Es ist uns etwas zugestoßen, ihr Christen, während dieser Mitternachtstunde in der Völkergruft Europas. Es ist uns etwas zugestoßen, wofür es noch keinen Namen gibt; es ist uns ein Zeichen geworden, welches noch niemand deuten kann. Mit nichten aber ist es dieser Krieg oder was ihm noch folgen wird auf seiner qualmenden Bahn. Auch der drohende Niedergang ist es nicht einer dreitausendjährigen Gesittung, die ihren Weg einst vom Südosten des Festlands aus genommen hatte, dann den Westen und die Mitte wie mit artenreichem Pflanzenwuchs verschwenderisch berankte, und jetzt im Nordosten des Festlands jählings endigt. Gehört doch derlei jeweils zu dem Leben der Geschichte: daß Siebenjährige, Dreißigjährige Kriege wüten, daß volkreiche Staaten gegründet und zerstört werden, daß rühmliche Gesittungen reifen und entarten. Sogar Umwälzungen von heftigster Gewaltsamkeit, die wir, käme es nur auf uns an, höchstens als grausame Ausnahmen gelten ließen, gehören offenbar zu den gebräuchlicheren Mitteln der Geschichte. Wären wir zum Beispiel genauere Kenner unseres Mittelalters, als wir in der Regel sind, dann wäre uns bewußt, daß in unserer eigenen Vergangenheit ein gesellschaftlicher Umsturz nach dem andern pausenlos eintrat wie das Feuern aus den Geschützen einer Batterie. Erlauchte Rassen und Stämme, eben noch Träger weithin wirkender geschichtlicher Bewegungen, sind schon einen Augenblick später von den Wirbeln des Todes fast spurlos verschlungen. Und wo die Rassen oderStämme als solche dauern, da schichten sich ihre Stände in desto stärkeren Erschütterungen um und um. Was das für ein Trauerspiel gewesen sein mag, wenn etwa die freien Bauernschaften der taciteischen Germanen unter den fränkischen, sächsischen, salischen Königen unwiderstehlich zu Hintersassen, zu Hörigen erniedrigt wurden, das ahnen wir vielleicht in diesen Tagen, wo ein blühender Mittelstand einem ähnlichen Verhängnis verfallen zu sein scheint. Was damals den freien Bauern der Dorf- und Markgenossenschaft geschah, ist später dem Laienadel nicht erspart geblieben, der seinerseit vom Aufstieg der Städte und von der Ausbreitung der Geldwirtschaft an in fortschreitende Abhängigkeit vom bürgerlichen Geldgeber gerät. Bis dann im Dreißigjährigen Krieg auch diesem Bürger wiederum die Stunde geschlagen hatte und er zu seinem Teil demdominus terraemehr oder minder schimpflich untertänig ward... Umwälzungen dieser Art, wie bitter sie von den Betroffenen empfunden werden und wie zahlloses Menschenglück ihnen zum Opfer fällt, gehören also dennoch dem unbegreiflichen Leben und Weben der Geschichte an. Wir Gegenwärtigen verwundern uns mutmaßlich über sie nur darum so ungemein, weil wir in vierzig Jahren gleißender Befriedung und Verbürgerung die schicksalhafte Härte und Unabänderlichkeit geschichtlichen Geschehens höchstens noch in den Annalen der Vergangenheit fanden. Welch ein unterschwürig bedrohtes, stets der Bedrängnis seitens des Mächtigeren ausgesetztes Dasein der geschichtliche Menschbis dahin zu fristen verdammt war, hatten wir gründlich vergessen, — vielleicht mit alleiniger Ausnahme derer, die sich mit Recht oder Unrecht die Enterbten zu nennen pflegten. Erschüttert und aufgewühlt, ja in tiefster Seele recht eigentlich außer uns gesetzt, erfühlen wir’s erst seit Neunzehnhundertundvierzehn wieder, was es heißt, um Luft und Licht, Freiheit und Leben zu ringen auf jenem fürchterlichen Kampfschauplatz, der Geschichte heißt...
Es ist uns etwas zugestoßen, ihr Christen, während dieser Mitternachtstunde in der Völkergruft Europas. Es ist uns etwas zugestoßen, wofür es noch keinen Namen gibt; es ist uns ein Zeichen geworden, welches noch niemand deuten kann. Mit nichten aber ist es dieser Krieg oder was ihm noch folgen wird auf seiner qualmenden Bahn. Auch der drohende Niedergang ist es nicht einer dreitausendjährigen Gesittung, die ihren Weg einst vom Südosten des Festlands aus genommen hatte, dann den Westen und die Mitte wie mit artenreichem Pflanzenwuchs verschwenderisch berankte, und jetzt im Nordosten des Festlands jählings endigt. Gehört doch derlei jeweils zu dem Leben der Geschichte: daß Siebenjährige, Dreißigjährige Kriege wüten, daß volkreiche Staaten gegründet und zerstört werden, daß rühmliche Gesittungen reifen und entarten. Sogar Umwälzungen von heftigster Gewaltsamkeit, die wir, käme es nur auf uns an, höchstens als grausame Ausnahmen gelten ließen, gehören offenbar zu den gebräuchlicheren Mitteln der Geschichte. Wären wir zum Beispiel genauere Kenner unseres Mittelalters, als wir in der Regel sind, dann wäre uns bewußt, daß in unserer eigenen Vergangenheit ein gesellschaftlicher Umsturz nach dem andern pausenlos eintrat wie das Feuern aus den Geschützen einer Batterie. Erlauchte Rassen und Stämme, eben noch Träger weithin wirkender geschichtlicher Bewegungen, sind schon einen Augenblick später von den Wirbeln des Todes fast spurlos verschlungen. Und wo die Rassen oderStämme als solche dauern, da schichten sich ihre Stände in desto stärkeren Erschütterungen um und um. Was das für ein Trauerspiel gewesen sein mag, wenn etwa die freien Bauernschaften der taciteischen Germanen unter den