Achtzehntes Kapitel

Gewissenhaft hatte Joachim alle diese Pflichten erfüllt; nun schickte er sich an, den letzten Wünschen des Freundes gerecht zu werden. Georg hatte ihn gebeten, alle Briefe, die er vorfinden würde, zu verbrennen, und Juchei warf sie, ohne ihren Inhalt zu prüfen, in den Ofen. Es waren Briefe von der Familie und Bekannten des Verstorbenen, – jetzt wert- und inhaltlos, da derjenige tot, an den sie gerichtet gewesen. Als Joachim auf mehrere Photographien stieß, zögerte er einige Augenblicke ... Sollte er auch diese vernichten? Es waren die Photographien von Georgs Anverwandten; ferner eine Photographie Jucheis, die dieser dem Freunde gegeben, als sie voneinander schieden, und endlich die Photographie der armen Kathei. »Er hat sie lieb gehabt und mein Bild hielt er in Händen,« dachteJuchei. »Mögen diese beiden denn verschont bleiben.« Er verwahrte sie an der Brust, die drei andern aber schleuderte er mit einer fast zornigen Gebärde in das Feuer. »Brennt zu!« murmelte er zwischen den Zähnen. »Ihr seid des Aufbewahrtwerdens nicht wert.« Er blätterte weiter in den Papieren und fand eine Anzahl unvollendeter Briefe vor; sie waren von Georgs Hand geschrieben, ohne Datum. Für wen waren sie bestimmt gewesen? Ohne Mühe erriet er's. Sie enthielten größtenteils nur einige Worte und ihr Inhalt war der gleiche, wenn auch die Worte verschieden lauteten. Aus jedem klang der sehnsuchtsvolle Ruf: »Komm! Komm zu mir!« ... Was mochte in dem Herzen des Mannes vorgegangen sein, als er die Worte schrieb? Die Briefe waren nicht vollendet, nicht abgeschickt worden, ... sie lagen da, das beredte Zeugnis der Schlacht, die Pflicht und Leidenschaft in der Brust des nun Stillen geschlagen hatten. Joachim blickte starr auf sie herab. Wenn er sie dem Mädchen brächte? ... »Würdest Du damit einverstanden sein, Georg? Soll ich diese kostbaren letzten Erinnerungen zerstören oder sie derjenigen geben, der sie zugedacht waren? Sprich nur ein Wort, gib mir ein Zeichen, auf daß ich das Rechte finde!« ... In schwerem Kampfe stand Juchei da; dann aber besann er sich. Der Freund hatte ihm aufgetragen,alleBriefe zu verbrennen; er hatte wohl auch diese Zeugen seiner Schwäche ins Grab mitnehmen wollen. »SeinWille vor allem!« dachte Juchei. »Ihr aber will ich sagen – Oder nein. Ich werde ihr nichts davon sagen. Er hat darüber geschwiegen, folglich wollte er, daß sie nichtsdavon höre, ... und was für ein Trost wäre es auch für sie, zu wissen, daß er sich so sehr nach ihr gesehnt und sie doch nicht gerufen hat? Dieser traurige Herzenskampf soll ihr verborgen bleiben. Hat er mich doch in seinen letzten Lebensstunden mit aufgehobenen Händen beschworen, ihr niemals zu sagen, wie sehr er gelitten hat, ... er wollte sie schonen, ... fort mit euch!« Seine Hände zitterten, als er die Briefe in das Feuer steckte; in kauernder Stellung verblieb er vor dem Ofen und starrte in die Flammen, die die Papiere beleckten und verzehrten. Damit war diese Arbeit abgetan. Auf dem Tische lagen noch einige Schriften: Georgs Taufschein, seine Schulzeugnisse und endlich das Dekret, das seine Priesterernennung bestätigte. Diese Papiere band Juchei zusammen und legte sie in die Lade. Dann sank er auf einen Stuhl, stützte den Arm auf den Tisch, die Stirn auf die Hand und verharrte lange Zeit in dieser Stellung. Das Öffnen der Tür erweckte ihn aus seiner Versunkenheit, – er fuhr in die Höhe.

»Was gibt es?« fragte er und strich sich das Haar aus der Stirn. Er sah die Wirtschafterin im Zimmer stehen.

»Die Frau Schwester vom Herrn Vikar ist da,« sagte die Frau und brach in Tränen aus, wie es nun einmal ihre Gewohnheit war.

»So! Schön,« sagte Juchei mechanisch. »Sie soll nur hereinkommen.«

Sie trat nach wenigen Momenten ein, ganz in Schwarz gekleidet, ihren sauber frisierten, ebenfalls in Schwarz gekleidetenKnaben an der Hand. Sie sah blaß, aber ruhig aus; ihre Augen zeigten nicht die Spur einer Träne. Wer hier der wahrhaft Trauernde – ob die Schwester oder der Freund –, darüber konnte wohl niemand im Zweifel sein. Joachim bot das jammervolle Bild aller jener, die einen teuren Menschen in seiner letzten Krankheit bis zum Ende gepflegt haben. Die letzten schrecklichen Wochen, Tage und Stunden spiegeln sich wider in den verhärmten Zügen, den verschwollenen Lidern, den geröteten Augen, ... sogar in der vernachlässigten Kleidung. Des jungen Priesters Gesicht und Haltung erzählten von durchwachten Nächten und hinabgewürgten Tränen, und man brauchte ihn bloß anzusehen, um zu erraten, was alles er durchgemacht hatte in der letzten Zeit. Der Schwester sah man nichts an.

Sie begrüßte ihn mit Anstand und reichte ihm die fein gantierte Hand. Die junge Frau war sorgfältig gekleidet und frisiert. Ihr gewöhnlich spöttisch-lächelndes Gesicht hatte einen der Gelegenheit angemessenen ernsten Ausdruck angenommen. Sie hatte ihrem Söhnlein zugeflüstert, den Hut abzunehmen und nun befahl sie dem Knaben, zu grüßen. Der Kleine gehorchte. Sein hübsches, altkluges Gesicht verriet Neugier, er blickte in der Stube umher und fragte leise: »Mutter, wo ist der Onkel?«

»Sei still,« sagte Anna. »Die Mutter hat mich nicht begleitet,« sagte sie zu Perkow gewendet. »Sie ist kränklich und schwerfällig und ich drang darauf, daß sie allen diesen Aufregungen fernbleibe ... Sie ist ohnehin ganz desperat und wird ihren Sohn nicht lang überleben, fürchte ich, ... ihr Geist ist wie gestört ... Wer hätte das auch ahnenkönnen! Als der Bruder uns im Frühjahr besuchte, war er noch ganz gesund.«

Sie machte ein Pause. Die sorgfältig gekleidete junge Dame, die so ruhig und zusammenhängend sprach; der neugierige, wohlerzogene Knabe, – sie waren Blut von Georgs Blut. Juchei konnte es kaum glauben.

Anna, der sein Schweigen unbequem war und die in seinen Mienen las, daß sie keinen günstigen Eindruck auf ihn machte, fuhr mit einiger Hast zu sprechen fort: »Ich wäre früher gekommen, wenn Sie mir nicht geschrieben hätten, daß der Bruder mein Fernbleiben wünsche. Der arme Georg war immer ein wenig eigensinnig. Es tut mir wirklich leid, daß Sie alle die Plage allein gehabt haben.«

»Plage!« wiederholte Perkow mit so markiertem Hohn, daß Anna nicht umhin konnte zu fühlen, sie hätte abermals ein falsches Wort gewählt. Ein leises Rot färbte ihre Wangen.

