Sichten wir noch einmal alles ineinander, was hier gesagt ward über das Verhältnis des europäischen und mithin doch wohl auch des christlichen Menschen zu seiner Welt, so wäre etwa als grundsätzlicher Ertrag das Urteil festzuhalten: der Abendländer formt diese Welt aus seinen Sinnen und mit seinem Sinn restlos in eine Unendlichkeit gestaltartiger Gebilde aus. Das All zerlegt sich ihm in wechselnd wechselseitige Beziehung solch wohl ausgeformter, festabgegrenzter Gegenständlichkeiten zueinander, und vollends das Leben erscheint ihm lediglich unter dem Gesichtswinkel ewig bewegter und veränderlicher Grundgestalt. Die Wirklichkeit des Europäers ist durchgängig aufgeteilt in letzte Einzelnheiten, letzte Einheiten, die er schon früh in seiner dreitausendjährigen Geschichte die Unteilbarkeiten, ἄτομοι,individuazu nennen liebte. Nichts liegt seiner Gewohnheit ferner als der Argwohn, diese vielfach gegliederte Wirklichkeit könne am Ende doch nicht das Wirkliche schlechthin sein, und buchstäblich hat er sein Sach’ auf Sich gestellt, wofern er sich die ganze wahrnehmbare und unwahrnehmbare Welt so deutet, als ob sie sich zusammensetze aus lauter mehr oder weniger ähnlichen Wiederholungen seiner eigenen Individuation. Im fließenden Wandel der Gestaltungen deucht ihn die Gestalt allein das Dauernde und Beharrliche, und sein Blick erlischt, sein Auge erblindet jäh, wo man es abzuziehen trachtet von den streng ausgeprägten Gegenständen und genau abgegrenzten Besonderungen seiner vielgegliederten Wirklichkeit. Die Welt unterworfen dem Gesetz fortschreitender Besonderung, das ist die vorzugweis abendländische Welt, und wo das Gesetz nicht mehr gilt, wird mit naiver Selbstverständlichkeit angenommen, daß auch die Welt selber nicht mehr gelte. Diesseit und jenseit der Unterscheidung beginnt das Nichts und Abernichts, — das ist europäische Einstellung und Überzeugung, und wir hier vermögen jetzt sogar zu begreifen, inwiefern dies christliche Einstellung, evangelische Überzeugung gewesen ist. Wie der mathematische Dividendus einer rationellen Zahl durch Teilung restlos aufgeht in seine Divisoren, so geht die abendländische Wirklichkeit restlos in ihre Besonderungen auf. In dieser Auffassungweise verrät sich ein gar nicht auszurottender Rationalismus europäischen Weltdenkens und Weltwissens, auch wenn dieses Weltdenken und Weltwissen seit der Mathematik der Griechen aufs tiefste sich beunruhigt zeigt von dem Problem des Irrationalismus, bis dieser Irrationalismus schließlich in der gegenwärtigen Philosophie Deutschlands, Frankreichs, Amerikas Trumpf geworden ist. Die Welt ein aufteilbares Ursein, die Welt grundsätzlich einDividuum, und nur die letzten Einheiten ihres Bestands unteilbares Dasein oderIndividuum: in dieser Deutung krönt die Abendlandsmenschheit ihr höchstes Wissen von der Wirklichkeit.
Sichten wir noch einmal alles ineinander, was hier gesagt ward über das Verhältnis des europäischen und mithin doch wohl auch des christlichen Menschen zu seiner Welt, so wäre etwa als grundsätzlicher Ertrag das Urteil festzuhalten: der Abendländer formt diese Welt aus seinen Sinnen und mit seinem Sinn restlos in eine Unendlichkeit gestaltartiger Gebilde aus. Das All zerlegt sich ihm in wechselnd wechselseitige Beziehung solch wohl ausgeformter, festabgegrenzter Gegenständlichkeiten zueinander, und vollends das Leben erscheint ihm lediglich unter dem Gesichtswinkel ewig bewegter und veränderlicher Grundgestalt. Die Wirklichkeit des Europäers ist durchgängig aufgeteilt in letzte Einzelnheiten, letzte Einheiten, die er schon früh in seiner dreitausendjährigen Geschichte die Unteilbarkeiten, ἄτομοι,individuazu nennen liebte. Nichts liegt seiner Gewohnheit ferner als der Argwohn, diese vielfach gegliederte Wirklichkeit könne am Ende doch nicht das Wirkliche schlechthin sein, und buchstäblich hat er sein Sach’ auf Sich gestellt, wofern er sich die ganze wahrnehmbare und unwahrnehmbare Welt so deutet, als ob sie sich zusammensetze aus lauter mehr oder weniger ähnlichen Wiederholungen seiner eigenen Individuation. Im fließenden Wandel der Gestaltungen deucht ihn die Gestalt allein das Dauernde und Beharrliche, und sein Blick erlischt, sein Auge erblindet jäh, wo man es abzuziehen trachtet von den streng ausgeprägten Gegenständen und genau abgegrenzten Besonderungen seiner vielgegliederten Wirklichkeit. Die Welt unterworfen dem Gesetz fortschreitender Besonderung, das ist die vorzugweis abendländische Welt, und wo das Gesetz nicht mehr gilt, wird mit naiver Selbstverständlichkeit angenommen, daß auch die Welt selber nicht mehr gelte. Diesseit und jenseit der Unterscheidung beginnt das Nichts und Abernichts, — das ist europäische Einstellung und Überzeugung, und wir hier vermögen jetzt sogar zu begreifen, inwiefern dies christliche Einstellung, evangelische Überzeugung gewesen ist. Wie der mathematische Dividendus einer rationellen Zahl durch Teilung restlos aufgeht in seine Divisoren, so geht die abendländische Wirklichkeit restlos in ihre Besonderungen auf. In dieser Auffassungweise verrät sich ein gar nicht auszurottender Rationalismus europäischen Weltdenkens und Weltwissens, auch wenn dieses Weltdenken und Weltwissen seit der Mathematik der Griechen aufs tiefste sich beunruhigt zeigt von dem Problem des Irrationalismus, bis dieser Irrationalismus schließlich in der gegenwärtigen Philosophie Deutschlands, Frankreichs, Amerikas Trumpf geworden ist. Die Welt ein aufteilbares Ursein, die Welt grundsätzlich einDividuum, und nur die letzten Einheiten ihres Bestands unteilbares Dasein oderIndividuum: in dieser Deutung krönt die Abendlandsmenschheit ihr höchstes Wissen von der Wirklichkeit.
Nicht aber krönt in derselben Deutung die indische Menschheit dieses ihr Wissen, und am wenigsten der Buddho mit Namen Gotamo. Wer die unermeßliche Paradoxie, welche für abendländischenGeschmack der Lehre und Tat des Buddho immer anhaften wird, mit ihrer ungeminderten Wucht auf sich prallen lassen will, braucht sich nur diesen nämlichen Umstand zu vergegenwärtigen: denn die Erfahrung einer vollkommen entstalteten und entformten Wirklichkeit diesseit und jenseit aller Besonderungen und Unterscheidungen, diese Erfahrung aller Erfahrungen macht geradezu das religiöse Erlebnis des Buddho aus: namentlich aber besteht das gotamidische Mysterium der Erlösung einzig und ausschließlich in der vollbrachten Ablösung von eben dieser Wirklichkeit restloser Ausformung und Ausgestaltetheit. Wo Sinn und Sinne des europäischen Menschen unermüdlich in eine gestalthafte Welt schweifen und mit der Schärfe astronomischer Refraktoren sogar noch jede nebelungewisse Milchstraße am Himmel in ein Gewimmel von lauter einzelnen Sternen optisch zerbrechen, da sammelt sich der Geist des gotamidischen Menschen in stiller Einfaltung auf das versiegelte Geheimnis einer Gegen-Welt, für welche jeder Begriff von Gestalt, Form, Mannigfaltigkeit, Unterschied, Einzelheit, Größe oder Zahl seine Gültigkeit einbüßt. Diese Wirklichkeit des Abendländers ist mehr oder weniger eine Vervielfältigung seiner selbst, eine Vervielfältigung seines Selbstes. Jede Erscheinung seiner Umwelt dünkt ihn gleichsam ein Doppelgänger seines Ich, wie er denn unbefangen genug eben sein Ich der gesamten Wirklichkeit als ihr individuelles Modell philosophisch unterstellen zu dürfen wähnt. Das Ich setzt Sich und das Ich setzt das Nicht-Ich, sagt Fichtebekanntlich mit einer verräterischen Offenherzigkeit, und er hätte vielleicht gut getan hinzuzufügen: das Ich setzt das Nicht-Ich als das Spiegelbild und Ebenbild des Ich...
