Dekoration, Ende Kap. 10
Titeldekoration, Kap. 11
Der Priester Kaminski, der in jungen Jahren Soldat und ein Herr von ritterlichen Sitten gewesen war, saß in Uschyz, um die Pfarre wieder instand zu setzen. Da aber die Kirche in Trümmern lag, und es an Pfarrkindern fehlte, fuhr dieser Seelenhirt ohne Herde häufig nach Chreptiow hinüber, saß dort ganze Wochen lang und erbaute die Ritterschaft mit frommen Lehren. Er hatte aufmerksam die Erzählungen des Herrn Muschalski mit angehört und begann einige Abende später zu den Versammelten:
»Ich habe immer gern solchen Erzählungen gelauscht, in welchen traurige Abenteuer ein glückliches Ende nehmen, weil aus ihnen hervorgeht, daß Gott den, welchen er unter seine Fittiche genommen hat, immer aus den Schlingen des Bösen befreit, und, sei es selbst aus der Krim, unter ein schützend Dach zurückzuführen vermag.
Darum möge jeder von den Herren ein für allemal sich merken, daß es für Gott den Herrn nichts Unmögliches gibt; er möge selbst in den schwersten Nöten das Vertrauen zu seinem Erbarmen nicht verlieren. — Hört mich an:
Löblich ist es von Herrn Muschalski, daß er einen einfachen Mann mit brüderlicher Liebe geliebt. Der Erlöser hat uns davon ein Beispiel gegeben; er, der aus königlichem Blute war, hat doch die Männer aus dem Volke geliebt, vielevon ihnen zu Aposteln gemacht und ihnen zu einem hohen Rang verholfen, so daß sie jetzt im himmlischen Rate sitzen.
Aber ein anderes ist die persönliche Liebe, ein anderes die allgemeine, die Liebe einer Nation zu einer anderen, welche allgemeine Liebe unser Herr und Heiland nicht minder streng beobachtet hat. Und wo ist sie? Wenn du dich in der Welt umsiehst, Erdensohn, so ist in allen Herzen ein solcher Haß, als folgten die Menschen den Geboten des Teufels und nicht Gottes.«
»Verehrter Herr,« antwortete Sagloba, »Ihr werdet uns schwerlich davon überzeugen, daß wir den Türken, den Tataren oder die anderen lieben sollten, die der Herrgott selber verachten muß.«
»Ich will Euch auch nicht dazu überreden, ich behaupte nur, daß die Kinder einer Mutter sich lieben sollten. Und was geschieht statt dessen? Seit den Zeiten Chmielnizkis, seit dreißig Jahren, waren diese Lande nicht einen Augenblick trocken von Blut.«
»Und durch wessen Schuld?«
»Wer sich zuerst zu ihr bekennt, dem wird Gott zuerst verzeihen.«
»Ihr tragt heute geistliche Gewänder, und in jungen Jahren, so sagt man, habt Ihr die Rebellen als ein tüchtiger Rittersmann zu Paaren getrieben.«
»Das tat ich, weil ich mußte; ich war Soldat, und das ist keine Sünde, sondern das, daß ich sie dabei wie die Pest haßte. Ich hatte meine persönlichen Gründe, die ich nicht erwähnen will, denn die Zeiten sind lange vergangen und jene Wunden längst verharscht. Aber das bereue ich demütig, daß ich über meine Pflicht hinausgegangen bin. Ich hatte bei meinem Kommando hundert Leute von der Fahne des Herrn Niewodowski, und oft, wenn ich mit ihnenherumstreifte, sengte ich, hängte ich, hieb ich die Leute zusammen ... Ihr wißt, was das für Zeiten waren! Die Tataren, von Chmielnizki zu Hilfe gerufen, brannten und metzelten alles nieder, und so taten auch wir. Die Kosaken ließen überall nur Wasser und Land und begingen noch schlimmere Grausamkeiten als wir und die Tataren. O, nichts Entsetzlicheres als der