5. Der geistliche Durst.

Ihr opfert Trank den Göttern?Ei, ei, was ficht euch an?Schickt's lieber uns in's Kloster,So ruft Sanct Columban.

Ihr opfert Trank den Göttern?Ei, ei, was ficht euch an?Schickt's lieber uns in's Kloster,So ruft Sanct Columban.

Ihr opfert Trank den Göttern?Ei, ei, was ficht euch an?Schickt's lieber uns in's Kloster,So ruft Sanct Columban.

Über die Verdienste der Kleriker um die deutsche Agrikultur ist bereits oben im Kapitel über den Wein gesprochen worden. Die Klöster benötigten reichen Erntesegens, um den Bedürfnissen des »heiligen römischen Reiches Immenschwarmes« zu genügen. Die Herrschaften führten meist, gleichviel ob Mönch oder Nonne statt eines gottgeweihten, ein Dasein wie Gott in Frankreich. Sie waren aller kleinlichen Lebenssorgen ledig, nahmen eine angesehene Stellung ein, die selbst die Mächtigsten nicht ungestraft anzutasten wagen durften und brachten ihre Tage in Ruhe und Beschaulichkeit hin: »Etliche gehn barhaupt, vil barfüßig, aber all miteynander müßig«, sagt Fischart in seinem bissigen »Bienenkorb«, und Brant erklärt im Narrenschiff die geistlichen Herren, sich vom Müßiggang ernährend. Das Beste war füreinen Mönchsgaumen oder das verwöhnte Schnäbelchen einer zarten Himmelsbraut eben gerade gut genug. »Unsere Mönche«, klagt der Abt Peter von Clugny, der in der Kirchengeschichte den Beinamen des Ehrwürdigen führt, um 1130, »laufen von einem Ort zum andern, wie Habichte und Geier, wo sie den Rauch einer Küche sehen oder einen Braten riechen. Hülsenfrüchte, Eier, Käse und Fische sind ihnen zuwider, sie sind lüstern nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Jetzt brechen die Tische von fetten Schweins- und Kalbsbraten, Hasen, auserlesenen Gänsen und Hühnern. Aber auch das ist manchem noch nicht genug; wir suchen ausländische Speisen, wir streifen in den Wäldern umher, wir suchen Fasanen und Turteltauben, wir mästen uns mit schwarzem und rotem Wildpret, damit ja der Knecht Gottes nicht Hunger leide.«[258]Was Wunder demnach, wenn Bernhard von Clairvaux (1091 bis 1153) mit Betrübnis erzählt, daß jeder, sobald er Mönch werde, über Bauchgrimmen klage.

Und wie im Essen, so war es auch im Trinken. Derselbe Bernhard von Clairvaux, ein asketischer Mönch, der auch Brennöl trank, wenn er kein Wasser zur Hand hatte, rügte die skandalösen Trinkgelage in den Klöstern und bemerkte, daß die Kleriker vor Beginn der Zechgelage ordentliche Weinproben abhielten, indem an den Klostertischenhalbvolle Becher mit Weinen herumgereicht wurden, aus denen man durch Kosten und Riechen die für die betreffende Mahlzeit passendsten Sorten heraussuchte.

Bei Gelagen tranken die Äbte ihren Mönchen öfters in sancta caritate zu, wie der St. Galler Mönch Ekkehard bezeugt. Im zehnten Jahrhundert nahm jeder Mönch St. Gallens täglich fünf Maß Bier zu sich, außer dem Wein und Obstwein, der beim Frühstück, Mittag- und Abendessen getrunken wurde. Der gute Magen der Kirche huldigte von jeher dem Sprichwort: »Selber essen macht fett«, darum Walther von der Vogelweides Klage nach seinem Besuch in der baierischen Abtei Tegernsee:

Ich nam da wazzer, also nazzermuost ich von des münches tische scheiden.

Ich nam da wazzer, also nazzermuost ich von des münches tische scheiden.

