Chapter 18

Wer aber, ihr Christen, von dieser beziehungreichen Tatsache her seinen Blick nun schweifen ließe in die beiden Welten, in welchen getrennt voneinander der Buddho und der Christus eingebürgert hausen, der fände sich wohl nicht wenig überrascht: so buchstäblich weltverschieden, weltgeschieden stellten ihm sich beide Welten dar. Den christlichen Erlöser erblickte ein derartiger Betrachter inmitten einer Wirklichkeit wimmelnd bis zum Rand mit gestalthaften Lebenseinheiten nach Art der menschlichen Persönlichkeit. Wie etwa ein stätig fortlaufendes Gebilde der Anschauung, eine geometrische Gerade oder Fläche, von der Einwirkung des Gedankens in zusammenhanglose Einzelpunkte zerlegt wird, oder wie eine stätigzusammenhängende Flüssigkeit unter der Einwirkung von Wärme oder Witterung zu einem Haufen einzelner Flocken stockt, — nicht anders zersetzt sich unter dem Einfluß dieser evangelischen Einstellung eine vorher noch kaum gestalthaft belebte Umwelt zu einer immer ausschließlicher gestalthaft belebten. Wenn unsere europäische Wissenschaft, vielleicht mehr als sie ahnt ‚christliche‘ Wissenschaft, nie und nimmer geruht hat, bis sie jede Wahrnehmungstätigkeit der Sinne allmählich in eine womöglich zahlenhaft zu erfassende Menge von letzten, das heißt unteilbaren Beziehungknoten zergliederte; wenn sie, um altbekannte Beispiele anzuführen, den Einen Grundstoff der Welt in viele Kräfte, die Eine Materie in viele Atome, das Eine Leben in viele Lebenseinheiten, die eine Zelle in viele Zellteile, das Eine Licht in viele Farben, die Eine Farbe in viele Bewegungvorgänge, die Eine Qualität in viele Intensitäten, ja zuletzt das Eine Atom in einen ganzen Kosmos von zentralen Kernen und umlaufenden Elementarquanten aufgelöst hat, — sie folgte damit ihrem christlichen Instinkt, der unersättlich ist nach Wirklichkeiten im Sinn der eigenen Individuität. Christentum ist Individualismus, Christentum ist Personalismus, — von diesem Gedanken aus läßt sich unschwer so etwas wie die Kurve der abendländischen Seele aufzeichnen, die schicksalhaft die christliche Seele gewesen ist und ist, so sehr, daß sie auch nach ihrer bevorstehenden Umgestaltung des christlichen Einschlags nie völlig mehr entbehren wird. Christentum ist Individualismus, Christentum ist Personalismus; folglich erschafft es sich überall individuelle, individuierte, personifizierte Wirklichkeiten. Diese feststehende Tatsache ist für das westliche Festland Europa, welches das Christentum aufgenommen und verarbeitet hat, geradezu Fatum geworden. Wo das Christentum aufblüht, blüht der persönlich gestaltete, persönlich ausgeformte Mensch auf, denn dem evangelischen Christus bedeutet das raumzeitlich verkörperte Selbst Alpha und Omega aller Wirklichkeit überhaupt. Und wiederum: wo das raumzeitlich verkörperte Selbst Alpha und Omega aller Wirklichkeit als solcher erscheint, da müssen folgerechterweise alle Kräfte des Geistes und der Seele der möglichst plastischen Herausmeißelung der jeweiligen Lebenseinheit und Lebenseinzelnheit dienen. Die Wirklichkeit trachtet nach Verwirklichung, und wo das Selbst erste und letzte Wirklichkeit für sich beansprucht, trachtet das Selbst zuerst und zuletzt nach seiner eigenen Verwirklichung. Der Christ beginnt sich demnach vielkantig nach allen Achsen des Raumes auszuwachsen. Zwar ist des Wunderns seit langem schon kein Ende gewesen, daß das geschichtliche Christentum aus dem Europäer so etwas ganz anderes gemacht habe als den friedfertigen, selbstverleugnenden, bruderlieben Heiligen der evangelischen Schriften. Heut’ wäre es endlich an der Zeit, sich darüber erschöpfend ausgewundert zu haben. Denn alle diese evangelischen Tendenzen haben zu ihrer unanfechtbaren Voraussetzung die unanfechtbare Wirklichkeit der eigenen Person nebst den auf sie selbst bezüglichen Trieben und Begierden, Neigungen und Leidenschaften. Das Grundrecht auf Selbsttrotz und Eigensucht ist derrocher de bronce, vom Herrn des Evangeliums in eigener Person feierlich stabiliert und sanktioniert, — das ist der Fels, in welchen die Fundamente der sichtbaren und unsichtbaren Kirche eingesprengt worden sind. Wer sich darüber Klarheit verschafft hat, wird es auch nur als aufrichtige Konsequenz aus diesem Umstand betrachten, wenn gerade der europäische Christ den Anblick nie gesehener Härte und Ungerührtheit darbietet: es ist ein heute nicht mehr statthafter Irrtum, wenn immer noch die weichmütigen Romantiker eines unverfälschten Urchristentums dem evangelischen Heiland die römische Kirche oder die Kirchen überhaupt als die gesellschaftlichen Verkörperungen des eigentlichen Antichristentums entgegenzustellen und zu verdammen belieben. Die Kirche ist nun einmal nicht die babylonische Hure, sondern sie hat nur im Übermaß Ansätze entwickelt, die im Evangelium selber vorhanden sind. Diese ganze romantische Auffassung, am übertreibendsten bekanntlich in Dostojewskis Großinquisitor herausgestellt, ja wie eine weltgeschichtliche Fanfare herausgeschmettert, ist ungerecht nach beiden Seiten. Denn in der Christustendenz evangelischen Wohlwollens glimmt und glutet eben heimlich schon die Tendenz des Antichrists, das Selbst zu behaupten über jedes Maß und Ziel hinaus: glimmt und glutet mithin heimlich schon der Funke, der das ganze europäische Mittelalter hindurch Scheiterhaufen um Scheiterhaufen entzündet hat, bis nach dem Krieg von Dreißig Jahren das mittlere Europa selbst nur noch ein Scheiterhaufen war... Dieser Scheiterhaufen gemahnt uns, ihr Christen, daran, daß Jesus Christus schon geboten hat: wolle du wohl deinem Nächsten wie dir selbst, — daß mithin schon Jesus Christus die Selbstliebe (und die Puritaner wußten das sehr genau!) in die Rechte feierlich eingesetzt hat, die sie seither für sich in Anspruch nimmt. Nie wäre von diesem Gebot her einzusehen, warum das eigene Selbst etwa zugunsten des fremden hätte verleugnet oder unterdrückt werden sollen, — nie, warum es auch nur nach Tunlichkeit abgeblendet hätte werden sollen. Sogar den äußersten Fall gesetzt, es hätte der evangelische Herr geboten, was er in Wahrheit nicht geboten hat: Wolle du deinem Nächsten wohl mehr als dir selbst, — wie wäre da nicht sofort die Gegenfrage zu stellen gewesen: Warum denn, o Herr, dem Nächsten mehr Wohlwollen als mir selber? Mit welchem Fug wird sein Selbst dem meinigen vorgezogen? Sind wir nicht just vom Urteil der Selbstschätzung, Selbstwertung aus alle gleich? Bin ich mir minder Ich als sich mein Nächster Ich ist? Oder wie könnte mir das Ich des Nächsten näher sein als mein Ich! Was stellt das Ich des Andern über Mich und weshalb sollte ich Mich auslöschen, damit Er heller brennt, flackert und zackert? Mit welchem Recht der Götter oder Menschen geht des Nächsten Selbstsucht über meine eigene? Und sind wir Brüder für uns selbst nur vor uns selbst, wie darf der Bruder hier über dem Bruder stehen, der Bruderhier vor dem Bruder gehen? Wahrlich und Wehe! der Altruismus ist immer nur der Egoismus des Nächsten..

