überlegenen Auge wünscht man gerade umgekehrt die immer größereHerrschaft des Bösen, die wachsende Freiwerdung des Menschen von der engen und ängstlichen Moraleinschnürung, das Wachstum der Kraft, umdie größten Naturgewalten – die Affekte – in Dienst nehmen zu können.
Wie unter dem Druck der asketischenEntselbstungsmoralgerade die Affekte der Liebe, der Güte, des Mitleids, selbst der Gerechtigkeit, der Großmut, des Heroismusmißverstandenwerden mußten:
Es ist derReichtum an Person, die Fülle in sich, das Überströmen und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen zu sich, was die großen Opfer und die große Liebe macht: es ist die starke und göttliche Selbstigkeit, aus der diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das Herrwerdenwollen, Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf alles zu haben. Die nach gemeiner AuffassungentgegengesetztenGesinnungen sind vielmehreineGesinnung; und wenn man nicht fest und wacker in seiner Haut sitzt, so hat man nichts abzugeben und Hand auszustrecken und Schutz und Stab zu sein....
Wie hat man diese Instinkte soumdeutenkönnen, daß der Mensch als wertvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht? wenn er sein Selbst einem anderen Selbst preisgibt! O über die psychologische Erbärmlichkeit und Lügnerei, welche bisher in Kirche und kirchlich angekränkelter Philosophie das große Wort geführt hat!
Wenn der Mensch sündhaft ist durch und durch, so darf er sich nur hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen mit keiner andern Empfindung behandeln wie sich selbst; Menschenliebe bedarf einer Rechtfertigung, – sie liegt darin, daßGott sie befohlen hat. – Hieraus folgt, daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen (zur Liebe usw.) ihm an sich unerlaubt scheinen und erst nach ihrerVerleugnungauf Grund eines Gehorsams gegen Gott wieder zu Recht kommen.... Pascal, der bewunderungswürdigeLogikerdes Christentums,gingso weit! man erwäge sein Verhältnis zu seiner Schwester. „Sichnichtlieben machen“ schien ihm christlich.
Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moralgelobtwerden, ergeben sich mir als essentiellgleichmit den von ihr verleumdeten und abgelehnten: zum Beispiel Gerechtigkeit als Wille zur Macht, Wille zur Wahrheit als Mittel des Willens zur Macht.
Kritik des „guten Menschen“, des Heiligen usw.
Der „gute Mensch“. Oder: die Hemiplegie der Tugend. – Für jede starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört Liebe und Haß, Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-tun und Nein-tun zu einander. Man ist gut um den Preis, daß man auch böse zu sein weiß; man ist böse, weil man sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene Erkrankung und ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt –, welche als das Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig zu sein? Woher die Hemiplegie der Tugend, die Erfindung des guten Menschen?.... Die Forderung geht dahin, daß der Mensch sich an jenen Instinkten verschneide, mit denen er feind sein kann, schaden kann, zürnen kann, Rache heischen kann.... Diese Unnatur entspricht dann jener dualistischen Konzeption eines bloß guten und eines bloß bösen Wesens (Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle positiven, in letzterem alle negativen Kräfte, Absichten, Zustände summierend. – Eine solche Wertungsweise glaubt sich damit „idealistisch“; sie zweifelt nicht daran, eine höchste Wünschbarkeit in der Konzeption „des Guten“ angesetzt zu haben. Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich einen Zustand aus, wo alles Böse annulliert ist und wo in Wahrheit nur die guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht einmal für ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und Böse sich gegenseitig bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden und ersteres soll übrig bleiben, das eine hat ein Recht zu sein, das anderesollte gar nicht da sein.... Was wünscht da eigentlich? – –
Man hat sich zu allen Zeiten und sonderlich zu den christlichen Zeiten viel Mühe gegeben, den Menschen auf diesehalbseitigeTüchtigkeit, auf den „Guten“ zu reduzieren: noch heute fehlt es nicht an kirchlich Verbildeten und Geschwächten, denen diese Absicht mit der „Vermenschlichung“ überhaupt oder mit dem „Willen Gottes“ oder mit dem „Heil der Seele“ zusammenfällt. Hier wird als wesentliche Forderung gestellt, daß der Mensch nichts Böses tue, daß er unter keinen Umständen schade, schadenwolle. Als Weg dazu gilt: die Verschneidung aller Möglichkeit zur Feindschaft, die Aushängung aller Instinkte des Ressentiments, der „Frieden der Seele“ als chronisches Übel.
Diese Denkweise, mit der ein bestimmter Typus Mensch gezüchtet wird, geht von einer absurden Voraussetzung aus: sie nimmt das Gute und das Böse als Realitäten, die mit sich im Widerspruch sind (nichtals komplementäre Wertbegriffe, was die Wahrheit wäre), sie rät, die Partei des Guten zu nehmen, sie verlangt, daß der Gute dem Bösen bis in die letzte Wurzel entsagt und widerstrebt, –sie verneint tatsächlich damit das Leben, welches in allen seinen Instinkten sowohl das Ja wie das Nein hat. Nicht daß sie dies begriffe: sie träumt umgekehrt davon, zur Ganzheit, zur Einheit, zur Stärke des Lebens zurückzukehren: sie denkt es sich als Zustand der Erlösung, wenn endlich der eignen innern Anarchie, der Unruhe zwischen jenen entgegengesetzten Wertantrieben ein Ende gemacht wird. – Vielleicht gab es bisher keine gefährlichere Ideologie, keinen größeren Unfugin psychologicis, als diesen Willen zum Guten: man zog den widerlichsten Typus, denunfreienMenschen, groß, den Mucker; man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf dem rechten Wege zur Gottheit, nur ein Muckerwandel sei ein göttlicher Wandel.
Und selbst hier noch behält das Leben recht, – das Leben, welches das Ja nicht vom Nein zu trennen weiß – : was hilft es, mit allen Kräften den Krieg für böse zu halten, nicht schaden, nicht Nein tun zu wollen! man führt doch Krieg! man kann gar nicht anders! Der gute Mensch, derdem Bösen entsagt hat, behaftet, wie es ihm wünschbar scheint, mit jener Hemiplegie der Tugend, hört durchaus nicht auf, Krieg zu führen, Feinde zu haben, Nein zu sagen, Nein zu tun. Der Christ zum Beispiel haßt die „Sünde“! – und was ist ihm nicht alles „Sünde“! Gerade durch jenen Glauben an einen Moralgegensatz von Gut und Böse ist ihm die Welt vom Hassenswerten, vom Ewig-zu-Bekämpfenden übervoll geworden. „Der Gute“ sieht sich wie umringt vom Bösen und unter dem beständigen Ansturm des Bösen, er verfeinert sein Auge, er entdeckt unter all seinem Dichten und Trachten noch das Böse: und so endet er, wie es folgerichtig ist, damit, die Natur für böse, den Menschen für verderbt, das Gutsein als Gnade (das heißt als menschenunmöglich) zu verstehen.In summa:er verneint das Leben, er begreift, wie das Gute als oberster Wert das Lebenverurteilt.... Damit sollte seine Ideologie von Gut und Böse ihm als widerlegt gelten. Aber eine Krankheit widerlegt man nicht. Und so konzipiert er einanderesLeben!....
Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblichvielfachin ihrer Motivierung: mit irgendeinem solchen Wort wie „Mitleid“ istgar nichtsgesagt. Das Wesentlichste ist das Gefühl „wer bin ich? wer ist der andere im Verhältnis zu mir?“ – Werturteile fortwährend tätig.
1. Die prinzipielleFälschung der Geschichte, damit sie denBeweisfür die moralische Wertung abgibt:
a) Niedergang eines Volkes und die Korruption;
b) Aufschwung eines Volkes und die Tugend;
c) Höhepunkt eines Volkes („seine Kultur“) als Folge der moralischen Höhe.
2. Die prinzipielle Fälschung dergroßen Menschen, dergroßen Schaffenden, dergroßen Zeiten:
man will, daß derGlaubedas Auszeichnende der Großen ist: aber die Unbedenklichkeit, die Skepsis, die „Unmoralität“, die Erlaubnis, sich eines Glaubens entschlagen zu können, gehört zur Größe (Cäsar, Friedrich der Große, Napoleon; aber auch Homer, Aristophanes, Lionardo, Goethe). Man unterschlägt immer die Hauptsache, ihre „Freiheit des Willens“ –
– „Die Krankheit macht den Menschen besser“: diese berühmte Behauptung, der man durch alle Jahrhunderte begegnet, und zwar im Munde der Weisen ebenso als im Mund und Maule des Volks, gibt zu denken. Man möchte sich, auf ihre Gültigkeit hin, einmal erlauben zu fragen: gibt es vielleicht ein ursächliches Band zwischen Moral und Krankheit überhaupt? Die „Verbesserung des Menschen“, im großen betrachtet, zum Beispiel die unleugbare Milderung, Vermenschlichung, Vergutmütigung des Europäers innerhalb des letzten Jahrtausends – ist sie vielleicht die Folge eines langen, heimlich-unheimlichen Leidens und Mißratens, Entbehrens, Verkümmerns? Hat „die Krankheit“ den Europäer „besser gemacht“? Oder, anders gefragt: ist unsre Moralität – unsre moderne zärtliche Moralität in Europa, mit der man die Moralität des Chinesen vergleichen möge, – der Ausdruck eines physiologischenRückgangs?... Man möchte nämlich nicht ableugnen können, daß jede Stelle der Geschichte, wo „der Mensch“ sich in besonderer Pracht und Mächtigkeit des Typus gezeigt hat, sofort einen plötzlichen, gefährlichen, eruptiven Charakter annimmt, bei dem die Menschlichkeit schlimm fährt; und vielleicht hat es in jenen Fällen, wo esanders scheinen will, eben nur an Mut oder Feinheit gefehlt, die Psychologie in die Tiefe zu treiben und den allgemeinen Satz auch da noch herauszuziehen: „je gesünder, je stärker, je reicher, fruchtbarer, unternehmender ein Mensch sich fühlt, um so ‚unmoralischer‘ wird er auch.“ Ein peinlicher Gedanke! dem man durchaus nicht nachhängen soll! Gesetzt aber, man läuft mit ihm ein kleines, kurzes Augenblickchen vorwärts, wie verwundert blickt man da in die Zukunft! Was würde sich dann auf Erden teurer bezahlt machen als gerade das, was wir mit allen Kräften fordern – die Vermenschlichung, die „Verbesserung“, die wachsende „Zivilisierung“ des Menschen? Nichts wäre kostspieliger als Tugend: denn am Ende hätte man mit ihr die Erde als Hospital: und „Jeder jedermanns Krankenpfleger“ wäre der Weisheit letzter Schluß. Freilich: man hätte dann auch jenen vielbegehrten „Frieden auf Erden“! Aber auch so wenig „Wohlgefallen aneinander“! So wenig Schönheit, Übermut, Wagnis, Gefahr! So wenig „Werke“, um derentwillen es sich lohnte, auf Erden zu leben! Ach! und ganz und gar keine „Taten“ mehr! AllegroßenWerke und Taten, welche stehengeblieben sind und von den Wellen der Zeit nicht fortgespült wurden, – waren sie nicht alle im tiefsten Verstande großeUnmoralitäten?....
Egoismus! Aber noch niemand hat gefragt:wasfür einego? Sondern jeder setzt unwillkürlich dasegojedemegogleich. Das sind die Konsequenzen der Sklaventheorie vomsuffrage universelund der „Gleichheit“.
Ursprung der Moralwerte.– Der Egoismus ist so viel wert, als der physiologisch wert ist, der ihn hat.
Jeder einzelne ist die ganze Linie der Entwicklung noch (und nicht nur, wie ihn die Moral auffaßt, etwas, das mit der Geburt beginnt). Stellt er dasAufsteigender Linie Mensch dar, so ist sein Wert in der Tat außerordentlich; und die Sorge um Erhaltung und Begünstigung seines Wachstums darf extrem sein. (Es ist die Sorge um die in ihm verheißene Zukunft, welche dem wohlgeratenen Einzelnen ein so außerordentliches Recht auf Egoismus gibt.) Stellt er dieabsteigendeLinie dar, den Verfall, die chronische Erkrankung, so kommt ihm wenig Wert zu: und die erste Billigkeit ist, daß er so wenig als möglich Platz, Kraft und Sonnenschein den Wohlgeratenen wegnimmt. In diesem Falle hat die Gesellschaft dieNiederhaltung des Egoismus(– der mitunter absurd, krankhaft, aufrührerisch sich äußert –) zur Aufgabe: handle es sich nun um Einzelneoder um ganze verkommende, verkümmernde Volksschichten. Eine Lehre und Religion der „Liebe“, derNiederhaltungder Selbstbejahung, des Duldens, Tragens, Helfens, der Gegenseitigkeit in Tat und Wort kann innerhalb solcher Schichten vom höchsten Werte sein, selbst mit den Augen der Herrschenden gesehen: denn sie hält die Gefühle der Rivalität, des Ressentiments, des Neides nieder, die allzu natürlichen Gefühle der Schlechtweggekommenen, sie vergöttlicht ihnen selbst unter dem Ideal der Demut und des Gehorsams das Sklavesein, das Beherrschtwerden, das Armsein, das Kranksein, das Untenstehen. Hieraus ergibt sich, warum die herrschenden Klassen (oder Rassen) und Einzelnen jederzeit den Kultus der Selbstlosigkeit, das Evangelium der Niedrigen, den „Gott am Kreuze“ aufrechterhalten haben.
