Siebentes KapitelIm Dorfe der Sioux

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Wohl schwang sich der Häuptling zu einem seiner Krieger auf das Roß, der Schuß aber hatte den Eifer der Tetons gedämpft; sie kehrten eiligst zum Ufer zurück, so daß die Verfolgten in Ruhe den jenseitigen Strand erreichen konnten.

„Schnell zu Pferde!“ war hier des Trappers erstes Wort an Middleton und den seines erfolgreichen Schusses sich höchlichst freuenden Paul. „Reitet nach jenem Hügel; hinter demselben findet ihr einen zweiten Strom, in dessen Wasser ihr den Weg fortsetzen müßt, bis ihr zu einer sandigen Ebene gelangt; dort wartet auf uns. Der Pawnee, mein tapferer Freund Obed Bat und ich, wirhalten den Strand hier noch eine Weile schon allein dadurch, daß wir uns und diese lange Büchse den Tetons zeigen.“

Die beiden Männer folgten ohne Einrede; sie saßen auf, nahmen die Frauen hinter sich und waren bald hinter dem Hügel verschwunden. Drüben gewahrte man die Schar der Tetons und in ihrer Mitte den Häuptling Mahtoree, der ab und zu drohend den Arm gegen die drei Wächter auf dem diesseitigen Ufer schüttelte. So vergingen etwa dreißig Minuten, dann erhoben die Tetons ein wildes Jubelgeschrei; sie begrüßten damit ihre neuen Verbündeten, Ismael Busch und seine Mannen, die langsam herangezogen kamen. Der Emigrant nahm die Sachlage mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit in Augenschein und entsendete auch, wie um die Tragweite seiner Büchse zu erproben, eine Kugel gegen seine Feinde, die in bedrohlicher Nähe über die letzteren hinpfiff.

„Jetzt laßt uns aufbrechen!“ rief Obed, sich noch nachträglich duckend. „Wir haben lange und mutig genug ausgehalten, und ein Rückzug erfordert nicht weniger Tapferkeit als eine Schlacht.“

Der Trapper machte keine Einwendung; er überließ dem Doktor das dritte Pferd, auf dem dieser sich unverweilt aus dem Staube machte. Er selber und der Pawnee entfernten sich unter geschickter Benutzung der Unebenheiten des Bodens, so daß sie bald den Tetons aus den Augen kamen. Sie erreichten ihre Freunde an der bezeichneten Stelle, und nun machte der alte Jäger den Vorschlag, hier auf einige Stunden zu kampieren.

Middleton, Paul und der Doktor waren über dieses Ansinnen ganz erstaunt, da sie meinten, daß es jetzt vor allem auf schleunigste Fortsetzung der Flucht ankommen müsse.

„Warum sollen wir fliehen?“ entgegnete der Alte. „Meint ihr, wir könnten zu Fuß und mit unseren schwer belasteten und abgejagten Tieren den schnellen Rennern der Tetons entgehen? Oder meint ihr, daß die Feinde sich schlafen legen werden? Zum Glück liegt der größte Teil unserer Fährte im Wasser, so daß wir immerhin Aussicht haben, vor der Hand unentdeckt zu bleiben. Aber die Prärie ist kein Wald; von jenem Hügel überschaut ein Kundschafter beinahe so viel Land wie ein Habicht aus der Luft. Nein, wir müssen die Nacht abwarten, ehe wir weiterziehen. Hören wir aber noch die Ansicht des Pawnee, der ist ein erfahrener Krieger. Hält mein Bruder unsere Fährte für lang genug?“ fragte er den Indianer in dessen Sprache.

„Ist ein Teton ein Fisch, daß er sie im Wasser sehen kann?“ versetzte dieser.

„Meine jungen Männer wünschen sie zu verlängern, bis sie über die ganze Prärie reicht.“

„Mahtoree hat Augen; er wird sie sehen.“

„Was rät mein Bruder?“

Der junge Krieger schaute prüfend zum Himmel auf und schien zu zögern. Eine Weile ging er mit sich selber zu Rate, dann aber sagte er mit Festigkeit:

„Die Dakotas schlafen nicht; wir müssen uns ins Gras legen.“

Der alte Jäger nickte im Einverständnis, und jetzt fügten sich auch die anderen. Ellen und Inez wurden unter das Büffelfell gebettet; die Pferde band man und warf sie zu Boden, und dann streckten sich auch die Männer nieder. Das Präriegras stand hier so hoch, daß schon aus ganz kurzer Entfernung nichts von diesen Veranstaltungen wahrgenommen werden konnte. Da es galt, hier wenigstens fünf Stunden zuzubringen, so überließ man sich dem Schlaf, der sich nach all den Anstrengungen auch bald einstellte.

Stundenlang lag alles in tiefem Schweigen, dann hörten die scharfen Ohren des Trappers und des Pawnee einen leisen Ruf, der aus Inez' Munde kam. Auf alles gefaßt, sprangen sie auf und gewahrten zu ihrem Schrecken, daß die ganze Prärie dicht mit blendend weißem Schnee bedeckt war.

„Gott möge uns gnädig sein!“ rief der alte Mann schmerzlich. „Jetzt weiß ich auch, Pawnee, weshalb du die Wolken so genau betrachtetest; aber nun ist's zu spät! Selbst ein Eichhörnchen würde Spuren auf diesem losen Schnee hinterlassen. Ha! Da sind auch schon die roten Teufel! Nieder! Nieder! Zwar wird's nicht viel nützen, man darf aber keine Vorsicht außer acht lassen!“

Alle warfen sich aufs neue platt auf den Boden, jeder aber spähte verstohlen durch das hohe Gras nach den Feinden, die, noch etwa eine halbe englische Meile entfernt, von allen Seiten kreisförmig heranrückten und dem Versteck der Flüchtlinge langsam aber sicher näher kamen.

Paul und Middleton machten ihre Büchsen schußfertig, und als Mahtoree, der die Blicke unverwandt suchend auf den Boden geheftet hielt, bis auf fünfzig Schritte herangekommen war, da drückten sie beide fast gleichzeitig auf ihn ab. Allein ein Knipsen der Hähne war die einzige Wirkung dieses voreiligen Tuns.

„Genug,“ sagte der Trapper, sich langsam und würdevoll erhebend; „ich war's, der euch das Pulver aus den Pfannen schüttete; eure Schüsse hätten unser aller sicheren Tod zur Folge gehabt. Laßt uns unserem Geschick wie Männer ins Auge sehen. Klagen und bitten würde uns in den Augen der Indianer nur verächtlich machen.“

Ein Geschrei, das sich über die ganze Prärie fortzusetzen schien, begrüßte sein Erscheinen, und im Nu sprengten hundert Wilde herbei. Mahtoree empfing seine weißen Gefangenen mit großer Selbstbeherrschung; erst später richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Pawnee, der stumm und unbeweglich wie eine Statue abseits gestanden hatte, und nun erkannte der Trapper sowohl aus dem unbeschreiblichen Jubelgeheul, das aus hundert Kehlen in die Lüfte stieg, als auch aus dem wie ein Lauffeuer die Runde machenden gefürchteten Namen, daß sein junger Freund kein anderer war als der bisher noch nie besiegte Krieger, der gewaltige Hartherz selber.

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Mehrere Tage sind seit der Gefangennahme unserer Freunde verstrichen. Der Schauplatz der Erzählung hat sich verändert. Wir befinden uns auf einer erhöhten Ebene, die, vielfach mit Baumgruppen bestanden und gegen Norden von einer ausgedehnten Waldung begrenzt, an einen jener Flußläufe stößt, die ihr Wasser dem Missouri zuführen.

Teils an dem hohen Ufer entlang, teils hier und dort auf der Ebene zerstreut, stets aber in größerer oder geringerer Wassernähe, standen etwa hundert Wigwams der wandernden Sioux. Diese Wigwams waren kegelförmige, aus Stangen und Tierfellen errichtete Zelte, denen man ansah, daß sie ihren Insassen nur vorübergehend Schutz bieten sollten. Vor dem Eingang eines jeden Wigwams war ein Pfosten errichtet, an welchem die Waffen des Besitzers, Schild und Speer, Bogen und Pfeilköcher, im Winde schaukelten. Unachtsam hingeworfen lagen neben diesen Pfosten auch die Hausgeräte, deren sich die Weiber bei ihren wirtschaftlichen Arbeiten bedienten, und hier und da hing überdies ein Säugling, in Rindenstücke geschnürt, zugleich mit den Waffen des Vaters vom Pfosten herab.

