The Project Gutenberg eBook ofDer abenteuerliche SimplicissimusThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der abenteuerliche SimplicissimusAuthor: Hans Jakob Christoph von GrimmelshausenEditor: E. G. KolbenheyerRelease date: July 22, 2017 [eBook #55171]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ABENTEUERLICHE SIMPLICISSIMUS ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Der abenteuerliche SimplicissimusAuthor: Hans Jakob Christoph von GrimmelshausenEditor: E. G. KolbenheyerRelease date: July 22, 2017 [eBook #55171]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net
Title: Der abenteuerliche Simplicissimus
Author: Hans Jakob Christoph von GrimmelshausenEditor: E. G. Kolbenheyer
Author: Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen
Editor: E. G. Kolbenheyer
Release date: July 22, 2017 [eBook #55171]Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ABENTEUERLICHE SIMPLICISSIMUS ***
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Das ist Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten
In unwesentlicher Kürzung herausgegeben von
E. G. Kolbenheyer
Volksverband der BücherfreundeWegweiser-Verlag G. m. b. H. Berlin1920
Der abenteuerliche Simplicissimus erschien 1669 in zweiter Auflage, die erste ging verloren. Der Volksverband der Bücherfreunde bringt durch seine Neuausgabe, die 1919 veranstaltet wurde, in Erinnerung, daß sich das Erscheinen des für die deutsche Literatur- und Sittengeschichte so bedeutungsvollen Kulturromans zum 250. Male jährt.
Der abenteuerliche Simplicissimus erschien 1669 in zweiter Auflage, die erste ging verloren. Der Volksverband der Bücherfreunde bringt durch seine Neuausgabe, die 1919 veranstaltet wurde, in Erinnerung, daß sich das Erscheinen des für die deutsche Literatur- und Sittengeschichte so bedeutungsvollen Kulturromans zum 250. Male jährt.
Steig auf aus deinem Grab, du blanker Sittenrichter,Und siehe, wie das Rad sich abermals gewandt.Du, deutscher Sterbensnot und Mühsal herber Dichter,Durchstreife kundgen Augs dein wundes Vaterland.Und findest du nicht Dorf und Stadt in Trümmern rauchen,Weil endlich die Gewalt sich selber ausgebrannt,So wird dein Blick doch in des Volkes Herzen tauchen,Und, ach, du findest viel im alten, irren Stand.Wirst du nicht neu dein bittres Klagelied erheben,Dem Trümmerhauf entfliehn im härnen Bußgewand?O schnöde, arge Welt! O, du vergeudet Leben!Du hoffartstrunknes Herz, wie liegst du tief im Sand! —Ein Vierteltausend-Jahr spannt seinen bunten BogenVon dir zu uns, und alles Einzelglück und -leidVerschwebt, weil unsres Volkes welterschütternd WogenErschwoll und sank zu Tal im Taumel der Gezeit.Des Gottes schwere Hand lag auch auf deinen Tagen:Deutschland zutiefst in Not, verblutet und vertan!Aus eigner Kraft ermannt und himmelhoch getragen,Rang es empor und fiel in doppeltharter Bahn.Uns fruchtet kein Gewinn auf glatten Maklerwegen,Jung stürmt das herbe Blut und muß im Schmerz erblühn.So aber wächst und reift in uns ein WeltensegenUnd wird in reinerm Licht erglühen, wird erglühn!Nun schüttle ab, Simplicius, die Schweigenshülle,Zeig' deiner fernen Zeiten nahverwandte Fülle!
Steig auf aus deinem Grab, du blanker Sittenrichter,Und siehe, wie das Rad sich abermals gewandt.Du, deutscher Sterbensnot und Mühsal herber Dichter,Durchstreife kundgen Augs dein wundes Vaterland.
Und findest du nicht Dorf und Stadt in Trümmern rauchen,Weil endlich die Gewalt sich selber ausgebrannt,So wird dein Blick doch in des Volkes Herzen tauchen,Und, ach, du findest viel im alten, irren Stand.
Wirst du nicht neu dein bittres Klagelied erheben,Dem Trümmerhauf entfliehn im härnen Bußgewand?O schnöde, arge Welt! O, du vergeudet Leben!Du hoffartstrunknes Herz, wie liegst du tief im Sand! —
Ein Vierteltausend-Jahr spannt seinen bunten BogenVon dir zu uns, und alles Einzelglück und -leidVerschwebt, weil unsres Volkes welterschütternd WogenErschwoll und sank zu Tal im Taumel der Gezeit.
Des Gottes schwere Hand lag auch auf deinen Tagen:Deutschland zutiefst in Not, verblutet und vertan!Aus eigner Kraft ermannt und himmelhoch getragen,Rang es empor und fiel in doppeltharter Bahn.
Uns fruchtet kein Gewinn auf glatten Maklerwegen,Jung stürmt das herbe Blut und muß im Schmerz erblühn.So aber wächst und reift in uns ein WeltensegenUnd wird in reinerm Licht erglühen, wird erglühn!
Nun schüttle ab, Simplicius, die Schweigenshülle,Zeig' deiner fernen Zeiten nahverwandte Fülle!
Diese unsere Zeit, von der man meint, sie sei der Welt Ende, hat all- und jedermann mit einer sonderbaren Sucht geschlagen. Wer nur soviel zusammengeraspelt und erschachert hat, daß ihm etliche Heller im Beutel kützeln, muß sich im Narrenkleid auf die neue Mode tragen, und wen ein Glücksfall als mannhaft und ehrlich erwiesen, der glaubt rittermäßig, gleich einer Adelsperson aufziehen zu müssen.
Solchem Narrenvolk mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar meine Abkunft und Auferziehung sich mit der eines Fürsten wohl vergleichen läßt. Etliche Unterschiede sollen billig vor gering angeschlagen sein.
