Der kühle Weinmacht gut Latein.E.Eyring(1601).
Der kühle Weinmacht gut Latein.E.Eyring(1601).
Der kühle Weinmacht gut Latein.
E.Eyring(1601).
Nichts liegt mir ferner, als eine Geschichte des deutschen Studententums zu schreiben, obgleich dies besonders in dem vorliegenden Kapitel sehr nötig wäre. Denn Geschichte und Kulturgeschichte sind so innig miteinander verwachsen, daß es einer äußerst vorsichtigen Operation durch eine darin geübte Hand bedarf, ein kulturgeschichtliches Moment auszulösen, ohne nicht gleichzeitig Fetzen von Geschichte mit wegzuoperieren, die das Stückchen Kulturgeschichte bis zur Unsichtbarkeit überwuchern.
Besonders bei der Geschichte des Studentendurstes liegt die Gefahr nahe, die deutsche Universitätshistorie aufzeichnen zu müssen, denn seitdem es Studenten in Deutschland gibt, hatten sie Durst, und nicht zu knapp!, sagt der Berliner.
Wie es die Studiosi auf der ältesten deutschen Universität trieben, der in dem hunderttürmigen,goldenen Prag (gegründet 1348), das sich seitdem recht erfolgreich bemühte, aus einer deutschen Kulturstätte zu einer chauvinistischen tschechischen Provinzstadt zu werden, darüber schweigen sich die Quellen gründlich aus, doch wird es dort nicht anders wie in der, nur siebzehn Jahre später ins Leben gerufenen Alma mater Vindobonensis, der Wiener Universität, zugegangen sein. In langen braunen oder schwarzen Mänteln mit Ärmeln, in der Mitte durch einen Gurt zusammengehalten, an dem das unförmige Tintenfaß baumelt, das Haupt mit einer Gugel bedeckt, so schreiten die Scholaren nach den Bursen, dem Ursprungswort für Bursche und Bürstenbinder, im Sinne des – »Saufens wie ein Bürstenbinder«, ihren Wohnungen, in denen sie gleich Gefangenen gehalten werden, denn selbst das Fensteröffnen, das Scheeren der Bart- und Kopfhaare bedurfte der Erlaubnis. Früh um vier weckte sie ein Glöcklein von St. Stefan zu schwerem Tagewerk, das mit einer Messe begann. Streng verpönt waren Spielen, Besuchen von Wirtshäusern, Maskeraden zu veranstalten und mitzumachen, zu tanzen und Straßenmusik, d. h. Ständchen zu bringen. Allzu scharf macht schartig, darum schon früh das Bestreben, die strenge Zucht zu durchbrechen, den mit Gewalt aufgeprägten klerikalen Charakter abzustreifen und zu toben, wie es die Jugend gebieterischfordert. Mit inniger Freude wurde ab und zu im Geheimen über die Stränge geschlagen, bis diese Ausnahmen zur Gewohnheit wurden, weshalb der anfänglichen Strenge ein großer Teil Schuld an dem später allgemeinen Libertinismus des deutschen Studententums beizumessen ist. Zu den Unsitten trugen übrigens auch das wilde Leben bei, das viele arme Studenten, die es später zu großen Namen, Amt und Würden brachten, als fahrende Schüler zu führen gezwungen waren, ehe sie sich an irgend einer Universität ein halbwegs sicheres, vor dem ärgsten Hunger schützendes Plätzchen zu sichern wußten. Die Selbstbiographie eines solchen Bettelstudenten, des Schweizers Thomas Platter, geboren am 17. Februar 1499, bietet ein instruktives Bild von den Fährnissen an Leib und Seele, die ein solches Bürschlein durchzumachen hatte, bevor es sein Ziel, ein Lehramt mit bescheidenen Bezügen, erreicht hatte.[280]Vagabundierend, stehlend und bettelnd zogen diese, zeitweilig zur Landplage werdenden »fahrenden Scolasten« durch Dorf und Stadt, glücklich, wenn sie mitleidige Seelen fanden, die sich ihrer annahmen, und ihnen karge Nahrung und ein schützendes Dach gewährten. Die kleinen Jungen, die Schützen, wurden kommandiert von älteren Schülern, die sich von den kleinen Jungen ernähren ließen. Diese »Schützen« waren die Sklaven der Bachanten,von denen sie alles Schlechte lernten. Bot sich die Gelegenheit, dann sorgten diese sonst Hunger und Durst leidenden Schützen auch für sich selbst, wie es Platter in München tat, als er seinem despotischen Bachanten entlaufen war. »Zuweilen gingen wir im Sommer nach dem Nachtmahl in die Bierhäuser Bier heischen; da gaben uns die trunkenen Polakenbauern so viel Bier, wovon ich oft unvermerkt so trunken wurde, daß ich nicht wieder zur Schule kommen konnte, obschon ich nur einen Steinwurf weit davon war. Auch fand sich Nahrung genug da, aber man studierte nicht viel.«[281]Platter starb hochbetagt als Konrektor des Burggymnasiums zu Basel.
Weit besser daran als diese Kinder von kleinen Handwerkern und Bauern, hatten es die Söhne von Bürgern, Gelehrten und Adeligen, die sich nicht durch diese »Schmieren« des mittelalterlichen Studententums den Aufenthalt an den Universitätsstädten erkämpften mußten.