Das Übergewicht einer altruistischen Wertungsweise ist die Folge eines Instinktes für Mißratensein. Das Werturteil auf unterstem Grunde sagt hier: „ich bin nicht viel wert“: ein bloß physiologisches Werturteil; noch deutlicher: das Gefühl der Ohnmacht, der Mangel der großen, bejahenden Gefühle der Macht (in Muskeln, Nerven, Bewegungszentren). Dies Werturteil übersetzt sich, je nach der Kultur dieser Schichten, in ein moralisches oder religiöses Urteil (– die Vorherrschaft religiöser oder moralischer Urteile ist immer ein Zeichen niedriger Kultur –): es sucht sich zu begründen, aus Sphären, woher ihnen der Begriff „Wert“ überhaupt bekannt ist. Die Auslegung, mit der der christliche Sünder sich zu verstehen glaubt, ist ein Versuch, den Mangel an Macht und Selbstgewißheitberechtigtzu finden: er will lieber sich schuldig finden, als umsonst sich schlecht fühlen: an sich ist es ein Symptom von Verfall, Interpretationen dieser Art überhaupt zu brauchen. In andern Fällen sucht der Schlechtweggekommene den Grund dafür nicht in seiner „Schuld“ (wie der Christ), sondern in der Gesellschaft: der Sozialist, der Anarchist, der Nihilist, – indem sie ihr Dasein als etwas empfinden, an dem jemandschuldsein soll, sind sie damit immer noch dieNächstverwandten des Christen, der auch das Sich-schlecht-Befinden und Mißraten besser zu ertragen glaubt, wenn er jemanden gefunden hat, den er dafürverantwortlichmachen kann. Der Instinkt der Rache und desRessentimentserscheint hier in beiden Fällen als Mittel, es auszuhalten, als Instinkt der Selbsterhaltung: ebenso wie die Bevorzugung deraltruistischenTheorie und Praxis. DerHaß gegen den Egoismus, sei es gegen den eignen (wie beim Christen), sei es gegen den fremden (wie beim Sozialisten), ergibt sich dergestalt als ein Werturteil unter der Vorherrschaft der Rache; andrerseits als eine Klugheit der Selbsterhaltung Leidender durch Steigerung ihrer Gegenseitigkeits- und Solidaritätsgefühle.... Zuletzt ist, wie schon angedeutet, auch jene Entladung des Ressentiments im Richten, Verwerfen, Bestrafen des Egoismus (des eignen oder eines fremden) noch ein Instinkt der Selbsterhaltung bei Schlechtweggekommenen.In summa: der Kultus des Altruismus ist eine spezifische Form des Egoismus, die unter bestimmten physiologischen Voraussetzungen regelmäßig auftritt.
Wenn der Sozialist mit einer schönen Entrüstung „Gerechtigkeit“, „Recht“, „gleiche Rechte“ verlangt, so steht er nur unter dem Druck seiner ungenügenden Kultur, welche nicht zu begreifen weiß, warum er leidet: andrerseits macht er sich ein Vergnügen damit; – befände er sich besser, so würde er sich hüten, so zu schreien: er fände dann anderswo sein Vergnügen. Dasselbe gilt vom Christen: die „Welt“ wird von ihm verurteilt, verleumdet, verflucht, – er nimmt sich selbst nicht aus. Aber das ist kein Grund, sein Geschrei ernst zu nehmen. In beiden Fällen sind wir immer noch unter Kranken, denen eswohltut, zu schreien, denen die Verleumdung eine Erleichterung ist.
Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe und nicht übergriffe, – es gibt folglich jenen „erlaubten“, „moralisch indifferenten“ Egoismus gar nicht, von dem ihr redet.
„Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern“; „Leben lebt immer auf Unkosten andern Lebens“ – wer das nicht begreift, hat bei sich auch nicht den ersten Schritt zur Redlichkeit getan.
Egoismusund sein Problem! Die christliche Verdüsterung in Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und damit den Wert der Dinge und Tugendenvermindertglaubte! Dem entgegen suchte ich zunächst zu beweisen, daß es gar nichts anderes gebenkönneals Egoismus, – daß den Menschen, bei denen dasegoschwach und dünn wird, auch die Kraft der großen Liebe schwach wird, – daß die Liebendsten vor allem es aus Stärke ihresegosind, – daß Liebe ein Ausdruck von Egoismus ist usw. Die falsche Wertschätzung zielt in Wahrheit auf das Interesse 1. derer, denen genützt, geholfen wird, der Herde; 2. enthält sie einen pessimistischen Argwohn gegen den Grund des Lebens; 3. möchte sie die prachtvollsten und wohlgeratensten Menschen verneinen; Furcht; 4. will sie den Unterliegenden zum Rechte verhelfen gegen die Sieger; 5. bringt sie eine universale Unehrlichkeit mit sich, und gerade bei den wertvollsten Menschen.
Ich habe dem bleichsüchtigen Christenideale den Krieg erklärt (samt dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der Absicht, es zu vernichten, sondern nur, um seinerTyranneiein Ende zu setzen und den Platz freizubekommen für neue Ideale, fürrobustereIdeale... DieFortdauerdes christlichen Ideals gehört zu den wünschenswertesten Dingen, die es gibt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm und vielleicht über ihm sich geltend machen wollen, – sie müssen Gegner, starke Gegner haben, umstarkzu werden. – So brauchen wir Immoralisten dieMachtderMoral: unserSelbsterhaltungstrieb will, daß unsreGegnerbei Kräften bleiben, – er will nurHerr über siewerden. –
Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern und eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen hier arbeitenden Instinkte ans Licht ziehen und zu Ehren bringen, nachdem sie die längste Zeit unter heuchlerischen Tugendnamen versteckt wurden; man soll aus Scham vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“ die Scham verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen und weglügen möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie weit man sich der Tugend entschlagen kann; und es wäre eine Höhe zu denken, wo der Begriff „Tugend“ so unempfunden wäre, daß er wievirtùklänge, Renaissancetugend, moralinfreie Tugend. Aber einstweilen – wie fern sind wir noch von diesem Ideale!
Die Gebietsverkleinerung der Moral: ein Zeichen ihres Fortschritts. Überall, wo man noch nichtkausalzu denken vermocht hat, dachte manmoralisch.
Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen Vorrang vor uns: wir wollen euch dieBescheidenheithübsch zu Gemüte führen: es ist ein erbärmlicher Eigennutz und Klugheit, welche euch eure Tugend anrät. Und hättet ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch nicht dergestalt zu tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht aus euch, was ihr könnt: teils was ihr müßt – wozu euch eure Umstände zwingen –, teils was euch Vergnügen macht, teils was euch nützlich scheint. Aber wenn ihr tut, was nur euren Neigungen gemäß ist oder was eure Notwendigkeit von euch will oder was euch nützt, so sollt ihr euch darinweder loben dürfen, noch loben lassen!.... Man ist einegründlich kleine ArtMensch, wenn mannurtugendhaft ist: darüber soll nichts in die Irre führen! Menschen, die irgendworin in Betracht kommen, waren noch niemals solche Tugendesel: ihr innerster Instinkt, der ihresQuantums Macht, fand dabei nicht seine Rechnung: während eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen läßt als Tugend. Aber ihr habt dieZahlfür euch: und insofern ihrtyrannisiert, wollen wireuchden Krieg machen....
Eintugendhafter Menschist schon deshalb eine niedrigere Spezies, weil er keine „Person“ ist, sondern seinen Wert dadurch erhält, einem Schema Mensch gemäß zu sein, das ein für allemal aufgestellt ist. Er hat nicht seinen Werta parte: er kann verglichen werden, er hat seinesgleichen, ersollnicht einzeln sein....
Rechnet die Eigenschaften desgutenMenschen nach, weshalb tun sie uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben, weil er kein Mißtrauen, keine Vorsicht, keine Sammlung und Strenge uns auferlegt: unsre Faulheit, Gutmütigkeit, Leichtsinnigkeit macht sich einenguten Tag. Dieses unserWohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizierenund dem guten Menschen alsEigenschaft, alsWertzurechnen.