»Wo liegt der Bruder?« fragte sie und zog ihr Taschentuch hervor.

»Nebenan,« antwortete Juchei und wies auf die Tür.

Anna führte das Taschentuch an den Mund und begab sich, also vorbereitet, in das Totenzimmer. Mit Verachtung blickte Perkow ihr nach ...

Beim Anblick des Toten fing Anna zu weinen an. Der Knabe, noch zu jung, um zu verstehen, was der Tod bedeute, starrte die Leiche und die umstehenden fremden Menschen mit halb erschrockenen Augen an. Dem Beispiel der Mutter folgend, hatte auch er sein kleines Taschentuch hervorgeholtund an die Lippen gebracht. Er bemühte sich auch redlich zu weinen wie sie, doch das wollte ihm nicht gelingen. Er flüsterte bloß: »Wie schlecht es hier riecht, Mutter!«

»Schweig,« herrschte diese ihn mit unterdrückter Stimme an, trat an den Sarg heran und blickte in das Gesicht des Toten. Ihn zu küssen, vermochte sie nicht. Nicht jener Scheu wegen, die Leichen einflößen, ... etwas anderes war es, das sie davor zurückhielt; etwas Geheimes, Uneingestandenes, das sie quälte, seit ihr die Kunde seines Todes zugekommen. Jetzt sprach es laut und lauter, und wie sehr sie sich auch bemühte, die lästige Stimme zum Schweigen zu bringen; wie eindringlich sie sich auch vorsagte, daß es nun doch zu spät wäre, daß Vorwürfe nichts mehr nützten, ... die Stimme redete fort und flüsterte ihr zu, daß sie nicht schwesterlich an dem Toten gehandelt, daß sie und die Mutter sein weiches Herz mißbraucht hätten, daß er glücklicher hätte werden können, wenn sie und die Mutter nicht eingegriffen hätten in sein Schicksal. Diese Selbstvorwürfe waren ihr unangenehm; sie verabscheute alles, was ihre heitere Ruhe störte. Ihre Tränen versiegten und kalten Blickes starrte sie in das Antlitz des Toten, auf den schwarzen Talar, in den Juchei ihn gekleidet, auf das Kreuz in seinen Händen, auf das schwarze Barett, das ihm zu Häupten lag ... Warum hatte er nachgegeben?Siewürde sich, der Mutter zuliebe, nicht geopfert haben ...

Perkow trat in das Zimmer und gebot den Leuten in gedämpftem Tone hinauszugehen. Sie grüßten schweigend und entfernten sich.

Der junge Geistliche näherte sich dem Sarge und sah den Toten an.

»Er ist arg verändert,« sagte Anna leise.

»Ja. So hart und fremd sieht er aus, wie mein Georg niemals gewesen ist.« Seine Stimme bebte, und mit sanfter Hand richtete er an den Kleidern des Toten, glättete das Kissen unter seinem Haupt und streichelte sein Haar. Der Blick des jungen Priesters hing dabei so liebevoll an dem starren Gesicht des Freundes, wie etwa eine Mutter ihr totes Kind betrachten würde. »Und doch,« fuhr er fort, »sieht man selbst jetzt noch, wie schön er war, ... das Profil wie rein und edel ... O Georg!« Er neigte sich auf ihn herab und legte die Stirn auf die kalten Hände.

Von tiefstem Unbehagen erfaßt stand Anna da. Ja, der hatte sich keinen Vorwurf zu machen; in dessen Brust erweckte der Anblick des Toten nur lichte, erhebende Erinnerungen; der durfte ihm nahen und ihn berühren sonder Scheu noch Selbstanklage. Er hatte ihn nie gekränkt, ihm nie weh getan, war ihm im Leben und im Sterben treu zur Seite gestanden ... Mit einem furchtsamen Blick streifte Anna die rührende Gruppe, nahm den Knaben bei der Hand und ging aus dem Zimmer.

Perkow folgte ihr nach einer Weile.

»Erzählen Sie mir von ihm,« sagte Anna, setzte sich und zog den Kleinen an ihre Seite.

Joachim machte eine ablehnende Bewegung.

»Jetzt nicht,« erwiderte er. »Ich kann wirklich nicht. Vielleicht später einmal, ... bis ich ruhiger geworden bin.«

»Wie Sie wollen. Lassen Sie uns von anderemsprechen. Was soll mit Georgs Sachen geschehen? Hat er sich diesbezüglich geäußert?«

»Ja. Ein Testament hat er zwar nicht gemacht: es wäre auch kaum der Mühe wert gewesen ... Seine Bücher und Möbel dachte ermirzu, ... als Erinnerung an ihn.«

Anna sah den Sprecher forschend und mißtrauisch zugleich an. Wenigstens kam es ihm so vor. Er schaute ihr mit durchbohrendem Blick in die kalten, hellen Augen.

»Glauben Sie mir etwa nicht?«

»Was fällt Ihnen ein? Wie sollte ich nicht, ... sobald Sie es sagen. Übrigens haben Sie sich diese bescheidene Erbschaft redlich verdient ... Hat er Geld hinterlassen?«

»Geld?« sprach Juchei mit bitterem Lachen nach. »Sie scheinen nicht zu wissen, daß seine Einnahme eine sehr karge war ... Das wenige, was er besaß, ist für die Herbeischaffung des notwendigsten Hausrates aufgegangen. Wir mußten sogar sein Klavier verkaufen, um die Kosten der Krankheit zu decken, ... und der Rest von diesem Verkaufe muß auf die Bestattung und den Grabstein verwendet werden. Was er sonst hinterläßt, wie seine Wäsche und Kleider und die Kücheneinrichtung, steht zu Ihrer Verfügung. Wie gräßlich ist es doch, von alledem sprechen zu müssen,« schloß er und kehrte sich angewidert von ihr ab.

»Wir sind ja schon fertig,« sagte Anna und stand auf. »Kann ich hier im Dorf Unterkunft für die Nacht finden?«

»Im Gasthof sind noch ein oder zwei Zimmer frei. Dort können Sie übernachten.«

»Und das Begräbnis ist ... um wieviel Uhr?«

»Um acht Uhr.«

»Ich will Sie denn nicht länger stören. Sie bedürfen der Ruhe.«

»Der Einsamkeit vor allem,« dachte Juchei.

»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Anna. Er aber begleitete sie bis an die Tür und öffnete dieselbe. Anna verbeugte sich, der kleine Knabe grüßte höflich, und damit gingen sie.

Joachim schüttelte sich und seine Züge überflog ein Ausdruck, der halb Erstaunen, halb Widerwillen war. Daß ein solcher BruderdieseSchwester haben konnte! Aber er wollte nicht nachdenken über sie; die hohle Puppe war es nicht wert.

In der Ruhelosigkeit, die ihn seit Georgs Tode quälte, beschloß er, teils um irgend etwas zu tun, teils um mit Anna nichts weiter besprechen zu müssen, die Hinterlassenschaft des Freundes zu ordnen und zu verpacken. Die Haushälterin war ihm dabei behilflich; mit trübem Blick betrachtete er, als sie fertig waren, die Kisten und verpackten Möbel und die unwohnliche Stube. Wie kahl es hier aussah, wie traurig!