Die akademische Jugend hat allezeit das Privilegium besessen und wohl benutzt, neben dem Ernst der Studien die Freuden des Lebens zu pflegen. Zwar waren die Gesetze streng darauf bedacht, den Vergnügungen enge Grenzen zu ziehen, aber gerade wegen dieser Beschränkung teilten sie mit anderen Gesetzen das Schicksal, rasch übertreten zu werden. So war z. B. in Tübingen den Studenten,die in Bursen unter Aufsicht zusammen wohnen sollten, geboten, Predigten und Kollegien fleißig zu besuchen, Privatlehrer zu halten, dagegen verboten, Verbal- und Realinjurien zu brauchen, während der Nacht auf der Straße zu lärmen,übermäßig zu trinken, ungewöhnliche oder unziemliche Kleider zu tragen. Aber gegen alles wurde gesündigt. Der Fleiß war so gering, daß die Behörden nicht selten die Eltern auffordern mußten, die jungen Leute von der Universität wegzunehmen. Geiler von Kaysersberg rügt schon: »Die Studenten üben sich nach dem Mittagsbrot in solchen ehrlichen Künsten, in dem Ballschlagen, Fechten, Tanzen und Springen, und wird etwann unter hundert nicht einer gefunden, der in die Lektion ginge.« Getrunken wurde in ungeheueren Quantitäten, so daß einmal konstatiert wurde,daß vier Studenten dreißig MaßWein vertilgt hätten …[282]
Das Anulken der Philister war von jeher ein Lieblingssport der Studenten. Oft arteten die Prellereien der Bürgerschaft derart aus, daß die Behörden vermittelnd einschreiten mußten, und die armen Philister, ob der ausgestandenen Angst, mit zwei Eimern Wein »zur Ergötzlichkeit« begütigt werden mußten.[283]
Wie der berühmte Staatsrechtslehrer, Robert von Mohl, der Historiker der TübingerStudenten des sechzehnten Jahrhunderts,[284]erzählt, gaben sich die Musensöhne sinnlos dem Trunke und gesellschaftlichen Ausschweifungen hin, gefielen sich in auffallender und schamloser Kleidung, rauften wo sie konnten mit Bürgern, Handwerkern und untereinander, trieben es so weit, daß die Nürnberger keinen der Ihren mehr zum Studium nach Tübingen zu senden beschlossen. Der Universitätsbesuch war gänzlich Nebensache. Der eigentliche Zweck des Aufenthalts war, Bürgermädchen zu verführen, »auf die bürgerlichen Bestien auf Jagd auszuziehen und sie zu hetzen und zu plagen«, wie eine adelige societas venatoria in Helmstädt als einen Zweck ihrer Verbindung erklärte, das öffentliche Kollegium nie zu besuchen, sondern gelegentlich an der Türe eines solchen zu lauschen, um »etliche Sprüchlein auffassen und darnach unter seinen Rott-Burschen und Zechbrüdern erzählen, der Professoren Stimme, Reden und Gebärden nachäffen und zum Gelächter befördern möchte«, wie Schöttgen in seiner Historie des ehedem auf Universitäten gebräuchlich gewesenen Pennalwesens verrät. Das Saufen war an der Tages- und Nachtordnung. »Wenn er – der Student – sich zu Tische gesetzet, frisset der Unmensch wenig (denn der gestrige und rasende Rausch will es nirgends gestatten, und, weil alle Sinne bestürzet, die Natur nicht leiden).«»Derhalben, wenn er nun sein Kloak mit Wein und Bier sehr wohl befeuchtet«, dann tost er los, flucht, zankt, wütet, zerstört Pfosten, Türen und Fenster, verübt allerlei »Nachts-Scharmützeln«, fängt die leichtfertigsten Händeln an, überfällt Leute, um sie mit vorher verborgen getragenen Ruten zu arretieren, fuchtelt mit seinem Degen herum, kurz:
Ihr Singen war ein Schrein,Und ihre Freude Raufen;Sie haßten Buch und Fleiß,Und ihr Beruf war Saufen![285]
Ihr Singen war ein Schrein,Und ihre Freude Raufen;Sie haßten Buch und Fleiß,Und ihr Beruf war Saufen![285]
So verbrachte der weitaus größte Teil der Studenten mit »Bankettieren, Prangen und Prassen« ein geradezu abstoßend rohes Leben, das ihre Zukunft vergiftete und sie für jeden geregelten Beruf unfähig machte. Ein Übermut, der an Wahnsinn grenzte, war die Signatur nicht allein der Tübinger Studenten, bei denen nur derjenige etwas galt, der es den anderen in Verhöhnung der Universitäts-, Stadt- und Staatsgesetze zuvortat. Sie brachen in Nonnenklöster ein, spielten um ihre Finger, suchten den Henker auf, wie es Professor Hambergers Sohn machte, der volle zehn Jahre den Tübinger Pedellen überreichlich Arbeit gab, um mit diesem infamen und infamierenden Paria zu viert zweiundzwanzig Maß Wein zu trinken, warfen den Bürgern die Fenster ein, verwüsteten Weinberge, balgten sich mit Nachtwächtern undfriedliebenden Einwohnern herum, stören Hochzeiten, belästigen schamlos Frauen und Mädchen, daß man endlich die Statuten revidieren mußte. Darum schwang sich 1575 die Universität gemeinsam mit dem Stadtrat zu dem Erlasse auf: Kein Bürger oder