Ein jeder von uns, ihr Christen, pflegt aus einer wüsten Menge gleichgültiger Begebenheiten seines Daseins das eine oder andere Ereignis herauszuheben, welches er vor sich selber gern als sein Erlebnis wahrzeichnet. Ein jeder von uns lebt vielleicht Jahre hindurch, lange und langweilige Jahre, nur so dahin, — bis ihn zu irgendeiner Stunde ein Blick aus einem Menschenauge trifft; bis ihn ein Wort, ein Ruf, ein Haß, eine Freundschaft, ein Todesfall, ein Lebensfall erreicht, der ihn im Innersten aus seiner Bahn wirft oder ihm umgekehrt seine Bahn erst weist. Zweierlei ist es also, was ein Begebnis zum Erlebnis stempelt. Einmal die scharfe Abgrenzung und Abhebung von allem andern, was bisher gemeinhin als Erfahrungstoff aufgenommen, verarbeitet und ausgewertet ward. Das andere Mal aber die Aneignung und Besitzergreifung eines Vorkommnisses als einer ausschließlich auf diese besondere Person und keine sonst zugeschnittenen Begebenheit. So daß in einem zwiefachen Wortverstand das Erlebnis als Ausnahmefall und Einmaligkeit angesprochen wird: im Vergleich nämlich mit allen sonstigen Erfahrungen einer Person, wie sie von der Gewohnheit gleichsam in der Handmühle der Alltäglichkeit klein und fein gemahlen werden oder wie sie gleichfalls von der Gewohnheit ohne die geringste Spur zu hinterlassen aufgebraucht und eingeschluckt werden; im Vergleich ferner mit den Erlebnissen aller übrigen Personen, welchen die Möglichkeit zu eben diesem Erlebnis der höchsteigenen Person schlankweg aberkannt wird, — und zwar mit gutem Fug aberkannt wird, wie wir uns bald überzeugen werden...
Ein jeder von uns, ihr Christen, pflegt aus einer wüsten Menge gleichgültiger Begebenheiten seines Daseins das eine oder andere Ereignis herauszuheben, welches er vor sich selber gern als sein Erlebnis wahrzeichnet. Ein jeder von uns lebt vielleicht Jahre hindurch, lange und langweilige Jahre, nur so dahin, — bis ihn zu irgendeiner Stunde ein Blick aus einem Menschenauge trifft; bis ihn ein Wort, ein Ruf, ein Haß, eine Freundschaft, ein Todesfall, ein Lebensfall erreicht, der ihn im Innersten aus seiner Bahn wirft oder ihm umgekehrt seine Bahn erst weist. Zweierlei ist es also, was ein Begebnis zum Erlebnis stempelt. Einmal die scharfe Abgrenzung und Abhebung von allem andern, was bisher gemeinhin als Erfahrungstoff aufgenommen, verarbeitet und ausgewertet ward. Das andere Mal aber die Aneignung und Besitzergreifung eines Vorkommnisses als einer ausschließlich auf diese besondere Person und keine sonst zugeschnittenen Begebenheit. So daß in einem zwiefachen Wortverstand das Erlebnis als Ausnahmefall und Einmaligkeit angesprochen wird: im Vergleich nämlich mit allen sonstigen Erfahrungen einer Person, wie sie von der Gewohnheit gleichsam in der Handmühle der Alltäglichkeit klein und fein gemahlen werden oder wie sie gleichfalls von der Gewohnheit ohne die geringste Spur zu hinterlassen aufgebraucht und eingeschluckt werden; im Vergleich ferner mit den Erlebnissen aller übrigen Personen, welchen die Möglichkeit zu eben diesem Erlebnis der höchsteigenen Person schlankweg aberkannt wird, — und zwar mit gutem Fug aberkannt wird, wie wir uns bald überzeugen werden...
Was also heißt Erlebnis? Da ist etwa ein Mensch in langen Jahren jeden Morgen um dieselbe Stunde denselben Weg zu seinem Geschäft gegangen; entlang denselben Straßenzügen, vorbei an denselben Häusern, Gärten, Mauern. Er weiß genau die Zahl der Schritte, die er zurückzulegen hat. Er kennt die Straßen, Häuser, Gärten, Mauern längst auswendig, und ihr immer gleicher Anblick berührt ihn so wenig mehr wie das immer gleiche Gelärm der Straßenbahnen, Kraftwagen, Droschken und Lastfuhren, der Dampfpfeifen, Sirenen und Hupen, der Ausrufer und Gassenkinder. Bis er an einem Morgen unter den ungezählten Morgen etwa von ungefähr den Zweig eines blühenden Goldregens über eine Mauerecke im Winde schaukeln sieht, und von diesem Anblick, der möglicherweis oft schon auf seine gleichmütige Netzhaut gefallen war, ganz seltsam berührt, betroffen und beglückt sich fühlt. Diesen im Morgenwind wiegenden Goldregenzweig über der Mauerecke verleibt er sich als einen nie wieder zu verlierenden köstlichen Besitz in seiner Erinnerung ein, — und nichtnur wird er diesen Eindruck nie, nie wieder vergessen können, sondern auf unbegreifliche Art von ihm im Innersten durchsäuert und durchwühlt, durchpflügt und durchschüttert werden. Dieser Goldregen über der Mauerecke hat ihm plötzlich Beziehungen aufgeschlossen und Gesetze enthüllt, die ihm bis zu dieser Stunde schlechterdings verborgen geblieben waren. Wie ist die Welt so hell, wie ist die Welt so reich, wie ist die Welt so schön, fällt ihm jetzt vielleicht als unvermittelte Offenbarung in die Seele, die selbst für einen ewigen Augenblick hell, reich und schön wird... So dünkt den Erlebenden der Goldregenzweig über der Mauerecke an jenem Morgen der Seelen-Öffnung wie ein Schicksal, das sich früh auf die Beine gemacht hat, ihm an der richtigen Stelle zu begegnen. Aus der verstaubten Reihe von täglichen und ähnlichen Erfahrungen, die niemals Erlebnis geworden sind, hebt sich glänzend dieses eine Glied heraus, wie sich etwa aus einer Kette von Wachsperlen eine echte und wirkliche Perle herausheben würde. Was dieser Mensch, sonst vielleicht ein elender Spießbürger oder ein verhärteter Krämer, hier erlebt, das unterscheidet sich für ihn selber auf das bestimmteste von seinem gesamten sogenannten Leben: und mehr noch unterscheidet es sich für ihn vom Erleben aller anderen Lebendigen. Denn eben, indem er die Wahrnehmung ‚Goldregen über einem Mauerwinkel‘ zu dem Erlebnis steigerte: ‚Wie ist doch diese Welt hell, reich, schön‘, verhaftet und vereignet sich dieses Erlebnis auf eine kaum zu beschreibendeWeise mit ihm selber. Sein Erlebnis ist nicht allein eine Begebenheit außer allem Vergleich mit den übrigen Begebenheiten seines persönlichen Lebensablaufs, — es ist außerdem auch noch eine Begebenheit, an welcher kein anderer Mensch Teil hat und Teil haben kann. Denn im Erlebnis fließt ein Stück Welt in ein Selbst über und fließt ein Selbst in ein Stück Welt über, so daß beide fortan untrennbar eins sind. Der Erlebende hat die Gewißheit, er darf sie haben, daß sein Erlebnis in einem unbedingten Wortsinn Sein ist, nur ganz allein von ihm und niemandem sonst erlebt: ein großes oder kleines Schicksal, welches sich nur in ihm erfüllen konnte, — sein eigenstes und urpersönliches Glück oder Verhängnis, welches seine einmalige und unvergleichbare innere Geschichte bildet. Das Erlebnis eines Menschen aber, sehen wir nun, ist ohne Einschränkung und Abzug auch das Geheimnis eines Menschen. Und um die Wahrheit zu gestehn, ihr Christen, so trennt uns Menschen gemeinhin nichts so unüberbrücklich wie dies, daß wir nicht einerlei sondern vielerlei Erlebnis haben, nicht einerlei sondern vielerlei Geschick, nicht einerlei sondern vielerlei Geschichte. Verschiedenes Erleben verwirrt die Zungen und noch mehr die Sinnesarten der vielen, — verschiedenes Erleben läßt gegenseitiges Verständnis und Ein-Verständnis nirgends auf kommen, oder wenn schon aufkommen, nicht Bestand und Dauer haben. Denn wer nicht seines Nächsten Erlebnis hat, wie soll der seinem Nächsten wirklich nah sein? Wenn aber so: ist dann das Erlebnis nicht schon von Hausaus ein Verhängnis, das wie ein Keil, das wie ein Beil in den Stamm der Gemeinschaft getrieben wird und die Gemeinschaft spaltet?...