Zur Kritik des guten Menschen.– Rechtschaffenheit, Würde, Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, gutes Gewissen, – sind wirklich mit diesen wohlklingenden Worten Eigenschaften um ihrer selbst willen bejaht oder gutgeheißen? oder sind hier an sich wertindifferente Eigenschaften und Zustände nur unter irgendwelchen Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der Wert dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil, der aus ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet wird)?
Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz vonegoundalterin der Beurteilung: die Frage ist, ob dieFolgenes sind, sei es für den Träger dieser Eigenschaften, sei es für die Umgebung, Gesellschaft, „Menschheit“, derentwegen diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder ob sie an sich selbst Wert haben....
Anders gefragt: ist es dieNützlichkeit, welche die entgegengesetzten Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen heißt (– Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, Selbstungewißheit: Unmenschlichkeit –)? Ist das Wesen solcher Eigenschaften oder nur die Konsequenz solcher Eigenschaften verurteilt? – Anders gefragt: wäre eswünschbar, daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht existieren? – Das wirdjedenfalls geglaubt.... Aber hier steckt der Irrtum, die Kurzsichtigkeit, die Borniertheit desWinkelegoismus.
Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu schaffen, in denen der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen ist, – so daß die entgegengesetzten Naturen und Instinkte entmutigt würden und langsam ausstürben?
Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und derÄsthetik: wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“, das heißt langweiligste Spezies Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, die Tugendhaften, die Biedermänner, die Braven, die Geraden, die „Hornochsen“?
Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“ weg: so hat sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein Recht auf Existenz: er ist nicht mehr nötig, – und hier begreift man, daß nur die grobe Nützlichkeit eine solcheunausstehliche Tugendzu Ehren gebracht hat.
Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten Seite: Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene Mensch“ in die bescheidene Stellung eines „nützlichen Werkzeugs“ herabgedrückt wird – als das „ideale Herdentier“, bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen er nicht mehr in die obere Ordnung zu stehen kommt: welcheandere Eigenschaftenverlangt.
Das Patronat der Tugend.– Habsucht, Herrschsucht, Faulheit, Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an der Sache der Tugend: darum steht sie so fest.
Man soll dieTugendgegen die Tugendprediger verteidigen: das sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren die Tugend als ein Idealfür alle; sie nehmen der Tugend ihren Reiz des Seltenen, des Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen und Undurchschnittlichen, – ihrenaristokratischen Zauber. Man soll insgleichen Front machen gegen die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen und ihre Genugtuung haben, wenn es hohl klingt: welche Naivität, Großes und Seltenes zufordernund seine Abwesenheit mit Ingrimm und Menschenverachtung festzustellen! – Es liegt zum Beispiel auf der Hand, daß eineEheso viel wert ist als die, welche sie schließen, das heißt, daß sie im großen ganzen etwas Erbärmliches und Unschickliches sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas anderes daraus machen.
DieTugendhat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen gegen sich: sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist der Leidenschaft verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich; sie verdirbt den Charakter, den Kopf, den Sinn, – – immer gemessen mit dem Maß des Mittelguts von Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung, gegen dieLüge, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit versteckt liegt, – sie ist dasschlimmste Laster, gesetzt, daß man sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf dieandernbeurteilt.
– Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt, erkannt zu werden, 2. daß sie nicht Tugend überall voraussetzt, sondern gerade etwas anderes, 3. daß sie an der Abwesenheit der Tugendnicht leidet, sondern umgekehrt dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund dessen etwas an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit, 4. daß sie nicht Propaganda macht.... 5. daß sie niemand erlaubt, den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugendfür sichist, 6. daß sie gerade alles das tut, was sonstverbotenist: Tugend, wie ich sie verstehe, ist das eigentlichevetituminnerhalb aller Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie Tugend im Renaissancestil ist,virtù, moralinfreie Tugend..
Der„gute Mensch“ als Tyrann. – Die Menschheit hat immer denselben Fehler wiederholt: daß sie aus einem Mittel zum Leben einenMaßstabdes Lebens gemacht hat; daß sie – statt in der höchsten Steigerung des Lebens selbst, im Problem des Wachstums und der Erschöpfung, das Maß zu finden – dieMittelzu einem ganz bestimmten Leben zum Ausschluß aller anderen Formen des Lebens, kurz zur Kritik und Selektion des Lebens benutzt hat. Das heißt, der Mensch liebt endlich die Mittel um ihrer selbst willen undvergißtsie als Mittel: so daß sie jetzt als Ziele ihm ins Bewußtsein treten, als Maßstäbe von Zielen.... das heißt,eine bestimmte Spezies Menschbehandelt ihre Existenzbedingungen als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als „Wahrheit“, „Gut“, „Vollkommen“: sietyrannisiert... Es ist eineForm des Glaubens, des Instinkts, daß eine Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen Art, ihre Relativität im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens scheint es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn sie tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr daran denkt, Herr sein zu wollen –
– Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen, daß zuletzt man vor dem Laster flieht, um von dem loszukommen, was mit ihm verknüpft ist. Das ist der berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser, durch Wagnersche Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei Frau Venus nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend Reiz; eine thüringische Jungfrau steigt im Preise; und, um das Stärkste zu sagen, er goutiert sogar die Weise Wolframs von Eschenbach....
Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige Form der Dummheit: wer dürfte ihr darum übelwollen?Und diese Art Tugend ist auch heute noch nicht überlebt. Eine Art von wackerer Bauerneinfalt, welche aber in allen Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, daß alles in guten Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“: und wenn sie diesen Satz mit jener bescheidenen Sicherheit aufrecht erhalten, wie als ob sie sagten, daß zwei mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten, zu widersprechen. Wozudiesereine Torheit trüben? Wozu sie mit unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft verdüstern? Und wollten wir es, wir könnten es nicht. Sie spiegeln ihre eigne ehrwürdige Dummheit und Güte in die Dingehinein(bei ihnen lebt ja der alte Gottdeus myopsnoch!); wir andern – wir sehen etwas anderes in die Dinge hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche, unsre tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.
DieTugendfindet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft ist dahin; es müßte sie denn einer etwa als eine ungewöhnliche Form des Abenteuers und der Ausschweifung von neuem auf den Markt zu bringen verstehen. Sie verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich hätte. Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche mag eben das an ihr neuer Zauber sein: – sie ist nunmehr, was sie bisher noch niemals gewesen ist, einLaster.
Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: siesolles bleiben!
Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies wunderlichste Resultat nicht: ich habe der Tugend einen neuenReizerteilt, – sie wirkt als etwasVerbotenes. Sie hat unsre feinste Redlichkeit gegen sich, sie ist eingesalzen in das „cum grano salis“ des wissenschaftlichen Gewissensbisses; sie ist altmodisch im Geruch und antikisierend, so daß sie nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und neugierig macht; – kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem wir alles als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch die Erlaubnis wieder zu dieser schönsten Falschheit, der der Tugend, erhalten. Es gibt keine Instanz mehr, die uns dieselbe verbieten dürfte; erst indem wir die Tugend als eineForm der Immoralitätaufgezeigt haben, ist sie wiedergerechtfertigt, – sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in Hinsicht auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der Grundimmoralität alles Daseins, – als eine Luxusform ersten Ranges, die hochnäsigste, teuerste und seltenste Form des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und entkuttet, wir haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst, wir haben ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.