Wer aber, ihr Christen, von dieser beziehungreichen Tatsache her seinen Blick nun schweifen ließe in die beiden Welten, in welchen getrennt voneinander der Buddho und der Christus eingebürgert hausen, der fände sich wohl nicht wenig überrascht: so buchstäblich weltverschieden, weltgeschieden stellten ihm sich beide Welten dar. Den christlichen Erlöser erblickte ein derartiger Betrachter inmitten einer Wirklichkeit wimmelnd bis zum Rand mit gestalthaften Lebenseinheiten nach Art der menschlichen Persönlichkeit. Wie etwa ein stätig fortlaufendes Gebilde der Anschauung, eine geometrische Gerade oder Fläche, von der Einwirkung des Gedankens in zusammenhanglose Einzelpunkte zerlegt wird, oder wie eine stätigzusammenhängende Flüssigkeit unter der Einwirkung von Wärme oder Witterung zu einem Haufen einzelner Flocken stockt, — nicht anders zersetzt sich unter dem Einfluß dieser evangelischen Einstellung eine vorher noch kaum gestalthaft belebte Umwelt zu einer immer ausschließlicher gestalthaft belebten. Wenn unsere europäische Wissenschaft, vielleicht mehr als sie ahnt ‚christliche‘ Wissenschaft, nie und nimmer geruht hat, bis sie jede Wahrnehmungstätigkeit der Sinne allmählich in eine womöglich zahlenhaft zu erfassende Menge von letzten, das heißt unteilbaren Beziehungknoten zergliederte; wenn sie, um altbekannte Beispiele anzuführen, den Einen Grundstoff der Welt in viele Kräfte, die Eine Materie in viele Atome, das Eine Leben in viele Lebenseinheiten, die eine Zelle in viele Zellteile, das Eine Licht in viele Farben, die Eine Farbe in viele Bewegungvorgänge, die Eine Qualität in viele Intensitäten, ja zuletzt das Eine Atom in einen ganzen Kosmos von zentralen Kernen und umlaufenden Elementarquanten aufgelöst hat, — sie folgte damit ihrem christlichen Instinkt, der unersättlich ist nach Wirklichkeiten im Sinn der eigenen Individuität. Christentum ist Individualismus, Christentum ist Personalismus, — von diesem Gedanken aus läßt sich unschwer so etwas wie die Kurve der abendländischen Seele aufzeichnen, die schicksalhaft die christliche Seele gewesen ist und ist, so sehr, daß sie auch nach ihrer bevorstehenden Umgestaltung des christlichen Einschlags nie völlig mehr entbehren wird. Christentum ist Individualismus, Christentum ist Personalismus; folglich erschafft es sich überall individuelle, individuierte, personifizierte Wirklichkeiten. Diese feststehende Tatsache ist für das westliche Festland Europa, welches das Christentum aufgenommen und verarbeitet hat, geradezu Fatum geworden. Wo das Christentum aufblüht, blüht der persönlich gestaltete, persönlich ausgeformte Mensch auf, denn dem evangelischen Christus bedeutet das raumzeitlich verkörperte Selbst Alpha und Omega aller Wirklichkeit überhaupt. Und wiederum: wo das raumzeitlich verkörperte Selbst Alpha und Omega aller Wirklichkeit als solcher erscheint, da müssen folgerechterweise alle Kräfte des Geistes und der Seele der möglichst plastischen Herausmeißelung der jeweiligen Lebenseinheit und Lebenseinzelnheit dienen. Die Wirklichkeit trachtet nach Verwirklichung, und wo das Selbst erste und letzte Wirklichkeit für sich beansprucht, trachtet das Selbst zuerst und zuletzt nach seiner eigenen Verwirklichung. Der Christ beginnt sich demnach vielkantig nach allen Achsen des Raumes auszuwachsen. Zwar ist des Wunderns seit langem schon kein Ende gewesen, daß das geschichtliche Christentum aus dem Europäer so etwas ganz anderes gemacht habe als den friedfertigen, selbstverleugnenden, bruderlieben Heiligen der evangelischen Schriften. Heut’ wäre es endlich an der Zeit, sich darüber erschöpfend ausgewundert zu haben. Denn alle diese evangelischen Tendenzen haben zu ihrer unanfechtbaren Voraussetzung die unanfechtbare Wirklichkeit der eigenen Person nebst den auf sie selbst bezüglichen Trieben und Begierden, Neigungen und Leidenschaften. Das Grundrecht auf Selbsttrotz und Eigensucht ist derrocher de bronce, vom Herrn des Evangeliums in eigener Person feierlich stabiliert und sanktioniert, — das ist der Fels, in welchen die Fundamente der sichtbaren und unsichtbaren Kirche eingesprengt worden sind. Wer sich darüber Klarheit verschafft hat, wird es auch nur als aufrichtige Konsequenz aus diesem Umstand betrachten, wenn gerade der europäische Christ den Anblick nie gesehener Härte und Ungerührtheit darbietet: es ist ein heute nicht mehr statthafter Irrtum, wenn immer noch die weichmütigen Romantiker eines unverfälschten Urchristentums dem evangelischen Heiland die römische Kirche oder die Kirchen überhaupt als die gesellschaftlichen Verkörperungen des eigentlichen Antichristentums entgegenzustellen und zu verdammen belieben. Die Kirche ist nun einmal nicht die babylonische Hure, sondern sie hat nur im Übermaß Ansätze entwickelt, die im Evangelium selber vorhanden sind. Diese ganze romantische Auffassung, am übertreibendsten bekanntlich in Dostojewskis Großinquisitor herausgestellt, ja wie eine weltgeschichtliche Fanfare herausgeschmettert, ist