Und in der Tat! Es ist schwer zu sagen, wie es infolge dieses Sachverhaltes mit unserer Gemeinschaft, ja mit der menschlichen Gattung überhaupt beschaffen wäre und ob sich diese Gattung nicht schon seit langem selber aufgerieben hätte, wenn nicht von Zeit zu Zeit in dieses stäte Auseinanderleben und Gegeneinanderleben aller wohltätig ein Einzelner und Auserlesener träte, der gewissermaßen gar nichts Besonderes, Eigenartiges, Unterscheidendes für sich erlebte, — vielmehr nur eben das, was ausnahmlos alle irgend einmal erfahren haben oder doch erfahren werden. Zum Heil nämlich dieser ganzen Gattung Mensch und zu ihrer zeitweiligen Errettung geschieht es nicht gar häufig zwar, aber doch immerhin hie und da, daß ein Einzelner in unerhört verstärktem Maß berührt und betroffen werde von dem Erlebnis aller Einzelnen, welches er kraft einer gleichsam stellvertretenden Erleberschaft zu seinem besondern Schicksal macht und dadurch dann zugleich ent-einzelt: derart vollzieht sich hier eine Individuation der Spezies, oder wenn man recht verstehen will, eine Spezifikation des Individuums, wie sie etwa der heilige Thomas von Aquino, ihr Christen, in seiner scharfen und strengen Bezeichnungweise einen ‚Engel‘ zu nennen einst beliebte, — einen Engel in einem tieferen als nur dogmatischen Sprachverstand, wie wir jetzt wohl bemerken können... Es gibt mithin, ihr Christen,Engel! Es gibt Einzelne, die stellvertretend das Erlebnis der Gattung zu dem ihrigen machen und in dieser Hinsicht zur Gattung sich erweitern! Es gibt Persönlichkeiten, hier in dieser Welt und mit der Vernunft dieser Welt zu umfassen und zu erraten, welche als Einzelwesen durch ihre Erlebnisart gleichsam gattungmäßige Bedeutsamkeit erreichen! Es gibt spezifisch geweitete, spezifisch verallgemeinerte Individuen und individuell verengerte, individuell besonderte Spezies! Es gibt, wie einpater ecstaticusdes hohen Mittelalters sagt, ‚Allgemeine Menschen‘, und diese Allgemeinen Menschen sind einzig und allein die Wort- und Seelenführer menschheitlicher Gruppen in den Angelegenheiten von menschheitlicher Erheblichkeit und Würde. Eine Persönlichkeit also wie der indische Buddho Gotamo, durch Wille und Vergunst der Sprache schon sprachlich als ‚Der‘ Buddho über das Bereich des Nur-Persönlichen deutlich herausgesteigert, — eine solche Persönlichkeit erlebt auf einzige Weise nicht sowohl ihr eigenes, einmaliges, persönliches Schicksal, als vielmehr das Schicksal des menschheitlichen genus überhaupt, welches man nicht ohne schmerzliche Ironie dasgenusdeshomo sapiensbezeichnet hat... Ein Mensch wie Gotamo erlebt somit generell; nicht eigentlich individuell, sondern generell zu erleben ist Sein Geheimnis und Seine Bestimmung, Sein Geschick und Seine Geschichte. Befragt um sein entscheidendes und schöpferisches Erlebnis, könnte der Buddho keine andere als diese Antwort geben: ich erlebte, was du und du und du erlebt hast, was duund du und du erlebst, was du und du und du erleben wirst. Ich erlebte das Menschliche, Ewig-Menschliche. Ich erlebte Alter, Krankheit, Tod, — Alter, Krankheit, Tod...
Darüber hat nun Gotamo seinen Jüngern berichtet, in Gestalt zwar einer Legende, die als die Ausfahrt Vipassî-Buddhos gefunden wird in der Vierzehnten Rede aus der Längeren Sammlung Dîghanikâyo. Dort lebt Prinz Vipassî, der erste der Buddhos in der Reihe der Sieben, in den drei Palästen seines königlichen Vaters und im Genuß jener vollkommenen Wunschbeglückung, wie sie bei den Fürsten und Königsöhnen des indischen Märchens herkömmlich ist, — und leicht kann man sich übrigens bei dieser Gelegenheit davon überzeugen, daß Gotamo als Dichter und Erzähler von Märchen mit jedem Kâlidâsa seiner Heimat zu wetteifern vermöchte: er, der unstreitig der erste Gleichnissprecher aller Zeiten und Völker gewesen ist... Jahrtausend also um Jahrtausend seiner mythischen Jugend verlebt Prinz Vipassî in diesen Palästen, bis es ihn eines Tags gelüstet, eine Ausfahrt in die Umgebung des Schloßgartens zu machen. Der Wagenlenker schirrt ein und der Prinz besteigt mit dem Hofstaat die kostbaren Gefährte. Den königlichen Gärten kaum enteilt, stoßen sie da auf eine befremdliche Gestalt, — gebeugt, kopfwackelnd, ausgemergelt, weißhaarig, zitterig, tapperig, zahnlos, triefäugig. ‚Was hat der Mann dort getan?‘ fragt der Prinz seinen Wagenlenker. ‚Er sieht doch nicht aus wie andere Leute?‘ ‚Das ist ein Greis,‘ antwortet der Wagenlenker, ‚ein Alter, der nicht mehr lang zu leben hat.‘ ‚Und werde auch ich dereinst diesem Alten gleichen?‘ frägt der Prinz entgegen. ‚Auch du,‘ versetzt der Wagenlenker, ‚auch du wirst dem Alter nicht entrinnen‘... Nun hat der Prinz für heute genug. Er befiehlt die Umkehr und zieht sich ins Innerste zurück des Palastes, ins Innerste seiner selbst zurück, wo er über diesen ungemeinen Vorfall grübelt, brütet. „O Schande sag’ ich da über die Geburt, da ja doch am Geborenen das Alter zum Vorschein kommen mu߫...
Zweimal noch nach Ablauf so manchen vergessenden und beschwichtigenden Jahrtausends befiehlt Prinz Vipassî seinem Wagenlenker den Wagen anzuschirren und zweimal bricht der Jüngling vorzeitig die Ausfahrt ab. Beim zweitenmal stößt er auf einen Siechen, hilflos im eigenen Kot und Harn liegend und in jeder kleinsten Bewegung auf fremder Menschen Beistand angewiesen; beim drittenmal begegnet er einem Leichenzug, von vielerlei Volk geleitet in düsteren Gewändern. Und nach jeder Ausfahrt geschieht es, daß er eine lange lange Weile grübelnd und brütend in sich selbst versinkt: „O Schande sag’ ich über die Geburt, da ja doch am Geborenen das Alter zum Vorschein kommen muß, die Krankheit zum Vorschein kommen muß, der Tod zum Vorschein kommen muß“... Dann aber ist’s von allem wieder still. Das Leben in den Wunschgenüssen nimmt seinen Fortgang, und kein Anzeichen verrät, wie jene Begegnungen im Gemüt des Prinzen weiterwirken, — kein Anzeichen verrät, ob sie weiterwirken. Und einmal noch nach tausendund tausend Jahren heißt Prinz Vipassî die herrlichen Gespanne einschirren, um dieses vierte und letztemal dann einen Pilger, einen Mönch, einen Bettler zu gewahren, mit kahlgeschorenem Schädel und in fahler Gewandung. Einmal noch eine Frage an den treuen Wagenlenker, und nach der Antwort ist die Entscheidung endlich gefallen. Das dreifache Erlebnis hat die Tat reifen lassen und die letzte Ausfahrt läßt sie zur Ausführung gedeihen. Daheim scheert sich Vipassî seinen Schädel kahl, hüllt sich in ein fahl Gewand und verläßt die königlichen Paläste der Jahreszeiten, um sich auf Pilgerfahrt, Bettlerfahrt, Büßerfahrt zu begeben, — will heißen, um sich selbst zu finden, selbst zu retten, selbst zu lösen. Als ob ein einzelner und einziger Mensch von Alter, Krankheit, Tod ein erstesmal erfahren könne und erfahren habe, stellt die Legende von Vipassîs Ausfahrten das Erlebnis des Buddho mit einer großartigen Einsilbigkeit heraus, die das Gemüt betäubt wie das gleichmäßige Getrommel des Regens in einer Herbstnacht auf ein Blechdach... Und in der Tat! Irgendwie hat Gotamo die drei Kernübel des Menschseins mit der Gewalt der Erstmaligkeit erfahren, mit der Heftigkeit der Erstmaligkeit erlitten: gleichsam er der erste Mensch, der die sonnige Schwelle göttlicher Wunschwelten mit Bewußtsein überschreitet und mit Bewußtsein das Ödland der Wirklichkeit betritt...
