Operationes spirituales
Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade weit genug entwachsen zu sein, umwohlwollend darüber urteilen zu können, war dortschochet, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen, eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos zu machen, bevor siesie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damitTierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner Sternenaugen.
Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift, der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem Ausschlage, einandermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und wehklagend, landflüchtig geworden war.
Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt, Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen. Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher, die er sich zu verschaffengewußt, seinen Geist auf regellose und ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten, den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht, seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines Studierzimmersverwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, – saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick, seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete. Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und auf die lächelnde Frage des Paters,wie das begründet werden könne, da doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort „Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels Katholizität im Rechte sei.Denn(diese Konjunktion liebte Naphta ganz besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal, wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident; Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden, als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, unddie Begegnung hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im Pädagogium zu besuchen.
So hatte Naphta den Boden derStella matutinabetreten dürfen, deren wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität, – wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die eines Protestanten.
Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft, verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein „Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des Paters in der „Stella“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen Begabung gebührte.
Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mitVorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.
In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem „Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert, undsein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte, getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut, schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann.
Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar, durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken, deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus. Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die Hölle heiß machte. „Ad haec quid tu?“ fragte er mit funkelnden Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele gelange – „ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat“. Allein diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem geistigen Kirchhofsfrieden, dessenunheimliche äußere Merkmale Bruder Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem Wege körperlichen Ruins.
Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab, um sein theologisches Studium aufzunehmen.
Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück. In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur, daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort; Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier amOrte, in gesunder Luft mit den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr – kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...
Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“ zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit sichtlichem Wohlgefallen an derGlückslaufbahn eines einst Gedrückten, die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien.
Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte, wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp, wenn er demci devant-oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. So sprach er von den „dos banderas“, von den „zwei Fahnen“,um welche die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der „capitan general“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon das andere, wo Luzifer den „caudillo“ oder Häuptling machte ...
War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen, dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischerbienséanceehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von „Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („Insignes esse“ hieß es lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „ex supererogatione“, über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des Fleisches („rebellio carnis“) Widerstand leisteten, was eben nicht mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „agere contra“,angreifenalso, war mehr und ehrenhafter, als nur sich verteidigen („resistere“).Den Feind schwächen und brechen! hieß es in der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war da wieder ganz eines Sinnes mit Joachimscapitan general, dem preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem Feind in den Hosen gesessen!“ „Attaquez donc toujours!“
Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten, Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens Nickel, dahinlautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der sicherste Tod der christlichen Liebe“.
Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück schalmeite; der Fleischesliebe, deramor carnalis, der Liebe zu den körperlichen Bequemlichkeiten,commodorum corporis, zieh er ihn zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht zu legen.
Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini, Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen lauschten.
Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage eingegangen war.Requiem aeternam ...Er widmete ihrem Andenken einige freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß, dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem prahlerischen SohneTous-les-deux’und der qualvollen Natalie von Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp, was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht anLeprosen angesteckt und die Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt, nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.
Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf, gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.
Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen Gesichtspunkt festzuhalten.
Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei. Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“ geäußert habe, sei ja Schwindel,beruhe auf Täuschung, fehlerhafter Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem Grade übertrieben, es kommedem Kranken gar nicht zu und sei insofern das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen; die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle, Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel zu ernst genommen habe.
Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damalsdurchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender, und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, – dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er, der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine –
Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er, Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal, heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihnbestimmen würde, alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben. Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, fürdiese bedeute die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.
Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist seinerseits benutzte die erregte Laune, um die Nichtachtbarkeit der Halluzinanten und überhaupt allerpazzides weiteren zu erörtern und zu vertreten: diese Leute, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine, so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könntesozusagen jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend zur Klarheit angehalten ...
Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart gelächelt und den Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der Klarheit die Ehre geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn Settembrinis Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen Hause“ einer solchen, und da hatten Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott, Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt hatten ...
„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war.
Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte vollständig einpacken können vor den Gesichten desUnruhigen Hauses, auf welche der Schauder religiöser Ehrfurcht denn doch eine menschlichere Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte.
Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor, der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche Selbstentäußerung sichkundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war. Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der Erniedrigung –in statu degradationis– befunden hätte. Denn unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen, sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und Verwirrung,pudoris et confusionis sensum, wie der heilige Ignatius sagte, zu erwecken.
Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini,die Hand aus dem Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit zu verleugnen man äußerst guttat.Quis me liberabit de corpore mortis hujus?Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes „Menschheit“ endgültig verbot – und so fort.
Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff bald die hart knirschende und mit Asche bestreuteSchneedecke tretend, die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten, dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder auflöste.
Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik sowohl wie nun gar in der Rechtspflege,– während es zwar ebenfalls nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war „bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit nur an Komik gewann.
Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse, teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht schlecht! – und als dieNatur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte. Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden, es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden, einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie kleine Kinder flennten.
Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphtamit staatsmännischer Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei, verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams, bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten lassen.
„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu auf die Leichenverbrennung.
Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen werden, sagte er froh. Die Menschheit sei aus Gründen der Zweckmäßigkeit wie auch bewogen durch ideelle Motive im Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten Erfahrung eingerichteten Krematoriumsnebst Urnenhalle war geplant, und man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini wußte über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiesprache zu halten. Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute, nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und übrigens würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm die atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige, ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen, und die den Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem Geschiedenen unvergänglich gewesen war.
„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. Des Menschen unvergänglicher Teil, die Asche.
Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher der Tod ein Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller Art umweht, daß es sich verbot, den Blick klarer Vernunft auf dies Phänomen zu richten. Welche Barbarei! Das Todesgrauen stammte aus Epochen niederster Kultur, wo der gewaltsame Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre und der Festigung der persönlichen Sicherheit der natürliche Tod zur Norm, und dem modernen Arbeitsmenschen erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach sachgemäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige, vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte Erscheinung, und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als gebührlich, in seiner Betrachtung zu verharren. Darum war denn auch geplant, jenem Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der „Halle des Todes“ also, eine „Halle des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei, Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer und tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ...
„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur ja nicht bis zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in derAndacht vor einer so simplen Tatsache, ohne die es freilich weder Architektur, noch Malerei, noch Skulptur, noch Musik, noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“
„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch.
„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete ihm Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. Das Erlebnis des Todes muß zuletzt das Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein Spuk.“
„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des Lebens‘, wie auf manchen antiken Särgen?“ fragte Hans Castorp ernsthaft.
Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack den Leib prangen lassen, diesen Sündenleib, den man der Verwesung entzog, was nicht wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal mehr züchtigen lassen wollte ...
Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand ihm zu Gesichte. Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand, hatte auf Geschäftsreisen immer gern die Gelegenheit benutzt, an alten Kulturstätten jene verschwiegenen Orte zu besichtigen, an denen einst diese Art von Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken hatte er sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche Weise. Und nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den offenen Mund gerammt, die berühmte Birne, an sich schon kein Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit ...
„Porcheria“, murmelte Settembrini.
Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der Pleura, habe auch damals niemand ersinnen können.
Das war zu seiner Heilung geschehen!
Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten nicht weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens war die Folter ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen.
Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen.
Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, und die mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm offenbar im Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der Tat ein Prozeß fortschreitender Rationalisierung und zwar so, daß allmählich, auf Grund von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese Wahrnehmung gemacht und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten der Wahrheit nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom Angeklagten das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im Volke umhören: der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein, die Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen, allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie verhehlte, verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geistböswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. Wer aber den Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini gewesen, und also war er auch Urheber der Folter.
Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. Es seien diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten hätte, wie Herr Naphta lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin des Gräßlichen gewesen sei, so beweise das eben nur, wie bitter sie allezeit der Stütze und Aufklärung bedürfe, wie wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache hätten, zu befürchten, es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden! Allein der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden, weil sein Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man möge sich doch umsehen in Museen und Marterkammern: dies Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen sei ja offenbar einer kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem Wunsche nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen Stätten ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter wohl gar zu helfen gemeint. Man habe angenommen, seine eigene arme Seele ringe nach dem Bekenntnis, und nur das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem besseren Willen entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst zu erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das Fleisch brach. Asketischer Irrwahn ...
Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien.
Die Römer?Ma che!
Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt.
Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen, indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache sein, ein solches Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe in die Debatte warf. Die Folter war abgeschafft, obgleich ja die Untersuchungsrichter noch immer ihre Praktiken hätten, den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die Todesstrafe schien unsterblich, nicht zu entbehren. Die allerzivilisiertesten Völker hielten daran fest. Die Franzosen hatten mit ihren Deportationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte einfach nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen Wesen anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen.
Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn Herr Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, und wie der Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer einer fehlerhaften Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwerverbrecher, einem vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren Plädoyers als „vertiert“, als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen bedeckt. Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, – viel besser als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich angefertigt wurden.
Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert.
Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung werde erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, war wohl ebenso revolutionär wie Herr Settembrini, aber er sei es im erhaltenden Sinn, ein Revolutionär der Erhaltung.
Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnungübergehen. Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga, deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“ bekämpft hatte.
Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes, behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der „Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches, Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand – allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedankenohne Federlesen geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und Schaudern gewönne.
Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus Überzeugung gehe?
Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch. Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe.
Die tiefste Lust?
Die tiefste.
Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte fein:
„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“
„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“
Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder welchen Ehren stünden.
Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei, daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe. Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre, teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum, Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben ausmachten, die sogenannte Gesundheit,das heiße: die Erzphilisterei und Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er, Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus, die inkarnierte Irreligiosität bedeute.
Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit, konfus ausgedrückt.
Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel Zugeständnisse zu machen.
Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert, Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „O Satana, o ribellione!“ Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja lebensgefährlich,– ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s Teufels Namen da durchkommen solle!
Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten.
„Was für ein ekelhafter Mischmasch –che guazzabuglio proprio stomachevole!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat, alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse,waser leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine! Er leugne denWert, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön, es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ...
Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber hinausgehenden Sinn undZweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.
Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene Stimme leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, daß Herr Naphta beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott wußte, warum, aristokratisch wegwerfenden Tone redete, wie als obdas Gegenteil– und man wußte ja, was das Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das Vornehmere gewesen wäre!
Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, der aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt und erschöpft von Frost und Problematik, taumeligen Urteils auch in Hinsicht auf die Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit seiner eigenen Ausdrucksweise, bekannte mit lahmen Lippen, er habe sich den Tod von jeher mit einer gestärkten spanischen Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner Uniform sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak er selbst über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige seiner Rede und versicherte, nicht dies habe er sagenwollen. Aber ob es sich nicht so verhalte, daß es Leute gebe, gewisse Menschen, die man sich nicht tot vorzustellen vermöge, und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das solle heißen: dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem vorkomme, als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe des Todes nicht würdig.
Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, daß Hans Castorp dergleichen nur sage, damit man ihm widerspreche. Der junge Mann werde ihn immer bereit finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher Anfechtungen zur Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche dies Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ Dieses Wort möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden sich ihm zu wahrer und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: und sogleich, auf dem Wege leichtester und rechtmäßigster Assoziation, stelle sich auch die Idee der Liebenswürdigkeit ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß man sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und also Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme nenne.
Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. Ganz gewonnen, sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner plastischen Theorie. Denn man möge sagen, was man wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum Beispiel, daß Krankheit ein erhöhter Lebenszustand sei und also was Festliches habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung des Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur Vernichtung abträglich sei,indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich.
Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; denn Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch sei wesentlich krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, und wer ihn gesund machen, ihn veranlassen wolle, seinen Frieden mit der Natur zu schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ (während er doch nie natürlich gewesen sei), alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern, Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe, jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und Vertierung ... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, was den Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, in hohem Maße sich ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben auszeichne. Im Geist also, in der Krankheit beruhe die Würde des Menschen und seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto höherem Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß jemand, der den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten der Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini führe den Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht der Fortschritt, so weit dergleichen existiere, einzig der Krankheit verdankt werde, das heiße: dem Genie, – als welches nichts anderes als eben Krankheit sei! Als ob nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit gelebt hätten! Es habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in Krankheit und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse zu gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem sie durch Wahnsinn errungen worden, und deren Besitz undNutznießung nach jener heroischen Opfertat nicht länger durch Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre Kreuzestod ...