10. Kapitel.

Es lebe Sagloba Onufrius,Der ganzen Ritterschaft würdigste Zier!

Es lebe Sagloba Onufrius,Der ganzen Ritterschaft würdigste Zier!

Michael war sehr heiter. Er bat die Offiziere und auch die Mannschaften zu sich zum Abendessen, und für die Soldaten ließ er ein um das andere Tönnchen Branntwein bringen. Einige Ochsen wurden geschlachtet, die man bald an den Feuern zu braten begann. Für alle war reichlich vorhanden. Noch in die Nacht hinein erzitterte die Warte von den Rufen und Schüssen, so daß die Räuberbanden in den Schluchten von Uschyz ein Schrecken erfaßte.

Herr Wolodyjowski war nicht träge gewesen in seiner Warte, und auch seine Leute lebten in beständiger Arbeit. Hundert, bisweilen weniger Leute blieben als Besatzung in Chreptiow zurück, der Rest war auf beständigen Ausflügen.

Die tüchtigsten Abteilungen waren abkommandiert zur Untersuchung der Schluchten von Uschyz, und diese lebten wie in einem beständigen Krieg, denn die häufig sehr zahlreichen Räuberbanden leisteten kräftigen Widerstand, und man mußte ihnen oft förmliche Schlachten liefern. Solche Ausflüge währten einige, oft auch mehr als zehn Tage. Kleinere Abteilungen sandte Michael weit hinaus bis nach Brazlaw nach Neuigkeiten, zur Horde und zu Doroschenko. Die Aufgabe dieser Vorposten war, Spione einzubringen, das hieß, sie in den Steppen aufzufangen; andere wieder gingen den Dniestr hinunter nach Mohylow und Jampol, um die Verbindung mit den Kommandanten, die an diesen Orten standen, aufrecht zu erhalten, andere spionierten auf der Seite der Walachei, noch andere bauten Brücken und stellten die alte Heerstraße wieder her.

Das Land, in dem ein so reges Leben herrschte, beruhigte sich allmählich; die friedlicheren, weniger dem Raubergebenen Einwohner kehrten nach und nach in die verlassenen Wohnsitze zurück, anfangs zaghaft, dann immer mutiger. Nach Chreptiow selbst zog ein Häuflein jüdischer Handwerker; von Zeit zu Zeit ließ sich auch ein großer armenischer Kaufmann blicken; immer häufiger kamen die Krämer, und so hegte Michael die zuversichtliche Hoffnung, daß, wenn ihm Gott und der Hetman längere Zeit gestatteten im Kommando zu bleiben, jene wilden Gegenden allmählich eine ganz andere Gestalt annehmen würden. Gegenwärtig war nur der Anfang gemacht; es blieb noch viel Arbeit zu tun, noch waren die Wege nicht sicher; das entartete Volk schlug sich lieber zu den Räubern als zu dem Heere und verbarg sich bei jeder Gelegenheit in den felsigen Schluchten. Durch die Furten des Dniestr schlichen sich häufig Banden aus Walachen, Kosaken, Ungarn, Tataren, und Gott weiß wem bestehend; diese sandten Scharen in das Land und überfielen in tatarischer Weise Dörfer und Städte und raubten alles, was sich rauben ließ. Noch konnte man in diesen Landen keinen Augenblick das Schwert aus der Hand legen oder die Muskete an den Nagel hängen. Aber der Anfang war gemacht, und die Zukunft verhieß viel. Am aufmerksamsten mußte man nach Osten hinspähen. Von den Banden Doroschenkos und den Hilfsscharen lösten sich immer wieder größere oder kleinere Züge los, schlichen bis zu den polnischen Kommandos heran und brachten Verwüstung und Brand in die Gegenden. Da es aber nur Einzelscharen waren, die scheinbar wenigstens nur auf eigene Faust auszogen, demütigte sie der kleine Kommandant ohne die Befürchtung, einen größeren Sturm über das Land heraufzubeschwören. Er ließ sich nicht an der bloßen Abwehr genügen, sondern suchte sie selbst in der Steppe auf mit solcher Wirkung, daß er bald auch den kühnsten die Einfälle verleidete.

Inzwischen hatte sich Bärbchen in Chreptiow häuslich eingerichtet.

Sie fand eine unermeßliche Freude an dem soldatischen Leben, das sie bisher doch nie in solcher Nähe kennen gelernt hatte, an diesem Hin- und Herziehen, diesem Aus- und Einmarsch, an dem Anblick der Gefangenen. Sie kündigte Michael auch an, daß sie an einem Zuge wenigstens teilnehmen müsse, vorläufig aber mußte sie sich damit zufrieden geben, bisweilen auf ihrem kleinen Zelter in der Begleitung ihres Mannes und Herrn Saglobas die Umgegenden von Chreptiow zu besuchen. Sie jagten auf solchen Ausflügen Füchse und Trappen; manchmal steckte ein Isegrimm seinen Kopf aus dem Grase und schoß über die Heide dahin — sie jagten ihn dann, und Bärbchen hielt sich so gut sie konnte voran, unmittelbar hinter den Windhunden, um als erste das müde Tier einzuholen und mit ihrer Flinte zwischen die roten Augen zu treffen.

Sagloba jagte am liebsten mit Falken, von welchen einige Paare, ganz ausgezeichnete, sich im Besitz der Offiziere befanden.

Bärbchen leistete ihm Gesellschaft, und hinter ihnen drein sandte Michael im geheimen eine Anzahl von Leuten, die ihr Hilfe bringen sollten bei Zufällen, denn obwohl man in Chreptiow immer wußte, was auf zwanzig Meilen ringsumher in der Wüste vorging, wollte Michael doch nicht alle Vorsicht außer acht lassen.

Die Soldaten gewannen Bärbchen mit jedem Tage lieber. Sie kümmerte sich um ihr Essen und Trinken, sie sah nach den Kranken und Verwundeten. Selbst der düstere Asya, der beständig am Kopfe litt, und dessen Herz härter und wilder war als das der anderen, heiterte sich bei ihremAnblick auf. Die alten Soldaten vergingen vor Freude über ihre große Kenntnis soldatischer Dinge.

»Wenn der kleine Falke uns fehlen sollte,« sagten sie, »könnte sie das Kommando übernehmen, und es würde uns nicht leid sein, unter einem solchen Regimente den Tod zu finden.«

Es kam auch vor, daß, wenn während Michaels Abwesenheit im Dienst etwas versehen wurde, Bärbchen die Soldaten schalt. Und der Respekt vor ihr war groß. Eine Rüge aus ihrem Munde ging den Grenzsoldaten mehr zu Herzen als die Strafen, die Michael nicht selten wegen Vergehen gegen die Disziplin verhängte.