Während die Weiber und die Jugend dieses Indianerdorfes an den verschiedensten Plätzen zerstreut sich beschäftigten oder vergnügten, hatten sich die Krieger zu einem Kreise versammelt, dessen Mittelpunkt der Häuptling Mahtoree bildete. Ein wenig abseits von dieser Schar gewahrte man einen Haufen von Männern, deren Äußeres von dem der roten Krieger gänzlich verschieden war. Bedeutend höher von Wuchs, breiter in den Schultern und muskulöser an den Gliedern, verrieten sie sich auch durch ihre Gesichtsbildung und Hautfarbe als Angehörige der teutonischen Rasse. Es war diesdie Familie des Squatters Ismael Busch. Träge und untätig, wie immer, wenn keine dringende Beschäftigung vorlag, lungerten die gigantischen Gesellen vor einigen Wigwams herum, die ihnen ihre Gastfreunde, die Sioux, zum Aufenthalt angewiesen hatten. In einiger Entfernung weidete das Vieh, das ihnen von ihren neuen Verbündeten als Freundschaftsgabe wieder zugestellt worden war.

Noch eine andere Gruppe war an dem einen Ende des Dorfes bemerkbar. Hier lagen auf einer kleinen Erderhöhung zwei gefesselte Männer, der Hauptmann Middleton und Paul Hover, der Bienenjäger. Die Gliedmaßen derselben waren mit Riemen von Büffelhaut so fest verschnürt, daß sie nur mit Stöhnen die Schmerzendieser barbarischenFesselung zu ertragen vermochten. Etwa zwölf Schritte von ihnen entfernt war ein starker Pfahl aufgepflanzt, und an diesen festgebunden stand Hartherz, der Pawneehäuptling. Zwischen ihm und den beiden weißen Gefangenen hatte der alte Trapper seinen Platz gewählt; die Wilden hatten ihm seine Büchse und die übrige Ausrüstung genommen, ihm jedoch sonst die völlige Freiheit gelassen. An eine Flucht durfte er freilich nicht denken, denn unweit dieser Stätte stand ein halbes Dutzend junger Krieger, ernst und unbeweglich, aber mit funkelnden Blicken jede Bewegung der Gefangenen beobachtend.

„Ich wollte, daß der Himmel meine Artilleristen hierher führte,“ stöhnte der Hauptmann in seiner Pein. „Die würden mit den roten Halunken kurzen Prozeß machen.“

„Und ich wollte, daß diese Wigwams lauter Hornissennester wären,“ knurrte der Bienenjäger, „und daß die lieben Tierchen den halbnackten Schuften aufs Fell kämen; dann wäre uns bald geholfen.“

Der Trapper hatte diese Reden gehört und trat näher. Sein Kopfschütteln ließ erkennen, daß selbst seine Erfahrung keinen Ausweg aus dieser verzweifelten Lage finden konnte.

„Es wird nicht mehr lange dauern, dann beginnen die Teufel ihr erbarmungsloses Höllenwerk an unserem Freunde, dem Pawnee,“ sagte er. „Ich sehe es den Augen Mahtorees an, daß er seine Krieger zur äußersten Verschärfung der Tortur aufstachelt.“

„Hört, alter Trapper,“ rief Paul, mühsam seinen Kopf herumwendend, „Ihr versteht Euch auf die Sprache und die Niederträchtigkeiten des Gewürms. Geht hin und sagt den Häuptlingen im Namen eines gewissen Paul Hover aus Kentucky, daß sie ermächtigtsein sollen, besagten Paul nach Herzenslust zu skalpieren und zu martern, soviel und solange sie nur immer mögen, wenn sie dagegen versprechen, das junge Mädchen mit Namen Ellen Wade frei und unverletzt nach den Vereinigten Staaten zurückkehren zu lassen. Wollt Ihr mir den Gefallen tun?“

„Mein guter Freund, das wäre vergebens,“ versetzte der alte Mann, „Ihr liegt wie ein Bär in der Falle, könnt weder fliehen noch Euch wehren, und daher den roten Teufeln auch keine Bedingungen vorschreiben. Aber laßt den Mut deswegen nicht sinken. Die weiße Hautfarbe gereicht ihren Trägern in solcher Lage ebensooft zum Schutz, wie zum Schaden. Unser Geschick ist noch nicht entschieden, warten wir's geduldig ab. Für den Pawnee hege ich allerdings nur wenig Hoffnung.“

Er schritt auf den gefesselten Häuptling zu, dessen freies, leuchtendes Auge unverwandt in die Ferne blickte.

„Die Sioux halten Rat über meinen Bruder,“ begann er nach längerem, achtungsvollem Schweigen.

„Sie zählen die Skalpe am Wigwam des Harten Herzens,“ antwortete der junge Mann lächelnd.

„Ja, sie zählen sie und finden ihre Anzahl zu groß; ihr Eigentümer wird wenig Schonung von ihnen zu erwarten haben. Aber mein Sohn ist kein Weib, er schaut mit festem Blick auf den Pfad, den er wandeln muß. Hat er seinem Volke nichts ins Ohr zu flüstern, ehe er von hinnen geht? Meine Füße sind alt, aber vielleicht tragensiemich noch einmal an die Gestade des Loupflusses. Ein Elchhirsch soll die Prärie nicht schneller durchmessen als diese alten Füße, wenn der große Pawnee mir eine Botschaft anvertrauen will.“

„Möge das Bleichgesicht seine Ohren auftun,“ antwortete der Häuptling nach einigem Besinnen. „Es wird hierbleiben, bis die Tetons versucht haben, die skalplosen Köpfe von achtzehn Dakotakriegern mit dem Skalpe eines einzigen Pawnees zu bedecken. Es wird seine Augen weit öffnen, damit es sieht, wo man die Gebeine eines Kriegers beerdigt.“

„Das soll geschehen, mein edler Sohn.“

„Alsdann wird mein Vater zu meinem Volke gehen. Sein Haupt ist weiß, seine Worte werden nicht verwehen wie Rauch im Winde. Er wird meinen Wigwam finden und laut den Namen Hartherz rufen. Die Pawnees sind nicht taub. Darauf möge mein Vater nachdem Füllen fragen, das noch nie geritten wurde, das glatter ist als ein Hirsch, und schneller als ein Elch.“

„Ich verstehe, Knabe, ich verstehe,“ unterbrach der aufmerksam lauschende Greis den Sprecher. „Es soll alles ausgeführt werden nach deinem Verlangen, oder aber ich verstehe mich schlecht auf die Wünsche eines sterbenden Indianers.“

„Und will mein Vater dann das Füllen zum Grabe des Harten Herzens bringen?“

„Das will ich, mein braver Knabe. Zu den Häupten der heiligen Stätte will ich es hinstellen, seine Augen gegen die sinkende Sonne gerichtet.“

„Und mein Vater wird zu ihm reden und ihm sagen, daß sein Herr, der es seit seinem ersten Lebenstage gehegt und gepflegt hat, nun seiner bedarf.“

„Meines Sohnes Wille soll geschehen; mit diesen alten Händen werde ich das Tier auf dem Grabe des großen Pawnee schlachten.“

„Es ist gut,“ nickte der junge Krieger, mit dem Ausdruck innerer Genugtuung auf dem ernsten Antlitz. „Hartherz wird auf seinem Rosse in die glücklichen Jagdgründe einreiten und vor dem Großen Geist erscheinen, wie es einem Häuptlinge ziemt.“

In diesem Augenblick löste sich der Kreis der beratenden Krieger, und Mahtoree schritt mit zwei Begleitern dem Orte zu, wo der Marterpfahl aufgerichtet war.

Zwanzig Schritte vor demselben blieb er stehen und winkte den Trapper zu sich heran. Als derselbe ihm gegenüberstand, legte er ihm die Hand auf die Schulter und blickte ihm forschend in die Augen.

„Hat ein Bleichgesicht zwei Zungen?“ fragte er.

„Trägt man das Herz auf der Haut?“ entgegnete der Greis ruhig.

