In einem engen Gäßchen der Grenzstadt Kufstein stand (oder steht heute noch) ein kleines, winkliges, baufälliges Haus. Von außen machte es mit seinem verwitterten Aussehen und den winzigen Fenstern einen traurigen Eindruck, und was hinter dem schwarz angestrichenen Tore zu finden war: die niedrigen Zimmer, die schmale Wendeltreppe, die allenthalben herrschende Licht- und Luftarmut, war nicht danach angetan, den ersten schlimmen Eindruck zu verwischen.
Vor vielen, vielen Jahren konnte man hinter einem dieser Fensterchen Tag um Tag ein blasses, kleines Mädchen stehen sehen: immer allein; sie spielte und lachte niemals und hielt stets einen Strickstrumpf oder ein Gebetbuch in der Hand. Vergangen waren die Jahre, das Kind war groß, war alt geworden und saß heute, als Matrone, hinter dem Fenster in einem alten Großvaterstuhl und die jetzt welken Hände hielten, wie ehedem, eine Strickerei oder ein Erbauungsbuch. Außer mit ihrer Tochter, deren Söhnlein und Schwiegereltern und einigen greisen Priestern verkehrte die alte Frau mit niemandem.Eine Magd, so alt wie sie selber, bediente sie schon seit vierzig Jahren. Mit dieser Magd ging sie tagtäglich zweimal in die Kirche, wöchentlich einmal zur Beichte und Kommunion, und daheim arbeiteten oder beteten die zwei alten Frauen. Die Herrin sprach wenig und lachte niemals. Ein harter, starrer Zug lag auf ihrem hageren Gesicht, – ein Zug, der von einem harten und starren Leben erzählte.
An einem wetterwendischen Apriltage saß die alte Frau wie gewöhnlich an ihrem Fenster; doch nicht wie sonst mit Beten oder einer Handarbeit beschäftigt. Ihre Hände ruhten gefaltet im Schoße und in ihrem starren Gesichte kämpfte etwas, das einer unterdrückten Bewegung glich.
Auf dem Sofa kniete ihr Enkel, ein schlanker, etwa siebenjähriger Knabe, der Kartenhäuser aufbaute. Ein feiner Junge war's, blond und rosig, mit einem klugen Gesichtchen und hellen Augen. Die Brauen ernsthaft gefaltet, die Lippen wie zum Pfeifen gespitzt, baute und baute er und blickte zornig auf, wenn seine jugendliche Mutter, die in seiner Nähe stand, eine Bewegung oder einen Schritt zu machen wagte. Mit einem halb spöttischen, halb gutmütigen Lächeln sah die Mutter seiner kindlichen Beschäftigung zu. Sie war von zarter Gestalt und auf ihren intelligenten Zügen lag selbstzufriedene Heiterkeit. Das blonde Haar und die blauen Augen hatte der Knabe von ihr geerbt. Die junge Frau trug ein schwarzes Kleid, um den Hals hatte sie eine Kette hängen, an der ein goldenes Kreuz befestigt war, und an ihren weißen Händen glänzte kein anderer Schmuck als der glatte Ehering. Trotzder matronenhaften Kleidung machte sie mit ihrem lichten Haar und Teint, mit ihren lachenden Augen und Lippen, einen, man möchte sagen, hellen Eindruck. Das Leben war ihr hold gewesen; was es ihrem Hause Übles gebracht, war auf Vater, Mutter und Bruder gefallen, – sie aber war stets verschont geblieben und hatte sich darum über das Ungemach der Angehörigen immer schnell zu trösten gewußt. Das Schicksal war ihr guter Freund und so zeigte sie ihm auch stets ein heiteres Gesicht.
Mit verhaltenem Lachen beobachtete sie das Söhnlein und stieß mit dem Fuß an den Tisch ... Das künstlich aufgebaute Kartenhaus stürzte ein; blutrot wurde der Knabe und fuhr erbost in die Höhe, ... die Mutter aber brach in ein Gelächter aus, packte den Kleinen beim Kopf und küßte sein blondes Haar.
»Nun ist's genug,« sagte sie. Ihre Stimme klang hell und angenehm. »Wir müssen Ordnung machen. Der Onkel kann jeden Augenblick kommen.«
Sie raffte die Karten zusammen und legte sie in die Tischlade; dann zupfte sie den Matrosenanzug und die Krawatte des Knaben zurecht und strich sein Haar glatt.
»Jetzt bist Du fein, Albert,« sagte sie. »Freust Du Dich schon auf den Onkel?«
»O ja,« sagte Albert ziemlich gleichgültig.
»Erinnerst Du Dich noch seiner?«
»O ja,« antwortete das Kind in gleichem Tone.
»Stell' Dich ans Fenster, und wenn Du den Onkel kommen siehst, sag es uns; hörst Du?«
Das Kind tat, was von ihm begehrt wurde. Nachungefähr zehn Minuten wendete es den Kopf: »Jetzt kommt der Onkel.«
»Wir wollen ihm entgegen gehen,« sagte seine Mutter. »Schnell, Albert!«
Die Matrone blieb allein zurück. Sie eilte dem Sohne nicht entgegen, ... er sollte nicht wissen, nicht sehen, wie erschüttert sie war. »Gott im Himmel! Du wirst es mir nicht zur Sünde anrechnen, daß ich ihn noch immer liebe,« dachte sie. »Sein Schuldregister, Herr! ist groß, ich weiß es. Aber es ist doch mein Sohn. Und er wird sich bessern, er wird sich bessern ...« Ihre Hände zitterten, ihre Lippen bewegten sich leise; unverwandt hafteten ihre Blicke an der Tür. Die ging bald auf: hereintrat die junge Frau mit Albert und ihnen folgte ein schlanker Mann im Kleide eines katholischen Priesters. Mit einiger Anstrengung erhob sich die alte Frau, der Ankömmling eilte auf sie zu und Georg Harteck und seine Mutter lagen einander in den Armen.
»Gott zum Gruße, liebe Mutter,« sagte er und küßte sie auf beide Wangen. »Wie geht es Dir?«
»Gut, dem Herrn sei Dank.« Sie hielt ihn noch immer in den Armen und betrachtete ihn aufmerksam. Fast drei Jahre waren vergangen, seit sie ihn zum letztenmal gesehen; sie fand ihn verändert, – viel blasser und schmaler im Gesicht.
»Bist Du immer gesund gewesen?« fragte sie.
»Immer, ... einige Erkältungen abgerechnet. Findest Du, daß ich krank aussehe?«
»N – nein.«
»Du siehst ganz wohl aus, Georg,« fiel die junge Frau ein. »Aber Mutter ist immer so: wenn sie nur jemanden ängstlich machen kann! Setze Dich jetzt –« sie nahm ihn beim Arme und führte ihn zum Sofa hin – »und sieh Dir meinen Buben an ... Ist er nicht brav gewachsen?«
Der Priester setzte sich, die junge Frau nahm an seiner Seite Platz und schob den Knaben zu dem Geistlichen hin.
»Küsse dem Herrn Vikar die Hand,« sagte sie mit komischem Pathos und lehnte sich schmeichelnd an die Schulter des Bruders. »Ich bin nicht wenig stolz auf Dich, Georg! Erst dreißigjährig und schon Vikar! Hast Du Dich recht gefreut über Deine Beförderung?«
Er bejahte die Frage; und die Schwester fing mit dem ihr eigenen praktischen Sinn an, ihn auszuforschen: »Wo liegt das ... Keßten? Ist das Vikariat einträglich? Die Gemeinde groß? Wirst Du Dich besser stehen denn als Kooperator? Und wie ist's mit den Ausgaben? Du mußt Dich doch als Vikar von A bis Z einrichten ...«
Es ergab sich, daß er von alledem wenig wußte. Keßten wäre, so glaubte er, ein kleines und armes Dorf und das Vikariat wahrscheinlich wenig einträglich. Was den Hausrat anbelange, so hätte er bereits Anstalten zu dessen Herbeischaffung getroffen. »Ich bin jedoch überzeugt,« setzte er hinzu, »daß ich vieles und vielleicht das Nötigste vergessen habe. Bis heute hatte ich mich um diese Dinge nicht scheren müssen, ... mit der Zeit aber werde ich das Wirtschaftführen wohl erlernen.«
»Ich will auf ein paar Wochen zu Dir kommen undalles in Ordnung bringen,« sagte die Schwester. »Ohne den Beistand einer Frau seid Ihr Männer wie verloren.«
»Das ist wahr,« sagte er zerstreut und hob eilig von anderen Dingen zu sprechen an. Sie mußten erzählen, wie sie lebten, was sie trieben. Die Mutter sprach wenig; sie hatte sich wieder ans Fenster gesetzt und beobachtete schweigend die Kinder und den Enkel. Die junge Frau hingegen war sehr redselig; sie sprach viel von sich, von ihren Schwiegereltern und wie sie diese durch scheinbare Sanftmut zu beherrschen wüßte, von ihrem Söhnchen, das erstaunlich gut lernte; auch von gemeinsamen Bekannten erzählte sie und schonte die Abwesenden nicht immer; aber ihr Spott war gutmütiger Art; sie war viel zu glücklich, um wirklich böse sein zu können.
Mittlerweile hatte die alte Magd den Koffer und die Reisetasche des Geistlichen in das Zimmer getragen. Harteck öffnete den Koffer und packte verschiedene Gegenstände aus; er hatte den Seinen Geschenke mitgebracht: dem Kinde Bücher und Spielsachen, der Schwester Schmuck und anderen Toilettentand, der Mutter einen Christus aus Ebenholz und ein Marienbild; sogar die alte Magd hatte er nicht vergessen und händigte der Überraschten einen Kleiderstoff und eine Schürze ein.