fränkischen, sächsischen, salischen Königen unwiderstehlich zu Hintersassen, zu Hörigen erniedrigt wurden, das ahnen wir vielleicht in diesen Tagen, wo ein blühender Mittelstand einem ähnlichen Verhängnis verfallen zu sein scheint. Was damals den freien Bauern der Dorf- und Markgenossenschaft geschah, ist später dem Laienadel nicht erspart geblieben, der seinerseit vom Aufstieg der Städte und von der Ausbreitung der Geldwirtschaft an in fortschreitende Abhängigkeit vom bürgerlichen Geldgeber gerät. Bis dann im Dreißigjährigen Krieg auch diesem Bürger wiederum die Stunde geschlagen hatte und er zu seinem Teil demdominus terraemehr oder minder schimpflich untertänig ward... Umwälzungen dieser Art, wie bitter sie von den Betroffenen empfunden werden und wie zahlloses Menschenglück ihnen zum Opfer fällt, gehören also dennoch dem unbegreiflichen Leben und Weben der Geschichte an. Wir Gegenwärtigen verwundern uns mutmaßlich über sie nur darum so ungemein, weil wir in vierzig Jahren gleißender Befriedung und Verbürgerung die schicksalhafte Härte und Unabänderlichkeit geschichtlichen Geschehens höchstens noch in den Annalen der Vergangenheit fanden. Welch ein unterschwürig bedrohtes, stets der Bedrängnis seitens des Mächtigeren ausgesetztes Dasein der geschichtliche Menschbis dahin zu fristen verdammt war, hatten wir gründlich vergessen, — vielleicht mit alleiniger Ausnahme derer, die sich mit Recht oder Unrecht die Enterbten zu nennen pflegten. Erschüttert und aufgewühlt, ja in tiefster Seele recht eigentlich außer uns gesetzt, erfühlen wir’s erst seit Neunzehnhundertundvierzehn wieder, was es heißt, um Luft und Licht, Freiheit und Leben zu ringen auf jenem fürchterlichen Kampfschauplatz, der Geschichte heißt...
Trotzdem kann es nicht diese mit Blut und Tränen erkaufte Erkenntnis sein, die uns aus jedem wohltätigen Gleichgewicht der Seele gebracht hat. Da es der geschichtlichen Menschheit nur in wunderseltensten Feierstunden besser erging als uns, meist jedoch wesentlich schlechter, müßte sie folgerichtig auch ihrerseit die Merkmale, und zwar die verstärkten Merkmale unserer dermaligen Gemütsverfassung aufweisen, — weist sie aber dessen unerachtet nicht auf! Im Gegenteil. Je unsicherer, gesetzloser, verbrecherischer die Zeiten waren, je heftiger der Einzelne unter sittlicher und bürgerlicher Willkür zu leiden hatte, je fragwürdiger sich sein ganzes gesellschaftliches Dasein ausnimmt, desto hochwertiger bedünken uns oft die Leistungen unserer geschichtlichen Vorfahren. In einer Chronik des dreizehnten oder sechzehnten Jahrhunderts blätternd, verstehen wir’s schlechterdings nicht, wie es die Menschen unter den geschilderten Verhältnissen hatten überhaupt nur aushalten können. Uns aber dann von diesen Chroniken her den Denkmalen jener Zeiten zuwendend, den Denkmalen inErz und Stein, in Holz und Glas, auf Leinwand und auf Pergament, — wie sind wir nicht erstaunt und ergriffen von der Weitatmigkeit des Schwungs, der die Besten ihres Zeitalters zu solchen Werken, solchen Taten hinriß! Und wie wir denn im Leben wohl hie und da einen Mann kennenlernen, der von wilden Leidenschaften hin- und hergetrieben wird und dennoch auf dem Grunde seines Wesens einen tiefen, schönen Frieden göttlich spiegelt, so scheinen just die Zeitalter klassischer Erfüllung nach außen hin zwar stürmischer als alle anderen bewegt, jedoch nach innen in jenem Zustand seelischer Ausgeruhtheit durchaus zu verharren, wie er nach traumlos erquickendem Schlaf das menschliche Gehirn allein zu seinen schöpferischen Eingebungen stärkt und befähigt. Diesen beneidenswerten Anblick indes bieten wir selbst heute in keinerlei Betracht dar, wenigstens nicht für uns selbst als unsere eigenen Beobachter und Beurteiler. Im Unterschied zu so begünstigten Zeitaltern ist das unsrige vielleicht, nach außen gewendet, nicht einmal stürmisch bewegt zu nennen, — wie ungereimt dies auch klingen mag! — geschweige, daß es, nach innen gewendet, den Zustand gestärkten Ausgeruhtseins, Ausgeruhthabens nach irgend einer Richtung hin darbieten würde. Die entnervende Unruhe, die uns ergriff, ist nicht die Unruhe des aufbrandenden Lebens, sondern des fiebernden Blutes. Unserm Betätigungdrang fehlt bei aller Rastlosigkeit der weit ausholende Pendelschlag organischer Rhythmik. Unserm Übereifer zu Lebenserneuerungen um jeden Preis mangelt die sichere Einstellung in die letzten Welt- und Lebensziele. Unserer Geschwätzigkeit über Gott und Geist gebricht das unbeirrbare Zutrauen zu uns selbst und der von uns gewählten Richtung. Darum überzeugt keiner den andern, traut keiner dem andern, glaubt keiner dem andern. Ein unbestimmbares Etwas, eine Tugend, eine Gnade ist uns offenbar abhanden gekommen, welche unsere Vorfahren in den schlimmsten Zeiten der Vergangenheit nicht zu missen hatten. Irgend ein Gut, dessen der geschichtliche Mensch unerläßlich zum Leben bedarf, wurde uns entwendet; irgend welche Gewichte, die den Uhrgang unserer Zeitlichkeit zu regeln haben, sind ausgehängt worden. Aber es ist wahrhaftig schwer, ein Ding zu suchen und wieder zu finden, von welchem man nicht einmal eine deutliche Vorstellung hat und das man trotzdem verlor...