„Mein Vater hat recht, er möge mich anhören. Das weiße Haupt hat übel getan. Es ist der Freund eines Pawnee und der Feind meines Volkes.“

„Teton, ich bin dein Gefangener. Tue mit mir nach deinem Gutdünken.“

„Nein, Mahtoree wird das weiße Haupt nicht rot färben. Mein Vater ist frei. Ehe er aber den Sioux den Rücken kehrt, soll er Mahtoree seine Zunge leihen. Ein junges Bleichgesicht wird seine Ohren nicht verschließen, wenn ein alter Mann seines Volkes zu ihm redet. Mein Vater folge mir.“

Und voranschreitend führte er den Trapper zu einem Wigwam, der, größer als alle anderen, als die Wohnung eines Häuptlings erkennbar war. Die Waffenstücke am Pfosten waren reicher gearbeitet als die übrigen, und als besondere Auszeichnung befand sich auch eine Büchse darunter.

Sie traten ein. Die Ausstattung des Raumes war die einfachste. Seine einzige Zierde bildete der heilige Medizinbeutel, der, mit Wampum umflochten und mit Stachelschweinstacheln und Glasperlen geschmückt, umgeben von Schilden, Speeren und Pfeilen, unter dem Lieblingsbogen des Häuptlings an der Wand hing.

Auf einem aus duftigen Kräutern und darüber gelegten Fellen hergerichteten Sitz saßen Inez und Ellen, bleich und angegriffen, aber ergeben in ihr Geschick. Eine dritte weibliche Gestalt kauerte ein wenig abseits, eine junge Indianerin, Tachechana, bisher das Lieblingsweib Mahtorees.

Ohne die letztere zu beachten, trat der Häuptling vor Inez hin und betrachtete die schöne Spanierin mit bewundernden Blicken. Dann wendete er sich an den neben ihm stehenden Trapper.

„Singe in das Ohr Dunkelauges,“ begann er. „Sage ihr, Mahtorees Wigwam ist groß, aber er ist nicht voll. Sie soll einen Platz darin haben und die Größte sein. Der anderen, dem Lichthaar, sage, daß auch sie in dem Wigwam des Häuptlings bleiben soll und von seinem Wildbret essen. Mahtoree ist ein großer Häuptling, seine Hand ist stets offen.“

Der Greis zögerte; er fürchtete sich, den armen Geschöpfen eine solche Botschaft zu bringen. Ellen aber hatte aus des Wilden Blicken und Gebärden dessen Absicht halb erraten.

„Spart Euren Atem,“ sagte sie schnell, als der Trapper sich eben zu reden anschickte. „Die Worte dieses Heiden sind nicht geeignet für das Ohr einer christlichen Dame.“

„Meine Töchter bedürfen der Ohren nicht, um den großen Dakota zu verstehen,“ sagte der Trapper zu dem Häuptling. „Sie blickten ihn an, und sie verstanden ihn. Sie wünschen über seine Rede nachzudenken; möge Mahtoree sie eine Zeit allein lassen.“

Überzeugt, daß der Bescheid nur zu seinen Gunsten lauten würde, nickte der Häuptling gnädig seine Zustimmung und wendete sich, die Hütte zu verlassen. Da trat ihm mit schmerzbewegtem Antlitz Tachechana entgegen, ihren kleinen Knaben auf dem Arm haltend.Sie blickte ihn flehend an und wollte eben den Mund öffnen; er aber schob sie rauh zur Seite.

„Geh!“ sagte er. „Die Krieger rufen nach Mahtoree; er hat kein Ohr für ein Weib!“

Und dem Trapper winkend, schritt er mit stolzem Anstande hinaus.

Kaum im Freien angelangt, sah er sich der Hünengestalt Ismaels gegenüber, der mit Esther und Abiram vor dem Wigwam gewartet hatte.

„Hört nun auch einmal auf mich, alter Graubart,“ rief der Squatter, den Greis mit Bärenkraft am Arm packend und zu sich heranziehend. „Ich hab's jetzt endlich satt, bloß in der Finger- und Zeichensprache zu den Rothäuten zu reden; jetzt sollt Ihr mein Dolmetscher sein und dem Kerl hier meine Meinung auf gut Indianisch klarmachen, mag ihm die nun gefallen oder nicht.“

„Sprecht, Freund,“ antwortete der alte Mann ruhig.

„Freund?“ wiederholte der Squatter, den anderen mit einem nichts weniger als freundschaftlichen Blicke messend. „Doch gleichviel. Sagt diesem spitzbübischen Sioux, daß ich die Bedingungen unseres Vertrages nunmehr erfüllt haben will.“

Als der Trapper dem Häuptling diese Worte verdolmetscht hatte, erwiderte dieser mit sehr deutlichem Erstaunen:

„Ist meinem Bruder kalt? Büffelfelle sind in Menge vorhanden. Ist er hungrig? Meine jungen Männer sollen Wildbret in seinen Wigwam bringen.“

Der Squatter schlug mit der geballten Rechten in seine flache Linke.

„Sagt dem verlogenen Gesellen,“ rief er zornig, „daß ich nicht als Bettler zu ihm gekommen bin, sondern als ein freier Mann, der sein Eigentum verlangt; und darauf bestehe ich, sagt ihm das ja! Und auch Euch alten, elenden Sünder will ich ausgeliefert haben, damit ich mit Euch abrechnen kann! Also wohlverstanden — ich verlange meine Gefangene, meine Nichte und Euch, zusammen drei! Die soll er mir herausgeben, wie im Vertrage ausgemacht und beschworen worden ist.“

Der Trapper lachte erst in seiner stillen Weise vor sich hin, ehe er sich an den Häuptling wendete.

„Der Dakota möge seine Ohren sehr weit öffnen,“ sagte er zu diesem, „damit große Worte hineingehen können. Sein Freund vonden Langmessern kommt mit leeren Händen und verlangt, daß der Teton sie fülle.“

„Hugh! Mahtoree ist ein reicher Häuptling; er ist der Herr der Prärie.“

„Er soll das Dunkelauge zurückgeben.“

Die Brauen des Häuptlings zogen sich finster und drohend zusammen; er beherrschte sich aber und entgegnete mit verräterischem Lächeln:

„Ein Mädchen ist zu leicht für die Hand eines solchen Tapfern; Mahtoree wird sie mit Büffeln füllen.“

„Auch das Lichthaar verlangt er; er behauptet, es sei von seinem Blute.“

„Das Lichthaar soll Mahtorees Weib werden; das Langmesser wird dann der Vater eines Häuptlings sein.“

„Und auch mich will er haben,“ fuhr der Trapper fort, dabei auf sich deutend und den Squatter anschauend, damit der erkenne, daß er nicht hintergangen würde, „mich, den alten abgelebten, unnützen Mann.“

„Mein Vater wird bei den Tetons wohnen, damit sie von seiner Weisheit lernen. Nein, Mahtoree will dem Langmesser Felle und Büffel geben, auch die beiden jungen Bleichgesichtkrieger will er ausliefern, aber die Blumen der Prärie, die in seinem Wigwam sind, die bleiben sein eigen.“

Damit wendete er sich würdevoll ab und schickte sich an, zu seinen Kriegern zu gehen; da kam ihm noch ein Gedanke.

„Sage dem Großen Büffel,“ — diese Bezeichnung hatten die Tetons dem Squatter beigelegt — „daß die Hand Mahtorees stets offen ist. Sieh,“ — er deutete auf Esthers runzliges Gesicht — „sein Weib ist zu alt für einen so großen Häuptling. Mahtoree liebt ihn wie einen Bruder. Er will ihm sein eigenes jüngstes Weib geben, Tachechana, das ‘hüpfende Reh’, den Stolz der Siouxmädchen. Geh; ein Dakota ist großmütig.“

Langsam schritt er davon.

Der Trapper übersetzte die Reden des Tetons Wort für Wort. Ismael lauschte mit steigendem Grimm, desgleichen sein Weib. Der Vorschlag, Esther wegzujagen, lockte dem Squatter aber doch ein kurzes Lachen ab. Dadurch aber stieg der Zorn dieser wackeren Dame auf die höchste Spitze. Sie machte ihren beleidigten Gefühlen durch einen Strom von Scheltworten und SchimpfredenLuft, der hier unmöglich wiedergegeben werden kann. Zuletzt rief sie ihre Söhne und befahl ihnen, ungesäumt die Zugtiere vor die Wagen zu spannen. Gehorsam legten auch Ismael und Abiram Hand an, und bald darauf sah man die Karawane der Emigranten das Dorf ihrer bisherigen Verbündeten verlassen.

Die Sioux zeigten weder Erstaunen noch Bedauern über die unerwartete Trennung. Mahtoree warf den Abziehenden einen Blick nach, der an den des Tigers erinnerte, wenn dieser König der Wälder ein Wild beobachtet und nicht recht weiß, ob er zuspringen soll oder nicht. Langsam knarrten die Fuhrwerke am Flusse entlang, bis, etwa eine Meile weiter abwärts, halt gemacht und ein neues Lager hergerichtet wurde.