Es herrschte immer große Zucht im Kommando, denn Michael, in der Schule des Fürsten Jeremias aufgewachsen, verstand die Soldaten mit eiserner Hand zu regieren; aber Bärbchens Anwesenheit milderte noch ein wenig die alten Sitten. Jedermann bemühte sich, ihr zu gefallen, jeder war besorgt um ihre Ruhe. Darum hütete man sich vor allem, was diesen Frieden trüben konnte.

In der leichten Fahne Mikolaj Potozkis gab es eine Anzahl von Offizieren, Männer, die weit herumgekommen waren, und von höfischen Rittern, die, obgleich sie in den ununterbrochenen Kriegen und Abenteuern verwildert waren, doch eine besonders artige Gesellschaft ausmachten. Diese und Offiziere von anderen Fahnen brachten häufig die Abende bei dem Kommandanten zu, wo dann aus alten Zeiten und Kriegszügen erzählt wurde, an denen sie selbst teilgenommen hatten. Den ersten Platz unter ihnen nahm Sagloba ein; er war der älteste, hatte am meisten gesehen, und selbst viel vollbracht; aber wenn er nach dem ersten und zweiten Gläschen in dem bequemen saffianbeschlagenen Bänkchen eingeschlummert war, das man besonders für ihn hergestellt hatte,dann nahmen auch die anderen das Wort, und sie hatten was zu erzählen, denn es gab unter ihnen solche, die Schweden und Moskowien besucht hatten; es gab solche, die die jungen Jahre in der Sitsch noch vor dem großen Aufstand verlebt hatten. Es waren auch solche da, die in der Krim als Sklaven Schafe gehütet, die in Baktschissaraj in der Sklaverei Brunnen gegraben, die Kleinasien besucht hatten, die im Archipel auf türkischen Galeeren gerudert, die in Jerusalem vor dem heiligen Grabe das Knie gebeugt hatten, die alle möglichen Abenteuer und alles denkbare Elend durchgemacht hatten und doch noch heimgekehrt waren zur Fahne, um bis an das Ende ihres Lebens, bis zum letzten Atemzuge, die blutüberströmten Grenzländer zu verteidigen.

Als im November die Abende länger wurden und in der Steppe Frieden herrschte, weil die Gräser welk geworden waren, versammelte man sich Tag für Tag im Hause des Kommandanten. Da kam Herr Motowidlo, Ruthene von Geburt, hager wie ein Stock, und lang wie eine Lanze, nicht mehr jung, seit zwanzig Jahren auf dem Schlachtfelde. Da kam Herr Deyma, der Bruder jenes Deyma, der Herrn Ubysch erschlagen hatte; mit ihnen kam Herr Muschalski, vor Zeiten ein wohlhabender Mann, der in jungen Jahren verwundet in die Gefangenschaft geschleppt worden, auf türkischen Galeeren gerudert, dann aus der Sklaverei entfloh, seinen Besitz fahren ließ und mit dem Schwerte in der Hand die ihm angetane Unbill an den Muhamedanern gerächt hatte. Er war ein unvergleichlicher Bogenschütze, der eine Mütze im Fluge durchbohrte. Es kam ferner Herr Wilga und Herr Nienaschyniez, tüchtige Krieger, Herr Hromyka, Herr Bawdynowitsch und viele andere. Wenn die zu erzählen begannen und ihnen die Worte reichlich strömten, so spiegelte sich in ihren Erzählungen jene ganze Weltdes Orients wieder, Baktschissaraj und Stambul, die Minarets und die Tempel des falschen Propheten, die bläulichen Wogen des Bosporus, die Fontänen und der Hof des Sultans, das Menschengetümmel in der steinernen Stadt und die Heere, die Janitscharen und Derwische, die ganze entsetzliche und in Regenbogenfarben schillernde Heuschreckenschar, gegen welche die Republik die reußischen Kirchen und mit ihnen alle Kreuze und Kirchen in ganz Europa mit blutiger Brust zu schützen hatte.

Die alten Soldaten setzten sich in der Runde in dem geräumigen Zimmer nieder, wie eine Schar von Störchen, die vom Fluge ermüdet auf einer Anhöhe in der Steppe mit lautem Geklapper sich niederläßt. Im Kamin brannten harzige Kloben, die ihren hellen Glanz über das ganze Zimmer warfen. Moldauer Wein wurde auf Bärbchens Geheiß am Feuer gewärmt, und die Knappen schöpften ihn in zinnerne Gefäße und reichten ihn den Rittern. Von außerhalb hörte man den Anruf; die Heimchen, über die sich Michael beklagt hatte, zirpten im Zimmer; manchmal pfiff in den Sparren, die mit Moos gefüllt waren, der Novemberwind, der von Norden her blies und immer kälter wurde. An solchen Winterabenden war es am schönsten, in dem heimlichen, hellen Zimmer zu sitzen und den Erzählungen der Ritter zu lauschen.

An einem solchen Abend erzählte einmal Herr Muschalski das Folgende:

»Der Allmächtige schütze die ganze Republik, uns alle, und unter uns besonders die hier anwesende würdige Gemahlin unseres Kommandanten, deren Glanz zu schauen unsere Augen kaum würdig sind. Ich will nicht in einen Wettstreit mit Herrn Sagloba eintreten, dessen Abenteuer Dido selber und ihre anmutigen Frauen in die größte Verwunderungversetzen könnten, — aber, da ihr selbst, werte Herrschaften, begehrt, meinen Lebenslauf zu hören, so will ich nicht zögern, um den werten Genossen nicht nahezutreten.