Mein Knän (dann also nennet man die Väter im Spessart) hatte seinen Palast sowohl als ein anderer, ja, kein König vermöchte ihn mit eigenen Händen besser zu bauen. Der war mit Lehm gemalet und anstatt des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleies und roten Kupfers mit Stroh bedeckt, darauf das edel Getreid wächst. Des Schlosses Mauern ließ mein Knän nicht mit gemeinem Feldstein und liederlich gebackenen Ziegeln aufbauen, sondern aus festem, hundertjährigem Eichenholz, auf dem — so man der Eichelmast gedenkt — Bratwürst und fette Schunken wachsen. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut! Zimmer, Säl und Gemächer hatte er vom Rauch ganz erschwarzen lassen, nur weil das die beständigste Farbe der Welt ist und solche Tünche auch mehr Zeit braucht, als ein Maler zu seinen trefflichsten Kunststücken erheischet. Die Tapezereien bestundenin dem zärtesten Gewebe, das auf dem Erdboden gesponnen wird, unzählig kleine Weberinnen hatten sie mit ihren zierlichen Beinen gewirkt. Dem Sankt Nit-Glas waren die Fenster geweiht, und edler als das beste und durchsichtigste Glas von Murano verhüllete sie Leinwand, an der des Baurn und der Weiber redliche Mühsal hängt. Seinem Adel nach beliebet es meinem Knän zu glauben, daß alles was durch viel Müh zuweg gebracht würde, auch schätzbar und desto köstlicher sei, was aber köstlich, das wäre dem Adel am anständigsten. Pagen, Lakaien und Stallknecht stellten Schaf, Böck und Säu und jedes ging fein ordentlich in seiner natürlichen Livrei. Sie warteten mir täglich auf, bis ich sie von der Weid heimtrieb. Rüst- und Harnischkammer war mit Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln genugsam versehen und mein Vater übte sich täglich in den Waffen. Ochsenanspannen war sein hauptmannschaftliches Kommando, Mistausführen sein Fortifikationswesen, Ackern sein Feldzug, Stallausmisten seine adelige Kurzweil und sein Turnierspiel. Damit rannte er die ganze Weltkugel, soweit er immer reichen konnte, an und jagte ihr zu allen Erntezeiten eine gute Beute ab. Dieses alles setze ich hintan und überhebe mich dessen gar nicht, damit niemand Ursache habe, mich mit den andern neuen Nobilisten auszulachen. Um geliebter Kürze willen aber dozier ich vor diesmal nichts Ausführliches von meines Vaters Geschlecht, Stamm und Namen. Meines Knäns Schloß stand an einem sehr lustigen Ort im Spessart erbaut, allwo die Wölfe einander gute Nacht geben.
Und rittermäßig wie das ganze Hauswesen war meine Auferziehung. Mit zehn Lebensjahren hatte ich die Prinzipien in obgemeldeten adeligen Übungen vollauf begriffen.Mein Knän war vielleicht eines viel zu hohen Geistes und folgte dahero dem gewöhnlichen Brauch, darnach, wer vornehm ist, sich billig um Schulpossen nicht viel bekümmert, weil er seine Leute hat, die derlei Plackschmeißerei abwarten. Ich konnte nicht über fünf zählen, solches aber gar wohl. Sonst war ich ein trefflicher Musikus auf der Sackpfeifen. Und was Gottesgelahrtheit anlangt, glich keiner mir in der ganzen Christenwelt: ich kannte weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Hölle, nicht Engel noch Teufel, wußte nichts von Gutem und Bösem, wie unsere ersten Eltern im Paradies, die in ihrer Unschuld nichts von Krankheit, Tod und Sterben, desto weniger von der Auferstehung gewußt haben. Also auch ich. Und gleichermaßen war ich wohlbewandert in Medizin, Juristerei und sonst den Künsten und Wissenschaften allen. Ich war vollkommen, dann mir war unmüglich zu wissen, daß ich so gar nichts wußte. O wahrhaft edeles Leben!
Sonach begabete mich mein Knän mit der herrlichsten Würde nicht allein seiner Hofhaltung, sondern der ganzen Welt: mit dem Hirtenamt. Ich mußte die Säu, Ziegen und seine ganze Schafherde hüten, weiden und vermittels meiner Sackpfeifen vor dem Wolf beschützen. Damals glich ich wohl dem David, nur hatte ich an seiner Harfen Statt den Dudelsack. Kein schlimmer Anfang und ein gutes Omen! Von der Welt Anbeginn seind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir von Abel, Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen und Moise selbst in der hl. Schrift lesen, da er zuvor seines Schwähers Schafe hüten mußte, eh er Heerführer und Gesetzgeber von ganz Israel ward. Ja, möchte mir jemand vorwerfen, das waren Heilige und keine spessarter Baurenbuben, die von Gott nichts wußten. Dawider muß ich gestehen: Was hat meine damalige Unschuld dessen zu entgelten? Also aber redetPhiloder Jud in seiner Lebensbeschreibung Moisis vortrefflich: Das Hirtenamt ist Vorbereitung und Anfang zum Regiment, gleichwie Kriegskünst und Waffenhandwerk auf der Jagd geübt und angeführt werden. — Solches alles muß mein Knän wohl verstanden haben und hat mir also keine geringe Hoffnung zu künftiger Herrlichkeit gemacht.
Allein ich kannte den Wolf ebensowenig als meine eigene Unwissenheit, derowegen war mein Vater in seiner Instruktion desto fleißiger:
»Bub, bis flissig! Los die Schof nit ze wit umanander laffen! Un spill wacker uff der Sackpfiffa, daß der Wolf nit komm und Schada dau! Dann he is a solcher veirboinigterSchelm und Dieb, der Menscha und Vieha frißt. Un wann dau awer fahrlässi bist, so will eich dir da Buckel arauma!«
Ich antwortete mit gleicher Holdseligkeit: »Knäno, sag mir aa, wei der Wolf seihet? Eich huun noch kan Wolf gesien.«
»Ah, dau grober Eselkopp,« repliziert er hinwider, »dau bleiwest dein Lewelang a Narr! Gait meich Wunner, was aus dir wera wird. Bist schun su a grusser Dölpel und weist noch neit, was der Wolf für a veirfeussiger Schelm is!«
Er gab mir noch mehr Unterweisungen und ward zuletzt unwillig, maßen er mit einem Gebrümmel fortging, weil er sich bedünken ließ, mein grober Verstand könnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen.
Da fing ich an mit der Sackpfeife so gut Geschirr zu machen, daß man den Kroten im Krautgarten mit meinen Schalmeien hätte vergeben mögen. Daneben sang ich, daß die Mutter oft gesagt, sie besorge, die Hühner werden dermaleins von dem Gesang sterben. Demnach ich mich vor dem Wolf sicher genug zu sein bedünkte.
Sang also auf ein Zeit ein Lied, das ich von meiner Mutter selbst gelernet hatte:
Du sehr verachter BaurenstandBist doch der beste in dem Land,Kein Mann dich gnugsam preisen kann,Wann er dich nur recht siehet an.Es ist fast alles unter dir,Ja was die Erde bringt herfür,Wovon ernähret wird das Land,Geht dir anfänglich durch die Hand.Der Kaiser, den uns Gott gegeben,Uns zu beschützen, muß doch lebenVon deiner Hand, auch der Soldat,Der dir doch zufügt manchen Schad.Die Erde wär ganz wild durchaus,Wann du auf ihr nicht hieltest Haus.Ganz traurig auf der Welt es stünd,Wann man kein Bauersmann mehr fünd.Vom bitterbößen PodagramHört man nicht, daß an Bauren kam,Das doch den Adel bringt in NotUnd manchen Reichen gar in Tod.Der Hoffart bist du sehr gefeit,Absonderlich zu dieser Zeit.Und daß sie auch nicht sei dein Herr,So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.Ja der Soldaten böser BrauchDient gleichwohl dir zum Besten auch,Daß Hochmut dich nicht nehme einSagt er: dein Hab und Gut ist mein.