Inzwischen hatte Mahtoree seine Krieger zu einer letzten, entscheidenden Beratung über das Schicksal seiner Gefangenen versammelt. Es war eine echt indianische Steigerung der beabsichtigten Grausamkeiten, daß diese Beratung in nächster Nähe des an den Marterpfahl gefesselten Pawnees abgehalten wurde, zu dessen Füßen man jetzt auch die beiden Weißen niedergelegt hatte.

Ein alter Krieger zündete die große Pfeife seines Stammes an und blies den Rauch feierlich nach den vier Himmelsrichtungen. Dann reichte er die Pfeife Mahtoree; dieser tat einige Züge und gab sie dem nächsten. Nachdem alle in würdevollem Schweigen diesem uralten Brauch Genüge getan, begann der Austausch der Meinungen. Ein hochbetagter Indianer erhob sich.

„Noch lag der Adler an den oberen Fällen des großen Flusses in seinem Ei, da hatte meine Hand schon einen Pawnee erschlagen,“ begann er. „Was meine Zunge spricht, das haben meine Augen gesehen. Bohreechena ist sehr alt. Was er redet, das hören die Tetons. Fällt eins seiner Worte zur Erde, so heben sie es auf und halten es an ihr Ohr. Wird eins vom Winde verweht, so holen meine jungen Männer, die sehr schnell sind, es wieder. Höret mir zu. Seit das Wasser fließt und die Bäume wachsen, findet der Sioux den Pawnee auf seinem Kriegspfad. Wie der Kuguar die Antilope, so liebt der Dakota seinen Feind. Wenn der Wolf das Reh findet, legt er sich dann nieder zu schlafen? Schließt der Panther seine Augen, wenn er das Hirschkalb am Quell sieht? Ihr wißt es sehr wohl, er tut es nicht. Auch er trinkt dann, aber er trinkt Blut! Ein Sioux ist ein springender Panther, ein Pawnee aber ein zitterndes Wild. Mögen meine Kinder michhören. Sie werden finden, daß meine Worte gut sind. Ich habe gesprochen.“

Ein dumpfes Beifallsgemurmel folgte den Ausführungen dieses Redners, der ganz die Ansichten Mahtorees vertreten hatte. Nach längerer, von der Sitte gebotener Pause erhob sich ein zweiter Krieger, ein Mann in mittleren Jahren. Er begann mit der Erzählung seiner Taten; er zeigte der Versammlung seine Narben.

„Was bin ich?“ fuhr er fort. „Ein Dakota! Ihr kennt mich, darum hört auch mich. Das Blut jeder Kreatur auf der Prärie ist rot. Wer kann sagen, hier hat ein Pawnee geblutet, und hier ein Bison? Die Farbe ist die gleiche. So wollte es der Große Geist. Wächst aber das Gras grün an der Stelle, wo ein Bleichgesicht getötet wurde? So zahlreich ist die Nation der Weißen nicht, daß sie nicht merken sollte, wenn einer ihrer Krieger fehlt. Sie ruft dieselben oft mit Namen und fragt: Wo sind meine Söhne? Vermissen sie einen davon, dann senden sie andere hinaus in die Prärie, ihn zu suchen. Und finden sie ihn nicht, dann kommen ihre Läufer zu den Sioux und forschen nach ihm. Meine Brüder, die Langmesser, sind keine Narren. Ein mächtiger Medizinmann ihrer Nation ist unter uns. Wer kann wissen, wie laut seine Stimme ist, oder wie lang sein Arm?“

Hier erhob sich Mahtoree in sichtbarer Ungeduld.

„Man bringe den bösen Geist der Bleichgesichter herbei!“ befahl er mit unverhohlenem Spott und Hohn. „Mein Bruder soll den Medizinmann genau betrachten.“

Nach einer erwartungsvollen Pause teilte sich die Menge, und der Doktor Battius wurde, auf seinem Esel sitzend, von Weucha feierlich in den Kreis geleitet.

Um den gefürchteten Zauberer in den Augen seiner Krieger lächerlich und verächtlich zu machen, hatte der Häuptling ihn zur Karikatur eines Indianers umgestalten lassen. Obeds Kopf war kahl rasiert bis auf eine Skalplocke auf dem Wirbel. Schädel und Gesicht waren mit schwarzen, roten und weißen Farben dick bemalt. Um den nackten Oberkörper war ein ebenfalls bemaltes Hirschfell gehängt; der seltsamste Zierat aber baumelte von des Naturforschers Skalplocke und Ohren hernieder, nämlich alle die präparierten Kröten, Eidechsen, Frösche und Schmetterlinge, die man in seinem ledernen Schnappsack gefunden hatte. So hielt er, wie eine Vogelscheuche, in der Mitte des Kreises, melancholisch um sich blickendund jeden Augenblick das Todesurteil erwartend. Einen kleinen Trost gewährte ihm die Gegenwart des alten Trappers, der mit in der Reihe der Krieger stand, wie sonst auf seine treue Büchse gelehnt, die Mahtoree ihm als Zeichen der Freundschaft wieder eingehändigt hatte.

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Mit Ingrimm gewahrte der Häuptling, daß des Doktors lächerlicher Aufzug die Furcht seiner Krieger vor dem mächtigen Zauberer der Langmesser keineswegs beseitigte. Verächtlich zuckte er die Achseln, finster ließ er die Augen in der Runde schweifen, und dann begann er, den Pawnee mit einem Blick tödlichsten Hasses streifend, von neuem zu reden.

„Was ist ein Sioux?“ rief er. „Der Beherrscher der Prärieund der Herr aller Tiere darauf. Die Fische in dem Flusse der wirbelnden Wasser kennen ihn und kommen auf seinen Ruf. Er sieht scharf wie ein Adler, im Rate ist er ein Fuchs, ein grauer Bär im Kampfe. Ein Dakota ist ein Mann!“

Ein Beifallsgemurmel wurde laut.

„Was ist ein Pawnee?“ fuhr er fort. „Ein Dieb, der nur Weiber bestiehlt; eine Rothaut, die keine Tapferkeit kennt; ein Jäger, der sein Wildbret erbettelt. Er geht nachts in die Prärie wie eine Eule; im Rat ist er ein hüpfendes Eichhörnchen, im Kampfe ein Elch, dessen Beine lang sind. Ein Pawnee ist ein Weib!“

Ein zustimmender Jubelruf folgte diesen Worten, die der Trapper auf einen Wink Mahtorees dem Pawnee verdolmetschen mußte. Hartherz lauschte mit großem Ernst, wendete dann aber seinen Blick schweigend wieder der Ferne zu.

„Wenn die Erde mit Ratten bedeckt wäre,“ so fing der Redner wieder an, „mit Ratten, die zu nichts taugen, dann fände sich kein Raum für die Büffel, die den Indianern Nahrung und Kleidung geben. Wenn auf der Prärie nur Pawnees wimmelten, dann wäre für den Fuß eines Dakota kein Platz darauf. Ein Loup ist eine Ratte, ein Sioux ein schwerer Büffel; laßt die Büffel die Ratten zertreten und Raum für sich schaffen!“

Mahtoree setzte sich nieder, von Beifallsgeschrei umtost. Schon meinte er, seine Krieger in der rechten Stimmung zu haben, da trat aus deren Reihen ein uralter Greis hervor. Eine tiefe, ehrfurchtsvolle Stille verbreitete sich in der Menge. Vor einem halben Jahrhundert hatte er von den Franzosen in Kanada wegen seiner Tapferkeit und seines von Narben durchfurchten Gesichtes den Beinamen „Le Balafré“ erhalten, der ihm dann auch unter seinen Stammesgenossen geblieben war.

