Chapter 9

Hippokras und Malvasier,Rintab (Rivoglio-Wein) undEimischerBierSind sie tür (teuer) so sind sie guot,[57]

Hippokras und Malvasier,Rintab (Rivoglio-Wein) undEimischerBierSind sie tür (teuer) so sind sie guot,[57]

von dem sogar der reiche, stark verwöhnte Finanzmann Tucher 1508 ein Fäßchen als hochwillkommenes Geschenk entgegennahm.[58]Als Luther das Verhör auf dem Wormser Reichstag glücklich überstanden hatte, sandte Herzog Erich von Braunschweig, um dem erschöpften Mann seine Teilnahme zu bezeugen, eine Flasche Einbecker.

Von demZerbster Bitterbierschrieb gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts der gelehrte Rektor Johannes Hübner: »Die Bürger brauen ein herrliches und gesundes Bier, welches bis nach Hamburg verführt wird. Wenn im Herbst das Brauen angeht, so wird in den Kirchen eine besondere Lobrede davon gehalten, wobey erstlich die Litaney und zuletzte auch das Tedeum gesungen wird, woraus man schließen kann, daß den guten Einwohnern gar viel an ihrer Braunahrung gelegen ist« – denn:

Zerbster Bier und Rhein'scher WeinDabei wollen wir lustig sein!

Zerbster Bier und Rhein'scher WeinDabei wollen wir lustig sein!

Croßner Bier, »welches einzig und allein auf dem dasigen Schloß gebrauet wird,und gleichwohl in der nahegelegenen Stadt niemals so gut gebrauet werden kann, sondern dieses letztere fällt allemal nicht nur anders, sondern auch viel schlechter aus.« Dieses Croßner »Urquell« behielt seinen Ruf bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts.

Das ölige, schwarzeErfurter Bier, der Luntsch, begeisterte den mäßigen, greisen Rudolf von Habsburg, daß er mit dem Kruge in der Hand auf die Straße lief und rief: »Wohl in, wohl in! eye gut Bier dat hat Herr Sigfrid von Bustede ufgetan.«

Rudolf von Habsburg der Rittersmann,Er läuft durch Erfurts Straßen,Mit vollem Pokal, er preist dem VolkDas Stadtbier über die Maßen.

Rudolf von Habsburg der Rittersmann,Er läuft durch Erfurts Straßen,Mit vollem Pokal, er preist dem VolkDas Stadtbier über die Maßen.

steht an einer Wand des Münchener Ratskellers. Andererseits wird in einer von Wattenbach im Anzeiger für die Kunde deutscher Vorzeit mitgeteilten Handschrift[59]das Erfurter Bier sehr abfällig kritisiert.

Von ihrem alten Ruhme zehrt noch heute die würzreiche starkeBraunschweiger Mumme, die anno 1487 der Brauherr Christian Mumme erfunden haben soll.

Von ihr schreibt Krünitz im fünften Teil seiner Encyklopädie: »Mumme … wird für den König der Biere in Deutschland gehalten. Es ist ein starkes Hopfenbier, welches zuerst von einem, Nahmens Mumme,davon es nachgehens auch den Nahmen bekommen, in einem nahe an dem alten Petersthor in Braunschweig gelegenen Hause gebrauet worden; wie denn, zum Andenken dessen, an selbigem Hause eine ausgehauene Statur eines Mannes, der ein Glas in der Hand hält, zu sehen ist. Weil nun dieses neue Bier gut befunden worden, hat es der Erfinder gewagt, und davon einen Theil über See gesendet, und endlich wirklich einen Handel damit nach England und Holland angeleget, daher er auch ein Rückgrat von einem Walfische, zum Wahrzeichen dieser seiner Reisen, an sein Haus hängen lassen.«

Man braute die zum Export bestimmte Schiffs-Mumme, die Stadt-Mumme, »die bald weggetrunken zu werden pflegt«, für den Stadtbedarf, und das Erntebier, das an die Bauern verkauft wurde.