ungerecht nach beiden Seiten. Denn in der Christustendenz evangelischen Wohlwollens glimmt und glutet eben heimlich schon die Tendenz des Antichrists, das Selbst zu behaupten über jedes Maß und Ziel hinaus: glimmt und glutet mithin heimlich schon der Funke, der das ganze europäische Mittelalter hindurch Scheiterhaufen um Scheiterhaufen entzündet hat, bis nach dem Krieg von Dreißig Jahren das mittlere Europa selbst nur noch ein Scheiterhaufen war... Dieser Scheiterhaufen gemahnt uns, ihr Christen, daran, daß Jesus Christus schon geboten hat: wolle du wohl deinem Nächsten wie dir selbst, — daß mithin schon Jesus Christus die Selbstliebe (und die Puritaner wußten das sehr genau!) in die Rechte feierlich eingesetzt hat, die sie seither für sich in Anspruch nimmt. Nie wäre von diesem Gebot her einzusehen, warum das eigene Selbst etwa zugunsten des fremden hätte verleugnet oder unterdrückt werden sollen, — nie, warum es auch nur nach Tunlichkeit abgeblendet hätte werden sollen. Sogar den äußersten Fall gesetzt, es hätte der evangelische Herr geboten, was er in Wahrheit nicht geboten hat: Wolle du deinem Nächsten wohl mehr als dir selbst, — wie wäre da nicht sofort die Gegenfrage zu stellen gewesen: Warum denn, o Herr, dem Nächsten mehr Wohlwollen als mir selber? Mit welchem Fug wird sein Selbst dem meinigen vorgezogen? Sind wir nicht just vom Urteil der Selbstschätzung, Selbstwertung aus alle gleich? Bin ich mir minder Ich als sich mein Nächster Ich ist? Oder wie könnte mir das Ich des Nächsten näher sein als mein Ich! Was stellt das Ich des Andern über Mich und weshalb sollte ich Mich auslöschen, damit Er heller brennt, flackert und zackert? Mit welchem Recht der Götter oder Menschen geht des Nächsten Selbstsucht über meine eigene? Und sind wir Brüder für uns selbst nur vor uns selbst, wie darf der Bruder hier über dem Bruder stehen, der Bruderhier vor dem Bruder gehen? Wahrlich und Wehe! der Altruismus ist immer nur der Egoismus des Nächsten..

Ziehen wir derart die Summe von zwei christlichen Jahrtausenden für Europa, so muß sich also notwendig ergeben, daß niemals noch sonstwo die menschliche Person zu diesem Grad von Stärke und Selbstherrlichkeit heraufgezüchtet ward wie im christlichen Europa. Was unter günstigen Bedingungen ein Christ und Europäer aufbringt an Entschlossenheit und Arbeitkraft, Willen und Umsicht, Kaltblütigkeit und Tapferkeit, Genauigkeit und Zähigkeit, — es übertrifft alles Dagewesene bei weitem. Mit dem alleinigen Ziel vor Augen, sich durchzusetzen gegen jeden Widerstand, setzt dieser Christ und Europäer sich denn in Wirklichkeit auch durch, — mit welchen Mitteln freilich oft, das frage niemand. Tatmensch, Geschäftmensch, Gewaltmensch noch wider jeden Einwand des Gewissens, betreibt er von früh bis spät ausschließlich seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Selbstverwirklichung. In dem Bewußtsein seiner persönlichen Einzelnheit und Einzigkeit, in dem Bewußtsein folglich seiner unbedingten Einmaligkeit und Unersetzlichkeit, welches ihm eine streng christliche Philosophie anerzogen, angezüchtet hat, findet er eine höchste Rechtfertigung für die rücksichtloseste Ausprägung seiner Eigenheit; in eben dieser Ausprägung vermutet er den Endzweck und das Amen alles Geschehens überhaupt. Sei der, der du bist und werde, der du bist, beides in seiner Aufgipfelung und Vollendung, — diese Quintessenz der religiösen Belehrung, welche in der Bhagavad-Gîtâ GottKrischna dem Prinzen Arjuna widerfahren läßt, ist auch die Quintessenz, wir wissen es seit Pindaros, aller europäischen Wirklichkeitauffassung: nur freilich aus dem Indischen ins Europäische übersetzt und damit einigermaßen entseelt, entadelt, entgeistigt. Der europäische Mensch wird, der er ist; das heißt er setzt sich durch um jeden Preis und auf jede Weise. Die Erste Unterweisung hat es erwähnt, die Vierte erinnert hiermit daran, wie der Erfolg dieses persönlichen Sich-Durchsetzens in der Welt vom Kalvinismus und Puritanismus geradezu als der schlüssige Beweis vor Gott und Menschen erachtet wird, daß einer berufen und erwählt sei. Wer seine Eigenheit zur Anerkennung bringt, wer den Erfolg an seine Seite zwingt, wer das Glück zur Treue überredet, der hat sich bewiesen, genau wie er sich im entgegengesetzten Falle widerlegt hat. Solchermaßen statuiert der christliche Europäer ein Recht auf Persönlichkeit, und wer feiner hinhorcht, wird sich vielleicht davon überzeugen, daß er sogar eine Pflicht zur Persönlichkeit statuiert. Lediglich unter diesem Gesichtswinkel vermag er sich überhaupt noch ein erstrebenswertes Lebensziel vorstellig zu machen. Nur um Gottes willen von der formlosen Masse und Massenhaftigkeit abrücken! Nur um jeden Preis ein eigenes Gesicht, und sei es ein hoffärtiges und freches, zur Schau tragen! Nur unter allen Umständen aus der flüssigen Mutterlauge zum festen Kristall aufschießen! Das ist der heiß begehrte Preis, der dem Sieger nach zermürbendem und zerrüttendem Kampfe winkt...