„Die Tage des alten ‘Le Balafré’ nahen sich ihrem Ende,“ begann der alte Krieger mit kaum hörbarer Stimme. „Er gleicht einem Büffel, auf dem kein Haar mehr wächst. Bald wird er seine Hütte verlassen, um eine andere aufzusuchen, weit von den Dörfern der Sioux. Darum redet er nicht für sich, sondern für die, welche er zurückläßt. Viele Winter sind vergangen, seit Le Balafré auf dem Kriegspfade ging. Sein Blut war sehr heiß, aber es fand Zeit, kühl zu werden. Der Wakonda läßt ihn nicht mehr von Kämpfen träumen; er weiß, daß es besser ist, in Frieden zuleben ... Meine Brüder, Le Balafré wird bald die Fährte von seines Vaters Mokassin in den glücklichen Jagdgründen suchen und finden. Wer aber soll ihm selber folgen? Le Balafré hat keinen Sohn. Sein Ältester hat zu viele Pawneepferde geritten, die Gebeine des Jüngsten benagen die Konzahunde. Le Balafré sucht einen jungen Arm, auf den er sich stützen kann. Tachechana, das hüpfende Reh der Tetons, schaut vor sich, nicht hinter sich; ihr Sinn weilt im Wigwam ihres Gatten.“

Alles hatte schweigend diesen Worten gelauscht, mancher Krieger aber blickte verstohlen nach Mahtoree, zu erspähen, wie der des Patriarchen Entschluß aufnehmen würde, der allerdings völlig den indianischen Gebräuchen entsprach. Des Häuptlings Auge funkelte in verhaltenem Zorn; drohte ihm doch der Verlust desjenigen Opfers, nach dessen Tode er am meisten dürstete.

Le Balafré war inzwischen langsam auf den Marterpfahl zugeschritten. Lange musterte er die Gestalt und das Antlitz des jungen Pawnee mit Wohlgefallen; dann winkte er gebieterisch, und einige herzuspringende Krieger befreiten gehorsam den Gefangenen von seinen Banden. Noch einmal betrachtete der Greis mit altersschwachem Auge das prächtige Ebenmaß der geschmeidigen, muskelstarken Glieder; endlich sagte er:

„Es ist gut. Redet mein Sohn, der springende Panther, die Sprache der Tetons?“

Der Blick des Pawnee verriet, daß er die Frage wohl verstanden, allein er war zu stolz, sich der Zunge der Feinde zu bedienen. Die Umstehenden belehrten den Alten, daß der Gefangene ein Pawnee-Loup sei.

„Mein Sohn öffnete die Augen an den Wassern der Wölfe,“ nahm Le Balafré in der Pawneesprache das Wort, „er wird sie schließen am Flusse der wirbelnden Wasser. Er ist als Pawnee geboren, als Dakota wird er sterben. Ich bin eine entlaubte Sykomore und sehnte mich lange nach einem frischen Schößling; jetzt habe ich ihn gefunden. Le Balafré hat nun einen Sohn. Sein Name wird nicht vergessen sein, wenn er hinwegging; Männer der Tetons, ich nehme diesen Jüngling in meinen Wigwam.“

Er führte den Pawnee in die Mitte des Kreises, um alle Anwesenden mit seiner Wahl bekanntzumachen. Niemand wagte eine Entgegnung, auch Mahtoree schwieg. Da aber erhob Hartherz seine klare, feste Stimme.

„Mein Vater ist sehr alt,“ hub er an, „aber alles hat er doch nicht gesehen. Er hat aus einem Büffel noch keine Fledermaus werden sehen. Er wird auch nie sehen, daß aus einem Pawnee ein Sioux wird!“

Ein Ruf der Bewunderung durchflog die Reihen der Sioux bei dieser Rede, die des berühmten Kriegers mit dem „harten Herzen“ so würdig war. Le Balafré aber ließ sich nicht so leicht von seinem Vorsatze abbringen.

„Es ist gut,“ versetzte er. „So spricht ein Tapferer, auf daß die Krieger sein Herz erkennen. Es gab eine Zeit, wo Le Balafrés Stimme am lautesten bei den Hütten der Konzas gehört wurde. Mein Kind wird die Feinde der Tetons schlagen und dadurch seinen Mut beweisen. Männer der Dakotas, dieser ist mein Sohn!“

Der Pawnee zögerte einen Augenblick, dann trat er vor den Veteranen hin, faßte dessen dürre Hand und legte sich dieselbe voll Ehrfurcht auf das Haupt. Darauf aber wendete er sich gegen die feindliche Menge, die ihn umringte; blitzenden Auges, voll Stolz und Hoheit und zugleich voll schneidendster Verachtung begann er in der Sprache der Sioux:

„Hartherz hat sich von innen und von außen beschaut. Er hat seine Taten im Kriege und auf der Jagd erwogen. Er ist überall derselbe. Er kennt keinen Wechsel. Er ist in allen Dingen ein Pawnee. Er hat so viele Tetons erschlagen, daß er nimmermehr in ihren Wigwams essen darf. Seine Pfeile würden rückwärts fliegen, seine Lanze trüge die Spitze am unrechten Ende. Kennen die Tetons einen Loup? Mögen sie ihn betrachten. Sein Haupt ist bemalt, sein Arm ist Fleisch, aber sein Herz ist Stein. Wenn die Tetons die Sonne im Abend, hinter den Felsengebirgen, aufgehen und im Morgen, über dem Lande der Bleichgesichter, untergehen sehen, dann wird das ‘Harte Herz’ erweichen und ein Sioux werden. Bis dahin aber wird er als Pawnee leben und sterben!“

Entzücken, Bewunderung, Blutgier und Rachsucht vereinigten sich in dem Geschrei, das aus der Menge der Sioux jetzt emporstieg. Der Pawnee wartete, bis man ihn wieder vernehmen konnte, dann schaute er freundlich den alten Krieger an, der so gern sein Wohltäter geworden wäre.

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„Möge mein Vater sich auf das Reh der Dakotas lehnen,“ sagte er mit sanfter Stimme. „Noch ist sie schwach, wenn aber ihr Wigwam sich mit Kindern füllt, wird sie Kraft gewinnen. Sieh,“ fuhr er fort, auf den Trapper zeigend, der ein aufmerksamer Beobachter dieses Vorgangs war, „Hartherz ist nicht ohne ein graues Haupt, das ihm den Pfad zu den glücklichen Prärien weisen kann. Hat er jemals einen anderen Vater, so wird dies jener gute und gerechte Krieger sein.“

Enttäuscht wendete Le Balafré sich ab; wankenden Schrittes näherte er sich dem Trapper, denselben genauer zu beschauen.

„Das Haupt meines Bruders ist sehr weiß,“ sagte er nach langer Musterung der dunkeln, verwitterten Züge des alten Wald- und Prärieläufers; „das Auge Le Balafrés aber gleicht nicht mehr dem des Adlers. Von welcher Farbe ist die Haut meines Bruders?“

„Der Wakonda schuf mich weiß wie jene dort, die auf den Spruch der Dakotas warten,“ antwortete Nathaniel Bumppo; „das Wetter aller Art aber färbte meine Haut mit der Farbe des Fuchsfells.“

„Mein Bruder ist ein Langmesser! Warum ist er zu den Rothäuten gekommen, sich einen Sohn zu suchen?“

Der Trapper legte einen Finger auf die nackte Brust des alten Kriegers und blickte angelegentlich in das narbenvolle Gesicht desselben.

„Das geschah, um dem Knaben Gutes zu erweisen,“ antwortete er, „nicht, um an ihm eine Stütze meines Alters zu haben. Ich machte ihn zu meinem Sohn, ihm selber zum Troste, damit er jemand zurücklasse, wenn deine Genossen, die Sioux, ihre blutgierigen Absichten gegen ihn ausgeführt haben werden ... Ruhig, Hektor, ruhig, Hundchen! Sind das Manieren, zu winseln, wenn Grauköpfe miteinander reden? Der Hund ist alt, Teton, und wenn auch gut erzogen, so vergißt er doch zuweilen, wie wir selber ja auch, das in der Jugend Erlernte.“

Ein jäh ausbrechendes Wutgeschrei der alten Weiber des Stammes ließ ihn nicht weiterreden. Den Megären hatte das Hinausschieben der so gierig erwarteten Folterung des Pawnee von Anfang an nicht gefallen, und als sie den jungen Helden jetzt so stolz und herausfordernd und aller Fesseln ledig dastehen sahen, da vermochten sie ihre wilde, gehässige Rachsucht und ihre Blutgier nicht länger zu bezähmen. Sie durchbrachen den Kreis der Männer und umringten den Pawnee mit erhobenen Fäusten und einer Sturmflut der beleidigendsten Schimpfreden. Es entstand ein allgemeines Getümmel, während dessen Le Balafré sich niedergeschlagen zurückzog, der Trapper sich jedoch in möglichster Näheseines jungen Freundes zu halten suchte. Mahtoree, der diesen Moment vorausgesehen hatte, ermutigte die wilde Schar durch Blick und Gebärde.