Bürgerkrieg! Was das für Zeiten waren, wer kann es in Worten sagen? Genug, wir und sie waren tollen Hunden ähnlicher als Menschen ... Einst wurde unserem Kommando gemeldet, daß das Gesindel Herrn Rusiezki in seiner Feste belagere. Ich und meine Leute wurden ihm zur Hilfe gesandt. Ich kam zu spät, die Feste war bereits vom Erdboden verschwunden. Nun überfiel ich das betrunkene Bauernvolk und hieb eine Menge von ihnen nieder; aber ein Teil versteckte sich im Getreide. Diese ließ ich lebend fortführen, um sie zum Exempel aufzuknüpfen. Aber wo? Das war leichter gedacht als getan; im ganzen Dorf war nicht ein Baum geblieben. Selbst die Birnbäume, die einsam an den Beeten am Rain gestanden hatten, waren umgehauen. Ich hatte keine Zeit, einen Galgen aufzurichten, auch einen Wald gab es nirgend in der Nähe, wir waren im Steppenland. Was tun? Ich nehme meine Gefangenen und gehe weiter. Irgendwo werde ich doch einen gabelförmigen Baumstamm finden. Ich gehe eine Meile, ich gehe zwei Meilen — nichts als Steppe — man hätte kegeln können. Endlich stoßen wir auf die Spuren eines Dörfchens. Es war gegen Abend. Ich sehe, ich schaue mich um: hier und da einen Haufen Kohlen und sonst nichts als graue Asche. Wieder nichts. Und doch! Auf einem winzigen Hügel war ein Kreuz geblieben, denn das Holz war noch nicht schwarz geworden und leuchtete im Abendschein, als sei es von Feuer; ein Christus, aus Blech geschnittenund so bemalt, daß man erst von der Seite kommen und das dünne Blech sehen mußte, um zu erkennen, daß nicht wirklich ein Körper dort hänge; von vorn betrachtet war sein Gesicht wie lebend, ein wenig bleich von Schmerzen, die Dornenkrone und die Augen nach oben gerichtet mit entsetzlichem Leiden und Klagen. Als ich das Kreuz bemerkte, schoß mir ein Gedanke durch den Kopf: Das ist der Galgen, einen anderen gibt es nicht! Aber ich erschrak zugleich. Im Namen des Vaters und des Sohnes, — an das Kreuz werde ich sie nicht knüpfen. Doch ich sagte mir, daß ich Christi Augen erfreuen werde, wenn ich in seiner Gegenwart diese, die so viel unschuldiges Blut vergossen hatten, köpfen lasse, und ich sagte: »Herr Gott, glaube, daß diese die Juden seien, die dich ans Kreuz schlugen, denn sie sind nicht besser als jene.« Und ich ließ einen nach dem anderen heranschleppen, auf den Hügel bis zum Kreuze führen und köpfen. Es waren unter ihnen alte, grauköpfige Bauern und junge Burschen. Der erste, den man heraufführte, sagte: »Bei den Leiden des Herrn, um Christi willen erbarme dich!« Und ich: »Den Kopf ihm ab!« Der Dragoner hieb, sein Kopf fiel. Man brachte den anderen heran, er sagte dasselbe: »Bei Christi Erbarmen, habe Mitleid!« Und ich: »Den Kopf ihm ab!« So ging es mit dem dritten, dem vierten, dem fünften. Vierzehn waren ihrer, und ein jeder beschwor mich bei Christo ...
Die Abendröte war schon verloschen, als wir fertig waren. Ich ließ sie im Kreis um den Fuß des Kreuzes herumlegen ... ich Tor! Ich wähnte, mit diesem Anblick den eingeborenen Sohn zu erfreuen. Sie aber bewegten sich eine Zeitlang bald mit den Händen, bald mit den Füßen, der eine und der andere wälzte sich umher wie ein Fisch, den man aus dem Wasser genommen; aber das dauerte nicht lange. Baldverließen die Kräfte ihren Körper, und sie lagen da im Kranze herum, still und stumm.