Die Wirtschafterin trat ein, sah den jungen Priester einsam und verlassen in der Mitte des Zimmers stehen und fragte ihn schüchtern, ob er nichts zu essen begehre.

Er schüttelte den Kopf. »Aber Wein können Sie mir bringen.«

»Ja, Hochwürden.«

»Wo ist der Hund?«

»Unten, ... vor dem Hause.«

»Lassen Sie ihn herauf zu mir, ... ich möchte ihn um mich haben.«

Das Tier fühlte wie er, und darum sehnte er sich nach seinem treuherzigen Anblick.

Am nächsten Morgen, eine Viertelstunde vor acht Uhr, waren die Wohnstube und das Totenzimmer von Leuten überfüllt. Alle hielten einen brennenden Wachsstock in der Hand, wie es bei Begräbnissen der Brauch ist in Tirol. Anna brachte ihr Tuch nicht von den Augen, und als das Zimmer, wo der Tote lag, am vollsten war, beugte sie sich auf die Leiche herab und küßte den Bruder auf die Wange. Juchei stand im Nebenzimmer, abseits von den übrigen, starrte vor sich hin und fuhr manchmal mit der Hand nach dem Herzen. Einer der fremden Geistlichen näherte sich ihm.

»Jetzt wird der Sarg geschlossen,« flüsterte er dem jungen Amtsbruder zu. »Wollen Sie den Toten noch einmal ansehen?«

»O nein,« antwortete Juchei. »Ich habe schon Abschied von ihm genommen, heute nacht, als wir allein waren ... Lassen Sie den Sarg schließen.«

Das war bald geschehen. Vier Männer luden die Bahre auf die Schultern; die Anwesenden ordneten sich und folgten dem vorangetragenen Sarge. Die Glockenbegannen zu läuten. So hatten sie auch geläutet, als Georg einzog in das Dorf; damals hatten sie ihn willkommen geheißen und heute riefen sie ihm die letzten Grüße zu.

Nach einer Stunde war alles vorüber. Georg ruhte im Grabe, unter derselben Scholle, auf der Paula gekniet hatte, als sie das Grab seines Vorgängers betrachtete. Die Wohnung war jetzt nicht mehr leer.

Der Dekan hatte das Telegramm, Hartecks Ableben meldend, richtig erhalten und war im ersten Augenblick, obschon die Nachricht nicht unerwartet kam, so bestürzt darüber, daß er nicht wußte, was er mit der fatalen Neuigkeit anfangen sollte. Er hatte das Gefühl, als ob er die Kunde solang wie möglich geheim halten müßte, hätte aber nicht recht erklären können, warum er so dachte. Dann drückte ihn das Geheimnis wieder in so hohem Grade, daß er seine Nichte aufsuchte und ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, was geschehen war.

Das sonst so erregbare Fräulein nahm die Mitteilung mit großer Fassung entgegen.

»Es war vorauszusehen,« bemerkte sie ruhig, »wir alle sind sterblich, und ich begreife nicht, lieber Onkel, wie diese Nachricht Dich so sehr erschüttern kann ... Bist Du denn für das Leben oder Sterben dieses Herrn verantwortlich?«

»Du hast recht,« sagte der Dekan sichtlich erleichtert, und Aurelie, froh etwas zu wissen, was noch nicht aller Welt bekannt war, und hauptsächlich begierig, daß dieNachricht sobald wie möglich zu den Ohren der ihr antipathischen Paula Reinberg gelange, beeilte sich auf die Straße zu gehen und wartete ungeduldig, bis irgend jemand käme, den sie mit dieser Mission betrauen könnte. Zufällig führte den jungen Schullehrer sein Weg am Pfarrhof vorüber; und Aurelie, die wußte, daß der junge Mann kein Freund des Verstorbenen gewesen, redete den Lehrer an und teilte ihm ohne Einleitung die Todeskunde mit. Ihre Worte erzielten jedoch keineswegs die gewünschte Wirkung. Fritz Stettner erblaßte, starrte sie an und machte sich, ohne die Lippen geöffnet zu haben, eiligst davon. Was halfihmdes Mannes Tod? Er war nicht rachesüchtig, nicht schadenfroh, wenigstens nicht bis zu dem Grade, um jemandem ernstlich Übles zu wollen. Und Paula war ja doch für ihn verloren. Wie einstens der Lebende, würde jetzt der Tote zwischen ihr und ihm stehen ... Und selbst wenn Paula den Priester niemals kennen gelernt hätte, ...ihnwürde sie trotzdem nicht geliebt haben. Lang bevor Harteck kam, hatte er um ihre Liebe geworben und sein Werben war ein vergebliches gewesen. Während des letzten Jahres hatte er, Hartecks wegen, viel gelitten; in früherer, besserer Zeit hatte er immer noch gehofft, – mit Hartecks Kommen hatte das aufgehört. Er hoffte längst nicht mehr; aber er liebte auch nicht mehr. Das Mädchen, zu dem er aufgeblickt wie zu einem hehren Götterbild, war zu einem recht menschlich schwachen Geschöpf herabgesunken. Er sah sie ganz erfüllt von einem Manne, den zu lieben ihr nicht erlaubt war, sah sie ihre heiligsten Pflichten vernachlässigen und allem, was nicht jener Mann war, kalt, trotzig undteilnahmlos gegenüberstehen. Ihr Haupt beugte sich nicht vor dem richtenden Urteil der Welt, unumwunden zeigte sie, daß ihr an allem blutwenig gelegen war, daß sie die Menschen und ihren Richtspruch verachtete und mit ihnen auchseinetreue und reine Liebe, und das brachte den jungen Mann allmählich zur Besinnung. Der Heilung war freilich ein schwerer Kampf vorangegangen; endlich aber war sie doch erfolgt. Was er heute für Paula empfand, hätte er selber nicht recht zu sagen vermocht. Eines jedoch war ihm klar: wenn sie ihn jetzt geliebt hätte, würdeersie verworfen haben. Er wollte nicht vorlieb nehmen mit dem, was ein anderer ihm gnädig zurückließ, wo er so ganz, so tief sich hingegeben hatte. Paula flößte ihm heißes Mitleid ein, obschon es mit der hohen Achtung, die er einstens für sie gehegt hatte, vorüber war. Nur mit Widerstreben würde er ihr weh getan haben, ... da er nicht mehr liebte, konnte er verzeihen. Er seufzte, als er jetzt durch das Dorf schritt und das Haus Paulas erreichte. Unwillkürlich stand er da still. Wußte sie schon ...? Er spähete zu den Fenstern empor und sah die kleine Toni hinter einem derselben stehen. Sein braunköpfiger Liebling von ehemals ... Wie schnöde hatte ihn das Kind stets behandelt! Und er hatte alles ertragen, Paula zuliebe, ... ja, mehr noch, er hatte das undankbare Kind wirklich lieb gehabt ... O dieses Haus, die Fenster, der Garten, ... hier war seine Welt gewesen, all sein Glück und Schmerz. Jetzt lag Schnee auf dem Dach und den Bäumen, und auch inseinHerz war der Winter gezogen. Es ist doch etwas unsagbar Trauriges um eine untergegangene Liebe ...