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Allen voran drängte sich Weucha; er schwang seinen Tomahawk um das Haupt des Pawnee, als sollte jeder Schlag dessen Schädel spalten. Hartherz zuckte jedoch mit keiner Wimper; gleichgültig schaute er jetzt wieder hinaus in die Ferne, obgleich der blinkende Stahl unaufhörlich vor seinen Augen glitzerte.

Dem Trapper, der jede Bewegung des Tomahawks beobachtete, wurde dieses höllische Treiben endlich zuviel.

„Mein Sohn hat seine Klugheit vergessen,“ rief er dem Pawnee zu. „Dieser Sioux ist töricht und leicht zu vorschneller Tat zu verleiten. Möge der Pawnee durch höhnische Worte einen leichten Tod erkaufen und der Folter am Marterpfahl entgehen.“

Weucha hörte diese Rede, und in schäumendem Zorn bedrohte er jetzt auch den alten Jäger mit seiner Waffe.

„Nur zu,“ sagte dieser ruhig. „Ich bin heute so bereit wie morgen. Sieh dir den edeln Pawneehäuptling an; wie viele von den heulendenSioux hat der in offener Schlacht getötet, während die Pfeile ihn wie Schneeflocken umschwirrten. Geh'! Kann Weucha den Namen eines einzigen Feindes nennen, der von seiner Hand fiel?“

„Hartherz!“ schrie der Sioux, in höchster Wut einen furchtbaren Streich nach dem Haupte des Gefangenen führend. Sein niederfahrender Arm aber wurde von der Hand des letzteren auf- und festgehalten. Einen Moment standen beide regungslos, der Sioux wie versteinert über diesen Widerstand, der Pawnee wie in die Ferne lauschend. Im nächsten Moment aber hatte Hartherz seinem Gegner die Waffe entrissen, und Weucha wälzte sich mit bis auf die Zähne gespaltenem Kopfe am Boden. Dann brach sich der junge Held, hoch das blutige Beil schwingend, Bahn durch die entsetzt aufkreischende Weiberschar und eilte mit der Schnelligkeit des Hirsches zum Dorfe hinaus und dem Abhang am Flusse zu.

Ein Geheul der Rache erscholl aus hundert Kehlen, und schon schickten die Krieger sich zur Verfolgung an, da hielt ein befehlender Ruf Mahtorees sie zurück. Mit ausgestrecktem Arm deutete der Häuptling nach dem Flusse.

Hartherz hatte bereits das Gestade erreicht. Jenseits des Stromes aber brach hinter einem Hügel ein Haufe berittener Pawneekrieger hervor, die ihren Häuptling, der sich in die Flut geworfen hatte und ihnen zuschwamm, mit jubelndem Triumphgeschrei begrüßten.

In einer Lage, wie der im vorigen Kapitel geschilderten, blieb dem Führer der Sioux nicht viel Zeit zu langer Überlegung. Dennoch zeigte er sich derselben völlig gewachsen.

Während die Krieger sich in Eile bewaffneten, sendete er die Knaben aus, die unweit des Dorfes weidenden Pferde herbeizuholen. Zugleich ließ er durch die Weiber die Hütten abbrechen und dieselben den nicht mehr zum Streit geeigneten Tieren aufpacken. Die kleineren Kinder trieb man wie eine Herde Vieh zusammen, und trotz des Gelärms und Getöses, das allenthalben herrschte, wurden diese Anordnungen in kürzester Zeit ausgeführt, und bald saß die waffenfähige Schar der Sioux kampfbereit zu Pferde.

Mahtoree blieb nicht lange im Zweifel darüber, daß seine Streitmacht der der Pawnees an Zahl weit überlegen war; allein er konnte sich auch nicht verhehlen, daß die Feinde über bessere Rosse und vollkommenere Bewaffnung verfügten; außerdem war mit Sicherheit anzunehmen, daß jene, die ausgerückt waren, ihren verloren geglaubten Häuptling zu rächen, bis auf den letzten Mann aus den erprobtesten und besten Kriegern bestanden.

Die Pawnees hatten das beste Streitroß aus Hartherz' Besitz mitgebracht, um dasselbe, wenn nötig, auf dem Grabe des geliebten Führers zu opfern. Jetzt sollte es bessere Dienste tun. Hartherz schwang sich hinauf, prüfte mit Freude die Waffen, die gleichfalls zu seinem Totenopfer bestimmt gewesen waren, und tummelte dann im Hochgefühl der wiedererlangten Freiheit und des bevorstehenden Rachekampfes das edle Pferd eine Zeitlang auf und ab vor den Augen seiner durch diesen Anblick beglückten Getreuen.

Auf der anderen Seite des Flusses führte Mahtoree seine Krieger zum Gestade hinunter. Vorher hatte er noch der weißen Gefangenengedacht. Gern hätte er dieselben ohne weiteres durch den Tomahawk ins Jenseits befördern lassen, allein im Hinblick auf das nicht ferne Lager Ismaels und auf die Ehrfurcht, die viele seiner Leute vor dem fremden Medizinmann hegten, nahm er davon Abstand. Statt dessen winkte er einen alten Mann herbei, der die Aufsicht über die Nichtkämpfer des Dorfes zu führen hatte.

„Wenn meine jungen Männer mit den Pawnees fechten,“ raunte er demselben zu, „dann gib den Weibern Messer. Genug; mein Vater ist sehr alt, er braucht nicht erst von einem Knaben Weisheit zu lernen.“

Der alte Wilde begegnete dem Blick des Häuptlings mit grimmigem Einverständnis, und dieser setzte sich befriedigt an die Spitze seiner Bande.

Bald waren die feindlichen Streitkräfte nur noch durch den Fluß voneinander geschieden, der zu breit war, als daß die Schießwaffen der Indianer über ihn hinaus von Wirkung sein konnten.

Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der Trapper alle die geschilderten Vorgänge mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt hatte. Es war ihm auch nicht entgangen, daß Mahtorees Wigwam unberührt stehengeblieben war, und daß unweit desselben zwei Pferde von einigen halberwachsenen Knaben bereitgehalten wurden. Den Zweck dieser Maßregel zu erraten, fiel ihm nicht schwer. Auch der Befehl, den der Häuptling dem alten Wilden erteilt hatte, war ihm nicht entgangen, und seine Erfahrung sagte ihm, daß das Leben des Bienenjägers und des Hauptmanns in höchster Gefahr schwebte. Während er noch darauf dachte, wie eine Rettung derselben zu bewerkstelligen sei, vernahm er eine klägliche Stimme, die ihn anrief.

„Verehrungswürdigster Jäger,“ so bat der arme verunstaltete Doktor Battius, „habt Erbarmen und durchschneidet die Riemen, die meine Beine in so schnöder Weise unter dem Bauche meines Asinus fesseln. Ich werde mich dann leichter aus der Gefahr, die uns allen droht, erretten können.“

„Ich weiß nicht,“ entgegnete der Trapper, „ob ich Euch schon jetzt diesen Dienst leisten darf. So wie Ihr da auf Eurem Tiere sitzt, bemalt wie ein Unhold, seid Ihr vorläufig noch unser aller Schutz, denn jene alten Hexen fürchten sich ganz unbändig vor dem großen Zauberer, wenn ich mich noch recht auf Indianerweiber verstehe.“

„Hört, alter Freund,“ schrie jetzt der Bienenjäger, der sich vor Pein und Ungeduld nicht mehr zu lassen wußte, „mir könnt Ihr aber mit einem Messerschnitt zu Hilfe kommen; ich habe mich nun wahrlich genug abgequält, diese Riemen zu zerreißen!“

Middleton äußerte dasselbe Verlangen, der Trapper aber empfahl beiden Geduld und Vorsicht.

„Jener verräterische Teton hat den Befehl hinterlassen, uns alle umzubringen, sobald dies ohne Aufsehen und Tumult geschehen kann,“ fügte er hinzu.

„Großer Gott!“ rief der Hauptmann. „Wollt Ihr uns hier wie Schafe abschlachten lassen?“

„Ruhig, Hauptmann, nur ruhig. Wir kommen mit Schlauheit weiter als mit Gewalt. Ah, der Pawnee ist wahrlich ein Krieger wie er sein soll! Schade, daß Ihr nicht sehen könnt, wie er sich vom Flusse zurückzieht, um die Feinde zu verleiten, ihm zu folgen, trotzdem zwei Sioux auf einen Loup kommen! Ha — jetzt — liegt still!“

Er sprang herzu und durchschnitt gewandt und schnell Paul Hovers Bande.