Du sehr verachter BaurenstandBist doch der beste in dem Land,Kein Mann dich gnugsam preisen kann,Wann er dich nur recht siehet an.
Es ist fast alles unter dir,Ja was die Erde bringt herfür,Wovon ernähret wird das Land,Geht dir anfänglich durch die Hand.
Der Kaiser, den uns Gott gegeben,Uns zu beschützen, muß doch lebenVon deiner Hand, auch der Soldat,Der dir doch zufügt manchen Schad.
Die Erde wär ganz wild durchaus,Wann du auf ihr nicht hieltest Haus.Ganz traurig auf der Welt es stünd,Wann man kein Bauersmann mehr fünd.
Vom bitterbößen PodagramHört man nicht, daß an Bauren kam,Das doch den Adel bringt in NotUnd manchen Reichen gar in Tod.
Der Hoffart bist du sehr gefeit,Absonderlich zu dieser Zeit.Und daß sie auch nicht sei dein Herr,So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.
Ja der Soldaten böser BrauchDient gleichwohl dir zum Besten auch,Daß Hochmut dich nicht nehme einSagt er: dein Hab und Gut ist mein.
Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, dann ich ward im Augenblick samt meiner Schafherde von einem Trupp Reuter umgeben, die im Walde verirrt gewesen und durch meine Musik und Geschrei waren zurecht gebracht worden.
Hoho, dachte ich, dies seind die rechten Kauz! Die vierbeinig Schelmen und Diebe, davon mein Knän sagte! Dann ich sahe Roß und Mann vor eine einzige Kreatur an und vermeinete nicht anders, als es müßten Wölfe sein. Da erdappte mich einer beim Flügel, schleuderte mich so ungestüm auf ein leer Baurenpferd, daß ich auf der andern Seite wieder herab und auf meine liebe Sackpfeife fiel, die so jämmerlich aufschrie, als wollet sie aller Welt Erbarmen bewegen. Half nichts, ich mußte wieder zu Pferd. Am meisten verdroß mich, daß die Reuter vorgaben, ich hätte dem Dudelsack im Fallen weh getan, darum er so ketzerlich geschrieen hätte. Meine Mähre trabet stetig dahin und mir kams seltsam für, daß ich nicht also auch in einen eisernen Kerl verwandlet wurde.
Sintemalen keiner von denen Reutern ein Schaf hinwegfraß, gedachte ich, sie seien da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, dann geradewegs eileten sie auf meines Knäns Hof zu. Derowegen sahe ich mich fleißig um, ob er und meine Mutter uns nicht bald entgegengehen und uns willkommenheißen wollten. Aber vergebens, mein Knän und die Mutter samt unserm Ursele hatten die Hintertür getroffen und wollten dieser Gäste nicht erwarten.
Kurz zuvor wußte ich nichts andres, als daß mein Knän, die Mutter, ich und das übrige Hausgesind allein auf der Erden seien. Nun aber lernte ich meinen Herrgott im Himmel kennen. Ich erfuhr gar bald darnach die Herkunft der Menschen in diese Welt und daß sie wieder heraus müssen.
Ja, ich war nur in Gestalt Mensch, mit Namen ein Christenkind, im übrigen eine Bestia. Gott, der allmächtige, sahe meine Unschuld mit barmherzigen Augen an und wählet aus seinen tausenderlei Wegen diesen, mich zu beidem: zu seiner und meiner Erkanntnus zu bringen.
Vorerst stelleten die Reuter ihre Pferde ein, hernach hatte jeglicher seine sonderliche Verrichtung, und jede war lauter Untergang und Verderben. Dann obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gölden Fließ darin verborgen. Andere packten Tuch, Kleidung und Hausrat zusammen, als wollten sie einen Krempelmarkt anrichten. Was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen. Etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, andere schütteten die Federn aus den Bettzüchen und füllten hingegen Speck, Fleisch und sonstiges Gerät hinein, als seie alsdann besser darauf zu schlafen. Sie schlugen Öfen und Fensterläden ein, gleich als hätten sie einen ewigen Sommer zu verkünden. Kupfer- und Zinngeschirr stampften sie zusammen und packten die gebogenen und verderbten Stücke. Bettladen, Tische, Stühle und Bänke verbrannten sie, da doch viel Klafter dürr Holz im Hof lag. Häfen und Schüsseln mußten entzwei. Unsere Magd ward im Stall dermaßen traktiert, daß sie nicht mehrdaraus gehen konnte. Den Knecht legten sie gebunden auf die Erde, steckten ein Sperrholz in sein Maul und schütteten ihm einen Melkkübel voll Jauche in Leib. Das nannten sie den schwedischen Trunk. Zwangen ihn so, etliche von denen Reutern anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und in unsern Hof brachten. Auch mein Knän, meine Mutter und unser Ursele waren darunter.
Da schraubten sie die Stein von den Pistolenhähnen ab und anstatt deren die Baurendaumen auf, folterten die armen Schelme, als wollten sie Hexen brennen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren in Backofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er noch nichts bekannt hatte. Einem andern schlangen sie ein Seil um den Schädel und drehten es mit einem Holzbengel zusammen, daß ihm Blut zu Mund und Ohren heraussprang.In summa, es hatte jeder seine eigene Erfindung die Bauren zu peinigen.
Mein Knän war meinem damaligen Bedünken nach der Glücklichste, ohn Zweifel darum, weil er der Hausvater war. Sie satzten ihn zu einem Feuer, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, rieben seine Sohlen mit feuchtem Salz, das ihm unser alte Geiß wieder ablecken und dadurch also kützlen mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten mögen. (Ich hab Gesellschaft halber vom Herzen mitgelacht.) In solchem Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit und öffnete seinen verborgenen Schatz, der von Geld, Perlen und Kleinodien reicher war, als man hinter dem Bauren hätte suchen mögen.
Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern vermag ich sonderlich nichts zu sagen, doch weiß ich wohl, daß man hin und wieder in den Winkeln erbärmlichschreien hörte. Schätze, es sei der Mutter und dem Ursele nicht besser gegangen als den andern.
Unter all dem Elend wandte ich den Braten am Spieß und half die Pferde tränken, dadurch ich zu unserer Magd in den Stall kam. Die sahe wunderwerklich zerstrobelt aus, ich kannte sie kaum und sie sprach zu mir mit kränklicher Stimme:
»O Bub, lauf weg, sonst nehmen dich die Reuter mit! Guck, daß du davonkommst! Du siehest wohl, wie es so übel ...«
Mehres konnte sie nicht sagen.