In der Jugend erbte ich in der Ukraine, nicht weit von Taraschtsch, ein bedeutendes Besitztum; ich hatte auch zwei Dörfchen, ein Erbteil der Mutter in ruhigen Landen, nicht weit von Jaslow; aber ich zog es vor, in Vaters Teil zu residieren, weil die Horden näher und die Abenteuer leichter waren. Mein Rittersinn zog mich nach der Sitsch; aber dort gab es nichts mehr für uns. Doch ging ich in die wilden Felder in Gemeinschaft unruhiger Geister und genoß wahrhafte Wonnen. Ich fühlte mich wohl in meinem Besitz; nur eins quälte mich: ich hatte einen schlechten Nachbar. Er war ein gewöhnlicher Bauer aus Bialazerkiew. In seiner Jugend war er in der Sitsch gewesen, hatte dort den Rang eines Atamans erlangt und ging als Abgeordneter der Stämme nach Warschau, wo er auch geadelt wurde. Er hieß Dydiuk. Und ihr müßt wissen, meine Herrschaften, daß wir uns von einem Heerführer der Samniter herleiten, der Muska hieß, was in unserer Sprache »Fliege« bedeutet. Jener Muska kam nach unglücklichen Zügen gegen die Römer an den Hof Siemowits, des Sohnes des Piasten. Dieser nannte ihn zur größeren Bequemlichkeit Muskalski, was die Nachkommen später in Muschalski umwandelten. Von so alter Abstammung und so adligem Blute, sah ich mit großer Verachtung auf jenen Dydiuk herab. Hätte der Kerl die Ehre, die ihn getroffen hatte, zu schätzen gewußt, und die hohe Vortrefflichkeit des Adels über alle anderen Stämme anerkannt, dann hätte ich vielleicht nichts gesagt; aber er, der als Adliger seinen Besitz hatte, spottete noch über seine Würde und sagte häufig: »Ist mein Schatten jetzt größer? Ein Kosak war ich, und ein Kosak bleibe ich, und der Adelund alle Lechenhunde — können mich ...« — ich kann euch das nicht sagen, meine Herrschaften, was er an dieser Stelle für häßliche Gebärden machte, denn die Anwesenheit der gnädigen Frau erlaubt mir das nicht, aber mich packte eine wilde Wut, und ich fing an, ihm zuzusetzen. Er fürchtete sich nicht, er war mutig und zahlte mir heim; er hätte sich auf Säbel geschlagen, aber das wollte ich nicht, da ich seine niedrige Herkunft im Auge hatte.

Ich haßte ihn wie die Pest, und auch er verfolgte mich mit Haß. Einmal schoß er auf mich auf dem Markte in Taraschtsch; um ein Haar hätte er mich getötet, und ich ihm mit dem Beile den Kopf gespalten. Zweimal überfiel ich ihn mit ritterlichen Leuten, zweimal er mich mit dem Kosakenpack; er konnte mir nichts anhaben, aber auch ich konnte mit ihm nicht fertig werden. Ich wollte das Gesetz gegen ihn anrufen — bah, Gesetz in der Ukraine, in der noch die Trümmer der Städte dampfen. Wer da das Gesindel zusammenruft, braucht nach der ganzen Republik nicht zu fragen. So tat er und lästerte noch dazu gegen die gemeinsame Mutter, uneingedenk dessen, daß sie es war, die ihn in den Adelsstand erhoben, ihn dadurch an ihre Brust gezogen, ihm Privilegien gegeben, durch welche er Land besaß und diese übermäßige Freiheit, die er unter keiner anderen Herrschaft genossen hätte. Hätten wir uns in nachbarlicher Weise treffen können, so hätte es mir gewiß nicht an Argumenten gefehlt, aber wir sahen uns nicht anders, als mit der Flinte in der einen und mit der Klinge in der anderen Hand. Der Haß wuchs in mir mit jedem Tage, bis ich förmlich gelb wurde; immer und immer dachte ich nur daran, wie ich ihm beikommen könne. Ich fühlte, daß der Haß eine Sünde sei, ich wollte ihm daher nur zuerst wegen der Beschimpfung des Adels mit Stöcken das Fell gerben und dann ihm alleSünden verzeihen und, wie einem rechten Christenmenschen geziemt, ihn einfach erschießen lassen. Aber Gott hat es anders gefügt.

Ich hatte hinter dem Dorfe einen hübschen Bienengarten, und einmal ging ich hin, ihn anzusehen. Es war gegen Abend. Ich hatte kaum zehn Paternoster lang dort zugebracht, als ein Geschrei zu meinen Ohren drang. Ich sehe mich um — da lagert Rauch wie eine Wolke über dem Dorfe. Gleich darauf kommen Menschen gelaufen. »Die Horde, die Horde!« und hinter den Menschen — ein unabsehbarer Haufen, sage ich euch. Pfeile kommen geflogen, wie der Regen vom Himmel fällt; wo ich hinblicke, Schafsfelle und die teuflischen Fratzen der Horde. Ich auf mein Pferd, — ehe ich noch mit dem Fuß den Steigbügel berühre, haben mich schon fünf oder sechs Schlingen gefangen. Ich zerriß sie zwar — ich war stark ... wie Herkules ... Drei Monate später befand ich mich hinter Baktschissaraj in einem tatarischen Dörfchen, Suhaidzig genannt, und saß mit anderen gefangen.

Mein Herr hieß Salma-Bey, ein reicher Tatar, aber unmenschlich und gegen seine Sklaven grausam. Wir mußten unter Schlägen Brunnen graben und auf dem Felde arbeiten. Ich wollte mich loskaufen, ich hatte es ja dazu. Durch einen Armenier schickte ich Briefe nach meinen Gütern bei Jaslow. Ich weiß nicht, ob meine Briefe nicht ankamen, ob das Lösegeld unterwegs geraubt wurde — genug, es traf nicht ein. Ich wurde nach Konstantinopel gebracht und auf die Galeeren verkauft.

Ich könnte viel von dieser Stadt erzählen; ich weiß nicht, ob es eine größere und schönere Welt gibt. Menschen gibt es dort wie Gras in der Steppe oder wie Steine imDniestr ... und die Riesenmauern an den Moscheen, Turm an Turm!

In der ganzen Stadt laufen die Hunde herum, den Menschen zwischen die Beine, da die Türken ihnen kein Leids zufügen, offenbar darum, weil sie sich verwandt mit ihnen fühlen, diese Hundebrüder ... Es gibt keine anderen Stände bei ihnen als Herren und Sklaven, und es gibt keine schlimmere Sklaverei als bei den Heiden. Gott weiß, ob es wahr ist, aber auf den Galeeren habe ich gehört, daß die dortigen Gewässer, der Bosporus und das Goldene Horn, das tief in die Stadt hineingeht, aus den Tränen der Sklaven entstanden sind; auch ich habe nicht wenige dort vergossen ...