Vor einem halben Jahrhundert, etwas früher oder etwas später, mag es sich zugetragen haben, daß unsere europäische Gesellschaft allmählich in diese seltsame Schwankunglage hineinglitt, von der hier die Rede ist. Mit einigen ganz unverkennbaren Anzeichen von beängstigender Übereinstimmung setzt ein Zeitalter ein, das mit einigem Fug das Zeitalter der Entblößungen genannt werden dürfte: denn eine Entblößung der Gattung Mensch vor sich selbst beginnt, wie sie mit ähnlicher Unerbittlichkeit, mit ähnlicher Schamlosigkeit von keinem der geschichtlich bekannten Zeitalter geübt worden ist. Das war wie wenn ein vornehm und kostbar gekleidetes Weib sich eines Abends vor dem Stehspiegel auszöge und nun, da sie ein Kleidungstück nach dem andern ablegt, erst mit Befremden, dann mit Mißbehagen, dann mit Kummer, dann mit Abscheu, dann mit Haß auf sich selber die vormals nie beachteten Mängel ihres unvollkommenen Leibes wahrnähme: dies also bin ich, dies ist mein dünnes, ausgekämmtes Haar, dies mein verbrannter Hals und Nacken, dies meine abgeblühte Büste, dies meine wulstig gepolsterten Hüften, dies meine kurzen und gekrümmten Beine, dies mein flach und platt geformter Fuß... Ähnlich einem solchen Weibe, das sich vor ihrem Spiegel peinlich entkleidet und ihre arme Nacktheit nach all ihren Häßlichkeiten streng durchmustert, zornig und traurig zumal, daß sie nur ist wie sie ist, und dennoch außerstand, auf ihre grausame Selbstprüfung zu verzichten, — ähnlich beginnt der europäische Mensch zu einer ganz bestimmten Zeit im abgelaufenen Jahrhundert sich vor sich selber ohne Schonung zu entblößen und alles, was er bisher tat und schuf, auf seinen Unwert hin zu erforschen. Da ist vor allem sein höchster Stolz und Abgott, der sogenannte Staat: bei Licht besehen nur die Anstalt einer kleinen Anzahl Mächtiger zur dauernden Knechtung und Entrechtung machtloser Massen. Da ist des ferneren die sogenannte Gesellschaft: bei Licht besehen nur die angemaßte Herrschaft einer Kaste, einer Klasse über andere Kasten und Klassen, die herkömmlich als nicht geeignet für die Ausübung der Herrschaft gelten. Da ist diesogenannte Wirtschaft: bei Licht besehen nur die regelrecht betriebene Ausbeutung menschlicher Arbeitkräfte als einer käuflichen Ware durch den einzelnen oder vergenossenschafteten Unternehmer. Da ist die sogenannte bürgerliche Lebensordnung: bei Licht besehen nur die als Ehrbarkeit vermummte Heuchelei und die als Sittenstrenge sich aufspielende Zuchtlosigkeit. Da ist die sogenannte Ehe: bei Licht besehen nur der Lebens- und Todeskampf der ewig feindlichen Geschlechter. Da ist die sogenannte Liebe: bei Licht besehen nur die wilde Gier der gegenseitigen Besitzergreifung. Da ist die sogenannte Sittlichkeit: bei Licht besehen nur die Bemäntelung selbstsüchtiger Leidenschaften durch angeblich selbstlose Beweggründe und Triebfedern. Da ist die sogenannte Religion: bei Licht besehen nur die Übertragung niemals erfüllter und unerfüllbarer Menschenwünsche auf die Gestalten erdichteter Götter. Da sind die sogenannten Ideale: bei Licht besehen nur die bewußten Widerspiegelungen jeweils wirtschaftlicher Vorgänge und Verhältnisse, wenn nicht am Ende gar die aus Angst vor der Wirklichkeit erzeugten Welt- und Selbstbeschönigungen. Da ist die sogenannte Seele: bei Licht besehen nur ein Bündel von unersättlichen Trieben und Begehrungen, von denen niemand wissen kann, welche in der nächsten Sekunde die Oberhand gewinnen werden. Da ist der sogenannte menschliche Verstand, die menschliche Vernunft sogar: bei Licht besehen nur eine Waffe mehr im Kampf ums Dasein, um den Nächsten zuüberlisten und womöglich über seine Leiche eine Stufe höher zu turnen hinauf zum Besitz, zur Macht und zum Erfolg. Da ist das sogenannte Recht: bei Licht besehen nur die Verewigung menschlicher Rachsucht und Vergeltungwut, die das Verbrechen ahndet, indem sie’s wiederholt, und den Verbrecher straft, indem sie ihn foltert oder tötet... Dieser Art fühlte sich derhomo europaeusjener Jahrzehnte gedrungen, die Summe seiner bisherigen Anstrengungen mit einer gewissen Lust an Selbstzerstörung dämonisch zwangsläufig zu ziehen; — solchermaßen fand er alles Geleistete verdammungwürdig, verächtlich, schlecht. Nicht wollte und konnte er eher ruhen, bis er sich die letzten Fetzen jener prachtvollen, aber lügenhaften Verhüllungen von seinem Leib gerissen hatte, — Verhüllungen, die ihm bisher prahlerisch verheimlicht hatten, daß er das böse Tier der Eis- und Steinzeit je und je geblieben war: „säuischer als Schweine, grimmiger als Löwen, geiler als Böcke, neidiger als Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener als Rinder, listiger als Füchse, gefräßiger als Wölfe, närrischer als Affen und giftiger als Schlangen und Krotten,“ wie unser herzhafter Simplizissimus derb und heftig herausgesagt hat... Der Mensch, das Tier der Urzeit: so zweigte ihn ja jetzt die Wissenschaft selber zoologisch, morphologisch ein in den Stammbaum der lebendigen Wesen, die das Tierreich bilden. Aber der Mensch ist nicht nur das Tier der Urzeit, sondern das böse Tier der Jetztzeit, weil er sich trotz seiner Abkunft aus dem Tierreich ein menschliches Wissen um Böse und um Gut erworben hatte. In dieser Jetztzeit ist der Augenblick für ihn gekommen, in dieser Jetztzeit, und keineswegs schon am Anfang, wie es das Alte Testament will, wenn es vom ersten Menschenpaar berichtet: „da wurden ihrer beiden Augen aufgetan, und wurden gewahr, daß sie nacket waren“... In dieser Stunde der gnadenlosen Selbstentblößung und Selbstbeschämung sieht sich der europäische Mensch nacket, — hier übermannt ihn die Erkenntnis, daß alles, was er aufgewendet hatte in den Jahrtausenden, die seine Erinnerung umspannt und mehr noch in den anderen, die seine Erinnerung nicht umspannt, dem eigenen Urteil nirgends standhalten konnte. Nun er mit unsäglichem Aufgebot dies wilde böse Tier in sich gebändigt hatte, mußt’ er sich überzeugen, daß er von seiner Wildheit zwar manches abgegeben, die Bosheit jedoch bewahrt und gemehrt hatte, und daß verrucht war, was ihm von Herz und Händen ging...