Noch immer sah er traumverloren zu Toni empor, und da auch sie den Blick auf ihn gerichtet hielt, winkte er ihr mit der Hand, zu ihm herab zu kommen. Die Kleine schüttelte zuerst den Kopf, dann aber mochte die Neugier die Oberhand gewinnen; sie verschwand vom Fenster und nach Ablauf einer Minute stand sie neben dem Lehrer. Sie hatte ein Tuch um Kopf und Hals gewickelt und ihre Händchen steckten in einem Muffe. Ihr rotwangiges Gesicht und ihre großen braunen Augen schauten fragend zu dem Manne empor.

»Prr! Es ist kalt,« sagte sie, hin- und hertrippelnd. »Weshalb haben Sie mich gerufen, ... bei dieser Kälte?«

»Ich habe Dir etwas zu sagen,« antwortete er ernst.

Sie begann zu fühlen, daß es mit ihrer Macht über ihn zu Ende war; so fremd und kühl hatte er sonst nicht gesprochen. Ihr Köpfchen beugte sich und, ohne ihn anzusehen, fragte sie mit leiser Stimme: »Was denn?«

»Sag Deinen Leuten, daß der Vikar Harteck gestorben ist,« versetzte er.

»O!« rief sie und wurde purpurrot. »Das ist nicht wahr!«

»Du ungezogenes Kind!« entgegnete er. »Ich werde doch nicht lügen.«

»Ja, ... aber ...« Sie brach in Tränen aus. »Ich will nicht, daß er tot ist ... Paula! Paula!« rief sie dann sehr laut, kehrte blitzschnell um und rannte in das Haus hinein.

Horchend blieb der Lehrer stehen.

»Paula! Paula!« hörte er die verhallende Stimmeder Kleinen rufen. Das Herz wurde ihm plötzlich sehr schwer ... Im Hause herrschte Grabesstille. Kein Seufzer, kein Schluchzen, kein Aufschrei drang an sein lauschendes Ohr. Ein Rest der alten Liebe lebte noch einmal in ihm auf ... Sollte er hineingehen und Paula zu trösten versuchen? Ihm bangte vor dieser Lautlosigkeit ... Schon tat er einen Schritt nach der Schwelle hin. Da aber war ihm, als zöge eine unsichtbare Hand ihn zurück. Paula würde ihn ja doch von sich weisen, wie sie es immer getan hatte ... Nein! Sie wollte nichts von ihm, wollte allein sein, – mochte sie's denn allein tragen. Und rasch entschlossen ging er nach Hause. –

Der Geschäftigkeit Aureliens war es mittlerweile gelungen, das gesamte Hausgesinde von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen; wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch das Dorf; indessen regten sich die indolenten Bauern wenig darüber auf. Einer erzählte es dem anderen und dieser sagte: »So!« und »Ah!« und teilte es einem dritten mit und auf diese Weise ging es fort. Der Dekan, der absichtlich einen Gang durch das Dorf unternahm, um die Stimmung der Leute zu prüfen, fand, daß niemand daran dachte, irgendeinen Vorwurf wider ihn zu erheben und daß sich unter den Bewohnern, außer einer gewissen flauen Teilnahme, die die Todeskunde eines schon halb Vergessenen gewöhnlich hervorzurufen pflegt, nichts bemerkbar machte, und er wunderte sich jetzt über sich selbst, daß er etwas anderes hatte voraussetzen können.

Eine lebhaftere Bewegung hingegen entstand, als die Rückkunft Perkows bekannt wurde. Um Zeit zu sparen,hatte Joachim den mühsamen Weg über den Berg zurückgelegt und langte mittels der Eisenbahn in St. Jakob an. Auf dem Bahnhof hatten sich außer dem Dekan, dem jungen Mönch und Aurelien noch viele andere Leute eingefunden, und als sie den jungen Priester, den Hund Hartecks am Halsbande führend, nach dem Perron schreiten sahen, entblößten alle die Köpfe, und ehrerbietiges Schweigen herrschte ringsum.

Etwas wie Grabeshauch lag auf der Gestalt und dem Gesicht des jungen Mannes. Aus seinen Zügen war der frohe Lebensmut gewichen und kein Lächeln trat auf seine Lippen, als der Dekan auf ihn zukam und ihm die Hand entgegenstreckte.

»Sie haben – hm! – einen schweren Verlust erlitten,« redete der Dekan ihn an. »Ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.«

»Ich ebenfalls,« lispelte Aurelie.

»Danke,« sagte Juchei und faßte den Hund fester am Halsband. Das Tier stieß ein klägliches Winseln aus und drängte sich zitternd an die Kniee des Geistlichen. »Der Hund ist noch ganz verstört,« fuhr Joachim fort. »Er sucht beständig nach seinem Herrn.«

Der Dekan tätschelte Cäsars Kopf und Aurelie machte sich ebenfalls mit dem Tiere zu schaffen.

»Lassen Sie ihn lieber in Ruhe,« sagte Juchei. »Er ist sehr unzugänglich und bissig geworden.«

Das Fräulein tat einen affektierten Schrei und wich zurück. Joachim schenkte dem keine Beachtung, sondern sagte bloß: »Gehen wir nach Hause.«

Er grüßte die Leute, die ihm achtungsvoll Platz machten, und die kleine Gesellschaft schlug den Weg nach dem Pfarrhof ein.

Überall begegnete Joachim teilnahmvollen Blicken und Grüßen und der Hund erregte große Aufmerksamkeit. »Da ist sein Hund!« sagten viele mit leiser Stimme. Juchei sah weder nach rechts noch nach links und zog bloß mechanisch den Hut ab, wenn ein Gruß an sein Ohr schlug. Nur als sie am Hause des Arztes vorüberkamen, erhob er den Blick vom Boden und schaute auf das Haus. Da jedoch weder am Tor noch hinter den Fenstern jemand zu sehen war, senkte er die Augen wieder und schritt schweigend fürbaß.

Sie erreichten den Pfarrhof, und als Cäsar des ihm wohlbekannten Hauses ansichtig wurde, fing er zu rennen an, stürzte zum Tor hinein, über die Treppe hinauf und kratzte zitternd und heulend an die Tür, die in die ehemalige Wohnung seines Herrn führte. Joachim eilte dem Hunde nach. Mit großer Freude begrüßte ihn Cäsar, zerrte ihn an den Kleidern zur Tür hin, sprang an ihm empor, bellte und keuchte ... O! Diese Tiersprache war beredt genug: Öffne, öffne doch! Er muß ja hier sein ... Armes, treues Tier! ... Juchei tat ihm seinen Willen und schloß die Tür auf, – Cäsar schoß wie ein Pfeil hinein, durchsuchte die Zimmer, schnüffelte in jede Ecke und brach plötzlich in ein lautes, jämmerliches Geheul aus.

»Cäsar! Cäsar!« rief Juchei erschüttert, kniete bei ihm nieder und drückte seinen großen Kopf an die Brust. Der Hund schaute ihn mit blutunterlaufenen Augen an und knurrte zornig ...

»Ich kann Dir Deinen Herrn nicht wiedergeben,« sagte Juchei. »O! Wenn ich's könnte! ...« Er preßte die Hände an die Augen. Wie diese Räume ihn an alles mahnten! War es denn möglich, war es denn wirklich, unwiderruflich wahr?