Universitätsverwandter soll bei strenger Strafe heimliche Trinkstuben für Studenten halten; Wirte sollen, bei Strafe, solche nicht einrichten; Zechschulden sind die Eltern nicht zu zahlen schuldig. Deshalb gingen auch viele Tübinger Studenten, um ungestört trinken zu können, unter dem Vorwand sich Kiele zu Federn und Papier zu holen, nach Rothenberg. In seiner 1590 erschienenen »Geschichtsklitterung« sagt Johannes Fischart darüber: »Sie gingen nach Montrouge, aber mit Rothenberg bei Tübingen, dahin die Studenten wöchlich um guten Wein walfarten, Papier zu holen, welches sie gleich so wohlfeil ankommt, als wenn die Nürnberger Bierbrauwer jährlichs Höfen (Hefe) in Thüringen holen.« Durften sie nicht in den Wirtshäusern zechen, so taten sie es auch auf ihren Buden und dort wo sie aßen. Diese »Kosttische« waren meist nicht anders, als jene verbotenen heimlichen Trinkstuben. Bei einer Witwe Megelin in Tübingen, die einen Tisch hielt, tranken einmal sechzehn Studenten fünfzig Maß Wein beim Mittagbrot und trichterten einem gewissen Königsbach, während sie ihn auf einem Schubkarrennach Hause fuhren, unterwegs noch Getränk in den Rachen. Das übermäßige Trinken wurde denn auch nicht mit Unrecht als Hauptursache der Exzesse angesehen, besonders der strengverpönten und darum besonders beliebten Liebeleien mit verlorenen Geschöpfen; denn:
Wo Ceres nicht sitzet,Wo Bacchus nicht hitzet,Da Venus nicht schwitzet.
Wo Ceres nicht sitzet,Wo Bacchus nicht hitzet,Da Venus nicht schwitzet.
sagt eine alte Priamel.
Gleich Tübingen war Jena als Universität berühmt, und der Jenaer Student das Ideal des deutschen Burschen.[286]Die liberalen Institutionen dieser neuen »zur Erhaltung und Fortpflanzung der evangelisch-lutherischen Lehre und aller guten Zucht und feinen Künste« 1548 gestifteten Universität, die dem Rektor und Senat bei allen »nicht peinlichen Fällen«, die unter Todesstrafe standen, die Gerichtsbarkeit zusprach, lockte viele Hochschüler nach der freundlichen Saalestadt, denen es anderswo zu beschränkt zuging. Diese Freiheiten lockerten aber auch die Sitten in bedenklicher Weise. Reiche Adelige erklärten unumwunden, nicht des Studiums, sondern nur der Liederlichkeit wegen in Jena zu weilen. Vergebens untersagten die Statuten das Einbrechen in die Weinberge, die tumultarischen Aufläufe, die Völlerei und das kommentmäßige Trinken. Die dabei zu beobachtendenRegeln sind in einem »Zech- und Saufrecht« aufgezeichnet, das ich auszugsweise nach Schluß dieses Kapitels wiedergebe, als vielleicht ganz willkommenes Gegenstück zu den nun üblichen Kommenten. Aus dem genannten Büchelchen geht hervor, daß besonders ausgepichte Kehlen Kerzen und Lichter mit dem Wein zusammen vertilgten, »denn es stehet geschrieben: trink' was fließend und feucht ist«. Saufbolde warfen ungewässerte Heringe in das Bier, andere Tollköpfe endlich zerbissen nach dem Schmollistrank die Gläser, wenn sie nicht renommierend Bier oder Wein aus »unflätigen Geschirren« tranken. Von den jenensischen Trinkgebräuchen verlautet: »Es wird uns berichtet, daß dort Deputationen zu Ehren des Bacchus gehalten wurden, wobei die Zuhörer kleinere Becher, der Opponent einen Humpen hatte, womit er in dreifachem Schluck das jus objectionis darstellte, der Respondent durch dreimaliges Trinken diesen nassen Syllogismus annahm, der Präses das übrige austrank.«[287]Aus Jena, besser gesagt aus Lichtenhain bei Jena, stammt auch die Würde desFürsten von Thoren, die nur ein ganz trinkfester Bruder Studio einnehmen konnte. Nach einer Tradition soll es einst einer dieser Fürsten auf achtzehn Stübchen auf einem Sitz gebracht haben, ein ganz nettes Quantum, da ein Stübchen fast vier Liter enthielt. Je weiterdas Mittelalter der Rüste zuging, desto mehr verschlechterten sich, wie bei allen Ständen, so auch die Sitten der akademischen Jugend, bis sie während und nach dem großen Religionskrieg die höchste Stufe der Verwilderung erreichten. Der »alamode« Student war ein Konglomerat der edelmännischen, soldatischen und bürgerlichen Sittenlosigkeit. Hans Michael Moscherosch, nach Grimmelshausen der bedeutendste Sittenschilderer aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, läßt sich im sechsten Gesicht »Höllenkinder« seines Hauptwerkes[288]über »Rüpel und Studenten« also aus: »Sie sind von ihren Eltern geschickt, um den Professoren mit Gehorsam und Demut entgegenzugehen und ihrer Lehre mit Fleiß und Ernst zu horchen; aber sie bringen die meiste Zeit im Luder hin und jagen das sauer erworbene Gut ohn Erbarmen durch …«