Vergänglichkeit, Leidbeschaffenheit, Wesenlosigkeit heißt mithin das Urerlebnis Gotamos, das Urerlebnis des ‚Allgemeinen Menschen‘, — und werwollte leugnen, daß dies in vielerlei Bezugnahme das Urerlebnis unserer Gattung ist und bleibt. Dieses Urerlebnis stets sich von neuem zu vergegenwärtigen fordert er denn auch in erster Linie von jedem, der ihm nachzufolgen oder anzuhängen willens ist. In zahllosen Variationen und Varianten kehrt an zahlreichen Stellen wieder, was dieser Bericht von den vier Ausfahrten Vipassîs in einer mächtig vereinfachenden Sinnbildlichkeit so einprägsam veranschaulicht denn für kaum eine zweite geschichtliche Gestalt gilt ja des jüngeren Nietzsche Wort vom Welt-Vereinfacher wie für den Buddho. Eine der eindrucksvollsten dieser Stellen findet sich in der Sammlung der Bruchstücke Suttanipâto, die zu den ältesten Schriften des Heiligen Kanons gehört. Aus bestimmten Gründen führe ich sie in zwei Übertragungen, einer prosaischen und einer metrischen an: „Unbemerkt und unerkannt ist das Leben der Menschen hienieden, kummervoll, vergänglich und mit Leid verbunden. Es gibt keinen Ausweg, auf dem die Geborenen dem Tod entrinnen könnten; ist das Alter erreicht, da naht der Tod: so ist das Gesetz aller Lebewesen. Wie für unreife Früchte schon früh die Gefahr des Abfallens besteht, so besteht für die Menschen ständig die Gefahr des Sterbens. Wie allen vom Töpfer angefertigten Tongefäßen das Ende des Zerbrechens bestimmt ist, so auch dem Leben der Sterblichen. Die Jungen und die Großen, die Toren und die Weisen, alle gelangen in die Gewalt des Todes, aller Ende ist der Tod. Von denen, die vom Tod überwältigt in das Jenseitgegangen sind, — nicht rettet der Vater den Sohn, noch auch die Verwandte die Angehörigen. Sieh! Während die Verwandten zusehen und laut wehklagen, wird einer der Sterblichen nach dem anderen hinweggeführt wie das zum Tod bestimmte Rind“...
Und nun die nämliche Stelle, die wohl echt gotamidisch zu sein scheint, denn die Worte von des Hafners Töpferware finden sich (in etwas erweiterter Fassung) auch am Ende des Dritten Berichtes aus dem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam, wo sie der Buddho in seinen letzten Tagen zu seinen Jüngern spricht, — nun diese nämliche und ‚echte‘ Stelle in der vollkommen würdigen, ja erhabenen Eindeutschung Neumanns. Hier ist sie angeschwollen zu einem Klagegesang, zu einem Schicksallied von hymnischer Gewalt und Schönheit, seltsam überdies gemahnend an jenes letzte Gedicht-Bruchstück des Florentiners Buonarotti, dessen zermalmende Schwermut als ‚Canto de’ Morti, Was geboren ist, muß sterben‘ in Hugo Wolfs Vertonung etwa manchen deutschen Ohren widertönen mag:
„Unbestimmbar, unerkennbarSterblichen ist hier das Leben,Kümmerlich und karg erlesenUnd in Leiden eingewunden.Keines kennt man doch der Mittel,Daß Gebornes nicht verderbe,Und dem Altern folgt das Sterben;Also ist es Art der Wesen.Früchten ähnlich, reif gewordnen,Fallen und im Fallen fürchtenSich die sterblichen GebornenImmer vor dem Todessturze.Wie des Hafners Töpferware,Vielgeformte Tongefäße,Alle doch zerbrechen endlich:Unser Dasein ist nicht anders.Junge starke, Alte schwache,Toren, Weise, wer es sei auch,Alle wandeln Todesbahnen,Todesuntertanen alle.Da vom Tode sie umfangenWeiter wandern durch die Welten,Hilft kein Vater hier dem SohneUnd kein Vetter dem Gevatter.Hinterbliebne, Kinder, Eltern,Sieh nur, wie ein jedes wehklagt,Eines nach dem andern hinstirbt,Weggeschleppt wie ein Stück Schlachtvieh“...
„Unbestimmbar, unerkennbarSterblichen ist hier das Leben,Kümmerlich und karg erlesenUnd in Leiden eingewunden.Keines kennt man doch der Mittel,Daß Gebornes nicht verderbe,Und dem Altern folgt das Sterben;Also ist es Art der Wesen.Früchten ähnlich, reif gewordnen,Fallen und im Fallen fürchtenSich die sterblichen GebornenImmer vor dem Todessturze.Wie des Hafners Töpferware,Vielgeformte Tongefäße,Alle doch zerbrechen endlich:Unser Dasein ist nicht anders.Junge starke, Alte schwache,Toren, Weise, wer es sei auch,Alle wandeln Todesbahnen,Todesuntertanen alle.Da vom Tode sie umfangenWeiter wandern durch die Welten,Hilft kein Vater hier dem SohneUnd kein Vetter dem Gevatter.Hinterbliebne, Kinder, Eltern,Sieh nur, wie ein jedes wehklagt,Eines nach dem andern hinstirbt,Weggeschleppt wie ein Stück Schlachtvieh“...
„Unbestimmbar, unerkennbarSterblichen ist hier das Leben,Kümmerlich und karg erlesenUnd in Leiden eingewunden.
„Unbestimmbar, unerkennbar
Sterblichen ist hier das Leben,
Kümmerlich und karg erlesen
Und in Leiden eingewunden.
Keines kennt man doch der Mittel,Daß Gebornes nicht verderbe,Und dem Altern folgt das Sterben;Also ist es Art der Wesen.
Keines kennt man doch der Mittel,
Daß Gebornes nicht verderbe,
Und dem Altern folgt das Sterben;
Also ist es Art der Wesen.
Früchten ähnlich, reif gewordnen,Fallen und im Fallen fürchtenSich die sterblichen GebornenImmer vor dem Todessturze.
Früchten ähnlich, reif gewordnen,
Fallen und im Fallen fürchten
Sich die sterblichen Gebornen
Immer vor dem Todessturze.
Wie des Hafners Töpferware,Vielgeformte Tongefäße,Alle doch zerbrechen endlich:Unser Dasein ist nicht anders.
Wie des Hafners Töpferware,
Vielgeformte Tongefäße,
Alle doch zerbrechen endlich:
Unser Dasein ist nicht anders.
Junge starke, Alte schwache,Toren, Weise, wer es sei auch,Alle wandeln Todesbahnen,Todesuntertanen alle.
Junge starke, Alte schwache,
Toren, Weise, wer es sei auch,
Alle wandeln Todesbahnen,
Todesuntertanen alle.
