6. Das schwache Geschlecht.

Trinkt der Ritter und der Pfaffe,Trinkt der Bürger und der Laffe,Trinken Bauern, trinken Knechte,Und die Hufner und die Mägde.Mischke, Der fahrenden Schüler Liederbuch (Berlin 1893).

Trinkt der Ritter und der Pfaffe,Trinkt der Bürger und der Laffe,Trinken Bauern, trinken Knechte,Und die Hufner und die Mägde.

Trinkt der Ritter und der Pfaffe,Trinkt der Bürger und der Laffe,Trinken Bauern, trinken Knechte,Und die Hufner und die Mägde.

Mischke, Der fahrenden Schüler Liederbuch (Berlin 1893).

In der guten alten Zeit des Germanentums bis in die Ritterzeit hinein, bevor diese jene Auswüchse ansetzte, die ihren Verfall zur Folge hatten, nahmen die Frauen an den Gastmählern nur teil, solange gegessen wurde. Wenn die Tische abgeräumt und die schweren Kannen aufgesetzt wurden, überließen sie den Männern das Feld.[267]Zu diesem Zwecke saßen auch die Damen abgesondert von den Herren am Tische, so heischte es die Gewohnheit[268], der Anstand.

Später änderte sich das ganz gewaltig. Böse Beispiele verderben gute Sitten, und darum steckte die Trinklust der Männer auch das schwächere Geschlecht an. Und wenn auch dem Trunke ergebene Frauen nicht so häufig waren wie Zecher, so kenntdoch die Kulturgeschichte eine ziemliche Zahl trinkfester Frauen, die es mit den Herren der Schöpfung getrost aufnehmen konnten.

Schon der Minnesänger Oswald von Wolkenstein singt von einer Dirne zu Brixen in Tirol, die »Vil parell ausgesuggelt«.

Der Pokal Theudelindens, den Keyßler zu Monza sah, war zwei Fäuste dick und bestand aus einem einzigen Stück Saphir.

In den Trinkstuben und Ratskellern waren die Frauen gern gesehene Gäste, die sich ihr Glas schmecken ließen. Der Markgraf von Meißen nahm bei einem Besuch in Lübeck 1478 an dieser Sitte derartigen Anstoß, daß er Einen Ehrbaren Rat der Hansestadt zu einem Verbot dieses Gebrauches bereden wollte. Allerdings trieben es die vornehmen Bürgerinnen Lübecks auch etwas zu bunt, wie in meinem »Geschlechtsleben« nachzulesen ist.[269]

In dem 1551 in Leipzig erschienenen »Sendbrief an die vollen Brüder im deutschen Lande« heißt es: »Es üben solche Laster jetzund nicht allein die Mannspersonen, sondern auch die Weiber, nicht allein die Alten, sondern auch die jungen Kinder; die können allbereits einander ein Halbes zutrinken. Die Eltern lehrens auch wohl ihre Kinder. »Nu laß sehen«, spricht der Vater zum Söhnlein, »was du kannst, bringe ihm ein Halbes oder Ganzes!« Undüber dies alles hat man solches Lasters der Trunkenheit kein Hehl, sondern kitzelt sich damit, als hätte man gar wohl gehandelt« usw. Thomas Murner behandelt die Trinkgelüste der Weiber in einem vielstrophigen Kapitel »Auf der Flasche Riemen treten« seiner Narrenbeschwörung.

Gegen Trunkenboldinnen erließ der Rat von Heilbronn den Erlaß: »Den Weibern, so dem Trunk ergeben, sollen vom Stadtknecht Zettel an den Kopf geheftet werden, mit den Worten:Versoffene Krugsurschel[270].« Ein Ratsprotokoll von Hall vom Jahre 1640 besagt: »Erhardt Geyers filia, die sich mit dem Trunk überladen und in der Kirchen evomieret, ward ins Hetzenest condemniret zur Abscheu, und dazu um 3 fl. gestraft.«[271]

Eine höchst seltsame Einrichtung in Württemberg waren die sogen.Weiberzechen, eigene Stiftungen, aus deren Erträgnissen die Frauen alljährlich einmal ein ordentliches Gelage halten durften, gleich wie fromme Seelen oder Nonnen Vermächtnisse für Bier hinterließen.[272]So bestand bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Ochsenbach eine solche Weiberzeche, die alljährlich am Sonntag Invocavit stattfand. Man nannte sie, – nach dem altrömischen bona dea – bekanntlich das Bacchusfest, an dem die Männer nicht teilnehmen durften –Bonnen Deen. Andiesem Tage war ein Räuschchen gerne verziehen, wie Vulpius angibt, der das Treiben bei der Weiberzeche näher beschreibt.

In die Bergstädte, wo Arbeiter mit ihren Familien aus allen Weltrichtungen hinströmten, war mit anderen lockeren Sitten auch die Trunksucht verschleppt.