Denn Kampf bis aufs Messer, Kampf in einer noch nirgends zu erfahrenden Grausamkeit des Begriffs ist das Leben dieses christlichen Europäers. Die Selbstverwirklichung bis zum äußersten als die einzig anerkannte Lebenspflicht muß selbstredend in heftigen Widerstreit geraten mit derselben Lebenspflicht jeder Persönlichkeit, welche der ersten gesellschaftlich oder wirtschaftlich irgendwie benachbart ist, — ein selten eindringliches Beispiel übrigens, wie manchmal die Möglichkeit einer Gemeinschaft nicht durch Verschiedeninhaltlichkeit der ergriffenen Zwecke, sondern durch Gleichinhaltlichkeit derselben vernichtet wird. In diesem christlichen Europa will in Wahrheit jedermann genau dasselbe: nämlich die denkbar reichstgeschliffene Ausformung seiner jeweiligen Eigenheit und Einzelnheit. Und das Ergebnis davon heißt eben Kampf, Krieg, Wettbewerb, ἀγών,struggle for life, Zuchtwahl... Kampf der Vater aller Wirklichkeiten, das ist in Wirklichkeit die Überschrift, welche der Vater der europäischen Menschlichkeit auf seiner Völkerbrücke zu Ephesos an das Tor zu unserm Festland schlug und hämmerte. Kampf der Vater und Kampf die Mutter, das ist die Wahrheit geblieben, die auch vom Christentum nicht nur nicht widerrufen, sondern bestätigt worden ist, denn der Herr des Evangeliums scheint es erraten zu haben, warum er, vorzugweis er sich als denjenigen bezeichnete, der nicht den Frieden, aber das Schwert bringen werde: nicht einmal das Kreuz von Golgatha konnte die Pforten des Janustempels sperren, die ewig offenklaffenden,und tatsächlich hat das Christentum sein Öl der Linderung ins Feuer statt aufs Wasser ausgegossen... Kampf brandet und Kampf entbrennt also schon im kaum befruchteten Keim, wo offenbar das Männliche mit dem Weiblichen im Hader liegt, bis entweder das Männliche über das Weibliche oder das Weibliche über das Männliche Herr ward und dadurch das Geschlecht des künftigen Wesens entschied. Und derselbe Kampf wird ausgetragen, wo die vererbten Eigenschaften einer Ahnenreihe mit den vererbten Eigenschaften anderer Ahnenreihen streiten, oder wo den vererbten Eigenschaften neue hinzuerworbene von Grund auf widerstreben. Wohin der Blick des Christ-Europäers fällt, gewahrt er Kampf und Krieg im Kleinen wie im Großen, und sogar noch wenn er an Sommerfeierabenden, an endlos schwalbenzwitschernden und grillenzirpenden, besinnlich auf der Gartenbank vor seinem Hause sitzt und eine Weile ruht, fühlt er vom Grausen plötzlich sich geschüttelt beim Anblick eines räuberischen Tausendfüßlers, wenn dieser sich auf einen verzweiflungvoll aufbäumenden Regenwurm stürzt und dessen unbewehrten Leib mitten entzweibeißt: so hat dem Rabbi von Bacharach die Eiskralle des Entsetzens ins Herz gegriffen, als er am Vorabend vor Pascha unter dem schimmernden Tafellinnen plötzlich die eingeschmuggelte Leiche eines Kindes sah... In einem Augenblick derart hellsehenden Weltverstehens mag es sein, daß dem Christ-Europäer das furchtbare Gesetz des Lebens aufleuchtet, welchem zufolge jedes organische Gebild der glücklich Überlebende und Überstehende zahlloser sicht- und unsichtbarer Einzelkämpfe ist. Weit entfernt, daß ihm als Menschen, ihm als Christen diese Kämpfe erspart blieben oder wenigstens in ihrem Grad gemildert, in ihrer Form ‚vermenschlicht‘ würden, findet er ganz im Gegenteil gerade sich in seiner Eigenschaft als Mensch zu einer Kampfweise genötigt, wie sie gleich wahllos in den Mitteln und gleich böse die außermenschliche, untermenschliche Natur nicht kennt. Wohl frißt auch dort ein Tier das andere Tier, ein Tier die Pflanze und gelegentlich auch eine Pflanze das Tier ganz unbedenklich. Aber im allgemeinen spielt sich dieser Kampf doch meist zwischen den verschiedenen Arten als solchen ab, seltener zwischen den Vertretern ein und derselben Art, was leider bei uns Menschen die selbstverständliche Regel wird. Sind wir ganz offenkundig schon dadurch gegen das Tier vielfach im Nachteil, daß mit verhältnismäßig geringen Schwankungen die geschlechtliche Brunst bei uns das Jahr über ununterbrochen dauert, was für nicht wenig Menschen eine Hölle von Anfechtungen bedeutet, so sind wir auch in dieser Beziehung schlimmer daran als das Tier, daß wir uns fortwährend gegen unsresgleichen wenden und wehren müssen, — und dies wie gesagt obendrein mit Mitteln, Pfiffen, Schlichen, die das Tier verschmäht: „Denn heimlich wie die Höhle, o Herr, ist der Mensch, und offen wie die Ebene, o Herr, ist das Tier“, sagt Pesso, der Sohn des Elefantenlenkers, zum Erhabenen...