Da vom Tode sie umfangenWeiter wandern durch die Welten,Hilft kein Vater hier dem SohneUnd kein Vetter dem Gevatter.
Da vom Tode sie umfangen
Weiter wandern durch die Welten,
Hilft kein Vater hier dem Sohne
Und kein Vetter dem Gevatter.
Hinterbliebne, Kinder, Eltern,Sieh nur, wie ein jedes wehklagt,Eines nach dem andern hinstirbt,Weggeschleppt wie ein Stück Schlachtvieh“...
Hinterbliebne, Kinder, Eltern,
Sieh nur, wie ein jedes wehklagt,
Eines nach dem andern hinstirbt,
Weggeschleppt wie ein Stück Schlachtvieh“...
Unstreitig also, ihr Christen, ist Gotamos Erleben ein Leiden. Ein Leiden, sage ich: zunächst ein Leiden, und noch lange nicht das Leiden schlechtweg, wie zu früh verallgemeinernd und darum nicht durchaus richtig oft behauptet ward. Gotamos Erleben istein Leiden, und zwar zunächst ein gleichsam örtlich festgelegtes und umgrenztes. Es ist ein Leiden zunächst nicht eigentlich am Leben und am Grundgesetz des Lebens, vielmehr ein Leiden ganz offenbar am Leibe und am Gesetz der Leiblichkeit. Der Leib ist es und des Leibes Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Gebrechlichkeit, Verweslichkeit, Wesenlosigkeit, die in diesem gotamidischenCanto de’ Mortiund an so ungezählten Stellen der Lehre immer wiederkehrend sonst mit der dämonischen Melancholie des Michelangelo melodisch beseufzt, betrauert und besungen werden: die Bestimmung der Leiblichkeit, die unumgängliche ist es, welche Gotamos festes und wohlverwahrtes Herz bis in das Fundament erbeben lässet. Daß dieser Leib nicht dauert und nicht dauern kann, daß dieser Leib sich eines Tages nicht mehr aufrichten und erheben wird, um dann in allen Regenbogenschillertinten als stinkendes Aas anzulaufen und schließlich bis auf Nägel, Haare, Zähne zu Staub und Asche zu vermodern, das hat den Jüngling Gotamo in einem Augenblick, wo ihm die ganze Wahrheit wie ein Gespenst aus jener Welt vor die Seele trat, wie mit einem wohlgezielten Blattschuß getroffen und hingeworfen. Wer aber von dem Geschick des Körpers derart betroffen und hingeworfen wird, der muß ein Mensch von leidenschaftlicher Liebe zu seinem Körper sein, denn nur die leidenschaftlichste Liebe zu einem Ding schafft sich soviel Leiden um den Verlust dieses Dings. Wem da nur wenig oder gar nichts an seinem Leibe liegt, der wird kaum heftig leiden unter demAltern, Welken, Siechen, Sterben dieses Leibes: wer aber vollends den Leib verachtet, wie sollte den des Leibes Tod berühren. Nichts wäre mithin so verkehrt und irrig, als diesem Jüngling Gotamo betreff des Leibes jene hellenisch-asketisch-christliche Auffassung zu unterstellen, die man unter Bezugnahme auf ein geflügeltes Wort des Sokrates aus dem platonischen Gorgias (in etwas freier Verdeutschung freilich) die Leib-Leiche- oder die Körper-Kadaver-Auffassung — griechisch die σῶμα-σῆμα-Auffassung — zu nennen wohl berechtigt wäre. Pythagoreer, Orphiker, Platoniker, Neuplatoniker und Christen mögen im Körper den Kerker und mehr noch die Gruft der Seele von Haus aus mißachtet haben; Gotamo weiß von dieser Mißachtung nichts, weiß von dem ganzen abendländischen Leib-Seele-Zwiespalt nichts: zum mindesten weiß er von Haus aus davon nichts. Darum ist es an uns Christen der westlichen und westlich zerrissenen Welthälfte, dem Umstand von höchstem Belang unsere höchste Aufmerksamkeit zu widmen, daß dieser Gotamo, Sohn des Fürsten Suddhodano zu Kapilavatthu, durchaus nicht etwa priesterlichem, sondern kriegerischem Geblüt entstammt und noch in seiner Jugend den Hochgebirg- und Alpenatem der indischen Heldenzeit eines tiefen, vollen Zugs geatmet hat... Gotamo war Krieger, Prinz und Ritter, nicht Priester und weniger noch Priesters Freund; und er war dies als Sohn eines Volkes, welches weder von einem gleichzeitigen noch von einem späteren je übertroffen worden ist in seiner Freude an gesunder, wohlgepflegter, spielgeübter Leiblichkeit. Gotamo war Krieger, Prinz und Ritter in jener indischen Heldenspätzeit noch, die vor reifem Welt- und Sinnenglück inbrünstig strahlte und bei dem festlichen Anblick edler Krieger gleichsam hell und zärtlich wieherte wie ein junger Hengst, der eine Stute wittert. Sproß eines fürstlichen oder adligen Geschlechts, wurde der Jüngling Gotamo sicherlich auferzogen in den Waffen für die Waffen, — wie hätte er seinen gelenken, behenden Jünglingleib nicht lieben sollen, der unter allen Umständen des Kriegers beste und höchste Tugend ist. Wurde der junge Prinz und Ritter dann im Ablauf der Zeit zum Heiligen und Erwachten seiner Weltzeit, — nun um so besser! Hierin wurde kein Widerspruch befunden nach der Auffassung einer Rasse, welcher ursprünglich die Heiligkeit und Erwachsamkeit keineswegs ein mönchischer Stand, sondern ein menschlicher Zustand bedeutete, zu welchem man in einem gewissen Lebensalter bei richtiger Lebensführung gleichsam von selbst heranreift. Sollte in guten Zeiten doch der Waldeinsiedler (vânaprastha) die vorangehenden Stadien des Brahmanjüngers (brahmacârin) und des Haushalters, Hausverwalters (grihastha) seinerseit nur ablösen, wie der Waldeinsiedler eine Weile später zum eigentlichen Pilger, Bettler- und Büßermönch (bhikshuoderbhikkhu) aufrücken konnte und aufrücken sollte: erst wenn der Mann der Gemeinschaft gedient und sich gewissermaßen in der Welt selbstverwirklicht hatte, winkte ihm als höherer Zustand Weltlosigkeit und Einsiedlerschaft, in welchem er seine Selbstheiligung zu vollbringen hoffen durfte. Asketenschaft entsprang hier keinem weltfeindlichen Verhalten oder Fühlen, sondern krönte das Menschenleben, in innigstem Einklang mit jeder tieferen Erfahrung, wonach der Mensch und namentlich der Mann sich selbst gemächlich aus der Welt heraus und über die Welt hinaus lebt, ohne Enttäuschung, ohne Flucht, ohne Bitterkeit, ohne Bodensatz, in reinster Übereinstimmung mit der Eigenbewegung, Eigenrichtung seines Seelenwachstums. Der Mensch, wo er dieser Bewegung und Richtung seines Seelenwachstums nicht absichtlich entgegen lebt, lebt seiner Seele zu und eben deshalb über die Welt hinaus und über den Leib hinaus; denn ist auch diese Seele in keinem Sinn eine Widerwelt oder ein Widerleib, so ist sie doch der höhere Grad, die höhere Stufe der Weltlichkeit und Leibhaftigkeit. Der Leib wird darum in jener Zeit auch noch nicht grundsätzlich kasteit oder mißhandelt oder gar abgetötet, vielmehr er wird überwunden und überwachsen. Mit seinem Dahinschwinden mehrt sich die Seele, ähnlich wie mit dem Abwelken der Kartoffelstaudenblüte der Knollen im Boden zur Genießbarkeit heranreift...