Furchtbar ist die Macht der Türken, und keinem Potentaten sind so viele Könige untertan wie dem Sultan. Die Türken selbst aber sagen, wenn Lechistan nicht wäre — so nannten sie unser Mutterland — so wären sie längst die Herren der ganzen Erde. Im Rücken der Lechen, so sagen sie, lebt der Rest der Welt in der Lüge, denn jener, sagen sie, liegt wie der Hund vor dem Kreuze und beißt uns in die Hände, und sie haben recht, denn so war es, und so ist es. Und wir hier in Chreptiow und die weiteren Kommandos in Mohylow, in Jampol, in Raschkow — was tun wir anderes? Es gibt viel Schlimmes in unserer Republik, aber das denke ich doch, daß uns diese Leistung Gott dereinst anrechnet!

Aber ich komme zurück auf mein Abenteuer. Die Sklaven, welche auf dem Lande, in den Städten und Dörfern leben, seufzen nicht unter so schwerer Bedrückung wie die, welche auf den Galeeren rudern müssen, denn die Galeerensklaven, die einmal am Rande des Schiffes an das Ruder geschmiedet sind, werden nie befreit, weder Nacht noch Tag, noch an Festtagen, sondern müssen bis zum Tode in Kettenleben. Und geht ein Schiff unter inpugna-navali, so müssen sie mit ihm untergehen. Alle sind nackt, die Kälte quält sie, der Regen näßt sie, der Hunger peinigt sie, und gegen all dies gibt's kein anderes Mittel als Tränen und entsetzliche Arbeit; denn die Ruder sind so groß und schwer, daß zwei Menschen zur Bedienung eines nötig sind.

Mich hatte man in der Nacht hingebracht und angeschmiedet und hatte mich einem Genossen meines Leides gegenübergesetzt, den ich in der Finsternis nicht erkennen konnte. Als ich die Hammerschläge und das Klirren der Ketten hörte — lieber Gott, da war mir, als schlüge man die Nägel in meinen Sarg, obgleich ich das vorgezogen hätte. Ich betete, aber die Hoffnung in meinem Herzen war wie vom Winde hinweggeweht ... Meine Seufzer brachten die Kawassen durch Prügel zum Schweigen; ich saß also stumm die ganze Nacht hindurch, bis der Morgen dämmerte ... Da blickte ich hin auf den, der mit mir an einem Ruder sitzt — Jesus Christus — ratet, meine Herrschaften, wer mir gegenüber saß, — Dydiuk!

Ich erkannte ihn sofort, obgleich er nackt und abgemagert war, und sein Bart bis über die Hüften hinabreichte, denn er war schon vor langer Zeit auf die Galeere verkauft worden. Ich begann ihn zu mustern, er mich, er hatte mich auch erkannt. Wir sprachen kein Wort zueinander. Ja, so war es uns beiden ergangen! Aber doch steckte noch eine solche Wut in uns, daß wir uns nicht nur kein »Grüß Gott« zuriefen, sondern der alte Haß in uns wie eine Flamme aufloderte, und förmliche Freude das Herz eines jeden erfüllte, daß auch sein Feind so leiden müsse. An demselben Tage ging das Fahrzeug auf die Reise. Es war seltsam: mit dem ärgsten Feinde ein und dasselbe Ruder führen, aus einer Schüssel einen Fraß essen, den bei uns die Hunde nicht würden verschluckenwollen, — denselben Tyrannen ertragen, dieselbe Luft atmen, zusammen leiden, zusammen weinen ... Wir fuhren den Hellespont hin, dann über den Archipelagus. Eine Insel liegt dort neben der anderen, und alles ist in der Hand der Türken. Auch beide Ufer ... die ganze Welt! — Es war schaudervoll! Am Tage eine unerträgliche Hitze; die Sonne brennt so, daß das Wasser davon zu glühen scheint, und wenn ihre Strahlen auf den Wogen zittern und hüpfen, möchte man glauben, ein feuriger Regen komme vom Himmel. Der Schweiß lief an unserem Körper herab, die Zunge klebte am Gaumen. In der Nacht biß uns die Kälte ins Fleisch wie ein Wolf ... nirgends Trost, nichts als Harm, Sehnsucht nach dem verlorenen Glück, Gram und Qual! das läßt sich in Worten nicht sagen. — In einem Hafen, schon auf griechischem Boden, sahen wir von dort aus jene berühmten Ruinen der Tempel, welche noch die alten Griechen erbaut haben; da steht Säule an Säule wie von Gold, so gelb ist der Marmor vom Alter geworden, und man kann das ganz deutlich sehen, denn er steht auf einem emporragenden Hügel, und der Himmel ist dort so blau wie Türkise. Dann fuhren wir um den Peloponnes herum.

Tag um Tag verging, Woche um Woche; wir sprachen kein Wort zueinander, denn noch wohnte Starrsinn und Wut in unserem Herzen. Aber wir begannen allmählich demütiger zu werden unter der Hand des Herrn. Von Mühsal und der Veränderlichkeit des Wetters fing unser sündiger Körper an abzumagern. Die Wunden, die uns der Kantschu geschlagen hatte, faulten in der Sonnenhitze. In der Nacht beteten wir um den Tod. Kaum wollte ich einschlummern, so hörte ich, wie Dydiuk sagte: »Christus, erbarme dich, Heilige Jungfrau habe Erbarmen, laß mich sterben!« Und auch er hörte und sah, wie ich die Hand ausstreckte zur MutterGottes und ihrem Kindlein. Es war, als hätte der Seewind den Haß aus dem Herzen weggeweht. Immer weniger, immer weniger ward er, und endlich, wenn ich über mich weinte, weinte ich auch über ihn. Schon sahen wir auch ganz anders einander an, ja, wir begannen einander auszuhelfen. Wenn mich der Schweiß und die Todesmattigkeit ergriffen, so ruderte er allein; traf es ihn, so ruderte ich; brachte man eine Schüssel, so achtete jeder darauf, daß auch der andere habe — seht, Herrschaften, das ist die menschliche Natur. Kurz gesagt, wir liebten einander schon, aber keiner wollte das zuerst aussprechen. In ihm steckte ein Schelm, eine ukrainische Seele. Es kam erst, als uns furchtbar elend und schwer war, und als die Leute sagten, daß wir am anderen Tage mit der venetianischen Flotte zusammentreffen würden. An Lebensmitteln war auch Mangel; in allem hielten sie uns karg, außer im Prügeln. Da kam die Nacht. Wir seufzten leise und beteten noch eifriger, er in seiner, ich in meiner Sprache. Ich sehe beim Lichte des Mondes, wie ihm die Tränen stromweis in den Bart fließen. Da schwoll mir das Herz und ich sage: »Dydiuk, wir sind doch aus einem Lande, vergeben wir uns unsere Schuld.« Wie er das hörte — lieber Gott — brüllte der Mensch los, springt auf, daß die Ketten klirren, und wir fielen uns über das Ruder in die Arme, küßten uns und weinten. Ich vermag nicht zu sagen, wie lange wir uns so umfangen hielten, denn das Gedächtnis schwand uns, so zitterten wir vor Schluchzen.«