Im Breslauer Ratskeller, der als Schweidnitzer Keller Weltruf genießt, wurden im sechzehnten Jahrhundert verabfolgt: Goldberger, Striegauer, Croßner, Zerbster, Warschauer, Merseburger und Mannheimer, daneben natürlich auch das altbekannte Breslauer Stadtbier, derScheps, von dem es hieß:

Breslauer BierIst der Schlesier Malvasier.[60]

Breslauer BierIst der Schlesier Malvasier.[60]

Mehr als lokale Berühmtheit genossen die Biersorten: dasBarthischeausPommern, das DanzigerJunkerbierund dasJopenbier, das BrandenburgerAltenklaus, das LübeckerIsrael, der MarburgerJunker, die BautzenerKlotzmilch, der HallischeCuff, der NymwegerMoll, den MagdeburgerFilz, den Johannes Fischart wiederholt erwähnt; dann das »Kotzborgense« der Epistolae virorum obscurorum, das aus Kötzschenbroda kam, dasNaumburger, das als gesund geltende Bier vonBelgern– Belgerana est omnibus sana – und das Pasenel aus Pasewalk.[61]Das heute so überaus geschätzte Münchener hat ein verhältnismäßig geringes Alter. Wohl besaß schon Ludwig der Strenge (1255–1294) in München ein Brauhaus, den Ahnen des heutigen Hofbräuhauses, das aber nur ein schweres braunes Gerstenbier erzeugte. Erst als im sechzehnten Jahrhundert helles Weizenbier aus Böhmen nach München kam, lernte man ein Mittelding zwischen dem einstigen dunklen und dem böhmischen hellen Bier, sogenanntes braunes Bier herstellen, das zu gut war, um dem Volke zu Gute zu kommen, daher ursprünglich nur für den Hof bestimmt war. Erst vom Jahre 1610 ab trieb man mit dem Erzeugnis des Hofbräuhauses Handel, der den Hofsäckel füllte und den Ruf des Münchener Bieres für alle Zeiten sicherte. Das Münchener Salvator-Bier (Sankt-Vaterbier) datiert aus dem Jahre1651, die bayerische Staatsbrauerei »Zum Weihenstephan« schon von dem Jahre 1146.

Doch alle diese Sorten, was waren sie gegen die Krone aller mittelalterlichen Biere, dem herrlichsten von allen, demBräuhahn, auch Broyhahn, Brühan oder Breyhan genannt. Die Vorzüge jedes einzelnen Bieres vereinigten sich beim Bräuhahn zu einem Bukett:

Grandia si flerent summo convivia caeloBreihanum Superis Jupiter ipse daret.

Grandia si flerent summo convivia caeloBreihanum Superis Jupiter ipse daret.

d. h. bei einem Himmelsmahle tat Jupiter seine Mitgötter mit Bräuhahn bewirten. Der Bräuhahn war der Inbegriff alles Vollkommenen, ja geradezu der Gattungsname für das beste Bier. Wie so viele andere die Menschheit »beglückende« Erfindungen verdankt auch das Bräuhahn dem Zufall sein Vorhandensein.

Cord Broyhan, ein Bierbrauergeselle aus Stöcken im Hannoverschen, hatte auf seiner Wanderschaft auch eine Zeitlang in Hamburg gearbeitet, wo er sich bemühte das Geheimnis der Zusammenstellung des berühmten weißbierartigen Stadtrunkes zu ergründen. 1526 in seine Heimat zurückgekehrt und Meister geworden, suchte er seine Mitbürger durch eine genaue Nachahmung des Hamburger zu überraschen. Das Gebräu mißriet – es wurde kein Hamburger, sondern ein süßlich-säuerlich erfrischendes Weißbier, das mit Begeisterungaufgenommen, den Namen seines Erfinders zu einem vergötterten machte, dessen Glanz erst mit dem hinsterbenden Mittelalter verblaßte. Das Bräuhahn war dem Trinker zu sehr ans Herz gewachsen, als daß er es nicht mit einem Sagenkranze umgeben hätte; die bekannteste unter diesen Bräuhahnsagen ist die – eben mitgeteilte über seinen Erfinder. Das Bräuhahn war entgegen den heutigen Weißbiersorten gehaltreich und kräftig. Der »hessische Orden der Mäßigkeit«, ein Temperenzlerverein von Landgraf Moriz im Jahre 1660 begründet, verbot in § 7 seiner Statuten die Ordensbecher »mit gebrannten, welschen, spanischen oder anderen starken gewürzten Weinen – Hamburger Bier und Brauhahn mit eingerechnet –« zu füllen. Der Ruf des echten Bräuhahns rief eine große Anzahl von ähnlichen Bieren ins Leben, die unter dem gleichen Namen ausgeschenkt wurden. Über Leipziger Gebräu klagt Christian Weise 1668 in seinen »Überflüssigen Gedanken der grünenden Jugend«:

»Leipz'ger Breuhahn schmeckt mir nie,Und das Rastrum ist noch schlimmer.« –

»Leipz'ger Breuhahn schmeckt mir nie,Und das Rastrum ist noch schlimmer.« –

Diesem LeipzigerRastrumoderRaster, bei Fischart »leipzisch Becherrastrum« benannte Gebräu war bekanntlich Luther nicht abgeneigt.