Da schon vollkommene Dunkelheit eingetreten war, beschloß ich zu übernachten, obwohl wir kein Holz zu Wachtfeuern hatten. Die Nacht war warm, und so legten sich meine Leute auf ihre Pferdedecken. Ich ging zum Kreuze hin, um zu Christi Füßen die üblichen Paternoster zu sprechen und mich in seine Hand zu empfehlen, und ich glaubte, mein Gebet werde um so gnädiger aufgenommen werden, als mir der Tag in Arbeit und in Taten hingegangen war, die ich mir zum Verdienst anrechnete.
Es begegnet dem ermatteten Soldaten oft, daß er während des Abendgebetes einschlummert. Auch mir ging es so. Die Dragoner, welche sahen, daß ich mit dem Kopf an das Kreuz gelehnt kniete, meinten, ich sei in fromme Andacht versunken, und keiner von ihnen wollte mich unterbrechen. Meine Augen aber hatten sich gleich geschlossen, und ein seltsamer Traum kam über mich von diesem Kreuze herab. Ich sage nicht, daß ich Gesichte hatte, denn ich bin und war dessen nicht würdig, — aber ich sah im tiefsten Schlafe, als sei ich wach, die ganze Passion des Herrn ... Beim Anblick der Qual des unschuldigen Lammes war mein Herz zerknirscht, die Schleusen meiner Augen öffneten sich, und mich ergriff ein unendliches Weh. »Herr,« sagte ich, »ich habe hier ein Häuflein guter Knechte, — willst du sehen, was unsere Reiterei vermag, so nicke mit dem Haupte, und ich will diese Heidensöhne, diese deine Henker im Augenblick mit den Schwertern köpfen lassen.« Kaum hatte ich ausgesprochen, so schwand alles vor meinen Augen, nur das Kreuz war geblieben, und Christus, der blutige Tränen weinte ... und ich umfasse den Fuß des heiligen Stammes und schluchze auch. Wie lange das gewährt hat, weiß ich nicht, aber daes vorbei war, und ich mich ein wenig beruhigt hatte, sagte ich wieder: »Herr, Herr, hast du nicht unter den verstockten Juden deine heilige Lehre kundgetan? Wärest du von Palästina in unsere Republik gekommen, wir hätten dich gewiß nicht ans Kreuz geschlagen, wir hätten dich freundlich aufgenommen, mit allen Gütern dich beschenkt, wir hätten dir das Bürgerrecht gegeben zur Vermehrung deines göttlichen Ruhmes. Warum hast du nicht so getan, Herr?«
Ich sprach's und hob die Augen gen Himmel — im Traume war es, vergeßt das nicht — und was sehe ich? Unser Herr blickt streng auf mich nieder, runzelt die Brauen und antwortet plötzlich mit mächtiger Stimme: »Wohlfeil ist jetzt Euer Adel, denn in Kriegszeiten kann ihn jeder Bube erwerben; aber das ist das geringste! Wert seid Ihr einander, Ihr und das Barbarengesindel; Ihr und die anderen seid schlimmer als die Juden, denn Ihr schlaget mich täglich hier ans Kreuz ... Habe ich nicht Liebe gelehrt und Vergebung der Sünden auch für den Feind, und Ihr zerfleischet einander wie die wütenden Tiere. Das muß ich sehen und leide unendliche Qual. Du selbst aber, der du mich hattest befreien wollen, und mich dann in die Republik zu kommen einludest, was hast du getan? Siehe, menschliche Leichname liegen rings um mein Kreuz, und Blut bespritzt seinen Fuß, und doch waren unter ihnen unschuldige Knaben oder Verblendete, die, da sie keine Einsicht hatten, den anderen folgten, wie die vernunftlosen Schafe. Hattest du Mitleid mit ihnen, hast du sie gerichtet vor dem Tode? Nein, du ließest sie alle töten und wähntest noch, mir damit eine Freude zu bereiten. Fürwahr, ein anderes ist Rügen und Strafen, wie der Vater den Sohn straft, und der ältere Bruder den jüngeren rügt, und ein anderes Rache nehmen, als Gericht halten und kein Maß in Strafe und Grausamkeitkennen. Dahin ist es gekommen, daß auf dieser Erde die Wölfe mehr Erbarmen haben, denn die Menschen, daß hier das Gras blutigen Tau schwitzt, daß die Winde nicht wehen, sondern heulen, daß die Flüsse Tränenströme wälzen, und die Menschen bis zum Tode die Hände ringen und jammern: »Unsere Zuversicht!«