Im Verlauf seiner Geschichte zeichnet Philander von Sittewald eine Studenten-Kneiperei wie folgt:
»Als ich auf Ermahnung des Geistes – Philanders Führer – näher hinzutrat, sah ich, daß die Vornehmsten an einer Tafel saßen und einander zusoffen, daß sie die Augen verkehrten, wie gestochene Kälber oder geschlachtete Ziegen. Aber bei der Schenke bemerkte ich einen in grausamer Gestalt, der ihnen heimlich Schwefel und brennendes Pech unter den Wein mengte, wovon sie erhitztwurden, als ob sie voll höllischen Feuers wären. Einer brachte dem andern eins zu aus einer Schüssel, aus einem Schuh: der eine fraß Gläser, der andere Dreck, der dritte trank aus einem verdeckten Geschirr, darin allerhand Speisen waren, daß einem davor gruselte. Einer reichte dem andern die Hand, fragten sich unter einander nach ihren Namen und versprachen sich ewige Freunde und Brüder zu sein mit Hinzufügung dieses üblichen Burschenspruches: ›ich tue, was dir lieb ist, ich meide, was dir zuwider ist‹, dann band einer dem andern eine Schleife von seinen Schlotterhosen an des anderen zerfetztes Wams … Die aber einander nicht Bescheid tun wollten, stellten sich teils wie Unsinnige, teils wie Teufel, sprangen vor Zorn in die Höhe, rauften vor Begierde, solchen Schimpf zu rächen, sich selbst die Haare aus, stießen einander die Gläser ins Gesicht, mit dem Degen heraus und auf die Haut, bis hier und da einer niederfiel und liegen blieb. Und diesen Streit sah ich auch unter den besten und Blutsfreunden selbst mit teuflischem Wüten und Toben entbrennen. Ich hörte einen hinter mir, der sprach: Das sind die Blüten der Sauferei, das sind die Früchte des Pennalismus![289]worüber ich seufzend bei mir sprach: Mein Gott! ist es möglich, daß der Teufel etwas ärgeres unter den Menschen hätte aufbringen können als dieses, daß auch die bestenFreunde wegen eines Glases Wein, wenn sie einander nicht Bescheid tun wollen, nicht mögen oder können, sich so entzweien, zanken, neiden, plagen und placken! und was das ärgste ist, daß sie sich die bäurischen gröbsten Gedanken machen, als ob Ehre und Reputation deswegen in Gefahr stände!
Andere waren da, die mußten aufwarten, einschenken, Stirnknuffen und Haarrupfen aushalten, neben vielen anderen Narreteien. So saßen die anderen Esel auf diesen wie auf Pferden und soffen eine Schüssel Wein auf ihnen aus; andere sangen Bacchuslieder dazu oder lasen Bacchusmesse: »O edler Wein, o süße Gabe«. Die Aufwärter wurden von den andern genannt: Bacchanten, Pennäle, Haushähne, Spulwürmer, Mutterkälber, Säuglinge, Quasimodogeniti, Offskys, junge Herren; und sie sangen über diese ein Lied, dessen Anfang war:
Prächtig kommen alle Pennäle hergezogen,Die da neulich sind ausgeflogen.Und haben lang' zu Haus gesogenVon der Mutter usw.
Prächtig kommen alle Pennäle hergezogen,Die da neulich sind ausgeflogen.Und haben lang' zu Haus gesogenVon der Mutter usw.
Das Ende lautete:
So tut man die Pennäl agieren,Wenn sie sich mal imaginierenUnd die Studenten despectierenusw.
So tut man die Pennäl agieren,Wenn sie sich mal imaginierenUnd die Studenten despectierenusw.
Endlich nach Beendigung dieses Geplärrs schoren sie ihnen das Haar ab, wie denNonnen, wenn sie das Gelübde ablegen. Daher heißen diese Schoristen[290], Agierer, Pennalisierer; unter sich selbst aber titulieren sie sich: frische Kerls, fröhliche Burschen, freie, redliche, tapfere und herzhafte Studenten.
Andere sah ich blinzelnd herum schwärmen, als ob sie im Finsteren wären, jeder mit einem bloßen Degen in der Faust; damit schlugen sie in die Steine, daß es funkelte, schrieen in die Luft wie Pferde, wie Esel, wie Ochsen, wie Katzen, wie Hunde, wie Narren, so daß es den Ohren wehe tat; stürmten mit Steinen und Knütteln an die Fenster und riefen: heraus Pennal! heraus Feix![291]heraus Pech! heraus Raup'! heraus Schurk'! heraus Ölberger[292]und dann ging es bald an ein Reißen und Schmeißen, an ein Rennen und Raufen, an ein Hauen und Stechen, daß mir darob die Haare zu Berge standen …« »Andere wieder soffen einander zu auf Stühlen und Bänken, auf dem Tisch oder auf dem Boden, auf den Knieen, den Kopf unter sich, über sich, hinter sich, vor sich. Andere lagen auf dem Boden und ließen sich den Wein einschütten durch einen Trichter. Andere lagen und schnarchten; andere nickten und tranken sich zu; andere stimmten mit schwerer Zunge dem Gesange der Genossen bei; andere lagen lang auf dem Tische, das Kinn in die hohle Hand gestützt. Nun gings über Tür und Ofen, über Trinkgeschirr undBecher und mit ihnen zum Fenster hinaus mit solcher Unsinnigkeit, daß mir grauste.