Jahraus jahrein hatte so der europäische Mensch durch die Zunge solch unentwegter Selbstankläger zu sich selbst gesprochen. Jahraus jahrein hatte er sich mit eigener Zunge selbst gestochen und zerstochen, bis er zuletzt noch einmal durch die Stimme dreier Propheten sprach, die am Werk der Selbstentblößung ihrerseit am eifrigsten beteiligt waren. Und was sie lautbar machten, hörte sich freilich schon wie der zerberstende Hornstoß Heimdalls, des Zeichengebers an, als er von der Zinne Walhalls Schiff Naglfar draußen am Rand des brüllenden Nordmeerskreuzen sah... Von diesen denkwürdigen Dreien durchlitt der Erste zum voraus in eigener Person alles Leid, welches in Bälde eine Menschheit würde überkommen müssen, wenn sie wirklich die letzte Scham von sich geworfen hatte und mit der eigenen Nacktheit Unzucht trieb. Wie er indes in Wahrheit keines Rats sich wußte, und sogar nicht einmal ein Wort, ein trostspendendes oder aufrichtendes, finden konnte, verbeugte er sich nur tief bis auf die Erde, etwa wie sich der Staretz Sossima vor Mitjä Karamassoff verbeugt hat, — und ging vorüber. Der Zweite dieser Drei aber tat sich in eigener Person alle Qualen an, mit welchen binnen kurzem der arme Teufel Mensch seinen Mitmenschen foltern würde: er weiß es selber nicht, warum und zu wessen größerer Ehre. Zwar fand auch dieser Zweite nicht eigentlich einen Rat, aber immerhin doch ein Wort der Klage. Und legte sein Wort, seltsam genug! der Tochter des indischen Himmelskönigs in den Mund, welche wie weiland der blonde Held Krischna auf die Erde herabgefahren war, damit ihr des Menschlichen ferner nichts fremd bleiben möchte. Mit innigem Erbarmen sagt Indras Tochter immer nur das eine, was allerdings wenig helfen oder bessern konnte: Es ist schade um die Menschen, es ist schade... und also wehklagend ging auch der zweite Prophet vorüber. Der Dritte jedoch, höheren, helleren Geistes als die beiden andern und von dem Merkmal auf des Merkmals Ursache schließend, erkannte die elende Unzulänglichkeit der bisherigen Gattung Mensch, die sovielschwerer zieht und wiegt als sogar ihre Bosheit. Dieser erschütternden Unzulänglichkeit gewahr werdend, leuchtet ihm eine Botschaft auf, die Rat zu schaffen scheint, wenn nicht schon für den Augenblick, so doch für die Zukunft: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß. Diese Botschaft ging nicht vorüber, auch wenn ihr Künder vorüberging, und haftete zitternd wie der Schuß eines befiederten Pfeiles in den Herzen...
Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß; die menschliche Unzulänglichkeit ist Etwas, das überwunden werden muß! Es wird also eine Zeit sein, wo sich der Mensch seiner Nacktheit vor dem Spiegel nicht mehr länger zu schämen braucht, weil sie ihm keine Mängel und Gebresten, sondern Schönheiten und Vollkommenheiten zeigt. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß und folglich auch hoffentlich überwunden werden kann? — dies Ziel lockt stärker als irgend eines. Aber wie kann er denn überwunden werden? Den Menschen zu überwinden, roh, tierhaft und unmenschlich, wie er aus den Händen der Schöpfung hervorging: darauf hatten doch sicherlich schon alle die Anstalten gezielt, welche der ehrlichen Selbstprüfung von vorhin nicht standgehalten hatten. Den Menschen zu überwinden waren die sämtlichen Erfindungen, Einrichtungen, Gründungen, Hervorbildungen gemacht worden, die eine wesentlich menschheitliche Werkwelt zu unserer Genugtuung umfassen. Mit welcher Sorgfalt hatte der Mensch nicht diese Werk- und Werkzeugwelt,die er Kultur nennt, zwischen seinen frühesten Ursprung und seine späteste Mündung geschichtet. Mit welcher Künstlichkeit hatte er nicht seine Sinne vervielfältigt und seinen Sinn geschärft, um mit vervielfältigten Sinnen und geschärftem Sinn eine höhere und menschenwürdigere Umwelt selbsttätig um sich zu schaffen. Jede Erfindung und jedes Werkzeug bedeutete ja oder sollte wenigstens bedeuten eine Steigerung menschlichen Könnens, eine Verringerung menschlichen Arbeitaufwandes, eine Bewehrung menschlicher Schutzlosigkeit, eine Ausweitung menschlichen Machtbereichs. Jede Kraft und Eigenschaft der Natur wurde derart zu einer Kraft und Eigenschaft des Menschen erhoben, und so ging an ihm schier buchstäblich das hoffmannsche Märchen von Klein-Zaches, genannt Zinnober, in Erfüllung, wonach alles Nützliche, Angenehme, Tüchtige, das in Gegenwart dieser kleinen Mißgestalt von anderen geleistet ward, durch eine wunderliche Übertragung dieser Mißgestalt selber als dem eigentlichen Urheber dankbarst zuerkannt wurde... Das bevorzugte Mittel also, welches insonderheit dem europäischen Menschen zur Überwindung des Menschen, wie er sie verstand und allein verstehen konnte, verhelfen sollte, heißt infolgedessen mit einem einzigen Wort umschrieben: Werkwelt, Werkzeugwelt. Die Werk- und Werkzeugwelt sollte ihn über sich selbst hinaus steigern, über sich selbst hinaus erhöhen. Mußte er jetzt, aufs bitterste enttäuscht, mit sich selber die Erfahrung machen, daß diese Werk- und Werkzeugwelt alsMittel zu diesem Ziel versagte und er umsonst Pelion auf Ossa getürmt hat, um den Olymp zu zwingen, — was bleibt ihm übrig oder was kann er ins Auge fassen, dies Ziel auf andere Weise zu erreichen? Wie kaum eine geschichtliche Menschheit zuvor hatte der Europäer diese Werkwelt nach Umfang und Inhalt, Beschaffenheit und Zahl gemehrt und alle seine Geisteskräfte, Seelenkräfte dafür hingegeben. War es jetzt nicht mehr wie nur ein bloß zufälliger Fehlschlag, daß es just bei ihm schlimmer als in irgend einer Vorzeit menschelte: war es in Wahrheit ein zwangsläufig getaner Fehlgriff, — wo kann, wie soll der Europäer alsdann noch Hoffnung für sich selber schöpfen?
Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß, — so spricht zu allen Zeiten jede Religion, die ihren Blick auf die nächst höhere Verkörperung des Menschen heftet, die sie Gott nennt. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß, — so lautet die knappste, treffendste und erschöpfendste Formel aller Religionen, die ihren eigenen Willen zur Selbstvergöttlichung als das ewige Bedürfnis erkennen müssen, welches sie stets wieder von neuem zur Erscheinung bringt: als „la tendence, qui les a produit“, wie Jean Marie Guyeau sinngemäß sagt. Zugleich aber ist dies die ewige Tragödie aller Religionen, daß sie das hauptsächliche Mittel zur Erzielung dieser angestrebten Überwindung, nämlich die Herausstellung jener wesentlich menschheitlichen Werk- und Werkzeugwelt, die wir Kultur nennen, als ungeeignetzu ihrem Endzweck schlechterdings verneint und sich auf diese Weise mit dieser Werk- und Werkzeugwelt selbst aufs entschiedenste entzweit und überwirft. Denn keine einzige der bekannten höchsten Religionen, am wenigstens aber die Religion als solche, gebietet ihren Anhängern und Bekennern: Erfinde du Werkzeuge und vervielfältige deine Sinne! Gründe du Staaten, schaff’ Rechts- und Wirtschaftordnungen, laß’ Gesittungen erstehen, ersinne Wissenschaften, befleißige dich der Verbürgerung, alles damit du in dir selbst den Menschen überwindest! Wenn solche oder ähnliche Gebote je ergangen sind, wie beispielweis in der ursprünglichen Verkündigung des iranischen Zarathuschtra, ist sich die Religion ihres stärksten Antriebes noch nicht inne geworden. Wo sie sich aber dieses Antriebs wirklich inne geworden ist, findet sie sich im günstigsten Fall mit der Gegebenheit dieser Werk- und Werkzeugwelt ab, aber fördert sie von sich aus keineswegs, geschweige denn, daß sie dieselbe fordert. Die Welt gewinnen und dadurch die Seele schädigen, — die Welt verlieren und dadurch die Seele erfüllen: das ist in schroffer Unzweideutigkeit die Wahl, vor welche jede der höheren Religionen ihre Gläubigen stellt und auf diese Weise in tödlichen Widersatz bringt zu allen sonstigen Bemühungen um Fortschritt und Aufstieg, Entwicklung und Gesittung. Ist es also dem Menschen im heiligsten Sinne Ernst mit des Menschen Überwindung, so weiß die Religion unstreitig dafür Rat, — nur daß eben dieser Rat allen eingeborenenNeigungen zur Selbststeigerung durch Kultur stracks zuwiderläuft. Und in der Tat, ihr, die ihr euch Christen nennt! Sogar in dieser Kummerstunde, da niemand mehr woaus woein weiß, sogar in dieser Stunde vollkommener Ratlosigkeit ist keiner unter euch, der nicht in der heimlichsten Falte seines Herzens mindestens ein einziges unfehlbares Mittel wüßte, diese eisige Hölle um uns herum in ein blühendes Paradies umzuzaubern. In der Kenntnis dieses Mittels, ich sage nicht in seiner Anwendung, sind wir Europäer unfehlbare Christen und werden Christen bis zu unserem bitteren Ende bleiben, ob wir nun wollen oder widerstreben. Wir haben das Gebot empfangen, welches die Verirrungen des Lebens ins gleiche zu setzen vermöchte: Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν, — wolle du deinem Nächsten wohl wie dir selbst... Dies Wort, melodisch aus dem Königreich der Himmel tönend, von dem geschrieben steht, es sei mitten in uns, — dies Wort konnten wir in der Wüste unserer Gehässigkeit verschmachten und in der Sintflut unserer Begierden ertrinken lassen: aber wir konnten die Tatsache nicht aus der Welt entfernen, daß es an uns ergangen ist. Dies Wort ist an uns ergangen und auch der Verstockteste ist außerstand, sich weiszumachen, er habe nie etwas davon vernommen. Ist es somit wirklich die Religion, die da befiehlt, den Menschen in sich zu überwinden, dann ist zumindest uns westlichen Bekennern des Christentums von diesem das rechte Mittel zu diesem rechten Ziel bezeichnet worden. Denn wer seinemNächsten wohl will wie sich selber, der überwindet in seinem Wohlwollen sich selber und seinen Nächsten dazu; der überwindet in sich und seinem Nächsten alles, was nicht das Wohlwollen selber ist; und derart überwindet er den Menschen in sich, der noch nicht Wohlwollen selber ist, und mit dem Menschen die ganze Welt, die noch nicht Wohlwollen selber ist. Drum lüge oder leugne keiner, daß er nicht wissen könne, wie der Mensch den Menschen zu etwas überwinden könne, das mehr oder höher und stärker ist wie der Mensch. Das Mittel ist erfunden, die Botschaft ist ergangen, das Wort steht und steht ewig...