Natürlich kann und darf man nun nicht behaupten, daß diese gestalthaft besonderte und ausgeformte Wirklichkeit für Gotamo und den gotamidischen Menschen nicht vorhanden wäre. Auch der östliche Mensch, das versteht sich, schafft sich seine Welt und seine Wirklichkeit ihm zum Bilde, wenn er auch in der Ausformung und Aufteilung dieser Welt, in ihrer Zerlegung und Zerfällung nicht annähernd so weit gegangen ist wie der wissenschaftlich verfahrende Europäer. Im Unterschied zu diesem betrachtet er jedoch diese instinktiv betriebene Vermenschlichung der Welt keinen Augenblick als Endgültigkeit, und zwar eben darum nicht, weil sie der Welt sein menschheitlich geprägtes Selbst zugrunde legt: denn just dieses menschheitlich geprägte Selbst betrachtet er keinen Augenblick lang als Endgültigkeit. Vielmehr wertet er es kühl und besonnen, wie etwa ein scharfer Denker eine wohlgelungene Gleichnisrede bewertet, von der er nur allzu gut weiß, daß sie das Unsägliche zwar immerhin in einer gewissen Sinnfälligkeit verdeutlicht, — verdeutlicht aber eben doch nur in der Weise einer Gleichnisrede. Allzu treuherzig, allzu leichtgläubig nimmt dagegen der Abendländer sein eigenes Selbst für bare Münze, mit welcher er alle großen und kleinen Forderungen der Welt begleichen zu können wähnt, indes der Buddho, längst nichtmehr treuherzig und noch weniger leichtgläubig, die mehr wie fragwürdige Beschaffenheit auch dieses Selbstes durchschaut hat: er ahnt ein rätselhaftes Sinnbild, wo sich der Abendländer kindisch an die sogenannte Wahrheit klammert. Die Annahme, diese durchgängig menschheitlich gebildete Wirklichkeit, welche den Kosmos als den Makranthropos, Megistanthropos, den Anthropos und Autos zuletzt aber als den Mikrokosmos begreiflich zu machen glaubt, sie könnte die Wirklichkeit schlechthin oder die einzig ‚wahre‘ Wirklichkeit sein, — diese Annahme hätte der Buddho schwerlich für glaubwürdiger erachtet, als wenn zum Beispiel aus der Schar der Wesenheiten ein Wurzelfüßer, eine Koralle, ein Ringelwurm, eine Schnecke, eine Wespe, ein Sperling vor ihn hingetreten wären mit der geflissentlichen Beteuerung: Diese meine Wurzelfüßerwelt, o Gotamo, ist die Wirklichkeit schlechthin, ist die einzige und wahre Wirklichkeit! Diese meine Korallenwelt, diese meine Ringelwurmwelt, diese meine Schneckenwelt, diese meine Wespenwelt, diese meine Sperlingwelt, o Gotamo, ist die Wirklichkeit schlechthin, ist die einzige und wahre Wirklichkeit! Wähne doch ja nicht, Herr, daß es da neben oder außer oder über oder unter oder zwischen dieser jeweiligen Welt noch eine andere Welt gäbe, etwa eine sogenannte Menschenwelt, oder gar, verzeih’ uns! eine gotamidische Welt, von der wir wahrlich weder etwas zu ertasten noch zu erriechen, zu erschmecken, zu erspähen vermögen!... Ich meine, das Lächeln ist zu erraten, mit welchem der Buddho diesen vielerlei Wesenheiten ihr ungebärdiges Drängeln,ihr unvernünftiges Schwören, ihr lästerliches Pressen beantwortet hätte. Ein begütigendes, ja ein überredendes Lächeln, welches am Ende die klügsten dieser unduldsamen Geschöpfe zu der neuen Einsicht geführt haben möchte, daß ihre jeweilige Welt, eben weil ihre, nur ihre Welt, nun und nimmer mit der Welt überhaupt dem Umfang und Inhalt nach sich decken könne. Und vielleicht, wer weiß, hätte sich der Buddho sogar noch zu der Erläuterung herbeigelassen: Ein jegliches von euch guten Wesen schuf sich seine Welt nach Maßgabe und Bedarf seiner eigenen Gestalt. Wie aber die Gestalt von euch Wurzelfüßern, Korallen, Ringelwürmern, Schnecken, Wespen, Sperlingen sowohl im einzelnen wie der ganzen Gattung nach vergänglich ist, so ist auch euere ganze Welt vergänglich. Unvergänglich, unsterblich, ewig aber ist allein, was nicht und nirgendwo Gestalt annahm nach euerer Gestalt, und darum nirgends auch Gestalt verlieren kann, ihr Wesen... „Weiter sodann, Ânando: nach völliger Überwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen gewinnt der Mönch in dem Gedanken ‚Nichts ist da‘ das Reich des Nichtdaseins. Und was dabei noch fühlbar, wahrnehmbar, unterscheidbar, bewußtbar ist, solche Dinge sieht er als wandelbar, wehe, siech, bresthaft, schmerzhaft, übel, gebrechlich, ohnmächtig, hinfällig, eitel, als nichtig an. Und von solchen Dingen säubert er sein Herz. Und hat er sein Herz von solchen Dingen gesäubert, so lenkt er es zu ewiger Artung hin: ‚Das ist die Ruhe,das ist das Ziel: dieses Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung‘“...
Es gibt also eine Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen, diesseit und jenseit aller Besonderungen, diesseit und jenseit aller Gestaltungen, diesseit und jenseit aller Mannigfaltigkeiten. Es gibt eine Welt, von keinem Begriff zu umspannen und von keinem Wort zu treffen, und dennoch eine unumstößliche Gewißheit. So sicher wie es über der Wurzelfüßerwelt eine Korallenwelt gibt, über der Korallenwelt eine Ringelwürmerwelt, über der Ringelwürmerwelt eine Schneckenwelt, über der Schneckenwelt eine Wespenwelt, über der Wespenwelt eine Sperlingwelt, über der Sperlingwelt eine Menschenwelt, so sicher gibt es über der Menschenwelt eine solche, die überhaupt nicht mehr dieser oder jener Art von Lebewesen und ihren leiblich-geistigen Erkenntnismitteln entspricht: ein Welt-Sein nicht für diese oder jene Wesen, sondern ein Welt-Sein schlechtweg, ein Welt-Sein an und für sich, — ein Welt-Sein mithin, wie es in ihren lichtesten Augenblicken sogar die europäische Philosophie geahnt hat. Von dieser Welt als ‚Ding an sich‘, die von keinem irgendwie beschaffenen Wissen erreicht wird und erreicht werden kann, weil es ein Wissen in unserm menschheitlichen Sinn nur dort gibt, wo unterschieden und besondert und gestaltet und vermannigfacht wird, — von dieser Welt ist dennoch eine Kunde zu dem Buddho hingedrungen. Es ist eine Kunde zu ihm gedrungen in Form einerschwer erkämpften, schwerer noch bewahrten Seelenverfassung, die eben als solche nicht mehr dieser, sondern jener Wirklichkeit entspricht: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel; dieses Aufgehen aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung...“ Denn in der Tat gesetzt den Fall, diese Allerwelts-Wirklichkeit unserer menschheitlichen Sinneswahrnehmungen entstehe gerade dadurch, daß wir ihr unser vorgefundenes Selbst irgendwie als ihr Vorbild, Urbild, Musterbild zu beliebiger Vervielfältigung unterstellen, — müßte es denn nicht in genialischer Umkehrung dieses Sachverhaltes grundsätzlich möglich sein, durch planmäßig betriebenen Abbau dieses Selbstes auch die ihm angepaßte, ihm entsprechende Wirklichkeit abzubauen? Dies muß möglich sein und dies ist möglich. Denn just dieser Abbau des Selbstes gelangt zum Vollzug, wenn der Buddho auch das Selbst der Grundformel seiner Heilslehre unterwirft: ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht!‘ Auch Ich selbst gehöre Mir nicht, auch Ich selbst bin nur eine veränderliche Gestalt, ein gleitendes Werden unter veränderlichen Gestalten und unter gleitendem Werden. Auch Ich selbst habe weder Bestand noch Dauer; auch mein Selbst durchläuft nur die Grade der Wirklichkeit vom Nullwert bis zu einem bestimmten Höchstwert und von diesem Höchstwert wieder zum Nullwert...
