2. Ein nordischer Ratskeller.

Hoscha, wann wollen wir fröhlich seyn,Der kühle WeinThut unerträglich warten,Die Gesellschaft auch versammelt istOhn bösen List,Sie mischet schon die Karten.Joh. Fischart, Geschichtsklitterung.

Hoscha, wann wollen wir fröhlich seyn,Der kühle WeinThut unerträglich warten,Die Gesellschaft auch versammelt istOhn bösen List,Sie mischet schon die Karten.Joh. Fischart, Geschichtsklitterung.

Hoscha, wann wollen wir fröhlich seyn,Der kühle WeinThut unerträglich warten,Die Gesellschaft auch versammelt istOhn bösen List,Sie mischet schon die Karten.

Joh. Fischart, Geschichtsklitterung.

Die pralle Sonne liegt auf dem menschenleeren, von den hohen spitzgiebligen Häusern umrahmten Marktplatz mit der Rolandsäule, dem Zeichen der Marktgerechtigkeit. Nur Schweine und Hunde durchwühlen die Überbleibsel der vom Wochenmarkte verstreut umherliegenden Gemüsestücke und Fleischreste.

Stolz, in majestätischer Ruhe aus allen anderen Gebäuden durch seine Größe hervorstechend, liegt das Rathaus da. Seine Giebel und Erker werfen tiefe Schatten auf das holperige Pflaster des Platzes. Die Hellebarde nachlässig haltend, lehnt einer der Stadtsöldner im Schatten eines der Vorsprünge, halb eingelullt von der mittägigen Stille und dem Gesumme der Fliegen, ab und zu einen sehnsüchtigen Blick in diedunkle Öffnung werfend, – dem Eingang in den Ratskeller.

Nur wenige Stufen führen in den mollig kühlen Raum hinab, in dem »selbst das liebe Himmelslicht, trübe durch gemalte Scheiben bricht«.

Die elfte Stunde, die Mittagszeit des Mittelalters, ist noch nicht lange vorbei, darum geht es noch ruhig in dem nur von wenigen Gästen besetzten Raum zu.

In der einen Nische, hart an zwei großen, mit köstlicher Schnitzerei versehenen Fässern, die einen ihren Kunstwerken ebenbürtigen Wein bergen, schäumen zwei Humpen voll guten fremden Bieres vor zwei Rittern aus unfernen »festen Häusern«. Sie haben es sich bequem gemacht, die Recken mit den wetterharten, trotzigen Gesichtern. Helm und Küraß liegen zur Hand auf den vierbeinigen Stühlen, die Arme auf dem blankgebohnten Tisch aufgestemmt, plaudern sie von Krieg und Kriegsgeschrei, vom letzten Niederwurf der Kaufleute, der Beute und dem Lösegeld und flüsternd, sorgsam äugend, ob kein Horcher in der Nähe, beraten sie den nächsten Anschlag auf die beneideten und darum bitter gehaßten Bürger, die es sich beim Gewerk wohl sein lassen und hohnlächelnd auf die armen Stegreifgesellen herabsehen, deren stolze Namen und feste Häuser nur zu oft mit Armut gepaart sind, währenddie Truhen des Bürgers Kostbarkeiten in Fülle bergen.

Der Kellereingang verdunkelt sich, einige Stadtbewohner kommen die schmale Treppe hinab. Prächtig gehen sie einher, diese Bürger, die Seide, das feine Tuch ihrer Kleidung gleisst in den schrägen Sonnenstrahlen und spielt auf den Spitzen des Pelzwerkes, das trotz der Jahreszeit ihre Mäntel verbrämt. Behäbig, im Gefühl ihrer Würde, schreiten sie zum Stammtisch, auf den der Aufwärter den gewohnten Trank stellt. Bewundernd, wie zu höheren Wesen, sehen die Bauern und deren Frauen von den schmalen Fenstertischen zu den gestrengen Herrn hinüber, die ihnen nur dann einen Blick zusenden, wenn die Unterhaltung der Dörfler allzu laut zu werden droht.

