Chapter 11

Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen Kombinationen und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man sieht schon, warum du nicht Pater geworden bist,joli jésuite à la petite tache humide! Nun brülle du, Löwe! wandte er sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser „brüllte“, indem er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk, Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ rief er dem Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit als Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend gerade heraus, daß Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, damit werden Sie sie zum Geiste ermutigen, sie für den Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie andererseits Krankheit und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber für gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum Menschheitsdienste anzuhalten!Da vero, è criminoso!“ Und wie ein Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens ein, für denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem es um Geist nicht bange zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender Weise: „Der Logos!“ Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte, sagte „Die Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“ verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, und der andere: „Das Ich!“ Schließlich war sogar von „Kunst“ auf der einen und „Kritik“ auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“ und „Geist“ und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nichteinmal eine zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht nur gegeneinander, sondern auch durcheinander, und nicht nur wechselseitig widersprachen sich die Disputanten, sondern sie lagen in Widerspruch auch mit sich selbst. Settembrini hatte oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“ ausgebracht, wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während Naphta mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen Instinktes“ aufgetreten war, gegen Settembrini, der Natur als die „dumme Macht“, als bloßes Faktum und Fatum traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes und der „Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu finden seien, indes dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres Gesundheitsadels aufwarf, uneingedenk aller Emanzipation. Nicht weniger verworren stand es mit dem „Objekt“ und dem „Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer dieselbe war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß niemand mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer der Freie war. Naphta verbot Herrn Settembrini mit scharfen Worten, sich einen „Individualisten“ zu nennen, denn er leugne den Gegensatz von Gott und Natur, verstehe unter der Frage des Menschen, dem innerpersönlichen Konflikt, einzig denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen und sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche Sittlichkeit eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme, unheroischerweise auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates das moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, wohl wissend, daß das innermenschliche Problem vielmehr auf dem Widerstreit des Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe,den wahren, den mystischen Individualismus vertrete und recht eigentlich der Mann der Freiheit und des Subjektes sei. War er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt es sich dann mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleicheineUnstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner mit den markanten Dingen, die er im Kolloquium mit Pater Unterpertinger über die „Katholizität“ des Staatsphilosophen Hegel zum besten gegeben, über die innere Verbundenheit der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten nicht Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld von Naphtas Orden abgegeben? Und was für eine Erziehung! Herr Settembrini war gewiß ein eifriger Pädagog, eifrig bis zum Störenden und Lästigen; aber in Hinsicht auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten seine Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit wagen. Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! Gehorsam! Der Terror! Das mochte wohl seine Ehre haben, aber auf die kritische Würde des Einzelwesens nahm es nur wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des preußischen Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta eigentlich zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen an gar keine reine Erkenntnis und voraussetzungslose Forschung, kurz, nicht an die Wahrheit glaubte, die objektive, wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben für Lodovico Settembrini das oberste Gesetz aller Menschensittlichkeit bedeutete. Das war fromm und streng von Herrn Settembrini, während es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit auf den Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, wasdiesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit und Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom Interesse des Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit war das genau genommen nicht, es war mehr von Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr haben wollte, – wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“ war, wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das Gesetz der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, wie Naphta die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. Es war entschieden mehr fromm als frei, und dies wiederum war ein Unterschied, der bei solchen Bestimmungen Gefahr lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr Settembrini! Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines Politikers Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die Mädchen auf der Straße an, während den scharfen, kleinen Naphta harte Gelübde banden. Und doch war dieser beinahe ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und jener dagegen ein Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“ hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout auf den demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über des militärischen Naphta religiöse Libertinage, die Gott und Teufel, Heiligkeit und Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf und keine Wertsetzung, kein Vernunfturteil, keinen Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei, wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft, der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge einander insGehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel, und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden, sondern auch nur, sie als Präparate gesondert und sauber zu halten, daß die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes All“ zu stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung, die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu sehen, daß die Streitenden weniger erbittert gewesen wären, wenn sie ihnen selbst nicht beim Streite die Seele bedrückt hätte.

Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; dann hatten die drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis vor ihr Häuschen zurückbegleitet, und dort stand man noch lange im Schnee, indes Naphta und Settembrini sich stritten, – pädagogischerweise, wie Hans Castorp wohl wußte, und um die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten. Für Herrn Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt zu verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem nicht mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans Castorp grub gesenkten Hauptes mit dem Stocke im Schnee und bedachte die große Konfusion.

Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, und das Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste wandten sich wieder ihrer Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen Wetteiferer mußten zusammen ins Häuschen gehen, der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um sein Humanistenstübchen mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. Hans Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohrenvoll vom Wirrwarr und Waffenlärm der beiden Heere, die von Jerusalem und Babylon vorrückend unter dendos banderaszu konfusem Schlachtgetümmel zusammentrafen.


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