Verwundern wir uns also nicht, daß es in den Schriften des Pâli-Kanons eben der Heilige seines Weltalters ist, der zu vollkommener Makellosigkeit des Leibes verpflichtet, von allen übrigen Menschen gerade er am unerläßlichsten verpflichtet ist. Für den Buddhismus ist es ganz einfach eine Selbstverständlichkeit, was der europäisch-christlichen Erkenntnis-Zwiesal mit ihrergrundsätzlich gegensinnigen Leib-Seelenwirklichkeit schlechterdings unbegreiflich erscheint und erscheinen wird: Gotamo wäre durch einen minder vollkommenen Körper von vorn herein widerlegt, nicht allein vor den andern, sondern am meisten vor sich selber. Wo in einem vornehmen Haus ein Knabe geboren wird, berechtigt er in dem Maß zu höheren Hoffnungen, desto untadeliger sein Leib gebildet ist, — zur höchsten Hoffnung aber dann, wenn er die zweiunddreißig Male des ‚Großen Mannes‘ aufweist, die für den Kanon herkömmlich geworden sind. Alsdann ist der Welt nämlich in heiliger Stunde ein Eroberer oder ein Überwinder erschienen: der Kaiser-König oder der Erwachte einer nunmehr eingeleiteten Weltzeit. Vielleicht ist kein anderer Umstand geeignet, die wundervolle Einheitlichkeit des indischen Denkens und Wertens auszudrücken, als dieses beziehungreiche ‚oder‘, das jeden Spielraum freiläßt zwischen der Typik einer die Macht restlos erfüllenden und die Macht restlos verschmähenden Menschlichkeit. Innerhalb des Umkreises menschheitlicher Selbstverwirklichungen verhält sich der Kaiser-König zum Erwachten, wie sich der Leib zur Seele verhält, — zuletzt sind sie irgendwie dasselbe und treten nur verschiedenartig, kaum aber verschiedenwertig in Erscheinung: wenn ich hier vorhin die Seele den höheren Grad des Leibes nannte, so ist wahrscheinlich auch dieses noch viel zu abendländisch, viel zu platonisch, viel zu christlich ausgedrückt gewesen... Was aber jene indische Gleichwertung des Kaiser-Königs mit dem Erwachtenanlangt, so dürfte bei ihr noch der andere Gedanke mit hineinspielen, daß es sozusagen der Wahlfreiheit des mit den zweiunddreißig Kennzeichen Ausgestatteten anheim gestellt ist, ob er sich späterhin für den Typus des Eroberers, ob für den Typus des Überwinders tatsächlich zu entscheiden geruhe. Für indisches Auffassen liegt es durchaus innerhalb des Bereichs gotamidischer Fähigkeiten und Möglichkeiten, zum Beispiel noch außerdem ein Asoko zu werden, — wie es umgekehrt durchaus im Bereich asokischer Fähigkeiten und Möglichkeiten liegt, noch außerdem ein Gotamo zu werden. So war Gotamo wirklich in seiner Jugend Fürst und Krieger; so war Asoko wirklich in seinem Alter Büßer und Einsiedler: in weltaufschließender Symbolik verbringt er seine letzte Lebenszeit nach siebenunddreißig Jahren glorreicher Machtherrschaft auf jenem nämlichen Goldenen Felsen Suvannagiri im Lande Magadhâ, wo einst der Jüngling Gotamo geweilt hatte... Ursprünglich also wohl Leib-Geist und Körper-Seele in letzter Ununterschiedenheit und Ununterscheidbarkeit, erwählt der Mensch gleichsam das Leben des überwiegenden Leibes oder des überwiegenden Geistes, des überwiegenden Körpers oder der überwiegenden Seele. Bevor er indes selber wählt, hat ihn seinerseit unter Unzähligen die Natur erwählt, indem sie ihn mit den Schönheitmalen makellosen Leibes und makelloser Seele leibhaftig begnadete. Diese klar ausgebildeten zweiunddreißig Male sind Gotamos: die wohlgefesteten Füße, die Tausendspeichenräder mit Felge und Nabe auf beiden Sohlen,die schmalen Fersen, die sanften zarten Händ’ und Füße, die breitgeschweifte Bindehaut zwischen Fingern und Zehen, die Muschelwölbung des Ristes, die schlanken Beine, die Fähigkeit zur Berührung der Kniescheibe ohne Vorwärtsbeugen des Rumpfes, das hinter der Kleidung unerkennbare Schamglied, die Goldfarbe des Körpers, Goldfarbe der Haut, die Schmeidigkeit der Haut, die Einzelflaumigkeit des Haares in seiner Pore, die Aufgerichtetheit, Schwärze, Ringelung des Flaums, die Erhabenheit des Wuchses, die Heiterkeit des Aussehens, die breite Löwenbrust, die Klafterhöhe, die Verhältnismäßigkeit der Körperlänge zur Armlänge, die Gleichform der Schultern, die Mächtigkeit der Ohrmuscheln, das Löwenkinn, das vollständige Gebiß, das festgefügte Gebiß, die Weiße der Zähne, die Größe der Zunge, der Wohllaut der Stimme, die Flocke zwischen den Brauen und zuletzt der Scheitelkamm. Dies ist Gotamos Leiblichkeit, so haben wir uns den Erwachten vorzustellen, der in mehr wie einem Sinn die Erbschaft Krischnas antrat. Derart stellt sich der Buddho in seinen Reden selber vor und derart ist er uns in Stein und Holz und Erz überliefert. Bis auf das Haar, das einständig einzelflaumige in seiner Pore, ist des Vollendeten Leiblichkeit vollendet geformt und gebildet, — nie ist dem Leib eine größere Verherrlichung widerfahren. Wenn überhaupt, dann war in jenen gotamidischen Tagen die Gestalt des Leibes heilig; wenn überhaupt, ward in jenen gotamidischen Tagen die Schönheit des Leibes angebetet. Der Leib nicht Grab, sondernGral der Seele, das war Indiens Bekenntnis in jenen Tagen, da des Lebens Übermaß und Überschwang sogar die prunkenden Wortfugen des Mahâbhâratam glühend auseinandersprengte, wie es tausend und mehr Jahre später abermals (oder vielleicht immer noch?) die Tempelwände des buddhistischen Parthenon Boro-Budur gesprengt hat. Der Leib, nach Indiens Bekenntnis der Gral seiner Seele, Gefäß und Schrein der Seele und edel wie die Seele, — fürwahr! es ist bei dieser leibhaften Herrlichkeit des Erwachten zu Magadhâ schwer vermeidlich, nicht der leibhaften Herrlichkeit eines Erwachten unseres Westens zu gedenken, der in gotamidischem Alter dahingegangen ist, nachdem er wie kein anderer zuvor die Erde zu seiner Wohnstatt sich bereitete, allwo er wie ein Gott sälig an jedem Ort zu Hause war: „Der Körper lag nackend in ein weißes Bettuch gehüllt... Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir...“
Dieser Leib nun, in allen Spielen des Laufens, Ringens, Springens, Schwimmens, Fechtens, Rossetummelns, Bogenschießens geübt, in allen Künsten der Verschönerung erfahren, in Wohlgerüchen gebadet, von Räucherwerk durchduftet, mit feuchtem Sandeleingesalbt und mit Safran und Lakkaröte geschminkt, — dieser Leib nun wird unabwendbar eines Tages in Regenbogentinten schillernd angelaufen sein. Er wird wie ein aufgetriebener Blasbalg von den Gasen der Verwesung angeschwollen sein. Er wird an hundert Stellen aufplatzen und stinkend in den Jauchepfützen seines eigenen Aufbruchs liegen. Aus seinen Löchern und Höhlen wird madiges Gemeiß kriechen. Das Fleisch wird von den Sehnen und die Sehnen werden von den Knochen fallen. Die Knochen werden von den Überbleibseln der Fäulnis braun bestäubt sein, bis auch sie zu Staub vermodert sind. Und dies ist die Gewißheit des Leibes: dies ist der Kummer am Leibe für den, der den Leib lieb hat. Dies ist die Gewißheit des Leibes: dies ist das Leiden am Leibe, wie es der junge Ritter Gotamo erlitt, der da noch den Atem der Heldenfrühe des indischen Festlands atmete. Er selbst hat später am Seherstein im Wildpark zu Benâres die Wahrheit des Leidens eine heilige genannt, und die Frage war für ihn nur diese, ob es derlei Leidens auch eine Abstellung, Verwindung, Überwältigung gäbe? Die Frage war eigentlich nur, ob dieser dauerlose Körper zur Dauer erstarken, ob dieser hinfällige Körper zur Rüstigkeit gedeihen, ob dieser sterbliche Körper zur Unsterblichkeit erblühen könne? Ist es möglich, ist es auch nur denkbar, daß die weltherkömmliche Ordnung für den Körper umgestürzt werde und das Leiden am Körper zu seiner Aufhebung gelange, indem der Körper durch Anspannung, Übung, Umgestaltung außerhalb dieserOrdnung gleichsam neu gepflanzt und neu aufgebaut würde?