»Wie gut Du bist, Georg!« sagte seine Schwester und küßte ihn und der kleine Neffe sah den geistlichen Onkel zum erstenmal freundlich an. »Jetzt aber wollen wir etwas essen ... Du bist gewiß hungrig.«
Die Magd deckte den Tisch und trug Kaffee, kaltes Fleisch, Backwerk und süßen Wein auf. Georg führteseine Mutter zum Sofa und setzte sich neben sie. Die alte Frau blickte ihn an. »Georg!« sagte sie in fast strengem Tone.
»Was gibt es?« fragte er leicht erschreckt. Er kannte diesen Ton von Kindheit auf. »Habe ich etwas nicht recht gemacht?«
»Du setzest Dich nieder zu Speise und Trank und betest nicht vorher? Ist das nicht Sitte im Hause Deines Dekans?«
»O doch! Ich vergaß nur ... Übrigens wie Du willst.«
Er stand auf und sprach das Vaterunser. Die anderen taten ihm nach, – die Mutter mit strengem Ernst, die Schwester mit verborgener Ungeduld, der Kleine mit verwundertem Blick.
»Die Mutter ist so eigen,« murmelte die junge Frau dann. »Nimm es ihr nicht krumm, Georg.«
»Wie sollte ich? – Sie hat ja recht.«
Trotzdem blieb die Stimmung eine gestörte. Die alte Frau genoß beinahe nichts und verhielt sich auch während des Essens schweigend. »Er hat sich nicht verändert,« mußte sie sich immer wieder sagen. »Ich darf nicht schwach werden, nicht erlahmen, ... ich bin Gott Rechenschaft schuldig über alles, was ich tue und sage. Wenn er sich, wie ich noch immer von Gott hoffe, gebessert haben wird, werde ich ihm zeigen dürfen, daß ich ihn liebe; eher nicht.«
Georg und die Schwester führten ein sich mühsam fortschleppendes Gespräch. Von der strengblickenden altenFrau ging gleichsam ein eisiger Hauch aus, der sich den anderen mitteilte. Sogar der arme kleine Junge saß eingeschüchtert da und gähnte verstohlen.
Als wieder abgetragen worden war, richtete die alte Frau sich in die Höhe und sagte zu ihrem Enkel: »Geh jetzt ins Nebenzimmer und spiele mit den schönen Sachen, die der Onkel Dir gebracht hat.«
Das Kind gehorchte mit sichtlichem Vergnügen.
»Warum darf er nicht bei uns bleiben?« fragte Georg.
»Weil Kinder nicht alles hören sollen, was Erwachsene untereinander sprechen,« entgegnete die Mutter. »Leg diesen eitlen Tand beiseite, Anna.«
Die junge Frau, die mit der genauen Besichtigung der vom Bruder erhaltenen Geschenke beschäftigt war, blickte die Mutter mit einem Lächeln an, zuckte die Achseln und legte die verschiedenen Sächelchen auf den Tisch.
»Nun, ... was weiter?« fragte sie.
»Ich habe mit Deinem Bruder zu sprechen.«
»Mutter, ich will nicht hoffen ...«
»Was?« unterbrach die alte Frau ihre Tochter mit scharfer Stimme. »Ist es so weit gekommen, daß ich mir von meinen Kindern vorschreiben lassen muß, was ich sagen darf oder für mich behalten muß? Du hast Dich arg verändert, Anna. So lang Du noch Mädchen warst und mich brauchtest, warst Du die Demut selber; aber nun, da Du selbständig und vermögend bist ...«
»Ich sage ja nichts,« fiel Anna ihr beschwichtigend in die Rede. »Ich wollte nur bemerken, daß Du unserenGeorg, den wir so lange nicht gesehen haben, nicht plagen solltest, ... sonst vergeht ihm auf immer die Lust, uns zu besuchen.«
»Die Mutter wird mich nicht kränken wollen,« sagte Georg sanft und bittend, »nicht wahr, Mutter, nein?«
»Gewiß nicht,« sagte diese, unsicher gemacht. Dieser sanfte, ergebene Ton mahnte sie an die Zeit, da Georg noch ein Kind war. »Wir sind einander lang fern gewesen, mein Sohn,« fuhr sie fort. »Ich freue mich, Dich endlich einmal wiederzusehen. Es ist schön von Dir, daß Du zu uns gekommen bist, und ich nehme dies zum Zeichen, daß Du mit reinem Herzen wiederkehrst und Dich endlich wieder für würdig hältst, ein Diener des Herrn zu heißen.«
»Da haben wir es!« murmelte Anna. »Dachte ich's doch!«
»Schweige – Du!« rief die alte Frau streng. Die Tochter hob abermals die Schultern in die Höhe, langte nach einer Stickerei und fing zu sticken an. »Um die Zeit nicht gänzlich zu verlieren,« dachte sie. Georg betrachtete die schlanken weißen Fingerchen, die gewandt Stich an Stich reihten und kein einziges Mal fehlten. O! sie war sicher in allem, was sie tat, die kluge Schwester, ... war niemals irre gegangen, weder in großem noch in kleinem. Er beobachtete auch ihr Gesicht. Augenblicklich prägten sich in ihren Zügen Langeweile und Ärger aus ... Ahnte die Schwester, daß unangenehme Dinge zur Sprache kommen würden? An seiner Seite hob die klanglose Stimme der Mutter abermals zu sprechen an:»Du brauchst mich nicht anzusehen, Georg; antworte mir bloß; sag mir, daß Du wieder rechtschaffen geworden bist, daß Du jenes ... jenes Mädchen vergessen hast ...«
»Wozu davon sprechen, Mutter?« fiel er müden Tones ein.
»Ichmuß. Ich habe so viel um Dich gelitten, mich so bitter geschämt deinetwegen ...«
Sie hielt inne. Er rührte sich nicht.
»Laß ihn doch in Frieden,« sagte Anna. »Er war einmal in seinem Leben verliebt: gut. Es tut ihm leid und er wird es künftighin bleiben lassen, und damit sei die Sache abgetan.«
Sie blickte den Bruder blinzelnd an; der aber sah starr vor sich nieder.
»Das Kleid, das er trägt, erlegt ihm das Opfer auf, den sogenannten Freuden der Welt zu entsagen,« fuhr die Mutter zur Tochter gewendet fort. »Ist das zu viel verlangt? Ich bin niemals glücklicher und ruhiger gewesen als in der Zeit, wo ich vom Treiben der Welt so viel wie nichts wußte. Meine Eltern waren schon alt, da ich noch ein Kind war. Sie liebten die Ruhe, und um sie nicht zu stören, verkehrte ich niemals mit Altersgenossen, blieb immer zu Hause und verließ es bloß, um in die Kirche oder in die Schule zu gehen. Wehe mir, wenn ich gelärmt, gemurrt oder einen Wunsch zu äußern gewagt hätte! Ich habe nie getanzt, mich nie geschmückt, niemals etwas von der Welt gesehen. Und doch bin ich glücklich gewesen, – damals. Mein Unglück begann erst dann, als ich in frevelhafter Vermessenheit meinenEltern den Gehorsam zu kündigen wagte. Gott hat mich schwer, doch gerecht dafür bestraft.«
Anna seufzte und stickte emsig darauf los. Sie hatte das alles schon unzählige Male gehört. Der junge Priester stierte gedankenlos vor sich hin.
»Ich habe Euren Vater geliebt,« sprach die alte Frau weiter. »Wehe mir, daß ich es tat! Er war meiner Liebe nicht wert. Ich heiratete ihn gegen den Willen meiner Eltern und sah zu spät ein, daß sie recht gehabt, daß ich mich einem Unwürdigen vermählt hatte. Euer Vater hat mich nie geliebt. Er war ein leichtsinniger Mensch, ein Tunichtgut. Meine Eltern besaßen dieses Haus und ein kleines Vermögen, ... und darum, der Herr verzeihe es ihm! hat er mich geheiratet. Indessen klage ich nicht ihn, sondern einzig und allein mich selber an. Ich hätte meinen ehrwürdigen Eltern gehorchen und entsagen sollen. Ich tat es nicht; feige gab ich dieser sündigen Liebe nach und sie wurde mir – gerechterweise – zum Fluche. Ich habe viel, viel gelitten. Meine Eltern starben plötzlich, mein Mann gewöhnte sich das Trinken an und die Kinder, die ich unter unsäglichen Schmerzen gebar, lebten stets nur einige Wochen; außerdem drohte Verarmung, vielleicht Schande, ... es war eine böse Zeit. Gott hatte seine Hand abgezogen von mir, weil ich meinen Eltern ungehorsam gewesen war und dadurch das vierte Gebot verletzt hatte. Mir sollte und durfte es auf Erden nicht wohl ergehen. Wodurch den Herrgott versöhnen? Darüber sann ich immerwährend nach, ... ganze Nächte lang wachte ich und betete undflehte ihn an, mich zu erleuchten. Da gab er mir ein Zeichen. Abermals regte sich unter meinem Herzen ein junges Leben. Ich ging eines Tages auf der Straße und grübelte, wie immer, über das eine nach: was tun, um Gott milde zu stimmen; ich dachte auch an das Kind, das in meinem Schoße schlief und fragte mich, wie ich es wohl erziehen und zu welchem Berufe ich es bestimmen sollte, um einen rechtschaffenen, Gott wohlgefälligen Menschen aus ihm zu machen. Ich kam just an einer Kirche vorbei, als ich so dachte, und in diesem Augenblick trat mir ein Priester entgegen. Das war ein Zeichen von Gott!Dassollte ich aus meinem Kinde machen. Beglückt und gehoben ging ich nach Hause und leistete in meinem Herzen den Schwur, daß mein Kind, falls es ein Knabe sein und am Leben bleiben würde, dem Dienste des Herrn geweiht und Priester werden sollte. Wenige Monate später gab ich einem Sohne das Leben und von dieser Stunde an ging alles besser.«
Abermals trat eine Pause ein. Anna warf den Kopf zurück und reckte die Glieder, um die immer mehr überhand nehmende Schlafsucht abzuschütteln. Georg saß unbeweglich.