Ob ich damit der Tugend geschadet habe?.... Ebensowenig, als die Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron... Denn so stand es immer und wird es stehen: man kann einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie verfolgt und mit allen Hunden hetzt.... Dies – habe ich getan.
Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche:
a) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn manZüchtungmitZähmungverwechselt: was man getan hat.... Die Züchtung ist, wie ich sie verstehe, ein Mittel der ungeheuren Kraftaufspeicherung der Menschheit, so daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren fortbauen können – nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch aus ihnen herauswachsend, insStärkere....
b) daß es eine außerordentliche Gefahr gibt, wenn man glaubt, daß die Menschheit alsGanzesfortwüchse und stärker würde, wenn die Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich werden.... Menschheit ist ein Abstraktum: dasZiel derZüchtungkann auch im einzelnsten Falle immer nur derstärkereMensch sein (– der ungezüchtete ist schwach, vergeuderisch, unbeständig –).
Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die TatMoral zu machen.... Die Mittel der Moralisten sind die furchtbarsten Mittel, die je gehandhabt worden sind; wer den Mut nicht zur Unmoralität der Tat hat, taugt zu allem Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten.
Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß eiserne Stäbe nützlicher sein können als Freiheit, selbst für den Eingefangenen; ihre andere Voraussetzung, daß es Tierbändiger gibt, die sich vor furchtbaren Mitteln nicht fürchten, – die glühendes Eisen zu handhaben wissen. Diese schreckliche Spezies, die den Kampf mit dem wilden Tier aufnimmt, heißt sich „Priester“.
Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrtümern, eine Karikatur des Menschen geworden, krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig, voller Haß auf die Antriebe zum Leben, voller Mißtrauen gegen alles, was schön und glücklich ist am Leben, ein wandelndes Elend: diese künstliche, willkürliche,nachträglicheMißgeburt, welche die Priester aus ihrem Boden gezogen haben, den „Sünder“: wie werden wir es erlangen, dieses Phänomen trotz alledem zurechtfertigen?
Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zweizoologischeBegriffe an ihre Stelle setzen:Zähmungder Bestie undZüchtung einer bestimmten Art.
Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie „bessern“ wollen.... Aber wir andern lachen, wenn ein Tierbändiger von seinen „gebesserten“ Tieren reden wollte. Die Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen durch eine Schädigung der Bestie erreicht: auch der moralische Mensch ist kein besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter. Aber er ist weniger schädlich....
Das gesamte Moralisieren als Phänomen ins Auge bekommen. Auch alsRätsel. Die moralischen Phänomene haben mich beschäftigt wie Rätsel. Heute würde ich eine Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für mich das Wohl des Nächsten höheren Wert habensoll, als mein eigenes? daß aber der Nächste selbst den Wert seines Wohls anders schätzensollals ich, nämlich demselben gerademeinWohl überordnen soll? Was bedeutet das „Du sollst“, das selbst von Philosophen als „gegeben“ betrachtet wird?
Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung, die er dem andern erweist, höher halten soll, als die sich selbst erwiesene, dieser andere ebenso wieder usw. (daß man nur Handlungen gutheißen soll, weil einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl des andern) hat seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf der Schätzung beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig gelegen ist, aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine Gemeinschaft bilden, mit einem Gemeingefühl und Gemeingewissen. Also eine Art Übung in einer bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer Optik, welche sich selbst zu sehen unmöglich machen will.
Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, unddiese müssen Einzelnesein! Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder Einzelne wird geopfert und dient als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter „Sklaven“ begegnet. Wohin? Wozu?
„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine Wertschätzung. Woher stammen die Wertschätzungen? Ist eine feste Norm von „angenehm und schmerzhaft“ die Grundlage?
Aber in unzähligen Fällenmachenwir erst eine Sache schmerzhaft, dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen.
Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast injedem Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist unsgefärbtdadurch.
Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir haben eine ungeheurelatente Kraftmasse dadurch in uns: aber in derVergleichungder Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes als wertvoll galt, daßvieleGütertafeln existierten (also nichts „an sich“ wertvoll).
Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre Aufstellung als die Aufstellung vonExistenzbedingungenbeschränkter Gruppen (und oft irrtümlicher): zur Erhaltung.
Bei der Betrachtung derjetzigenMenschen ergab sich, daß wirsehr verschiedeneWerturteile handhaben, und daß keine schöpferische Kraft mehr darin ist, – die Grundlage: „die Bedingung der Existenz“ fehlt dem moralischen Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange nicht so schmerzhaft. – Es wirdwillkürlich. Chaos.
Wer schafftdas Ziel, das über der Menschheit stehen bleibt und auch über dem Einzelnen? Ehemals wollte man mit der Moralerhalten: aber niemand will jetzt mehrerhalten, es ist nichts daran zu erhalten. Also eineversuchende Moral: sich ein Zielgeben.
Inwiefern dieSelbstvernichtung der Moralnoch ein Stück ihrer eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut solcher in uns, die für ihren Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und ernst genommen, und es ist nichts, was wir nicht irgendwie geopfert haben. Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch Gewissensvivisektion erreicht worden. Wir wissen das „Wohin?“ noch nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt in die Ferne, ins Abenteuer, durch die wir ins Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte hinausgestoßen werden, – es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer sein, nachdemwir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir „erhalten“ möchten. Ein verborgenesJatreibt uns dazu, das stärker ist als alle unsre Neins. UnsreStärkeselbst duldet uns nicht mehr im alten, morschen Boden: wir wagen uns in die Weite, wir wagenunsdaran: die Welt ist noch reich und unentdeckt, und selbst Zugrundgehen ist besser als halb und giftig werden. Unsre Stärke selbst zwingt uns aufs Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher untergegangen sind: wirwissenum eine neue Welt....
Mein Schlußsatz ist: daß derwirklicheMensch einen viel höheren Wert darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgendeines bisherigen Ideals; daß alle „Wünschbarkeiten“ in Hinsicht auf den Menschen absurde und gefährliche Ausschweifungen waren, mit denen eine einzelne Art von MenschihreErhaltungs- und Wachstumsbedingungen über der Menschheit als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft gebrachte Wünschbarkeit solchen Ursprungs bis jetzt den Wert des Menschen, seine Kraft, seine Zukunftsgewißheitherabgedrückthat; daß die Armseligkeit und Winkel-Intellektualität des Menschen sich am meisten bloßstellt, auch heute noch, wenn erwünscht; daß die Fähigkeit des Menschen, Werte anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt war, um dem tatsächlichen, nicht bloß „wünschbaren“Werte des Menschengerecht zu werden; daß das Ideal bis jetzt die eigentlich welt- und menschverleumdende Kraft, der Gifthauch über der Realität, die großeVerführung zum Nichtswar...
Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie bisher am meisten aufgehalten worden.
Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung als „Kriterium der Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners als Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht durch die ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller Unschuld diese Denkerkorruption mit dem Begriff „praktische Vernunft“ zu verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchen Fällen man sichnichtum die Vernunft zu kümmern brauche: nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn die Moral, wenn die „Pflicht“ redet.
Die Philosophen sind eingenommengegenden Schein, den Wechsel, den Schmerz, den Tod, das Körperliche, die Sinne, das Schicksal und die Unfreiheit, das Zwecklose.
Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis um der Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und Glück im Bunde, 4. an die Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen. Sie sind von instinktiven Wertbestimmungen geleitet, in denen sichfrühereKulturzustände spiegeln (gefährlichere).
Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr galt – was als unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll ehemals verachtet wurde – : alle diese Blumen wachsen heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.
Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist kein Begriff darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt, – wir sind nicht mehr grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen zu müssen.... Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu.... Und wenn Wahrheit im alten Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war, weil die alte Moral zu ihr ja sagte, ja sagendurfte: so folgte daraus, daß wir auch keine Wahrheit von ehedem mehr nötig haben.... UnserKriteriumder Wahrheit istdurchaus nicht die Moralität: wirwiderlegeneine Behauptung damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, als inspiriert durch edle Gefühle beweisen.
Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der, der an sie glaubt, der sie verehrt,willeben diesen Charakter nicht anerkennen. Die Philosophen glauben allesamt an diese Werte, und eine Form ihrer Verehrung war die Bemühung, aus ihnena priori-Wahrheitenzu machen. Fälschender Charakter derVerehrung....
Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellenRechtschaffenheit: aber esgibtin der ganzen Geschichte der Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, – sondern die „Liebe zum Guten“....
Der absoluteMangel an Methode, um den Wert dieser Werte zu prüfen;zweitens: die Abneigung, diese Werte zu prüfen, überhaupt sie bedingt zu nehmen. – Bei den Moralwerten kamen alleantiwissenschaftlichenInstinkte zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaftauszuschließen....
Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte ich es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich, mich darin festzusetzen, hielt sie für schädlich, – und zuletzt: ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisierenkann?? – Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals eine erkenntnistheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken entstanden ist, – daß sie einen Wert zweiten Ranges hat, sobald man erwägt,wasim Grunde zu dieser Stellungzwang.
Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer – sowohl die skeptisch-epochistische Haltung, als die historisierende, als die pessimistische – sindmoralischenUrsprungs. Ich sah niemanden, der eine Kritik dermoralischen Wertgefühlegewagt hätte: und den spärlichenVersuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich bald den Rücken. –
Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der moralischen Werturteile? (Es wareineKonsequenz seiner Theodicee!)
Die drei großen Naivitäten:
insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist – (als ob....).
Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaftfeindlichgesinnt: schon Sokrates war dies – und zwar deshalb, weil die Wissenschaft Dinge als wichtig nimmt, welche mit „gut“ und „böse“ nichts zu schaffen haben, folglich dem Gefühl für „gut“ und „böse“Gewicht nehmen. Die Moral nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte Kraft zu Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines solchen, der zum Verschwendennicht reich genugist, wenn der Mensch sich ernstlich um Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft eingeschleppt hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe, wie die in der Gesinnung eines Demokrit, Hippokrates und Thukydides, ist nicht zum zweiten Male erreicht worden.
Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln einer Erkenntnistheorie respektive Skepsis: und wozu? Immer zugunsten derMoral.... (Der Haß gegen die Physiker und Ärzte.) Sokrates, Aristipp, die Megariker, die Zyniker, Epikur, Pyrrho – Generalansturm gegen die Erkenntnis zugunsten derMoral.... (Haß auchgegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits sind die Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema der Wahrheit, des wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: zum Beispiel das Atom, die vier Elemente (Juxtapositiondes Seienden, um die Vielheit und Veränderung zu erklären –). Verachtung gelehrt gegen dieObjektivitätdes Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse, zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis....
Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1. deren Pathos (Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt gegen deren Nützlichkeit), 3. deren Resultate (als kindisch).
Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten derKirche, im Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie erbt das ganze antike Rüstzeug zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie spielt dabei dieselbe Rolle wie bei Kant, wie bei den Indern.... Man will sich nicht darum zu bekümmern haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“.
Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand in Hand zu gehen – : ich glaube, man nennt dasFreiheit....
Darin drückt sich diedécadenceaus: der Instinkt der Solidarität ist so entartet, daß die Solidarität alsTyranneiempfunden wird: sie wollen keine Autorität, keine Solidarität, keine Einordnung in Reih und Glied zu unedler Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise, das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den langen Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen Menschen.
DieSophistensind nichts weiter als Realisten: sie formulieren die allen gang und gäben Werte und Praktiken zum Rang der Werte, – sie haben den Mut, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zuwissen....
Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Freistädte, welche sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien geleitet wurden? Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?
Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden, war nur vollendeten Tartüffs möglich – oderAbseitsgestellten, Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität.... Alles Leute, die negierten, um selber leben zu können –
Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sieJudenoder ich weiß nicht was –. Die TaktikGroteszur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, – aber ihre Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben....
Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch aufmoralischenVorurteilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu allem Guten (– also gleichsam „zurück“ –). Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einengutenGott als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns unsre Sinnesurteileverbürgt. Abseits von einer religiösen Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit – woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maß des Wirklichen sei, – daß, was nicht gedacht werden kann, nichtist, – ist ein plumpesnon plus ultraeiner moralistischen Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem Augenblick widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern esist....
Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man hier dieSicherheit eines Instinktszu erreichen suchte: so daß weder die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst ins Bewußtsein traten. So wie der Soldat exerziert, so sollte der Mensch handeln lernen. In der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine Kombinationen unbewußt....
Was bedeutet nun dieReaktiondes Sokrates, welcher die Dialektik als Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere gehört zu ihrerGüte, – ohne Unbewußtheittaugt sie nichts!....Schamerregen war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!....
Es bedeutet exakt dieAuflösung der griechischen Instinkte, als man dieBeweisbarkeitals Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese großen „Tugendhaften“ und Wortemacher.
In praxibedeutet es, daß die moralischen Urteile aus ihrer Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen Grund und Boden ausgerissen werden und, unter dem Anschein vonSublimierung,entnatürlichtwerden. Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden losgemacht von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und alsfrei gewordene„Ideen“ Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von Entitäten: manerdichteteine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie herkommen....
In summa: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei Plato.... Und nun hatte man nötig, auch denabstrakt-vollkommenenMenschen hinzu zu erfinden: – gut, gerecht, weise, Dialektiker – kurz, dieVogelscheuchedes antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden losgelöst; eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen „beweist“. Das vollkommenabsurde„Individuum“ an sich! dieUnnaturhöchsten Ranges....
Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz, einen entartendenTypus des Menschenzu schaffen, – „denGuten“, „denGlücklichen“, „denWeisen“. – Sokrates ist ein Moment dertiefsten Perversitätin der Geschichte der Werte.
Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach Aristoteles.Dagegendie Epikuräer, die sich diesensualistischeTheorie der Erkenntnis des Aristoteles zunutze machten: gegen das Suchen der Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; „Philosophie als eine Kunst desLebens“.
Hegel: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen: er stellt den Fortschritt der Menschheit dar. Versuch, die Herrschaft der Moral aus der Geschichte zu beweisen.
Kant: ein Reich der moralischen Werte, uns entzogen, unsichtbar, wirklich.
Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des moralischen Reichs.