Dennoch ist es aber eben dieses Selbst, ich sagte es schon mehrmals, welches sich gleichsam quer wieeine starke Schwelle vor die Welt des Abendländers legt und nichts in das Erlebnis dringen läßt, was nicht irgendwie diesem Selbst gleich oder ähnlich ist: dasindividuum, von sich und seiner Erstgültigkeit, Letztgültigkeit ein für allemal durchdrungen, stimmt seinen gesamten aufnehmenden und empfangenden Apparat wiederum nur auf dasindividuumab und baut sich auf diese Weise seinen Kosmos, der zuletzt nichts anders ist als das, was nach dem Dafürhalten Platons das vollkommene Staatswesen sein sollte und sein wollte, — nämlich der Mensch im Großen und Größesten, der Makranthropos, der Megistanthropos!... Nun wohl! Setzen wir jetzt einmal, dem Vorgang des Buddho folgend, den Wert dieser Schwelle gleichsam zum Versuch soweit herab, daß er sich der Null annähert: sind wir alsdann in diesem Fall unserer ganzen Voraussetzung gemäß nicht zu der Erwartung berechtigt, wenn nicht sogar verpflichtet, daß diesem veränderten Schwellenwert ein verändertes Erleben von Wirklichkeit und Welt wechselbezüglich entsprechen wird? Dürfen wir jetzt nicht mit Recht und Fug erwarten, daß über diese nunmehr beinah’ eingeebnete Schwelle ausgeformter Eigenheit, Einzelnheit und Besonderheit das Erlebnis einer zwar unausgeformten und darum auch unausdenklichen und unaussprechlichen, dennoch aber bestehenden Weltwirklichkeit auf wunderbare Art vorgelassen, zugelassen wird? Dies nun freilich keineswegs so, als ob diese Gegenwelt zu unserer Welt, unseren Erkenntnismitteln als solchen unzugänglich, trotzdem nachträglicherweisund hinten herum von unserem Verstand noch etwa auf frischer Tat zu ertappen wäre: als ob man doch irgendwie durch allerlei Künste der Verdrehung diese verborgene Welt auf Einen Nenner mit unserer offenbaren Welt zu bringen vermöchte. Davon ist keine Rede. In keinem Augenblick verfällt der Buddho auf den plumpen Irrtum der europäischen, insonderheit aber deutschen Philosophie nach Kant, die sich in totgeborenen Versuchen erschöpft, das verbotene Ding an sich einer Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen doch noch heimlich auszukunden. Mit solchen Bemühungen einer sich in lächerlichen Graden selbst mißverstehenden Wissenschaftlichkeit hat der Buddho im mindesten nichts zu schaffen. Die vollkommen unverbrüchliche, niemals zu entsiegelnde Unerkennbarkeit dieser uns nun einmal abgekehrten Seite der Welt gilt gleichmäßig für die wissenschaftliche Neugier der Philosophen und Kosmologen wie für die nicht mehr wissenschaftliche, aber desto unbezähmtere Neugier der Theosophen und Okkultisten, und sie wird mit solcher Strenge geachtet, daß man umsonst im ganzen Pâli-Kanon nach einem Ausdruck fahnden würde, der diese Gegenwelt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen auch nur durch Verneinungen zu bezeichnen bestimmt wäre. Denn was das gotamidischenibbânamodernirvânambetrifft, mit welchem wir neuzeitlichen Europäer denselben taktlosen Unfug, um nicht zu sagen dieselbe schamlose Unzucht getrieben haben wie mit dem Tao des großen Lao-Tse, diesesnibbânamodernirvânamheißt jadoch, entsinnen wir uns, nichts anderes als Wunschversiegung, Wunscherlöschung, Wunschverwindung. Alles, was wir demnach von dieser Gegenwelt wissen können, beschränkt sich auf einen selbsttätig erzeugten Zustand und Urstand des Gemütes und schließt jedes Urteil, jedes Bild, jede Vorstellung von der Wirklichkeit aus, die diesem Zustand oder Urstand entsprechen mag. Was von jener entformten und entstalteten Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen etwa als Ahnung in die Seele des entselbsteten Menschen dringt, das wäre höchstens jenem zarten, falben, feierlichen Abglanz zu vergleichen, der auch in mondlosen Nächten als schwer bestimmbarer Lichtschein von unbekannten Lichtursprüngen, unbenannten Lichtquellen her durch unser irdisches Geräume träuft und flutet...
Dieser gotamidisch entselbstete, gotamidisch enteignete Mensch, soviel mag uns am Ende sacht umschreibend zu sagen vergönnt sein, weilt fortab in einer entselbsteten und enteigneten Wirklichkeit, wo mindestens er selbst keinen Anspruch mehr erhebt auf den Besitz eines lebendigen Wesens oder eines toten Dinges: wo mindestens er selbst nie mehr die Hand legt auf irgend jemanden oder irgend etwas, um es zu seinem Eigentum zu machen. Mit seiner unvergeßlich einprägsamen Formel ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht, Ich selber gehöre Mir nicht, das All und Alles gehört Mir nicht‘, — mit dieser ewigen Formel eines allgemeinen Freispruchs, Losspruchs, Ledigspruchs streicht der Buddho aus dem Schatzunserer Sprache jedes besitzanzeigende Für-Wort und Wort: streicht er über das Wort hinaus jede Tat der Aneignung und Besitzergreifung aus der Vollzahl aller Taten. Mit diesem Handgriff, diesem Geistgriff von beispielloser Entschiedenheit versetzt sich der Buddho mitten hinein in eine vorher nie auch nur geträumte Wirklichkeit, wo jeder Titel des Besitzes selbst im geläutertsten Sprachverstand erloschen und jede Gebärde der Besitzergreifung verboten ist: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel! Das ist die Wendung, Auflösung, Erlöschung.“ An diese ganze hochgebäumte Menschenwelt und Menschenumwelt legt der Buddho seine Axt, indem er einen unübertrefflich genauen und nervigen Hieb durch die Wurzel führt, aus welcher die erstickende Wucherung aller irdischen Individuation und Spezifikation als Geiltrieb in das Kraut schießt. Denn Wille zur Besitzergreifung und Aneignung, Wille zum Nießbrauch und folglich auch zum Mißbrauch fremden Seins und fremden Wesens heißt die Wurzel dieser Menschenwelt: die Axt aber, die sie mitten auseinanderschneidet, ist die erlangte Einsicht, daß jegliches Verhältnis und Verhalten, durch welches ein Wirkliches Hand auf ein Wirkliches legt, zuletzt auf eine Täuschung, auf einen Irrtum hinauslaufen müsse. Ich selber gehöre ja Mir nicht, — wie sollte oder könnte da Mir anderes gehören? Ich selber gehöre Mir nicht, oder in der Sprache unseres westlichen Evangeliums, welches hier in gewissem Sinn seinen eigenen Voraussetzungen vorübergehend untreu zu werden scheint: Unser keiner lebt ihm selber! Mirselber gehöre Ich nicht, oder abermals in der Sprache dieses Evangeliums: Unser keiner stirbt ihm selber! Wahrhaftig, wer diesen Sachverhalt mit dem Geist erfaßt und mit der Seele angenommen hat, er heiße Jesus oder Gotamo, der Gesalbte oder der Erwachte: wie sollte der noch nach Besitz von Wirklichkeit gieren?