Wohin aber? Dazu war mein Verstand viel zu gering, einen Vorschlag zu tun; doch ist es mir so weit gelungen, daß ich gegen Abend in Wald bin entlaufen. Wo nun aber weiter hinaus? — Die stockfinstre Nacht bedeuchte meinem finstern Verstand nicht schwarz genug, dahero verbarg ich mich in ein dickes Gesträuch. Da konnte ich das Geschrei der getrillten Bauren vernehmen. Allein ich hörete auch der Nachtigallen lieblichen Gesang, unbekümmert um alle Menschennot. Darum so legte ich mich auch ohn alle Sorg auf ein Ohr und entschlief.
Als der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sahe ich meines Knäns Haus in voller Flamme stehen, und ich schlich näher, jemand vom Hof anzutreffen. Gleich ward ich von fünf Reutern erblickt und angeschrieen:
»Jung, kom heröfer oder skall mi de Tüfel halen, ich schiete dik, dat di de Dampf tom Hals utgat!«
Ich hielt stockstill, das Maul offen. Sie konnten wegen eines Morastes nicht zu mir gelangen, was sie ohn Zweifel rechtschaffen vexierte. Lösete einer den Karabiner auf mich, von welchem urplötzlichem Feuer und unversehenlichem Krach, den mir ein Echo durch vielfältige Verdoppelung grausamer machte, ich dermaßen erschröckt ward, daß ich alsobald zur Erde niederfiel. Ich regete vor Angst keine Ader mehr. Die Reuter ritten ihres Wegs und ließen mich ohn Zweifel vor tot liegen. So hatte ich jedoch den ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten.
Als mich aber die Nacht wieder ergriff, stund ich auf und wanderte, bis ich im Walde von ferne einen faulenBaum schimmern sahe, kehrete in neuer Forcht derowegen spornstreichs um und lief so lang, bis ich wieder einen gleichen Baum erblickte, davon ich gleichfalls floh. Also trieben mich die gefäuleten Bäum einer zum andern, bis mir zuletzt der liebe Tag zu Hilfe kam. Aber mein Herz stak voll Angst und Jammer, die Schenkel voll Müdigkeit, der Magen knurrte, das Maul lechzete, närrische Einbildungen erfüllten mein Hirn und schwerer Schlaf meine Augen. Ich ging dannoch fürder, wußte aber nicht wohin: je weiter, je tiefer von den Menschen hinweg in die Wildnus. Ein unvernünftig Tier hätt besser aus und ein gewußt. Doch war ich noch so witzig, als mich abermal die Nacht ereilte, daß ich in einen hohlen Baum kroch, darin zu schlafen. —
Kaum war ich aber dargesunken, hörte ich eine Stimme:
»O große Liebe, du mein einziger Trost! Meine Hoffnung, du mein Reichtum, o mein Gott!«
Ganz unverständlich wallte die Stimme weiter, vor deren Seltsamkeit ich mich entsatzte. Allein es klang herfür, daß Hunger und Durst gestillet werden sollten, also riet mir mein ohnerträglich Verlangen, mich auch zu Gast zu laden; fasset ein Herz und kroch hinzu. Da wurde ich eines großen Mannes gewahr, in langen, schwarzgrauen Haaren, die ganz verworren auf den Achseln lagen. Er hatte einen wilden Bart, sein Angesicht war zwar bleich, gelb und mager, aber ziemlich lieblich. Der lange Rock starrte von tausend aufeinander gesetzten Flicken. Um Hals und Leib trug er eine schwere eiserne Kette gebunden wieSt. Wilhelmus. Ich fing an zu zittern wie ein nasser Hund. Was meine Angst noch mehrete, war ein Krucifix an sechs Schuhe lang, so er an seine Brust druckte. Ich konnte mich nicht anders entsinnen: ohn Zweifel, das war der Wolf!
In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeifen herfür, ich bließ zu, stimmte an, ließ mich gewaltig hören, diesen greulichen Wolf zu vertreiben. Über solch gählinger und ungewöhnlicher Musik an einem so wilden Ort der Einsiedel anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel vermeinend, der Teufel wollte ihn wieSt. Antoniotribulieren und seine Andacht stören. Ich retirieret in den Baum, er aber ging mich an, den Feind des Menschengeschlechts genugsam auszuhöhnen:
»Ha, du bist ein Gesell darzu, die Heiligen ohn göttliche Verhängnus...«
Ich hab mehrers nit verstanden. Vor Grausen und Schröcken sank ich in Ohnmacht nieder.
Was gestalten mir wieder zu mir selbst verholfen worden, weiß ich nicht. Als ich mich erholet lag mein Kopf in des Alten Schoß und vorn war meine Juppe geöffnet. Da ich den Einsiedel so nahe bei mir sahe, fing ich ein solch grausam Geschrei an, als ob er mir das Herz hätte aus dem Leibe reißen wollen. Er aber sagte:
»Mein Sohn, schweig, ich tue dir nichts.«
Je mehr er mich aber tröstete und mir liebkoste, je mehr ich schrie:
»Du frißt mich! Du frißt mich! Du bist der Wolf und willst mich fressen!«
»Eija wohl nein, mein Sohn. Sei zufrieden, ich friß dich nicht!«
Dies Gefecht währete lang. Endlich ließ ich mich soweit weisen, mit ihm in die Hütte zu gehen. Da war Armut Hofmeisterin, Hunger Koch, Mangel Küchenmeister. Mein Magen aber ward mit Gemüs und einem Trunk Wasser gelabet und mein verwirrt Gemüt durch tröstliche Freundlichkeit wieder aufgerichtet. Der Schlaf befing mich zusehends und der Einsiedel ließ mir sein Lager, obgleich nur einer darin liegen konnte.
Um Mitternacht erwachte ich und hörte den Alten singen:
Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall,Laß deine Stimm mit FreudenschallAufs lieblichste erklingen.Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,Weil andre Vöglein schlafen seinUnd nicht mehr mögen singen.Laß dein StimmleinLaut erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben!Obschon ist hin der Sonnenschein,Und wir im Finstern müssen sein,So können wir doch singenVon Gottes Güt und seiner Macht,Weil uns kann hindern keine Nacht,Sein Lob zu vollenbringen.Drum dein StimmleinLaß erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben.Echo, der wilde Widerhall,Will sein bei diesem FreudenschallUnd lässet sich auch hören,Verweist uns alle Müdigkeit,Der wir ergeben allezeit,Lehrt uns den Schlaf betören.Drum dein StimmleinLaß erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben.Die Sterne, so am Himmel stehn,Sich lassen zum Lob Gottes sehnUnd Ehre ihm beweisen.Die Eul auch, die nicht singen kann,Zeigt doch mit ihrem Heulen an,Daß sie Gott auch tu preisen.Drum dein StimmleinLaß erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben.Nur her, mein liebes Vögelein,Wir wollen nicht die Fäulsten seinUnd schlafend liegen bleiben.Vielmehr bis daß die MorgenrötErfreuet diese Wälder öd,In Gottes Lob vertreiben.Laß dein StimmleinLaut erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben.
Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall,Laß deine Stimm mit FreudenschallAufs lieblichste erklingen.Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,Weil andre Vöglein schlafen seinUnd nicht mehr mögen singen.Laß dein StimmleinLaut erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben!
Obschon ist hin der Sonnenschein,Und wir im Finstern müssen sein,So können wir doch singenVon Gottes Güt und seiner Macht,Weil uns kann hindern keine Nacht,Sein Lob zu vollenbringen.Drum dein StimmleinLaß erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben.
Echo, der wilde Widerhall,Will sein bei diesem FreudenschallUnd lässet sich auch hören,Verweist uns alle Müdigkeit,Der wir ergeben allezeit,Lehrt uns den Schlaf betören.Drum dein StimmleinLaß erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben.
Die Sterne, so am Himmel stehn,Sich lassen zum Lob Gottes sehnUnd Ehre ihm beweisen.Die Eul auch, die nicht singen kann,Zeigt doch mit ihrem Heulen an,Daß sie Gott auch tu preisen.Drum dein StimmleinLaß erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben.
Nur her, mein liebes Vögelein,Wir wollen nicht die Fäulsten seinUnd schlafend liegen bleiben.Vielmehr bis daß die MorgenrötErfreuet diese Wälder öd,In Gottes Lob vertreiben.Laß dein StimmleinLaut erschallen, dann vor allenKannst du lobenGott im Himmel hoch dort oben.
Unter währendem diesem Gesang bedünkte mich wahrhaftig, daß Nachtigall sowohl als Eule und Echo eingestimmet hätten. Als wann ich je der Melodei des Morgensterns auf meiner Sackpfeifen gefolget wär, also trieb es mich, den Alten zu begleiten, da mir diese Harmonie so lieblich schiene — doch ich entschlief.
Bei hohem Tag stund der Einsiedel vor mir und sagte:
»Auf, Kleiner und iß! Ich will dir alsdann den Weg weisen, daß du noch vor Nacht in das nächste Dorf und wieder zu den Leuten kommest.«
Ich fragte ihn: »Was für Dinger? Dorf und Leut?«
»Behüte Gott, weißt du nicht was Dorf und Leute seind? Bist du närrisch oder gescheit?«
»Nein,« sagte ich, »ich bin meines Knäns Bub.«
Darauf fielen unsere Reden und Gegenreden:
»Wie heißt du?« — »Bub.« — »Wie hat dich Vater und Mutter gerufen?« — »Ich weiß von kein Vater und Mutter nicht.« — »Wer hat dir das Hemd geben?« — »Ei, mein Meuder.« — »Wie hieße dich dann deinMeuder?« — »Bub, Schelm, ungeschickter Dölpel, Galgenvogel.« — »Wer ist deiner Meuder Mann?« — »Niemand.« — »Bei wem hat sie des Nachts geschlafen?« — »Bei meinem Knän.« — »Wie heißt der?« — »Knän.« — »Wie hat ihn deine Meuder gerufen?« — »Knän, auch Meister.« — »Niemalen anders?« — »Ja.« — »Wie dann?« — »Rülp, grober Bengel, volle Sau.« — »Du bist wohl ein unwissender Tropf!« — »Ei, kennst du einen andern Namen?« — »Und was weißt du von unserm Herrgott?« — »Den kenn ich wohl.« — »Also, wie kennst du ihn?« — »Ja, der ist daheim an unserer Stubentür gestanden auf dem Gesims. Mein Meuder hat ihn von der Kirchweih heimgebracht und hingekleibt.« — »Ach, daß Gott walte! Weißt du anders nicht? Bist du nie in die Kirche gangen?« — »Ei ja wohl! Ich kann wacker klettern und hab als einen ganzen Wams voll Kirschen gebrockt.«
»Ach gütiger Gott, nun erkenne ich erst, was vor eine große Gnade und Wohltat es ist, wem du deine Erkanntnus mitteilest, und wie gar nichts ein Mensch sei, dem du solche nicht gibest. Wüßte ich nur, wo deine Eltern wohneten, so wollte ich dich gern hinbringen und sie lehren, wie sie Kinder erziehen sollten.«
»Unser Haus ist verbrannt. Mein Meuder und der Knän, also auch unser Ursele seind hinweggeloffen und wiederkommen und unser Magd ist krank im Stall gelegen.«
»Wie ist das geschehen?«
»Ha, es sind so eiserne Männer kommen, die auf Ochsen ohn Hörn gesessen seind, haben Schaf, Küh' und Säu gestochen. Da bin ich auch weggeloffen und darnach hat das Haus gebrannt.«
»Wo war dann dein Knän?«
»Sie haben ihn angebunden und unser alte Geiß hat ihm die Füß geleckt, da hat mein Knän lachen müssen und hat denselben eisernen Männern viel Weißpfennig geben, groß und klein, hübsche gelbe und sonst glitzerechte Dinger und Schnüre voll weißer Küglein. Darauf hat unser Ann gesagt, ich soll auch weglaufen, sonst nehmen mich die Krieger mit.«
»Wo hinaus willst du?«
»Ich weiß Weger nit und will bei dir bleiben.«
»So geh und iß,« sagte der Einsiedel.
Das war unserdiscurs, unter welchem mich der Alte oft mit allertiefstem Seufzen anschauete. Weiß nicht, ob es aus Mitleiden geschahe oder aus Ursach, die ich erst etliche Jahr hernach erfuhr.
Ich futterte nach Notdurft, sonach mich der Einsiedel fortgehen hieß. Da suchte ich meine allerzartesten Worte herfür, daß er mich bei sich behielte, bis er beschloß meine verdrüßliche Gegenwart zu leiden, darum daß er mich unterrichtete.
Ich hielt mich wohl, und er fand Gefallen an mir, da ich begierig seine Unterweisungen hörete und die wachsweiche, und zwar noch glatte Tafel meines Herzens seine Worte zu fassen sich geschickt erwies.
Er lernete mir vom Fall Luzifers und wie unsere ersten Eltern aus dem Paradies verstoßen wurden, unterwies mich im Gesetz Moisis und den zehn Geboten, kam also auf das Leben, Sterben und die Auferstehung unseres Heilands, zuletzt beschloß er mit dem jüngsten Tag. Sein Leben und sein Reden waren mir eine immerwährende Predigt und ich gewann solche Liebe zu seinem Unterricht, daß ich des Nachts nicht davor schlafen konnte. So lernte ich auch beten. Da ich aber in purer Einfalt verblieben, hat mich der Einsiedel, weil weder er noch ich meinen rechten Namen gewußt,SIMPLICIUSbenannt.
Wir baueten vor mich eine Hütte gleich der seinen von Holz, Reisern und Erde, fast formiert wie der Musketierer im Feld ihre Zelten, oder besser zu sagen, wie die Bauren ihre Rubenlöcher decken, kaum daß ich aufrecht darin sitzen konnte, so nieder. Mein Bett war von dürrem Laub und Gras, ebensogroß als die Hütte selbst.