Von anderen Biersorten nennt Weise noch:

»Kuhschwanz,[62]Zerbster, Wurzner Bier,Klatsche,[63]Duchstein,[64]Garley,[65]Gose!«

»Kuhschwanz,[62]Zerbster, Wurzner Bier,Klatsche,[63]Duchstein,[64]Garley,[65]Gose!«

Von all diesen edlen Marken hat sich nur dieGose, der Nationaltrank von »Klein-Paris«, erhalten.

Die Gose, eine Spezialität Goslars, wurde dort bereits 1073 zur Zeit Kaiser Heinrichs IV. von den in der Harzburg eingeschlossenen kaiserlichen Völkern getrunken. Auch Harzburg, Quedlinburg und andere Harzstädte sotten Gose, die seit dem achtzehnten Jahrhundert auch in den Leipziger Vorstädten Döllnitz und Eutritzsch gebraut wird, wo sie der Sage nach von dem alten Dessauer 1738 eingeführt worden sein soll.

Selbst die kürzeste Geschichte des Bieres wäre lückenhaft, wenn nicht in ihr der deutschen Biermetropole und ihres dunklen Labetrunkes, desBockbieresgedacht würde. Wie dieses Bier zu seinem Namen kam erzählt Schranka nach dem Münchener Stadtbuch von Joh. Meyer wie folgt, wobei aber bemerkt sei, daß noch eine Unzahl anderer Versionen existieren:

»Und es saßen einst Herzog Christoph, genannt der Kämpfer und sein Bruder Albrecht II. im Bankettsaal ihrer Hofburg und zechten. In ihrer Gesellschaft befand sich auch ein Braunschweiger Ritter, der als Gesandter am bairischen Hofe weilte. Diesem setzten die Fürsten einen tüchtigen Humpen guten, echten Braunbieres aus dem herzoglichen Hofbräuhaus in München zum Frühtrunk vor; der Ritter tat einen guten Zug;aber bald setzte er den Humpen ab und legte seinen Mund in saure Falten. Er lästert, es sei gar kein Bier, sondern ein brauner Essig. Ja, er vermaß sich zu behaupten, er wolle den bairischen Herzögen einen Trunk senden, den man in der Stadt Einbeck braue, den aber kein bairischer Brauer, selbst der Braumeister des Hofbräuhauses nicht, nachzumachen im stande sein würde. Darob ergrimmten die beiden Herzöge, namentlich Christoph der Kämpfer, der Urbayer, höchlichst! Sofort ließen sie den Hofbraumeister heraufkommen und Herzog Christian fuhr ihn gar ungnädig an: »Du loser Schalk! Haben wir dich deshalb immer gnädig gehalten und sind mit dir nie karg verfahren, daß du uns lässest hier zu Schanden werden, also daß sie sagen, wir setzten ihnen eitel braunen Essig vor, statt Bier?« –

Da wollte sich der Braumeister verdefendieren, allein der Braunschweiger lachte und sprach: »Laß es gut sein, du magst in deiner Kunst sehr erfahren, aber nie wirst du im stande sein, ein Bier zu brauen, wie es hier zu Lande nicht not, denn wenn ihr mit dem zufrieden seid, dann verlangt ihr nicht nach besserem.«

Da geriet das leicht entzündliche bairische Blut in jähen Zorn und der Braumeister rief mit lauter Stimme: »So möge ein Gewett entscheiden! So ihr, wie man sagt, in Jahresfrist wieder nach München kommt, so bringtein Faß eures Bieres anher und ich will ein Faß sieden, so dem von euch wohl obsiegen soll oder ich will der schlechteste Meister sein und Ihro Gnaden sollen mich auf einem Esel verkehrt aus der Stadt ausreiten, auch alle meine Habe zu eurem Gunsten verlustig werden lassen.«

Da lachte der Braunschweiger noch mehr und setzte zweihundert Gulden als Gewett dagegen. Die Herzöge verbürgten sich für ihren Braumeister; der Bürgermeister Balthasar Riedler und Herzog Christophs Hofmeister, Christoph von Carzberg, aber für den Braunschweiger.

Ein Jahr war bald herum und endlich kam auch der Tag der Entscheidung; es war der 1. Mai.