„Das war eine gute Gelegenheit!“ lachte er leise. „Die Hexen horchen auf das Geschrei da unten und lassen uns einen Moment aus den Augen. Aber vorsichtig, Knabe!“

„Dank, alter Trapper,“ murmelte Paul, die geschwollenen Gliedmaßen reibend und streckend, nachdem er das Messer in Empfang genommen, das sein Befreier ihm hinreichte. „Ah! Ah!“ stöhnte er, indem er sich mühsam erhob. „Da stehe ich, soviel ich sehen kann, auf festem Boden, und doch ist mir's, als wären beide Füße noch mindestens sechs Zoll von der Erde entfernt! Nun aber, bester Freund, tut mir noch den Gefallen und haltet uns die verdammten alten Weiber so lange vom Halse, bis ich meine Arme besser rühren und sie mit Höflichkeit und Anstand empfangen kann.“

Der Trapper nickte und ging auf den alten Sioux zu, der die Squaws unter seinem Kommando hatte und eben daran war, Messer unter die Megären auszuteilen, die diese Waffen unter Absingen eines eintönigen Rachechors in Empfang nahmen. Als jede ihr Messer hatte, begann die unheimliche Schar in regelmäßigem Tanzschritt einen Kreis zu bilden, in dessen Mittelpunkt der alte Sioux stand. Gesang und Tanz steigerten sich schnell bis zur Raserei; kreischend, geifernd und mit fliegendem Zottelhaarsprangen die abschreckenden alten Geschöpfe fußhoch vom Boden empor. Da durchbrach der unerschrockene alte Jäger den scheußlichen Ring und näherte sich ruhig dem Indianer.

„Warum singen die Mütter der Tetons solche bitteren Worte?“ begann dieser, während er den Weibern Schweigen winkte. „Noch sind die Gefangenen der Pawnees nicht im Dorfe der Sioux, noch haben unsere jungen Männer keine Skalpe erbeutet.“

„Du siehst einen Krieger vor dir,“ antwortete der Trapper, „keinen Läufer der Langmesser, der beim Anblick des Tomahawks erbleicht. Laß die Weiber der Sioux nachdenken; wenn ein Bleichgesicht stirbt, treten hundert an seine Stelle.“

Statt aller Antwort stürzte die älteste der Megären plötzlich mit hochgeschwungenem Messer aus dem Kreise und der Stelle zu, wo die beiden Gefangenen waren; die anderen folgten ihr sogleich unter gräßlichem Geheul.

„Mächtiger Zauberer meines Volkes!“ schrie der alte Jäger in der Tetonsprache und mit aller Kraft seiner Lungen, „erhebe deine Stimme und rede, daß die Dakotas dich hören!“

Sei es nun, daß der Anblick der heranstürmenden Furien ihn erschreckte, sei es, daß ein anderer Grund ihn bewegte, genug, der Esel tat, was der Trapper von Obed verlangte, und erhob seine kräftige Stimme zu einem so entsetzlichen und markdurchdringenden Geschrei, daß die erschrockenen Weiber auseinanderstoben wie Aasgeier, die man von ihrer Beute verjagt.

Paul hatte sich zur Gegenwehr bereitet, und der Hauptmann, durch ersteren von seinen Fesseln befreit, war gleichfalls aufgesprungen. Hastig gesellte sich jetzt der Trapper zu ihnen.

„Jetzt gilt's!“ rief dieser. „Jetzt müssen wir um unser Leben kämpfen! Jetzt —“

Eine mächtige Hand, die sich schwer auf seine Schulter legte, ließ ihn verstummen. Er wendete sich und blickte in das finstere Auge des Squatters Ismael Busch, und zugleich sah er dessen reisige Söhne hinter Mahtorees Wigwam hervorkommen.

Auf lange Erklärungen ließ niemand sich ein. Middleton und Paul wurden aufs neue gefesselt, und auch der alte Trapper entging dieser unwürdigen Behandlung nicht. Der Wigwam wurde abgebrochen, Ellen und Inez mußten Pferde besteigen, und dann ging es in Eile der Wagenburg der Emigranten zu, während der alte Sioux mit seinen Megären aus Leibeskräften zum Flusse hinab floh.

Die Stätte, wo vor kurzem noch ein lebhaftes Dorf gestanden, war jetzt wieder so öde wie jeder andere Ort der endlosen Ebene.

Den Fluß noch immer zwischen sich, standen die feindlichen Streitkräfte einander tatenlos gegenüber, da keine den Lockungen der anderen, das Wasser zu kreuzen, folgen mochte.

Da beschloß der kühne Hartherz, die Entscheidung durch eine jener Taten persönlichen Mutes herbeizuführen, die so vielen indianischen Helden zu höchstem Ruhme gereicht haben. Eine kurze Strecke flußaufwärts dehnte sich der Wasserlauf zu doppelter Breite und umschloß eine flache Sandinsel, die mitten im Strome lag. Nach kurzer Beratung mit seinen Getreuen sprengte Hartherz am Ufer hin bis an jene Stelle; hier trieb er sein Pferd in die Flut und landete bald darauf auf der sandigen Insel, wo er mit vollendeter Meisterschaft das Roß zu tummeln und herausfordernd die Waffen zu schwingen begann.

Die Tetons stießen bei diesem Anblick ein Wutgeheul aus und entsendeten einen Hagel von Pfeilen gegen die Insel. Auch stürzte sich eine Anzahl Krieger in den Fluß, um den kecken Feind zu strafen. Ein Befehl Mahtorees brachte diese Voreiligen jedoch zurück und wies auch die Pfeilschützen zur Ruhe. Der verschmitzte Häuptling hatte schnell einen ganz anderen Plan entworfen.

Wie die Schar der Pawneekrieger sich vom Ufer zurückhielt, so hieß er auch die Seinen sich eine Strecke entfernen. Dann ritt er in den Fluß hinein, hielt jedoch einige Pferdelängen vom Ufer still und erhob beide Hände als Zeichen des Friedens, auch warf er von hier aus seine Kugelbüchse an das Land zurück. Darauf trieb er sein Pferd noch eine Strecke weiter vorwärts, um dann, in Erwartung des Benehmens seines Gegners, wiederum stillzuhalten.

Der Teton hatte die edle, offene Natur des jungen Pawneehäuptlings sehr richtig beurteilt. Als dieser den großen Dakota gegen sich herankommen sah, da hatte er kampfesfreudig den Kriegsruf seines Volkes erschallen lassen; als Mahtoree aber seine Büchse fortwarf und einen Waffenstillstand verlangte, da mochte er hinter dem Sioux nicht zurückbleiben und warf gleichfalls seine Büchse weit von sich.

Die Bewaffnung der Häuptlinge war jetzt dieselbe. Jeder führte Speer, Bogen und Pfeile, Streitaxt, Messer und Schild. Mahtoreezögerte nun nicht länger, und bald hatte auch sein Streitroß auf der Insel festen Fuß gefaßt.

Der Pawnee hatte sich auf die andere Seite des kleinen Eilandes zurückgezogen, ruhig und würdevoll den Beginn der Verhandlungen dem älteren Krieger überlassend. Dieser ritt bis in die Mitte des Platzes und lud dann mit höflicher Handbewegung den anderen ein, heranzukommen. Hartherz folgte dieser Aufforderung; in angemessener Entfernung hielt er still, den festen Blick unbeweglich auf das funkelnde Auge des Dakota gerichtet. Es entstand eine lange Pause. Zum erstenmal fanden sich diese beiden Tapferen, die Waffen in der Hand, einander gegenüber; jeder wußte die kriegerischen Eigenschaften des anderen wohl zu schätzen.

Endlich, wie um das Vertrauen des Gegners völlig zu gewinnen, warf Mahtoree den Schild über die Schulter und machte eine Gebärde der Begrüßung.