Von Haus aus gipfelt freilich alles Menschendichten und -trachten wesentlich darin, diese nun einmal angetretene Welt tunlichst mit Wirklichkeiten vollzustopfen, etwa wie ein wohlhabender Mann seine Wohnung tunlichst mit Geräten vollstopft, und diese planmäßige Vermehrung von Wirklichkeiten pflegt im weitesten Ausmaß als Vermehrung des Besitzes empfunden zu werden. In einem höchst eindeutigen, ja einsilbigen Wortverstand ist für uns alle das Gesetz der größten Zahl bestimmend: je mehr Wirklichkeit, desto besser für uns, die wir wirklich sind! Wie der Bauer einen unersättlichen Hunger nach Land verspürt, so hungert uns alle ganz unersättlich nach Wirklichkeiten gleichviel welcher Art, und es verdient bemerkt zu werden, daß wir diesen Hunger als diesacra auri famesschon frühzeitig heilig gesprochen haben. Vermehrte Nachkommenschaft, vermehrte Bevölkerungdichte, vermehrte Arbeitleistung, vermehrte Gütererzeugnis, vermehrte Betriebsmittel, vermehrter Umsatz, vermehrter Verkehr, vermehrter Wissensstoff, vermehrte Weltgeltung, vermehrte Bedürfnisse, vermehrte Beeindruckbarkeit, vermehrte Reizquellen, vermehrte Lustgefühle, — all das bedeutet grundsätzlich eine unendliche Steigerung dessen, was der Einzelnemöglicherweis sich aneignen kann. Je zahlreicher die Wirklichkeiten, desto häufiger und mannigfaltiger die Gelegenheit, von ihnen her Wirkungen zu empfangen, auf sie Wirkungen zu übertragen und schließlich in beiderlei Geschehen die eigene Wirklichkeit zu bereichern. Jede neue Wirklichkeit, sei sie nun ein Gefühlsreiz, eine Erfindung, ein Kunstwerk, eine Gründung, eine Heilquelle, ein Weltbegriff, kann von jedem Mitglied der menschlichen Gesellschaft besessen und eben dadurch dem Zweck von dessen Selbstverwirklichung dienstbar gemacht werden: wird doch sogar das geliebte Weib vom Mann geliebt, damit er ‚von ihr Besitz ergreife‘, — will doch sogar die Liebe selbst (nach einer großen Aufrichtigkeit der Sprache) besitzen, was sie liebt, und im Besitz der Liebe Wirklichkeit genießen... Womöglich einmal aber in den Besitz aller Wirklichkeiten überhaupt zu gelangen und ihr Inhaber, ihr Herr, ihr Gott zu sein, womöglich einmal alle Wirklichkeit wie ein Weib zu umfangen, — das ist der brünstige Traum, der vielleicht jeden einmal in einer schwachen oder starken Stunde anfällt. Denn wer mehr besitzt, der ist mehr; wer mehr ist, der ist auch mehr wert, — diese ebenso naive wie zynische Schätzung, welche ganz unbedenklich Rang und Wert der Wesen nach ihrer Fähigkeit zur Aneignung und Besitzergreifung bemißt, entbehrt trotz aller Einwände, die wider sie erhoben werden können und müssen, dennoch von dieser gewohnheitmäßigen Einstellung her auf die Wirklichkeit nicht einer höheren Berechtigung. An Wirklichkeiten und durch Wirklichkeiten sich staffelweis selbst empor zu erwirklichen: das ist bewußt oder unbewußt das Ziel unbefangener Menschlichkeit. Das ist insonderheit das Ziel, dem unser heutiges Europäertum mitsamt seinen kolonialen Abkömmlingen mit Ausschließlichkeit zustrebt...
Diesem Ziel aller Ziele nun stellt der Buddho Gotamo gleichsam seine reine Umkehrung entgegen, — und dies ist wohl die weltgeschichtlich entscheidendste Leistung dieses stärksten Exponenten des indischen Kontinents! Was nach der Lehre Gotamos nottut, ist eben nicht diese Erwirklichung des eigenen Selbstes an den Wirklichkeiten der Welt neben und außer ihm. Was hier nottut, ist vielmehr ganz im Gegenteil die Entwirklichung aller Wirklichkeiten auf Grund einer zuerst zu vollziehenden Selbstentwirklichung. Und zwar hat diese notwendige Entwirklichung ganz schlicht zu geschehen durch die Besinnung auf eben jenen Sachverhalt, welchen der Buddho in die Mitte seiner Lehre rückt: Besitz von Dingen, Besitz von Wesenheiten, Besitz von Wirklichkeiten ist unmöglich, — wo er aber möglich scheint, äfft uns ein ungeheuerer Irrtum. Noch eh’ wir uns dazu überredet haben, dies oder jenes zu besitzen, ward es uns auch schon aus der vollen Hand gerissen, und unverlierbar ist allein die Gewißheit, daß dem so ist, und also auch die Folge, die wir dieser Gewißheit geben. Diese Welt, von welcher der Europäer überzeugt ist, daß er sie beherrsche, und nicht allein beherrsche, sondern ganz und gar besitze, diese Welt ist in Wahrheit Niemandens Welt, am wenigsten aber die Welt desMenschen. Eine Niemands-Welt, eine Niemands-Wirklichkeit ist es, die wir arme Narren in verzeihlich-unverzeihlicher Selbsttäuschung die unsrige zu nennen pflegen, und erst jenes gotamidische ‚N’etam mama‘ ist es, welches wie ein Donnerkeil die Nebel dieser Selbsttäuschung zerstreut und zerteilt. Als Niemandens-Welt, die Mir nicht gehört und nicht gehören kann, als Niemandens-Wirklichkeit, die Mir nicht gehört und nicht gehören kann, entweltet der Buddho diese Welt und entwirklicht er diese Wirklichkeit. Denn was wir Welt heißen und was Wirklichkeit, ist eben nur die Gesamtheit alles dessen, von dem wir wähnen, daß es als möglicher Besitz von uns besessen, als möglicher Besitz von uns angeeignet, als möglicher Besitz von uns verbraucht werden könne, — das Verbum ‚besitzen‘ heißt bekanntlich im älterem Deutsch ‚vermögen‘. Wer uns diese Möglichkeit nimmt, der nimmt gewissermaßen auch den Dingen und Erscheinungen um uns her ihre Wirklichkeit, wofern diese Wirklichkeit eben nur der Ausdruck ist für die besitzergreifende Beziehung von uns zu allen Dingen und Erscheinungen. Und das ist wohl der letzte, das der tiefste Sinn dieser vielleicht hier allzuoft benutzten, hoffentlich aber darum doch noch nicht abgenutzten Formel ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht‘, — wofern durch sie der Buddho vollkommen deutlich macht, daß es ein Verhältnis des Besitzes zwischen Mensch und Welt nicht gibt, leitet er damit gleichzeitig eine Entwirklichung größten Stiles dieser nie und nimmer zu besitzenden Welt ein! Denn was auch immer wir als Wirklichkeit erleben und alsWirklichkeit setzen, das erleben oder setzen wir im Interesse etwaniger Besitzergreifung als wirklich: indes uns alles zu fernster Unwirklichkeit verdämmert und verdampft, was ein Interesse künftiger Besitzergreifung grundsätzlich nicht zuläßt. Die scheinbar so unerschüttert wirkliche, unverwüstlich wirkliche Welt entwirklicht sich demnach in dem Augenblick, wo sie in des Wortes höchster und tiefster Bedeutung enteignet wird. Diesen paradoxen Zusammenhang von Wirklichkeit und möglicher Besitzergreifung, möglicher Aneignung dürfte von sämtlichen Menschen der Buddho zuerst durchschaut und zuerst — zerschnitten haben. Wer an die Welt der Dinge, bedeutet der Buddho uns, nicht mehr mit irgendeinem offenkundigen oder versteckten Anspruch des Besitzes herantritt, der erlebt sie auf eine andere Weise wie vorher. Was ihm vorher Wirklichkeit zu sein deuchte, das erscheint ihm jetzt gleichsam als Bild, und was er vorher rund als Körper sah, enttieft sich ihm nunmehr gleichsam zur Fläche. In unbeabsichtigter, aber darum nicht weniger eindrucksvoller Symbolik hat die buddhistische Plastik diesen Tatbestand auf ihre Art dargestellt, wenn sie den vielgestaltigen Schildereien des Menschenlebens, mit welchen sie verschwenderisch die Tempelwände des Boro-Budur schmückt, dennoch in keinem Fall die Tiefe der vollen Körperhaftigkeit zugesteht, sondern ihnen die aufgehöhte Fläche des Reliefs alleinig vorbehält: wogegen rund, körperlich, allseitig im Raum nur der Buddho selber thront, — freilich abseit vom eigentlichen Leben und seiner hinreißenden Bilderflucht, vollkommen aus- und abgeschieden in der Einsamkeit seiner ihm geweihten Nischen: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel“...