»Wohl waren wir arm,« setzte die Mutter ihre Rede fort. »Aber ein würdiger Priester nahm sich unser an und versprach, für meines kleinen Georgs Erziehung Sorge zu tragen. Euer Vater veränderte sich; er gewann Euch lieb, Dich, Georg, und die kleine Anna, die ich drei Jahre später gebar. Vielleicht würde er, Euch zuliebe, noch ein ordentlicher Mensch geworden sein, wenn Gott ihn nicht abberufen hätte. Doch Gottes Wille geschehe!Er weiß am besten, was uns frommt! Nach Eures Vaters Tode erzog ich Euch nach meinem besten Wissen und Gewissen: Dich, Georg, zu einem braven Priester und Anna zu einer sittenreinen Jungfrau. Gott segnete meine Bemühungen und ließ Euch gehorsame Kinder bleiben, bis die furchtbare Stunde kam, die meinem Leben ein Ende zu setzen drohte und in der mein Sohn mir in frevelhaftem Hochmut erklärte, daß er nicht Priester werden könnte ...«
Jetzt fuhr Georg auf. Zum erstenmal schaute er der Sprecherin in die Augen.
»Mutter,« sagte er – seine Stimme klang seltsam hart – »ich habe Dir Deinen Willen getan. Ich trage den Priesterrock. Laß Vergangenes vergangen sein. Es ist nicht gut, mich daran zu erinnern.«
»Noch immer der alte Trotz!« sprach sie murmelnd.
»Ich bin nicht trotzig,« entgegnete er und erfaßte ihre Hand, »bin es niemals gewesen. Erinnere Dich nur. Als kleiner Knabe schon konnte ich nicht ertragen, daß Du mir zürntest, und immer kam ich freiwillig, Dich um Verzeihung zu bitten, und wenn Du sie mir vorenthieltest, weinte ich mich halb zu Tode ... Ich mag viele Fehler haben, aber trotzig bin ich nicht ... Ich trage niemandem etwas nach und will mit denen, die mir teuer sind, in Frieden leben ... Ist es nicht so? War es nicht immer so? Ich rufe Anna zur Zeugin auf, ob ich recht habe oder nicht.«
»Natürlich hast Du recht,« sagte die Schwester, ohne das Haupt zu erheben. »Ich weiß wirklich nicht, was der Mutter einfällt.«
»Ich aber weiß es,« entgegnete die alte Frau mit starker Stimme. »Wenn Du nicht Priester wärest, würde ich schwächer sein ... So aber gehörst Du nicht mir, nicht Dir, nicht irgendeinem Menschen, sondern Gott allein. Du hast die Schuld Deiner Eltern zu sühnen durch ein tadelloses, echt priesterliches Leben. Nicht um unser armseliges Erdenglück handelt es sich, sondern um unser aller Seelenheil. Ich habe Dich Gott zum Opfer gebracht; ihm darfst Du nicht halb, –ganzmußt Du ihm gehören, mußt ihm dienen mit allen Deinen Kräften. Ist das so schwer? Als ich vernahm, daß Du mit der Dienstmagd Deines Pfarrers ein sündhaftes Verhältnis unterhieltest, sagte ich: ›Der alte Fluch ist wieder da; wir sind und bleiben hier und dort verdammt.‹ Unglücklicher Mensch! Meinst Du, Gott auf solche Weise zufrieden zu stellen? Alle Deine Vorgesetzten tadeln Dich, ... weshalb? Weil Du immer weltlichen Gelüsten nachhängst und Dich nicht entschließen kannst, einzig und allein Deiner erhabenen Aufgabe zu leben ...«
Georg stand auf.
»Ich gehe und komme nie wieder, wenn Du auf solche Art zu mir sprichst,« sagte er. »Ich bin Dir zuliebe Priester geworden ... Mutter!« unterbrach er sich und faßte sie erschreckt bei den Schultern.
Sie war blaß wie der Tod.
»Mir zuliebe!« sagte sie tonlos wie eine Sprechmaschine. »Nicht Gott zuliebe!«
So furchtbar blaß hatte er sie schon einmal gesehen, – damals, in jener Stunde, wo er ihr gestanden hatte,daß er nicht Priester werden könnte. Alles kam wieder, – o! so lebhaft, so deutlich, als ob es erst gestern geschehen wäre; zuerst die Kindheit, das ewige Beten und Kirchengehen ... Damals war er gläubig gewesen, damals hatte ihn der Gedanke, dereinstens am Altar zu stehen, mit stolzer Freude erfüllt; und dann später – er hatte seine Studien nahezu vollendet – wie war es gekommen? Plötzlich zerriß etwas in seiner Brust. Im Anfang wollte er's nicht glauben, wollte die Stimme in seinem Herzen ersticken, wollte sich einreden, daß er denke und fühle wie ehedem, ... umsonst! Der Zweifel wuchs, wurde zur Gewißheit, er konnte sich nicht länger belügen, und nach schweren Kämpfen, nach vielen langen, durchweinten und durchwachten Nächten wagte er, der Mutter zu gestehen, was in seinem Inneren vorgegangen, ... daß nichts ihn antreibe, Priester zu werden, daß er sich über sich selbst getäuscht hätte und daß er Priester nicht werden könne. Sie hatte ihn starr angesehen und war so blaß geworden, daß es ihn kalt überlief, und dann war sie, ohne die Lippen zu öffnen, umgesunken und hatte stundenlang wie tot gelegen. Und die Schwester, die Magd, der Priester, der ihn hatte erziehen lassen, hatten geschrieen, geheult und ihn einen Muttermörder genannt, ... und in seiner Verzweiflung, seiner Kindesliebe hatte er schluchzend gelobt, ihr gehorsam zu sein in allem, nur möchte sie wieder die Augen aufschlagen, ihn noch einmal ansehen ... Und so war es denn geschehen; sie war wieder erwacht und er war Priester geworden. Sie konnte ruhig sein: das Seelenheil aller war gerettet.
Er trug ihr nichts nach. Wußte er doch, daß sie von einem starren Irrwahn, von einer fixen Idee geleitet, dieses Opfer von ihm gefordert hatte. Der Sohn war ihr die Leiter, die sie und alle in den Himmel führen sollte ... Aus tiefster Überzeugung hatte sie ihn dieses Opfer bringen lassen. In ihren Augen war es ja kein Opfer; sie dankte es ihm nicht einmal. Niemals keimte in ihrem Herzen ein Zweifel auf, ob sie auch recht an ihm gehandelt, niemals machte sie sich den leisesten Vorwurf. Das wußte er. Deshalb empfand er auch heute keinen Groll wider sie; er würde sie nie bekehren, nie anderen Sinnes machen, sie nie zu Mitleid oder Reue bewegen. Er konnte sie durch Widerspruch erbittern, ... das war alles, und das wollte er nicht. Wozu wohl auch? Sein Leben war nun einmal verspielt, ... mochte er allein darum wissen! Das Opfer war nun einmal gebracht, ... mochte wenigstenseinMensch sich darüber freuen. Er nahm die alte Frau bei der Hand und sprach in sanftem Tone: »Du hast mich mißverstanden, liebe Mutter, oder, besser gesagt, meine Empfindlichkeit hat mich zu einer Äußerung hingerissen, von der mein Herz nichts weiß. Deine Anklagen sind berechtigt; nicht immer bin ich so gewesen, wie ein Priester sein soll, ... aber ich verspreche Dir, daß ich mich bessern will. Habe Geduld mit mir. Daß mir ein leidenschaftliches Herz zu teil wurde, ist nicht meine Schuld ... Ich will alles tun, um Herr dieses Herzens zu werden. Die Jugendzeit liegt bald hinter mir und mit der Jugend sterben auch die Leidenschaften ... Ich werde die eine und die anderen bald begraben.«
Er küßte die Hand der Mutter und trat zum Fenster hin. Anna folgte ihm mit den Augen, schüttelte den Kopf und blickte die Mutter, die mit gefalteten Händen und sich leise bewegenden Lippen dasaß, ärgerlich und vorwurfsvoll an. Weshalb ewig an Dinge rühren, die nun einmal nicht zu ändern waren? Die Mutter war auch gar zu schwerfällig ... Warum faßt sie alles so ernst und gewichtig auf? Und Georg könnte sich endlich auch in sein Los finden, ... was ging ihm, genau besehen, ab? Sie waren arm gewesen, seine Erziehung hatte auf diese Weise nichts gekostet, er war versorgt ... Wenn sie gewußt hätte, daß sie sich so vorteilhaft verheiraten würde, hätte sie vielleicht für ihn Partei genommen, hätte die Mutter umzustimmen versucht; das aber hatte sie nicht voraussehen können. Mochte er sich denn in Gottes Namen zufrieden geben! Weshalb sich und anderen das Leben so schwer machen? Weder Mutter noch Bruder verstanden die Kunst, zu leben ...Sie, Anna, war immer zufrieden und heiter; warum nahmen sie sich nicht ein Beispiel an ihr?
Sie rollte ihre Stickerei zusammen und erhob sich.
»Es dunkelt schon,« sagte sie. »Der Kleine und ich müssen uns auf den Heimweg machen. Wann wirst Du uns besuchen, Georg?«
»Morgen, wenn es Dir recht ist,« sagte er, zum Tisch zurückkehrend.