Der Braunschweiger war schon zwei Tage vorher mit einem mächtigen Faß Einbecker, das gar lieblich mit Tannenreis geziert war, in München erschienen und hatte das Bier, damit es ausruhe, im fürstlichen Keller und eigener Bewachung verwahrt. Am 1. Mai beriefen die Herzöge die Bürger und Kämpfer zusammen. Viele von der Ritterschaft und auch der hohe Rat der Stadt München wurden geladen. Im Hof der herzoglichen Burg waren Galerien aufgeschlagen und schön mit bunten Teppichen, Tannenbäumen und Kränzen geschmückt. Hier nahmen die edlen Fräulein Platz, das seltene Gewettspiel mit anzusehen. Da um 9 Uhr früh tratendie Kämpfer in den Kreis und gelobten ihre Wette ehrlich und ohne Falsch auszufechten. Darauf wurden die Bürger ihres Eides entlastet.

Und es flogen die ehernen Krahnen in die Bäuche der Fässer und das edle Naß ergoß sich schäumend in die Humpen. Diesmal verzog der Braunschweiger das Gesicht nicht, aber er meinte geringschätzig: »Das mag wohl ein guter Trunk sein, aber nur für eure Weibchen, denn Kraft ist keine mehr darinnen.« – »So, meint Ihr, gnädiger Herr?« entgegnete siegesbewußt der Braumeister. Und er befahl einem Brauknecht zwei Humpen herbeizubringen, von denen jeder 2½ Maß Bairisch hielt. Beide Riesengefäße wurden aus den Fässern bis zum Rande gefüllt.

»Gesegn' Euch Gott den Trunk« und reichte ihm den Humpen, "ich will den Euern auf Euer Gnaden Wohl leeren! Und wer nach einer halben Stunde noch auf einem Beine stehend einen Zwirnsfaden einfädeln kann, der hat die Wette gewonnen.«

Das war dem Herren von Einbeck recht und der Strauß begann.

Beide Kämpfer setzten an und leerten ihre Humpen bis auf die Nagelprobe. Nun ging die Bergpflegerin auf ihre Stube, in der sich ein Gaislein befand, von dessen Milch der Pflegerin krankes Mägdelein trinken mußte, um Nadel und Zwirnsfaden zu holen.

Als sie heraustrat, entwischte das Gaislein und sprang in den Hof, gerade als sich die beiden Kämpfer auf ein Bein stellten. Der Braumeister hatte seine Nadel schon längst eingefädelt, als der Ritter seine Nadel schon zum dritten Mal hatte fallen lassen. Plötzlich torkelte er um und kugelte unter vergeblicher Anstrengung, sich wieder auf die Beine zu stellen, am Boden herum.

»Ei, edler Herr«, lachte der Braumeister, »was ficht Euch an, daß ihr Euch auf dem Boden herumwalzt?«

Da lallte der Ritter mit schwerer Zunge: »Der Bock da hat mich umgestoßen!«

»O nein«, lachte Herzog Christoph vergnügt ob des Sieges seines Braumeisters. Dieser aber meinte: »Der Bock, der Euch umgestoßen hat, den hab ich Euch gesotten.«

Das war ein Jubel im Burghof; bis in die Pfistenergasse und zum »Platzl« drang die Kunde vom Braumeister, der einen Bock gesotten, der den Braunschweiger in den Sand gestreckt …«[66]

Zum Andenken an jenes große vaterländische Ereignis wurde im Frühjahr nur ausschließlich im Hofbräuhaus das starke süße Bier gebraut, das noch bis in die spätesten Jahrhunderte hinein »Bock« genannt wurde.

Überdies kannte man noch, je nach der Gelegenheit, bei der es aufgetragen wurde: Brommel-Bier, von unverehelichten Meistern als Strafe gegeben, Ernte- undWadelbier, letzteres bei der Roggenernte, Gesellen-, Hochzeit-, Kindel- oder Kindstauf-, Kirms-, Meister-, Oster-, Pfingst-, Schiffs-Bier usw. Nonenbier (Cerevisia nonalis), das den Mönchen um die neunte Stunde, nona, verabreicht wurde; Tröstelbier, das beim Trauerschmaus vertilgt wurde, Schlußbier, bei Beendigung der Bauten getrunken, »Schlichtbier, in einigen Gegenden, bei den Wandkleibern, Lehmklechsern, eine Ergötzlichkeit an Bier, die sie erhalten, wenn sie eine eingekleibte, mit Lehm beworfene Wand, schlichten, das ist, glatt streichen.«