Eine Entwirklichung der Wirklichkeit als Ziel der Ziele anstatt der sonst betriebenen Erwirklichung an Wirklichkeiten, — hier wird der Europäer stutzig. Denn sei dieses asketische Ziel seinen lebendigsten Instinkten auch noch so widersprechend, ja widerwärtig, — irgendwann hat doch auch er sich schon einmal mit diesem Ziel befaßt: irgendwann ist er auf diesem Weg dem Buddho schon einmal ein Stück weit entgegen gegangen. Entwirklichung der Wirklichkeit: weist nicht auch dieser fremdeste aller Gedanken zuletzt wie alles maßgeblich Europäische auf den Namen Kant zurück? Gibt es nicht auch nach der unzweideutigen Erklärung Kants ein menschheitliches Verhältnis zur Umwelt, dessen Sinn und Wert sich darin ausspricht, daß der Mensch Dinge und Wesenheiten auffaßt, als seien sie gar keine Wirklichkeiten als solche, sondern ein entwirklichter Schein? Fordert nicht Kant, dieser genugsam nüchterne und jeder Ausschweifung abholdemagister mundi europaeibei besonderer Gelegenheit geradezu die Preisgabe jedes menschheitlichen Interesses an dem, was eine Sache zur Wirklichkeit macht, zugunsten dessen, was eine Sache zum bloßen Schein herunterdrückt? Fußt nicht auf diesem ganz bewußten Verzicht auf das, was wirklich in allen Wirklichkeiten ist, nach dem Dafürhalten Kants die ungemeine Tatsache der sogenannten Schönheit, der sogenannten Kunst?Adelt nicht gerade das die Welt zur schönen Welt, daß der Mensch ihre einzelnen Gegebenheiten und Erscheinungen von ihren wirklichen Zwecken ablöst und sich selber jede Bezugnahme auf eine mögliche Besitzergreifung, mögliche Aneignung, mögliche Nutzbarmachung freiwillig zwar, aber mit desto größerer Entschiedenheit verbietet? Hat nicht mithin Kant auf seine Weise, auf europäische Weise, das ungeheuere Gesetz dieser gotamidischen Entwirklichung der Wirklichkeit anerkannt und mehr wie nur anerkannt, wenn er zwar nicht die europäische Religion, immerhin aber die europäische Kunst grundsätzlich auf den Tatbestand zurückzuführen lehrt, daß die Welt als Wirklichkeit erlebt niemals eigentlich schön sei, die Welt als Schönheit erlebt aber niemals eigentlich wirklich? Leuchtet dem europäischen Denker, wenn er also von jener Entwirklichung der Wirklichkeit durch den indischen Buddho Gotamo hört, nicht als das einzig gültige Gleichnis dieses Vorgangs eine freilich in anderer Absicht vollzogene, aber trotzdem doch vollzogene Entwirklichung auf, eine ästhetische Entwirklichung, mit welcher er sich in seiner eigenen Vergangenheit höchst sinnvoll beschäftigt findet? Und kann bei dieser seltsamen Entdeckung der europäische Denker umhin, sich volle Rechenschaft darüber abzulegen, daß diese Entwirklichung der Wirklichkeit, obzwar zugestandenermaßen viel weniger religiös als ästhetisch gemeint, des unerachtet einer Tathandlung zu verdanken ist, die man mit nicht geringerem Recht eine Ablösung, eine Entsagung, eine ‚Askesis‘ zu nennen befugt ist wie die entsprechende Tathandlung des Buddho? Wo wir uns jeglichen Interesses entschlagen an dem, was die Wirklichkeiten der Welt zur Wirklichkeit stempelt, sagt Kant, da schaffen wir die Möglichkeit einer schönen Welt, die uns interesseloses Wohlgefallen einflößt. Kaum aber ist dies in seinen Weiterungen so uneuropäische Bekenntnis den Lippen Kants entschlüpft, dieses Bekenntnis zur Schönheit als einem richtigen ‚asketischen Ideale‘ im Sinne Nietzsches, ja wenn man recht verstehen will sogar als einem Asketen-Ideal entwirklichter, das heißt entgifteter und entstachelter Wirklichkeit, — kaum, sag’ ich, hat sich der repräsentative europäische Denker dieses Bekenntnis fast etwas widerwillig selber abgerungen, als schon der europäische Künstler, wir wissen es, die schwer zu ermessende Bedeutungsfülle dieses Bekenntnisses dahin erwägt und überschlägt, daß es seinerseit die Welt als Spiel zu nehmen und als Spiel zu genießen zuläßt. Kants Entwirklichung der Wirklichkeit im Vorgang der ästhetischen Einstellung zur Welt erlaubt in Wahrheit nämlich zweierlei: entweder dem Gang der Welt unbeteiligt, unverstört und ungekränkt als Zuschauer zu folgen, — und das ist ungefähr die Folgerung Schopenhauers aus Kant gewesen. Oder aber als Mitspieler spielend in das ergötzliche Spiel selber einzugreifen, — und das war die fruchtbarere Folgerung Schillers. Im einen wie im anderen Fall indes bedeutet dieses Verhaltenin aestheticiseine derart unverbrauchte und zukunftversprechende Möglichkeit, sich auch auf europäische Weise menschlich mit der Wirklichkeit abzufinden, daß der kantische Gedanke wie ein Frühlingsüdwind die Seele Europas sogar dort, wo sie bisher am härtesten zugefroren war, auftauen macht und einen schier schon verwinterten Samen unbegreiflich schnell ins Schwellen bringt. Als Spiel betrachtet oder gar als Spiel gespielt ist diese alte Welt sozusagen über Nacht jung und hell und schön geworden; als Spiel gewertet und erlebt wird sie überhaupt erst erträglich und aushaltbar: Spiel freilich jetzt am besten und glücklichsten in jener überaus sinnvollen Bedeutung genommen, welche Karl Bücher diesem Begriff gegeben hat, wenn er von einem gewissen Zustand sagt, daß „es nur eine Art der menschlichen Tätigkeit gibt, welche Arbeit, Spiel und Kunst in sich verschmilzt. In dieser ursprünglichen Einheit der geistig-körperlichen Betätigung des Menschen erkennen wir bereits die spätere wirtschaftlich-technische Arbeit, die Hauptformen des Spiels und aller Künste“... Interesseloses Wohlgefallen aber an einer Wirklichkeit, die eben durch den Verzicht auf jegliches ‚Interesse‘ sich entwirklicht zeigt, das ist mit andern (und vielleicht auch etwas stärkeren) Worten lustvolles Genießen dieser entwirklichten Wirklichkeit: lustvolles Genießen mithin gerade dort, wo bisher der Mensch und insonderheit der christeuropäische Mensch so überwiegend von den Gefühlen dunkler Furcht und dumpfen Argwohns bedrängt war, daß er sich vor dieser seiner Wirklichkeit immer wiederzu den Göttern rettete. Als Kunstwerk oder Spielwerk aber scheint nun die Wirklichkeit mit einemmal entleidet, auch wenn sie voller Leids ist. Mag dieses Spiel nur niedere Komödie sein, wo sich die zerstörenden Gegenkräfte der Welt noch kurz, bevor der Vorhang fällt, in fröhlichem Gelächter innig gepaart zueinander finden, — oder mag es im Gegenteil Tragödie höchsten Stiles sein, wo Götter und Helden, feierlich den Opferreigen tanzend, am Ende der Nacht wie Sternbilder des Himmels still verbleichen und edel untergehen: dies Spiel verlockt doch immerzu, umbuhlt doch immerzu, bestrickt doch immerzu mit jener feurig kecken Überredsamkeit des Don Giovanni, welcher nicht einmal der steinerne Komtur als leibhaftiges Symbol des Todes hat widerstehen können: „Willst du mein Gast sein? — Ja!“...