Eine Magd rief ihn zum Abendessen. Er schloß den Hund in die Stube ein, verfügte sich in das Speisezimmer und setzte sich auf den Platz, den Georg sonst eingenommen. Mechanisch aß und trank er, beantwortete mechanisch die Fragen, die die Tischgesellschaft an ihn richtete, und wunderte sich nur über eines: daß alle Welt ihm sein Betragen gegen den toten Freund so hoch anrechnete, ihn darum belobte ... Was hatte er denn so Besonderes getan? Er hatte den Toten geliebt: verstanden die Menschen denn nicht, was das hieß?

Die Mahlzeit war kaum vorüber, als Juchei sich unter dem Vorwand großer Ermüdung erhob und zurückzog. Er ging jedoch bloß in seine Wohnung, um Cäsar zu holen und verließ dann mit dem Hunde das Haus. Die Leute im Dorfe schliefen bereits, und ohne daß jemand ihn sah, erreichte Joachim das Ziel seiner kurzen Wanderung, ... das Haus des Arztes. Er klingelte und fragte die ihm öffnende Dienstmagd, ob ihr Herr noch zu sprechen wäre. Sie bejahte die Frage, leuchtete ihm über die Treppe hinauf und bat ihn, einzutreten. Er klopfte an und trat in das Zimmer.

Die Familie hatte soeben das Abendbrot eingenommen. Der Arzt saß am Tische und rauchte, Paula ihm gegenüber, mit verschränkten Armen vor sich hinstarrend, undToni stand neben ihr. Als sie den Geistlichen und Cäsar eintreten sahen, erhob sich der Arzt und warf einen raschen Blick auf seine Tochter. Paula wollte sich erheben, vermochte es aber nicht. Sie sank auf den Stuhl zurück und schlug die Hände vors Gesicht. Schweigend standen der Arzt und Perkow da und schauten auf das junge Mädchen. Keiner war imstande, zu sprechen. Nur Toni näherte sich dem Hunde und streichelte ihn.

»Cäsar! Armer Cäsar!«

Das Tier schien sie nicht zu erkennen. Es zog den Schwanz ein und zeigte dem Kinde die Zähne.

»Cäsar, was hast Du?Ichbin es ja,« sagte Toni furchtlos und zärtlich. Der Arzt faßte sie am Arm und führte sie aus dem Zimmer.

»Der Hund ist krank; geh Du schlafen,« sagte er, kehrte dann zu den anderen zurück und bot dem Gast einen Stuhl an. Juchei setzte sich; der Arzt blieb stehen.

»Verzeihen Sie mein Eindrängen,« sagte Juchei endlich. »Es soll nicht wieder geschehen. Aber dieses eine Mal mußte es sein ... Ich bin gekommen, um Ihnen die letzten Grüße meines Freundes zu überbringen.«

Niemand antwortete. Paula verharrte unbeweglich in ihrer trostlosen Stellung. Man hätte sie für tot halten können, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein Zittern ihren Leib durchlaufen hätte.

»Bis zu seinem Ende,« fuhr Joachim fort, »hat ihn der Gedanke gequält, daß er Leid über Ihr Haus gebracht ... Lassen Sie mich hoffen, daß seine Reue, sein Tod Sie versöhnen ...«

Die Stimme versagte ihm.

»Alles ist vergeben und vergessen,« sprach der Arzt.

Paula erhob sich und ging aus dem Zimmer.

»Amen,« murmelte Juchei ihr nachblickend. Der Arzt tat dasselbe.

»Hat er viel gelitten?« fragte er dann.

»O!« sprach Joachim mit einer traurigen Bewegung. »Seine Jugend und die mörderische Krankheit kämpften einen fürchterlichen Kampf miteinander, ... aber sein Tod war ein sanfter. Er schlief in meinen Armen ein ...«

Eine neue Pause folgte.

»Sein Gemüt war – bedrückt,« sagte der Arzt hierauf. »Das ist eine siegreiche Waffe für diese Krankheiten. Aber ich will doch nach dem Mädchen sehen, ... Sie verzeihen, ... ich bin so sehr besorgt um sie.«

Er ließ den Gast allein. Nach einer Weile hörte Juchei die Tür gehen. Er blickte auf und sah Paula vor sich. Schweigend nahm das junge Mädchen ihren alten Platz ein. Sie saß nach vorne gebeugt, ihre Hände ruhten im Schoße, ihre Augen stierten ausdruckslos ins Leere. Perkow, der sie betrachtete, fand sie sehr verändert. Eine seltsame Starrheit lag auf ihrem Gesichte, unter ihren Augen liefen dunkle Schatten. Verweint sah sie nicht aus ... Sie hatte noch keine einzige Träne vergossen, seit sie das Unabänderliche erfahren.

Juchei erwartete, daß sie etwas sagen würde. Paula aber blieb stumm; sie blickte ihn nur unverwandt an.

»Sie sind doch zu beneiden,« sprach sie endlich, ohne die Augen von ihm zu wenden.

»Ich?« fragte er mit trübem Lächeln.

»Sie haben um ihn sein dürfen bis zum letzten Augenblick, während ich ...« Sie verstummte. »Ich würde es leichter tragen,« sprach sie dann, »wenn es so hätte kommenmüssen. Gegen das Schicksal sind wir machtlos. Wenn aber Menschen eingreifen in das Schicksal anderer und dabei ein solcher Jammer herauskommt, dann gibt es keinen Trost. Die Bitterkeit, der Haß vergiften den Schmerz. Ich kann nicht einmal weinen und trauern um ihn, alles in mir ist tot und versteinert. Sich sagen müssen, daß er noch leben und glücklich leben könnte, wenn nicht seine Mutter und Schwester ... Ich habe nie gewußt, was Haß ist. Jetzt aber weiß ich es.«

»Ich kann Ihnen darauf nur mit dem Ausspruch des Erlösers antworten,« erwiderte der Priester. »Vergeben wir ihnen, sie wußten nicht, was sie taten.«

»Ich bin nicht so mild gesinnt,« entgegnete Paula dumpf. »Ja, wenn es sich bloß ummich, ummeinGlück handelte! Wenn aber etwas, das ich liebe, getroffen wird, bin ich unversöhnlich. – Noch eines quält mich,« fuhr sie nach einer augenblicklichen Stille fort und legte die Hand an die Stirn. »Ich kann nicht zusammenhängend sprechen, ... mein Kopf ist so verwirrt ... Was wollte ich nur ...? Ja, das wollte ich sagen. Sie haben vorhin geäußert, daß Sie kein zweites Mal zu uns kommen würden. So muß es auch sein. Nicht meinetwegen.MeinLeben ist abgetan. Aber des Vaters halber. Um Ihnen das zu sagen, habe ich den Vater gebeten, mich mit Ihnen allein zu lassen. Er hat genug gelitten. Ich will von dieserStunde an versuchen, wieder für ihn und meine Schwester zu leben ... Vielleicht daß auf diese Weise mein Dasein noch einigen Nutzen bringen kann. Aber bevor Sie gehen, muß ich noch eine Frage an Sie richten. Harteck hat mich nie gerufen, ... und dennoch, ... glauben Sie, daß es ihm erwünscht gewesen, wenn ich trotzdem gekommen wäre? Oft, oft hat es mich übermächtig hingezogen zu ihm ... Dann aber sagte ich mir wieder: Wenn er's wollte, brauchte er Dich ja bloß zu rufen; weiß er doch, daß Du darauf wartest ... Und so schwankte und zauderte ich, bis es zu spät war. Und nun hetzt und verfolgt mich der Gedanke, daß er vielleicht auf mich gewartet hat und daß ich nicht gekommen bin ...«

»Beruhigen Sie sich darüber,« sprach Joachim. »Georg verstand so zu lieben, daß er sich selbst zu vergessen vermochte. Er hat Sie – warum sollte ich's Ihnen verschweigen? – sehr geliebt und redete noch im Todeskampf von Ihnen. Aber was er sagte, waren Dankesworte dafür, daß Sie allem diesen Jammer fern geblieben wären. Ihr Anblick würde ihn nur gequält haben; er hätte sehen müssen, wie Sie leiden um seiner Leiden willen und ohne ihm helfen zu können, und dieses Bewußtsein hätte ihn nur noch elender gemacht. Nein, so war es am besten.«

»Gott sei Dank!« sagte Paula. »Das war es, was ich zu wissen begehrte.«

Perkow erhob sich.