Andere lagen da, spieen und kotzten wie die Gerberhunde; und wenn sie sich genugsam in dem Unflat besudelt hatten, dann kamen ein paar häßliche Geister und trugen sie zu Bett …« In Dürers Studentenroman »Geschichte Tychanders«, erschienen 1668, erzählt der Held von seiner Pennalzeit: »Ich verbrachte solch Probejahr nach gewöhnlicher Pennalweise, ohne Gott, ohne Gewissen, ohne Gebet in lauter wüstem heidnischen Fastnachtleben. Zwar was sag ich heidnisch? Wo ist bei Heiden ein solch verteufelt Leben jemals geführt worden? Fressen, saufen, passaten gehn, sich mit Steinen balgen, Fenster einwerfen, Häuser stürmen, ehrliche Leute durchhecheln, neue Ankömmlinge vexieren, beschmausen – (ihnen das von Hause mitgebrachte Geld abnehmen) und recht räuberischer Weise ihrer armen Eltern Schweiß und Blut helfen durch die Gurgel jagen, war meine tägliche Arbeit; um das Studieren bekümmerte ich mich nicht, ich hatte genug andere Possen zu tun«.[293]Sapienti sat!
Ein Saufgelage, einen »Jen'schen Abschiedsschmaus« im 18. Jahrhundert schildert, allerdings in Übertreibung, J. F. W. Zachariä (1726–1777) in seinem berühmten komischen Studenten-Heldengedicht »Der Renommist« im ersten Gesang:
… setzt euch, ihr Narren, und trinkt!Und trinkt, und trinkt, schrien auch die andern um die Wette,Und sauft, und saufet euch bis morgen in das Bette …!… Und alsobald füllt er das große Glas mit Bier,Und säuft dem ersten zu aufs Wohlsein der Scharmante,Ein Mädchen, welches er dem Namen nach kaum kannte.Den Schlüssel von der Tür hielt er, dem Zepter gleich,Als Hospes, in der Hand, und gab in seinem ReichEin heiliges Gesetz, ohn' Abziehn auszutrinken.Oft ließ sein Richterarm den schweren Schlüssel sinken;Weh dem, der dies Gesetz als ein Rebelle brach!Wenn er das Donnerwort, pro poena, zu ihm sprach,So mußt' ein neuer Strom in seine Kehle fließen;Sonst stand er in Gefahr sein Mädchen einzubüßen.Das Bier bewies die Kraft, der falsche Witz fing an,Und alle prahlten nun Schandtaten, nicht getan …«
… setzt euch, ihr Narren, und trinkt!Und trinkt, und trinkt, schrien auch die andern um die Wette,Und sauft, und saufet euch bis morgen in das Bette …!… Und alsobald füllt er das große Glas mit Bier,Und säuft dem ersten zu aufs Wohlsein der Scharmante,Ein Mädchen, welches er dem Namen nach kaum kannte.Den Schlüssel von der Tür hielt er, dem Zepter gleich,Als Hospes, in der Hand, und gab in seinem ReichEin heiliges Gesetz, ohn' Abziehn auszutrinken.Oft ließ sein Richterarm den schweren Schlüssel sinken;Weh dem, der dies Gesetz als ein Rebelle brach!Wenn er das Donnerwort, pro poena, zu ihm sprach,So mußt' ein neuer Strom in seine Kehle fließen;Sonst stand er in Gefahr sein Mädchen einzubüßen.Das Bier bewies die Kraft, der falsche Witz fing an,Und alle prahlten nun Schandtaten, nicht getan …«
Außer den gewöhnlichen Kneipereien, gab es an den Universitäten auch eine ganze Zahl von Gelegenheitsschmäusen, bei denen sich die Trinklust der Musensöhne Genüge leisten konnte. Da waren in erster Linie dieDepositionen, deren sich jeder neu zugezogene Student, derBeanusd. h. hec jaune = Grünschnabel, unterziehen mußte, um ein Pennal zu werden.
Eine ausführliche Beschreibung der diesen Orgien eigentümlichen »groben Bacchantereien« und den dabei geübten Unflätereien und Rohheiten steht in Scheibles Schaltjahr[294], kurz gibt sie Cornelius Relegatus, der Herausgeber des 1608 in Straßburg erschienenen Speculum Cornelianum[295]wie folgt:
Der Depositor examinirliche auch danebenWoher das Monstrum komme eben,Cornelius Antwort behendtDann man ihn seiner Gestalt nach köndtUrtheilen, wie daß er fürwahrEin beßlich Thier sey ganz und gar,Begabt mit zwey Hörnern großDern er begehrt zu werden loß;Dern ganz und gar so unbekandtDer löblich Mann Student genandt.Drauff wird er von ihm DeponirtBehawen, behobelt, wol abgeschmirt,Beschoren nach dem alten BrauchEin Zahn ihm ausgerissen auch usw.