Ohne sein »Bräu« vermag kein ordentlicher Baier sich seines Lebens zu freuen. Gerne verzichtet er auf gewisse Annehmlichkeiten des Daseins, wenn sie mit dem Verlust seines Leib- und Magentrankes verknüpft sind. Allerdings treibt es kaum ein Baier so weit, wie jener Liebhaber desSteinauer Bieres, von dem Schickfuß in seiner Schlesischen Chronik erzählt:

»Der buckelichte Herzog Köberlein oder Conrad IV., Herzog zu Steinau, und Propst zu Breßlau im Thum, welcher im Jahre 1303 zum Erzbischoff zu Salzburg erwählet wurde, liebte es vorzüglich. Als er nun dahin reisete, und unterwegs das mitgenommene Steinauer Bier verzehrt hatte, er aber hörete, daß zu Salzburg wohl herrliche Weine, aber kein Steinauer Bier zu haben wäre, resolvirte er sich, lieber die Erzbischöfliche Inful, alsdas Steinauer Bier zu verlieren, und zog also wieder nach Steinau.«

Durch die zahllosen Biersorten, die Deutschland überschwemmten, und die alle verschieden gebraut und auf andere Art behandelt werden mußten, gewann die Bierbrauerei einen Umfang, der sich nun nicht mehr durch die Praxis allein bewältigen ließ, sondern auch theoretische Studien verlangte. Darum erschien bereits 1575 zu Erfurt das erste Buch über die Braukunst unter dem Titel: »Fünff Bücher von der Göttlichen und Edlen Gabe der philosophischen, hochthewren und wunderbaren Kunst, Bier zu brauen. Durch Henrikum Knaustium, beyder Rechten Doktoren«, dem sich im Laufe der Zeit eine schier endlose Reihe ähnlicher Werke anschlossen.

Die Bevölkerung der Weingegenden war häufig auf die Konkurrenz durch das Bier gewaltig erbost, was sich in mehr oder weniger grotesken Ausfällen gegen das Bier äußerte. So galt im Jahre 1355 in Krems, 1430 in Wien das Verbot, innerhalb der Ringmauern dieser beiden Städte weder Bier zu brauen noch zu schenken, »wail daz unsern purgern daselbs schedlich«. Der Rat von Reutlingen verstieg sich 1697 sogar zu dem Befehl: »Die Sudelei des Bierbrauens in allweg abzutun!« was aber dem lieben Gerstensaft nichts weiter geschadet hat, denn er war und blieb der treue Freund seiner Deutschen,die ihn verehren, auch wenn er aus Tschechien kommt.

Aber leider hatte das gute Bier sehr häufig Grund zu dem Stoßseufzer: Gott behüte mich vor meinen Freunden! Nicht genug, daß sie es mit allerlei Teufelszeug versetzten und ihm dadurch Eigenschaften anzuhexen suchte, die das harmlose Zeugs nun einmal nicht besaß, zwickten und zwackten sie es auch durch Zölle, Accisen, Verzehrungs- und andere Steuern, bis es fast seinen edleren Stiefbruder an Kostspieligkeit erreichte. Besonders auf die hohen Herrn hatte es allen Grund, recht böse zu sein. Denn wenn so ein Gewaltiger Geld nötig hatte, die Steuerschraube beim besten Willen nicht mehr anzuziehen ging und sogar aus den Juden nichts mehr herauszupressen war, dann mußte das arme Bier daran glauben, und die Accise verteuerte zu Gunsten des landesväterlichen Säckels den unentbehrlich gewordenen Trunk. In Bayern blieb das Nationalgetränk bis zum sechzehnten Jahrhundert ohne Staatsabgabe und erst das Jahr 1541 halste dem Bier die erste Steuer auf. »Im Jahre 1541 brach nämlich unter Kaiser Karl V. ein Krieg mit den Türken aus, der den Kaiser einen Zug nach Algier unternehmen ließ. Hierzu hatte als Reichsfürst auch Herzog Wilhelm von Bayern nicht nur mit einem Heer von Rittern und Reisigen Lehnsfolge zu leisten, sondern zu den Kriegskosten auchnoch 60 000 Gulden bares Geld beizusteuern. Um diese für jene Zeit außerordentlich hohe Summe aufzubringen, ließ der Herzog einen Aufschlag auf das Bier ausschreiben, der diesem denn auch später niemals wieder abgenommen worden ist. So hat die biertrinkende Welt also eigentlich die Schuld an der Steuer, die den edlen Trank dem Trinker um so und so viel verteuert, den Muselmännern zur Last zu schreiben.«