Hier unterbrach sich Herr Muschalski und fuhr mit den Fingern nach den Augen; ein Augenblick der Stille trat ein; nur der kalte Nordwind pfiff durch die Sparren, im Zimmer knisterte das Feuer, und sangen die Heimchen. Herr Muschalski atmete auf und erzählte weiter:

»Gott der Herr segnete uns und erwies uns, wie sichbald zeigen wird, seine Gnade; aber zunächst mußten wir dieses brüderliche Gefühl bitter bezahlen. Da wir uns umarmten, hatten wir die Ketten so durcheinander geworfen, daß wir sie nicht wieder freibekommen konnten. Die Aufseher kamen und brachten uns auseinander, aber der Kantschu pfiff länger als eine Stunde über unserem Nacken. Wir wurden geschlagen, ohne daß man beachtete, wohin es traf. Das Blut floß von mir herab, auch von Dydiuk floß Blut, und beide Ströme vereinten sich und gingen zusammen ins Meer. Nun ist es schon lange her ... Gott sei Dank!

Seit dieser Zeit ist es mir nicht eingefallen, daß ich von den Samnitern abstamme, und daß er ein Bauer aus Bialazerkiew sei, der erst vor kurzem geadelt war. Meinen leiblichen Bruder hätte ich nicht mehr lieben können, als ich ihn geliebt habe. Wäre er auch nicht geadelt gewesen, mir war es gleich — wenn es mir auch so lieber war; und er, wie er einst in alter Zeit mir den Haß verdoppelt heimzahlte, so jetzt die Liebe — das lag in seiner Natur.

Am folgenden Tage war eine Schlacht; die Venetianer streuten unsere Flotte in alle vier Winde auseinander. Unsere Galeere, furchtbar von den Geschossen zugerichtet, war an einem öden Inselchen hängen geblieben, an einem Felsen, der aus dem Meere hervorragte. Man mußte sie reparieren, und da die Soldaten umgekommen waren, und es an Händen fehlte, mußte man uns losschmieden und uns Äxte geben. Wir waren kaum ans Land gestiegen, als ich Dydiuk anblickte; er hatte schon denselben Gedanken im Kopfe, wie ich — »sofort?« fragte er mich — »sofort!« sage ich, und ohne langes Besinnen versetze ich dem Aufseher einen Hieb, er dem Kapitän; die anderen Sträflinge folgten uns wie ein Lauffeuer. In einer Stunde hatten wir den Türken den Garaus gemacht; dann brachten wir die Galeere so gutes ging in Ordnung, setzten uns ohne Ketten darauf, und Gott der Erbarmer gebot den Winden, uns nach Venedig zu führen.

Am Bettelstab kamen wir in die Republik. Ich teilte mit Dydiuk das Bettelbrot, und beide traten wir wieder in den Kriegsdienst, um für unsere Tränen und unser Blut heimzuzahlen. In der Zeit von Podhaize ging Dydiuk nach der Sitsch zu Sirko und mit ihm in die Krim. Was sie dort gemacht und alles angerichtet haben, das ist euch bekannt, meine Herrschaften.

Auf der Rückkehr fiel Dydiuk, nachdem seine Rache gesättigt war, von einem Pfeil. Ich blieb übrig, und so oft ich jetzt einen Bogen anziehe, tue ich das mit dem Gedanken an ihn; und daß ich auf diese Weise seine Seele oft erfreut habe, das bezeugen viele in dieser werten Gesellschaft.«

Wieder verstummte Muschalski, und wieder hörte man nur das Pfeifen des Nordwindes und das Knistern des Feuers. Der alte Krieger heftete den Blick auf die brennenden Scheite und schloß nach einem längeren Schweigen so:

»Nalewajko und Loboda haben gelebt, Chmielnizki hat gelebt, und Dorosch lebt heute noch; der Boden wird nicht trocken von Blut; wir zanken und schlagen uns, und doch hat Gott in unsere Herzen Saaten der Liebe gestreut; aber sie liegen dort gleichsam in fruchtbarer Scholle, und erst unter dem Druck und unter dem Kantschu der Heiden, erst in der Sklaverei der Tataren geben sie unerwartet Früchte.« —

»Bauernlümmel bleibt Bauernlümmel!« sagte plötzlich Sagloba und erwachte aus seinem Schlafe.

Dekoration, Ende Kap. 9

Titeldekoration, Kap. 10

Asya genas allmählich; da er aber an den Streifzügen keinen Anteil nahm und eingeschlossen im Zimmer saß, beschäftigte sich niemand mit ihm, als plötzlich ein Ereignis eintrat, das die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte.

Die Kosaken des Herrn Motowidlo hatten einen Tataren ergriffen, der auffällig um die Grenzwacht herumspionierte, und hatten ihn nach Chreptiow gebracht. Nach einem scharfen Verhör ergab sich, daß er ein Lipker war, aber von denen, die jüngst Dienst und Wohnsitz in der Republik verlassen hatten und zum Sultan übergetreten waren. Er war von jenseits des Dniestr gekommen und hatte Briefe von Krytschynski an Asya Mellechowitsch bei sich. Herr Wolodyjowski ward dadurch sehr beunruhigt und berief sofort die Ältesten zur Beratung.