»Vortrefflich. Vielleicht wollt Ihr bei uns speisen, Du und die Mutter?«
Sie nahmen die Einladung an. Anna rief ihren Knaben, und Georg gab den beiden bis an die Treppedas Geleite. Dort hieß Anna den Kleinen vorausgehen und legte schmeichelnd die Hand auf den Arm des Bruders.
»Wie schön und interessant Du aussiehst!« sagte sie. »Ich begreife, daß Du einem Mädchen den Kopf verdreht hast ... Wann erfolgt Deine Installation als Vikar?«
»In acht Tagen.«
»Du wirst dort ganz allein sein, ... ohne einen Hilfsgeistlichen?«
»Ganz allein.«
»Nun, dann steht Dir nichts mehr im Wege ... Du kannst tun, was Du willst.«
»Wie meinst Du das? Was soll ich tun wollen?«
»Ich meine, daß Du jetzt Dein Mädchen ins Haus nehmen kannst ... Du bist Dein eigener Herr und brauchst das Naserümpfen Deiner Vorgesetzten nicht mehr zu befürchten.«
Georg staunte ein wenig über diese naive Unverfrorenheit. Indessen faßte er sich schnell und sagte lachend: »Ich danke Dir für den guten Rat. Leider kommt er zu spät. Das Mädchen, von dem Du sprichst, ist längst verheiratet.«
»So?« sagte sie gedehnt. »Wie schade! ... Hast Du siesehrlieb gehabt?« setzte sie hinzu und ihre lichten Augen blitzten ihn spöttisch und neugierig an.
Verlegen kehrte er das Gesicht weg. Das rücksichtslose Schwesterlein war ihm viel peinlicher als die strenge Mutter.
»Jetzt schämt er sich, der hochwürdige Herr!« rief Anna mit hellem Lachen. »Adieu! Ich schenke Dir die Antwort. Albert, bist Du unten? Ich muß ihm nach,sonst begeht er irgendeinen Unsinn. Also, – auf morgen. Ich küsse die Hand, Hochwürden.«
Sie tat es im Ernste und enteilte mit graziösen Schritten, noch immer lachend. So hatte sie sich stets von ihm loszumachen gewußt, – mit einem Scherzwort und Lachen, wenn er zögernd versucht hatte, ihr sein Herz zu öffnen. Sein Sinneswechsel war ihr unbequem gewesen; aus Habsucht, aus Furcht vor häuslichen Szenen und Erörterungen und Störungen, aus kleinlicher Eitelkeit hatte sie sich immer taub gestellt, hatte seine schüchternen Anspielungen nicht verstehen wollen und der Mutter in allem recht gegeben, ... nicht aus Überzeugung, bloß aus Bequemlichkeit. Es macht sich gut, einen Priester in der Familie zu haben, das verleiht so armen Leuten ein gewisses Ansehen und eröffnet ihnen mancherlei Hilfsquellen, ...daswar es gewesen. Und falsch war sie obendrein gewesen, diese blonde, rosige Schwester ... Nicht einmal, hunderte Male hatte sie schmeichelnd und liebkosend zu ihm gesagt: »Laß es gut sein, Georg, ... ich werde zu Dir, in Deinen Pfarrhof, ziehen und Deine Wirtschaft führen, ... nie, nie werde ich heiraten, denn nie werde ich einen Mann so lieb haben wie Dich ...« Alles, alles falsch, jedes Wort erlogen; sie hatte es nur gesagt, weil sie wußte, wie sehr er an ihr hing, wie schwärmerisch er sie liebte ... Er hatte ihr geglaubt – damals –, hatte sich dieses geschwisterliche Zusammenleben so schön und friedlich ausgemalt und sich, in der Hoffnung darauf, halb und halb mit seinem Lose ausgesöhnt. Wie mochte sie ihn ausgelacht haben, ihn, der alles glaubte, weil er selbstniemals log! Sie hatte ihn besänftigen, zum Nachgeben bestimmen wollen, alles hatten sie angewendet, um sein weiches, allzu zärtliches Sohnes- und Bruderherz zu besiegen, ... und nun? Tadel, Unzufriedenheit von der einen, Gleichgültigkeit und Spott von der anderen Seite, – das hatte er erreicht. Er stützte sich auf das Treppengeländer, blickte abwärts und dachte, dachte, dachte ... Erst als er die Stimme seiner Mutter rufen hörte: »Wo bleibst Du, Georg?« schreckte er aus seinem trüben Sinnen empor, antwortete: »Ich komme schon,« und kehrte langsamen Schrittes zu der alten Frau zurück.
Der Arzt und Paula saßen am Frühstücktische; den Kaffee hatten sie bereits getrunken, der Vater las in einem Zeitungsblatt, Paula saß ihm gegenüber und rührte mit dem Löffel in der geleerten Tasse herum.
»Vater, ...« sagte sie endlich.
Er blickte auf.
»Ich möchte Dich bitten, Vater, mir den heutigen Tag frei zu geben ...«
»Gern. Was aber hast Du vor?«
Sie schwieg. »Muß ich's sagen?« fragte sie nach einer Weile.
»Nein. Du mußt nicht, wenn Du mir nicht freiwillig sagen willst, was Du im Sinne hast.«
»Dann will ich ... erst später ...« Sie verstummte abermals und stand auf.
»Gehst Du ohne Toni?« fragte er unter dem Druck einer schweren Beklemmung.
»Ja, ... es ist besser so.«
Er beobachtete sie eine Weile. Gleich einem Bilde aus Stein stand sie da, so blaß, so unbeweglich, denBlick ins Leere geheftet. Er hielt nicht länger an sich. Dieser Zustand war unerträglich, am Ende! Rasch erhob er sich, ging zu ihr hin und packte sie bei den Händen.
»Sag mir, Kind, was aus dem allen werden soll!« sprach er mit unterdrückter Stimme. »Ich habe lang geschwiegen, ... monatelang, ... länger halte ich dieses Leben nicht aus. Liebst Du mich und Deine Schwester denn gar nicht mehr?« Seine Brust hob und senkte sich wie im Krampfe; er zitterte an allen Gliedern. Erschüttert blickte Paula ihn an, ihre Lippen zuckten wie von zurückgedrängtem Weinen.
»Habe Geduld mit mir,« sagte sie. »Es dauert nicht mehr lang. In ein paar Tagen ist alles vorüber.« Fröstelnd zog sie die Schultern in die Höhe ... »Ich weiß nicht, ... mir wird immer so kalt, wenn ich daran denke,« murmelte sie, aufs neue schaudernd.
Er gab ihre Hände frei, schritt eine Zeitlang im Zimmer auf und ab und blieb dann wieder vor ihr stehen.
»Wo ist der Kooperator jetzt?« fragte er.
»In Kufstein, bei seiner Familie.«
»Wann kommt er zurück?«
»Morgen, glaube ich ...«
»Dann bleibt er also noch vier Tage hier. VierJahrewerden mir diese Tage erscheinen. Was hat dieser unglückliche Mensch aus meinem Kinde gemacht!« sagte er mit dumpfer Wut und nahm sein Hin- und Herwandeln wieder auf.
»Er geht ja ohnedies,« sprach Paula in bitterem Tone. »Es hat ihnen keine Ruhe gelassen, als bis sie ihn abermalsaus der kaum gefundenen Heimat treiben konnten ... In Gottes Namen!« Sie wendete sich zum Gehen. »Leb wohl Vater; ich muß fort.«
»Wann kehrst Du zurück?«
»Mit dem Abendzug komme ich wieder.«
Er ließ sie gehen. Sie begab sich in ihr Zimmer, zog ihren Mantel an und setzte ihren Hut auf, trug der kleinen Schwester auf, artig zu sein, erteilte der Magd einige Weisungen und verließ sodann das Haus.
Das Wetter war trübe und kalt; einzelne Regentropfen fielen vom Himmel und die blasse Aprilsonne verkroch sich hinter die Wolken. Langsam schritt Paula dem Bahnhof zu, löste an der Kasse eine Fahrkarte und wartete in der Halle auf das Kommen des Zuges. Nach zehn Minuten traf er ein. Paula stieg in ein leeres Coupé, und als der Zug sich neuerdings in Bewegung setzte, ließ sie ein Fenster herab und blickte hinaus auf die Gegenden, an denen der Zug vorüberbrauste. Berg reihte sich an Berg, ein jeder anders gebildet, ein jeder schön; Hügel kamen und Wiesen, Dörfer, Kirchen, Kapellen tauchten auf und verschwanden. Paula schaute alles an, was sich da zeigte und rasch wieder unsichtbar wurde, und versank in Nachdenken.
Sie dachte an das, woran sie immer dachte, Tag und Nacht, ununterbrochen. Daß das Gehirn nicht stumpf und müde wird, wenn es immer und ewig denselben Gedanken durcharbeiten muß! Paula legte die Hand an die schmerzende Stirn. Wer hätte das jemals geglaubt! Was, was war aus ihr geworden! ... Diese schönen Berge!Ja, wer so stark, so groß sein könnte wie sie. Dieser weite, endlose Himmel! Diese friedlichen, kleinen Kirchen, der Trost so vieler Menschen, die Zuflucht der Verarmten!Ihrwaren diese Kirchen ein Bild des Schreckens; sie wuchsen empor, riesengroß, und ihre steinernen Mauern, ihre Türme und Glocken, ihre Altäre und Heiligenbilder drängten sich zwischen ihr Herz und ein anderes, ihr so namenlos teueres Herz ... Noch vier Tage, nur noch vier Tage und dann ... Gott im Himmel! Ist's nicht genug, daß Du den Tod eingesetzt hast, muß auch noch das Leben kommen, um die Menschen voneinander zu reißen!