»Komm, Cäsar,« sagte er zu dem Hunde, »wir wollen nach Hause gehen.«

Er sprach diese einfachen Worte mit so müder Stimme,daß sogar der Hund, als verstünde er ihn, mitleidig seine Hand leckte.

»Die Toten sind nicht am schlimmsten daran,« sagte Juchei und gab Paula die Hand. »Aber die, die zurückbleiben ...«

»Zurückbleiben,« sprach Paula tonlos nach, »untröstlich, unversöhnlich.«

»Untröstlich gewiß,« sagte der Priester. »Ich würde nicht wert sein, daß er mich Freund nannte, wenn ich ihn jemals vergessen könnte ... Ich werde meinen Georg niemals vergessen. Leben Sie wohl.«

Sie ließ seine Hand fahren und er ging, den Hund mit sich führend. Sie blickte ihm nicht nach, sie starrte in die Luft. Gegenwart und Zukunft flossen ineinander. Sie sah voraus, daß es immer so bleiben würde, ... von jetzt an bis zum Tode. Tränenlos würde sie durchs Leben gehen, die Wunde würde im Verborgenen weiter bluten und langsam vereitern; sie würde bleiben, was sie in dieser Stunde zu sein bekannt hatte: untröstlich, unversöhnlich.

Zehn Jahre waren verflossen. An einem Oktobernachmittag war es, daß ein kräftig-schlanker Mann, der die schwarze Kleidung eines katholischen Priesters trug, durch die Straßen Salzburgs schritt. Er ging einher in selbstbewußter Haltung und man sah ihm an, daß er gewohnt war, das Haupt hoch zu tragen ... Flüchtig erwiderte er die Grüße der an ihm vorbeieilenden kleinen Buben und Mädchen, sah bald die Häuser an, an denen er vorüberging, bald empor zu den nahen Bergen, und seine männlichen, sonnverbrannten Züge nahmen dabei einen ziemlich ernsten, fast nachdenklichen Ausdruck an. Plötzlich hielt er im Gehen inne und blickte mit einer Bewegung der Überraschung auf ein freundliches, sauber gehaltenes Haus. Ein Name, an dem Haustor angebracht, war es, was seinen Blick getroffen hatte ... »Dr.Reinberg!« murmelte der Priester vor sich hin. »Ist es möglich? Sollte es derselbe Mann sein? So wären wir einander so nahe gewesen und ich hätte nichts davon gewußt?« Kopfschüttelnd wollte er seinen Weg fortsetzen, – da aber war ihm, als tauchte das Bildnis eines Toten vor ihm auf, als flüsterteeine einst geliebte, seit langen Jahren nimmer gehörte Stimme in sein Ohr: So eilst du vorüber an dem Hause, das dasjenige birgt, was mir das Liebste war auf dieser Welt? So eilst du vorüber und gehst nicht hinein und fragst nicht, wie es ihr ergeht und wie sie lebt? Bin ich schon ganz vergessen?

Rasch entschlossen wendete er sich um und lenkte den Schritt hinein in das Haus.

Während er die Treppe emporstieg, überkam ihn eine Art von Beklemmung. Jahre waren hinweggerauscht über alle jene Begebenheiten, die in dem abgeschiedenen und traurigen Dorfe Keßten sich abgespielt, – das Leben und Joachims Jugend hatten ihre natürlichen Rechte geltend gemacht, Ereignisse aller Art waren zwischen ihn und die Vergangenheit getreten und hatten das Bild des toten Freundes gewaltsam in den Hintergrund gedrängt. An Paula Reinberg vollends hatte er jahrelang kaum gedacht. Aber jetzt, wo er sich ihr so nahe wußte, sank die Schranke ein, die die Zeit aufgerichtet hatte, und scharf wie in alten Tagen grub der alte Jammer seine Zähne ein in des Mannes unruhig pochendes Herz.

Zögernd legte er die Hand an die Wohnungsglocke. Wie wird Paula ihn aufnehmen? Wird sein unvermuteter Anblick nicht alte, mühsam vernarbte Wunden aufreißen? Wird sie es ihm danken, daß er, ungerufen, ungebeten, zu ihr gekommen?

Er wußte selbst kaum, daß er an der Glocke gezogen: aber das Geläute, das nun erscholl, belehrte ihn,daßer es getan. Vorwärts denn! Zur Umkehr war es jetzt doch zu spät.

Eine Minute darnach trat er in das Wohnzimmer. Vom Sofa erhob sich eine schlanke, schwarzgekleidete Frauengestalt ... Des Priesters Herz empfand eine schmerzliche Regung. Nach zehn langen Jahren standen die zwei Menschen, die dem, der in Keßten begraben lag, das Teuerste gewesen waren und die auch ihn am innigsten geliebt hatten, einander zum erstenmal wieder gegenüber.

»Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind,« begann Paula und sah ihn mit warmem Blick an: mit einem Blick, wie ihn die Menschen nur für jene haben, die sie an eine gemeinsam verlebte frohe Zeit oder an ein gemeinsam empfundenes Leid erinnern.

»Ich wußte nicht, daß Sie sich in Salzburg aufhalten,« sagte Joachim. Seine Stimme klang bewegt.

»Wir sind erst seit kurzem hier, erst seit ein paar Wochen,« antwortete Paula mit erzwungener Fassung. »Mein Vater ist zum Bezirksarzt von hier ernannt worden ... Wir fühlen uns schon ganz heimisch in Salzburg, nicht anders, als ob wir schon jahrelang hier wohnten.«

Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, sich zu setzen; er folgte ihrer Aufforderung und Paula nahm ihren Platz auf dem Sofa wieder ein.

Er wußte nicht recht, was er ihr sagen sollte. Die Vergangenheit heraufbeschwören? Reden von Dingen, die so viel Leid gebracht? Dazu hatte er keinen Mut.

Aufmerksam hingen seine Augen an dem blassen, ernsten Mädchenbilde. In ihrem schwarzen Kleide, mit dem schlicht gescheitelten Haar sah sie beinahe matronenhaft aus. Es war die alte Paula und war es doch wieder nicht. IhreWangen waren hagerer geworden, sie war noch bleicher als ehedem und um ihre festgeschlossenen Lippen lag ein herber Zug. In ihre Stirn hatte die Zeit – wohl auch anderes – die ersten Falten gegraben; ihre Augen aber hatten einen sanften, schwermütigen Blick. »Ich habe entsagt:« stand nicht das in deutlichen Lettern in diesen tiefliegenden grauen Augen geschrieben?