Diese Steuerungen gingen oftmals den Bürgern über den Spaß; sie kannegießerten, murrten, schimpften und skandalierten – natürlich mit aller Vorsicht. Denn solange die Bürger nur die Faust im Sack ballten, übersah dies die hohe Obrigkeit großmütig; wehe aber, wenn die Unzufriedenen einmal zu laut wurden, dann gab es blutige Köpfe und hatte Meister Hämmerleins Schwert Arbeit. So war es damals, als Johann Cicero von Brandenburg in seinem Staatsschatz Ebbe verspürte. Schlugen ihm auch 1484 die Stände zuerst die Einführung der Bierzinse ab, so zeigten sie sich, von den Verhältnissen gedrängt, vier Jahre später um so willfähriger, als der kluge Fürst sie an deren Erträgnissen Anteil nehmen ließ. »Sie – die Bierzinse –, wurde auf sieben Jahre von geistlichen und weltlichen kurfürstlichen Räten bewilligt, nämlich von jeder Tonne Bier zwölf Pfennige, so daß hiervon der Kurfürst acht und die Städte vier Pfennige zur Aufbesserungihrer Lage nehmen sollten.« Selbstverständlich traf diese Steuer nur die Bürger, auf denen ohnehin die ganze Last des Staatshaushaltes ruhte, denn die hohe Geistlichkeit, Prälaten, Grafen, Herren und die Ritterschaft waren von der Bierumlage befreit – natürlich, denn sie konnten sich ja Wein leisten und tranken ohnehin wenig Bier. Als sich die altmärkischen Städte, allen voran Stendal, weigerten die Steuer zu zahlen, fiel der Kurfürst mit einem starken Heer in der Altmark ein und züchtigte die renitenten Untertanen. In Stendal fielen die Häupter vieler »Aufrührer« auf dem Schaffott, in Salzwedel und Gardelegen wurden die Rädelsführer ins Gefängnis geworfen,[67]wodurch der blutigste deutsche Bierkrieg des Mittelalters sein Ende fand.

Auch Kurfürst Joachim I. Nestor erließ 1513 eine Bierzinse, die von da ab, namentlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, wo sie ihren Höhepunkt erreichte, auf der Tagesordnung blieb.

Aber auch den Städten selbst war das Bier ein willkommenes Steuerobjekt. Lag schon die Preisbestimmung des städtischen Bieres in ihrer Hand, die sie, je nach dem augenblicklichen Geldbedarf auf oder zu taten, so war ihnen, und nicht nur den Breslauern, schon der leidigen Konkurrenz wegen, das fremde Bier ein Dorn im Auge, dessen Vertrieb sie wohl nicht verbieten konnten, umnicht Repressalien hervorzurufen, den sie aber durch mitunter recht drückende Zölle erschwerten. So mußten in den Jahren 1442, 1448 und 1451 in Freiberg das von Mittweida, in Dresden das von Freiberg, in Chemnitz das von Zschopau, Freiberg und Mittweida hoch versteuert werden. Man trank aber dennoch fremde Biere trotz all dieser Schwierigkeiten lieber wie die einheimischen, denn abgesehen von dem Nemo propheta in patria huldigte man einem eigenartigen Aberglauben. »Es ist merkwürdig, daß, wenn die Biere verführt werden, sie an dem Orte, wohin sie gebracht werden, insgemein viel besser schmecken, als da, wo sie gebrauet werden. Von den preußischen Bieren z. B. schmeckt in Pillau das altstädtische Bier viel besser und angenehmer, als in Königsberg. Bei manchem Biere mus, bei dem Wegführen noch unterwegs ein Guß Springwasser darzu kommen, wodurch es an dem Orte, wohin es gebracht wird, weit mehr Belieben findet, als wenn diese Verdünnung nicht mit ihm vorgegangen wäre«.[68]

Wenn aber auch Gewaltmaßregeln den Bierkonsum beeinträchtigt haben mögen, auf die Dauer vermochten sie doch nicht dem Deutschen die Freude an seinem Bier zu vergällen; denn ehemals wie heute gilt der fromme Wunsch aller Deutschen und aller jener Undankbaren, die durch deutsche Sitte, deutschen Geist und deutsche Tatkraftzu dem geworden sind, was sie sind, die, wie so viel anderes, auch das Bierbrauen und Biertrinken von den Deutschen gelernt haben, das Stoßgebet:

Hopfen und Malz,Gott erhalt's!

Hopfen und Malz,Gott erhalt's!

Spitznamen früherer Biere.