Sie hatten nichts verbrochen. Daß er sie, sie ihn liebte, ... wen kümmerte das? Seit der Neujahrsnacht hatten sie sich kaum gesprochen, oft tagelang nicht gesehen. Aber siewußtendoch, daß sie einander nahe. Nun werden bald Berge zwischen ihnen liegen; sie wird ausgehen und ihn nirgends finden, – und er, – wie wird er leben können ohne sie? Ein Blick, ein Wort, ein Gruß, – das alles ist so viel, wenn man liebt, – und alles entbehren müssen, alles, bis auf das kleinste ... Du gehst fort und ich bleibe hier ... Unerträglich! Unmöglich. Und dennoch wird es getragen sein müssen,wirdgetragen werden und das Leben wird den alten Gang gehen. Das war es eben. Ja, wenn man sterben könnte. Aber nein. Das Leben bleibt, ... keine Sorge! Das geht nur dann, wenn man es lieb hat ...
Der Zug hielt bei einer kleinen Station. Ein alter Kapuzinermönch bestieg das Coupé, wo Paula saß, und ließ sich in der Nähe des jungen Mädchens nieder. Siedankte seinem stummen Gruß und betrachtete ihn. Er sah armselig und bekümmert aus, sein Haar und Bart waren ungepflegt, sein Auge blickte traurig. »Hat man auch Dich gezwungen, Mönch zu werden?« dachte Paula. Aufs neue starrte sie zum Fenster hinaus.
Was für ein herrlicher Mensch er geworden wäre, wenn sie ihn seinen eigenen Weg hätten gehen lassen! Er besaß nichteinenhervorragenden Fehler. Vielleicht daß er zu weich, zu schwach gewesen war, ... aber wer weiß, mit welchen Mitteln sie auf ihn eingewirkt und ihn zum Nachgeben gezwungen hatten. Er war ja sonst kein Schwächling; daß er sich unglücklich fühlte, hatte sie erraten; er selber klagte niemals und klagte niemanden an; immer war er freundlich, gut, teilnahmvoll. Als er eines Tages zu ihr kam und sagte: »Der Vikar in Keßten ist gestorben und ich bin zu seinem Nachfolger bestimmt,« als er bemerkte, was für einen Eindruck diese Mitteilung auf sie ausübte, daß sie sich mit beiden Händen am Tisch festhalten mußte, um nicht umzufallen: da war er stark geblieben, hatte noch zu lächeln und sie zu trösten versucht. »Liebe Freundin,« hatte er gesagt, »versprechen wir uns gegenseitig, daß wir während der kurzen Zeit, die ich noch hier verbringe, den bevorstehenden Abschied mit keiner Silbe berühren wollen, ... er wird frühe genug kommen. Das Heute gehört uns; was morgen erfolgt, kümmere uns heute nicht. Wer weiß, ob wir es erleben.« – »Ja, ja, wir wollen nicht davon sprechen,« hatte sie mit tonloser Stimme erwidert und beide hatten Wort gehalten.
Sie meinte ihn vor sich zu sehen, – so klar stand sein Bild vor ihrem seelischen Blick; seine Art zu grüßen, seinen Gang, seine Bewegungen, – alles glaubte sie zu sehen. Viele seiner Worte fielen ihr ein ... Dichter zog sie den Schleier vor das Gesicht und bedeckte die Augen mit den Händen. Jetzt schaute sie die Kirche ihres Dorfes ... Dort sah sie ihn häufig, denn sie besuchte das Gotteshaus immer, wenn sie ihn drinnen wußte. Er hatte sie einmal darum gebeten und sie hatte ihm noch keinen Wunsch abgeschlagen und würde es auch niemals tun; und doch war es eine Qual für sie, ihn in der Kirche zu sehen. Wie war er dort verändert! Diese eigentümlich unsichere Haltung am Altar und auf der Kanzel, ... und wenn er predigte, wie zaghaft hob er zu sprechen an! Und doch predigte er gut; liebevoll und duldsam. Seine nicht kräftige, sich leicht umschleiernde Stimme drang zum Herzen; er tadelte niemals; höchstens daß er ermahnte, daß er seine Gemeinde bat und beschwor, so zu leben, daß sie dereinstens ohne Furcht Rechenschaft ablegen könnte über ihre Taten ... Augustinus und Thomas von Kempten waren seine Lieblinge; von diesen zitierte er oft wundervolle Aussprüche, erklärte sie, führte sie aus, begeisterte sich daran ... Alle wolltenihmbeichten, weil er so gut, so nachsichtig war; so ganz anders als der Dekan und der junge Mönch, ... und das war es eben, was diese ihm nicht verzeihen konnten. Sein Herz, sein innerstes Wesen riefen ihn immer wieder zurück in die Welt, zu den Menschen, zu den Freuden des Familienlebens, ... er verstand und entschuldigte alle Fehler und Schwächen,und deshalb mußte er fort. Dem Kleide nach gehörte er dem Priesterstand an, aber nur dem Kleide nach; sie konnten ihn nicht brauchen; ein unnützes Glied, mußte er abgehauen werden und verschwinden. In jenem abgelegenen Ort, wohin sie ihn verbannten, konnten seine allzu große Duldsamkeit und Menschenliebe nicht viel schaden; dort mochte er verkümmern. Das wollten sie, und so wird es auch geschehen.
Sie erwachte aus ihrem Sinnen. Beobachtete sie jemand? Sie glaubte einen Blick zu spüren, schaute auf und begegnete den Augen des alten Mönches.
»Ich sehe Sie schon lange an,« sagte dieser zu ihr. »Warum sind Sie so traurig?«
Paula ließ den Kopf hängen, gab jedoch keine Antwort.
»Wohin fahren Sie?« fragte der Mönch weiter.
»Zuerst nach – Dorf. Von dort will ich mit einem Wagen nach Keßten fahren.«
»Bis nach Keßten führt Sie kein Wagen. Die Wege sind zu schlecht, zu schmal und zu steil. Das würde kein Pferd aushalten.«
»Dann werde ich zu Fuß gehen.«
»Das ist ein langer und beschwerlicher Weg. Und den wollen Sie ganz allein machen? Erwartet Sie in – Dorf jemand?«
»Niemand.«
»Dann geben Sie acht, daß Sie sich nicht verirren.«
»Ich kann ja manchmal nach dem Weg fragen,« sagte Paula.
»Haben Sie in Keßten Freunde oder Verwandte?« fragte der Mönch nach einer kurzen Stille.
»Nein.«
»Weshalb suchen Sie in der jetzigen unfreundlichen Jahreszeit diesen weltentlegenen Ort auf?«
»Ich will ihn kennen lernen,« sagte Paula und nichts weiter.
Der Mönch gab das Fragen auf, betrachtete aber das ernste, blasse Mädchen aufmerksam. Der Zug langte am Ort an, wo Paula aussteigen mußte. Sie erhob sich und verabschiedete sich von dem Mönche.
»Der Friede des Herrn komme über Sie,« sagte dieser und sah sie bedeutungsvoll an. »Ich will für Sie beten. Gelobt sei Jesus Christus.«
»Amen,« sprach Paula trübe und verstört und verließ den Waggon. Sie wartete, bis der Zug davongefahren war, und schlug dann den Weg zum Dorfe ein. In einem sauber aussehenden Wirtshause kehrte sie ein, suchte die Wirtin auf und fragte, ob diese ihr einen Wagen zur Verfügung stellen könnte.
»Wohin wollt's denn fahren?« fragte die Wirtin.
»Nach Keßten.«
»O mei! Das is weit. Bis zum Berg kann i Ihna scho' fahren lassen, ... aber über'n Berg hinüber müßt's halt z' Fuß laufen.«
»Das will ich ... Bitte, lassen Sie nur gleich anspannen.«
»Wollt's was essen oder trinken?«
»Nein, ich danke.«
Die Wirtin führte sie in die Gaststube. Paula setzte sich und wartete auf den Wagen. Nach Ablauf einer halben Stunde fuhr dieser am Tor vor. Hastig ging Paula hinaus, nahm an der Seite des Kutschers Platz und das Pferd setzte sich in Bewegung.
Es war sehr kalt. Paula hüllte sich fester in ihren Mantel, der Kutscher breitete eine Pferdedecke über ihre Füße und meinte gutmütig: »Kan' fein' Tag habt's Euch just net ausg'sucht.«
»Das ist wahr,« sagte Paula mechanisch. Ihr Nachbar war sehr gesprächiger Natur. Er machte sie auf mancherlei aufmerksam, nannte ihr die Namen der Dörfer, an denen sie vorbeifuhren, sagte ihr, wie die Berge hießen und fragte sie wiederholt, ob ihr nicht kalt wäre. »Ös[17]seid's so blaß,« fügte er sich gleichsam entschuldigend hinzu. Sie beruhigte ihn; ihr wäre nicht kalt, er möchte nur rasch fahren.
»Wie lange braucht es, um über den Berg zu gehen, der nach Keßten führt?« fragte sie.
»Wer'n schon drei Stunden sein.«
Er trieb das Pferd zu größerer Eile an. Sie kamen sehr rasch vorwärts und hatten nach zweistündiger Fahrt ihr Ziel erreicht.
Am Fuße des Berges lag ein kleines Dorf. Paula war steif und ausgekältet von der Fahrt, und da sie auch Hunger zu spüren begann, beschloß sie, sich vor ihrer Wanderung ein wenig zu stärken. Sie ließ sich vomKutscher ein Wirtshaus zeigen und verlangte dort nach Speise und Trank. Die Kellnerin fragte sie, wohin ihr Weg sie führe, und Paula gab abermals die gewünschte Auskunft.