Der sogenannte Kampf ums Dasein also, von seinem europäischen Entdecker zu seiner Zeit sicherlich zu Unrecht herangezogen, um die Wandlung einer Art zur anderen und ‚höheren‘ erklärlich zu machen, — zu Unrecht herangezogen, sag’ ich, weil er sich zwischen verschiedenen Arten eigentlich gar nicht ereignen kann, wofern verschiedene Arten jeweils auch in verschiedenen Umwelten leben, verschiedenen Daseinsbedingungen unterliegen und darum streng genommen um diese Daseinsbedingungen auch nicht wirklich kämpfen können! — beim Menschen wird dieser Kampf ums Dasein dennoch schauerliche Wahrheit. Kämpft doch der Mensch mit dem Menschen in der Tat um die nämliche Ackerscholle, um die nämlichen Bodenschätze, um die nämlichen Weideplätze, um die nämlichen Absatzmärkte, um die nämliche Arbeitstelle, um den nämlichen Güteranteil, um das nämliche Weib, um das nämliche Glück, um die nämliche Ehre, um den nämlichen Rang. Der Mensch kämpft ums Dasein, das heißt, er kämpft um sich selber und um seine Selbstverwirklichung, und beides winkt ihm nur, wo er seinen Wettbewerber übermächtigt. Schon daß er lebt, bedeutet unter allen Umständen eine Übermächtigung unbekannt wie vieler Ansätze und Möglichkeiten, die zum gleichen Leben drängten; so kann er von allen Wesen am buchstäblichsten von sich selbst bekennen: denn wir sind teuer erkauft.Sub speciedieses Gedankens war es dann nicht weniger als Die europäische Vision, das Leben überhaupt als Willen zur Macht aufzufassen und zu entlarven. Zummindesten sind alle Gipfelungen und Aufhöhungen des Lebens in diesem unserm christlichen Europa unmittelbar eins mit dem stolzen Gefühl erworbenen Machtzuwachses durch den Sieg über andere Mächte, andere Mächtige. Die Macht ist die einzige und letzte Tugend des Christ-Europäers, an die er noch wirklich glaubt, zu welcher er betet und der er opfert. Macht über den Feind ist die Tugend des Kriegers, Macht über den Sklaven die Tugend des Freien, Macht über das Weib die Tugend des Mannes, Macht über den Stoff die Tugend des Künstlers, Macht über das Werkzeug die Tugend des Handwerkers, Macht über das Betriebsmittel die Tugend des Unternehmers, Macht über die Masse die Tugend des Führers, Macht über das Element die Tugend des Technikers, Macht über die Unordnung die Tugend des Wissenschafters, Macht über den Zufall die Tugend des Weisen, Macht über den Trieb die Tugend des Bändigers. „Jeder von uns“, so steht im pseudoplatonischen Theages zu lesen, „möchte womöglich aller Menschen Herr sein, am liebsten Gott...“ Der Wille zur Macht als der oberste und im Grund sogar einzige Wert des Lebens, die Macht und ihre Ausbreitung, Steigerung das eigentliche Ziel und der eigentliche Sinn des Lebens, das ist der kardinale europäische Gedanke, und wer wird zu behaupten wagen, er sei nicht irgendwie auch der kardinale christliche Gedanke gewesen? Denn war der christliche Gott nicht vorzugweis derpater omnipotens, war nicht die All-Macht an und für sich dassummum bonumoder derhöchste Wert: nur eben in der Sprache der Scholastik statt in der Sprache Nietzsches? Wer unbefangen hinsieht, gewahrt denn auch gerade in jenem Mittelalter die ragendsten Vertreter des Machtgedankens überhaupt, welche unser Festland bis auf die neue Zeit hervorgebracht hat, — sei es in der Gestalt jenes Innozenz des Dritten oder Bonifaz des Achten, sei es in der Person jenes Heinrich von Hohenstaufen, der Deutschland, Italien, Sizilien als ein einziges Reich kaiserlich beherrschte und über das Mittelmeer schon seine gewaltige Hand auf Kleinasien gelegt hatte, als er alexandrisch früh und unbegreiflich aus einer ungeheuern Bahn geschleudert ward: seit Heinrich des Dritten gleichfalls allzu jungem Tod das zweite Beispiel übrigens aus unserer deutschen Geschichte, wie eine Entwicklung mit schwindelerregenden Adspekten verhängnisvoll abgerissen ward... Schon damals also, und wie erst recht heute, kommt der Europäer erst zu sich im Gefühl der Macht; in ihm allein genießt er seiner selbst und schwelgt er in seinem Selbst. Unter den Gesichtswinkel der Macht gerückt, erscheint dem Europäer jedes vorhandene Dasein und jeder vorhandene Gegenstand ein Widerstand, an welchem er sich mißt: vermag er ihn wirklich zu überwinden, so fühlt er triumphierend das verstärkte Bewußtsein seiner Eigenheit. Was ihn nicht umwirft, macht ihn mächtiger, — folglich wirft der Europäer vieles, ja alles um, damit er dadurch mächtiger würde...

Im Zeichen dieses machthaft gesteigerten, machthaft gespannten Daseins beginnt dann dieserhomoeuropaeus,homo christianissimussich auf eine Art rein biologisch auszuleben, wie sich das keine einzige Menschheit der bekannt gewordenen Geschichte vorher je gestattet hatte. Vernunft, Maß, Mitte, Zweck, Ziel, Übereinkunft, Herkommen, Norm, Gesetz, Urteil, Geschmack, die ehemals aus einer begründeten Angst vor dem Leben zwischen den Menschen und das Leben absondernd eingeschaltet wurden, liegen jetzt zertrümmert an der großen Straße, die das Leben selbstherrlich wie nie zuvor beschreitet. Der Bios und der Logos, mutmaßlich von Heraklit zum erstenmal in ihrer Gleichwertigkeit und Gleichunentbehrlichkeit trotz ihres verschiedenen Vorzeichens miteinander verkoppelt zu jenem doppelten System von Kräften, dessen Arbeitertrag eben Europa heißt, — der Bios und der Logos werden jetzt durch die Vehemenz des Lebens, Nichts-als-Lebens, auseinander gerissen, und der Bios dem Logos unbedingt und unbedenklich übergeordnet. Womit ein Rangstreit voreilig und unsachlich entschieden wird, der in zwei langen Jahrtausenden vielleicht der stärkste Antrieb zu dem Aufbau unserer europäischen Gesittung war und uns jedenfalls in dieser ganzen Zeit geschichtlich bei Atem erhalten hatte. Nunmehr aber heißt der Zweck und Sinn des Lebens Leben selbst und darf dem Leben nicht länger durch eine metaphysische, richtiger metabiotische Einlegung vom Geist oder der Vernunft her unterstellt werden. Die einmal angetretene Erscheinung aber des Lebens, sei siecollectivum, sei sieindividuum, gilt als das höchste Gut, dem gegenüber jedes Lebendigen höchste Pflicht darin besteht, sich selber bis zum eigenen Untergang und noch darüber hinaus lebendig auszuwirken: koste es, was es wolle; koste es sogar die Vernichtung, die Zerstörung aller übrigen Erscheinungen des Lebens. Das Leben selbst, im christlichen Europa ganz folgerichtig ergriffen und begriffen