Man lebte fein in der Klausur, und Folianten ließen sich über die Völlerei der Mönche füllen. Das alte Sprichwort: »Wenn die Mönche reisen, regnet es«, erklärt sich schon im Mittelalter ein Bäuerlein damit: »Die Mönche haben stets von dem vielen Wein, den sie trinken, den ganzen Kopf voll Dünste, diese Dünste werden dann von der Sonnenhitze ausgezogen und steigen in die Luft, wo sie zu Wolken werden, aus denen dann der Regen niederträufelt.« Hemmerlin in Zürich klagte über die Weinfässer in den Klosterkellern, die größer wären als die Zellen, und über die besoffenen Mönche, die mit lallenderZunge Buße predigten und mit vollem Wanst die Einhaltung der Fasten einschärften.[259]

Wie die frommen Herren das edle Naß zu schätzen wußten bezeugt, daß sie das beste Faß im Keller mit nutrimentum spiritus (Geistesnahrung) und den Weinkeller selbst bibliotheca subterranea (unterirdische Bibliothek) benannten.

Dabei waren die Kleriker keineswegs etwa besorgt, die Öffentlichkeit von ihren Symposien gänzlich fernzuhalten, im Gegenteil sie waren naiv genug, ihre Tafelfreuden mit Pinsel und Meisel verherrlichen zu lassen. In den Miniaturen ihrer Bibeln lassen sehr oft die künstlerischen Mönche ihren satirischen Gelüsten freien Lauf und zeichnen intime Szenen, die eigentlich eine Art Selbstverhöhnung darstellen. So zeigt eine Miniature einer moralischen Bibel des vierzehnten Jahrhunderts ein Gastmahl in einem Kloster, dem willige Dämchen beiwohnten.[260]

In den Kreuzgängen der Klöster enthalten häufig die Kapitäle recht bezeichnende Allegorien. So stellt im Kloster Maulbronn ein Kapitäl einen kleinen, nackten Mönch auf einer Weintraube reitend und Trauben naschend vor. In demselben Kloster befand sich, auf der dem Vorhofe zugewendeten Seite des Kirchengewölbes, ein Stilleben, auf dem eine Gans, umgeben von Küchengeräten, Würsten und Weinflaschen abgebildet war. Unter dem Bilde stand eine zu diesemprofanen Werke gar treffend komponierte Sage mit unterlegtem Text; nur schade, daß von dem nichts weniger als geistlichem Liede nur die Anfangsbuchstaben des ersten Verses: A. V. K. L. W. H. – Alle voll, Keine leer, Wein her! bekannt sind.[261]

Bei der fortgesetzten Gewöhnung an große Quantitäten Weines konnte es nicht ausbleiben, daß es die Mönche mit den trinkfestesten Rittern mit Leichtigkeit aufnahmen. In Bern tranken einmal drei Pfaffen in einem Jahre viertausendachthundert Maß Wein. Im Kloster Johannisberg konsumierten die Mönche solche Mengen des köstlichen Gewächses ihrer Gärten, daß sie 1453 durch eine Kommunion reformiert werden mußten.

Diese »Reformation« tat nicht nur Klöstern und Mönchen, sondern auch sehr vielen Kirchenfürsten not. Von der ältesten Zeit an, bis nahe zur Gegenwart, in der man vielleicht nicht genügsamer, wohl aber so vorsichtig geworden ist, seine kleinen Leidenschaften nicht an die große Glocke zu hängen.

Bischof Tietmar von Merseburg (976 bis 1019) erwähnt ganz treuherzig, daß der Erzbischof Tagino schlechter Zähne wegen sich mehr an das Trinken als an das Essen halten müsse. Überdies beklagt er aufrichtig den Fehler seines Mitbruders Thieddag vonPrag, der über die Maßen viel trank. Thietmar bedauert dies lebhaft, knüpft auch gleich als Entschuldigung für den Prager Erzbischof die Bemerkung an, daß die Trunksucht Thieddags die Folge einer unverschuldeten Krankheit sei, die ihm die Hände derart zittern mache, daß er ohne fremde Hilfe keine Messe lesen könne. Anscheinend verwechselt der Verteidiger Ursache mit Wirkung. Auch des Bischofs fast leidenschaftliche Gastfreundschaft wird gelobt, wobei man sich des Argwohnes nicht erwehren kann, daß der fromme Herr allzugerne Trinkgesellschaft um sich gesehen habe.[262]Von dem Bischof Salomo von Konstanz sagt die Chronik, daß an der kaiserlichen Tafel niemand war, der so geistreich zu plaudern wußte, und mit so viel Anstand soff wie er. An den größten gastlichen Höfen namentlich an den drei kurfürstlichen am Rheinstrom, ferner in Salzburg, Würzburg, Bamberg, in Münster, in Passau, besonders aber in Fulda wurde im höchsten Stile geschwelgt.[263]