Als ich das erste Mal den Einsiedel in der Bibel lesen sahe, konnte ich mir nicht einbilden, mit wem er doch ein solch heimlich und, meinem Bedünken nach,sehr ernstlich Gespräch haben müßte; ich sahe wohl die Bewegung seiner Lippen, hingegen aber niemand, der mit ihm redete, und merkte doch an seinen Augen, daß ers mit etwas in selbigem Buch zu tun hatte. Ich gab Achtung auf das Buch, und nachdem er solches beigelegt, machte ich mich darhinter, schlugs auf und bekam im ersten Griff das erste Kapitel des Hiobs und die davor stehende Figur, so ein feiner Holzschnitt und schön illuminieret war, in die Augen. Ich fragte dieselbigen Bilder seltsame Sachen, weil mir aber keine Antwort widerfahren wollte, ward ich ungeduldig und sagte eben, als der Einsiedel hinter mich schlich:
»Ihr kleine Hudler, habet ihr dann keine Mäuler mehr? Habet ihr nicht allererst mit meinem Vater lang genug schwätzen können? Ich sehe wohl, daß ihr auch dem armen Knän da seine Schafe heim treibet und das Haus angezündet habet. Halt! Halt! Ich will das Feuer noch wohl löschen!«
Damit stund ich auf, Wasser zu holen.
»Wohin,Simplici?«
»Ei Vater, da sind auch Krieger, die haben Schafe und wollen sie wegtreiben. Sie habens dem armen Mann da genommen, mit dem du erst geredet hast. So brennet sein Haus auch schon lichterlohe und wird verbrennen, wann ich nicht bald lösche.«
Und ich zeigte mit dem Finger, was ich sahe.
»Bleib nur, es ist noch keine Gefahr.«
»Bist du dann blind? Wehre du, daß sie die Schafe nicht forttreiben, so will ich Wasser holen!«
»Ei, diese Bilder leben nicht, sie seind nur gemacht, uns vorlängst geschehene Dinge vor Augen zu stellen.«
»Du hast ja erst mit ihnen geredet, warum sollten sie dann nicht leben?«
Der Einsiedel mußte wider Willen und Gewohnheit lachen.
»Liebes Kind, die Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen sei, kann ich aus diesen schwarzen Zeichen sehen. Das nennt man Lesen.«
Ich antwortete: »Wäre ich ein Mensch wie du, so müßte ich auch aus denen schwarzen Zeilen sehen können, was du kannst. Wie soll ich mich in dein Gespräch mit ihnen richten?«
»Wohlan, mein Sohn, ich will dich lehren.«
Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf einer birkenen Rinden nach dem Druck formiert, und ich lernte buchstabieren, folgends lesen, endlich besser schreiben, als der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem Druck nachmalete. —
Unsere Speise war allerhand Gewächs, Ruben, Kraut, Bohnen, Erbsen, und wir verschmäheten auch nicht Buchecker, wilde Äpfel, Birn und Kirschen, ja, die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm. Brotfladen buken wir in heißer Aschen aus gestoßenem Welschkorn. Im Winter fingen wir Vögel an Sprinkeln und Stricken, im Frühling bescherete uns Gott Junge aus den Nestern. Wir behalfen uns mit Schnecken und Fröschen, so war uns auch mit Reusen und Anglen das Fischen und Krebsen nicht zu wider, welches alles unser grob Gemüs hinunterconvoieren mußte. Wir hatten auf ein Zeit ein junges wildes Schweinlein gefangen, welches wir, in einen Pferch versperret, mit Eicheln und Eckern auferzogen, gemästet und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wußte, daß solches keine Sünde sein konnte, wann man genießet, was Gott dem ganzen menschlichen Geschlecht zu diesem End erschaffen. Von Gewürz brauchten wir nichts, dann wir dörften die Lust zum Trunk nicht erwecken. Die Notdurft an Salzgab uns ein Pfarrer, der ungefähr drei Meilwegs von uns wohnete.
Des Hausrates war genug vorhanden: Schaufel, Haue, Axt, Beil und ein eiserner Kochhafen. Das wir von obgemeldtem Pfarrer entlehnet hatten. Jeder besaß ein stumpfes Messer zu eigen. Wir bedorften weder Schüssel noch Teller, Löffel, Gabel, Kessel, Pfannen, Rost und Bratspieß. Unser Hafen war Schüssel zugleich, unsere Hände Gabeln und Löffel. Wollten wir trinken, so hingen wir das Maul hinein, wie Gideons Kriegsleute. Von allerhand Gewand, Wolle, Seiden, Baumwolle und Leinen, alles zu Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als wir auf dem Leibe trugen, weil wir genug zu haben schätzten, wann wir uns vor Regen und Frost beschützen könnten. Wir hielten keine gewisse Regul oder Ordnung, außerhalb an Sonn- und Feiertägen, an welchen wir schon um Mitternacht hinzugehen anfingen, damit wir noch frühe genug, ohn männliches Vermerken, in des obgemeldten Pfarrherrn Kirche kommen und dem Gottesdienst abwarten konnten.
Ich lernete in solchem hartem Leben Hunger, Durst, Hitze, Kälte und große Arbeit überstehen und zuvorderst Gott erkennen und wie man ihm rechtschaffen dienen sollte, welches das vornehmste war. Zwar wollte mich mein getreuer Einsiedel ein Mehrers nicht wissen lassen, dann er hielte davor, es sei einem Christen genug, zu seinem Ziel und Zweck zu gelangen. Dahero es gekommen, obzwar ich mein Christentum wohl verstand und die deutsche Sprache so schön redete, als wann sie dieOrthographiaselbst ausspräche, daß ich dannoch der Einfältigste verblieb, gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solch elender Tropf in der Welt war, daß man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte locken können.
Zwei Jahre ungefähr hatte ich zugebracht und das harte eremitische Leben kaum gewohnet, als mein bester Freund auf Erden seine Haue nahm, mir aber die Schaufel gab und mich an der Hand in unsern Garten führete.
»Nun,Simplici, liebes Kind, dieweil gottlob die Zeit vorhanden, daß ich aus der Welt scheiden, die Schuld der Natur bezahlen und dich in dieser Welt hinter mir verlassen soll, so habe ich dich auf dem angetretenen Weg der Tugend stärken und dir einzige Lehren zum Unterricht geben wollen, wie du dein irdisch Leben anstellen solltest, damit du gewürdigt werdest das Angesicht Gottes in jenem Leben ewiglich zu schauen, zumalen ich deines Lebens künftige Begegnüsse beiläufig sehe und wohl weiß, daß du in dieser Einöde nicht lange verharren wirst.«
Diese Worte setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes Erfindung die Stadt Villingen, und sie waren mir so unerträglich, daß ich sie nicht ertragen konnte.