Adam in Dortmund.Aliklaus in Brandenburg a. H.Alter Claus in Frankfurt a. O.Angst in Gera.Assenhäuser in Naumburg a. S.Augustin in München.Auweh in Lützenrode.Bastard in Frankfurt a. O.Batzmann in Frankfurt a. O.Bauch in Würzburg.Bauchweh in Grimma.Beinecken in Lüneburg.Benichen in Lüneburg.Bessre dich! in Dassel.Beyderwan in Frankfurt a. O.Biet den Kerl in Boitzenburg.Berrkatze in Marienwerder.Bock in Bayern.Bockhänger auch Bockhinger in Wollin.Bockshart in Wartenberg.Böcking in Allenstein.Borge nicht in Allenstein.Brausegut in Benickenstein a. Harz.Brauseloch in Brandenburg a. H.Breypot in Frankfurt a. O.Broyhan.Bruse, auch Buse und Puse in Osnabrück.Bruynen Barendl = Brauner Bernhard in Friesland.Bubarsch in Magdeburg.Buff in Halle a. S.Büffel in Frankfurt a. O.Bürste in Osnabrück.Cacabella oder Cacabulla in Eckernförde.Casernenbrühe in Zweibrücken.Chapit in Helmstädt.Clune in Mecklenburg.Cofent = Mönchsbier.Covent in Prag.Dasslich in Dasseln.Dewsel in Altenburg S.-A.Dicker Brei in Possenheim.Dickkopf in Eulenburg.Domherrnbier in Brandenburg a. H.Doppe in Danzig.Dorfteufel in Jena.Duckstein in Königslutter.Dünnebacken in Osterode.Egelei in Egeln.Ehestandsbier, Beinamen der Gose und anderer stärkender Biere.Einbeck in Grubenhagen.Es wird nicht besser in Lauenburg.Fensterschwitz in Wien.Ferrenbacher Vivat, eine Weißbierart.Fertzer in Frankfurt a. O.Fidelia in Frankfurt a. O.Filz in Magdeburg und Rostock.Fitscherling in Frankfurt a. O.Flickebier in Passenheim.Freudenreich in Dirschau.Fried und Einigkeit in Kyritz.Füllewurst in Welau.Garley, Gartey in Gardelegen.Gesalzen Merter in Heiligenspiel.Glatze in Culm.Glückeshan in Frankfurt a. O.Gose in Leipzig, Goslar usw.Gräsich in Westfalen.Gutkerl in Wettin bei Halle a. S.Guckuck siehe »Kuckuck«.Halbander in Creussen.Hanske in Bamberg.Harlemay in Liebemühl.Hartenacke in Lübeck und Frankfurt a. O.Hausmuff in Magdeburg.Heidecker in Merseburg.Helschessoff in Frankfurt a. O.Hengst, ein Covent.Herrentrank in Güstrow.Hock, ein weinähnliches, klares Bier.Hölsing, Hösing in Wolgast.Horlemotsch in Frankfurt a. O.Hosenmilch in Dransfeld.Hotenbach in Frankfurt a. O.Hund in Corwey und Dasseln.Ich halt's in Hohenstein.Ich weiß nicht wie in Buxtehude.Israel in Lübeck und Dortrecht.Itax in Frankfurt a. O.Jammer in Ostpreußen.Joopenbier in Danzig.Jucksherz in Nimwegen.Jumber in Marburg a. L.Junker in Danzig.Kache in Münster i. W.Kamma in Herpord.Kater in Stade.Keut in Westfalen.Keuterling in Wettin bei Halle.Kelberzagel in Marienburg.Keuteljucken, ein Dünnbier.Kinast in Wormdit.Kirbel in Straßburg i. E.Klapitt oder Klepitt in Helmstädt.Klatsch in Jena.Klawenich in Neydenburg.Klotzmilch in Bautzen.Knisenack in Güstrow.Korvinck in Frankfurt a. O.Kolleber in Königsberg i. Pr.Komma in Herford.Kopfbrecher in Torgau.Koyte in Münster i. W.Krabbel an der Wand in Eisleben.Kranker Heinrich in Graudenz.Krausemünze in Rosenburg.Krebsjauche in Mühlhausen.Kressen in Frankfurt a. O.Krewsel in Rastenburg.Kuhschwanz in Tangermünde und Delitzsch.Kühle Blonde = Berliner Weißbier.Kühmaul in Bartenstein.Kuckuck in Wittenberg.Kupenbier in Berlin und Cölln a. Spree.Kynast in Wormdit.Kyrmes in Neuburg.Lachemund