Die auserlesensten Tropfen der herrlichen Lagen, deren Besitz sich die geistlichen Herren rühmten, rannen ihre Kehlen hinab. Die Herren verstanden den Wein zu würdigen und würdigten ihn auch nach Gebühr. Sich zu betrinken galt nicht als Schande, aber eine Ehre war es, riesig trinken zu können, ohne berauscht zu werden.

Ein Weihbischof, dessen Goethe in seiner Beschreibung des Rochusfestes zu Bingen gedenkt, konnte sich in einer Fastenpredigt rühmen, daß ihn »der grundgütige Gott der besonderen Gnade gewürdigtachtMaß trinken zu dürfen, ohne sich nachsagen lassen zu müssen, daß er darüber in ungerechtem Zorn auf irgend jemanden losgefahren, Hausgenossen oder Anverwandte mißkannt oder wohl gar die ihm obliegenden geistlichen Pflichten und Geschäfte verabsäumt.«

Die Herren Geistlichen tranken aber nicht nur selbst, sondern freuten sich stets, wenn sie Saufkumpanei fanden. Karl der Große erließ dagegen schon ein recht vielsagendes Gesetz. »Kein Priester noch Laie«, heißt es, »soll einen Bußtuenden zum Trinken einladen.«

Ebenso verbot er den Priestern den Besuch der Wirtshäuser, was später von der Kurie und den erzbischöflichen Stühlen selbst endlos oft wiederholt werden mußte, da die Mönche sich nicht scheuten, Kirchengeräte in den Schenken zu versetzen, liederlichen Tänzen beizuwohnen und mitzumachen, bei Zechgelagen die Sauglocke zu läuten und unflätige Mummereien anzuführen. Derartige Erlässe wiederholen sich fortwährend in der Vorzeit, und eben diese Wiederholungen zeigen deutlich an, wie wenig sie gefruchtet haben. So erließ z. B. der Bischof Philippvon Speyer fast alljährlich eine dringliche Ermahnung an die Geistlichkeit seines Sprengels, in dem das Tragen unehrbarer, anstößiger Kleider und das Toll- und Volltrinken ernstlich untersagt waren.[264]Da bekanntlich böse Beispiele gute Sitten verderben, waren die Schäfchen nicht besser als ihre Hirten.

In Hessen ging die Sache so weit, daß die Bauern die Bierkrüge mit in die Kirche nahmen, aus denen sie sich während der Predigt zutranken und mit deren Deckeln sie dem Pfarrer klappernd ins Wort fielen.[265]

Und nicht nur der Wein allein schmeckte der Geistlichkeit, beileibe. Sie verachteten auch keineswegs die edle Gabe des Gambrinus, die sie vertilgten, wo sie sie nur erlangen konnte.

Artikel 22 der alemannischen Gesetze verpflichtete jeden, der einem Gotteshaus angehörte, an dieses fünfzehn siclus (Seidel) Bier zu liefern.

Gleichzeitig begannen die Klöster selbst zu brauen, zum Teil mit solchem Erfolg, daß noch viele unserer Zeitgenossen mit der Zunge schnalzen, wenn man ihnen die mit feuchtfröhlichem Nimbus umgebenen Namen wie Augustinerbräu, Salvatorbräu, das ursprünglich von Paulaner Mönchen, vom Jahre 1561 ab, gebraut wurde, und viele andere Biere mit geistlichem Anstrich nennt.