als das höchste Gut, schwillt tosend über alle Dämme, und da ist kein Opfer vornehm und edel genug, — am wenigsten aber das einst so gefürchtete, jetzt leichthin dargebrachtesacrifizio dell’intelletto! — welches nicht mit Recht von ihm gefordert werden dürfte. Kindlich über die Maßen das alte Vorurteil, menschlicher Verstand oder Geist könnten das Leben meistern oder wenn nicht geradezu meistern, so wenigstens gängeln oder zügeln. Kindlicher noch das Vorurteil, das Leben als solches sei da, um höheren Vernunftabsichten, sittlichen Weltordnungen, göttlichen Heilsplänen irgendwie zu dienen. Bis hierher freilich war das Menschenleben in seiner vorbildlichsten Führung wesentlich ein Dienen, und wer am würdigsten gelebt hatte, der durfte am rühmlichsten zuletzt von sich bekennen:In serviendo consumatus sum, im Dienen hab’ ich mich aufgezehrt... Aber derlei Romantik ist jetzt wahrlich nicht mehr an der Zeit, der fortgeschrittenen. Das Leben ist erfaßt als Unbedingtheit, Unbezüglichkeit. Vielleicht als das letzte sogenannteabsolutumunserer abendländischen Philosophie hat es niemanden und nichts mehr über sich, dem es selbst beim besten Willen dienen könnte, — indes ihm selber, wohlverstanden, alles dienen muß und soll.Ars longa,vita brevis, sagte sich vormals der europäische Mensch zu seinem Trost und seiner Stärkung, wenn er sein kleines Leben an große Dinge demütig und dennoch stolz dahin gab.Vita longa, ars brevis, lächelt er jetzt (etwas beklommen und beklemmend freilich) sich selber zu, wenn er im heißatmigen Föhn des Lebens all’ die zarten und zartesten Flocken schmelzen sieht, die er im Ablauf der Zeit zu den herrlichen Kristallgebilden seiner geschichtlichen Kulturen, wie er einst meinte und hoffte, für die Ewigkeit geformt hat. Weh’, ihm schmolz im Föhn des Lebens auch der Kristall der Ewigkeit dahin, und unter dem niederschmetternden Eindruck dieses unvergleichlichen Verlustes geschieht es denn, daß er seine letzte Rückkehr zur Natur, zum Leben in Szene setzt, — diese Rückkehr, zu welcher man ihn seit anderthalb Jahrhunderten mit immer größerer Dringlichkeit zu überreden bemüht gewesen ist: bezeichnenderweis von demselben Frankreich aus, welches nunmehr in Henri Bergson den Vollender und Vollstrecker unseres europäischen Biologismus verkörpert zeigt. Der Europäer, sag’ ich, kehrt einmal noch zurück zur Natur, enttäuscht von allen bisherigen Kulturen. Er kehrt zurück zur Natur, will meinen, er beginnt sich biotisch, biologisch auszutoben, auszurasen, auszutanzen, — und dieser Vorgang ist am Ende immer noch wichtig genug, um unsere Aufmerksamkeit ein wenig auf sich zu ziehen.

Denn vergessen wir, ihr Christen, vor allen Dingen dieses eine nicht, daß der Europäer der heutigen Zeitläufte, längst ehe er zum Biotiker wurde, er Energetikergewesen war. Energetiker zwar nicht etwa im Sinn einer besonderen physikalischen Auffassung und Deutung, sondern Energetiker ganz unmittelbar in der Betätigung seiner schaffenden und gestaltenden Kräfte. Aus dieser sehr beachtenswerten Ursache heraus kann er gar nicht umhin, sich nun auch die Tatsache des Lebens selber energetisch zurechtzulegen. Auch das Leben, ja das Leben erst recht offenbart sich ihm als ein energetisches Geschehen, als ein Umsatz von Energie in Energie, und der Lebendigste ist ihm ganz ohne Zweifel der, welcher den ‚größten Umsatz‘ hat. Wer da die meiste Arbeitfähigkeit und Arbeitkraft entwickelt, wer sich mit Energie am unerschöpflichsten geladen zeigt, ist der Lebendigste von allen und als Lebendigster ohne Frage auch der Wirklichste. Unter allen anderen, die gleichzeitig mit ihm leben und mit ihm wirken, hat er am unwiderleglichsten zu Allem recht: erlaubt ist, was da lebt, verboten nur der Tod. So lädt sich denn jeder Einzelne mit einer Menge von Lebenskräften, das ist Arbeitkräften, welche genügen würden, ihn selber samt der Hälfte der Welt in die Luft zu sprengen. Und Gott weiß, ihr Christen, die Luft um uns herum zittert von den Stößen der Sprengungen, die sich ringsherum alle Augenblicke ereignen: irgendwer, irgendwas fliegt in jedem Zeitteil dieser vorgerückten Zeigerstellung in die Luft... Der Einzelmensch ist nur mehr eine Zusammenballung und Zusammenkernung von positiven Kräften, die ihre Umgebung negativ laden und mit furchtbarer Gewalt von sich abstoßen. Eine unheimliche Spannung zwischen den einzelnen Lebensträgern entsteht und steigert sich schnell bei ihnen, ob sie nun im engern Sprachverstand alsindividuaoder im weiteren alscollectivaanzusprechen sind, zur wahren Unerträglichkeit: jedescollectivum, jedesindividuumempfindet das andere schlechthin als unerträglich. Eine schreckliche Einsamkeit zieht sich um jeden Menschen zusammen wie eine schwarze Wolke, die nur noch in flammenden Blitzen redet, wenn sie nicht dann und wann etliche Tropfen auf die verschmachtende Erde fallen läßt, die aussehen wie Blut... Kaum in den wildesten Vergangenheiten mögen sich Einzelmenschen, Stände, Berufe, Klassen, Stämme, Völker, Staaten, Rassen derart indianerhaft bis zum Tod am Marterpfahl gehaßt haben wie heute, wo die frohe Botschaft vom Leben wie ein Fünftes Evangelium ergangen ist. Zu einem Sammelbecken der Energie staut jeder das Gefälle seines Lebens, aber weil er wegen der allzu großen Nähe und Widerstandskraft anderer diese gestauten Energien nirgends abfließen lassen kann, beginnt er sehr bald unter seinem eigenen Zuviel zu leiden. Aus diesem unvermeidlichen Leiden am andern nährt sich ebenso unvermeidlich sein Haß auf den andern. In diesem an sich schon übervölkerten Europa bedeutet jedes einzelne dieser lebendigen Energiezentren, Energiequanten ein Höchstmaß an Störung, Hemmung, Ablenkung für die andern mit lauter magnetischen und elektrischen Gewittern in der Folge. In unglaublichem Ausmaß hat sich ein ahnungvolles Wort Nietzsches aus seinen Niederschriften zu einer Philosophie des Willenszur Macht als ein prophetisches erwiesen: „Die europäische Tatkraft wird zum Massenselbstmord treiben“... Die europäische Tatkraft, will sagen der europäische Energismus und Biologismus, der den Europäer ohne jede Schutzmaßregel dem Leben und seinen Entladungen preisgibt, hat wirklich zum Selbstmord der Massen getrieben. (Was wir aber darunter ungefähr zu verstehen haben, hat der nunmehr sieben Jahre gegen Deutschland geführte Vernichtungkrieg einigermaßen offenbar gemacht)...