Der Abendländer zweifelt und verneint. Der Abendländer stellt sich Leib und Seele vor als zwei nebeneinander herlaufende Erscheinungreihen und Erlebnisverknüpfungen, die wirkunglos und beziehunglos zueinander ihren leiblichen und seelischen Gegengesetzen folgen müssen. Gotamo hingegen zweifelt nicht und bejaht. Leib und Seele zuletzt ein und des nämlichen Seins und Wesens, stehen für ihn in einem stätigen Wechselverhältnis, ja Austauschverhältnis, wobei der Leib die Stelle der Seele vertreten kann und die Seele die Stelle des Leibes. Der Wille eines jeden hat es in der Hand, den Leib gleichsam mit den Spezereien der Seele einzubalsamieren, wie es der Arzt seit unvordenklichen Zeiten in der Hand hat, die Verweslichkeiten des Leibesinnern gegen pflanzliche Dauerstoffe auszuwechseln und dadurch unverweslich zu machen. Gotamo verneint die Unerläßlichkeit des Leidens am Körper und bejaht des Leidens Abstellung, Verwindung, Umgestaltung aus der Einsicht heraus in die Herkunft und die Beschaffenheit des Leibes. So wie die Ordnung der Natur ist, entsteht der Körper und vergeht der Körper. So wie es aber der Wille des Menschen will, der unablässig um Dauer ringende, kann eine Versetzung des Leibes stattfinden in eine andere Lage der Wirklichkeit, in einen anderen Urstand des Seins, wo die Gesetze der Schöpfung, als welches die Gesetze des Werdens sind, ganz von selbst außer Kraft treten müssen. Wir Abendländer kennenals Beispiel einer gewissen Umgestaltung den Vorgang der Versteinerung. In die schneller verweslichen Teile eines Tier- oder Pflanzenleibes dringen unverwesliche Teile ein von mineralischer Beschaffenheit und bauen die Gestalt des Lebewesens in eben dem Zeitmaß von sich aus wieder auf, in welchem diese Gestalt durch die Zersetzung ihrer organischen Grundstoffe und durch deren Verbindung mit dem Sauerstoff abgebaut wird. Wo der Zellenleib zerfällt, erscheint allmählich ein Steinleib zu seiner Stellvertretung, so daß man in Wahrheit von einer Umgestaltung reden dürfte, — von einer Umgestaltung, die freilich nur den toten Leib ergreift und diesen gegen den nicht minder toten Ersatzleib eintauscht. Indessen ist uns Abendländern doch auch manch anderes Beispiel lebendiger Umgestaltung nicht völlig unbekannt. Wir selber pflegen die Kräfte unseres Lebens, unseres Selbstes an unsere Arbeit zu setzen, sei sie nun Wort oder Werk oder Tat oder überhaupt Leistung; in Wort Werk, Tat, Leistung setzen wir selbst uns um, setzen wir unserer Selbstheit Gestalt um und schaffen uns auf diese etwas plumpe Art eine verhältnismäßige Unsterblichkeit in einem Bereich der sogenannten Werke oder Werte oder Sachverhalte oder Gültigkeiten, — in einem Bereich mithin, welches uns in gewissem Sinn sehr wohl des Lebens Jenseit bedeuten darf. So fangen wir gleichsam die Essenz unseres Lebens von uns selber ab und versetzen unser persönlich-sterbliches Sein an den Himmel sachlicher Unsterblichkeiten. Auf allen Wegen, wo wir gehenund stehen unsere Unsterblichkeit angelegentlich betreibend, gestalten wir auf solche Weise die Gestalt unseres Selbstes um in Wort, Werk, Tat und Leistung, welche offenbar länger dauern als die lebendige Gestalt und dennoch des Lebens nicht in jedem Sinn entbehrt. In Worten, Werken, Taten verewigen wir uns selber, fortwährend ohne unser Wissen in einem wunderlichen Unsterblichkeitzauber, Apathanatismos von hoher Wirksamkeit befangen...
Noch ein Schritt weiter, und wir stoßen auf Gotamos eigenen Unsterblichkeitzauber, auf Gotamos eigenen Apathanatismos. Beruht dieser doch im wesentlichen darauf, daß der Leib in zunehmenden Graden durchsetzt und durchseelt, durchwaltet und durchwürzt, durchdrungen und durchflutet werde mit den erworbenen Grundbestimmungen des Gemütes. Das gotamidische Verfahren besteht vornehmlich darin, die von der Seele hervorgebrachten und einstweilen durch Übung befestigten Zustände gleichsam als stätige Gebilde den unstätigen Gebilden des Leibes zu unterstellen, und zu diesem Ende weiß der Buddho sich der älteren Praxis der Yoga trefflich zu bedienen. Insonderheit ist es die übrigens auch im alten China geübte Praxis des regelentsprechenden Aus- und Einatmens, die Hatha-Yoga, welche Gotamo für seine Makrobiotik, für seinen Apathanatismos anzuwenden gesonnen ist. Die Aus- und Einatmung nämlich wird ganz planmäßig mit Vorstellungen verknüpft, die sie begleiten sollen, und diese Vorstellungen verschmelzen allmählich derart mit den Atemvorgängen selber, daßsie gewissermaßen an deren Stelle treten: die körperliche Tätigkeit, zuerst von einem Ablauf von Bildern und Gedanken regelmäßig begleitet, wird bei geregelter Führung von diesen Bildern und Gedanken bis zu einem gewissen Grad geradezu verdrängt, der Vorgang in der Lunge wird umgesetzt in einen Zustand des Gehirns, ja des Bewußtseins. Die Atmung wird etwas anderes wie Atmung, die Körpertätigkeit setzt sich in etwas anderes um als Körpertätigkeit, und zwar vollzieht sich diese ‚Selbstvergeistigung‘ gradweis und stufenweis mit den erlangten Graden und Stufen der erworbenen Gemütszuständlichkeit. In der Hundertundachtzehnten und Hundertundneunzehnten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo hat sich der Buddho ausführlicher, obzwar leider immer noch nicht ausführlich, über diese Atemübungen vernehmen lassen, und insbesondere in der letzten dieser Reden wird das Ziel dieser seltsamen Vornahme ein wenig deutsam. Der Leib soll dazu bereitet, ja dazu abgerichtet werden, an dem Erwerb der Seele teilzunehmen: der Leib soll lernen, sich bis zu den tiefsten Versenkungen der Seele mit zu versenken und sich in den reinsten Läuterungen der Seele mitzuläutern. Der Leib soll nicht länger ein unbeeinflußtes und unbeeinflußbares Außerhalb der Seele bleiben, sondern in jedem Muskel, in jeder Zelle den erreichten Seelenstand selbst erreichen. Auf leibliche Weise soll sich der Leib solange in Seele wandeln, als sich auf seelische Weise die Seele in Seele wandelt. Die christliche Seele, ihr Christen, hält ihre höchste Andacht beiseit vom Leib, alsforma separataentrückt, entrafft, entleiblicht, — aber die Seele Gotamos hält ihre höchste Andacht mit dem Leib zusammen, den Leib völlig in Seele einbettend, umbettend. Die christliche Seele, ihr Christen, ist unsterblich abseit des sterblichen Leibes und überlässet den sterblichen Leib dem allgemeinen Verhängnis der Sterblichkeit, — aber die Seele Gotamos gedenkt unter keinen Umständen den Leib sich selber und seinem Verhängnis zu überlassen, sondern ihn vielmehr mit ihrer eigenen Dauer zu begaben und zu begnaden. Dem Fleisch der Früchte, dem Fleisch der Tiere, welches wir erhaltsam und bewahrsam machen wollen, setzen wir etwa Zucker, Salz, Säure, Weingeist, Hitze, Trockenheit zu. Dem Fleisch des Leibes, vom Buddho Erhaltsamkeit und Bewahrsamkeit ernstlich zugedacht und zugesprochen, setzt der Buddho gleichsam Seele zu, und so erwirbt es durch diesen Zusatz beide Tugenden. „Und ferner noch, ihr Mönche: der Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, verweilt in sinnend gedenkender, ruhegeborener, säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Diesen Körper durchdringt und durchtränkt, erfüllt und sättigt er mit ruhegeborener säliger Heiterkeit, so daß nicht der kleinste Teil seines Körpers von ruhegeborener säliger Heiterkeit ungesättigt bleibt. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein gewandter Bader oder Badergeselle auf ein Metallbecken Seifenpulver streut und mit Wasser versetzt, verreibt und vermischt, sodaß sein Schaumball völlig durchfeuchtigt, innen und außen mit Feuchtigkeit gesättigt ist und nichts herabträufelt:ebenso nun auch, ihr Mönche, durchdringt und durchtränkt, erfüllt und sättigt der Mönch diesen Körper da mit ruhegeborener säliger Heiterkeit, so daß nicht der kleinste Teil seines Körpers von ruhegeborener säliger Heiterkeit ungesättigt bleibt“...