Doch nicht die Mönchsklöster allein, auch die Nonnen brauten Bier, so in Nürnberg die Clarissinnen, von denen ein Sprüchlein besagt:

Den Nonnen am Anger von Sancta Clar'Gewährten zwei Herzog von Bayern,Daß sie ihr Bier sich selbsten brau'n,Drob' gab es viel Jubel und Feiern.

Den Nonnen am Anger von Sancta Clar'Gewährten zwei Herzog von Bayern,Daß sie ihr Bier sich selbsten brau'n,Drob' gab es viel Jubel und Feiern.

Anfänglich mögen sich die Klöster ihren Bedarf gebraut haben, denn das Konzil von Aachen bestimmt 817 auf das genaueste das Maß von Bier und Wein, das in den Klöstern verabreicht werden durfte.

Besonders reiche Klöster und Abteien, selbst größere Pfarreien, wie in Tetschen in Böhmen, besaßen eigene Hopfengärten, jedenfalls aber sehr oft bedeutende Brauereien mit Malzdarren für hunderte Malter Hafer. So das Kloster von St. Gallen, und Bischof Salomo von Konstanz, der sich um 915 dieses Besitzes dem Kaiserlichen Kammerboten gegenüber berühmte.

Schenkten die Klostergeistlichen ihre Bräue aus, so taten es Weltgeistliche ihren tonsurierten Brüdern mit Vorliebe gleich. Es entstanden geistliche Bierhöfe, so beispielsweise in Siebleben bei Gotha.

Die Geistlichkeit wurde oft geradezu zu Schankwirten.

»Abgesehen vom privaten Bierhandel der einzelnen Geistlichen existierten fast überall, wo sich Domstifte befanden, auch geistlicheBierstuben, sogenannte Domkeller, in denen regelmäßig fremde, sonst in der Stadt verbotene Biere zu haben waren, weil die Inhaber dieser Keller sich um Magistratsverordnungen durchaus nicht kümmerten, und von diesen höchstens nur insoweit Notiz nahmen, als äußerer Zwang dahinterstand, was, wie bei der Macht und dem ungeheuren Einflusse der Geistlichkeit leicht erklärlich, freilich nur selten der Fall war. Die Unsitte des Bierschankes seitens der Geistlichkeit war nicht etwa von kurzer Dauer, nein, sie erhielt sich jahrhundertelang aufrecht, und auch die Reformation machte ihr keineswegs ein Ende. Es fehlte übrigens auch nicht an protestantischen Geistlichen, welche in die Fußtapfen ihrer katholischen Kollegen traten, so daß noch am 17. November 1725 der Landgraf Ludwig des damals doch fast ausschließlich protestantischen Hessen-Darmstadt eine Verordnung erließ, worin er den von der Geistlichkeit ausgeübten Wein- und Bierschank für einen Eingriff in die bürgerliche Gewerbstätigkeit erklärte und bei hoher Strafe untersagte.[266]

Sie waren übrigens auch wohltätig, diese Braumönche, denn sie verschenkten an Bettler statt des Geldes als Almosen ein Glas Dünnbier. So

Bei St. Franzisko, im Kloster,Braut man vortreffliches Bier,Und bist du ein armer Teufel,Zahlst du keinen Heller dafür!

Bei St. Franzisko, im Kloster,Braut man vortreffliches Bier,Und bist du ein armer Teufel,Zahlst du keinen Heller dafür!

Das war freilich nur Dünn- oder Tropfbier.

Das gute »echte« tranken sie selber oder verschenkten es nur für schweres Geld, wie die Patres Benedictini ihren Likör, der sie um Millionen bereicherte. Die »tote Hand« hat es von jeher bis zum heutigen Tage verstanden, den Kern zu behalten und die Schale freigebig zu verabreichen:

Es braun d' AugustinerMit Dampfkraft das Bier,Die Kraft behaltens selber,Den Dampf kriegen mir!

Es braun d' AugustinerMit Dampfkraft das Bier,Die Kraft behaltens selber,Den Dampf kriegen mir!


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