»Meine Herren,« sagte er, »ihr wißt sehr gut, wie viele Lipker, selbst von denen, die vor undenkbaren Zeiten her in Litauen und hier in Reußen gesessen haben, jetzt zur Horde übergegangen sind, und der Republik ihre Wohltaten mit Verrat heimzahlen. Darum ist es recht, ihnen allen nicht zu sehr zu vertrauen und mit aufmerksamem Auge ihr Tun zu beobachten. Wir haben auch hier eine Fahne Lipker, hundertundfünfzig tüchtige Pferde stark, die Asya Mellechowitsch führt. Diesen Asya kenne ich noch nicht von lange her, ich weiß nur, daß der Hetman ihn für ausgezeichneteDienste zum Hauptmann gemacht und ihn mir mit den Leuten hierhergeschickt hat. Es war mir schon auffällig, daß ihn niemand von euch, meine Herren, aus der Zeit vor seinem Eintritt in den Dienst gekannt oder von ihm gehört hat. Daß ihn unsere Lipker über die Maßen lieben und ihm blindlings gehorchen, das habe ich mir mit seinem Mut und seinen berühmten Taten erklärt, aber auch sie scheinen nicht zu wissen, woher er ist, und wer er ist. Ich habe ihm bisher in nichts mißtraut, ich habe ihn nicht ausgefragt, und mir an der Empfehlung des Hetmans genügen lassen, obgleich er sich mit einem gewissen Geheimnis umgab. Die Menschen haben verschiedene Launen, ich kümmere mich um keines Art, wenn nur jeder seine Pflicht tut. Nun haben aber die Leute Motowidlos einen Tataren eingebracht, der Briefe von Krytschynski an Asya mit sich führte, und ich weiß nicht, ob euch, meine Herren, bekannt ist, wer Krytschynski ist.«

»Wie,« sagte Herr Nienaschyniez, »Krytschynski habe ich persönlich gekannt, und heute kennen ihn alle wegen seines schlechten Rufes.«

»Wir sind zusammen in die Schule ...« begann Sagloba, aber er brach plötzlich ab, da ihm einfiel, daß Krytschynski alsdann neunzig Jahre alt sein müsse, und in diesem Alter pflegen die Menschen sich nicht an Kriegszügen zu beteiligen.

»Kurz gesagt,« fuhr der kleine Ritter fort, »Krytschynski ist ein polnischer Tatar; er war Hauptmann einer von unseren Lipkischen Fahnen, bevor er das Vaterland verriet und zur Horde überging, wo er, wie ich gehört habe, eine große Bedeutung hat. Sie hoffen dort offenbar, daß er auch den Rest der Lipker zu den Heiden hinüberziehen werde. Mit einem solchen Menschen tritt Asya in Verhandlungen, undder beste Beweis ist dieser Brief, dessen Wortlaut der folgende ist.«

Hier entfaltete der kleine Kommandant die Blätter des Briefes, schlug mit der flachen Hand darauf und begann zu lesen:

»Sehr geliebter Herzensbruder! Dein Bote ist zu uns gelangt und hat Deinen Brief abgegeben.«

»Schreibt er polnisch?« unterbrach Sagloba.

»Krytschynski hat, wie alle unsere Tataren, nur ruthenisch und polnisch verstanden« — antwortete der kleine Ritter — »und Asya wird wohl auch das Tatarische nicht überwunden haben. Hört, meine Herren, und unterbrecht nicht.«

»... Deinen Brief abgegeben. Gott wird geben, daß alles gut werde, und daß Du durchführst, was Du vorhast. Wir halten hier oft Rat. Morawski, Alexandrowitsch, Tarasowski, Grocholski und ich schreiben fleißig an die anderen Brüder, holen ihren Rat ein über die Möglichkeit, das, was Du, Teuerster, willst, schnellstens zu erreichen. Da Du aber, wie ein Gerücht, das zu uns gelangt ist, besagt, Schaden an Deiner Gesundheit genommen hast, so sende ich einen anderen, damit er Dich, Teuerster, mit eigenen Augen sehe und uns Trost bringe. Wahre das Geheimnis gut, denn behüte uns Gott, daß es vor der Zeit bekannt werde. Gott vermehre Dein Geschlecht, wie die Sterne am Himmel. — Krytschynski.«

Michael schloß und ließ den Blick in die Runde schweifen; und da alle Anwesenden schwiegen und mit Aufmerksamkeit den Inhalt des Briefes erwogen, sagte er:

»Tarasowski, Morawski, Grocholski und Alexandrowitsch — das sind alles frühere tatarische Hauptleute und Verräter.«

»Ebenso Potuschynski, Tworkowski und Adurowitsch,« fügte Herr Sagloba hinzu.

»Was denkt ihr über diesen Brief?«

»Offenbar Verrat, hier braucht es keiner langen Überlegung,« sagte Muschalski. »Ganz einfach, sie strecken die Fühlhörner nach Asya aus, um auch unsere Lipker auf ihre Seite zu ziehen, und er ist einverstanden.«

»Um Gottes willen, welche Gefahr für unser Kommando!« riefen einige Stimmen. »Die Lipker sind bereit, ihr Leben für Asya Mellechowitsch hinzugeben, und wenn er befiehlt, überfallen sie uns in der Nacht.«

»Der schwärzeste Verrat unter der Sonne!« rief Herr Deyma.

»Und der Hetman selber hat diesen Mellechowitsch zum Hauptmann gemacht,« sagte Muschalski.

»Herr Snitko,« sagte Sagloba, »was habe ich gesagt, als ich Asya sah? Habe ich nicht gesagt, daß aus den Augen dieses Menschen ein Renegat und Verräter blickt? Ha, ich brauchte ihn bloß anzusehen! Alle hat er betrügen können, nur mich nicht. Wiederholt, bitte, meine Worte, Herr Snitko, aber entstellt sie nicht! Habe ich nicht gesagt, daß er ein Verräter ist?«

Snitko schob die Füße unter die Bank und senkte den Kopf. »In der Tat, Euer Scharfsinn ist zu bewundern, obgleich ich, was wahr ist, mich nicht erinnere, daß Ihr ihn einen Verräter genannt habt. Ihr habt nur gesagt, daß ihm der Wolf aus den Augen schaue.«

»Ha, Ihr wollt also meinen, der Hund sei ein Verräter, aber der Wolf nicht, der Wolf beißt nicht in die Hand, die ihn streichelt, die ihm zu fressen gibt? Also der Hund ist ein Verräter? Ihr möchtet wohl gar den Asya noch verteidigen und uns alle zu Verrätern machen?!«

Herr Snitko war so verwirrt, daß er die Augen und den Mund weit aufriß und so erstaunt dreinschaute, daß er eine Zeitlang kein Wort hervorbringen konnte.