Wir wollen uns weder auf die Kantsche noch Hegelsche Manier betrügen lassen: – wirglaubennicht mehr, wie sie, an die Moral und haben folglich auch keine Philosophien zu gründen,damitdie Moral recht behalte. Sowohl der Kritizismus als der Historizismus hat für uns nichtdarinseinen Reiz: – nun, welchen hat er denn? –
Moral als höchste Abwertung.–Entwederist unsre Welt das Werk und der Ausdruck (dermodus) Gottes: dannmuß siehöchst vollkommensein (Schluß Leibnizens....) – und man zweifelte nicht, was zur Vollkommenheit gehöre, zu wissen –, dann kann das Böse, das Übel nurscheinbarsein (radikalerbei Spinoza die Begriffe GutundBöse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet sein (– etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung Gottes, der zwischen Gut und Böse zu wählen erlaubt: das Privilegium, kein Automat zu sein; „Freiheit“ auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen.... zum Beispiel bei Simplicius im Kommentar zu Epiktet).
Oderunsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die Schuld sind real, sind determiniert, sind absolut ihrem Wesen inhärent; dann kann sie nicht diewahreWelt sein: dann ist Erkenntnis eben nur der Weg, sie zu verneinen, dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt werden kann. Dies ist die Meinung Schopenhauers auf Grund Kantischer Voraussetzungen. Noch desperater Pascal: er begriff, daß dann auch die Erkenntnis korrupt, gefälscht sein müsse, – daßOffenbarungnot tue, um die Welt auch nur als verneinenswert zu begreifen....
Nichts ist seltener unter den Philosophen alsintellektuelle Rechtschaffenheit: vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich, daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisenmüssen, sie erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über diese „Wahrheiten“ einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von Moralität: es gibt Fälle – und der Fall der Philosophen gehört hierher –, wo ein solcher Glaube einfach eineUnmoralitätist.
Ich muß dasschwierigste IdealdesPhilosophen aufstellen. Das Lernen tut's nicht! Der Gelehrte ist dasHerdentier im Reiche der Erkenntnis, – welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht worden ist. –
Aberglaube über denPhilosophen: Verwechslung mit demwissenschaftlichenMenschen. Als ob die Werte in den Dingen steckten und man sie nur festzuhalten hätte! Inwiefern sie unter der Einflüsterung gegebener Werte forschen (ihr Haß auf Schein, Leib usw.). Schopenhauer in betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus). Zuletzt geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei denwissenschaftlichenMenschen. Auch die Franzosen wie Taine suchen oder meinen zu suchen,ohnedie Wertmaße schon zu haben. Die Niederwerfung vor den „Facten“, eine Art Kultus. Tatsächlichvernichtensie die bestehenden Wertschätzungen.
Erklärungdieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht selten; er mißdeutet sich selber. Manwilldurchaus die Autorität von sich ablehnen und in dieUmständesetzen. – In Deutschland gehört die Schätzung des Kritikers in die Geschichte der erwachendenMännlichkeit. Lessing usw. (Napoleon über Goethe). Tatsächlich ist diese Bewegung durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht: und derRufder deutschen Philosophie bezieht sich auf sie, als ob mit ihr die Gefahr der Skepsis beseitigt sei und derGlaube bewiesenwerden könne. In Hegel kulminieren beide Tendenzen: im Grunde verallgemeinert er die Tatsache der deutschen Kritik und die Tatsache der deutschen Romantik, – eine Art von dialektischem Fatalismus, aber zu Ehren des Geistes, tatsächlich mit Unterwerfung des Philosophenunterdie Wirklichkeit.Der Kritiker bereitet vor: nicht mehr!
Mit Schopenhauer dämmerte die Aufgabe des Philosophen: daß es sich um eine Bestimmung desWerteshandle: immer noch unter der Herrschaft des Eudämonismus. Das Ideal des Pessimismus.
Problem desPhilosophenund deswissenschaftlichenMenschen. – Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten (Stubenhockenà laKant; Überarbeitung; unzureichende Ernährung des Gehirns; Lesen). Wesentlicher: ob nicht eindécadence-Symptomschon in der Richtung auf solcheAllgemeinheitgegeben ist;Objektivität als Willensdisgregation(–so fernbleibenkönnen....). Dies setzt eine große Adiaphorie gegen die starken Triebe voraus: eine Art Isolation, Ausnahmestellung, Widerstand gegen die Normaltriebe.
Typus: die Loslösung von derHeimat; in immer weitere Kreise; der wachsende Exotismus; das Stummwerden der alten Imperative – –; gar dieses beständige Fragen „wohin?“ („Glück“) ist ein Zeichen derHerauslösungaus Organisationsformen, Herausbruch.
Problem: ob derwissenschaftlicheMensch eher noch eindécadence-Symptom ist, als der Philosoph: – er ist alsGanzesnicht losgelöst, nur einTeilvon ihm ist absolut der Erkenntnis geweiht, dressiert für eine Ecke und Optik –, er hat hieralleTugenden einer starken Rasse und Gesundheit nötig, große Strenge, Männlichkeit, Klugheit. Er ist mehr ein Symptom hoher Vielfachheit der Kultur, als von deren Müdigkeit. Derdécadence-Gelehrte ist einschlechterGelehrter. Während derdécadence-Philosoph, bisher wenigstens, als der typische Philosoph galt.
Die psychologischenVerwechslungen: –das Verlangen nach Glauben– verwechselt mit dem „Willen zur Wahrheit“ (zum Beispiel bei Carlyle). Aber ebenso istdas Verlangen nach Unglaubenverwechselt worden mit dem „Willen zur Wahrheit“ (– ein Bedürfnis, loszukommen von einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu bekommen gegen irgend welche „Gläubigen“).Was inspiriert die Skeptiker?DerHaßgegen die Dogmatiker – oder ein Ruhebedürfnis, eine Müdigkeit, wie bei Pyrrho.
DieVorteile, welche man von der Wahrheit erwartete, waren die Vorteile des Glaubens an sie: –an sichnämlich könnte ja die Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnisvoll sein –. Man hat die „Wahrheit“ auch nur wieder bekämpft, als man Vorteile sich vom Siege versprach, – zum Beispiel Freiheit von den herrschenden Gewalten.
Die Methodik der Wahrheit istnichtaus Motiven der Wahrheit gefunden worden, sondern ausMotiven der Macht, des Überlegen-sein-wollens.
Womit beweistsich die Wahrheit? Mit dem Gefühl der erhöhten Macht – mit der Nützlichkeit, – mit der Unentbehrlichkeit, –kurz, mit Vorteilen(nämlich Voraussetzungen, welcher Art die Wahrheit beschaffen seinsollte, um von uns anerkannt zu werden). Aber das ist einVorurteil: ein Zeichen, daß es sich gar nicht umWahrheithandelt....
Was bedeutet zum Beispiel der „Wille zur Wahrheit“ bei den Goncourts? bei denNaturalisten? – Kritik der „Objektivität“.
Warumerkennen: warum nicht lieber sich täuschen?.... Was man wollte, war immer der Glaube, – undnichtdie Wahrheit.... Der Glaube wird durchentgegengesetzteMittel geschaffen als die Methodik der Forschung – :er schließt letztere selbst aus–
Das Problem des Sokrates.– Die beiden Gegensätze: dietragischeGesinnung, diesokratischeGesinnung, – gemessen an dem Gesetz des Lebens.