Ist aber die Wirklichkeit, von Kant zuerst bei uns zum schönen Schein, von Schiller dagegen zum schönen Spiel entwirklicht, nichts anderes als ein Gebild der Kunst, dann offenbar bedarf sie zu ihrer steten Neu-Hervorbringung des Künstlers. Als Kunstwerk, Spielwerk ist diese Welt das Werk des Künstlers: der Künstler aber eben der, der alle seine menschheitlichen Spannungen im Werk zur Lösung bringt. In diesem Sinn also Wirklichkeit und Welt als Werk des Künstlers aufzufassen, den Menschen aber eben als den Künstler dieses Werks, darin besteht der wesentlich europäische Vollzug einer Entwirklichung des Wirklichen. Wie wir übrigens jetzt doch sehr bestimmt wahrnehmen, von jenem gotamidisch-indischen Vollzug bei aller inneren Übereinstimmung des Zieles in den Mitteln tief verschieden. Denn diese europäisch entwirklichte Wirklichkeit, sie bleibt ja wohlgemerkt kraft ihrer Eigenschaft als Kunstwerk mit all den heißen Leidenschaften und Begierden, Sehnsüchten und Wünschen des Künstlers bis zum Rand geladen. Sie ist nicht trotzdem, sondern weil sie dem Künstler-Menschen nur noch Spiel ist, nicht matter, abgekühlter, lebensferner wie vorher, vielmehr im Gegenteil farbiger, glühender, atembeklemmender wie je. Der Künstler, das sehen wir jetzt deutlich, entwirklicht die Welt auf andere Art wie das Religiöse, und dementsprechend entwirklicht der Europäer die Welt auch auf andere Art wie der Inder. Selbst wo der Künstler sich seiner Absicht nach also in seinem Werk von seiner Welt erlöst und damit augenscheinlich eine religiöse Leistung zum Vollzug bringt, — und welcher Künstler wäre erfahrener in diesen Selbst- und Welterlösungen gewesen wie Goethe? — selbst dort erlöst er dessen unerachtet nur als Künstler und nicht als Religiöser. Er bringt den Lebensstrom nicht wie der Büßer in sich zum Stocken, sondern er schaltet ihn nur gleichsam wie einen Kraftstrom in einen anderen Kreislauf ein. Imgleichen bringt er den Lebensdrang in sich nicht zur Unterbindung, sondern verpflanzt ihn gleichsam nur in eine andere Welt-Seins-Lage, Welt-Scheins-Lage. Ist doch der Künstler schlechterdings der Schaffende und folglich sein Erlösen zuletzt nichts anderes als ein Schaffen: wogegen sichder Büßer in einer Gegenwelt aufhält, für welche der Begriff des Schaffens seinen deutbaren Sinn nicht minder wie der Begriff der Gestalt verlor. Ein Schaffen bleibt sonach das entwirklichende Spiel des Künstlers im Gegensatz zu den Erlösungen des Büßers, und derart gipfelt mit unentwegter Folgestrenge, Folgetreue dieser europäische Vollzug der Welt-Entwirklichungmore aestheticoim Schaffen. Als Schaffender lernt es derhomo europaeusin dieser Welt endlich aushalten; als Schaffender weiß er sie endlich zu genießen; als Schaffender erlöst er sich endlich von ihrer Wirklichkeit zu ihrer Bildlichkeit und Sinnbildlichkeit. Nicht zufällig aber, wahrhaftig nicht! ihr Christen, heißt der europäische Oberbegriff alles europäischen Philosophierens schon beim alten, niemals alternden Platon — ποίησις, das ist Erschaffung, das ist Schöpfung. „Denn die Ursache von jedwedem“, so lesen wir im Gastmahl, „was aus dem Nicht-Sein ins Sein übergeht, ist insgesamt ποίησις“. Als Schaffender wagt der Europäer, sonst vielleicht eine schlechte und mißratenespeciesMensch, sein heiliges Ja zur Welt zu sprechen, da auch er als Nicht-Schaffender nur das Nein aufgebracht hatte. Als Schaffender verlernt er Leidender zu sein und an der Wirklichkeit, am Leiden selbst länger noch zu leiden. Als Schaffender verlernt er im Gesetz des Schaffens den Zufall des Leidens, dem er als Nicht-Schaffender wehrlos ausgesetzt bleibt. Unendlich beziehungreich hat darum der letzte Europäer, Nietzsche, dieses Erschaffen und Umschaffen der Welt zumKunstwerk, Spielwerk, Künstlerwerk auf den Namen des Künstler-Gottes Dionysos getauft: seit Messer Ariosto bis zu Byron und Shelley, seit Cervantes bis zu Hoffmann und Keller, seit Shakespeare bis zu Büchner und Grabbe, seit Pier della Franceska bis zu Delacroix und Marées, seit Meister Rabelais bis zu Balzac und Rolland, seit Orlando di Lasso bis zu Mozart und Schubert befindet sich Europa auf seiner Höhe nur dann, wenn es die goldene Flöte des Dionysos bläst. Im Zeichen des dionysischen Schaffens vollendet sich Europa, — der Rest, an Umfang ungeheuer, an Wert gering, gehört Fabrikarbeit und Werkeltag, Berufsfron und Geschäft, Gelehrsamkeit und Schulfuchserei, Dienst und Drill. Die Welt aber ein dionysisches Begebnis: so heißt bisher Europas beste Stunde, so heißt bisher Europas ewigste Vollendung, die ihm niemand, nicht einmal der Europäer, streitig machen soll; — zugleich das einzige Ergebnis, welches der Mühe lohnt, daß diese kleine Teil-Welt, kaum mit Fug ein Welt-Teil zu nennen, nicht auch geschichtlich nur Asiens Halbinsel und Anhängsel geblieben ist. Als dionysisch Schaffender indes, angesichts seiner zu einem Kunst-Werk, Spiel-Werk schöpferisch erlösten Europa-Welt erklimmt der Europäer den Gipfel seines Kontinents, der da die Wasser zwischen Europa und Asien scheidet und gleichsam der ‚Ewige Ort‘ ist für alle guten und hohen Geister seit den Tagen des Herakleitos und Pythagoras, des Empedokles und Platon bis hinauf zu der Gegenwart Kants und Jean Pauls, Goethes und Nietzsches. Nur noch eineinziger kurzer Schritt, und dieser dionysische Europäer, Künstler und nicht Büßer zwar, aber dennoch ein Entwirklicher der Wirklichkeit und ein Erlöser von der Wirklichkeit, — nur ein Schritt noch, und er bekommt seine große Aufgabe zu Gesicht und mit ihr den großen Orient. Nur ein einziger kurzer Schritt noch, und der dionysische Europäer erschaut das Wunder aller Wunder, wie nämlich Europas Gott Dionysos dem indischen Buddho auf der Ost-Westbrücke begegnet und magisch mitten durch ihn hindurch schreitet. Nur ein einziger kurzer Schritt noch, und die Zeit ist erfüllt, da ein neuer Held Alexandros Europa und Asien aus Einem Mischkrug trinken wird...