Herr Muschalski aber, der ein schnelles Urteil hatte, sagte sogleich:

»Zunächst müssen wir Gott danken, daß so schändliche Machenschaften aufgedeckt wurden, und dann sechs Dragoner zu Asya abkommandieren und ihm eine Kugel durch den Kopf schießen lassen.«

»Dann nur einen anderen Hauptmann ernennen,« fügte Herr Nienaschyniez hinzu. »Der Verrat ist so offenbar, daß gar kein Irrtum möglich ist.«

Hier setzte Wolodyjowski hinzu:

»Zunächst müssen wir Asya ausforschen, dann will ich dem Herrn Hetman von diesen Ränken Kenntnis geben, denn wie mir Herr Bogusch von Siembiz gesagt hat, liegen die Lipker dem Kronmarschall sehr am Herzen.«

»Aber Euch,« sagte Motowidlo zu dem kleinen Ritter gewandt, »steht die ganze Gerichtsbarkeit Asya gegenüber zu, denn er war nie ein Adelsgenosse.«

»Mein Recht kenne ich,« versetzte Wolodyjowski, »Ihr braucht es mir nicht in Erinnerung zu bringen.«

Da begannen die anderen: »Er soll uns vor die Augen geführt werden, dieser Kuppler, dieser Verräter!«

Die lauten Rufe weckten Herrn Sagloba, der ein wenig eingeschlummert war, was ihm jetzt sehr häufig begegnete; er erinnerte sich schnell, wovon die Rede war und sagte:

»Nein, Herr Snitko, der Mond in Eurem Wappen hat sich verborgen, aber Euer Witz hat sich noch mehr verborgen, denn auch mit Licht wird ihn niemand finden. Zu sagen, daß ein Hund,canis fidelis, ein Verräter sei, undein Wolf kein Verräter — ich bitt' Euch, Ihr seid schon ganz um Euren Verstand gekommen!«

Herr Snitko erhob die Augen zum Himmel, zum Zeichen dessen, wie unschuldig er leide; aber er wollte nicht durch Widerspruch den Alten reizen, und Herr Michael hatte ihm inzwischen befohlen, Asya zu holen. Er ging eilig hinaus, erfreut darüber, daß er auf diese Weise davonkomme. Bald kehrte er zurück und führte den jungen Tataren mit sich, der offenbar noch nichts von der Einbringung des Lipkers wußte, denn er trat kühn herein. Sein ausdrucksvolles, schönes Gesicht war auffallend bleich, aber er war schon genesen, und verband den Kopf nicht mehr mit Tüchern. Er hatte ihn nur mit einer rotsamtnen Mütze bedeckt.

Aller Augen waren auf ihn gerichtet, wie auf ein gemeinsames Ziel. Er aber verneigte sich vor dem kleinen Ritter ziemlich tief, vor dem Rest der Gesellschaft aber mit einem gewissen Trotz.

»Mellechowitsch,« sagte Herr Wolodyjowski, indem er seine scharfen Augensterne auf den Tataren heftete, »kennst du den Hauptmann Krytschynski.«

Über Asyas Gesicht flog plötzlich ein drohender Schatten. »Ich kenne ihn,« sagte er.

»Lies,« sagte der kleine Ritter und reichte ihm den Brief, den man bei dem Lipker gefunden hatte.

Asya begann zu lesen, und ehe er fertig war, kehrte die Ruhe wieder auf seine Züge zurück.

»Ich harre deines Befehls,« sagte er und gab den Brief zurück.

»Wie lange planst du den Verrat, und welche Mitwisser hast du hier in Chreptiow?«

»So bin ich des Verrats angeklagt?«

»Antworte und frage nicht,« sagte drohend der kleine Ritter.

»So gebe ich folgende Antwort: Verrat habe ich nicht geplant, Mitwisser habe ich nicht gehabt, und wenn ich welche hatte, so sind es solche, die ihr, meine Herren, nicht richten werdet.«

Bei diesen Worten knirschten die Soldaten mit den Zähnen, und einige drohende Stimmen wurden laut.

Demütiger, du Hundesohn, demütiger! Du stehst vor Männern, die würdiger sind als du!

Asya sah sie mit einem Blick an, aus dem kalter Haß leuchtete.

»Ich weiß, was ich dem Herrn Kommandanten schuldig bin, als meinem Vorgesetzten,« antwortete er und verneigte sich zum zweiten Male vor Wolodyjowski, »ich weiß auch, daß ich leichter wiege als die Herren, darum suche ich ihre Gemeinschaft nicht. Ew. Liebden« — hier wandte er sich zu dem kleinen Ritter — »haben mich nach Mitwissern gefragt; zwei habe ich bei meiner Arbeit: der eine ist der Herr Truchseß von Nowogrod, Bogusch, und der zweite ist der Groß-Hetman.«

Bei diesen Worten gerieten alle in großes Erstaunen, und eine Weile herrschte Schweigen.

Endlich sagte Wolodyjowski: »Wie kommt das?«

»Das kommt daher,« antwortete Asya, »daß zwar Krytschynski, Morawski, Tworowski, Alexandrowitsch und alle anderen zur Horde übergegangen sind und dem Vaterlande viel Böses getan, vielleicht auch, daß sich ihr Gewissen geregt hat. Genug, der Name Verräter ist ihnen lästig geworden. Der Herr Hetman weiß darum und hat dem Herrn Bogusch, auch Herrn Myslischewski aufgetragen, sie wiederum unter die Fahnen der Republik zurückzuführen. Bogusch aber hatmich dazu ausersehen und mir befohlen, mich mit Krytschynski ins Einvernehmen zu setzen. Ich habe im Quartier Briefe von Herrn Bogusch, die ich vorzeigen kann, und welchen Ew. Liebden mehr Glauben schenken werden als meinen Worten.«

»Gehe mit Herrn Snitko nach jenen Briefen und bringe sie sofort.«

»Meine Herren,« sagte der kleine Ritter schnell, »wir haben vielleicht diesem Ritter durch allzu frühen Verdacht unrecht getan, denn wenn er diese Briefe hat und die Wahrheit spricht — und ich fange an zu glauben, daß es so ist — so ist er nicht nur ein Ritter, den Kriegstaten berühmt gemacht haben, sondern auch ein Mann, dem das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, und der Belohnung und nicht Mißtrauen verdient. Bei Gott, wir werden das bald gutmachen müssen.«

Die anderen waren in Schweigen versunken und wußten nicht, was sie sagen sollten; Sagloba aber hielt die Augen geschlossen und tat diesmal so, als schlummere er.

Inzwischen war Asya zurückgekommen und reichte Wolodyjowski Boguschs Brief.