Das Mittel ist erfunden, — und hat dennoch seinen Zweck verfehlt.
Die Botschaft ist ergangen, — und hat dennoch nichts gefruchtet.
Das Wort steht und steht ewig, — aber schwindelnd fällt der Mensch in der Zeit von einem Abgrund in den andern...
Wie aber dies, ihr Christen? Sind wir denn in Wahrheit so bös, so unmenschlich, so teuflisch, daß wir zwar auf unsern Lippen den Honig der frohen Botschaft zu schmecken geben, in unsern Herzen aber schwarze Galle keltern? Liegt es in Wahrheit nur auf uns, daß uns jener evangelische Weg zur Überwindung unserer Menschheit zum Ab- und Irrweg sondergleichen geworden ist? Müssen wir uns in diesem unwiederbringlichen Augenblick der Selbsteinkehr und Gewissensprüfung in Wahrheit als den Auswurf aller geschichtlichen Geschlechterfolgen verdammen, weil wir mit dem Bekenntnis des Wohlwollens und Brudersinnes die Tat des Wohlwollens und Brudersinns am sichersten erstickten? Heute, wo die Schuppen der Beschönigung von den Augen fallen, ziemt uns vor allen Fragen diese Frage: von der Antwort auf sie hängt jede Zukunft ab. Rund tausend Jahre sind es, daß wir des Nazoräers Bekenntnis zur Nächstenliebe als unsere erwähltereligio, will heißen Bindung, Verpflichtung, Treue angenommen haben. Und nun ängstigt uns nach rund tausend Jahren mehr fast als alle Angst der Argwohn, wir könnten vielleicht nicht trotz dieses Bekenntnisses, sondern wegen seiner, nur immer böser und schlechter, liebloser und härter, unedler und grausamer geworden sein seit jenen Tagen etwa, da der große Sachsenkaiser Otto dem mittelalterlichen Reich Europa seine dreihundertjährige Verfassung gab. Am Ende ist es eben diese Verpflichtung, diese Bindung gewesen, die unsere Anlage zum Wohlwollen und Brudersinn, die wir doch auch in uns wie in jedem lebendigen Geschöpf vermuten müssen, verkümmern und verkrüppeln ließ. Verkümmern und verkrüppeln ließ zwar nicht deshalb, weil etwa diese Religion uns Menschen, wie wir einmal sind, zu hoch und schwer wäre, — denn jede Religion, ihr Christen, ist dem Menschen, wie er einmal ist, zu hoch und schwer: und daß sie’s ist, macht ihren unschätzbaren Wert als Religion aus! Verkümmern und verkrüppeln ließ aber trotzdem, weil sie befahl und forderte, gebot und heischte, was durch Befehl und Forderung,Gebot und Heischung nimmer zu bewirken ist. Es könnte demnach sein, ihr Christen, daß uns just das Christentum zeitweilig zum Verhängnis geworden ist, indem es eine übermenschlich-überschwängliche Botschaft zwar erließ, aber auf keine Weise andeutete oder zeigte, wie der irdische Mensch, das wilde böse Tier, nun dieser Botschaft auch entsprechen könne. Wohlwollen unserm Nächsten, Brudersinn unserm Fernsten noch, wer wäre Wolf genug zu leugnen, daß beides heute noch die Welt zum Paradies gestalten würde, wo wir sie alle christlich übten. Aber der Mensch, obschon von Natur ganz offenbar mit einer Anlage zum Wohlwollen und Brudersinn begnadet, ist darum noch lange nicht wirklich wohlwollend, wirklich brudersinnig, — und wird es auch nicht, wenn man ihm kurzerhand gebietet: Sei’s! Das aber ist das letzte und schleichendste Unheil, welches uns Abendländer betroffen hat und unsern dermaligen Höllensturz mit verursacht: wir wissen, wissen alle unheimlich genau, was not tut, um die Not zu wenden und den Menschen seiner nächst höheren Verkörperung des großen Wohlwollenden und Brudersinnigen zuzuführen. Aber es war niemand, der uns gewiesen und bedeutet hätte, wie das geschehen könne. Wir wissen, wissen es, aber können es nicht. Und sogar wo es einer als Land- und Meerwunder wirklich kann, da ist er’s nicht, sondern kann es nur. Das aber, ihr Christen, ist des Abendländers Untergang...