Dies also ist das überschwänglich übermenschliche Ziel des gotamidischen Unsterblichkeitwillens, den Leib den Ordnungen des Werdens, als welches die Ordnungen des Entstehens-Vergehens sind, gewaltsam durch Anstrengung, Übung, Umgestaltung zu entreißen und seiner völligen Durchseelung zuzuführen. Und mit viel Besonnenheit entnimmt Gotamo die Mittel zu diesem erfahrung-jenseitigen Ziel dem unausschöpflichen Vorrat an Selbsterfahrungen, den die Yoga, das ist die überlieferte Kunst der unbedingten Leib- und Geistbeherrschung, durch den Willen, in den Jahrtausenden aufgespeichert hat. Durch strenge Anpassung erfahrungmäßiger Zucht- und Abrichtungmittel an den schlechterdings überschwänglichen Zweck entsteht ein Langlebigkeit- und Unsterblichkeitzauber von beispielloser Unentwegtheit und Folgerichtigkeit, dem nur wenige unter den anderen maßgebenden Religionen der Erde etwas Ähnliches an die Seite zu stellen haben dürften. Durch eine mit planmäßiger Führung und Regelung des Ein- und Ausatmens einzuleitende Entkörperlichung des Körpers beschwichtigt der Buddho sein Leiden am Körper und überwindet es: durch eine mit hoher diätischer Besonnenheit betriebene Umgestaltung des Leibes durchbricht der Buddho die Ordnung der Leiblichkeit und steigert den Körper gewissermaßen zu einem Urstand der Seele, — oder vielleicht zutreffender und richtiger noch: er steigert ihn zu einer Eigenschaft der Seele, welche Dauer, Ständigkeit, Langlebigkeit, ja geradezu Unsterblichkeit heißt. Wer diesen Tatbestand von grundlegender Bedeutsamkeit begreift, der und nur der wird das wunderliche Wort Gotamos wirklich zu würdigen vermögen, welches in der Hundertundneunzehnten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo die Einsicht in den Körper als den Inbegriff aller heilsamen Dinge preist. Gleichwie einer, der das große Meer im Geiste gefaßt habe, damit auch alle Ströme und Flüsse gefaßt hat, die sich ins Meer ergießen, so hat sich die Summe alles heilfordernden Wissens zu eigen gemacht, wer die Einsicht in den Körper erwarb. Als ein Umgestalteter, jedenfalls aber als ein Umgestaltender, ist er dem Werden entronnen. Ungeworden, vergeht er nicht, unvergänglich, dauert er. Wer die Einsicht in den Körper pflegt, der wird nicht, sondern ist, und wer ist, hat bereits im Jenseit dieser Werdewelt und Wandelwelt festen Fuß gefaßt. ‚Spender der Unsterblichkeit‘ aber, das ist einer der Titel des Erhabenen, die er sich durch diese Anweisung zur Umgestaltung des Leibes in einem vielleicht buchstäblicheren Sinn verdient zu haben scheint, als es unsere höchst lückenhafte, höchst unzulängliche, höchst unzuständige Abendlands-Erfahrung auf den ersten Anblick wohl wahr haben möchte...
Verstehn wir Christen uns indes, ihr Christen, reichlich schlecht auf diese wie auf alle sonstigenunsterblichen Dinge, so sind wir dennoch mit derlei geheimnisvollen Vornahmen nicht völlig unbekannt oder sollten es wenigstens nicht völlig sein. Auch dem Heiland unserer westlichen Welthälfte ist ja die Umgestaltung bei Lebzeiten widerfahren, von welcher das Evangelium nach Lukas in seiner schmucklosen Art trocken berichtet: „Und während er betete, ward die Gestalt (εἶδος) seines Angesichts eine andere und sein Gewand ward weiß und blitzete“... Was hier mit Jesus geschah, als er in der Gesellschaft des Petrus, Johannes, Jakobus den hohen Hügel bestiegen hatte, umschreibt das Evangelium der Kirche ein klein wenig völliger, wenn es wörtlich erzählt: „und er ward umgestaltet (μετεμορφώτη), und es leuchtete sein Antlitz wie die Sonne und seine Gewänder weißten sich wie das Licht“... Der Verfasser dieser Heiligen Schrift der Christen gebraucht an dieser Stelle geradezu das Wort Umgestaltung selbst, welches dann Luther in einer auffälligen Ungenauigkeit mit ‚Verklärung‘ wiedergegeben hat. Was aber hier sofort im Unterschied zum buddhistischen Kanon schwer ins Gewicht fällt, ist weniger die Beiläufigkeit und Folgenlosigkeit des für den Buddhismus so entscheidenden Vorgangs, als vielmehr die Tatsache, daß die Umgestaltung des Evangeliums als eine Wirkung der Gnade oder des göttlichen Eingriffs zu gelten hat, während die gotamidische Umgestaltung das selbsttätig erworbene Gut der Freiheit erscheint. Auch in dieser Bezugnahme bleibt der Buddho seinem Protestantismus unentwegt treu, denn Gotamo der Protestant, Gotamo der Atheistweiß nichts von Gnade, weiß nichts von Eingriffen Gottes, weiß nichts von Gott selber, dessen Wolke ihn überschatten und dessen Stimme ihn als den vielgeliebten Sohn verkünden könne. Wenn der Leib Gotamos seiner Umgestaltung tatsächlich teilhaftig geworden ist, so wird die Umgestaltung der unermüdlichen Arbeit, Zurichtung und Zucht des eigenen Selbstes verdankt. Sie stellt sich nicht ein von ungefähr, sondern ist der Ertrag eines unablässig diesem Ziele zugewandten Strebens. Gleichsam um diesen Sachverhalt anzudeuten, widerfährt die sichtbare Verklärung des Leibes dem Buddho (nach dem Dritten Bericht aus dem Großen Verhöre zur Erlöschung Mahâparinibbânasuttam) erst wenige Stunden vor dem Ende, am Tage vor der Nacht, da der Vollendete wirklich voll-endet. In einer Szene von mehr wie kalidasischer Reinheit, Helligkeit und Zartheit der Farbe weiß der Bericht zu erzählen, daß der Mallerprinz Pukkuso dem sterbenden Heiligen einen doppeltgewebten goldfarbenen Schleier habe darreichen lassen als kostbares Sterbekleid, des kostbaren Sterbenden würdig. Vom Lieblingjünger Ânando dann mit diesem schimmernden Schleier bekleidet, beginnt der Leib des sterbenden Meisters, gleichsam im Feuer der eigenen Seele zu völliger Gediegenheit geläutert, wie der Mond in der Nacht seiner Rundung zu leuchten und zu gleißen, also daß der doppeltgewobene goldfarbene Schleier des Mallerprinzen in fahler Glanzlosigkeit verbleicht. Nun ist der Leib des Erhabenen endgültig und restlos umgestaltet, vollkommen dauerhaft geworden. Aber in dieser Stunde der ewigen Selbstvollendung besteht der Vollendete nicht mehr auf seiner Dauer, — in dieser Stunde übergibt er den verklärten und durchsättigten Leib eben jener Werdewelt, die er in fünfzig Jahren ununterbrochener Selbstläuterung überwunden hat!...