So hat das Leben, das Nichts-als-Leben und Nur-noch-Leben die europäische Menschheit dieser Stunde angefallen, wie es dann und wann, anscheinend grund- und ursachlos, eines jener chemischen Elemente anfällt, die der Gruppe von radioaktiven Stoffen zugehören. Das Leben befiel uns und überfiel uns gleichsam, und es leitete mit diesem Überfall anscheinend bei uns denselben Zustand des Zerfalls ein wie bei diesen mehr wie rätselhaften Elementen. Wunderbar zwar, wir alle wissen es, beginnt ein solch’ plötzlich auflebendes Element leuchtende Teilchen von sich selber fort und fort zu schleudern und alle jene märchenhaften Phänomene aufzuweisen, welche zu unserm unermeßlichen Erstaunen ein für alle mal an den Namen Radium klassisch geknüpft sind. Dies wie gesagt wissen wir alle. Aber wir wissen auch das andere, daß eben mit diesen fortgeschleuderten und vergeudeten Teilchen der atomistische Zerfall des ganzen Elementes zum Vollzug gelangt: das Element lebt auf, indem es seine eigene Substanz verausgabt.Zum Leben irgendwie gereizt, verführt, bestimmt, — das alles ist ja vollkommener Mythos innerhalb der Grenzen strengster Wissenschaft! — gestaltet das Element sein bisher ausschließlich physikalisch-chemisches Dasein in ein biologisches um, wobei ihm just wiederum diese Umgestaltung Sterblichkeit, Tod und Untergang bringt. Etwas ganz Ähnliches, deucht mich, geschehe nun auch hier, wo wir europäische Menschen, die wir vormals wohl ein wesentlich humanes, ja humanistisches Dasein zu führen wenigstens beflissen waren, vom Leben als solchem nun gereizt, verführt, bestimmt sind, uns einem vorwiegend biologischen Dasein unbedingt hinzugeben, — und so bringt auch uns diese Umgestaltung Sterblichkeit, Tod und Untergang. Luziferisch glutend wie ein feuerspeiender Berg in der Nacht loht heute Europa in den Bränden seiner Lebenswut und Lebensgeilheit, — aber wer wäre im ernstlichen Zweifel, was dieses prachtvolle Nachtschauspiel, Machtschauspiel zu bedeuten hätte! Ein oder zweitausend Jahre europäischen Christentums haben endlich auch die verborgensten Voraussetzungen des Christentums zum Reden und das Eis des Schweigens unter weithin vernehmlichem Krachen zum Bersten gebracht. Und sieh’ da, es zeigte sich folgendes: diese Voraussetzungen waren nicht geradezu nachweisbar falsch oder irrig, aber sie mußten irgendwie dennoch lückenhaft und unvollständig gewesen sein, denn ihnen mangelte offenbar etwas zum Schutz gegen des Lebens Un- und Übermaß. Sicherlich hat das Christentum niemals Ja gesagt zu den selbstzerstörerischen Konsequenzen, welche ein nunmehr abgelaufener Äon mit zunehmender Unzweideutigkeit aus dem Christentum selbst gezogen hatte. Aber ebenso sicherlich hilft ihm auch die ehrlichste Verwahrung und Entrüstung nichts, daß es trotz alles Gegenscheins zuletzt doch christliche Voraussetzungen gewesen, oder sagen wir etwas vorsichtiger und gerechter: mit-gewesen sind, welche diesen Konsequenzen zugesteuert haben. Genau diesen nämlichen Konsequenzen würdehomo europaeus,homo christianissimusunabänderlich noch einmal zusteuern, falls er durch die Vergangenheit noch nicht genug gewitzigt, noch einmal sich entschließen würde oder entschließen könnte, als Christ seine Geschichte von vorne zu beginnen: „Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, Zum Ritt ins alte romantische Land“... Unabänderlich würde der europäische Christ auch bei einer Wiederholung seines weltgeschichtlichen Pensums seine persönliche Selbstverwirklichung, Selbstverlebendigung um jeden Preis zum letztgewollten Ziel seines Daseins machen, nachdem es nun einmal sogar seine Religion nicht besser kennt und weiß, als daß Lebenseinheit und Ichgestalt, Individuität und Personität die letztmögliche und höchstmögliche Ausformung des Wirklichen überhaupt darstellten ... Gegen diese Wucherungen der Individuität, die sich notwendig aus dieser Auffassung ergeben müssen, kann manpost festummancherlei taugliche Maßregeln ergreifen, wie sie der Herr des Evangeliums und die sogenannte christliche Ethik denn auch in der Folge mit größerer oder geringerer Entschiedenheit ergriffen haben. Aber alle diese Maßregeln sind im besten Fall nur dazu geeignet, die Selbstsucht und den Eigentrutz der einzelnen Person etwa ein wenig abzuschwächen oder gelegentlich sogar zu unterdrücken zugunsten der Selbstsucht und des Eigentrutzes einer anderen Person: beides jedoch von innen heraus zu überwinden, vermögen auch diese Maßregeln keineswegs bei der Grundsätzlichkeit der christlichen Gesamteinstellung zu Welt und Wirklichkeit Dasein und Leben...

Indessen sei es nochmals hier mit allem Nachdruck bemerkt, daß uns nichts dazu berechtigen würde, diese Gesamteinstellung des Christentums zu Welt und Wirklichkeit eine irrtümliche oder falsche zu nennen. Wahr oder Falsch, Wahr oder irrig, das sind wahrhaftig nicht die Maßstäbe, die an die entscheidenden Einstellungen des Menschen zur Welt und zur Wirklichkeit gelegt werden dürfen, wenn sie nicht zu Weiterungen führen sollen, die handgreiflich unzulässig, weil unsinnig und widersinnig sind. Es geht nicht an zu sagen, zwei Jahrtausende europäischen Christentums seien abwegig, irrig oder falsch gewesen. Das Schicksal ganzer Kontinente ist so wenig wie das Schicksal eines Individuums rückblickend anders vorstellig zu machen, als es eben gewesen ist, und wenn jemals das gewaltige Wort vomamor fatiangewendet zu werden verdient, so hier. Ist es aber, ihr Christen, unter keinen Umständen zulässig zu behaupten, zweitausend Jahre christlichen Weltauffassens, Lebensgestaltens seien verkehrt gewesen, — so dürfte andererseit freilich die Behauptung doch ihren guten Sinn haben, daß diese zwanzig Jahrhunderte ein Verhältnis zur Wirklichkeit für allein möglich, allein wertvoll und allein sälig machend erachtet hätten, dessen Einschichtigkeit, Unvollständigkeit, Halbschlächtigkeit uns unter dem Druck und Eindruck gegenwärtiger Erfahrungen offenbar geworden ist. Die Behauptung ist erlaubt, die Behauptung ist gefordert, daß wir mit dieser christlichen Einstellung allein nicht länger als Menschen zu leben vermögen: nicht länger zu leben mit einer Einstellung, welche just das Dasein europäischer Menschheit und Christenheit, wie es heute geführt werden muß, zum mensch- und tierunwürdigsten aller Zeitalter stempelt. Wer die Europa-Dämmerung dieser Jahre erlebt, wer sie erlitten hat, der wird den Argwohn nimmer in sich unterdrücken können, daß diese ganze christliche Gesittung bei der Veranschlagung des Lebens eine unbekannte Größe, — es braucht mit nichten ein unbekannter Gott zu sein! — vergessen haben möchte, welches Vergessen dann in der Folge zu all den unsäglichen Störungen des Lebens führt, die wir heute an uns selbst und am Körper der Gesellschaft beobachten müssen...