Das aber, ihr Christen, ist des Morgenländers Aufgang, ist insonderheit des Buddho Gotamo Aufgang!Denn wo wir nur wissen, hat er das Können aufgewiesen, und wo wir nur können, hat er angeleitet und geweckt zum Sein. Dabei ist sein heiliges Ziel in Ansehung menschheitlicher Emporstufung haargenau das christliche. Vielleicht mit dem einzigen Unterschied, daß der Buddho die Gestalt des großen Wohlwollenden mit soviel höherer Künstlerschaft umrissen habe wie der Christus, — eben jene Gestalt nämlich, die ich zum Beschluß der Dritten Unterweisung dem christlichen Abendland als das Urbild des Strahlenden Mönches vorzustellen gewagt habe: „Liebevollen Gemütes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend, durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden Gemütes — freudevollen Gemütes — unbewegten Gemütes strahlt er“... In Ansehung dieses göttlich Wohlwollenden, übermenschlich Wohlwollenden also ist das religiöse Endziel im Westen und im Osten streng dasselbe, und nichts würde von dieser Gewißheit aus einer völligen Durchdringung des Christentums mit dem Buddhismus hinderlich sein, — wenn eben nicht die Art und Weise, wie Jesus und wie Gotamo die Verwirklichung dieses Zustands betreiben, so stracks einander zuwiderliefe, daß hier die Grundkräfte europäischer und indischer Religiosität als Gegenkräfte in Erscheinung treten. Das evangelische Wohlwollen nämlich für den sogenannten Nächsten wurzeltausgesprochenermaßen im Wohlwollen für das eigene Selbst, will heißen in der Selbstliebe und Eigensucht. Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν, wolle du deinem Nächsten wohl wie dir selber, gebietet der Herr des Evangeliums, — und manches spricht dafür, daß wir hier auf die ausschlaggebende Ursache stoßen, warum die Nächstenliebe des Christentums ein freundlicher Traum geblieben ist und sehr wahrscheinlich sogar hat bleiben müssen. Denn wie verhält sich’s doch damit? Jesus erachtet Wohlwollen für Mitmensch und Bruder durchaus für möglich, sonst würde er es nicht als Notwendigkeit gefordert haben. Aber nicht hält er’s für möglich, dies Wohlwollen auf andere Weise zu erzielen als gleichsam auf dem Umweg über das eigene Ich und Selbst. Das Ich und Selbst der eigenen Person steht hier im Brennpunkt aller Wirklichkeiten, und folglich im Brennpunkt auch aller Handlungen und Taten, die sich auf Wirklichkeiten beziehen. Die vorzüglich religiöse Leistung der Persönlichkeit krönt sich darin, dem fremden Ich grundsätzlich denselben Grad von Wirklichkeit zuzubilligen wie dem eigenen Ich und aus dieser Billigung heraus ihm keine mindere Berechtigung zu schenken wie diesem. Der naive Mensch, heißt das der selbstische Mensch, wird hier sozusagen feierlich aufgeboten zur freiwilligen Anerkenntnis des fremden Du, — durch die Erwägung zwar, daß auch dies Du zuletzt ein Ich mit sämtlichen Eigenschaften und Merkmalen eines solchen sei. Der naive, will sagen selbstische Mensch ist also böse nicht eigentlich deshalb, weil er seine eigene Persönlichkeit undpersönliche Eigenheit instinktiv als Wirklichkeit setzt und voraussetzt, sondern weil er jede fremde Persönlichkeit und Eigenheit nur als eine Wirklichkeit zweiten, dritten, zehnten Grades gelten läßt, — kurz als eine Wirklichkeit derart verminderten Erlebensgrades, daß er kaltblütig über ihre Ansprüche und Rechte, über ihr Sosein und Dasein wegschreitet, nicht anders, wie man im Gedränge über viele menschlische Schatten auf der Straße schreitet. Und kein Zweifel! Wer jemals ein wenig über die Beschaffenheit des Verbrechens und mehr noch des Verbrechers nachgedacht hat, wird hier, in dieser von Jesus berührten Tatsache, fast jeden gewünschten Aufschluß finden: daß der Verbrecher von Haus aus unfähig ist, in rein erkenntnismäßiger Schätzung sein Opfer in dieselbe Reihe von Wirklichkeiten mit sich selber einzustellen, — er selber füllt diese Reihe mit sich ganz alleinig. Überall, wo ein Mensch in gräßlicher Verhärtung gegen Wohl und Weh des Mitmenschen beharrt und dieser Verhärtung entsprechend handelt, darf man behaupten, er sei Verbrecher, darf man behaupten, ihm sei die heilige Um- und Neuschöpfung der fremden Wesenheit zum vertrauten Ich, zum Ich überhaupt, noch nicht gelungen. Tatsächlich macht Jesus hier die erste, unerläßlichste Bedingung der Möglichkeit menschenwürdigen Gemeinschaftlebens namhaft: jedwedes menschengleiche, ja nur menschenähnliche Geschöpf ist im Bewußtsein ebenso als wirklich, ebenso als seiend, ebenso als wesenhaft zu erschaffen wie das eigene Ich und Selbst. Auch Du ein Ich, wie Ich zuletzt nur Du, folglich auch Du meines Wesens Mark und Mitte nicht abgelegener als Ich ihm bin: das ungefähr wäre die rechte Formel für Jesu Auffassung von Wohlwollen, Brudersinn, Nächstenliebe; — auch Du, Du ein Ich, wie Ich zuletzt ein Du, und folglich all meiner Taten und Gedanken nicht minder Sinn, Zweck und Ziel als Ich es ihnen selber bin. Das Maß der Welt, in welches sie gefüllt und geschöpft wird, ist durchaus hier das menschliche Selbst und seine unerschütterliche Wirklichkeit. Im besten Fall kann jeder Einzelne sich selber höchstens dazu bestimmen, jedem Anderen das gleiche Maß von Wirklichkeit im Bewußtsein einzuräumen. Ein übermenschlich verwegenes Ideal aber wäre dieses, wenn jeder Einzelne seine Bewußtheit derart unendlich auszuweiten vermöchte, daß darin die Wirklichkeiten aller menschlichen Welterscheinungen in einem einzigen brüderlich umhalsten Chore miteinander reigten, — jeder Fernste in solch gottgeweiteter Bewußtheit zum Nächsten aufgerückt und nahgerückt, jeder Nächste aber gleichbürtig, gleichgewichtig, gleichwertig mit Mir selbst...