»Nach Keßten!« sagte das Mädchen. »Aber bleiben werdet's net dort?«
»Nein. Ich halte mich bloß ein paar Stunden dort auf.«
»Ah so!«
»Ist denn Keßten ein so schrecklicher Ort?« fragte Paula.
»I' woaß net, ... i' bin nie noch drenten g'west. Aber g'falln' tut's koanem, hab' i' g'hört.«
Paula stellte keine weitere Frage, verzehrte ihr einfaches Mahl, beglich ihre Schuld und machte sich dann auf den Weg.
»Nur immer g'rad' hinauf!« rief die Kellnerin ihr nach. »Es is' nur der oane Weg ... Ös könnt's gar net fehl gehen.«
Paula dankte für die Auskunft und schritt langsam den Berg hinan. Auf dem schmalen Wege lagen halb verfaulte Blätter, rechts und links standen entlaubte Bäume und über allem hing ein grauer, wolkenschwerer Himmel. Manchen Baum hatte der Sturm geknickt, und sie lagen quer über den Weg und ihre dürren Äste raschelten unter dem Fuß der einsamen Wanderin. Um sie herum war es so still, nichts lebte in der noch winterlichen, abgestorbenen Natur, und diese schweigende Trauer senkte sich tief und tiefer in Paulas ahnungschweres Herz. Ihr warzumute, als ob sie weinen, als ob sie jemanden um Hilfe anrufen müßte ... »Warum sind Sie so traurig?« hatte der fremde alte Mönch sie gefragt. »O! Nicht meinetwegen! Meinetwegen nicht, frommer Vater. Hinlegen möchte ich mich auf die nasse Erde, möcht' langsam verhungern, wenn ich dadurch seinen Frieden und sein Glück erkaufen könnte. Aber was Menschen und Bücher auch sagen, – ohnmächtig ist die Liebe; sie kann weinen und fühlen, – aber helfen, ... das ist ihr oft versagt.«
Nach zweistündiger Wanderung hatte Paula den Gipfel des Berges erreicht. Vom raschen Gehen war ihr warm geworden, ihr Herz schlug laut und ihre Wangen glühten. Sie holte tief Atem und schaute in das Tal hinab. Zu ihren Füßen lag das Dorf Keßten. Von zwei Seiten schlossen es rauhe Felsen ein, nach Osten und Norden lag es frei und man erblickte in diesen Himmelsgegenden Wiesen, Wälder und kleine Ortschaften. Das Kirchlein des Dorfes stand außerhalb des Ortes, auf einem schmalen, baumlosen Hügel; die Häuser lagen zerstreut. Waren sie wirklich so klein und armselig oder täuschte die Entfernung? Und welches mochte der Pfarrhof sein? Kein Haus überragte das andere; an keines schloß sich ein Garten an; neben einigen befanden sich wohl kleine Gemüsegärten, aber Bäume und Lauben waren nirgends zu sehen.
Mit einem bangen Seufzer schickte Paula sich an, ihren Weg fortzusetzen. Der Pfad abwärts war steil und unbequem. Stellenweise kam Paula ins Laufen und war oft nahe daran, auszugleiten. Erschöpft, atemlos und mit zitternden Knieen langte sie unten an und sah jetzt dasDorf in der Nähe. Ihr Blick hatte sie nicht betrogen. Diese Häuser waren nichts Besseres als ärmliche Hütten. Einige alte Leute, Männer und Frauen, kamen ihr entgegen. Die wollte sie eben nach dem Pfarrhof fragen, als sie schaudernd innehielt. Diese Leute, erkannte sie nun, waren Kretins; sie grinsten sie an, lallten unverständliche Worte und schwankten an ihr vorüber.
»GliederseinerGemeinde!« dachte Paula und ging, seltsam erschüttert, weiter. Vor der ersten der Hütten stand eine Bäuerin und an diese richtete Paula ihre Frage.
»Der Pfarrhof liegt drunten, am anderen End' vom Dorf, g'rad' gegenüber vom Freithof[18],« sagte die Frau. »Aber was wollt's denn dort? Unser Herr is g'storben und der neue Vikar is noch net kimma.«
»Aber die Wirtschafterin des verstorbenen Vikars wohnt doch noch dort?«
»Ja. Also zuderwollt's.« Die Frau sah sie halb neugierig, halb mißtrauisch an. »Seid's von ihrer Freundschaft[19]?«
»Ja,« sagte Paula, grüßte und ging weiter. Als sie durch das Dorf schritt, fiel ihr die Dürftigkeit der Häuser noch peinlicher ins Auge; ein Rudel schmutziger Kinder trieb sich auf der Straße umher; alle stierten sie verwundert an. Jetzt hatte sie den Friedhof erreicht und blickte um sich. Eines der Häuser, einstöckig, mit grauen Fensterläden und einem vielfach geflickten Schindeldach, machte einen etwas besseren Eindruck als die umstehenden.
»Das muß der Pfarrhof sein,« dachte Paula, ging auf das Haus los und klopfte an das Tor.
»Herein!« rief drinnen eine weinerliche Frauenstimme. »Wer ist denn da?«
Paula öffnete das Tor und trat in den Hausflur. Eine schwarz gekleidete, ungefähr fünfzigjährige Frau kam ihr entgegen. Von Gestalt war die Frau klein und schmächtig, sie hatte ein verhärmtes Gesicht und rotgeweinte Augen. Ihr ganzes Wesen drückte schüchterne Verzagtheit aus.
»Was steht zu Diensten?« fragte sie, durch den Anblick einer Fremden sichtlich in Angst versetzt.
»Verzeihen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Paula. »Ich werde Sie nicht lang aufhalten; ich habe Sie nur einiges zu fragen.«
»Wollen Sie nicht hinaufspazieren, ins Wohnzimmer vom seligen Herrn?« fragte die Frau und Tränen schossen in ihre Augen und liefen über ihre eingefallenen Wangen; hastig trocknete sie sich das Gesicht mit der Schürze ab. Sie ging voran und geleitete Paula in ein über alle Begriffe unwohnliches Gemach. An den schadhaften Stellen der Wandmalerei und an den Löchern in den Wänden konnte man erkennen, daß hier Möbel angerückt gewesen waren und Bilder und Gardinen gehangen hatten. Ordnungslos, teilweise in Stroh gewickelt, standen Möbelstücke umher, auf einem mit Staub bedeckten Tisch und einigen Stühlen lagen Pakete. Die Frau säuberte die Stühle und wischte mit der Schürze den Staub von denselben und bat Paula dann, Platz zu nehmen.
»Die Sachen gehören dem neuen Herrn Vikar,« sagte sie. »Vor ein paar Tagen sind sie angekommen. Ich traue mich nichts anzurühren, ... es könnte dem Herrn nicht recht sein. Aber schrecklich traurig sieht's hier aus, ... wie in einer Möbelhandlung oder bei einer Versteigerung.«
»Sie sollten doch Ordnung schaffen,« bemerkte Paula. »Bedenken Sie den Eindruck, den diese Unordnung auf einen Ankömmling machen muß!«
»Was kann ich tun?« entgegnete die Frau mit trübem Kopfschütteln. »Weiß ich denn, ob ich das Richtige treffe!«
»Ich werde Ihnen dabei behilflich sein,« sagte Paula und legte Hut und Mantel ab. »Ich kenne Ihren neuen Vikar. Er wird uns Dank wissen, wenn wir die Wohnung zu seinem Empfang ein wenig herrichten.«
Die arme Frau ging auf den Vorschlag gern ein. Sie machten sich an die Arbeit, packten die Möbel aus, hingen Gardinen an die Fenster, schlugen im Nebenzimmer das Bett auf, und Paula erwies sich bei allem, was sie anfaßte, so geschickt und unermüdlich, daß die Frau nicht mithin konnte, das junge Mädchen zu bewundern.
»Vieles fehlt noch,« sagte Paula, als sie fertig waren, zog ein Notizbuch hervor und schrieb einiges auf.
»Ich dachte mir, daß dem so sein würde, und deshalb bin ich gekommen. Das Küchengeschirr hat der Herr Vikar ganz und gar vergessen.«
Sie lächelte flüchtig; es machte ihr Freude, wie eine Hausfrau für ihn sorgen zu dürfen, und nachdenklich rieb sie sich die Stirn. »Habe ich alles notiert?« fragte sie sich selbst. Ja. Ihr praktischer, hausmütterlicher Sinnhatte alles übersehen. Sie wußte, was noch angeschafft werden mußte, auf daß die Wirtschaft, wie es sich gehörte, geführt werden konnte.
»Versäumen Sie nur nicht, die Fenster am Tag offen zu lassen, damit frische Luft in den Zimmern herrsche,« sagte sie und setzte sich erschöpft und mit erhitzten Wangen nieder. »Und am Tag, wo der Herr Vikar ankommt, heizen Sie in den Stuben tüchtig ein ... Es ist noch sehr kalt und der Herr Vikar nicht kräftig.«
Die Frau versprach das alles zu tun und schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht.
»Ich kann's noch immer nicht glauben, daß mein guter Herr tot ist, daß ein anderer ...«
Tränen erstickten ihre Stimme.
»Sie haben den verstorbenen Vikar wohl sehr lieb gehabt, nicht wahr?« fragte Paula, das trostlose Gesicht der Frau teilnahmvoll betrachtend.