Der Depositor examinirliche auch danebenWoher das Monstrum komme eben,Cornelius Antwort behendtDann man ihn seiner Gestalt nach köndtUrtheilen, wie daß er fürwahrEin beßlich Thier sey ganz und gar,Begabt mit zwey Hörnern großDern er begehrt zu werden loß;Dern ganz und gar so unbekandtDer löblich Mann Student genandt.Drauff wird er von ihm DeponirtBehawen, behobelt, wol abgeschmirt,Beschoren nach dem alten BrauchEin Zahn ihm ausgerissen auch usw.
Alles was der angehende Student bei sich trug, selbst seine guten Kleider, wurde ihm abgenommen und in Getränke umgesetzt, die durch die Kehlen der Deponenten gejagt wurden.[296]
Da waren außerdem noch die Prüfungsschmäuse, denen wir schon im fünfzehnten Jahrhundert begegnen, und die sich als offizielle Festmähler bis zur Gegenwart erhalten haben. Sie waren allen Universitäten gemeinsam, und überall führte der Universitäts-Dekan den Vorsitz bei Tisch.
1496 werden in Leipzig der Dekan und die mit geladenen Examinatoren verpflichtet, streng darauf zu achten, daß den Geprüften nicht zu große Kosten aus dem Schmaus erwachsen. 6 Gerichte, an jedem Tisch ein Schoppen (una scopa) von besserem Wein, sonst Wein und andres Getränk nach Bedürfnis. (Leipziger Statuten 25–27).
Im Statut vom 20./II. 1412 war untersagt worden, daß der Kandidat wälschen Wein, Reinfal, Romagna Wein (romaniam) Malvasier oder sonstige kostbare Sorten verabreiche, höchstens zu Beginn des Mahles oder beim Dessert oder nach dem Dankgebet. (Leipziger Statuten 314. 10).
Beim zweiten Mahle – jeder Kandidat gab drei Essen – durften feine Weine nur gegeben werden, wenn sie vom ersten Mahl übrig waren, beim dritten gar nicht mehr, denn dann war natürlich nichts übrig.
Auf der Universität von Frankfurt an der Oder durften Bier und Wein zum Doktorat und Lizentiat frei, ohne Steuer, eingeführt werden.[297]
Das Menu eines solchen, von Dr. Christoph Scheurl in Nürnberg am 25. November 1525 gegebenen Diners, das Melanchthon durch seine Anwesenheit verherrlichte, bestand aus:
1) Ein sewkopff samt einem lentbrothenn (Lendenbraten) in einem Zislunlein (saurer Sauce);2) Vorhann (Forellen) und esch (Äschen);3) V. rephuner;4) VII j vogel;5) j. Koppen (Kapaun) zum gebroten (als Braten);6) I I I j. h. (℔) hecht gesultzt;7) Ein schweine wiltpret in einem pfeffer;8) Keßkuchlein und ops;9) Pistaci, latbergen, leckuchlein, confection.«
1) Ein sewkopff samt einem lentbrothenn (Lendenbraten) in einem Zislunlein (saurer Sauce);
2) Vorhann (Forellen) und esch (Äschen);
3) V. rephuner;
4) VII j vogel;
5) j. Koppen (Kapaun) zum gebroten (als Braten);
6) I I I j. h. (℔) hecht gesultzt;
7) Ein schweine wiltpret in einem pfeffer;
8) Keßkuchlein und ops;
9) Pistaci, latbergen, leckuchlein, confection.«
Dazu tranken die 12 Teilnehmer: 6 Maß Neckarwein, 3 Maß Rotwein, 6 Maß Reinfall, zusammen 23 Maß, also etwas mehr als 2½ Liter per Gurgel.[298]
Die Gelehrten und Professoren beteiligten sich gerne an solchen Schmäusen, da sie meist weder im Essen noch im Trinken Kostverächter waren, und ihre Einnahmen für gewöhnlich die Anschaffung von Leckerbissen verbot, wenn sie nicht zu nicht immer lauteren Mitteln griffen, ihre Finanzen zu verbessern, deren unschuldigstes noch der Bier- und Weinhandel war.
In allen Universitätsstädten und fast in allen Städten, die höhere Schulen besaßen, war es den Lehrern gestattet, Getränke zu ihrem eigenen Gebrauch abgabenfrei einzuführen, in Frankfurt a. O. sogar die Doktoren aller Fakultäten.[299]In Jena und in Altdorf genossen die Professoren die Freiheit, in dem Kollegienbrauhaus, so viel Bier sie für ihren Hausbrauch und Tischgenossen bedurften, tranksteuerfrei brauen zu dürfen. Ferner warihnen durch die Statuten von 1569 ausdrücklich die Konzession erteilt, von dem der Universität gehörenden und später privilegierten Rosenkeller dort eingelagerten fremden und einheimischen Getränksorten an Bier und Wein ohne Steuerzahlung zu entnehmen.[300]Da nun die meisten Professoren Studenten bei sich wohnen hatten, so nötigten sie, wie dies in Jena Anlaß zu Klagen gab, ihre Einwohner fleißig zu trinken, »wofür sie ihnen bei allen strafwürdigen Vorfällen durch die Finger sahen.[301]«
»Überdies mag diese Abgabenfreiheit von der Getränkesteuer so manchen Professor zu einem stillen Haustrunk verleitet haben, der wohl häufig stärker ausfiel, als es für seine gelehrten Studien förderlich gewesen sein dürfte«, sagt Reicke[302], weshalb noch im 18. Jahrhundert den Fakultäten eingeschärft wurde,keine versoffenen Professorenzu wählen.