»Herzliebster Vater, willst du mich allein in diesem wilden Wald verlassen?«
Mehrers vermochte ich nicht heraus zu bringen, dann meines Herzens Qual ward aus überfließender Liebe, die ich zu meinem Vater trug, also heftig, daß ich gleichsam wie tot zu seinen Füßen niedersank. Er hingegen richtete mich auf, tröstete mich, so gut es Zeit und Gelegenheit zuließ, und verwiese mich gleichsam fragend:
»Willst du der Ordnung des Allerhöchsten widerstreben? Was unterstehst du dich, meinem schwachenLeib, der nach Ruhe lechzet, aufzubürden? Ach nein, mein Sohn, laß mich fahren!«
Und er riete mir getreulich: »Anstatt deines unnützen Geschreies folge meinen letzten Worten, welche seind, daß du dich je länger je mehr selbst erkennen sollst. Dann daß die meisten Menschen verdammt werden, ist Ursache, daß sie nicht gewußt haben, was sie gewesen und was sie werden müssen. Und hüt dich jederzeit vor böser Gesellschaft, dann derselben Schädlichkeit ist unaussprechlich. Bleib standhaft vor allen Dingen. Wer verharret bis ans Ende, der wird selig. So du aber aus menschlicher Schwachheit fällst, dann stehe durch rechtschaffene Buße geschwind wieder auf.«
Nachdem mir der sorgfältige, fromme Mann solches vorgehalten, hat er mit seiner Haue angefangen, sein eigenes Grab zu machen. Ich half, so gut ich konnte, wie er mir befahl.
»Mein lieber und wahrer, einziger Sohn, wann meine Seele an ihren Ort gegangen ist, so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte Ehre. Scharre mich mit dieser Erde wieder zu, die wir anjetzo aus der Grube graben.«
Darauf nahm er mich in seine Arme und druckte mich küssend viel härter an seine Brust, als einem Mann, wie er zu sein schiene, hätte müglich sein können.
»Liebes Kind, ich befehle dich in Gottes Schutz.«
Ich hingegen konnte nichts anders als klagen und heulen, ich hing mich an seine Büßerketten und vermeinte ihn damit zu halten.
Er aber sagte: »Laß mich, daß ich sehe, ob mir das Grab lang genug sei.«
Legte demnach die Kette ab samt dem Oberrock undbegab sich in das Grab wie einer, der sich sonst schlafen legen will.
»Ach großer Gott, nun nimm wieder hin die Seele, die du mir gegeben!«
Hierauf beschloß er seine Lippen und Augen sänftiglich. Ich aber stund da wie ein Stockfisch etlich Stunden, dieweil ich ihn öfters in dergleichen Verzuckungen gesehen. Da sich aber mein allerliebster Einsiedel nicht mehr aufrichten wollte, stieg ich zu ihm ins Grab und fing an ihn zu schütteln, zu küssen und zu liebeln. Aber da war kein Leben mehr.
Nachdem ich lang mit jämmerlichem Geschrei hin und her geloffen, begann ich ihn zuzuscharren. Und wann ich kaum sein Angesicht bedeckt hatte, stieg ich wieder hinunter, entblößte es wieder, damit ichs noch einmal sehen und küssen konnte.
Über etliche Tage verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarrer und begehrte Rat von ihm. Unangesehen er mir nun stark widerraten, länger im Walde zu verbleiben, bin ich doch tapfer in meines Vorgängers Fußstapfen getreten, maßen ich den ganzen Sommer tät, was ein frommer Einsiedel tun soll. Aber gleichwie die Zeit alles ändert, so verringerte sich auch nach und nach mein Leid, und die scharfe Winterkälte löschte die innerliche Hitze meines steifen Vorsatzes zugleich aus. Jemehr ich anfing zu wanken, je träger ward ich in meinem Gebet und ich ließ mich die Begierde überherrschen, die Welt auch zu beschauen. Demnach gedachte ich wieder zu dem Pfarrer zu gehen und machte mich seinem Dorf zu, fand es aber in voller Flamme stehen, dann es eben eine Partei Reuter ausgeplündert und angezündet hatte. Die Bauren waren teils niedergemacht, viel verjaget und etliche gefangen, darunter auch der Pfarrer war. Die Reuter ruckten eben wegfertig aus und führten den Pfarrer an einem Strick daher. Unterschiedliche schrieen: Schieß den Schelmen nieder! Andre wollten Geld von ihm. Er hub die Hände auf und bat um des jüngsten Gerichtes willen um Verschonung und Barmherzigkeit. Aber einer ritte ihn übern Haufen und versetzte ihm gleich eins an Kopf, davon er alle vier von sich streckte.
Indem kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauren aus dem Wald, als ob man in ein Wespennest gestochen hätte. Die fingen an so gräulich zu schreien, so grimmig drein zu setzen und drauf zu schießen, daß mir alle Haar zu Berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichenKirchweih gewesen, dann die spessarter Bauren lassen sich fürwahr so wenig als andre auf ihrem Mist foppen. Davon rissen die Reuter aus und schlugen ihre ganze Beute in den Wind.
Diese Kurzweil benahm mir beinahe die Lust, die Welt zu beschauen, dann meine Wildnus mir anmutiger erschiene. Der Pfarrer lag ganz matt, schwach und kraftlos, doch hielt er mir vor, daß er nun selbst auf den Bettel geraten wäre, so hätte ich mich seiner Hilfleistung nichts zu getrösten. Zog demnach ganz traurig gegen den Wald, gedachte die Wildnus nimmer zu verlassen und ob es nicht möglich wäre, daß ich ohn Salz leben und also aller Menschen entbehren könnte. Mich zu bestärken zog ich meines Einsiedels hinterlassen hären Hemd an und hing seine Ketten über.
Den andern Tag als ich bei meiner Hütte saß und zugleich neben dem Gebet gelbe Ruben zu meines Leibes Unterhaltung briet, umringten mich an fünfzig Musketierer. Zwar sie ob meiner Person Seltsamkeit erstauneten, so durchstürmten sie doch meine Hütte, suchten, was da nicht zu finden war, und warfen die Bücher durcheinander, weil sie ihnen nichts taugten. Endlich sahen sie, als sie mich besser betrachteten, an meinen Federn, was vor einen schlechten Vogel sie gefangen hatten, und konnten leicht ihre Rechnung machen; doch verwunderten sie sich über mein hartes Leben. Ja, der Offizierer ehrte mich und begehrte gleichsam bittend, ich wolle ihm den Weg aus dem Wald weisen. Ich widerte mich nicht und führte sie am nächsten Weg dem Dorf zu.