Diese fing laut zu schluchzen an. »Gott weiß, wie sehr er's verdient hat, daß alle Leut' ihn lieb gehabt haben,« sagte sie endlich. »Er war ein so braver Herr und so wohltätig und geduldig; denn hier zu leben ist keine leichte Aufgabe, meine liebe Fräul'n; aber er hat alles ruhig ertragen, bis zum letzten Augenblick und hat immer noch auf die Armen gedacht ... Und jung war er auch noch, ... bereits erst vierzig Jahre alt und hat schon sterben müssen. Aber es ist ihm immer vorgegangen, daß er bald sterben wird, und wie wir hergekommen sein – das sein nun bereits fünf Jahre her –, hat er zu wir gesagt: ›Leni,‹ hat er gesagt, ›wirst sehen, hier halte ich'snicht lange aus; ich werde es machen wie die anderen, die hier gewesen sein, ich werde bald sterben.‹«
»Warum sagte er: ich werde es machen wie die anderen?« fiel Paula erblassend ein. »Ist denn das Klima hier so ungesund?«
»Sehr, meine liebe Fräul'n. Schauen Sie einmal zum Fenster hinaus; sehen Sie, von zwei Seiten kann der Wind herkommen und Wind haben wir das ganze Jahr. Und schauen Sie sich die Wiesen an, ... nichts als sumpfiger Boden; deswegen kriegen's auch hier so leicht das Fieber. Und die Leut' hier sein arm; viel Kinder haben alle, ... aber sonst gibt es hier keinen Segen. Obst wächst keines und auch kein Getreide, ... die Luft ist so rauh, wir haben einen schrecklich langen Winter und einen so kurzen Sommer, und im Frühjahr schwemmt's den Schnee von den Bergen herunter, daß man verzweifeln könnt'. Ja, mein lieber seliger Herr hat hier nichts Gutes gehabt. Ich bitte Sie, wo alle arm sind, ist der Seelsorger auch arm; in anderen Pfarren muß die Gemeinde dem Geistlichen Abgaben entrichten, an Getreide oder sonst was, ... aber hier! Was sollen die Leut' hergeben, wenn sie selber nichts haben? Wenn ich reden wollt', könnt' ich manches erzählen ... Wir haben oft nicht gewußt, wie einfach wir leben sollen, um drauszukommen ... Und so viele Leut' sind hier alleweil krank und die Häuser liegen nicht beisammen, ... eines da, das andere dort, ... und die Kranken wollen doch, daß der Geistliche sie heimsuchen kommt. Und dann haben die Sappermenter die Kirche noch auf einen Berg hinbaut ... Denken Sie nur, was es heißt, jedenTag dort hinauf gehen! Bei jedem Wetter. Im Winter war es oft schier unmöglich, ... da hat der Herr sich erst mit einer Schneeschaufel den Weg frei machen müssen, ... die Messe muß halt doch gelesen werden und der Herr hätte es auch nicht anders getan, ... er war so brav. Aber gehustet hat er schon lang und das Fieber hat er auch gehabt, ... und dazu das schlechte Wasser und nur zweimal in der Woche Fleisch, ... und was für eines! Die Leut' haben ja recht, wenn sie den Ort den geistlichen Tod nennen; keiner der Herren ist hier gesund geblieben, ... alle sein lungenkrank geworden und gestorben.«
Ein kalter Schauer kroch durch Paulas Gebein. Lungenkrank geworden, – gestorben, – der geistliche Tod. Ihr war, als ob sich die Zukunft vor ihr öffnete, – groß, schwarz, unerbittlich. Darum also hatten sie ihn hierher verbannt.
»Weshalb wurde Ihr Vikar, der doch ein braver Priester war, gerade nach Keßten versetzt?« fragte sie gedankenlos.
»Das mag der liebe Himmel wissen! Soviel ich gehört habe, hat er's einem Freund zuliebe getan; der war nicht recht gesund und hätte nach Keßten kommen sollen, und da hat halt mein Herr gebeten, sie möchten ihn statt seinem Freund hierherschicken. Sie haben recht, Fräul'n; ein braver Priester gehört an einen besseren Ort und es sein halt auch immer schlechte Herren hier gewesen, ... oder nicht gerade schlechte, aber halt leichtsinnige Herren, die nicht gut getan haben. Hier freilich sein alle still und dasig geworden und alle haben wieder fort wollen, ...aber die Herren in Salzburg sein ein bissel streng, wenn einer von ihren Geistlichen sich was hat zu schulden kommen lassen, und so haben sie einem jeden geschrieben, er soll nur bleiben, wo er ist. Und sie sein auch alle hier geblieben, ... draußen, auf dem Freithof, liegt einer neben dem anderen.«
Nach vorne gebeugt, die Finger krampfhaft ineinander verschlungen, saß Paula da; in ihrem leichenblassen Gesicht spiegelte sich eine so qualvolle Bangigkeit wider, daß die Frau, von einer unbestimmten Ahnung erfaßt, ihren Stuhl hart an den des Mädchens rückte und die Hand auf Paulas Arm legte.
»Warum geht Ihnen das Schicksal der armen fremden Herren so nahe?« fragte sie leise.
Paula haschte nach den abgearbeiteten Händen der Frau und schaute ihr in die Augen. Es war ein langer, langer, flehender Blick.
»Ich will Ihnen sagen, warum,« sprach sie dann stoßweise. »Sie sind gut, Sie werden mich verstehen. Sie wollen doch dem neuen Vikar die Wirtschaft führen?«
»Wenn er mich mag ...«
»Er wird. Sagen Sie ihm nie, daß ich hier war. Er ... er kümmert sich nicht um mich« (sie wandte das Gesicht ab bei diesen Worten), »ich bin ihm ... gleichgültig. Er braucht also von alledem nichts zu wissen.« Sie hielt einen Augenblick inne. »Und noch eines,« sprach sie hierauf. »Achten Sie auf ihn, sorgen Sie für ihn, wie Sie es für Ihren nun toten Herrn getan haben. Sie werden ihn lieb gewinnen, er ist gut und wirdSie rücksichtsvoll behandeln. Geloben Sie mir, das alles zu tun?«
»Mein Gott, ja. Ich werde den Herrn Vikar wie meine Augen behüten. Ist er noch jung?«
»Dreißig Jahre ist er alt,« sprach Paula. Ihre Stimme zitterte.
»Und Sie haben ihn halt gern,« sagte die Frau mitleidvoll.
Paula gab darauf keine Antwort.
»Leben Sie wohl,« sagte sie. »Ich habe einen weiten Weg vor mir und kann mich nicht länger aufhalten.« Sie drückte der anderen eine Banknote in die Hand und wehrte die Frau, die ihr die Hand küssen wollte, hastig ab. »Danken Sie mir nicht, ... Sie leisten mir viel größere Dienste, als ich jemals vergelten kann. Vergessen Sie nur nicht, was Sie mir versprochen haben. Seien Sie gut gegen ihn, ... er ... er braucht Teilnahme, ... und leben Sie wohl, leben Sie wohl.«
Rasch eilte sie aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus und lenkte den Schritt nach dem Kirchhof. Unter den ärmlichen Holzkreuzen ragte eine Reihe von Grabsteinen hervor; zu diesen ging Paula hin und las die Inschriften. Da lagen die »Herren« ... Das junge Mädchen kniete neben dem letzten der Gräber nieder, klammerte sich mit beiden Händen an den Stein und starrte auf das Grab. Der Fleck, auf dem sie kniete, war ein Stück ebener, mit Gras bewachsener Erde. Da drunten ruhte niemand; diese Wohnung war noch leer.
Zur selben Stunde saß Georg Harteck mit seinerSchwester am Fenster und plauderte mit ihr. Plötzlich gab es ihm von innen gleichsam einen Stoß und er schüttelte sich, als ob er Fieber hätte.
»Ist Dir kalt?« fragte Anna. »Soll ich das Fenster schließen?«
»Nein,« antwortete er. »Mir lief nur ein Schauer durch den Leib. Es geht schon wieder vorüber.«
»Weißt Du, was das nach dem Aberglauben der Leute bedeutet?« fragte die Schwester mit leisem Lachen. »Daß jetzt jemand auf Dein Grab getreten ist ... So ein Unsinn!«
Zum Tode matt und mit schwerem Herzen erreichte Paula am Abend den Bahnhof. Sie hatte nicht nur den Berg aufs neue übersteigen, sondern auch den Weg vom Fuße des Berges bis zur Bahnstation zurücklegen müssen und kam kurz vor Eintreffen des Zuges an ihrem Ziele an. Ihre Stimme klang erschöpft, als sie jetzt den Schaffner bat, ihr ein möglichst leeres Coupé anzuweisen, und der Mann war gefällig genug, ihr einen Waggon aufzuschließen, in dem sich nur ein einziger Passagier befand. Dieser stand am Fenster und wendete sich um, als er jemanden einsteigen hörte; doch er kehrte dem jungen Mädchen, das still in der entgegengesetzten Ecke Platz nahm, sogleich wieder den Rücken zu, lehnte sich ins offene Fenster und sah neuerdings auf die Gegend hinaus. Paula würde ihren Reisegefährten wahrscheinlich gar nicht beachtet haben, wenn nicht der schwarze, weit über die Kniee reichende Rock und das schwarze Kollare ihr verraten hätten, daß sie mit einem katholischen Priester fuhr. Längere Zeit, vielleicht umirgendeine Beschäftigung zu haben, blickte sie ihn prüfend an. Er war sehr sauber gekleidet, hatte ein Reisetäschchen, an einem Riemen befestigt, um den Leib hängen, und unter seinem schwarzen, runden Hut quoll dichtes, blondes Haar hervor. Auf der Bank neben ihm lagen ein Buch und mehrere Zeitungen.
Der Schaffner zeigte sich auf dem Trittbrett und streckte den Kopf zur Tür herein.
»Wohin fahren Sie, Fräulein?« fragte er.