»Herr,« rief ich, »sind jene besser als wir? Wer hat die größten Grausamkeiten begangen, wer hat die Heiden hierhergeführt?«
»Liebet sie, auch wenn ihr sie straft,« antwortete der Herr, »dann werden die Schuppen von ihren Augen fallen, die Verstocktheit wird sich lösen, und meine Barmherzigkeit wird über euch sein. Wo nicht, wird die Flut der Tataren kommen und euch ihr Joch auferlegen, euch und ihnen — und ihr werdet dem Feinde dienen müssen in Verzweiflung, in Verachtung, in Tränen — bis zu jenem Tage, da ihr euch gegenseitig lieben gelernt. Wenn ihr aber im Haß das Maß überschreitet, dann wird es weder für sie noch für euch Erbarmen geben, und der Heide wird diesen Boden innehaben in alle Ewigkeit!«
Die Kräfte verließen mich, da ich diese Seherworte hörte, und ich konnte lange nicht sprechen; dann warf ich mich auf mein Antlitz und fragte:
»Herr, was soll ich tun, um meine Sünden zu tilgen?«
Darauf sagte der Herr:
»Gehe hin, wiederhole meine Worte, predige Liebe.«
Nach dieser Antwort wichen meine Gesichte. Da die Nacht im Sommer kurz ist, erwachte ich, ganz von Tau bedeckt, mit der Morgendämmerung. Ich sehe hin, die Köpfe liegen im Kranz um das Kreuz herum, aber sie sind schon ganz blau geworden. Seltsam, gestern hatte mich dieser Anblick erfreut, heute ergriff mich das Entsetzen, besondersda ich den Kopf eines Knaben erblickte, der etwa siebzehn Jahre zählen mochte und der über alle Maßen schön war. Ich befahl, die Körper geziemend unter demselben Kreuz zu begraben, und von nun an — war ich nicht mehr derselbe.
Anfangs sagte ich mir: Träume — Schäume! Aber sie hafteten in meinem Gedächtnis und umfingen mein ganzes Sein immer mehr. Ich wagte nicht zu vermuten, daß der Herr selbst mit mir gesprochen habe, denn, wie ich schon sagte, ich fühlte mich nicht würdig. Es konnte doch das Gewissen gewesen sein, welches sich im Kriege in der Seele untergeduckt hatte, wie der Tatar im Grase, daß Gott plötzlich gesprochen und mir seinen Willen kundgetan hatte. Ich ging zur Beichte, und der Priester bestätigte meine Meinung. »Offenbar,« sagte er, »ist es Gottes Wille und Gottes Mahnung. Gehorche ihr, damit es dir nicht übel ergehe.«
Und nun begann ich Liebe zu predigen.
Aber die Genossen und Offiziere lachten mir ins Gesicht. »Was,« sagten sie, »bist du ein Priester, daß du uns Lehren geben willst? Haben jene Hundesöhne Gott nicht beleidigt, haben sie wenig Kirchen in Brand gesteckt, wenig Kreuze geschändet? Sollen wir sie darum lieben?« — mit einem Worte, niemand wollte auf mich hören.
Darum legte ich nach der Schlacht bei Berestetsch diese geistlichen Gewänder an, um mit größerer Würde das Wort und den Willen Gottes zu verkünden. Seit zwanzig Jahren und darüber tue ich es ohne Rast und Ruhe. Meine Haare sind gebleicht ... Gott der Allerbarmer wird mich nicht dafür strafen, daß meine Stimme bis jetzt die Stimme des Predigers in der Wüste gewesen.