Ehe wir aber vor den Wald kamen, sahen wir ungefähr zehn Bauren, deren ein Teil mit Feuerrohren bewehrt, die übrigen aber beschäftigt waren, etwaseinzugraben. Die Musketierer schrieen: Halt! Halt! Jene aber antworteten mit den Rohren. Wie sie jedoch sahen, daß sie übermannet waren, gingen sie schnell durch. Die müden Soldaten konnten keinen ereilen, huben aber an auszugraben. Sie hatten wenig Streich getan, da hörten sie eine Stimme von unten herauf:
»O, ihr Erzbösewichter, vermeinet ihr wohl, daß der Himmel euer unchristliche Grausamkeit und Bubenstücke ungestraft hingehen lassen werde? Nein, eure Unmenschlichkeit soll vergolten werden.«
Hierüber sahen die Soldaten einander an, weil sie nicht wußten, was sie tun sollten. Etliche vermeinten, sie hätten ein Gespenst. Ich gedachte, es träume mir. Ihr Offizier hieß sie tapfer zu graben.
Sie kamen auf ein Faß, schlugens auf und fanden einen Kerl darin, der weder Nasen noch Ohren mehr hatte, gleichwohl noch lebte. Sobald er sich ein wenig ermunterte, erzählte er: Ihrer sechs seines Regiments, so auf Fourage gewesen, seien von den Bauren ergriffen worden. Sie hätten hintereinander stehen müssen, davon die ersten Fünf von einer Kugel tot geschossen worden seien, ihn aber, den letzten, habe die Kugel nicht mehr erlanget. Da hätten sie ihm Nase und Ohren abgeschnitten, zuvor aber ihn gezwungen, daß er ihrer fünfen (salva venia) den Hintern lecken müssen. Da er sich so gar geschmähet gesehen, hätte er ihnen die allerunnützesten Worte gegeben, der Hoffnung, es würde ihm etwan einer aus Ungeduld eine Kugel schenken, aber vergebens. Nachdem er sie so erbittert, hätten sie ihn in gegenwärtig Faß gesteckt und also lebendig begraben, sprechend: Weil er des Todes so eifrig begehre, wollten sie ihm zum Possen hierin nicht willfahren.
Indem kam eine andre Partei Soldaten den Waldherauf, sie hatten obgedachte Bauren angetroffen, fünf davon gefangen, die andern erschossen. Unter den gefangenen waren vier, denen der übel zugerichtete Reuter zuvor so schandlich hatte zu Willen sein müssen. Als nun beide Parteien erkannten einerlei Kriegsvolk zu sein, traten sie zusammen.
Da sollte man sein blaues Wunder gesehen haben, wie die Bauren getrillt wurden. Etliche wollten sie zwar in der ersten Furi totschießen, andere aber sagten: »Nein, man muß die leichtfertigen Vögel zuvor rechtschaffen quälen und ihnen eintränken, was sie diesem Reuter zu tun geheißen.« Dahingegen sagte ein anderer: »Dieser Kerl ist nichts wert, dann wäre er kein Bernheuter gewesen, so hätte er allen redlichen Soldaten zu Spott solch schändliche Arbeit nicht verrichtet, sondern wäre tausendmal lieber gestorben.« Endlich ward beschlossen, daß ein jeder von den sauber gemachten Bauren an zehn Soldaten wett mache, was er von dem Reuter empfangen, und darzu sagen sollte: ‚Hiermit lösche ich wieder aus und wische ab die Schande, die sich die Soldaten einbilden empfangen zu haben, als uns ein Bernheuter tat, wie ich ihnen tue.’
Darauf schritten sie zur Sache, aber die Bauren waren so halsstarrig, daß sie weder durch Verheißung des Lebens noch durch Marter dazu gezwungen werden konnten.
Einer führete den fünften Bauren, an dem der Reuter nicht schandbar geworden war, etwas beiseits und sagte zu ihm: »Wann du Gott und seine Heiligen verläugnen wilt, werde ich dich dahin laufen lassen, wohin du begehrest.« Der Bauer antwortete, er hätte sein Lebtag nichts auf Heilige gehalten und auch geringe Kundschaft mit Gott selbst gehabt. Schwur daraufsolenniter,daß er Gott nicht kenne. Hierauf jagte ihm der Soldat eine Kugel an die Stirn, welche aber so viel effektuiert, als wann die an einen stählernen Berg gangen wäre. Also zuckte er seine Plempe und rief:
»Holla, bist du solch ein Schelm! Ich habe versprochen, dich laufen zu lassen, wohin du begehrest, so schicke ich dich nun ins höllische Reich, weil du nicht in den Himmel wilt!«
Und spaltete ihm damit den Kopf bis an die Zähne.
Indessen banden die andern Soldaten die vier übrigen Bauren mit Händen und Füßen an einen umgefallenen Baum so artlich, daß sie ihre Posteriora gerad in die Höhe kehrten. Nachdem sie den Bauren die Hosen abgezogen, nahmen sie etliche Klafter Lunten, machten Knöpfe daran und fidelten die armen Schelme also bis Haut und Fleisch ganz von dem Bein hinweg war. Mich aber ließen sie nach meiner Hütte gehen.
Da ich wieder heim kam, befand ich, daß mein Feuerzeug und ganzer Hausrat samt allem Vorrat an armseligen Speisen, die ich im Garten erzogen und auf den künftigen Winter vor mein Maul gesparet hatte, mir einander fort war. — Wo nun hinaus?
Überdas lagen mir die Sachen, so ich denselben Tag gehöret und gesehen, ohn Unterlaß im Sinn. Ich dachte nicht sowohl meiner Erhaltung nach als derAntipathia, die sich zwischen Soldaten und Bauren enthält. Ich meinte, es müßten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein, wilde und zahme, weil sie einander so grausam verfolgten.
In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte mit einem hungrigen Magen.
Da dünkte mich, als wenn sich alle Bäume gähling veränderten. Auf jedem Gipfel saß ein Kavalier und anstatt der Blätter trugen die Äste allerhand Kerle. Von solchen hatten etliche lange Spieße, andere Musketen, kurz Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen, lustig anzusehen und fein gradweis auseinandergeteilet. Die Wurzel aber war von ungültigen Leuten, als Handwerkern, Taglöhnern, mehrenteils Bauren und dergleichen bestanden, welche nichts desto weniger dem Baum seine Kraft verliehen und erneureten; ja, sie ersetzten den Mangel der abgefallenen Blätter aus den Ihrigen zum eigenen noch größeren Verderben. Benebens seufzten sie über diejenigen, so auf dem Baume saßen, dann die ganze Last des Baums lag auf ihnen und drückte sie dermaßen, daß ihnen das Geld aus dem Beutel herfürging. So es aber nicht herfürwollte, striegelten sie dieCommissariimit Besen, die man militarischeExecutionnennet, daß ihnen die Seufzer aus dem Herzen, die Tränen aus den Augen, das Blut aus den Nägeln und das Mark aus den Beinen herausging.
Also mußten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit, diejenigen aber auf den untersten Ästen in größerer Arbeit und Ungemach gedulden und durchbringen. Doch waren diese jeweils lustiger, aber auch trotzig, mehrenteils gottlos und jederzeit eine schwere, unerträgliche Last der Wurzel.