»Nach St. Jakob,« antwortete Paula und wies ihr Billett vor. Bei diesen Worten drehte der junge Geistliche sich plötzlich um und sah das junge Mädchen flüchtig an. Er war noch sehr jung und sein hübsches, von der Gebirgsluft frisch gefärbtes Gesicht ließ auf Intelligenz, Selbstvertrauen und Entschlossenheit raten; seine graublauen Augen blickten ein wenig kalt und um seinen vollen roten Mund lag ein Zug, der eine gewisse trotzige Härte bekundete. Die Gestalt des jungen Mannes erreichte die Mittelgröße und war schlank, obschon durchaus kräftig. Er machte den Eindruck eines geistig und körperlich gleich gesunden Menschen.
»Hochwürden fahren auch nach St. Jakob?« fragte ihn der Schaffner.
Der junge Geistliche nickte stumm und nahm seine vorige Stellung wieder ein.
Der Schaffner zog sich zurück, ein Pfiff ertönte und der Zug setzte sich in Bewegung.
Von ihrem Mitpassagier war keinerlei Störung zu befürchten und Paula wußte ihm Dank dafür: miteinem Fremden zu sprechen wäre ihr qualvoll gewesen. Im Geiste jedoch legte sie sich die Frage vor, was dieser junge Mann in St. Jakob zu tun haben mochte, ob er bloß auf Besuch käme oder ob er vielleicht Georgs Nachfolger wäre. Sein Nachfolger! Bei diesem Worte erwachte wieder alles: der bevorstehende Abschied, das Nimmerwiedersehen, ... sie sah den häßlichen Ort vor sich, von dem sie kam, den dürftigen Pfarrhof, die arme Frau mit den rotgeweinten Augen, den Gottesacker, die Gräber, ... und die entsetzliche Bezeichnung des Ortes: der geistliche Tod klang traurig wie ein Zügenglöcklein in ihrem Ohre nach ... Wenn sie allein gewesen wäre, würde sie sich auf die Bank gelegt und recht, recht bitterlich geweint haben.
Der junge Geistliche stand noch immer am Fenster und fuhr fort, die Gegenden zu betrachten, obwohl er nicht mehr viel sehen konnte. Der Abend war hereingebrochen, Berg und Tal verschwammen in dunklen Umrissen. Sie waren ihrem Ziel schon nahe, als der junge Mann, des zwecklosen Hinausstarrens müde, seinen Platz am Fenster verließ, sich setzte und nach einer Zeitung griff. Die Lampe im Waggon verbreitete ein nur spärliches Licht und der Geistliche gab das Lesen bald wieder auf. Er fuhr mit der Hand ein paarmal über seine Augen, verkreuzte die Beine, trommelte mit dem Fuß auf dem Boden, sah nach der Waggondecke, den Fenstern, den Bänken und endlich nach Paula. Er hatte jenen eigentümlichen, kalt abweisenden Blick, über den manche junge Geistliche verfügen, sobald sie Frauen ansehen. Sie scheinen dann mit den Augensagen zu wollen: Gebt Euch keine Mühe; Ihr und wir haben miteinander nichts zu schaffen; für uns existiert Ihr nicht.
Paula war sich bewußt, den Priester längere Zeit fixiert zu haben; sie hatte es ohne Arg, ja, fast mechanisch getan. Jedoch sein scharfer, ans Feindselige streifender Blick belehrte sie, daß er es übelgenommen. Gleichgültig wendete sie die Augen von ihm ab.
Der junge Mann schien unter dem Druck einer großen Ungeduld oder Unruhe zu sein. Paula konnte ihn zwar nicht sehen, weil sie absichtlich vermied, ihn anzublicken; aber sie hörte ihn bald aufstehen, bald wieder Platz nehmen, seine Handtasche auf- und zuschnallen, auf seinem Sitze hin- und herrücken und einige Male seufzen. Die Fahrt dünkte ihn wohl schon lang. Als der Zug endlich in St. Jakob einlief, stand der Geistliche hastig auf, hatte jedoch, trotz seiner sichtbaren Ungeduld, die Höflichkeit, zu warten, bis seine Reisegefährtin ausgestiegen sein würde. Paula verbeugte sich flüchtig, bevor sie das Coupé verließ, der Geistliche lüftete den Hut und damit trennten sie sich.
Auf dem Perron erblickte Paula zwei wohlbekannte Gestalten: ihren Vater und an seiner Hand die kleine Toni. Sie eilte auf sie zu und küßte beide, der Arzt gab ihr den Arm, Toni faßte sie bei der Hand und so schritten sie, in scheinbarer Eintracht, ihrem Heim zu.
Das Abendbrot stand schon auf dem Tisch, im Ofen brannte ein helles Feuer und die Lampe verbreitete im Gemach ein trauliches Licht.
»Du bist gewiß recht müde, hungrig und ausgekältet,« sagte der Vater und half Paula Hut und Mantel ablegen,während Toni mit geschäftiger Eile die Hausschuhe der Schwester herbeibrachte. »Komm, setze Dich, mein Kind; erwärme und stärke Dich.«
In Paulas Augen blitzten Tränen. Dieser liebevolle Empfang rührte sie und erweckte ein Gefühl der Reue in ihrer Brust. Wie sehr vernachlässigte sie diese Menschen, die ihr vor kurzem noch so viel, ja, alles gewesen waren!Siehatten sich nicht verändert; was aber war mit ihr vorgegangen! Seit vielen Tagen fehlte ihr der Mut, das Bild der Mutter anzuschauen und sie um ihren Segen anzuflehen. Sie wußte, daß die Tote, wenn sie sprechen könnte, jetzt nicht mehr sagen würde: »Ich bin mit Dir zufrieden, Paula.«
Als Toni schlafen gegangen war, stand Paula auf, kniete neben dem Vater nieder und legte die Arme und den Kopf auf seinen Schoß. Er beugte sich auf sie herab und streichelte sanft ihr Haar. Lang, lang blieben beide stumm.
Endlich sagte Paula: »Du fragst mich nicht, wo ich heute war. Ich will es Dir unaufgefordert sagen. Ich war in Keßten. O Vater, der Ort ist greulich. Sie heißen ihn den geistlichen Tod, weil die Luft dort so ungesund und die Seelsorge so beschwerlich ist, daß die Priester über kurz oder lang zugrunde gehen. Du weißt, Vater, daß er ... Herr Harteck, wollte ich sagen, ... nicht stark ist auf der Brust ... Ich beschwöre Dich« ... und sie blickte auf und hob die gefalteten Hände zu ihm empor ... »ich beschwöre Dich, rette ihn. Wenn Du ihn auch nicht liebst, ... so kannst Du doch nicht wünschen, daß er sterben soll!«
»Ich wünsche nichts dergleichen,« versetzte der Arzt. »Was aber vermag ich zu tun? Soll ich mich in die Angelegenheiten mir völlig fremder Personen mengen? Mich um das Schicksal eines Priesters kümmern, der, wie leider allenthalben bekannt ist, meine eigene Tochter liebt? Soll ich zum Dekan gehen und ihn bitten, den Herrn hier zu lassen?«
»Nein, Vater. Daß er gehen muß, ... darein habe ich mich gefunden. Aber nicht dorthin! Nicht an jenen traurigen Ort! Du brauchst ja bloß zu sagen, daß Du, als Arzt, für dringend geboten hältst, daß Harteck nach dem Süden gehe, ... daß die Herren ihn anderswohin versetzen möchten ...«
»Was aber würde der Geistliche dazu sagen? Er hat meinen ärztlichen Rat niemals begehrt und ist, soviel ich weiß, gesund. Ich kann mich ihm doch nicht aufdrängen.«
»Das sollst Du auch nicht. Gib mir nur Dein Wort, daß Du so sprechen wirst, wenn Deine Meinung verlangt werden sollte, ... alles andere überlaßmir.«
»Das verspreche ich Dir gern,« sagte er und strich mit der Hand ihren Scheitel glatt. »Was aber hast Du vor? Ich spreche nicht von mir, bloß von Dir. Du wirst Deinen Ruf, Deine Zukunft, Dich selbst zugrunde richten, armes Kind.«
»Ich habe nichts Schlimmes im Sinn,« antwortete Paula. »Ich gedenke nur Herrn Harteck zu bestimmen, sich von Dir untersuchen zu lassen, – weiter nichts. Ich bereite Dir vielen Kummer, Vater, ich weiß es. AberGott ist mein Zeuge, daß ich es nicht mit Willen tue; wenn ich allein elend wäre, würde niemand darunter zu leiden haben, ... am allerwenigsten Du und Toni. Aber daß aucherunglücklich ist, ... das ist es, was mich niederdrückt. Ich bin nun einmal so angelegt, daß ich diejenigen, die mir teuer sind, nicht leiden sehen kann, ohne daß mir das Herz darüber bricht.«
»Du bist jung,« sprach der Arzt. »Ein langes Leben liegt vor Dir. Du wirst vergessen lernen.«
»Niemals,« sagte Paula feierlichen Tones. »Ich werde ihn nie vergessen, Vater.« Sie stand bei diesen Worten auf und reichte ihm die Hand. »Nun gute Nacht,« sagte sie. Er schaute sie an und, von einem inneren Impulse getrieben, warf sie sich an seine Brust.
»Verzeih mir, ... verzeih mir ...«
Er war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Stumm hielt er sie an sein Herz gedrückt, – seine Brust arbeitete heftig. Wohl stand ein Schatten zwischen ihm und dem Glück seines Hauses, er sah die Tochter elend und konnte nicht helfen. Aber er besaß doch wieder ihr Vertrauen, offen lag ihr krankes Herz vor ihm, er sah, daß in diesem verirrten Herzen noch Liebe für ihn wohnte und Reue, und er fing aufs neue zu hoffen an, daß alles noch gut werden könnte. Sie, die er in seinen Armen hielt, war die alte, schon verloren geglaubte Tochter; dem Himmel sei Dank! sie war endlich, endlich zum Vater zurückgekehrt.