Auch Paula betrachtete ihn mit forschendem Blick. Sie fand ihn wenig verändert; seine Gestalt war kräftiger, seine Züge gereifter geworden. Er sah so selbstbewußt aus wie in alter Zeit. Nur die Sturm- und Drangperiode, der Ungestüm und Überschuß an gärender, felsenfest an sich selbst glaubender Jugendkraft schienen einem gesetzteren Wesen, einer etwas nachsichtigeren Denkungsart gewichen zu sein. Wenigstens glaubte Paula, es aus seinen Zügen herauszulesen.

»Wir haben einander lang nicht gesehen,« sagte sie, ohne den Blick von ihm zu wenden. »Wie ist es Ihnen ergangen seit dem Tag, wo ...« Sie stockte plötzlich. Die Vergangenheitwarheraufbeschworen. Wie konnte es auch anders sein? Seit er das Zimmer betreten, hatten er und sie ja nur an das Eine, gemeinsam Erlittene, längst Begrabene gedacht.

»Seit dem Tag, wo wir in St. Jakob einander zum letztenmal gesprochen,« vollendete Paula nicht ohne Anstrengung.

»Mir ist es ganz gut ergangen,« versetzte Joachim. »Von St. Jakob bin ich, wie Sie wissen, bald abberufen worden ... Eine Zeitlang habe ich für Blätterunserer Partei geschrieben, bin auch Redakteur gewesen und bekleide derzeit die Stelle eines Sekretärs bei seiner Eminenz dem Fürsterzbischof von Salzburg. Er ist mir sehr freundlich gesinnt und ich hatte im verflossenen Jahr das Glück, ihn nach Rom begleiten zu dürfen, wobei mir die Gnade zuteil wurde, seiner Heiligkeit dem Papste vorgestellt zu werden. Übrigens reise ich morgen früh von hier ab.«

»Für immer?« fragte Paula.

»Wahrscheinlich für immer. Der Erzbischof von Wien wünscht, mich um sich zu haben, und ich trete von morgen an in seine Dienste. Das ist mir natürlich sehr angenehm, weil sich mir dadurch die Aussicht eröffnet, rascher vorwärts zu kommen, als es hier möglich wäre. Indessen tut es mir einigermaßen leid, von der Heimat scheiden zu müssen.«

»Sie haben es für Ihre Jugend weit gebracht,« sagte Paula. »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu allem, was Sie bis jetzt erstrebt haben und noch erreichen werden.«

»Besten Dank,« antwortete Joachim. »Es ist wahr, daß man allenthalben sehr wohlwollend gegen mich ist und meinen Fähigkeiten oder, wenn Sie wollen, meinem guten Willen die weitestgehende Anerkennung zollt.«

Paula sah ihn mit einem eigentümlichen Blick an; man hätte sagen können, daß Neid aus ihren Augen sprach. Dann wendete sie das Haupt zur Seite und ließ den Blick hinauf zum grauen Himmel schweifen.

»Es ist doch seltsam,« sagte sie dabei. »Zwei Menschen betreten denselben Weg, gehen weiter auf demselben Wege,haben die gleichen Bestrebungen, die gleichen Ziele, ... und mit einemmal trennen sich ihre Wege: den einen trägt der seine empor zu Ansehen und Ehren und den anderen führt er hinab in das Grab ...«

Sie ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin.

»Wenn er, wie ich, Lust und Liebe zu seinem Beruf gehabt hätte,« sprach Joachim mit einem Anflug von Strenge, »würde er gleichen Schritt mit mir haben halten können.«

Einen Namen zu nennen, war nicht nötig. Sie beide wußten ja, von wem sie sprachen, an wen sie dachten.

»Klagen Sie ihn nicht an,« sagte Paula und ihre Stimme zitterte. »O! Wenn die Menschenihmüberlassen hätten, sich seinen Lebensweg selbst vorzuzeichnen: wie anders wäre dann alles gekommen.«

Joachim sagte nichts darauf. Ihn, den Priester aus Überzeugung, berührte es immer peinlich, wenn er daran erinnert wurde, daß der Freund unglücklich gelebt hatte und unglücklich gestorben war,weiler das priesterliche Kleid getragen.

»Ich habe seine Mutter kennen gelernt,« hob er nach einer bedrückenden Stille wieder an.

Flüchtig sah Paula in sein Gesicht.

»Seine Schwester ließ mir keine Ruhe,« setzte er erläuternd hinzu. »Sie schrieb mir Briefe um Briefe, in denen sie mich immer wieder beschwor, sie und ihre Mutter zu besuchen, damit sie von mir hören könnten, wie Georg die letzten Lebenswochen zugebracht hätte und ob er christlichund ergeben gestorben wäre. Aber diese Schwester hatte einen so widerwärtigen Eindruck auf mich hervorgebracht, daß ich mich wahrscheinlich niemals entschlossen haben würde, ihrer Einladung Folge zu leisten, wenn nicht am Ende die Mutter selber mich brieflich gebeten hätte, sie doch, um Gottes willen, einmal wenigstens aufzusuchen: sie könne nicht ruhig sterben, wenn sie mich nicht vorher gesehen und gesprochen hätte.«

»Nun?« fragte Paula in dumpfem Ton, da er im Sprechen innehielt.

»Ich reiste denn nach Kufstein,« fuhr Joachim fort. »Es war etwa ein halbes Jahr nach Georgs Ableben. Als mich die Schwester vor seine Mutter führte, sah ich eine bejammernswerte, hinfällige Greisin vor mir, die kaum die Kraft hatte, sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben. Wie genau erinnere ich mich an jede Einzelheit, ... an die verdrießliche, ungeduldige Miene der Schwester und an das furchtbar blasse, strenge, vom Leid verwüstete Gesicht der alten Frau, – sogar an ihre Worte. ›Hilf mir auf‹, sagte sie zur Tochter. ›Ich bin so mühselig geworden, seit mir die Kunde seines Todes zugekommen ist‹ ... Könnte ich Ihnen nur denTonwiedergeben, in dem diese Worte gesprochen wurden ... Er drang mir bis ins Mark.« Paula beschattete die Augen mit der Hand. »Unwillig genug leistete ihr die Tochter die gewünschte Hilfe,« erzählte der Priester weiter. »Ich las ihr vom Gesichte ab, daß ihr die gebeugte alte Mutter, der tote Bruder, kurz alles, was sie in ihrer Behaglichkeit störte, unsäglich lästig war ... ›Eine gute Schwester ist sie ihm gewesen,‹fuhr die alte Frau, zu mir gewendet, fort. ›Warum ist sie nicht rechtzeitig zu ihm geeilt? Hast ihn unter Fremden sterben lassen, Deinen einzigen Bruder,‹ sagte sie zur Tochter. ›Gott vergebe es Dir.‹ – Die Junge zog ein Gesicht und blieb die Antwort darauf schuldig. Ich aber konnte mich nicht enthalten, zu sagen: ›Es war ihm viel lieber so; er hat mit keinem einzigen Wort nach seiner Schwester verlangt.‹ – Das schien doch einigen Eindruck auf das stahlharte Gemüt der Jungen zu machen, ... wenigstens fuhr sie zusammen und ging rasch aus dem Zimmer. Einem Steinbild gleich saß die alte Frau vor mir, ... es wurde mir fast unheimlich sie anzusehen. ›Wie geduldig und liebevoll er im Vergleich zu meiner Tochter gewesen ist,‹ sprach sie mit klangloser Stimme. ›Wenn Gott mir nur sagen möchte, ob ich recht an ihm gehandelt habe. Ich habe meine Pflicht getan und Gott höher gehalten als alles andere, ... und darüber ist mir der Sohn weggestorben;vormir und nicht in meinen Armen. Und ich fürchte‹, sagte sie flüsternd und umklammerte mit ihrer abgemagerten Hand meinen Arm, ›ich fürchte, daß er in Groll wider mich aus der Welt gegangen ist ... Das nagt an mir, hochwürdiger Herr, ... wie ein Wurm nagt das an mir‹ ...«

Jucheis Stimme war bei diesem Bericht leiser und leiser geworden. Nun seufzte er tief auf und blickte, in Erinnerungen verloren, vor sich hin. Paula hielt die Augen noch immer mit der Hand bedeckt.