Die »Kirchen-, Schul- und Spitalordnung der Bergstadt Joachimsthal in Böhmen«, von dem Luther-Biographen Mathesius (geb. 1508) 1551 zu Papier gebracht, besagt: »Die Weiber halten auf ihre Bierörter, die Jungfrauen lernen das Zechen. Knecht und Magd säuft mit, man wäscht die Beine in Wein, bis es heißt Fuimus Troes.«[273]Über das Trinken der Bauernmädchen klagt auch ein Artikel im 142. Band der Krünitzschen Encyklopädie, der sich auf die Sitten des endenden achtzehnten Jahrhunderts auf dem Lande bezieht, und von den Kölnerinnen behauptet ein altes Sprichwort: »Watt der Mann verdeent, versüfft das Wif«. Immerhin scheint die Lust an einem »guten deutschen Schluck und Trunk« bei den deutschen Damen der höheren Stände ungleich verbreiteter gewesen zu sein, als unter den Bürgerinnen und Bäuerinnen. So wollte denn auch Heinrich IV. von Frankreich keine deutsche Fürstentochter zur Frau, »weil er dann immer glauben würde, eine Weinkanne um sich zu haben«. Das Abstoßende einer trunkenen Frau empfandman übrigens auch im Mittelalter. Kaiser Friedrich III., nach ehemaligen Begriffen ein Temperenzler von reinstem Wasser, da er nur zum Abendessen und nur mit Wasser vermischten Wein trank, haßte die Trinkerinnen derart, daß er erwidert haben soll, als die Ärzte seiner unfruchtbaren Gattin Wein verordneten, er wünsche lieber eine unfruchtbare als eine weintrinkende Gemahlin zu haben.[274]

Die Weibesbild auch heben an,Einander zü zütrinken:Volle vnd halbe wie die Mann,Mein hertz wil mir entsincken.Wenn ich bedenck die sünde schwär,Vnd allen schaden so folgt her,Auß überfluß deß trinckens

Die Weibesbild auch heben an,Einander zü zütrinken:Volle vnd halbe wie die Mann,Mein hertz wil mir entsincken.Wenn ich bedenck die sünde schwär,Vnd allen schaden so folgt her,Auß überfluß deß trinckens

läßt sich ein anonymer Dichter aus dem Jahre 1562 vernehmen.[275]

Es mußte schon stark hergehen, ehe man eine Frau von damals des »Trinkens« bezichtigen konnte, denn die holde Weiblichkeit verstand sich keineswegs auf das Nippen. Eine ätherisch-sezessionistische Jungfrau von heute würde sich entsetzen vor dem Paßglas, das die holde, so viel gefeierte Philippine Welser zu leeren gewohnt war – zum Entzücken ihrer Anbeter, denn der Hals der Dame war so fein, zart und weiß, daß man ihr das rote Getränk innen die Kehle hinabgleiten sah.[276]

Die schöne Augsburgerin eröffnete auch in dem Trinkbuch von Schloß Ambras inTirol, in das sich diejenigen mit Namen und Sprüchlein einzuzeichnen pflegten, die den Inhalt des drei Maß haltenden Willkommenhumpens um ein Erkleckliches verringert, im Jahre 1567 den Reigen der Frauen.

In der bereits erwähnten »fürtrefflichen« Hofordnung Ernsts des Frommen vom Jahre 1648 heißt es in § 7: »vor unsere junge Herrschafft und Fräulein, soll er jede Mahlzeit geben, insgesamt zwei Maaß Wein und fünffthalb Maaß Bier.« Da unter den »Fräuleins« junge Mädchen im zartesten Alter zu verstehen sind, so nötigt die Getränksmenge dieser Dämchen selbst einem gewiegten Trinker alle Achtung ab. Sieben Maß pro Tag – das bringt heute höchstens eine Münchnerin fertig.

Einige Jahrhunderte früher, anno 1062, erhielt eine Hofdame der Kaiserin täglich, wenn sie mit ihrer Gebieterin auf Reisen war, ein Maß Met, 1½ Maß Wein, 5 Maß Bier, 1 Semmel, 1 Eierbrot und eine Metze Futter für ihren Zelter, jährlich 2 Röcklein und 2 Schleier.