„Laß die Pawnees auf die Hügel steigen,“ so begann er. „Sie werden dann sehen, daß die Prärie vom Aufgang bis zum Niedergang sehr groß ist. Warum können die roten Männer mit ihren Dörfern nicht Raum darauf finden?“

„Ist je ein Krieger der Loups zu den Tetons gekommen, um Raum für seinen Wigwam zu erbitten?“ entgegnete der junge Pawnee stolz und verächtlich. „Wenn meine jungen Männer jagen wollen, lassen sie dann erst Mahtoree fragen, ob Sioux auf der Prärie sind?“

„Wenn der Hunger in die Hütte eines Kriegers einkehrt, dann schaut er nach dem Büffel aus, der ihm zur Nahrung gegeben ist,“ versetzte der Teton, mühsam seinen inneren Grimm bekämpfend. „Der Wakonda schuf mehr Büffel als Indianer. Er sagte nicht, dieser Büffel gehört einem Pawnee, der einem Dakota, dieser Biber einem Konza, jener einem Omahow. Nein, er sagte, ihrer sind für alle genug. Ich liebe meine roten Kinder und habe ihnen große Reichtümer gegeben. Das schnellste Pferd braucht viele Tage von den Dörfern der Loups zu denen der Tetons. Die Erde hat Raum für alle, die ich liebe. Warum aber sollen die roten Männer ihre Brüder bekriegen?“

Hartherz, der ebenfalls den Schild zurückgeworfen hatte, setzte seine Lanze auf den Boden und stützte sich leicht auf das obere Ende derselben.

„Sind die Tetons der Jagd und des Kriegspfades müde?“ fragteer mit spöttischem Lächeln. „Wollen sie das Wildbret nur essen, nicht auch töten? Wollen sie ihr Haar wachsen lassen, damit der Feind keine Skalplocke mehr findet? Geh'! Ein Pawnee wird sich unter solchen Sioux-Squaws niemals ein Weib suchen!“

Wut und grimmigster Haß leuchteten wie lohende Blitze bei dieser Beleidigung aus Mahtorees Augen, allein noch einmal bezwang sich der tückische Häuptling.

„Der große Krieger der Pawnees ist noch jung,“ versetzte er. „Mahtoree hat mehr Winter gesehen als sein Bruder. Wenn die roten Männer einander töten, wer soll später Herr der Prärie sein? Höre die Worte der greisen Krieger. Sie erzählen, wie vor langer Zeit viele Indianer aus den Wäldern unter der aufgehenden Sonne in die Prärie gekommen sind, weil die Langmesser sie aus ihren Jagdgründen vertrieben hatten. Wo ein Bleichgesicht sich zeigt, da muß der rote Mann weichen. Das Land ist zu eng. Die Langmesser sind ewig hungrig. Sieh, dort sind sie schon.“

Er deutete auf die Zelte Ismaels, die auf der jenseitigen Höhe sichtbar waren.

Hartherz sann eine Weile nach.

„Was denken die weisen Häuptlinge der Sioux zu beschließen?“ fragte er dann.

„Sie meinen, daß man die Bleichgesichter verfolgen müsse, wie das Wild. Die Langmesser, die auf die Prärie kommen, dürfen nicht mehr zurück. Dort drüben sind ihrer viele. Sie haben Pferde und Büchsen. Sie sind reich, wir sind arm. Laß die Pawnees mit den Tetons am Beratungsfeuer sitzen, und wenn die Sonne hinter den Felsengebirgen verschwunden ist, dann werden wir sagen: dies für einen Loup, das für einen Teton.“

„Teton — nein! Hartherz hat nie die Waffe gegen die Fremden erhoben. Sie kommen in seinen Wigwam und essen und gehen ungefährdet von dannen. Der mächtige Pawneehäuptling ist ihr Freund. Nein, Teton, er wird seinen Arm niemals gegen die Fremden erheben.“

„So stirb denn mit leeren Händen, du Narr!“ rief Mahtoree, blitzschnell einen Pfeil auf seinen Bogen legend und gegen die unbeschützte Brust seines arglosen Gegners abdrückend.

Es wäre um Hartherz geschehen gewesen, wenn dieser nicht mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart die Gefahr noch rechtzeitig erkannt und sein Roß emporgerissen hätte, so daß es sichhoch aufbäumte und ihm zum Schilde diente. Der Pfeil des Sioux durchbohrte des Tieres Hals, ohne es jedoch zu Falle zu bringen.

Mit Gedankenschnelle hatte der Pawnee den Schuß erwidert; sein Pfeil haftete in des Tetons Schild. Während einiger Momente klangen die Bogensehnen, flogen die Geschosse unaufhörlich herüber und hinüber. Bald waren die Köcher geleert; es hatte auch Verwundungen gegeben, jedoch nicht genügend, die Kämpfer zu schwächen oder abzukühlen.

Jetzt begann eine Reihe meisterhafter Reitermanöver. Schnell und geschickt wie Schwalbenflug war das Ansprengen, das Ausweichen, das gegenseitige Umkreisen. Lanzenstöße wurden ausgetauscht, der Sand flog unter dem Hufgestampf in Wolken auf, aber noch immer behielten beide Fechter ihren Sitz.

Endlich aber mußte der Teton, um einem furchtbaren Stoße des Gegners zu entgehen, sich vom Pferde werfen. Hartherz stieß dem Tiere die Lanze in den Leib, im Vorbeijagen einen Triumphruf hören lassend. Jedoch auch sein Roß hatte seine letzten Schritte getan; vom Blutverlust völlig entkräftet, taumelte es in den Sand, seinen Herrn mit sich niederreißend. Jetzt stürzte Mahtoree rachedurstig herzu, Messer und Tomahawk in den Händen. Hartherz' Lage war verzweifelt, da es ihm trotz seiner außerordentlichen Behendigkeit nicht gelang, sich rechtzeitig unter dem Pferde hervorzuarbeiten. Aber auch jetzt noch wußte er sich zu helfen. Er erwischte sein Messer, faßte die Klinge mit Daumen und Zeigefinger und warf es so ruhig und sicher, als gälte es nur, seine Geschicklichkeit zu zeigen, gegen den Feind. Die Waffe überschlug sich einigemal wirbelnd in der Luft und fuhr dann bis an das Hirschhornheft dem Dakota in die nackte Brust.

Mahtoree blieb stehen und faßte nach dem Heft, unschlüssig, ob er die Klinge aus der Wunde reißen sollte oder nicht. Es mochte ihm jedoch einfallen, daß er keine Zeit mehr zu verlieren habe, und wankenden Schrittes eilte er zum Rande des Wassers.

„Knabe der Loups!“ rief er, neben dem Ausdruck des alten, wilden Hasses ein Lächeln der Befriedigung auf den dunkeln Zügen. „Der Skalp des mächtigen Dakota soll nimmer im Rauche eines Pawneewigwams trocknen!“

Er riß das Messer aus seiner Brust und schleuderte es verachtungsvoll dem Feinde zu. Dann schwenkte er den Arm mithöhnischer Gebärde und stürzte sich kopfüber in den Strom, der ihn verschlang und fortriß.

Hartherz hatte sich inzwischen frei gemacht. Er nahm sein Messer auf, eilte den Strand entlang, und als er auf der Oberfläche der vorüberwirbelnden Flut einen dunkeln Blutfleck erspähte, da sprang er hinein, fest entschlossen, seine Trophäe zu erobern oder im Wasser unterzugehen.

Als Hartherz mit seinem Pferde gestürzt war, da hatte es seine Getreuen am jenseitigen Ufer nicht mehr gehalten. In hellen Haufen waren sie in den Fluß geritten, der Insel zu. Bei diesem Anblick blieben auch die Sioux nicht zurück, und nun trafen die beiden feindlichen Scharen auf der Insel zusammen. Ein furchtbarer Kampf begann, der lange hin und her wogte, bis die Sioux endlich von den Pawnees durch den Fluß zurückgetrieben wurden. Hier eilten jedoch die unberittenen Sioux ihren Genossen zu Hilfe, so daß die Pawnees in harte Bedrängnis gerieten. Schon begannen sie dem Wasser zu zu weichen, da erscholl der wohlbekannte Kriegsruf ihres Häuptlings, und Hartherz erschien auf dem Plan, den Skalp Mahtorees als Siegesbanner schwingend. Mit neuem Mute drangen die Pawnees nun gegen die Übermacht vor, und wütender als je entbrannte der Kampf. Trotz der großen Tapferkeit der Loups aber wäre das Gefecht für sie vielleicht verhängnisvoll geworden, wenn nicht plötzlich eine Gewehrsalve in den dicksten Haufen der Feinde hineingeschmettert und dort Verwirrung und Schrecken verbreitet hätte. Im nächsten Augenblick brach Ismael Busch mit seinen gigantischen Söhnen aus einem nahen Dickicht hervor, und als der ersten Salve noch ein zweite folgte, da war das Geschick des Tages entschieden. In wilder Flucht jagten die Sioux davon, verfolgt von den racheglühenden Loups. Erst der Anbruch der Nacht machte der erbarmungslosen Jagd und der grausen Tätigkeit der Lanze und des Messers ein Ende.


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