Eine Begegnung, sag’ ich, werde sich ereignen zwischen dem Gott, der bisher trotz des biblischendeus absconditusder vornehmste und edelste, sicherlich aber der unsterblichste Gott Europas gewesen ist, und zwischen dem indischen Buddho Gotamo. Denn es kommt ja der Gott Dionysos von dieser Welt geradewegs her, die er als Schaffender in ein säliges Spiel zu wandeln lehrt: und es kehrt ja der Buddho als ‚Strahlender Mönch‘ zu dieser Welt geradeswegs zurück, nachdem er sich durch keine niederzerrende Fessel mehr an sie gefesselt weiß. Wie könnten mithin da die beiden sich verfehlen? In Wahrheit kehrt der Buddho aus jener unsäglichen Gegenweltnibbânamzu dieser Welt zurück und auf seinem Antlitz blüht etwa jetzt der warme Klang von Zärtlichkeit, wie er stets solchen eignet, die sichrein auf sich selber abzustimmen vermochten und nun aller Wesen Wider-Klang glockenhaft empfangen. Auf ähnliche Weise kehrt der Buddho jetzt zurück, nicht unähnlich vielleicht jenem allerglücklichsten Könige aus Sakontalâ, der als Gast in Indras Himmel eingeladen war und nun auf Indras Wolkenwagen mit Indras Wagenlenker sanft zur Erde, sanft zur Heimat gleitet: „Die Schnellfahrt abwärts verleiht der Menschenwelt ein wunderseltsam Aussehn!... Ja, — diese Erde ist berückend schön“... Auf so beschaffener Rück- und Niederfahrt zur Welt also mag es geschehen sein, daß Indiens Buddho den orphischen Gott in Sicht bekam, von dem ja seinerseit die Sage vielsagend zu berichten weiß, daß er nach Indien gewallfahrtet sei. Wann dann der Buddho aber ihn, den ‚guten Europäer‘ in Person, etwa die Worte sprechen hörte: „Wohlan ihr Freunde! Schaffen wir Schaffenden diese Wirklichkeit zu einem Kunstwerk, Spielwerk um, auf daß wir nicht an ihr zuschanden werden müssen“... wann ihn der Buddho dieser Art sich äußern hörte, — dann dürften ihn mancherlei gute Gründe und Untergründe zu folgender Erwiderung bewegen: „Die Wirklichkeit zum Spiel entwirklichen, o Trefflicher, ist gut! Vergiß indes das eine nicht über deinem Spiel, daß es auch einen Einsatz hat! Vergiß den Einsatz nicht, Dionysos! Sei es uns Menschen immerhin verstattet, daß wir, was um uns her geschieht, unwirklicher und darum auch unwichtiger nehmen lernen wie vorher. Sei es immerhin verstattet, das jeglicher von uns die süßeste Miene auch noch zum bittersten Spiel machen lerne, dieweil es eben ein Spiel und Spiegel, Bild und Sinnbild ist. Der Einsatz aber unsres Spiels, Dionysos, muß bei weitem für ernster gelten als alles, was insonderheit ihr spaßhaften Europäer bis heute ernst zu nehmen pflegtet. Auf diesem Schauplatz Welt, auf diesem Spielplatz Welt, da geht es um Entscheidungen, Teuerster, deren Tragweite bis an die Grenzen dieser Welt reicht, — und falls diese Welt, wie ihr behauptet, keine Grenzen hätte, bis an die Grenzenlosigkeit der Welt. Ihr Europäer meint, wo um des Einzelnen Tod oder Leben gewürfelt werde, da handle sich’s um keine Kleinigkeit. Ich aber habe jederzeit verkündigt, daß jeder Einzelne in jedem Augenblick nicht allein um sein eigen Leben und um seinen eigenen Tod würfle, sondern um hundert hunderttausend Leben, die er leben muß und leben wird, und um hundert hunderttausend Tode, die er sterben muß und sterben wird. Ihr Abendländer gebt ja vor zu wissen, daß alles, was hier je geschieht, seine Folgen habe, wie es auch umgekehrt die Folge ist von allem, was je geschah, und euern Genius Jean Paul hörte ich mit hohem Staunen schon fast Mein Wort wörtlich sprechen: „daß jede Tat (noch) viel gewisser eine ewige Mutter wird, als eine ewige Tochter ist“... Trotzdem tut ihr aber alle ohne Ausnahme so, als ob das Grundgesetz der Welt, das unverbrüchliche und ausnahmlose, mit dessen wissenschaftlicher Fassung ihr euch so unerträglich spreizt und brüstet, in jedem besonderen Fall, der euch selbstbetrifft, außer Kraft treten könne, außer Kraft treten müsse. Denn jeder von euch tut, als ob seine Tat überhaupt keine Folgen hätte, und niemand hat ein Gefühl dafür, was das heiße, Ursache zu sein, Urheber zu sein, Urtäter zu sein. Oder ist euer Sinn nicht immer so ganz und gar ein kurzer, blöder, daß ihr wähnt, ihr könntet etwas tun, Böses oder Gutes, ohne es für die Unendlichkeit zu tun, — oder ihr könntet etwas unterlassen, Rechtes oder Schlechtes, ohne es für die Unendlichkeit zu unterlassen? Hinter der kleinen Muschel hört ihr das Meer zwar branden, aber welchem von euch donnert und rollt hinter der kleinen Tat der eiserne Gang der Welt anfanglos nach rückwärts und nach vorwärts endlos? Wem klirrt die Kette unendlicher Notwendigkeiten hinter jeder Wahlhandlung seiner Freiheit, oder wem dröhnt die Stille der Ewigkeit hinter jedem fallenden, hinter jedem hallenden Tropfen der Zeit? Solang’ ihr an euerer Seelen Unsterblichkeit glaubtet und an Gottes Vergeltung nach dem Tod, schien wenigstens den Bessern unter euch der gegenwärtige Entschluß nicht ganz unwichtig im Hinblick auf ein Künftiges, — wenn ihr freilich sogar auch dann noch dumm-listig und pfiffig-dreist genug zu dem unlauteren Versuche waret, den jenseitigen Richter euerer Un- und Übeltaten mit Trink- und Schmiergelderchen kirren zu wollen und euch selbst zu überreden: Er ist einer wie wir! Er hat seinen Preis und lässet sich kaufen!... Seither indes, und es ist schon ziemlich lange her, fandet ihr Europäer eine bessere Unsterblichkeit, nicht von euernPriestern, sondern von euern Gelehrten entdeckt und die Unsterblichkeit der Keimzelle nüchtern und wissenschaftlich geheißen. Und von da an, damit ich dir’s gestehe, Lieber! — von da an bezauberte mich die Hoffnung, daß ihr über diesen Umweg eines Tages den Weg sogar zu mir noch finden möchtet! Denn jetzt mußte es ja dem Blindesten hell vor den Augen werden, was eigentlich der Einsatz ist, um den gespielt wird im Spiel des Lebens. Jetzt mußt’ er’s mit den Händen tasten, — wie er in eigener Person die Summe aller Vorfahren bis hinauf zum ersten Menschen, bis hinauf zum ersten Tier in sich verkörperte, verseelte und vergeistigte, so würde er umgekehrt sich selbst wiederum verkörpern, verseelen und vergeistigen bis hinauf zum letzten Menschen und wer weiß! bis hinauf zum ersten Wesen der nächst höheren Gattung. Als ich von dieser Unsterblichkeit der Keimzelle vernahm, da dachte ich euch mir hart auf der Spur, und hart auf der Spur dem ewigen Gesetz, das ich einst, wie du weißt, meinen Mönchen nachließ: „Kammadâyâdâ sattâ ti, — Erben der Werke sind die Wesen, Erben der Taten sind die Wesen“... Als Erben der Werke, Erben der Taten, dacht’ ich damals, würdet ihr endlich alle Verkörperlichungen des Lebens bis hinab zum letzten Menschen und was nach ihm kommen wird betrachten. Als Selbst-Verkörperlichungen würdet ihr endlich die Körper euerer Enkel und Enkelsenkel bis ins letzte Glied begreifen lernen: und so würdet ihr endlich den Einsatz erraten, um den das königliche Spiel der Welt gespielt wird. War dies auch nochlange nicht Mein Weltgesetz, Meine Unsterblichkeit, Meine Lehre von der Wiederkunft, — denn dir ist’s bekannt, Dionysos, daß ich vielschichtig denke und bin, wo ihr nur einschichtig denkt und seid! — es war dennoch ein gutes Stück davon. Ein jeglicher würde als Ahne im Leib seiner Enkel wiederkehren, und so in ihrem Geist, in ihrer Seele; ein jeglicher würde wiederkehren nach Maßgabe seiner eigenen Seinsschaffenheit, zu welcher er sich selbstgestalterisch bestimmt hat und zu welcher er allen nachkommenden Samen mitbestimmt. Wie mußte euch der Sturm dieser ungeheuern Verpflichtung auf den Boden schmettern, — wie mußte euch der Wirbel dieser übermenschlichen Verantwortung wieder aufrecht reißen: daß jeder ein Richter ist aller ungeborenen Wesen, wenn er über sich selbst entscheidet, daß jeder in die fernsten Sterne zielt, wenn er den Pfeil der Tat von seines Bogens Sehne schnellt, — wie sagt doch, o Dionysos, euer großer Heraklit: „Nun aber heißt des Bogens Name Leben...