Natürlich war es den Gelehrten verboten, dieses Vorrecht zum Nachteil der Schankwirte auszuüben, woran sie sich aber wenig gehalten zu haben scheinen, da viele von ihnen einen schwunghaften Ausschank betrieben. In Heidelberg gestatteten die Statuten von 1558 ausdrücklich den Lehrern der Hochschule, alljährlich zwei Fuder Wein auszuschänken. Görlitz hatte sich wiederholt über den Rektor magnificus und Stadtpfarrer Magister Schwoffheim zu beklagen, derfremde Biere ausschenkte. Als auch die Brauereien sich dieser Beschwerde anschlossen, wurde Schwoffheim nach Bautzen versetzt, wo er es ebenso wie vordem in Görlitz trieb. Die Görlitzer erhielten hierauf den Pfarrer Redhem, der aber in die Fußstapfen seines Vorgängers trat.[303]
Übrigens waren die gelehrten Herren auch sehr bedeutende Konsumenten, die es gemeiniglich ebenso wie ihre Hörer trieben. So der Jurist Scipio Gentilis, ein Italiener von Geburt, der sich mit den Studenten volltrank, mit ihnen des Nachts auf den Gassen herumstrich, schrie, polterte und lärmte und wehrlosen Bürgern den Degen ins Gesicht trieb.[304]
Der Typus eines gelehrten Vagabunden zur Zeit der deutschen Renaissance war der »Poetenkönig«Eobanus Hessus(1488 bis 1540).
Zu Marburg in fröhlicher Schenke,Sitzt der Liebling der Musen, dem Weine so hold,Herr Eobanus Hessus,Ihm blitzt entgegen im Glase des Rheinweins Gold.(Karl Preser)
Zu Marburg in fröhlicher Schenke,Sitzt der Liebling der Musen, dem Weine so hold,Herr Eobanus Hessus,Ihm blitzt entgegen im Glase des Rheinweins Gold.
(Karl Preser)
Einst als er noch in Preußen am Hofe des Bischofs von Pomesanien lebte, forderte ihn einer seiner Mitzecher prahlerisch auf, einen Wassereimer, mit Danziger Bier gefüllt, auf einen Zug auszutrinken. Als Preis dafür ließ er einen kostbaren Ring in das Gefäß fallen. Hessus ließ sich nicht langebitten, er leerte den Eimer rasch, ohne abzusetzen, bei der Nagelprobe fiel der Ring heraus. Hessus aber weist ihn zurück, verächtlich blickend fragt er den Herausforderer, ob er denn glaube, daß er um Lohn zu trinken gewohnt sei?«[305]Der Brandenburgische HofastronomJohannes Cario, ein bedeutender Mathematiker, trank sich 1537 zu Tode, und ein ähnliches Schicksal widerfuhr dem Leibdichter des reisigen Kölner Erzbischofs Rainald von Dassel.
In Rostock ließen sich die Professoren von ihren Studenten zu den Nationalschmäusen führen, machten dort den größten Unfug mit, saßen mit ihnen auf dem Boden, tranken knieend, schrieen, blökten, schwärmten. Sie tanzen in ihrer Trunkenheit auf offenen Plätzen, »Stuben, Sälen, Gärten, Höfen, Vorwerken und Wiesen«. Besonders lächerlich sahen dabei die Theologen in ihren langen Röcken und Mänteln und gestutzten Harzkappen aus.[306]
Unter den gelehrten Trinkern genoß der Wittenberger Professor der PoesieFriedrich Taubmann(1565–1613), der nebenbei als Hofnarr des Kurfürsten Christian II. amtierte, den größten Ruf. Seine Streiche gingen von Mund zu Mund, und um seine Person wob sich schließlich ein ganzer Sagenkranz von Witzen, Schlagfertigkeiten und Rüpeleien. Einst befragt, warum er immer fröhlich sei, da er doch keineswegs ingünstigen Umständen lebe, antwortete er: »Ich habe genug, denn ich habe so viel, wie ich brauche. Habe ich gleich in Wittenberg keinen französischen Wein, so habe ich doch einen »Zesseuischen Goremberger«; gibt es auch diesen nicht, so gibt es doch Tischwein; gibt es keinen Tischwein, so gibt es Kuckuck[307]; gibt es diesen nicht, so gibt es Tischbier; ist kein Tischbier da, so gibt es Convent, ist auch dieser nicht vorhanden, so ist doch gottlob noch Wasser in der Elbe.[308]«
Von den vielen im Umlauf befindlichen Schnurren Taubmanns, die Friedrich Ebeling in seinem Buche »Zur Geschichte der Hofnarren. Friedrich Taubmann« gesammelt hat, sei eine für den Mann selbst und sein Zeitalter bezeichnende hier nacherzählt.