Das Selbst also, ihr Christen, die eigene Person ist dem Herrn unseres Evangeliums die Schwelle, über welche jedes Ich getragen werden muß, um überhaupt als Ich geehrt zu werden. Das Selbst, sag’ ich, die eigene Person und ihre ganz unumstößliche Wirklichkeit und Gewißheit ist die Schwelle, die vom Ich zum Du, vom Ich zum Wir führt, — was aber jenseit dieser Schwelle stehn oder liegen bleibt, kann dem Bereich ichbürtiger Wesenheiten auch nicht angehören.Wobei schon hier keineswegs übersehen und vergessen werden darf, daß auch im günstigsten von allen möglichen Fällen alles jenseit der Schwelle stehn und liegen bleibt, was nicht menschengleich oder menschenähnlich ist, was mithin nicht Nächster und nicht Bruder werden kann... Dem sei indes, wie ihm wolle. Unter allen Umständen besteht das evangelische Mysterium, wie nochmals mit Nachdruck ich zusammenfassend sagen möchte, in der Verwirklichung des Mitmenschen als Nächster und als Bruder, und diese Verwirklichung zwar vollzogen auf dem Umweg über die Wirklichkeit des eigenen Selbstes. Das gotamidische Mysterium hingegen, so einig es im Hinblick auf menschheitliche Emporstufung zur Gestalt des großen Wohlwollenden mit dem evangelischen Mysterium offenkundig ist, wird dennoch gerade durch die Umdrehung dieses evangelischen Verfahrens erwirkt. Nicht dadurch wird das ausnahmlose Wohlwollen beim Strahlenden Mönch gegen alle Wesen (nicht nur gegen den Nächsten und den Bruder) erzeugt, daß er diese durch eine Tathandlung fortschreitende Erkenntnis auf dieselbe Wirklichkeitstufe mit seiner eigenen Person befördert. Sondern ganz im Gegenteile dadurch, daß er den Wirklichkeitgrad der eigenen Person, den scheinbar unbezweifelbaren, auf den Wirklichkeitgrad aller übrigen Welterscheinungen herunterdrückt, kraft einer nicht zu widerlegenden religiösen Selbsterfahrung, Selbstbewertung, die er an sich und mit sich macht. Wenn daher Jesus befiehlt: Wolle du deinem Nächsten wohl wie dir selber; wenn somit der nämliche Jesus dasWohlwollen für das eigene Selbst ohne weiteres als die gegebene Voraussetzung des Wohlwollens für andere hinnimmt und bestätigt, — so fußt der Christus auf einer Einstellung, welche den Buddho sicherlich über die Maßen befremdet haben würde, falls er hätte Kenntnis von ihr erlangen können. Denn eben dieses Selbst der eigenen Persönlichkeit, in europäischer Sprache das Individuum oder die unzerstückelbare Lebenseinheit, Wirkungeinheit, Zweckeinheit geheißen, welche jeder westliche Mensch mit der ganzen Heftigkeit seiner Instinkte gleichsam als seinens realissimumumklammert hält und niemals fahren läßt solang er lebt, — eben diese Ur- und Musterwirklichkeit aller sonstigen Wirklichkeiten hat sich ja dem Buddho längst entlarvt als ein Ding, welches um keinen Deut wesenhafter oder wirklicher als jedes andere Ding unter der Sonne genannt werden darf. Und hier, wo die Religiosität des Ostens mit der Religiosität des Westens wie Ja und Nein zusammenstößt, aber leider nicht zusammenklingt, hier ist es angezeigt, uns noch einmal jenes herzlich seltsame Wort in den Sinn zurückzurufen, welches uns in der Ersten Unterweisung hat so scharf aufhorchen machen.N’etam mama, das gehört Mir nicht, hat dies Wort gelautet, zu welchem der Buddho sein schneidendstes Nein gleichsam gerinnen und erhärten lassen.N’etam mama, das gehört Mir nicht: was da entsteht und vergeht, was da gezeugt wird und verwest, was da wechselt und abändert, was da erscheint und verschwindet. Solches alles gehört Mir nicht, solches alles bin Ich nicht:folglich gehört auch diese Meine eigene Person Mir nicht, folglich bin auch Meine eigene Person Ich nicht! Alles Wirkliche aus zweiter, dritter und letzter Hand gehört Mir nicht und bin Ich nicht. Aber auch alles Wirkliche aus erster Hand gehört Mir nicht und bin Ich nicht: nämlich Ich selber nicht, wie ich mir in der raumzeitlichen Gliederung bewußtes Erlebnis und Begebnis ward! Diese ganze Erscheinungunendlichkeit, wie sie gestalthaft abgegrenzt im Bewußtsein auftaucht und gestalthaft abgegrenzt im Unbewußtsein wieder untersinkt, einschließlich meiner höchsteigenen Icherscheinung, sie gehört Mir nicht und sie bin Ich nicht! Sie gehört Mir nicht und sie bin Ich nicht, weil sie eben auf Grund ihrer Eigenschaft als Erscheinung nicht bis dahin reichen kann, wo ich als religiös Erlebender zutiefst Mich Wesen weiß. Keine Verkörperlichung und keine Verpersönlichung, nicht einmal meine eigene, faßt dort noch Fuß und Grund, wo Ich — oder vielmehr nicht mehr Ich! — in dem Augenblicke gesammeltster Selbstvertiefung Grund und Fuß zu fassen fähig bin. Damit jedoch ist des evangelischen Jesus Selbsterfahrung, den die Wirklichkeit des Ich aller Wirklichkeiten Ur- und Musterbild zu sein bedünkte, durch eine Selbsterfahrung entgegengesetzter Art zwar nicht getilgt und aufgehoben, aber eingeschränkt und ergänzt. Nicht ist fremdes Ich für ebenso wirklich, daseiend und wesenhaft wie eigenes Ich zu erachten: sondern umkehrt eigenes Ich hier für ebenso unwirklich, nichtseiend, wesenlos wie fremdes Ich. Jene bevorzugte Wirklichkeit, vom evangelischen Herrn als Hebelpunktgebraucht, um von ihr her die eingefleischte Eigensucht und Selbstliebe, die bruder- und nächstenmörderische, aus ihrem natürlichen Schwerpunkt zu wälzen, — jene Wirklichkeit gilt dem Buddho auf keine Weise für bevorzugt. Im Gegenteil ist sie es, die sich dieselbe Dämpfung gefallen lassen muß, welche das ‚N’etam mama‘ auf alle Wirklichkeiten legt. Auch ich selber gehöre Mir nicht; auch ich selber erschöpfe Mich nicht in der Erscheinung Meiner, die sich gestalthaft vor meinen Sinnen ausbreitet; auch Ich selber bin über Meine raumzeitliche Wirklichkeit hinaus noch Etwas, das die Sprache einer Wirklichkeit nicht mehr zu verlautbaren vermag: wenn auch sicherlich nicht ‚Ich‘ mehr...