Inwiefern die sokratische Gesinnung ein Phänomen derdécadenceist: inwiefern aber noch eine starke Gesundheit und Kraft im ganzen Habitus, in der Dialektik und Tüchtigkeit, Straffheit des wissenschaftlichen Menschen sich zeigt (– die Gesundheit desPlebejers; dessen Bosheit,esprit frondeur, dessen Scharfsinn, dessenKanailleau fond, im Zaum gehalten durch dieKlugheit; „häßlich“).
Verhäßlichung: Die Selbstverhöhnung, die dialektische Dürre, die Klugheit alsTyranngegen den „Tyrannen“ (den Instinkt). Es ist alles übertrieben, exzentrisch, Karikatur an Sokrates, einbuffomit den Instinkten Voltaires im Leibe. Er entdeckt eine neue ArtAgon; er ist der erste Fechtmeister in den vornehmen Kreisen Athens; er vertritt nichts als diehöchste Klugheit: er nennt sie „Tugend“ (– er erriet sie alsRettung: es stand ihm nicht frei,klugzu sein, er war esde rigueur); sich in Gewalt haben, um mit Gründen undnichtmit Affekten in den Kampf zu treten (– dieListdes Spinoza, – das Aufdröseln der Affektirrtümer); – entdecken, daß der Affekt unlogisch prozediert; Übung in der Selbstverspottung, um dasRankünegefühlin der Wurzel zu schädigen.
Ich suche zu begreifen, aus welchen partiellen und idiosynkrasischen Zuständen das sokratische Problem ableitbar ist: seine Gleichsetzung von Vernunft = Tugend = Glück. Mit diesem Absurdum von Identitätslehre hater bezaubert: die antike Philosophie kam nicht wieder davon los....
Absoluter Mangel an objektivem Interesse: Haß gegen die Wissenschaft: Idiosynkrasie, sich selbst als Problem zu fühlen. Akustische Halluzinationen bei Sokrates: morbides Element. Mit Moral sich abgeben, widersteht am meisten, wo der Geist reich und unabhängig ist. Wie kommt es, daß SokratesMoral-Monomanist? – Alle „praktische“ Philosophie tritt in Notlagen sofort in den Vordergrund. Moral und Religion als Hauptinteressen sind Notstandszeichen.
– Die Klugheit, Helle, Härte und Logizität als Waffe wider dieWildheit der Triebe. Letztere müssen gefährlich und untergangdrohend sein: sonst hat es keinen Sinn, dieKlugheitbis zu dieser Tyrannei auszubilden. Aus der Klugheiteinen Tyrannen machen: – aberdazumüssen die Triebe Tyrannen sein. Dies das Problem. – Es war sehr zeitgemäß damals. Vernunft wurde = Tugend = Glück.
Lösung: Die griechischen Philosophen stehen auf der gleichen Grundtatsache ihrer inneren Erfahrungen wie Sokrates: fünf Schritt weit vom Exzeß, von der Anarchie, von der Ausschweifung, – allesdécadence-Menschen. Sie empfinden ihn als Arzt: Logik als Wille zur Macht, zur Selbstherrschaft, zum „Glück“. Die Wildheit und Anarchie der Instinkte bei Sokrates ist eindécadence-Symptom. Die Superfötation der Logik und der Vernunfthelligkeit insgleichen. Beide sind Abnormitäten, beide gehören zueinander.
Kritik.Diedécadenceverrät sich in dieser Präokkupation des „Glücks“ (das heißt des „Heils der Seele“, das heißt,seinen ZustandalsGefahrempfinden). Ihr Fanatismus des Interesses für „Glück“ zeigt die Pathologie des Untergrundes: es war ein Lebensinteresse. Vernünftig seinoderzugrunde gehen war dieAlternative, vor der sie alle standen. Der Moralismus der griechischen Philosophen zeigt, daß sie sichin Gefahrfühlten....
Die eigentlichenPhilosophen der Griechensind die vor Sokrates (– mit Sokrates verändert sich etwas). Das sind alles vornehme Personnagen, abseits sich stellend von Volk und Sitte, gereist, ernst bis zur Düsterkeit, mit langsamem Auge, den Staatsgeschäften und der Diplomatie nicht fremd. Sie nehmen den Weisen alle großen Konzeptionen der Dinge vorweg: sie stellen sie selber dar, sie bringen sich in System. Nichts gibt einen höheren Begriff vom griechischen Geist, als diese plötzliche Fruchtbarkeit an Typen, als diese ungewollte Vollständigkeit in der Aufstellung der großen Möglichkeiten des philosophischen Ideals. – Ich sehe nur noch eine originale Figur in dem Kommenden: einen Spätling, aber notwendig den letzten, – den NihilistenPyrrho: – er hat den Instinktgegenalles das, was inzwischen obenauf gekommen war, die Sokratiker, Plato, den Artistenoptimismus Heraklits. (Pyrrho greift über Protagoras zu Demokrit zurück....)
DieweiseMüdigkeit: Pyrrho. Unter den Niedrigen leben, niedrig. Kein Stolz. Auf die gemeine Art leben; ehren und glauben, was alle glauben. Auf der Hut gegen Wissenschaft und Geist, auch alles, wasbläht.... Einfach: unbeschreiblich geduldig, unbekümmert, mild. ἀπάθεια, mehr noch πραἴτης. Ein Buddhist für Griechenland, zwischen dem Tumult der Schulen aufgewachsen; spät gekommen; ermüdet; der Protest des Müden gegen den Eifer der Dialektiker; der Unglaube des Müden an die Wichtigkeit aller Dinge. Er hatAlexandergesehen, er hat dieindischen Büßergesehen. Auf solche Späte und Raffinierte wirkt alles Niedrige, alles Arme, alles Idiotische selbst verführerisch. Das narkotisiert: das macht ausstrecken (Pascal). Sie empfinden andrerseits, mitten im Gewimmel und verwechselt mit jedermann, ein wenig Wärme: sie habenWärmenötig, diese Müden.... Den Widerspruch überwinden; kein Wettkampf, kein Wille zur Auszeichnung: diegriechischenInstinkte verneinen. (Pyrrho lebte mit seiner Schwester zusammen, die Hebamme war.) Die Weisheit verkleiden, daß sie nicht mehr auszeichnet; ihr einen Mantel von Armut und Lumpen geben; die niedrigsten Verrichtungen tun: auf den Markt gehen und Milchschweine verkaufen.... Süßigkeit; Helle; Gleichgültigkeit; keine Tugenden, die Gebärden brauchen: sich auch in der Tugend gleichsetzen: letzte Selbstüberwindung, letzte Gleichgültigkeit.
Pyrrho, gleich Epikur, zwei Formen der griechischendécadence: verwandt, im Haß gegen die Dialektik und gegen alleschauspielerischenTugenden – beides zusammen hieß damals Philosophie –; absichtlich das, was sie lieben, niedrig achtend; die gewöhnlichen, selbst verachteten Namen dafür wählend; einen Zustand darstellend, wo man weder krank, noch gesund, noch lebendig, noch tot ist.... Epikur naiver, idyllischer, dankbarer; Pyrrho gereifter, verlebter, nihilistischer.... Sein Leben war ein Protest gegen die großeIdentitätslehre(Glück=Tugend=Erkenntnis). Das rechte Leben fördert man nicht durch Wissenschaft:Weisheit macht nicht „weise“.... Das rechte Leben will nicht Glück, sieht ab von Glück....