“ Jetzt hattet ihr das Gewicht gefunden, das ich von meinem fernen Festland aus leider nicht an euch hängen konnte: jetzt ward es euch von euerer Wissenschaft geschenkt, damit ihr endlich als das Lot der Welt im Raume pendeln, schweben konntet. Ach, welche Hoffnungen setzte ich nicht damals in euch, auf euch, daß wir uns endlich, endlich finden würden... Aber was geschah? Auch dieses goldene Gewicht ließet ihr auf der Wage stehn. Auch jetzt verschmähtet ihr’s, selber Wage und Wagschale zu sein und als Gewichtstein dort hinabzusinken, wo es tief ist. Flaumleicht und daunenweich bliebt ihr auch jetzt, und anstatt hoch im Glockenstuhl der Zeit durch manches blaue Lichtjahr stolz zu schwingen, ließet ihr euch von jedem schwachen Hauch entwehen. Wie Irrwische sah’ ich euch hüpfen auf den Sümpfen eueres Kontinentes, Dionysos! Wohl lerntet ihr hier und da das Leben spielen, — aber ihr lerntet die Regel nicht, wie euer Spiel gewonnen und verloren wird. Nun ich dich aber hier, Dionysos, an Einsatz, Regel, Sinn, Geist deines Welt-Spiels mahne, sei dir das tiefere Geheimnis euerer westlichen Bedrängnis nicht ferner vorenthalten. Ihr liebt es, liebt es heute insbesonders, euch selbst in dieser apokalyptischen Stunde des Abfalls von Gott zu bezichtigen. Manchmal sind sogar die Besten, Hellsten, Klügsten unter euch der Meinung, sie brauchten nur wieder Götter glauben, und alles, was seither aus den Fugen sprang, renke sich schnell dann wieder ein wie zuvor. Das aber ist euer Grund- und Lebensirrtum! Denn nicht, daß ihr gottlos geworden seid, macht euch so unbeschreiblich elend und gemein; nicht dies hat über euch gebracht das Messerstich-Alter, welches ich in der Sechsundzwanzigsten Rede aus der längeren Sammlung Dîghanikâyo — sie führt aber in Meinem Kanon seltsamerweis den Titel ‚Der Kaiser‘, wie du weißt! — bis ins kleinste euch geweissagt habe. Sondern daß ihr weltlos geworden seid, ihr westlichen Menschen, weltlos wie keine andere Menschheit je zuvor. Ja, ihr lebt schlechterdings außer der Welt. Ihr lebt nicht vorwärts und nicht rückwärts; ihr lebt nicht ins Diesseit und nicht ins Jenseit; ihrlebt nicht in die Breite und nicht in die Tiefe. Selbst wo ihr Götter schufet, da schufet ihr sie viel lieber gegen die Welt als für sie. Ihr schufet Gott, damit er euch bei jeder Gelegenheit beausnahmen möchte von dem Gesetz der Welt, und selten, daß euere Götter etwas besseres waren als ein schiefer Vorwand für solch hochmütige Beausnahmung, — übrigens zugleich mein stärkster Einwand gegen alle Götter, Dionysos, und mein stärkster Einwand sogar gegen dich, verzeih!... Wundert euch darum nicht, ihr weltlos Gewordenen, wenn die Welt schließlich an euch vorüberläuft. Schon jetzt hat sie euerer so gut wie vergessen, und über eine kleine Weile wird Gras über euch gewachsen, Sand über euch geweht sein. Mich selber nennt ihr gottlos, und in Wahrheit habe ich meinen Jüngern Gott verboten, — aus Gründen, die du jetzt vielleicht zu ahnen beginnst. Aber bin ich auch gottlos: nie und unter keinen Umständen war ich weltlos. Wenn ich mich von der Welt am strengsten abschied, war ich vielleicht am innigsten mit ihr vereint. Und nur weil ich Bürger dieser und jener Welt war, vermochte ich’s, diese Welt durch jene Welt zu überwinden: ‚Ich aber, ihr Mönche, verstehe diese Welt und jene Welt‘...“
Solche oder ähnliche Rede mochte der indische Buddho Gotamo mit dem orphischen Gott Dionysos bei ihrer denkwürdigen Begegnung gewechselt haben auf dem Brückenjoch der Festländer. Dionysos aber ließ das Haupt lange auf seine Brust herabsinken. Und er verharrte reglos in einer Schweigsamkeit, die sichwie der längste Schatten des kürzesten Tages dämmergrau und erkältend zwischen die Wächter der beiden Reiche legte. Dann aber hob er sein saphirnes Auge auf und lächelte dem Buddho sonnig zu: „Recht hast du mir mit allem, o Buddho! Wir Menschen des westlichen Reiches spielten bisher Welt und spielten Leben, ohne die Regel unseres Spiels zu kennen und den Einsatz zu bedenken. Und daran bin ich am meisten schuldig. Früh hab’ ich ja in meiner orphischen Vergangenheit die Unsterblichkeit verkündet, ganz wie du selber, Gotamo. Und oftmals, wenn ich nach sinnaufwühlenden Offenbarungnächten den ersten Strahl meines heiligen Gestirns den Giebel meines Tempels zu Tempe goldig kränzen sah und gleichzeitig mich durch den Mund des Orpheus als Seelenretter und Heiland preisen hörte, — wie mußte ich da an dich, Spender der Unsterblichkeit denken, der du zu Maghadâ hast den Löwenruf erschallen lassen: ‚Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden‘... Das war damals, o Buddho, in jener ungeheuern Zeit des Götterfrühlings auf hesperischer Erde... Heut’ jedoch weiß ich auf das klärste, daß ich dich herzlich mißverstanden hatte. Mit ähnlichen Worten meintest du nicht das Ähnliche mit mir. Ich selber fühlte nur die zeugerische Lust des Werdens, das immer wird, und kaum geworden, wieder entwird. Ich selber war nur immer eingedenk des ewigen Schaffens, wie es in jeglicher Erschaffung sich selbst erscheint, in jeglicher Erscheinung aber die Erschaffenheit verneint, die nicht das Schaffen selber ist und sein kann. Als unzerstörliche Werdenskraft und Allkraft genoß und litt ich meine Ewigkeit, lebte und starb ich meine Ewigheit. Darüber vergaß ich, wundere dich nicht, das Gesetz des Werdens. Ich vergaß, daß alles Künftige in der Welt sich nur insoweit knoten würde, als es von einer eigenwilligen Gegenwart selbstherrlich geschürzt wird. Den Knoten der Welt und des Werdens, den an- und absteigenden in der Zeit, vergaß ich; vergaß, daß er an- und absteigt in der Zeit nur wie wir es selber ihm bestimmen. Wohl hatte ich während meiner Wallfahrt an euern heiligen Gangâ, dessen Silberquellen, wie ihr sagt, dem Gletschertor der Milchstraße klingend wie Sternschnuppentau entschmelzen, vom Strome her die Stimmen deiner Mönch’ und Nonnen häufig psalmodieren hören: