Achtes Kapitel

Toni schlief. Wie allabendlich saßen Vater und Tochter, einander gegenüber, am Speisetische, der Arzt mit einem Buche, Paula mit einer Handarbeit beschäftigt. Sie hatten zu Nacht gegessen und wenig dabei geredet; jetzt schwiegen beide. Endlich legte der Vater das Buch auf den Tisch und stand auf.

»Heute habe ich mit dem Schullehrer gesprochen,« sagte er. »Die Schule kann Montag wieder eröffnet werden.«

»Und Toni?« fragte Paula.

»Sie ist gesund und mag getrost in die Schule gehen. Es sind nun schon zwei Monate her, daß sie erkrankte. Da sie jetzt glücklicherweise wiederhergestellt ist, wäre es an der Zeit, ihren Religionslehrer der Aufgabe, sie zu besuchen, zu entheben. Sie kann ihn künftighin in der Schule sehen und sprechen.«

Paula blickte von ihrer Arbeit auf. Der Arzt sah das Mädchen an und senkte dann die Augen.

»Ich weiß und glaube, daß er die Kleine lieb hat und bloß ihretwegen in unser Haus kommt,« sagte er in seinem sanftesten Tone. »Aber die Besuche müssen wiederein Ende nehmen. Das Kind ist gesund. Wir haben nunmehr kein Recht, über die Zeit des Herrn Kooperators zu verfügen.«

»Hat wieder jemand auch darüber geschwatzt?« fragte Paula und ihre Lippen zuckten verächtlich.

»Die Leute im Pfarrhof halten sich darüber auf. Du weißt doch, daß der Dekan und ich einander kaum grüßen, ... deshalb mag er es wohl nicht gern sehen, wenn sein Kollege in unser Haus kommt.«

»Von wem hast Du das gehört?«

»Von verschiedenen Personen.«

»Und Du willst, daß ich dem Kooperator sagen soll: Wir brauchen Sie jetzt nicht mehr. Sie können Ihrer Wege gehen und vergessen, daß wir hier wohnen? Gut.« Sie beugte sich über ihre Arbeit und begann mit großer Hast zu nähen. Selten noch hatte sie so herbe gesprochen ... Der Arzt blickte das junge Mädchen staunend an.

»Ich habe mich schlecht ausgedrückt oder Du verstehst mich absichtlich falsch,« versetzte er. »Es fällt mir nicht ein, irgendeinen Vorwurf gegen Dich oder den Geistlichen zu erheben. Meines kranken Kindes wegen, auf unsere Bitte hin, kam er in unser Haus und wir sind ihm dankbar dafür; aber die Verpflichtung, uns mit ihm zu befreunden, erwächst uns nicht daraus.«

Paula blieb stumm auf diese Worte. Endlich sprach sie, ohne aufzusehen: »Er kommt sehr gern zu uns. Er selbst hat es mir gesagt.«

»Umso mehr Grund, mit ihm zu brechen, mein Kind. Sieh, Paula, als ich vorhin nach Hause kam, schaute ichvon der Straße aus zufällig zu Deinem Fenster empor. Du und der Geistliche, Ihr standet nahe beisammen, Du blicktest zu Boden und er auf Dich, – wie eben ein Mann ein junges Mädchen, das ihm gefällt, anzublicken pflegt ...«

»Er hat nie ein Wort zu mir gesagt, das nicht jedermann hätte hören dürfen,« fiel Paula ein. Ihre Finger zitterten, sie legte die Arbeit in den Schoß.

»Das glaube ich gern, weil ich Dich kenne. Aber sei gerecht, Paula. Würde die Welt an einen Freundschaftsbund zwischen einem jungen Mädchen und einem dreißigjährigen Priester glauben?«

»Was liegt an der Welt! Wenn nur ich selbst daran glaube.«

Der Arzt ging, die gefalteten Hände auf dem Rücken, in der Stube auf und ab.

»Daß wir uns über diesen Punkt nicht einigen können!« bemerkte er endlich.

»Wirsindeinig,« entgegnete Paula. »Ich werde Deinem Wunsche nachkommen. Mehr verlangst Du wohl nicht.« Sie stand auf. »Aber um eines möchte ich Dich bitten: sagDuihm, was Du ihm sagen willst, daß er nicht wiederkommen soll oder was es sonst ist ... Gute Nacht.«

Der Vater ging auf sie zu und hielt sie zurück.

»Sollten wir zum erstenmal voneinander gehen, ohne uns verstanden zu haben?« fragte er und zog sie an sich. Sie küßte flüchtig seine Wange und wich seinem Blicke aus. Er ließ sie fahren.

»Gute Nacht, mein Kind,« sagte er. »Du bist heute aufgeregt. Verschlafe diese Angelegenheit und ich bin überzeugt, daß Du morgen anders darüber denken wirst.«

Schweigend entfernte sie sich. Er hatte sie niemals noch so gesehen, – so eigensinnig, heftig und herbe. Hatte er sie beleidigt? Zum erstenmal war eine Meinungsverschiedenheit eines Fremden halber zwischen ihnen eingetreten. Der Arzt hatte die Tochter nicht kränken, sondern sie bloß aufmerksam machen wollen darauf, daß der Verkehr mit dem jungen Priester nicht ewig fortgesetzt werden könnte; auf Widerstand war er durchaus nicht gefaßt gewesen. Paula fühlte sich offenbar verletzt. Gewissermaßen hatte er ihr doch Vorwürfe gemacht, und das mochte sie, die sich schuldlos wußte, beleidigt haben. Daß aber zwischen zwei Menschen, die einander innig lieben, so leicht ein Mißton entstehen könne, war dem Arzt doch nicht recht begreiflich. »Empfindlich sind wir alle,« dachte er, und damit suchte er sich zu trösten.

Am nächsten Tage war davon nicht weiter die Rede. Der Arzt fragte nur: »Wird der Kooperator heute kommen?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete Paula.

»Um welche Stunde kommt er gewöhnlich?«

»Zwischen fünf und sechs Uhr.«

»Dann will ich um diese Zeit zu Hause sein.«

Er hielt Wort, aber derjenige, den er erwartete, traf nicht ein. Hingegen kam der junge Schullehrer, um, wie er sagte, nachzusehen, was seine kleine Schülerin mache.

»Toni ist längst wieder gesund,« sagte Paula zu ihm. »Am Montag wird sie, wie die anderen, die Schule besuchen.Verwöhnen Sie das Kind nicht allzu sehr und stellen Sie Ihre Krankenvisiten von heute ab ein ... Toni glaubt sonst am Ende wirklich, daß sie eine wichtige Persönlichkeit sei, um deren Befinden sich alle Welt kümmert.«

»Aber ich komme doch nicht bloß Tonis wegen hierher,« stammelte der junge Mann bestürzt.

Paulas Augen fixierten ihn kalt und mitleidlos, als ob sie sagen wollten: »Eben darum will ich, daß Du wegbleibst!« Und ohne zu antworten, ließ sie ihn stehen und ging aus dem Zimmer.

Der arme Lehrer war so außer sich über diese Behandlung, daß er, unfähig ein Wort zu sprechen, den Arzt stumm grüßte und sich hastig entfernte.

»Warum warst Du gegen Herrn Stettner so unfreundlich?« fragte der Arzt, als Paula wieder in das Zimmer trat.

»Ich war nicht unfreundlich gegen ihn,« erwiderte das junge Mädchen und schaute dem Vater mit festem Blick in die Augen. »Ich sage nur: gleiches Recht für alle. Wenn der eine aus Schicklichkeitsrücksichten unser Haus nicht länger betreten darf, muß es dem anderen ebenfalls verboten werden. Ich will kein Gerede wachrufen.«

Der Arzt wußte darauf nichts zu entgegnen. Paula war noch immer gereizt oder gekränkt ... Er verstand das Mädchen nicht.

Erst am dritten Tage fand Harteck sich in dem Hause ein. Er war ein wenig erstaunt, vom Arzte allein empfangen zu werden und fragte, wo Toni wäre. Nach Paulafragte er nicht. Der Arzt antwortete, daß die Mädchen im Garten wären; mit gesenkten Augen und zögernder Stimme fügte er hinzu, wie dankbar er Harteck wäre für seine Güte gegen das Kind, daß er jedoch diese Güte nicht länger mißbrauchen wolle, indem Toni wieder gesund wäre und der Geistliche ohne Zweifel Besseres zu tun hätte, als sich mit einem Kinde zu plagen ... Er wußte selbst nicht, warum es ihm so schwer fiel, diese Rede vorzubringen. Der junge Priester erhob sich und griff nach seinem Hute. Er hatte verstanden; nach den ersten Worten schon: man wünschte hier sein Kommen nicht weiter.

»Ich freue mich, daß die Kleine gesund ist und meiner nicht mehr bedarf,« sagte er. Seine Stimme klang vielleicht ein wenig leiser als sonst, indessen vollkommen ruhig. Der Arzt erhob den Blick zu dem Antlitz des Sprechers. Hartecks Augen schauten ernst in die seinen und seine Lippen umspielte ein eigentümliches Lächeln. Befangen sagte der Arzt: »Wenn ich Ihnen jemals einen Gegendienst erweisen kann ...«

Der Geistliche schüttelte das Haupt.

»Was ich Ihrem Kinde tun konnte, ist von Herzen gern geschehen,« sagte er.

»Aber danken darf ich Ihnen doch?« fragte der Arzt und reichte ihm die Hand. Harteck ergriff sie, schüttelte sie herzlich und ging mit freundlichem Gruße davon. Auf der Treppe angelangt, blickte er zurück. Der Arzt war ihm nicht gefolgt. Er legte die Hand auf das Treppengeländer und ging langsamen Schrittes die Stufen hinab ... Darauf war er nicht vorbereitet gewesen; hatte nichtim Traume daran gedacht. Er tat einen tiefen Atemzug, der wie ein unterdrückter Seufzer klang.

Als er die Straße erreicht hatte und an dem Garten vorbei kam, hemmte er den Schritt und spähte hinein. Toni erblickte er nicht, wohl aber Paula. Sie stand auf dem Kiesweg, mit unterschlagenen Armen, gesenktem Kopfe, zusammengezogenen Brauen; ihre Fußspitze spielte mit den kleinen Steinen, die auf dem Wege lagen, und ihre Zähne zerbissen einen Grashalm. Sie mochte den unverwandten Blick des Priesters fühlen, denn sie erhob plötzlich das Haupt und schaute nach ihm hin. Ein wenig verwirrt lüftete er den Hut und wollte sich entfernen. Sie aber kam rasch auf ihn zu, stützte sich mit beiden Armen auf den Gartenzaun, der sie voneinander trennte, und sah nachdenklich vor sich nieder. Eine Zeitlang sprachen beide nichts. Paula warf den Grashalm weg und riß die welken Blätter von den Zweigen ab, die sich um das Gartengeländer schlangen.

»Ihr Vater hat mir den Abschied gegeben,« sagte Harteck endlich. »Geschah das aufIhrenWunsch?«

Sie machte eine verneinende Kopfbewegung. Er legte leise die Hand auf die des jungen Mädchens.

»Es tut mir sehr leid, daß es so gekommen ist,« sagte er. »Die Zeit, die ich bei Ihnen zubrachte, war für mich die schönste im ganzen Tag. Ich habe mich sehr wohl in Ihrem Hause gefühlt ... Aber Ihr Vater hat recht. Mein Prinzipal sah diesen Umgang mit mißliebigen Augen, und die Welt, die alles falsch und hämisch beurteilt, mag auch daran zu mäkeln gefundenhaben. Fügen wir uns denn dem Gesetze der Notwendigkeit.«

Er griff nach ihrer Hand. »Leben Sie wohl, liebes Fräulein.«

»Kann ich nicht irgend etwas tun, um Ihnen zu beweisen, wie dankbar ich Ihnen bin, ... Tonis wegen?« fragte Paula mit stockender Stimme.

»O ja,« antwortete er. »Sie können sehr viel für mich tun; aber nicht, um mir zu danken, sondern um mir zu zeigen, daß Sie mir eine Freude bereiten wollen, wenn ich Sie darum bitte.«

»Was kann ich denn tun?«

»Singen Sie in der Kirche, so oft ich Hochamt halte ... Wollen Sie mir das versprechen?«

»Ja,« sagte Paula.

»Ich danke Ihnen.« Er beugte sich auf ihre Hand herab, als ob er sie küssen wollte. Vielleicht fiel ihm aber dabei ein, daß sich dies mit seinem Priesterberuf nicht recht vertragen würde; er gab die Hand des Mädchens frei, grüßte und entfernte sich. Paula schaute ihm nicht nach; schweigend stand sie am Geländer, pflückte ein Blatt nach dem anderen ab und ließ sie auf die Erde fallen. Erst als sie sich beim Namen rufen hörte, machte sie eine Bewegung wie jemand, der aus einem Traum emporfährt, strich sich mit der Hand über die Stirn und ging langsam in das Haus hinein.

Ebenso langsamen Schrittes war Harteck zum Pfarrhof zurückgekehrt. Er verfügte sich in den Garten, setzte sich auf seinen Lieblingsplatz, unter den Lindenbaum,faltete die Hände im Schoße und zeichnete mit dem Fuße Figuren in den Sand. Entsagen, wieder entsagen; das alte, wohlbekannte Lied, das er so oft schon hatte singen hören. Daß er sich noch nicht daran gewöhnt hatte, daß er noch immer die Kraft und den Mut besaß, sich neuen Menschen anzuschließen, Pläne zu machen; daß er nicht lang schon jede Hoffnung auf Erfüllung großer und kleiner Wünsche aufgegeben hatte! Er wunderte sich über die Zähigkeit seines Herzens.

Herbst war es geworden. Der traurige November hielt seinen Einzug. Entlaubt standen die Bäume da und auf der Erde lagen die dürren Blätter. Von Zeit zu Zeit erhob sich ein Windstoß, wirbelte die Blätter auf und spielte mit den Haaren des jungen Priesters, der, ungeachtet der frostigen Luft, mit unbedecktem Kopfe dasaß. Er dachte an Paula. Er hatte sich gewöhnt an sie und sie sich an ihn, und nun war wieder alles vorbei und der schöne, harmonische Verkehr hatte ein Ende. Wie sie ihn angesehen hatte, – so ernst und kummervoll, – es tat ihr wie ihm wehe, daß es so gekommen war, – vielleicht bloß seinetwegen. Sie wußte ja, wie einsam er lebte, wie er sich sehnte nach Mitgefühl und Freundschaft; sie wußte, was sie ihm galt, und nun wird Tag um Tag verstreichen und er wird sie nicht sprechen, vielleicht nicht einmal sehen. Ja, dieses schwarze Kleid und die priesterliche Tonsur, – die erforderten schwere Opfer; die hatten ihm schon viel gekostet, – unsäglich viel.

Seit er das Haus des Arztes besuchte, hatte er den Rest von Sympathie, den er im Pfarrhof noch genossen,eingebüßt. Der Dekan sah ihn kaum an, und wenn er in Hartecks Gegenwart den Mund öffnete, geschah es bloß, um ihn zu tadeln oder sich in beißenden Anspielungen zu ergehen. Fräulein Aurelie, die er nur bei den Mahlzeiten sah, saß ihm stets so steif gegenüber, als ob sie ein Lineal verschluckt hätte, rümpfte beständig die Nase, und wenn er es wagte, das Wort an sie zu richten, antwortete sie entweder gar nicht oder in schnippischem, hochmütigem Tone. Der Mönch ging ihm aus dem Wege, und die Geistlichen, die dann und wann zum Besuch kamen, behandelten ihn mit kühler Zurückhaltung. Die Briefe seiner Mutter enthielten ebenfalls nichts als Tadel und Ermahnungen. Er wußte, daß die alte Frau mit jedem seiner Vorgesetzten in Briefwechsel stand und sich genauen Bericht über seine Aufführung erstatten ließ; sie war von allem, was er tat, unterrichtet, kannte sein unglückliches Verhältnis mit jenem Bauernmädchen und kam selbst jetzt noch, wo es doch so lang schon vorüber, manchmal darauf zurück. Er hatte Mutter und Schwester seit zwei Jahren nicht gesehen. Zuzeiten erfaßte ihn eine Art von Verlangen nach einem Wiedersehen, – es war dies eine alte Gewohnheit aus den Kinder- und Jugendtagen. Aber er brauchte sich die Mutter bloß vorzustellen und die Sehnsucht nach ihr schlug in erkältende Furcht um. Sie würde von jenem Mädchen sprechen, an alte, mühsam vergessene Geschichten rühren, mit erbarmungsloser Hand vernarbte Wunden aufreißen ... Sie wußte nichts von Schonung, hatte nie davon gewußt. Besser war es für ihn und sie, wenn Berge zwischen ihnen lagenund sie voneinander trennten. Vielleicht, wenn Mutter oder Schwester ihm geschrieben hätten, daß sie sich nach ihm sehnten, daß er zu ihnen kommen möchte, würde er trotz alledem zu ihnen geeilt sein. Das aber schrieben sie ihm nicht. Die Mutter war unzufrieden mit ihm und der Schwester war er gleichgültig, und so schob er denn den Plan, die Seinen zu besuchen, immer wieder auf. Nach dem jungen Priester, mit dem er sich so innig befreundet hatte, zog es ihn oft mit unwiderstehlicher Gewalt hin. Jedoch eine abergläubische Furcht hielt ihn ab, den Freund zu besuchen. Harteck war bei allen seinen Vorgesetzten schlecht angeschrieben, galt für einen unverwendbaren, nachlässigen Priester, – Gott weiß warum! Er gab sich doch redlich Mühe, seinen Pflichten so gut wie möglich nachzukommen; aber es war, als ob seine Stirn ein Brandmal trüge, als ob er gezeichnet wäre. – Alle betrachteten ihn mit mißtrauischen Augen und wichen vor ihm zurück. Deshalb fürchtete er, daß dem jüngeren Freunde ein Verkehr mit einem solchen Manne in seiner Laufbahn schaden könnte, und das wollte er verhüten. Er hatte über das Mädchen, das mit Liebe an ihm gehangen, schweres Leid gebracht; er wollte an dem einzigen Freunde nicht ähnliches erleben.

So verstrichen denn seine Tage neuerdings in reizloser Monotonie. Dem Herbste folgte der Winter; er brach jählings herein und hielt einen häßlichen Einzug. Ein eisiger Nordwind blies beinahe ununterbrochen; schwere, undurchdringliche Nebelmassen hüllten die Berge ein und über der Erde wölbte sich ein grauer, trüberHimmel. Die Straßen, auf denen halb zerflossener Schnee lag, waren kaum gangbar. Harteck war kein kräftiger Mensch, aber er tat alles, um sich abzuhärten und wagte sich bei jedem Wetter in das Freie. Stundenlang streiften er und sein Hund auf den Straßen umher, Cäsar jagte in großen Sätzen voraus und der Geistliche folgte ihm mit raschen Schritten. Manchmal stand der Herr still, hustete und drückte das Taschentuch an die feuchte Stirn und der Hund sah ihn dann fragend an ... »Komm nur! Mir ist nichts,« sagte dann Harteck gewöhnlich, und sie gingen wieder weiter.

Auf das Hochamt am Sonntag freute sich der Priester von einer Woche zur anderen. Paula hielt Wort. Sie sang an allen Sonn- und Feiertagen, auch wenn nicht an Harteck die Reihe war, die hohe Messe zu zelebrieren; sie wußte, daß er sich trotzdem in der Kirche befand, und vom Chor aus sah sie ihn links vom Altar auf einem Betschemel knieen, vor sich ein Brevier, in dem er selten las. Meistens stellte er die Arme auf die Brüstung und barg das Gesicht in die verschlungenen Finger ... Sie wußte dann, daß er ihrem Gesange lauschte und sich daran erquickte und sie sang mit Begeisterung ... Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der Straße, vor der Kirche oder im Dorfe; dann tauschten sie einen Gruß aus, wechselten im Vorübergehen ein paar Worte miteinander und gingen, ohne jemals den Schritt zu hemmen, ihre Wege. Zu Hause sprach Toni oft von ihrem Religionslehrer, was er gesagt, wen er gelobt, wen getadelt hätte ... Paula hörte ihr schweigend zu und sah diekleine Schwester manchmal von der Seite an: etwas wie Neid lag dann in ihrem Blick. Das törichte Kind sah ihn so oft, sah ihn täglich, hörte ihn sprechen und sprach mit ihm, plauderte harmlos davon und verstand nicht, was der dunkle Blick im Auge der großen Schwester sagen wollte. Äußerlich war Paula beinahe unverändert; nach wie vor erfüllte sie ihre hausmütterlichen Pflichten mit großer Pünktlichkeit; das Haus war so gut bestellt wie ehedem: der Vater und Toni konnten sich über keinerlei Vernachlässigung beklagen. Aber dem schärfer blickenden Manne war stets zumute, als ob ein Schatten zwischen ihm und der Tochter stünde. Ernst war sie immer gewesen; das war eine natürliche Folge ihres Lebens und Charakters; aber sie war nicht mehr so hingebungsvoll, wie sie es einstens gewesen. Eine gewisse Herbheit klang aus allem, was sie sagte; sie war zerstreut, ließ manchmal ihre Handarbeit oder ihr Buch in den Schoß fallen und versank in Nachdenken; dann zogen ihre Brauen sich zusammen und um ihre Lippen trat ein trotziger, schier feindseliger Zug, und wenn der Vater, unbemerkt von ihr, sie längere Zeit beobachtet hatte und sie dann unvermutet ansprach, erschrak sie und schaute ihn an, ... nicht verwirrt oder furchtsam, sondern mit zürnendem Blick, der wohl bedeuten mochte: Laß mich doch träumen! Mißgönnst Du mir sogar dieses karge Glück!? – Er war sich keiner Schuld bewußt; er hatte nur getan, was er für Recht gehalten hatte; im Dorfe war über das häufige Kommen des Priesters geschwatzt worden, er hatte dem Gerede ein Ende setzen wollen, – weiter nichts. Hatte er ahnen können, daßPaula, seine kalte, stolze Tochter, die allen Männern gegenüber schrankenlose Gleichgültigkeit bewiesen hatte, im geheimen schon so sehr an diesem Geistlichen hing? Und wenn er es gewußt hätte: würde es dann nicht um so mehr seine Pflicht gewesen sein, sie aus dieser Gefahr zu erretten? Ungerechtes, verblendetes Mädchen! Er meinte es gut und treu mit ihr und sie – behandelte ihn nicht anders, als ob er ihr schweres Unrecht zugefügt hätte. Wenn sie lieber noch gemurrt, wenn sie Vertrauen gezeigt hätte! Aber sie blieb verschlossen und unzugänglich, wich seinen schüchternen Anfragen eigensinnig aus und machte dadurch eine Verständigung zur Unmöglichkeit. Er ließ sie ungern allein; nicht, weil er für sie gefürchtet hätte: er wußte, daß sie brav war. Aber er fürchtete sich vor ihrer Einsamkeit; sie sollte und durfte nicht grübeln. Oft forderte er sie und Toni auf, ihn auf seinen Fahrten in die umliegenden Dörfer zu begleiten, und sie saßen dann beisammen in dem kleinen Wagen, auf dem breiten Ledersitz, Toni durfte manchmal das Pferd lenken und lachte fröhlich ... Das Kind war die einzig Glückliche von den dreien. Paula achtete nicht wie sonst auf die Kleine, sondern spähte angestrengt umher, als ob sie jemanden zu erblicken wünschte ... Wenn sich von weitem eine schwarzgekleidete Gestalt zeigte, erblaßte sie, zog den Hut ins Gesicht und drückte sich fest an die kleine Schwester. Aber demjenigen, den sie zu sehen hoffte oder fürchtete, begegnete sie auf ihren Fahrten niemals.

Manchmal besuchten sie auch das naheliegende Städtchen; dort wurden im Winter allerhand Lustbarkeiten veranstaltet,Konzerte, Theatervorstellungen, Tanzunterhaltungen. Der Arzt war mit der Gesellschaft dort gut bekannt und er drang darauf, daß jeder Einladung, die ihm aus dem Städtchen zukam, Folge geleistet werde. Paula hatte weder etwas dafür noch dagegen. Sie begleitete den Vater, beteiligte sich an allem, und wenn der Arzt sie beim Nachhausefahren fragte, wie sie sich unterhalten hätte, antwortete sie gewöhnlich: »Es war sehr hübsch, ich habe mich gut unterhalten.« Bei Gott! er würde vorgezogen haben, wenn sie gesagt hätte: »Vater, ich möchte viel lieber mit Dir zu Hause bleiben und mich an Deinem Herzen ausweinen,« anstatt jene kalte, immer gleichlautende Antwort von ihren Lippen zu vernehmen.

Daß ein Dorf so klein ist! Daß keines dem andern entfliehen kann! Daß ewig eines vom anderen hören muß! Wie ist es da möglich, zu vergessen!? In seinen mutlosesten Augenblicken war der Arzt oft nahe daran, zum Dekan zu gehen und ihn zu bitten, die Versetzung dieses – Menschen zu erwirken ... Aber das hieße ja die Tochter bloßstellen, ihren Ruf unwiederbringlich untergraben. Nein, das konnte er nicht tun. Er mußte diesem stummen, im verborgenen wühlenden Unheil schweigend zusehen, mußte tatlos zusehen, wie es immer weitere Kreise zog und das Glück seines Hauses langsam untergrub.

Weihnachten stand vor der Tür. Endlich war echte Winterkälte eingetreten und überall glitzerte fester Schnee, auf den Bergen, den Bäumen, den Dächern. Nachmittags, wenn die blasse Dezembersonne ihre kühlen Strahlen zur Erde sandte, ging Paula mit Toni ins Freie. Sie verließen das Dorf und schlenderten die Heerstraße entlang, und Toni, die Wangen von der Kälte gerötet, formte Schneeballen und bewarf damit die Bäume. Einmal bat sie die Schwester, einen Schneemann bilden zu dürfen, und Paula ließ dem Kinde die Freude, setzte sich auf einen Steinhaufen und schaute zu, wie Toni emsig Schnee zusammentrug und mit den kleinen, von der Kälte roten Händen einen Schneemann zu kneten begann. Plötzlich unterbrach sich das Kind, einen leisen Schrei ausstoßend, in seiner Arbeit; ein großer, schwarzer Hund hatte sich von hinten der Kleinen genähert und war an sie angerannt. Seine Schnauze wühlte im Schnee.

»Cäsar!« rief Toni, ihn erkennend, »Cäsar!« und wollte den Hund liebkosen. Paula aber riß sie mit heftiger Gebärde an sich. »Sei still!« raunte sie ihr zu undspähte dabei unruhigen Blickes umher. Wohin sich verbergen? An eine Flucht war nicht zu denken; nirgends ein Baum, ein Haus, eine Hecke, bloß die kahle, weit übersehbare Landstraße. Der Mann, der in geraumer Entfernung dem Hunde folgte, mußte, wenn er das Haupt erhob, sie beide erblicken. Aber einstweilen hielt er den Kopf gesenkt und schien in Gedanken verloren: vielleicht, daß er, ohne sie zu bemerken, an ihnen vorbeigehen würde ... Nur mußte das Kind sich ganz ruhig verhalten. Paula zog die kleine Schwester eng an sich. »Sei recht still!« gebot sie noch einmal. Sie atmete rasch, ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf ... Die schwarze Gestalt kam näher und näher. Jetzt hob der Geistliche den Kopf in die Höhe und pfiff dem Hunde ... Hatte er sie gesehen? ... Er mußte wohl; Paula sah starren Blickes vor sich hin; der gefürchtete und ersehnte Augenblick war gekommen. »Guten Tag,« sprach eine wohlbekannte Stimme, das junge Mädchen schlug die Augen auf und sah Georg Harteck vor sich stehen.

»Sie werden sich erkälten, wenn Sie so ruhig dasitzen,« sagte er. »Sie sind ganz blaß.«

Paula blieb stumm. Ihre Blässe rührte nicht von der Kälte her, – das wußte sie. Er schien auf Antwort zu warten, und da keine erfolgte, machte er Miene, seinen Weg fortzusetzen.

»Wohin gehen Sie?« fragte Paula mit Anstrengung.

»Ich habe kein eigentliches Ziel ... Komm her zu mir, Cäsar!« sagte er zu dem Hunde, der die Kleider der Mädchen beroch.

»Ach, lassen Sie ihn!« bat Toni und faßte das Tier am Halsband. »Er beißt doch nicht?«

»O nein. Wenn Du ihn glücklich machen willst, dann laß ihn Steine apportieren. Das ist seine Passion.«

Toni las einen Stein auf und schleuderte ihn so weit sie konnte. Der Hund stieß ein freudiges Gebell aus, rannte dem Steine nach, brachte ihn zurück und legte ihn vor Tonis Füße. Dann stellte er sich erwartungsvoll vor das Kind hin, scharrte mit den Hinterpfoten und bellte abermals. Toni verstand ihn und lief, den Stein hoch in die Luft haltend, davon; der Hund folgte ihr mit großen Sprüngen.

Paula und Harteck blickten den beiden eine Weile nach.

»Wie geht es Ihnen?« fragte der Priester endlich. »Wir sehen einander so selten.«

»Sehr selten. Mir geht es gut. Und Ihnen? Sie husten, wie ich höre.«

»Das hat nichts zu bedeuten. In der rauhen Jahreszeit huste ich immer.«

Sie schaute rasch zu ihm auf. »Und ängstigt Sie das nicht?«

»Weshalb? Ich bin daran gewöhnt.«

Paula blickte wieder zur Erde. »Sind Sie schwach auf der Brust?« fragte sie.

»Aus Ihnen spricht die Tochter des Arztes,« entgegnete er lachend. »Ich habe allerdings empfindliche Lungen. Das ist ein Erbteil meines Vaters.«

»Ist Ihr Vater schon lange tot?«

»Seit zwanzig Jahren.«

»War er ein guter Mann? Hatten Sie ihn lieb?«

»Ich glaube, daß er ein gutmütiger Mensch war, ... wenigstens ließ er jedermann seinen eigenen Weg wandeln.«

»Das ist viel ... Wenige Eltern können sich entschließen, ihren Kindern volle Freiheit zu gewähren, und wenn ich etwas verabscheue, dann ist es jede Art von Tyrannei. Hier, in unserem Dorfe, begegnet man ihr häufig ... Eltern zwingen ihre Töchter zu einer ihnen passend scheinenden Ehe und ziehen dabei das Glück der Kinder nicht im entferntesten in Betracht, ... das ist Nebensache. Wenn nur der Bräutigam die nötigen Äcker und Wiesen besitzt! ... Das ist doch ein Verbrechen, ... oder nicht?«

»Mindestens ist es eine Vermessenheit, das Schicksal anderer spielen zu wollen. Wie aber denken Sie von den Menschen, die solchem Zwange gehorchen? Die gelten in Ihren Augen wohl für Feiglinge?« – Er hatte ganz ruhig gesprochen, ... dennoch fühlte Paula, daß diese Frage nicht allgemein, daß sie persönlich gemeint war.

»Das kommt auf die Umstände an,« erwiderte sie langsam und stand auf. »Mir ist kalt. Ich will mit Toni nach Hause gehen.«

»Ach! Bleiben Sie noch!« bat er sie zurückhaltend. »Sehen Sie, wie Ihr Schwesterchen sich vergnügt!«

Sie sagte weder Ja noch Nein auf seine Aufforderung, aber sie blieb. Sie blieb ja so gern bei ihm, hätte ihn so gern vieles gefragt und ihm mancherlei gesagt, ... aber ihr Vater, die Leute ... Wie ein Liebespaar, das ein Stelldichein verabredet hat, standen sie nebeneinander ...Wenn jemand sie so sähe! Sie drückte den Muff an Kinn und Mund und blickte starr auf den Schnee.

»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Priester. »Ihre Blässe beunruhigt mich. Ich fürchte, daß Sie sich erkältet haben.«

Sie schüttelte den Kopf, fügte sich jedoch seinem Vorschlag. Langsam wandelten sie die Straße auf und nieder.

»Ich bin immer gesund,« bemerkte Paula. »Vater hat uns frühe an Abhärtungen aller Art gewöhnt.«

»Ihr Vater scheint ein vortrefflicher Mann zu sein,« sagte Harteck.

»Ja, das ist er; wie geschaffen zu dem Berufe, den er sich erwählt hat. Wenn ich ein Mann wäre, möchte ich Arzt sein oder Priester ... Diese beiden haben den edelsten und aufopferungsvollsten Beruf auf Erden.«

Harteck ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte nichts. Paula hingegen fuhr mit bewegter Stimme fort: »Wenn ich in der Kirche bin, ergreift es mich oft wunderbar. Unser Kult ist so schön, so reich, schmeichelt allen Sinnen und spricht zum Herzen ... Ich meine, daß der ungläubigste Mensch erschüttert werden müßte, wenn er einem feierlichen katholischen Gottesdienste beiwohnte. Am Altar zu stehen, hinter sich die andachtsvolle Menge, dazu das Orgelspiel, der Gesang auf dem Chor und der Weihrauchduft: katholischer Priester zu sein ist eine hohe und herrliche Aufgabe. Die ganze Gemeinde ist seine Familie, er kann bessern, veredeln, aufrichten, wenn er seinen Beruf mit dem Herzen ausübt, ... er kann unsäglich viel Gutes tun in seinem Dorfe, ... und dieser Gedankemuß beruhigend und beglückend wirken, muß über vieles hinweghelfen ...«

Noch immer blieb Harteck stumm. Weshalb sagte sie ihm das, ihm, einem Priester? Wollte sie ihn trösten, ihn versöhnen mit dem Lose, das ihm zugefallen war? Gutes Mädchen! Das alles hatte er sich schon tausende Male vorgesagt, ohne daß es je ein Echo gefunden hätte in seinem Herzen.

»Warum sind Sie nicht meine Schwester!« sagte er plötzlich, – fast unwillkürlich.

»Ich würde mich wenigstens bemühen, Ihnen etwas zu sein,« antwortete Paula mit dumpfer Stimme. »Wir würden uns gut vertragen, ... Sie, Vater, Toni und ich« ... Sie brach ab und wendete das Haupt zur Seite. Der Priester biß sich in die Lippe, um den Seufzer, der sich seinem Herzen abrang, zurückzudrängen. Beide konnten eine Weile kein Wort hervorbringen. Endlich fragte Harteck mit erzwungener Fassung: »Haben Sie schon Vorbereitungen für Weihnachten getroffen?«

»Ja. Die Geschenke für Vater und Toni liegen bereit. Werden Sie die Feiertage hier oder bei den Ihren verleben?«

»Ich bleibe hier. Zu Weihnachten gibt es in der Kirche viel zu tun, da kann ich mich nicht entfernen. Aber ich werde an meine Leute kleine Geschenke senden, um sie an mich zu erinnern.«

»Beschenkt man Sie ebenfalls?«

»Ja. An solchen äußerlichen Aufmerksamkeiten läßt es meine Familie niemals fehlen.«

»Daß Ihre Mutter und Schwester Sie nicht abgöttisch lieben, begreife ich nicht,« sagte Paula und eine dunkle Röte flammte in ihren Wangen auf. »Sie sind ja so gut.«

»Ich weiß nicht, ob ich gut bin,« entgegnete er, das Mädchen betrachtend, das die Erregung seltsam verschönte. »Nicht jedermann beurteilt mich so nachsichtig, wie Sie es tun.«

Sie errötete noch tiefer und senkte vor seinem Blick die Augen. Er schaute sie noch immer an.

»Es ist spät,« sagte Paula hastig. »Wir müssen fort, ... wahrhaftig ... Toni, komm!«

»Gleich!« antwortete das Kind aus der Ferne.

»Bevor ich gehe, habe ich Ihnen noch etwas zu sagen, Sie um etwas zu bitten,« sprach Paula rasch und leise.

»Und das wäre?«

»Aber Sie dürfen mich nicht mißverstehen, dürfen nicht böse werden ...«

»Wie könnte ich? Es macht mich ja glücklich, wenn Sie irgendeinen Dienst von mir verlangen.«

Paula holte schwer Atem und sagte mühsam: »Geloben Sie mir, daß Sie mich kein zweites Mal ansprechen werden, wenn wir einander auf der Straße begegnen sollten, ... es geht doch nicht an, ... mein Vater will es nicht haben.«

In seinen Zügen prägte sich peinliche Enttäuschung aus; aber ohne ein Wort zu erwidern, neigte er das Haupt. Paula faßte Toni, die herzugelaufen war, an der Hand, nickte dem Priester einen stummen Gruß zu, und sie und das Kind entfernten sich mit eiligen Schritten. Paulaging so rasch, daß Toni Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie zupfte die Schwester am Kleide.

»Warum sind wir nicht länger geblieben, Paula?«

»Weil mir kalt war. Schau nicht zurück und komm! Der fremde Hund geht Dich nichts an.«

Eingeschüchtert trippelte das Kind neben der großen Schwester einher. In so strengem Tone hatte Paula noch niemals zu ihm gesprochen. »Bist Du böse?« fragte es kleinlaut.

»Nein. Aber laß mich jetzt in Ruhe.«

Sie langten im Dorfe an und kamen an dem Pfarrhof vorbei. Fräulein Aurelie stand hinter einem der Fenster und sah hämischen Blickes auf das Schwesternpaar herab. »Sie kommen aus derselben Richtung, die der ehrenwerte Herr Kooperator genommen hat,« dachte Aurelie. »Hm! ... Wir wollen einmal abwarten, ob dieser Herr ihnen nicht in Bälde folgen wird ...«

Ihre Vermutung bestätigte sich. Nach kaum einer Viertelstunde traf Harteck im Pfarrhof ein. Aurelie nickte befriedigt und begab sich schnurstracks zu ihrem Oheim.

»Ich habe mit Dir zu sprechen, Onkelchen,« sagte sie mit geheimnisvoller Miene.

»Was gibt es denn?« fragte der Dekan. Seit einiger Zeit hatte seine Stimmung umgeschlagen. Die Bauern krochen zu Kreuze. Die Kirche war an jedem Sonn- und Feiertag überfüllt, die Wallfahrten zahlreich besucht und dem Opferstock flossen reichliche Gaben zu. Diese »Kerle« wollten eine Versöhnung herbeiführen. Der Herr Dekan spielte zwar äußerlich noch den Beleidigten, im Innernaber dachte er schon friedlicher: er hatte die Absicht, demnächst eine ernste, ermahnende und gleichzeitig milde Predigt zu halten.

»Ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht,« sprach Aurelie weiter. »Ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich die Behauptung aufstelle, daß Dein Kooperator und Fräulein Paula Reinberg in zärtlichen Beziehungen zueinander stehen. Soeben haben sie auf der Heerstraße ein Rendezvous gehabt.«

Der Dekan zog die Augenbrauen in die Höhe; seine feisten Wangen wackelten.

»Bist Du dessen gewiß?« fragte er.

»So gewiß wie meiner selbst. Das ist doch eine Schande und eine Schmach!«

»Wenn es so ist, wie Du sagst, müßte ich allerdings ein ernstes Wort mit diesem Herrn sprechen. Aber in solchen Dingen heißt es vorsichtig sein.«

Das Fräulein nickte. Sie hatte die Absicht gehabt, im Herbst nach Wien zurückzukehren, ihren Entschluß jedoch geändert. Auf dem Lande war es so still und angenehm, kein Kindergeschrei, keine Stiefmutter, die ein schiefes Gesicht zieht, wenn man, anstatt zu arbeiten, einen Roman liest ... Außerdem verlangte die Familie nicht nach ihr. In jedem Briefe hieß es: Bleib noch auf dem Lande, die Luft wird Dir gut tun ... Nun! Sie sollten ihren Willen haben. Der Oheim ließ ihr völlige Freiheit, sie verbrachte den Tag in süßem Nichtstun, aß vortrefflich und niemand störte sie; sie durfte auch spionieren und kleine Kabalen anzetteln ... Das lag zwar nicht in ihrer Natur und siewürde es sicherlich unterlassen haben, wenn Georg Harteck weniger geschmacklos gewesen wäre. Sie würde ihn – sollte man's glauben? – mit ihrer Freundschaft beglückt, ihn auf seinen Spaziergängen begleitet und ihn durch ihr großstädtisches Geplauder amüsiert haben, – alles in Anstand und Ehren, natürlich! Aber er hatte nicht gewollt. Dieser Narr! Dieser Geck! Sie würde ihm zu Weihnachten eine eigenhändig verfertigte Stickerei überreicht haben, ... aber so, wie die Dinge standen, war die Stickerei unvollendet geblieben. »Wahrhaftig! Dieser Mensch ist sein eigener Feind!« dachte das Fräulein, das alles überlegend.

»Was wirst Du in dieser Angelegenheit tun, Onkel?« fragte sie scheinbar gleichgültig.

»Das weiß ich noch nicht.« Er ging zur Tür hin und öffnete sie. »Heda! Uschei!« rief er laut.

»Was gibt's?« scholl es von unten herauf.

»Ist der Pater zu Hause?«

»Ja.«

»Ich lasse ihn bitten, zu mir zu kommen.«

Er schloß die Tür und kehrte zu seiner Nichte zurück.

Eine Minute später trat nach schüchternem Anklopfen der junge Mönch ein. Er schien von der Anwesenheit des Fräuleins nicht sonderlich entzückt, indessen faßte er sich schnell und fragte, was dem gnädigen Herrn zu Diensten stehe.

»Das sollen Sie sogleich erfahren.« Der Dekan stellte sich, die Hände auf dem Rücken gefaltet, vor den Mönch hin und fixierte ihn mit scharfen Blicken. »Ich glaube, daß Sie mir aufrichtig ergeben sind.« (Der Pater verneigtesich stumm.) »Oft schon habe ich mit Ihnen über den Kooperator Harteck gesprochen und Sie wissen, daß ich sehr unzufrieden mit ihm bin. Alles an ihm ist Grimasse. Er trägt das geistliche Kleid, aber seine Gedanken weilen draußen bei der Welt und ihren Verlockungen, bei den Weibern.« (Aurelie räusperte sich, der Mönch schlug die Augen nieder.) »Ein schöner Mithelfer ist mir da gegeben worden!« fuhr der Dekan fort. »Ebenso gut hätte man mir einen Holzklotz schicken können, ... der würde mir dieselben Dienste leisten. Seine scheinbare Unterwürfigkeit täuscht mich nicht. Ich weiß ja doch, daß er mir im geheimen widerspricht und alles, was ich tue, anders machen möchte ... O! ich kenne diesen Herrn. Keiner seiner Pfarrherren mochte ihn leiden, alle waren froh, ihn los zu werden. Leute, die uns kritisieren und nicht unbedingtfüruns sind, die bloß aus Zwang gehorchen, taugen nicht für uns. Wir brauchen tätige Menschen, die, aus welchem Grunde immer, für unsere Sache ins Feuer gehen würden, ... nicht aber so teilnahmlose Lappen. Meine Geduld ist erschöpft. Ich habe diesen Herrn satt bekommen. Priester seines Schlages müssen unschädlich gemacht werden, müssen im Dunkel verschwinden. Wie man mir schreibt, liegt der Herr Vikar von Keßten hoffnungslos krank danieder. Das Vikariat in Keßten ist armselig und, so zu sagen, außerhalb der Welt gelegen ... Dort wäre Herr Harteck an seinem Platze. Der Sprengel ist klein und wird von lauter armen, stumpfsinnigen Bauern bewohnt ... Die Geistlichen, die dorthin versetzt werden, versumpfen mit der Zeit. Ich werdedieser Tage nach Salzburg reisen und dort den Vorschlag machen, Herrn Harteck nach Keßten zu schicken, falls der Vikar sterben sollte. Man versetzt solche Priester an einen der Welt entrückten Ort und dann mag sie der Kuckuck holen. Ihre Laufbahn ist damit zu Ende und sie mögen zusehen, wie sie mit dem Leben fertig werden. – Was sagen Sie zu meinem Plane?«

»Ich kann ihn nur gutheißen,« antwortete der Mönch.

»Das freut mich, denn ich möchte nicht ungerecht sein ... Ist es wahr, daß zwischen Herrn Harteck und der Tochter unseres Arztes ein Liebesverhältnis besteht?«

Der Mönch blickte überrascht auf. »Wer sagt das?«

»Nun, ... man spricht so. Haben Sie davon gehört?«

»Nein, gnädiger Herr; niemals noch.«

»Hm! ... Kümmern Sie sich ein wenig um die Sache, ... wie?«

»Gnädiger Herr, spionieren ...«

Aurelie warf dem Sprecher einen gehässigen Blick zu. Der Dekan runzelte die Stirn.

»Wer spricht von spionieren?« sagte er. »Sie wissen nicht, was Sie reden. Sie sollen die Augen offen halten, ... anderes verlangt man doch nicht von Ihnen.«

Schweigend verbeugte sich der Mönch. In seinem unschuldigen jungen Gesicht drückte sich augenscheinliche Verwirrung aus.

»Ich beauftrage Sie also,« fuhr der Dekan fort, brach jedoch ab. Es war an die Tür geklopft worden.

»Herein!« sagte er ärgerlich. Ein gewisses Unbehagen bemächtigte sich aller, als auf die Aufforderung derjenigeeintrat, über dessen Schicksal sie soeben zu Gericht gesessen hatten.

»Was wollen Sie?« herrschte der Dekan den Ahnungslosen an. Nichts Besonderes wollte er; er war nur gekommen, um mit dem Dekan über irgendeine kirchliche Angelegenheit zu sprechen. Alle wichen seinen Blicken aus.

»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich gestört habe,« sagte Harteck, über den sonderbaren Empfang befremdet.

»Sie stören durchaus nicht,« versetzte der Dekan, der sich bereits gefaßt hatte. »Geh in Dein Zimmer, Aurelie, und Sie, Pater Benediktus, vergessen den Auftrag nicht, den ich Ihnen soeben erteilt habe.«

»Ich werde ihn nicht vergessen,« antwortete der Mönch, bis über die Schläfen errötend, verbeugte sich ungeschickt und folgte dem Fräulein, das mit steifem Kopfnicken und zusammengekniffenen Lippen aus der Stube ging.

Harteck sagte nun, was er zu sagen hatte; er war bald zu Ende. Während er sprach, sah ihn der Dekan von der Seite an und schnupfte mehrere Male. Das bleiche, edle, etwas leidende Gesicht des jungen Priesters flößte ihm nicht das geringste Mitleid ein. Er hielt Hartecks verschüchterten Blick aus, ohne mit den Wimpern zu zucken, und als er ihn entließ und der junge Geistliche sich mit einer Verbeugung zurückzog, setzte sich der Dekan an das Pult und wiederholte im Geiste die Worte: »Ich werde demnächst nach Salzburg reisen und diese Sache in Ordnung bringen.«

Das schönste Fest der Christen, Weihnachten, kam. Harteck brachte den heiligen Abend auf dem Bette liegend zu. Er fühlte sich recht unwohl und sein körperliches Mißbefinden wurde durch den an hohen Feiertagen üblichen strengen Kirchendienst noch gesteigert. Die Seinen hatten ihm Geschenke und Briefe geschickt und das Schreiben seiner Mutter fing mit den Worten an: »Ich bete zu Gott, dem Allmächtigen, daß Du das neue Jahr mit besseren Vorsätzen beginnen möchtest als das alte ...« Er hatte den Brief kaum zu Ende gelesen. Uschei schlug die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte sehr, als sie hörte, daß er den heiligen Abend in seinem Zimmer zubringen wollte: am Weihnachtabend werde so gut gegessen und getrunken und wäre alle Welt so fröhlich ... Er tröstete das Mädchen. Ihm liege am Essen und Trinken nicht viel und er wäre ganz gern allein.

»Wirklich?« fragte sie ungläubig. »I' tät' dem Herrn gern oa bissal G'sellschaft leisten, ... aber beim Bärenwirt unten warten's auf mich.«

»Wer? Vielleicht Ihr Schatz?«

Sie wurde sehr rot und spielte mit den Zipfeln ihrer Schürze. »Ja, ... der jüngere Sohn vom Bärenwirt sieht mich halt gern, ... i bin jung und er is a jung ... Es is ja koa Sünd' net, wenn zwoa junge Leut' sich gern haben.«

»Nein, das ist keine Sünde,« sagte er, das Gesicht abwendend. »Gehen Sie nur und seien Sie recht vergnügt.«

Sie schaute ihn an, gutherzig und mitleidig zugleich. Beim Lampenschein sah er in seinem schwarzen Kleid so bleich und traurig aus ... »Bischt ja dächt' a jung und därfst koa Diandl gern haben!« dachte sie. »Herrgott! muß dös z'wider[9]sein!«

»Lassen Sie's gut sein, Hochwürden,« sagte sie dann. »Sie wer'n scho' wieder g'sund wer'n und dann kimmt der Fasching und da geht's lusti her ...«

»Ich tanze ja nicht,« warf er lächelnd ein.

»Aber zuschau'n kinnen's ... und unsere Leut' machen Musik, ... da wern's oa bissal Kurzweil haben.«

»Freilich,« sagte er still.

»Net oamal tanzen!« dachte Uschei, als sie ihn verließ. »Noa! und wenn i zehn Buam hätt', ... Geistlich dürft mir koaner wer'n.«

Allein gelassen, drückte Harteck das Gesicht in das Kopfkissen und seufzte schwer. Es sah und hörte ihn ja niemand, er brauchte nicht Komödie zu spielen ... Cäsar war verschwiegen und würde nicht ausplaudern, daß erseinen Herrn schwach gesehen. Der Hund stellte sich zwar an dem Bette auf, beschnupperte das Haar des jungen Priesters und stieß ein heiseres Bellen aus ... Harteck richtete sich in die Höhe und liebkoste das Tier.

»Du hast recht!« sagte er. »Wir wollen stark sein. – Was gibt es denn?«

Cäsar hatte die Ohren gespitzt. An die Tür des Nebenzimmers war gepocht worden. Harteck erhob sich und ging öffnen. Der junge Mönch stand auf der Schwelle.

»Treten Sie ein,« sagte Harteck. »Was führt Sie zu mir?«

Benediktus gehorchte der Aufforderung und setzte sich auf den Stuhl, den Harteck ihm anbot. Der Priester blieb stehen. Aufmerksam betrachtete der Mönch seine zerdrückten Kleider, sein verwirrtes Haar und seine leicht geröteten Augenlider.

»Wollen Sie nicht hinunterkommen zum Herrn Dekan?« fragte er. »Das Essen ist aufgetragen.«

»Ich danke Ihnen herzlich, ... aber ich kann wirklich nicht, ... mir ist sehr unwohl.«

»Was fehlt Ihnen?«

»Ich habe mich erkältet, ... in der Kirche, glaube ich.«

Der Pater zog die Stirn kraus.

»Warum gerade in der Kirche?« versetzte er. »Dort gewiß nicht, ... weit eher auf Ihren – entschuldigen Sie – unsinnigen Spaziergängen. Sie sind nicht kräftig. Wer zwingt Sie, bei jedem Wetter auszugehen?«

»Niemand. Sie haben recht. Ich werde künftighin zu Hause bleiben.«

»Trachten Sie, bis zum Silvesterabend gesund zu werden,« sagte der Mönch nach einer Pause. »An diesem Abend wird im Gasthause zur Post ein großes Fest veranstaltet, ... sie nennen es ein Konzert; die Einnahme – denn es wird Entréegeld gefordert – soll zum Besten der Kirche verwendet werden, ... sie bedarf, wie Sie wissen, einer teilweisen Restaurierung. Der Schullehrer, der der Vorstand des hiesigen Musikvereines ist, soll sich dagegen gesträubt haben, ... aber die Bauern wollen dieses Fest durchaus veranstalten, um den gnädigen Herrn halbwegs zu versöhnen, und so hat der freigeistige Herr Schullehrer nachgeben müssen. Der Herr Dekan hat sein Erscheinen bereits huldvollst in Aussicht gestellt und es wird ihm jedenfalls lieb sein, wenn Sie ihn begleiten.«

»Werden Sie ebenfalls hinkommen?«

»Ich? O nein! Für mich existieren solche Dinge nicht.«

Diesen Worten folgte eine kurze Stille.

»Sie wollen also wirklich hierbleiben?« fragte der Mönch dann und stand auf.

»Ich werde mich zu Bett legen. Entschuldigen Sie mich freundlichst bei dem Herrn Dekan und dem gnädigen Fräulein ... Ich fühle mich so elend, daß ich ein trauriger Gesellschafter wäre und nur stören würde.«

»Dann wünsche ich Ihnen Besserung und Schlaf.«

»Gute Nacht, und seien Sie vielmals bedankt dafür, daß Sie sich zu mir bemüht haben,« sagte Harteck und reichte ihm die Hand hin.

»Ist gern geschehen,« sagte der Mönch, berührte flüchtig seine Hand und ging. –

Der Silvesterabend kam. In den leidlich geräumigen Zimmern des Gasthauses zur »Post« herrschte reges Leben und Treiben. Die Mehrzahl der Gäste hatte sich bereits eingefunden und der kleine Musikverein, bestehend aus neun Mann, mit dem Schullehrer an der Spitze, begann schon zu stimmen. Die Zimmer waren mit Tannenzweigen geschmückt, kunterbunt saß das Bauernvolk, alle im Sonntagsstaat, durcheinander. An einer langen Tafel, die in der Mitte des Saales stand, hatten die Honoratioren des Ortes und die vornehmeren Gäste aus der Umgebung Platz genommen; viele Herren aus dem Nachbarstädtchen waren gekommen, teils allein, teils mit ihren Familien. An diesem Tische saß auch Paula, zwischen zwei jungen Bahnbeamten, die sich bemühten, ihr angenehm zu sein. Toni, in einem weißen Kleidchen und mit leicht gewelltem Haar, saß neben ihrem Vater und sah kindlich erregt aus. Ein einziger Tisch war noch unbesetzt; der war für die »Herren« bestimmt. Der Herr Dekan ließ auf sich warten, und bevor er eingetroffen, durften die Produktionen nicht beginnen. Das Publikum war laut und lustig. Jetzt schon wurde viel getrunken und geraucht. Die Kellnerinnen rannten mit brennenden Wangen hin und her, ein ewiges Schreien nach Bier und Wein erscholl von allen Tischen und mancher Bauer klopfte mit seinem Taschenmesser ungeduldig an das geleerte Glas ... Da entstand plötzlich tiefe Stille. Der Herr Dekan war eingetreten. Alle Anwesenden erhoben sich von ihren Sitzen. Der gnädige Herr führte Fräulein Aurelie am Arm, die, eine Lorgnette vor den Augen, herablassend grüßendan den Tischen vorbeischritt. Den beiden folgten Harteck und mehrere Geistliche aus den Nachbarorten und endlich Wirt und Wirtin. Der Dekan nahm auf dem Ehrenfauteuil Platz, rechts von ihm setzte sich das Fräulein und ihr zur Seite ließ sich Harteck nieder. Die übrigen Herren setzten sich ebenfalls und sagten den Wirtsleuten ein paar verbindliche Reden über die geschmackvolle Dekorierung des Saales; einer der Geistlichen bot dem Wirt sogar eine Prise an, die dieser annahm und sogleich heftig nieste. Die Unterhaltung begann hierauf aufs neue, wenn auch in stillerer Art. Fräulein Aurelie, die in ihrem blaß lilafarbenen Seidenkleid magerer denn je aussah, lehnte sich zurück, fächelte sich Kühlung zu und tat sehr geziert.

»Hier ist es zum Ersticken heiß,« lispelte sie. »Ich bin begierig, was für komisches Zeug zur Aufführung gelangen wird.«

»Sie dürfen eben keine hohen Ansprüche stellen, gnädiges Fräulein,« sagte Harteck zerstreut und blickte nach der Tafel in der Mitte. Paula kehrte ihm den Rücken zu; wenn sie den Kopf einem ihrer Nachbarn zuwendete, war ihm vergönnt, ihr reines Profil zu sehen. Sie trug ein schwarzes, mit Spitzen besetztes Kaschmirkleid, das ihre blasse Gesichtsfarbe prächtig hob; ihr Haar war zu einem einfachen Knoten verschlungen und die Scheitel an der Stirn bedeckten halb die kleinen Ohren. Der junge Priester sah lang nach ihr hin; sehnsüchtig glitt sein Auge über ihre sanft abfallenden Schultern, den fein gebogenen Nacken, die kleinen Locken am Halse, das dunkleHaar, und er konnte nicht umhin, die beiden jungen Herren zu beneiden, die ihr zur Seite sitzen, mit ihr sprechen, ihre Stimme hören durften ... Diese Glücklichen! Er wendete den Blick von dem Mädchen ab und starrte trübselig vor sich nieder.

Die musikalischen Produktionen begannen. Der Schullehrer, in einem altmodischen Frack, schlug aufgeregt den Takt. Allerdings hieß es bei diesem »Kunstgenuß« mehr mit dem guten Willen der Künstler vorlieb nehmen; und die wenig verwöhnten Bauern waren von den LeistungenihresMusikvereins entzückt und klatschten lauten Beifall. Fräulein Aurelie fuhr nicht selten nervös zusammen, machte sogar Miene, sich die Ohren zuzuhalten ... Sie amüsierte sich nicht. An ihrem Tische ging es viel stiller zu als an den übrigen. Ihr Oheim war schweigsam, die fremden Geistlichen sprachen untereinander und ihr Nachbar tat den Mund nicht auf; an den Nebentischen hingegen wurde gelacht, gescherzt, in derber Weise der Hof gemacht. Darüber ärgerte sich Aurelie. Verdrießlichen Gesichtes saß sie da, klappte den Fächer auf und zu und gähnte absichtlich ... Dann fing sie an, sich in Klagen zu ergehen: es sollte nicht erlaubt sein zu rauchen, ... kaum Atem holen könne man in dieser Atmosphäre; die Leute lärmten zu viel und die Produktionen wären abscheulich, ohrenzerreißend; wenn man an Wiener Konzerte gewöhnt wäre, erscheine einem solche Musik barbarisch, ... und in dieser Weise ging es fort.

»Wien ist eben Wien und ein Dorf ein Dorf,« sagte Harteck, dem endlich die Geduld riß.

»Wirklich?« entgegnete das Fräulein höhnisch. »Ichdanke für die gütige Aufklärung. Das hatte ich bis jetzt nicht gewußt.«

Harteck ließ diese Rede ohne Antwort. Er hatte keine Lust zu streiten, und überdies bemerkte er, daß Paula sich, wie suchend, umwendete. Er vergaß, daß es auf dieser Welt eine Aurelie gab und blickte unverwandt nach dem jungen Mädchen hin ... Wen suchte sie? Vielleicht – ihn? Am lauten Pochen seines Herzens fühlte er, wie lebhaft er das wünschte, wie sehr er geizte nach einem einzigen Blick ihrer schönen Augen ... O diese großen Augen mit dem noch größeren Blick! Sie suchten und fanden ihn und schauten ihn an, so sanft und bittend, als wenn sie sagen wollten: »Warum sind Sie so traurig? Im Geiste bin ich ja doch bei Ihnen, bei Ihnen allein ...« Dieser einzige Blick tröstete ihn wundersam. Er wurde heiterer und gab sich fortan Mühe, seine verdrießliche Nachbarin zu unterhalten. Paula sollte ihn nicht traurig wähnen.

Die Produktionen zogen sich in die Länge. Gesang, Zither- und Flötenspiel wechselten mit den Vorträgen der kleinen Kapelle ab. Dem jungen Dirigenten standen helle Schweißtropfen auf der Stirn, sein langes Haar war feucht und aus seinen Augen leuchtete stolze Befriedigung ... Laut und lauter wurde die Unterhaltung; eine gewisse weinselig-übermütige Stimmung fing an, sich kundzugeben. »Oan Tanz aufspielen!« rief eine heisere Stimme aus einer Ecke; sie wurde niedergezischt, aber der hübsche Bauernbursche, der das Wort gesprochen, versteckte den Kopf unter dem Tische und schrie noch lauter: »Oan Tanz aufspielen,ös[10]Sappermenter! Im Winter wollen mir[11]tanzen!«

»Bischt net stad, Du Sakra? Die Herren sein ja noch da!«

»Jessas! Die Herren! Die wer'n eppes[12]was dagegen haben, wenn mir luschti[13]sein!«

»Halt's Maul!«

»I mag aber net, – i möcht' tanzen!«

Und: »Tanzen! Tanzen!« ertönte es von verschiedenen Seiten. Die Burschen und Dirnen erhoben sich halb von ihren Sitzen und schwenkten ihre Gläser. Vergebens mahnten die Alten zur Ruhe und wiesen mit den Augen auf den gnädigen Herrn, der mit sehr reservierter Miene in sein Weinglas blickte ... Nichts half. Die liebe Jugend lärmte weiter.

Der Herr Dekan hielt es für geraten, sich zurückzuziehen. Fräulein Aurelie wollte noch bleiben, wollte ein wenig dem Tanze zusehen ... »Daraus wird nichts!« sagte ihr Oheim streng. »Das schickt sich nicht für Dich. Zahlen, Herr Wirt.«

Er zahlte und erhob sich dann; die übrigen der Gesellschaft folgten seinem Beispiel. Der Dekan reichte seiner Nichte den Arm und schritt voran, die Geistlichen schlossen sich ihm an; alle, die im Saale waren, standen auf und grüßten. Das Fortgehen der »Herren« erregte sichtlich allgemeine Befriedigung.

»Jetzt ruckt's die Tisch weg und die Sesseln! Jetzt wird's erst luschti wer'n!«

Und kecke »G'stanzeln« ertönten ... Die Katze war fort, die Mäuse wagten zu tanzen.

sang einer.

antwortete ein anderer.

»Kinnt's net Euer Maul halten, ös verflixten Buam!« rief die Wirtin ernstlich böse. »Wann die Herren das hören!«

»Na, ... so hörn's halt oanmal ... Net harb sein, Poschtwirtin[14]. Mir sein schon stad[15]. Aber, Musikleut', jetzt spielt's was auf! I kann mi schon nimmer darhalten[16], ... imuaßtanzen!«

Die »Herren« waren einstweilen schon weit und, minder fröhlich als diejenigen, die sie verlassen, schritten sie schweigend durch das Dorf. Am Pfarrhof angelangt, stiegen die fremden Geistlichen in ihre schon bereitstehenden Wagen und fuhren nach Hause. Harteck wünschte dem Dekan und Aurelien eine gute Nacht und tat, als ob erdie Absicht hätte, in seine Wohnung zu gehen. In Wahrheit aber wartete er auf der Treppe, bis er die Hausgenossen in ihren Schlafstuben wußte, bis alles im Pfarrhof ruhig war; dann stieg er geräuschlos die Stufen hinab, verließ das Haus und schlug den Weg nach dem Wirtshause zur Post ein.

Was wollte er dort? An der Freude jener Menschen durfte er ja doch nicht teilnehmen; das wußte er, wußte es nur zu gut ... Aber mit unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn dorthin, wo fröhliche Menschen waren, dorthin, wo Paula weilte. Sie wenigstens sehen, aus der Ferne bewundern dürfen, war ja auch ein Glück. Er zog den Hut an die Augen herab und schritt unverdrossen durch den kalten Schnee. Ging jemand hinter ihm? Ihm war, als ob er leise, leise Schritte hörte ... Er stand still und blickte zurück. Undurchdringliche Finsternis lag über der Erde; am Himmel war kein Stern zu sehen. Er horchte und spähte eine Zeitlang; nichts rührte sich. »Ich muß mich geirrt haben,« dachte er und setzte seinen Weg fort.

Da lag das Gasthaus. Durch die Fenster strahlte Lichterglanz; Musik, Johlen, Fußgetrampel ertönten. Der Priester drückte sich an die Wand und lugte durch eines der Fenster in den Saal hinein. Das Zimmer war ausgeräumt, tanzende Paare glitten auf und nieder. Nebenan tanzten die Bauern; dort ging es lärmend zu, ... hier war es stille, hier hielt die bessere Gesellschaft sich auf. Er gewahrte auch Paula. Sie tanzte noch nicht; in der Tür lehnend, sah sie dem Treiben der Bauern zu und beachtete wenig den Schullehrer und einige andere Herren,die sich augenscheinlich bemühten, sie zum Tanze zu überreden; der Arzt schien die Bitte der jungen Leute zu unterstützen; Paula schüttelte bloß das Haupt. Unzufrieden und verlegen standen der Arzt und die Herren um das Mädchen herum und sprachen in sie hinein ... Paula gab endlich – mit Widerstreben, wie es den Anschein hatte, – den vereinten Bitten nach. Sie lehnte sich an die Brust des Schullehrers und fing mit ihm zu walzen an. Dem außen und ausgeschlossen dastehenden Manne stieg das Blut zu Kopf bei diesem Anblick. Daran hatte er nicht gedacht; er hatte gehofft, daß Paula standhaft bleiben, daß sie nicht tanzen würde, ... und nun lag sie in den Armen des fremden Mannes und ihm – ihm hatte sie untersagt, das Wort an sie zu richten, wenn er sie zufällig auf der Straße träfe. Aber freilich, – was war er im Vergleich zu den anderen? Diese Männer durften sich ihr offen nähern, durften um sie werben, konnten ihr Herz und Hand anbieten; ihm aber war nichts gestattet von alledem, – er hatte einem Mädchen nichts zu bieten, als eine sich vor den Augen der Welt scheu verkriechende Liebe ... Worüber also murrte er? Er hatte kein Recht dazu.

Vielleicht, wenn sie gewußt hätte, daß er draußen stand, in der Winterkälte, die Füße im harten Schnee, so ganz ausgestoßen von jeder Freude und jedem Glück, das Herz gefoltert von Eifersucht, – vielleicht, daß sie dann Erbarmen gehabt und vom Tanze abgelassen haben würde. War ihm doch, als ob er hineinstürzen, sie bei der Hand packen und ihr zurufen müßte: »Du darfstnicht lachen noch Dich freuen, während ich so elend bin!« ... Jedes Wort, jedes Lächeln, jeder Blick, die sie einem ihrer Tänzer schenkte, fuhren wie ein Messerstich durch seine Brust. Wie durfte, wie konnte sie –! Unverwandt starrte er das Mädchen an. Ist's noch nicht genug? ... Gott sei Dank! Jetzt lehnte sie eine neue Aufforderung ab, setzte sich – gerade ihm gegenüber – und ließ die Hände in den Schoß sinken. Sie war erschöpft vom Tanze; ihre Lippen waren halb geöffnet, sie atmete rasch. Glücklich sah sie nicht aus; sie lächelte kaum und sprach sehr wenig. Langsam glitten ihre Blicke durch den Saal und blieben mit einem Male an einer Stelle haften ... Sie fuhr zusammen, erblaßte und sah angestrengt nach jener Stelle hin ... Harteck wich jählings vom Fenster zurück. Sie hatte ihn gesehen, mußte ihn gesehen haben, ihre Augen hatten sich getroffen ... Dicht an die Wand gedrängt, spähte er in den Saal hinein. Paula erhob sich, legte ein schwarzes Tuch um Kopf und Schultern, sagte ihrem Vater ein paar Worte ins Ohr ... Das Herz des unglücklichen Mannes schlug plötzlich sehr laut ... Er sah das Mädchen festen Schrittes dem Ausgang zuschreiten und den Tanzsaal verlassen.

Was hatte sie vor? Doch nicht –? Kaum wagte er diesen Gedanken auszudenken. Als er jetzt das Geräusch näher kommender Schritte vernahm, erfaßte ihn etwas wie Schreck. Die Schritte hörten plötzlich auf. Von dem Dunkel hoben sich die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt ab. Also doch, doch!

An allen Gliedern bebend, lehnte er sich an die Mauerund umklammerte mit der Hand das mit Schnee bedeckte Fenstergesimse.

»Was wollen Sie von mir?« stieß er mit Anstrengung heraus.

»Daß Sie nach Hause gehen,« antwortete eine vertraute Mädchenstimme. »Wo sind Sie? Es ist so finster, ... ich sehe Sie nicht.«

Er streckte ihr die Hand entgegen. Paula ergriff sie und er zog das Mädchen an seine Seite.

»Ich sah Sie von drinnen hier stehen,« fuhr Paula fort, »in dieser Kälte ... und erschrak zu Tode, ... ich mußte hinaus zu Ihnen ... Was, um Jesu willen, tun Sie hier?«

An ihrer Stimme, an ihren Fingern fühlte er, daß sie zitterte.

»Sie dürfen nicht hier bleiben,« sagte er hastig. »Sie sind vom Tanz erhitzt und nun setzen Sie sich der eisigen Winterluft aus. Den Tod können Sie sich holen.«

»Was liegt daran!« sprach sie in sich hinein.

»Mirliegt daran,« entgegnete er heftig, zog seinen Überrock aus und warf ihn um ihre Schultern.

»Welche Torheit!« rief Paula unwillig. »Nun werdenSiesich erkälten. Ich beschwöre Sie, gehen Sie nach Hause.«

»Mich schicken Sie immer fort. Andere dürfen mit Ihnen tanzen und ich soll Sie nicht einmal ansehen. Nein, ich bleibe.«

»Wozu? Bloß um mich zu quälen?«

»Ich will Sie nicht quälen, Paula,« sagte er undhaschte nach ihren Händen. »Ich will Ihnen gehorchen ... Versprechen Sie mir aber, daß auchSienach Hause gehen werden ... Sie wissen nicht, was Neid heißt und Eifersucht,« murmelte er mit hilfloser, fast weinender Stimme, »was ich gelitten habe, als ich Sie in den Armen fremder Männer sah ...«

»Mein Gott! Ich will tun, was Sie begehren,« sagte Paula erschreckt. »Regen Sie sich doch nicht so auf! Wie könnteichSie kränken wollen, ...ich!« Sie brach in ein bitteres Gelächter aus.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er. Er wußte nicht, was er sprach noch was er tat. Er hatte das Haupt entblößt und den Hut in den Schnee fallen lassen, ... die kalte Dezemberluft zog schneidend durch sein Haar.

»Sie zittern ja,« bemerkte Paula, befreite ihre Hände aus den seinen, nahm seinen Rock von den Schultern und hängte ihn dem Priester, trotz seinem Sträuben, um; ihre Arme, ihre Brust berührten ihn dabei, ... der Rock glitt zur Erde, die Arme des Mannes faßten nach dem schlanken, bebenden Leib des Mädchens.

»Lassen Sie mich!« rief Paula mit rauher Stimme. »Haben Sie nicht gehört ...?«

»Was?«

»Es hat jemand in unserer Nähe gehustet ...«

»Ich habe nichts gehört.«

»Sehen Sie ... dort, ...« sie drängte sich atemlos, Schutz begehrend, an seine Brust ... »dort an der Wand, ... sehen Sie nichts?«

»Nein,« sprach er verstört. »Ist jemand da?«

Niemand antwortete. Aber verhallende Schritte schlugen an sein Ohr.

»Ich muß erfahren, wer es ist,« sagte er und legte die Hand an die Stirn. »Kehren Sie zu Ihrem Vater zurück. Ich muß diesem Menschen folgen.«

Paula zog das Tuch fester um ihre Schultern.

»Wohin haben Sie mich gebracht!« sprach sie, sich zum Gehen wendend.

»Paula!« rief er außer sich. »Ich töte mich, wenn auch Sie mich anklagen!«

»Ich klage Sie nicht an. Ich, ich allein bin die Schuldige; ich hätte stärker sein sollen. Leben Sie wohl.«

»Auf immer? Ich lasse Sie nicht.«

»Denken Sie jetzt nicht daran, ... jetzt können wir nichts beschließen. Gehen Sie dem dort nach und schreiben mir morgen, wer es gewesen und wie alles abgelaufen ist.«

Er hielt sie nicht länger zurück. Mit gesenktem Kopfe und schwankendem Schritt ging das Mädchen in das Haus hinein. Der Priester stürzte durch Nacht und Nebel dem Unbekannten nach.

Erst in der Nähe des Pfarrhofes erreichte er ihn. Dort brannte eine Laterne. Harteck packte den Fremden bei den Schultern und kehrte dessen Gesicht dem Laternenlicht zu. Er erkannte den Mönch.

»Woher kommen Sie?« fragte er ihn mit heiserer Stimme.

»Woher kommenSie?« wiederholte der Mönch und sah ihm fest in die Augen.

Harteck gab keine Antwort.

»Wußten Sie, daß ich vom Hause fort war?« fragte er dann.

Der Pater nickte.

»Sahen Sie mich das Haus verlassen?«

»Ja.«

»Und sind mir gefolgt?«

»So ist es.«

»Weshalb? Zu welchem Zwecke?«

»Weil ich Verdacht hatte ... Sie sehen, daß mein Verdacht nicht grundlos war.«

»So haben Sie alles gesehen und gehört?«

»Alles.«

Eine Pause trat ein.

»Aber warum ... warum,« begann Harteck wieder; sein Atem stockte. »Warum haben Sie das getan?« brach er wütend los.

»Mäßigen Sie sich. Ich hatte den Auftrag dazu; ich bin weder neugierig noch liebe ich es, zu spionieren. Aber Sie wissen ja, was unsere Pflicht ist: den Vorgesetzten zu gehorsamen in allem und jedem.«

»Und Sie werden – natürlich! – dem Dekan alles erzählen?«

»Ich muß.«

»Und wenn Sie dadurch – nicht mich – an mir ist wenig gelegen – wenn Sie dadurch ein unbescholtenes Mädchen zugrunde richten?«

»Jetzt ist sie nicht mehr unbescholten,« entgegnete der Mönch mit hart klingender Stimme.

»Aber ich schwöre Ihnen, daß heute zum erstenmal ... Sie sind doch auch jung und sind nicht schlecht« ... Der Verzweiflung nahe, ergriff er beide Hände des Mönches: »Wälzen Sie alle Schuld auf mich, ... machen Sie mich so schlimm, wie Sie wollen, ... aber schonen Sie das unglückliche Mädchen. Gott im Himmel! Stehen Sie nicht so stumm und starr da, als ob ich zu einem Steine redete ... Soll ich mich noch mehr demütigen? Mich vor Ihnen auf die Kniee werfen? Würde vielleicht das Sie rühren?«

Der Mönch schüttelte den Kopf.

»Ich bin nicht hart,« sagte er. »Glauben Sie mir, ... Sie tun mir leid, trotz Ihrem Vergehen ... Ich will Ihnen auch versprechen, das Mädchen zu schonen, soviel ich kann.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Harteck und atmete erleichtert auf.

»Und nun lassen Sie uns nach Hause gehen,« sprach Benediktus weiter. »Sie sind erschöpft und Ihre Hände fühlen sich wie Eis an. Auch fällt es mir erst jetzt auf ... Wo haben Sie Ihren Überrock und Hut gelassen?«

»Ich weiß es nicht, ... ich glaube, sie liegen vor dem Gasthaus, irgendwo im Schnee ...«

»Gehen Sie schleunigst nach Hause und legen sich zu Bett ... Ihre Sachen werde ich holen und sie Ihnen morgen übergeben. Gute Nacht.«

Am nächsten Tage hatte der Mönch eine kurze, geheime Unterredung mit dem Dekan und dieser reiste bald darauf nach Salzburg ab.


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