Die Herren am sächsischen Hofe nötigten einst Taubmann, so lange zu trinken, bis er den Wein wieder von sich gab. »Ihr Herren«, entschuldigte er sich, »wenn euer bestialisches Saufen eine Ehre ist, so ist mein unhöfliches Speien auch keine Schande!«[309]
Der Weltgeschichte gehört noch ein anderer Professor an, ebenso gelehrt wie Taubmann, doch nicht so klug und glücklich wie dieser, ein »armer Narr«, dessen geringer Verstand auf das roheste gewaltsam in Spirituosen erstickt wurde, Friedrich Wilhelms I. von Preußen Hanswurst –Jakob Paul Freiherr von Gundling, geboren1673 oder 1668, gestorben, besser gesagt zu Tode gemartert 1731 in Potsdam und begraben in einem mächtigen Weinfaß in Bornstädt bei Potsdam.[310]
Gundling war, wie erwähnt, kein großes Kirchenlicht, aber immerhin ein fleißiger Mensch mit nicht unbedeutendem Wissen in der Geschichte, der es auch im Leben zu etwas gebracht hätte, wenn ihn nicht ein böser Geist in den Kreis des Soldatenkönigs und seiner Kumpane beim Tabakskollegium geführt hätte. Ursprünglich Professor an der Ritterakademie und Rat und Historiograph im Oberheroldsamt, wurde er Zeitungsreferent beim Tabakskollegium, in Wahrheit aber ein mit Titeln überhäufter Hofnarr und damit die Zielscheibe der ungehobelsten und handgreiflichsten Rüdheiten der rohen Tafelrunde. Allabendlich war er betrunken, denn »im Weintrinken nicht zu ersättigen, klagte er immer über Durst, daher erhielt er auch oft ein vollgerütteltes Maß, womit ihn Hofleute und Offiziere reichlich beehrten, weil sie ihn dann desto besser genießen konnten. Besonders hatte er bei einem französischen Weinschenken namens Bleuset, seine Niederlage, von dem er selten nüchtern zurückkam.[311]«
Schon zu Gundlings Lebzeiten versuchten gelehrte Säufer, denen jegliches Ehrgefühl abging, Gundling aus seiner entwürdigenden Stellung zu verdrängen. So ein Dr.Bartholdiaus Frankfurt a. O., der schließlich als Wahnsinniger in strengstem Gewahrsam, festgeschlossen mit einer Kette an einen Stock, gehalten werden mußte. Dann ein zweiter Tollhäusler namensKornemann; der Helmstädter Professor Friedrich Augustvon Hackmann, ein richtiger Abenteurer, und endlich Gundlings größter KonkurrentDavid Faßmann, denMorgensternendlich als letzter gelehrter Trunkenbold und Hofnarr ablöste.
Faßmann, geboren 1683 zu Wiesenthal in Sachsen, war der Verfasser der damals überaus beliebten und endlos fortgesetzten »Gespräche im Reiche der Toten«, ein außerordentlich vielgereister und sprachgewandter Mann, der sich aber nicht entblödete, die ärgsten Roheiten gegen Gundling auszuhecken oder sich zum Werkzeug der derben Einfälle des Königs herzugeben.Magister Salomon Morgenstern, gleichfalls ein Sachse aus Pegau, hatte in Halle Vorlesungen über Geschichte und Geographie gehalten, ehe er zufällig nach Potsdam kam, wo er als Hofrat und Mitglied des Tabakkollegiums verblieb.
Die fortwährende Vertilgung großer Getränkemengen, an die sich die meisten Studenten Jahre hindurch gewöhnt hatten – brachten sie doch mindestens vier bis sechs Jahre, manche allerdings, wie ein Studiosus in Wittenberg, vierzig, in Leipzig sogar einerfünfundsiebzig Jahre[312]auf der Universität zu – blieb, wie ich bereits sagte, nicht ohne Folgen für das spätere Leben der »vollen Brüder«.
Wie sich solche ehemalige Bursche mitunter in Amt und Würden benahmen, zeigt folgender Vorfall, der andererseits auch ein grelles Streiflicht auf die Gemütsrohheit und Herzlosigkeit der mittelalterlichen Richter wirft.
Anläßlich eines Strafprozesses unter Bischof Heinrich Julius v. Halberstadt-Braunschweig gegen rebellische Braunschweiger Bürger heißt es:
»Sie (die in der Folterkammer anwesenden Glieder des peinlichen Gerichtes) trunken einander fleißig zu, daß sie auch so toll und voll wurden, daß sie einesteils eingeschlafen … Etwan in der dritten Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher Trunkenheit ihr gefaßtes Müthlein ziemlichermaßen ausgeschüttet, seyn sie für diesmal davongegangen … Zum dritten male bin ich abermals in die peinliche Kammer gebracht usw. und Hans Staub war so trunken und voll, daß er beim Tisch einschlief, und wann er hörte, daß ich etwas härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend: ›Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräter‹, und wenn er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen soffen die anderen tapfer auchherum Wein und Bier und wurden aus Trunkenheit und sonsten so verbittert, daß nicht zu sagen.«[313]
Wie glänzend sich die Saufmanie auf unseren Universitäten konservierte, bedarf keiner Erörterung, wenn auch zugegeben sein mag, daß die nivellierende Zeit viele, wenn auch noch lange nicht alle ihr anhaftenden Roheiten in Vergessenheit gelangen ließ. »Frei ist der Bursch«, und frei soll er auch sein, frei wie die Wissenschaft, an deren Quelle er sitzt. Er kann dies aber schließlich auch ganz gut sein, ohne sich zum Trunkenbold zu trainieren, seine Gesundheit zu schädigen und seine Geisteskräfte zu schwächen.