Der kleine Ritter las:

»Von allen Seiten höre ich, daß es niemand gibt, der zu diesem Dienst tauglicher wäre als Du, wegen der wunderbaren Liebe, mit der sie alle an Dir hängen. Der Herr Hetman ist bereit, ihnen zu verzeihen, und nimmt die Verzeihung der Republik auf sich. Setze Dich so schnell wie möglich mit Krytschynski in Verbindung durch sichere Männer und versprich ihm eine Belohnung; das Geheimnis wahre sorgfältig, denn bei Gott, Du könntest sie alle zugrunde richten. Herrn Wolodyjowski kannst Du das Geheimnis aufdecken, denn er ist Dein Vorgesetzter und kann Dir vieleserleichtern. Scheue Schwierigkeiten und Mühen nicht, und denke daran: der Erfolg krönt das Werk. Sei überzeugt, daß für Deine Zuneigung unser Mutterland Dir mit gleicher Liebe lohnt.«

»Das nenne ich lohnen!« murmelte düster der junge Tatar.

»Bei Gott, warum hast du niemand ein Wort davon gesagt?« rief Wolodyjowski.

»Ew. Liebden wollt' ich alles sagen, aber ich hatte noch keine Gelegenheit, da ich nach jenem Unfall krank lag. Vor den Herren,« hier wandte sich Asya zu den Offizieren, »war mir Geheimnis anbefohlen, und diesen Befehl, zu schweigen, wollen Ew. Liebden jetzt wiederum den Herren aufs ernsteste geben, um jene dort nicht ins Verderben zu stürzen.«

»Die Beweise deiner Tugend sind so offenbar, daß auch ein Blinder sie nicht ableugnen könnte,« sagte der kleine Ritter. »Führe das Werk mit Krytschynski weiter, du sollst kein Hindernis finden, vielmehr Hilfe, worauf ich dir meine Hand gebe, als einem braven Rittersmann. Komme heute zur Abendmahlzeit zu mir.«

Asya drückte die Hand, die ihm Herr Michael reichte, und verneigte sich zum dritten Male. Auch die anderen Offiziere kamen zu ihm heran und sagten: »Wir haben uns in dir getäuscht, aber niemand, der die Tugend liebt, wird dir jetzt den Händedruck versagen.«

Aber der junge Lipker richtete sich plötzlich auf, warf den Kopf in den Nacken wie ein Raubvogel, der im Begriff ist, auf seine Beute zu stoßen.

»Ich stehe vor Männern, die würdiger sind,« sagte er.

Dann verließ er das Zimmer.

Es wurde schwül, als er gegangen war. »Kein Wunder,« sagten die Offiziere zueinander, »das Herz schwillt ihmnoch wegen des Verdachts, aber das wird vorübergehen; wir müssen ihn anders behandeln, er hat wahrhaft ritterlichen Mut. Der Hetman wußte, was er tat; es geschehen Zeichen und Wunder.«

Herr Snitko triumphierte im stillen und konnte es schließlich nicht mehr aushalten. Er trat an Herrn Sagloba heran, neigte sich zu ihm herab, und sagte:

»Verzeiht, Herr, so ist jener Wolf doch kein Verräter?«

»Kein Verräter?« versetzte Sagloba, »gewiß ein Verräter, ein tugendhafter Verräter, denn er verrät nicht uns, sondern die Horde ... Verliert die Hoffnung nicht, Herr Snitko, ich will täglich beten für unseren Verstand, vielleicht wird sich der heilige Geist erbarmen.«

Bärbchen freute sich sehr, als Herr Sagloba ihr den ganzen Vorgang erzählte, denn sie hatte für Asya Wohlwollen und Mitleid.

»Michael und ich, wir müssen beide zur ersten gefährlichen Expedition absichtlich mit ihm hinausziehen; auf diese Weise zeigen wir ihm unser Vertrauen.«

Aber der kleine Ritter streichelte Bärbchens rosiges Gesicht und erwiderte:

»O, du kleines Mäuschen, wir kennen dich! Nicht um Asya ist dir's zu tun: du möchtest gern in die Steppe hinaus und dich am Kampf erfreuen. Daraus wird nichts.«

Und er küßte sie ein über das anderemal auf den Mund.

»Die Mehrzahl ist maßgebend,« sagte Sagloba mit Würde.

Inzwischen saß Asya mit dem Lipkischen Boten in seinem Quartier; sie sprachen leise. Sie saßen so nahe nebeneinander, daß ihre Stirnen sich fast berührten. Eine Kerze von Schafstalg brannte auf dem Tische und warf ihr gelbes Licht auf Asyas Gesicht, das trotz seiner Schönheit geradezuschrecklich war, denn es malte sich in ihm Haß, Grausamkeit und wilde Freude.

»Halim, höre,« flüsterte Asya.

»Effendi!« antwortete der Bote.

»Sage Krytschynski, daß er klug ist, denn im Briefe war nichts, was mich hätte vernichten können. Sag' ihm, daß er klug ist, daß er nie deutlicher schreibe! Sie werden mir jetzt noch mehr vertrauen — alle ... der Hetman selbst, Bogusch, Myslischewski, das ganze Kommando hier — alle! Hörst du? — Daß sie die Pest erwürge!«

»Ich höre, Effendi!«

»Aber erst muß ich nach Raschkow und dann hierher zurückkommen.«

»Effendi, der junge Nowowiejski wird dich erkennen.«

»Er wird mich nicht erkennen; er hat mich schon bei Kalnik gesehen, bei Brazlaw, und hat mich nicht erkannt. Er sieht mich an, runzelt die Brauen, aber erkennt mich nicht. Er war fünfzehn Jahre alt, als er von Hause entfloh; achtmal hat der Winter seit jener Zeit die Steppen mit Schnee bedeckt, ich habe mich verändert. Der Alte würde mich erkennen, aber der Junge nicht ... Aus Raschkow geb' ich dir Nachricht. Krytschynski soll bereit sein und sich in der Nähe halten; mit den Perkulaben müßt Ihr im Einverständnis sein; in Jampol ist auch eine Fahne von uns voraus. Dem Bogusch werde ich einreden, daß er beim Hetman für mich eine Ordonnanz erwirke, damit es mir von dort aus leichter sei, den Krytschynski herüberzubringen. Aber hierher muß ich zurückkommen ... ich muß. Ich weiß nicht, was geschehen wird, wie es sich machen wird ... Ein Feuer glüht in mir, in der Nacht flieht mich der Schlaf ... Wäre sie nicht, ich wäre gestorben.«

»Gesegnet seien ihre Hände!«

Asyas Lippen begannen zu beben und sie flüsterten, zu dem Lipker hingeneigt, wie in Fieberglut:

»Halim, gesegnet seien ihre Hände, gesegnet ihr Haupt, gesegnet der Boden, auf den sie tritt. Hörst du, Halim, sage ihnen dort, daß ich schon genesen bin — durch sie ...«


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