Auf einer Hochzeit in Goldberg in Schlesien war Hans von Schweinichen Tischherr einer jungen Dame. »Sonderlich erhub mich dieses, daß des Herrn Bocks Tochter, Jungfrau Käthlein, etliche Worte lateinisch konnte reden,und wann sie mir eines Lateinisch zutrank, daß ich ihr antwortenkonnte«[277], also eine kommentmäßige Jungfrau, auf die aber hoffentlich das alte Sprichwort nicht paßte:

Ein Mägdlein, das gern Wein trinketEin Junggesellen mit den Augen winket,Und scharret mit den Füßen auf der Erden,Ist's keine »Dirn«, so wird sie eine werden.[278]

Ein Mägdlein, das gern Wein trinketEin Junggesellen mit den Augen winket,Und scharret mit den Füßen auf der Erden,Ist's keine »Dirn«, so wird sie eine werden.[278]

Aber alle diese holden Weiblichkeiten waren Waisenkinder gegen folgende Antiabstinenzlerinnen der Vorzeit. So überliefert Herolds Chronik von Schwäbisch-Hall ein Bravourstück dreier weiblicher Kneipgenies unter dem Titel: »Drei wohlbesoffene Weiber«. Die Stelle lautet: »Anno 1532 sind drei adelige Geschwistrig, die Friederichen genannt, von Elfershofen bürtig, nach Johannistag im Sommer gen Untermünckheim von Hall in des Mühl-Michel's Hauß kommen, allda des besten Weines 32 Maß ohne die Kost ausgetrunken, die Zech bezahlt und sein ruhig vor Nachts wieder mit einander gen Hall gegangen.« Es gibt sicherlich manchen Bruder Studio von heute, der es mit diesen drei Edelfräulein von Elfershofen nicht aufnehmen kann.[279]Die Herren Studiosi werden auch vor der Gräfin Anna von Stollberg, Äbtissin von Quedlinburg, beschämt die Waffen strecken, denn diese Dame bedurfte zur »Erquickung und Labung« alljährlichnurdrei Fuder Wein. Die Nonnen von St. Himmelpforten in Wien nahmen sich, wie ich schon früher erwähnte, ein Beispielan dieser Glaubensgenossin aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts.

Alle diese stellte noch Prinzessin Anna von Sachsen, Tochter des Kurfürsten Moritz, die Enkelin des Landgrafen Philipp von Hessen in den Schatten.

Der große Oranier, Wilhelm der Schweigsame (1533 bis 1584), warb als Witwer von fünfundzwanzig Jahren um die Prinzessin, und im August 1561 fand in Leipzig die Hochzeit statt. Die Festlichkeiten waren so glänzend, die Zahl der Gäste so groß, daß die für die damalige Zeit außergewöhnlich hohe Mitgift von siebzigtausend Talern kaum ausreichte, die Kosten zu bestreiten. Die Tante der Prinzessin, die Frau des Kurfürsten August, bat den Prinzen von Oranien recht herzlich, er, der damals noch Katholik war, möchte doch ihre Nichte nicht »vom Wege der wahren Religion«, d. h. vom Protestantismus, verführen, worauf der Prinz erwiderte: »Sie soll sich mit solch melancholischem Zeug gar nicht zu schaffen machen. Statt der Bibel soll sie den Amadis und ähnliche kurzweilige Bücher lesen, die de amore handeln, und statt zu nähen und zu stricken, soll sie eine Galliarde tanzen lernen, und andere Courtoisien, wie sie schicklich und landesbräuchlich.« Allein die junge Frau lernte mit schicklichen und sehr unschicklichen »Courtoisien« auch das – Saufen! »Es ließ ihr auch die Frau Prinzessin offtmalseyer gahr hardt im salltz sieden, darauf tringkt sie dan edtwan zuvil und werde ungeduldig, fluche alle böße Flueche und werfe die speiße und schussel mit allem von tisch. Und die Frau Prinzessin, wie sie es genannt, dentollen man, nemlich ein guedte Flasche zu abendts und abermals ein guedte Flasche zu abendtszeit mehr dan ein maß haltend bekumen, welches ihr sambt einem Pfund Zuckers bei sich zu nemen nicht zu vil sey.« Der Prinz schied sich von der Säuferin, deren Delirien zuletzt unerträglich wurden, und das unglückliche Weib, völlig wahnsinnig geworden, verstarb, in Dresden von ihrem Oheim in Gewahrsam gehalten, im Jahre 1577.

Dieses bedauernswerte Geschöpf bildete natürlich eine Ausnahme, immerhin aber war die holde Weiblichkeit der Vorzeit ebenso wie im Essen, so auch im Trinken unserem zarter gewordenen Geschlechte bedeutend über. Wenn am Hof Ernsts des Frommen z. B. die Fürstin und die Prinzessin das bereits angegebene Quantum Flüssigkeit mühelos vertilgten, so standen ihnen die Hofdamen und das Gesinde keineswegs nach. »Die Mägdgen« erhielten für den Tag jede eine Maß Bier und dreieinhalb Maß Landwein; »vors gräfliche und adelige Frauenzimmer« am Tage vier Maß und abends »zum Abschenken« drei Maß Bier.

Als vollgewichtiger Entschuldigungsgrundfür diesen Riesendurst darf die mittelalterliche Küche gelten, die scharfe Gewürze im Übermaß anwandte.

Wir selbst geben diesen Entschuldigungsgrund an, einerseits weil dies unsere Gerechtigkeitsliebe verlangt, andererseits um zu beweisen, daß man beim Trinken stets eine Entschuldigung zur Hand hat – einst und jetzt!


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