Meine Herren, liebet eure Feinde! Strafet sie, wie der Vater straft, rüget sie, wie der ältere Bruder rügt, sonst wirdihnen wehe sein, aber wehe auch euch, wehe der ganzen Republik!
Seht, was ist der Nutzen dieses Krieges, dieses Hasses des Bruders gegen den Bruder? Wüst ist das ganze Land, nur Leichenhügel sind mir in Uschyz als Pfarrkinder geblieben, in Trümmern liegen Kirchen, Städte, Dörfer; die Macht der Heiden wächst und schlägt über uns zusammen wie das Meer, das auch dich, du Fels von Kamieniez, zu verschlingen droht.«
Herr Nienaschyniez hatte mit großer Rührung der Rede des Priesters Kaminski gelauscht, so daß der Schweiß auf seine Stirn trat, und er ergriff das Wort, als alles um ihn her in Schweigen versunken war.
»Daß es hier unter dem Kosakenvolk würdige Männer gibt, da ist uns ein Beweis der hier anwesende Herr Motowidlo, den wir alle lieben und ehren. Was aber die allgemeine Liebe betrifft, über welche Priester Kaminski so beredt gesprochen hat, muß ich gestehen, daß ich in schwerer Sünde bis heute gelebt, denn ich habe sie nicht in mir und habe mich nicht bemüht, sie zu besitzen. Jetzt hat mir der würdige Priester die Augen geöffnet. Ohne besondere Gnade des Himmels werde ich diese Liebe im Herzen nicht finden, denn ich trage die Erinnerung eines entsetzlichen Unrechts in ihm, das ich hier kurz erzählen will.«
»Trinken wir etwas Warmes!« fiel Sagloba ein.
»Schürt das Feuer,« sagte Bärbchen zu den Knechten.
Bald erglänzte das geräumige Gemach von neuem in hellem Licht, und ein Knecht stellte vor jeden der Ritter ein Quart Warmbier hin. Alle tauchten gern die Lippen hinein, und als sie ein und das anderemal getrunken hatten, nahm Herr Nienaschyniez das Wort wieder und sprach, wie wenn ein Wagen rasselt:
»Meine Mutter empfahl sterbend meinem Schutze die Schwester. Halschka hieß sie. Ich hatte keine Frau, kein Kind, darum liebte ich dieses Mädchen wie meinen Augapfel. Sie war zwanzig Jahre jünger als ich, und ich trug sie auf meinen Händen, kurz, ich betrachtete sie als mein eigen Kind. Dann zog ich in den Krieg, und die Horde nahm sie in ihre Gefangenschaft. Als ich heimkehrte, rannte ich mit dem Kopf gegen die Wand. Mein Besitz war während des Überfalles verloren; aber ich verkaufte, was ich hatte; für das letzte erwarb ich ein Pferd und ritt hinaus mit den Armeniern, um sie auszulösen. Ich fand sie in Baktschissaraj beim Harem, nicht im Harem, denn sie war erst zwölf Jahre alt. — Nie vergeß' ich, Halschka, den Augenblick, da ich dich wiederfand, wie du mich liebend umhalstest, wie du mich auf die Augen küßtest! Doch ach, zu wenig war, was ich mitgebracht hatte. Das Mädchen war schön; Jehu-Aga, der sie entführt hatte, forderte dreimal soviel. Ich wollte mich als Zugabe ausliefern — auch das half nicht. Vor meinen Augen erstand sie auf dem Markte Tuhaj-Bey, unser berühmter Feind, der sie drei Jahre lang beim Harem halten und sie dann zu seiner Gattin machen wollte. Ich kehrte ins Land zurück und raufte mir die Haare. Unterwegs erfuhr ich, daß in einer Seestadt eine von Tuhaj-Beys Gattinnen mit ihrem Lieblingssöhnchen Asya wohne — Tuhaj-Bey hatte in allen Städten und Dörfern Frauen, um überall Ruhe unter eigenem Dache zu haben. Da ich von jenem Lieblingssohn hörte, war mir's, als zeige mir Gott das letzte Rettungsmittel für Halschka, und sogleich