Vollkommen dauerhaft geworden, sag’ ich, bestünde in diesem Augenblick der Herr Gotamo dennoch nicht auf seiner Dauer: vollkommener Spender der Unsterblichkeit geworden, verschmähe der Herr Gotamo zuletzt dennoch seine Unsterblichkeit. Dieses in der Tat sehr seltsamen, sehr unverständlichen, ja widersinnigen Sachverhalts müssen wir an dieser Stelle noch gedenken, wenn anders wir von dem Geheimnis dieses geheimnisvollsten aller Menschen auch nur einen Zipfel zu lüften hoffen dürfen. Das Leiden am Leibe aufzuheben, hat der Buddho die Praxis der Hatha-Yoga samt allem, was an seelisch-körperlichen Übungen (‚exercitia‘) mit ihr zusammenhängt, in den Dienst eines unbeirrbaren Unsterblichkeitwillens gestellt. Und in der Fähigkeit, den Leib mit seelischen Kräften wie mit den Wellen von einer annoch unbekannten Ordnung zu durchstrahlen, dauerhaft zu machen und ihn gleichsam aus der Bewegunglage in die Ruhelage hinüberzubetten (und nicht nur hinüberzurechnen, wie die europäischen Mathematiker und Physiker mit den materiellen Systemen des Kosmos tun!) — in dieser Fähigkeit hat er mutmaßlich die Heilande und Heiligen aller anderen Religionen der Erde weit hinter sich zurückgelassen. Er hat sie soweit hinter sich zurückgelassen, daß von den Brosamen, so von dieses Reichen Tische fallen, noch immer alle die Hündlein satt geworden sind, die, von den Verkümmerungen, Verzerrungen, Fehldeutungen dieses gotamidischen Gedankens zehrend, als Theo- und Anthroposophen heute einem Krypto-Buddhismus Pseudo-Buddhismus in allen fünf Weltteilen zumal frönen. Eine Nachprüfung, eine Nachtätigung, wieweit der Körper durch solche Anstalten wirklich bis zu einem gewissen Grade unsterblich zu machen wäre, ist freilich aus allbekannten Gründen mindestens uns Europäern bis auf weiteres versagt. Haben wir keinen Grund, die Möglichkeit dieser und ähnlicher Umgestaltungen schlankweg zu verabreden, so sind wir im Hinblick auf unsere eigenen Erfahrungen freilich dazu berechtigt, auch dieser Umgestaltung keine tatsächlich unbegrenzte, sondern etwa nach Wirkunggrad und Reichweite immerhin begrenzte Beeinflussung zuzuschreiben. Genug, daß der Buddho selber zur Erlöschung eingegangen ist, trotzdem das Unsterblichkeit- und Dauerziel eines der vornehmsten seiner Lehre und seines Wandels gewesen ist. Der Herr eines der Werdewelt und ihren Gesetzmäßigkeiten grundsätzlich entrückten Leibes geworden, macht der Buddho, wie ich schon sagte, im entscheidenden Augenblick von dieser erworbenen Ewigkeit dennoch keinen Gebrauch! Und wahrscheinlich ist es der Bestürzung der Jüngerschar über dieses erschütternde Begebnis zu danken, — in vielen Punkten der Bestürzung einer anderen Jüngerschar nicht unähnlich, — daß der Dritte Bericht ausdem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam in stark legendarischer Fassung auf diesen ganz und gar unbegreiflichen Umstand zurückkommt und gewissermaßen eine Erklärunga parte postzu geben bemüht ist, warum der Erhabene seinen zur Dauer gehärteten Körper nun doch dem Vergehen überantwortet. Es ist dies nach dem Wortlaut des Berichtes einem Versäumnis des Ânando zur Last zu legen, der in den fraglichen Tagen mit der persönlichen Aufwartung beim Erhabenen betraut war. Ihm nämlich hat der Buddho dreimal die Bitte auf die Zunge gelegt, nicht zur Erlöschung einzugehen, vielmehr fortab unter den Jüngern zu weilen in dem Zustand der leiblichen Beharrung, zu dem er sich in einem halben Jahrhundert unerhörter Läuterungen emporgeläutert hat. Dreimal legt der Buddho diese Bitte seinem Lieblingjünger auf die Zunge und dreimal verstehet Ânando seinen Meister nicht und schweigt. Also mißverstanden und unverstanden vom teuersten Menschen bei unwiderbringlicher Gelegenheit, beschließt der Erhabene, dem dreimal schon ausgesprochenen Wunsche Mâro des Bösen zu willfahren und zur Erlöschung einzugehen. Mit der Gebärde jener göttlichen Traurigkeit, welche auch noch die schönsten Siege des Menschen über sich, über die ‚Welt‘ umflort, gibt der Erwachte die lebenslang erkämpfte Dauer seines Leibes preis. Auch der Mensch, der ihm längst der werteste und nächste war, hat sich das Geschenk stätiger Gegenwart des Erhabenen nicht erbeten. Auch der innigste Freund, der ‚siebenschrittige‘, war ihm in der rechten Stunde innerlich unendlich fern und hat das Wort des Herzens nicht gefunden: Μεῖνον μεθ’ἡμῶν, Bleib’ bei uns! ὅτι πρὸς ἑσπέραν ἐστιν, denn es naht gen Abend! Hier bricht ein tödlicher Schmerz durch, mit keinem Laut preisgegeben und trotzdem zermalmend fühlbar, ein Schmerz über alle Schmerzen an der Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Wesenlosigkeit des Leibes. Hier bricht ein Schmerz durch, ein nie besieglicher, über die untilgbare Menscheneinsamkeit der Seele, ein Schmerz, den auch der großgeistige Buddho nicht mehr zu verwinden weiß, — nun war es Zeit sogar für ihn, den Großgeistigen, zu gehen... „Wer auch immer, Ânando, die vier Machtgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, ausgebildet, angewendet, durchgeprüft, durchaus entrichtet hat, der könnte, Ânando, wenn ihn darnach verlangte, ein Weltalter hindurch bestehen, oder bis zu Ende des Weltalters. Der Vollendete hat, Ânando, die vier Machtgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, ausgebildet, angewendet, durchgeprüft, durchaus entrichtet; bei Verlangen darnach, Ânando, könnte der Vollendete ein Weltalter durch bestehen oder bis zu Ende des Weltalters. Ob dir gleich also, Ânando, vom Vollendeten ein wichtiger Wink, ein wichtiger Hinweis gegeben war, hast du es nicht zu merken vermocht, hast nicht den Vollendeten gebeten: ‚Bestehn möge der Erhabene das Weltalter durch, bestehn möge der Willkommene das Weltalter durch, vielen zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen, Wohle und Heile für Götterund Menschen.‘ Hättest du, Ânando, den Vollendeten gebeten, so hätte wohl zweimal deine Worte der Vollendete abgewiesen, aber das dritte Mal ihnen entsprochen. Darum aber, Ânando, hast du eben hier es versehen, hast du eben hier es versäumt...“ Ein Weltalter hindurch hätte also der Erhabene nach seinem eigenen Bedünken bestehen können bei Verlangen darnach. Ein Verlangen darnach hat aber niemand von den Jüngern im rechten Augenblick zum rechten Ausdruck gebracht, und so verlangt den Erhabenen selber nicht länger darnach. Und so entläßt denn der Erhabene (nicht ohne einen unendlich sanften Tadel Ânandos) den lebenslang gehegten Dauergedanken, entläßt den lebenslang gestärkten Unsterblichkeitwillen, entläßt den lebenslang gepflegten Wunsch nach weltzeitwährender Trostgegenwart... Wer hat da von euch, ihr Christen, noch eine Frage auf dem Herzen?...