»Grauenvoll!« murmelte sie in sich hinein.

»Jawohl, – grauenvoll!« sprach Joachim nach. »Das ist das rechte Wort. Habe ich nicht im Sinn des Totengehandelt, wenn ich ihr diese Gedanken auszureden, sie zu trösten und zu beruhigen versuchte? Denn das habe ich getan.«

Paula nickte stumm.

»Zwei Monate später erfuhr ich, daß sie gestorben wäre,« sagte Joachim. »Sie hat den Sohn nicht einmal ein Jahr überlebt.«

»Sie ruhe in Frieden,« sprach Paula mit leiser Stimme. »Damals – vor zehn Jahren – hegte ich andere, wildere Gedanken. Heute wiederhole ich die Worte, die Sie einstens zu mir gesprochen: Gott vergebe ihr; sie wußte nicht, was sie tat.«

Eine Zeitlang verharrten sie in Stillschweigen.

»Cäsar,« bemerkte der Priester endlich, »hat seinen Herrn nicht vergessen können. Ich habe mir alle Mühe gegeben, ihn an mich zu gewöhnen und habe ihn, da er krank war, Tag und Nacht gepflegt; aber er starb ab, wie eine Lampe erlischt, deren Brennstoff verbraucht ist. Ein paar Monate nach Georgs Tode war auch sein Hund tot.«

»Und die anderen ... Hartecks Feinde ... leben wohl alle noch?« fragte Paula mit bitterem Lächeln. »Wahrscheinlich geht es ihnen auch vortrefflich.«

»Nicht die Menschen waren seine schlimmsten Feinde,« entgegnete Joachim. »Er ist an einem verfehlten Leben zugrunde gegangen. Nichts mehr davon. – Seine Widersacher leben alle noch und leben ganz vergnügt.«

Paula versank in Nachdenken. Die Menschen hatten Georg vergessen und sich getröstet darüber, daß er tot; alle waren ihren Weg gegangen, hatten das Glück oder dochein Ziel gefunden:sienicht. Die Lücke, die sein Tod gerissen, war geblieben. Sie hatte keinen Ersatz gesucht, hatte den Gedanken, noch einmal zu lieben, mit Hohn von sich gewiesen. Glücklich sein, sich freuen, währenderin seinem Grabe moderte, ... nein! O nein! Sie war ihm treu geblieben und die Jugendzeit war verronnen. Was lag daran? Nicht allen ist beschieden, das Glück zu finden, und die Trauer um einen geliebten Toten ist ja auch ein Schatten von Glück.

»Sie wollen schon fort?« fragte sie den Priester. Dieser hatte sich erhoben.

»Ich muß,« sagte er. »Grüßen Sie die Ihren von mir und leben Sie wohl.«

Paula stand auf und gab ihm die Hand.

»Zum Schlusse noch eine Frage,« sagte Joachim und behielt ihre Hand in der seinen. »Wie lebenSie...? Davon haben Sie mir noch kein Wort gesagt.«

Mit ruhigem Ernste sah sie ihm in die Augen.

»Wie soll ich leben? Sehr still und friedlich ... Toni ist meine größte Freude. Sie hat gehalten, was sie als Kind versprochen und ist ein blühend schönes, reich begabtes Geschöpf geworden. Vielleicht, daß sie ein wenigzuehrgeizig,zuhochstrebend ist, ... ich aber liebe sie so wie sie ist und möchte sie nicht anders haben. – Über mich selbst,« fügte sie nach augenblicklicher Stille hinzu, »denke ich wenig nach. Ich bin alt geworden. Wenn ich Vater und Toni glücklich sehe, bleibt mir nichts zu wünschen übrig.«

Ein Seufzer der Beruhigung hob seine Brust. Er hatte die Empfindung, als stünde eine nach schwerer, langerKrankheit Genesene vor ihm. Der wildtobende, verheerende Schmerz hatte diese edle Natur wohl erschüttern, nicht aber zerstören können.

Mit einem Händedruck nahm er Abschied von ihr und ging, – ging hinaus ins volle Leben und sie blieb zurück in ihrer eng begrenzten Welt und schaute ihm nach mit ernstem, ergebenem Blick.

Sie wollte den Ihren nichts sagen von dieser Begegnung. Sie möchten fürchten, daß dies Wiedersehen sie erregt haben könnte, und diese Sorge sollte ihnen erspart bleiben. Sie dachten ja immer an sie, der Vater und Toni. Wie geduldig war der Vater stets gewesen! Jahrelang hatte er gewartet, – immer gleich mild und liebevoll, bis sie endlich ruhiger geworden war. Er und Toni hatten sich bemüht, ihr zu ersetzen, was sie verloren, hatten sie ihrer stillen Traurigkeit halber niemals getadelt, hatten jedes heitere Wort, jedes Lächeln von ihr mit heller Freude begrüßt. Wie eine Schwerkranke hatten sie sie behandelt, ... der Vater, der Vater besonders. In ihrem Hause wurde sie geliebt mit treuer, niemals wankender Zärtlichkeit, ... das tat so wohl und warf einen Sonnenstrahl auf das Grab ihrer armen, einzigen Liebe.

Mit leisem Schritt trat sie vor das Bild der Mutter hin, kniete nieder davor und betete lange. Tränen rollten dabei über ihre Wangen, aber es waren sanfte, erlösende Tränen. Sie konnte wieder beten, sie haderte nicht mehr: es war ihr viel genommen, doch auch viel gegeben, viel gelassen worden. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Obschon Paula wußte, daß sie jenen Toten lieben würde, solangein Herzschlag in ihr, fühlte sie doch auch, daß sie endlich ruhig geworden war. Mit Georg Harteck war alles geschieden, was wie ein dunkler Fleck an ihrer reinen Seele gehaftet hatte. Mit fast sündiger Leidenschaft hatte sie an dem Manne gehangen, hatte, ihm zuliebe, geschwankt zwischen Recht und Unrecht, ja, sie wäre, ihm zuliebe, besinnungslos abgewichen vom Weg der Pflicht gegen sich selbst und gegen teure Menschen, – der Tod hatte dem traurigen Kampf ein Ende gesetzt. Sie war sich heute bewußt, daß es so hatte kommen müssen, um sie sich selbst zu retten; trotz dem Schiffbruch, den ihre einzige Liebe erlitten, war ihr unsäglich viel geblieben: die Selbstachtung, ein Herd und zwei ihr mit echter Liebe ergebene Menschen. Das war viel, mehr vielleicht, als sie verdiente, – mehr, als es braucht, um mit dem Leben fertig zu werden.

Ende.


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