Je weiter der Nachmittag vorrückt, desto mehr mehrt sich die Zahl der Gäste. Der Handwerker im Schurzfell kommt auf einen Stehtrunk, leutselige Pfaffen mischen sich unter die Laien; dort stimmt einer ein Schelmenliedlein an, in das andere fröhlich einstimmen, bis der Gesang mit einem Schlag jäh verstummt.

Ein stämmiger Mann ist eingetreten. Der lange, an den Spitzen ergraute Bart, das tiefernste Antlitz mit den scheu, doch nicht bösartig blickenden Augen, über die sich buschige Brauen wölben, das kurzgeschorene Haupthaar, all dieses mit der dunklen Kleidung,gegen die nur ein kurzes grellrotes Mäntelchen absticht, verleihen dem Manne ein fast ehrwürdiges Aussehen. Er tritt in die Mitte des großen Raumes, lüftet sein Barett, ohne seinen Gruß erwidert zu erhalten, sieht sich nach einem freien Tisch um, kein Platz daran darf besetzt sein, an dem er sich niederläßt. Mit abgewandten Gesicht stellt der Aufwärter einen henkellosen Krug vor ihm hin und mit dem Ende der ledernen Schürze faßt er ängstlich das Geldstück an, das seine Hand nicht berühren darf. Sorgsam trägt er es dem Wirte hin, der es abseits von der anderen Einnahme verwahrt. Non olet – aber es könnte unehrlich machen, stammt es doch vom Schreckgespenst des Gemeinwesens – demHenker.[161]

Meister Angstmann hat seinen Krug geleert und nach höflichem Gruß gegen den Ratsherrntisch die nach ihm benannte Henkerstube verlassen. Das Treiben, das seine Ankunft nur auf einen Augenblick gestört hatte, nimmt seinen Fortgang.

In das Lachen, Schreien, Singen mischt sich das Rollen knöcherner Würfel, Flüche werden laut, denn die rauhe Zeit läßt trotz aller obrigkeitlichen und priesterlichen Verbote nicht von dem »vermaledeiten, gotteslästerlichen Fluchen«.

Die Leidenschaft des Spieles im Verein mit den hitzigen Getränken und der dumpfen, alkoholgeschwängerten Luft der engenRäume entflammt die Gemüter immer mehr und mehr; Messer blitzen, die Stühle werden zu gefährlichen Waffen, ebenso die Krüge. Die Anwesenden spalten sich in zwei Parteien, die, oft ohne die Ursache des Zwistes zu wissen, ingrimmig aufeinander losfahren, froh, ihre Kraft mit ebenbürtigen Gegnern messen zu können. Die Weiber der Raufer mischen sich kreischend und zeternd in den Streit, und die schrillen Schreie übertönen fast das Waffengeklirr und das Wutgeheul der Kämpfer. Reichen die Nägel und Scheltworte dieser Weiber nicht aus, so machen sie durch Bisse und grauenhaft-gräßlichen Griff den Gegner mitunter für immer kampfunfähig.

Der Lärm des Kampfes ist bis in die oberen Rathausräume gedrungen und die in einer Beratung gestörten »hochmögenden Herrn« drängen sich auf dem Treppchen, das aus den nüchternen Ratszimmern in das feuchtfröhliche Geschoß führt, wie es noch heute im Bremer Ratskeller zu sehen ist.

Die Herren vom Rat gebieten dem Kellerwirt Frieden zu stiften und sein Ruf, daß nun »all Fehd ein Ende haben müsse« übertönt das Getümmel. Mit Riesenkräften trennt er, unterstützt von seinen Knechten, die Kampfhähne, von denen manch einer blutend am Boden liegt. Wie Öl auf die erregten Meereswogen wirken seine Worte, denn jeder weiß, daß die Prügelsuppe von desWirtes Fäusten böse schmeckt, und daß sie überdies noch den Nachteil hat, das Verbot, im Ratskeller zechen zu dürfen, nach sich zu ziehen.

Erst einer, dann mehrere Besonnene rufen nach der »Gertrudminne«, dem Versöhnungstrank, der nun die Runde unter den scheinbar wieder friedfertig gewordenen Gästen macht, von denen aber manch einer bei sich beschließt, die Fehde bis zur Abfuhr auf neutralerem und weniger gefährlichen Boden, als dem des Ratskellers, weiter auszufechten.


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