Vielleicht wär’ es dabei von etlichem Gewinn, uns an dieser Stelle zuletzt der nicht ganz unähnlichen Krisis zu entsinnen, welche auf wissenschaftlichem Gebiet heute bekanntlich die klassische Mechanik durchzumachen hat. Diese klassische Mechanik, seit langem das verwöhnteste Kind europäischer Wissenschaftlichkeit, wankt heute ja, genau wie der Bauunserer ganzen Gesellschaft, in ihren unterirdischsten Gewölben, und dieser Tatbestand hat seither zur Entdeckung eines Weltgesetzes Anlaß gegeben, welches den Gebildeten unter dem Namen des Satzes von der Relativität, das ist: Verhältniswertigkeit, allgemein bekannt geworden ist. Nun wohl! Was ist dabei im letzten Sinn geschehen? Etwas im Grunde sehr Schlichtes, Einfältiges, Allzumenschliches, wie mir scheinen will. Eine Wissenschaft nämlich, bis vor kurzem die Wissenschaft schlechthin, hat als die sogenannt klassische Mechanik der Galilei, Kepler, Newton, Descartes ein Weltbild in Begriffen entworfen und bis in die feingliedrigsten Einzelheiten hinein durchdacht und durcharbeitet, welches gewissermaßen die Wirklichkeit, wie sie an und für sich sei, darzustellen beflissen war: die Wirklichkeit mithin ganz ohne jene erkenntnismäßigen Zutaten, Zusätze, Formungen, mit welchen sonst (nach philosophischer Auffassung wenigstens) das erkennenwollende und erkennende Ich diese Wirklichkeit ‚subjektiv‘ zu färben und zu tönen pflegt. Auf diese Weise hatte die klassische Mechanik von Masse, Geschwindigkeit, Bewegung, Schwerkraft, Raum und Zeit gesprochen, — nicht anders, als ob derlei Wesenheiten vollkommen unabhängig von allen Einstellungen und Beeinflussungen jenes erkennenden, beobachtenden und rechnenden Ich an und für sich bestünden. Das ging solang es ging: just nämlich solang, bis zuletzt sogar die Planeten widerspenstig wurden und nicht mehr in den errechneten Zeiten ihre errechneten Bahnen zurücklegten.Die klassische Mechanik der Galilei, Kepler, Newton, Descartes hatte so getan, als ob eine wissenschaftliche Darstellung des unbegrenzt großen Körpers ‚Welt‘ zu geben wäre, ohne daß man die Einwirkungen weiter berücksichtigte, welche der kleine und begrenzte Körper ‚Mensch‘ auf jede derartige Darstellung notwendig schon durch seine unumgängliche Gegenwart ausüben mußte. Jetzt endlich unter dem Druck der gedachten Umstände begann man sich dieser Einwirkungen des physiopsychischen Systems Mensch auf das maschinelle System Welt grundsätzlich zu besinnen; jetzt traf man Anstalten, jenes System als den lebendigen und insofern auch abhängig-veränderlichen ‚Bezugknoten‘ in die Maschen des wissenschaftlichen Begriffsgespinstes hinein zu stricken. Die vorher unbedingt gedachte, unbedingt gesetzte Wirklichkeit bewegter Massen im Raum erwies sich jetzo als bedingt, nämlich durchaus als zugeordnet und folglich als verhältniswertig und verhältnismäßig zu diesem lebendigen Bezugknoten Mensch. Dieser Gedanke war kaum in seiner grundsätzlichen Bedeutsamkeit zugelassen worden, als die Störungen zum Verschwinden gebracht werden konnten, welche schließlich die gesamte klassische Mechanik in Frage gestellt hatten. Im wesentlichen handelte es sich nur noch darum, jenen neu aufgefundenen Bezugknoten in seinem veränderlichen Wert irgendwie mathematisch-analytisch in die Rechnung einzufügen, — ein Vorgang, dessen Wie uns hier begreiflicherweis nichts weiter angeht. Wohl aber gibt uns das Daß desselben, obgleich auchseinerseit in erster Linie eine Angelegenheit der Mechanik, einen schätzbaren Wink, wie man etwa auch außerhalb der strengen Wissenschaft Unstimmigkeiten und Störungen einschneidender Art zu beheben vermöchte: Unstimmigkeiten und Störungen wahrhaftig nicht in den Umlaufbahnen des Merkur oder in der Fortpflanzungrichtung der Lichtstrahlen, sondern Unstimmigkeiten und Störungen in der Gesamtlebensführung eines Zeitalters, — Unstimmigkeiten und Störungen so schwerster, ausschweifendster, verderblichster Art, daß sie schließlich die allgemeine Tatsache des Lebens selber gefährden müssen. Jene klassische Mechanik euerer Galilei, Kepler, Newton, Descartes, ihr Christen, hatte den wechselnden Bezugknoten Mensch und menschlicher Beobachter bei ihrer mathematischen Substruktion einer dreidimensionalen Weltwirklichkeit in Anschlag zu bringen vergessen: einen veränderlich-abhängigen Wert also je nach der örtlichen Einstellung zu den wahrgenommenen Erscheinungen und Erscheinungabläufen. Das Christentum aber, welches nun einmal euer europäisches Schicksal geworden ist, ihr Christen: dies Christentum hat unzweifelhaft etwas anderes vergessen. Was dieses andere freilich sei, ist schwer zu sagen, schwer zu suchen, schwer zu finden...


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