in Wartenberg.Langfahn in Meißen.Langweile in Schlesien.Laucke in Mölln in Lauenburg.Leertz in Melsack.Lieber Herr Lorenz! in Guttstadt.Lorch in Frankfurt a. O.Loröl in Thorn.Lohenase in Frankfurt a. O.Lumpenbier in Wernigerode.Lurley, ein Zieter Bier.Lustiger Pater in Corvey.Masnotz in Teschen.Maulesel in Jena.Märzen in Rostock.Meng es wol! in Kreuzburg.Menschenfett in Jena.Mill in Nimwegen.Moll in Nimwegen und Köpenick.Mortpotner in Frankfurt a. O.Mord und Totschlag in Kyritz, Merseburg und Eisleben.Muff in Halle und Halberstadt.Mückensenff in Frankfurt a. O.Münster in Wien.Nasewisch in Schippenheil.Nicolaus in Brandenburg a. H.Nöster in Hamburg.Oehl in Rostock.Ohne Dank in Moringen.O Jammer in Weve (?).O Stockfisch in Heldt (?).O wie! in Limbach.O Zutter! in Schöneck.Pasenelle in Pasewalk.Petermann in Ratzeburg.Pharao, ein Dortweiler Dünnbier.Pipenstael in Mecklenburg.Plunder in Jürgenrück (?).Pohk in Pattensen.Preussing in Danzig.Puff in Halle.Puffel in Frankfurt a. M.Pumpernickel in Nerchau bei Grimma.Puse in Osnabrück.Quackeldeiß in Eckernförde.Quitschart in Frankfurt a. O.Rachenputzer in Wallin.Ramenach in Glückstadt in Holstein.Rammeiß, ein Lübecker und Ratzeburger Bier, das in Danzig stark getrunken wurde.Ramna, ein Herforder Bier.Rarkatter in Tolkemit.Rasemann in Frankfurt a. O.Rastrum in Leipzig.Rennerkatter in Pautzke.Reuterling in Webbingen bei Halle und in Weimar.Reyssekopff in Frankfurt a. O.Rockenzagel in Stumm.Roite in Münster.Rolah in Thorn.Rolingsbier in Frankfurt a. O.Roloch in Thorn.Rorkatter in Tolkemit.Rummeldeiß in Ratzeburg.Rutetop in Frankfurt a. O.Salat in Frankfurt a. O.Salvator = Sankt Vaterbier in München.Salz es bas! in Fischhausen.Sausewind in Reden.Saure Magd in Königsberg.Schackrach in Thüringen.Schemper, ein Covent.Scheusel in Altenburg.Schlacknack in Eisleben.Schleppenkittel in Fischhausen.Scheps in Breslau.Schlichtim in Elbing.Schlickerei in Passenheim (?).Schlipschlapp in Frankfurt a. O.Schlucknach in Eisleben.Schlunz in Erfurt.Schweis im Nacken in Güstrow.Schmier nicht! in Stolp.Schreckegast in Heilsperg.Schüttekappe auf Rügen und in Rittershaus.Schüttelkopf in Rüddagshausen.Schweinspost in Straßburg.Schwente in Neuteich.Singewohl in Frauenburg.Sohl den Kerl in Hadeln.Sollewurst in Welau.Soltmann in Salzwedel.Sommertrank in Zerbst.Speie nicht in Riesenburg.Sperpipe in Frankfurt a. O.Spülekanne in Stargard.Spülwasser in Löbe.Staffeling in Frankfurt a. O.Stampf in die Aschen in Frankfurt a. O.Stier in Schweidnitz.Streckefisel, ein Merseburger.Streckepertzel in Frankfurt a. O.Strohheingen in Frankfurt a. O.Strutzing in Löbe (?).Stürzen Kerl in Braunsberg.Taract, ein Culmeser Bier.Taubenschwanz in Stendal.Tibi soli, Braunschweiger Klosterbier.Toller Wrangel in Breslau.Trawöl in Lübeck.Trink! eine Covent-Art.Trumpe in Neumark.Tunke in Zittau.Vasemann in Frankfurt a. O.Wehr dich! in Danzig.Witte in Kiel.Wittelaus in Kiel.Wittenkiel in Schöningen.Wo ist der Magd Bett? in Dt. Eulau.Wolgemut in Friedland.Wohlsack in Brockhausen.Wuistdas in Liebstadt.Wullsack in Brockhuß (?).Wuttu in Hannover.Würze in Zerbst.Zals in Eilenburg.Zitzenille in Nauen.Zyth in Rostock.


Back to IndexNext