beschloß ich, Asya zu entführen und ihn dann für mein Mädchen einzutauschen. Aber ich allein konnte das nicht vollführen. Ich mußte in der Ukraine oder in den wilden Feldern die Banden zusammenrufen, und das war nicht leicht, denn erstens warder Name Tuhaj-Bey gefürchtet in ganz Reußen, und dann hatte er den Kosaken gegen uns geholfen. Aber in den Steppen haust eine Menge Kosaken, welche nur den eigenen Gewinn im Auge haben und um der Beute willen zu allem bereit sind. Solcher sammelte ich eine bedeutende Zahl. Was wir alles durchgemacht, ehe wir die Tschaiken sämtlich ins Meer hinausbrachten, das kann keine Zunge sagen, denn auch vor den Kosaken-Ältesten mußten wir uns verbergen. Aber Gott gab uns Segen. Asya entführte ich und mit ihm köstliche Beute. Die Verfolger holten uns nicht ein, und wir kamen glücklich in die wilden Felder. Von hier wollte ich nach Kamieniez, um sogleich durch die dortigen Kaufleute die Verhandlungen zu beginnen. Ich teilte alle Beute unter die Kosaken und behielt mir selbst nur Tuhaj-Beys Jungen. Und weil ich so freigebig und redlich mit den Leuten verfahren war, weil ich soviel mit ihnen zusammen erduldet hatte, weil ich mit ihnen Hunger gelitten und für sie mein Leben gewagt hatte, meinte ich, jeder von ihnen werde für mich ins Feuer gehen, ich hatte mir ihr Herz für immer gewonnen. Bitter sollte ich enttäuscht werden!
Es war mir nicht eingefallen, daß sie ihre eigenen Atamans in Stücke reißen, um ihre Beute zu teilen. Ich hatte vergessen, daß es unter diesen Leuten keinen Glauben, keine Tugend, keine Dankbarkeit, kein Gewissen gibt ... Schon in der Nähe von Kamieniez reizte sie die Hoffnung reichen Lösegeldes für Asya. In der Nacht fielen sie über mich her wie die Wölfe, würgten mich mit einer Schnur um den Hals, zerstachen meinen Körper mit Messern und ließen mich endlich, da sie mich für tot hielten, in der Wüste liegen und gingen selbst mit dem Kinde davon.
Gott sandte mir Rettung und gab mir die Gesundheit wieder — aber meine Halschka war für immer verloren.Vielleicht lebt sie noch dort irgendwo; vielleicht hat sie nach dem Tode Tuhaj-Beys irgend ein anderer Heide genommen; vielleicht ist sie zu Mohammed übergetreten, hat vielleicht den Bruder ganz und gar vergessen — vielleicht wird dereinst ihr Sohn mein Blut vergießen ... Das ist meine Geschichte.«
Hier verstummte Herr Nienaschyniez und blickte finster zu Boden.
»Wieviel Blut und Tränen der Unseren sind für diese Lande schon geflossen!« sagte Herr Muschalski.
»Liebe deine Feinde!« warf Priester Kaminski ein.
»Und als Ihr wieder gesund waret — habt Ihr Tuhaj-Beys Jungen nicht wieder gesucht?« fragte Sagloba.
»Wie ich später erfuhr,« antwortete Nienaschyniez, »hat eine andere Bande meine Räuber überfallen, die sie bis auf den letzten Mann niedermetzelte; die schleppten Beute und Kind mit sich fort. Ich habe überall gesucht — wie ein Stein, der ins Meer gefallen, war's verloren.«
»Vielleicht habt Ihr es später einmal getroffen und habt es nicht erkannt,« sagte Frau Bärbchen.
»Das Kind — ich weiß nicht, ob es schon drei Jahre zählte — wußte kaum, daß es Asya heiße, aber ich würde es erkennen, denn es hat über jeder Brust ein Fischchen in blauer Farbe ausgestochen.«
Plötzlich sagte Mellechowitsch, der bisher ruhig im Winkel gesessen hatte, mit auffallend veränderter Stimme:
»An den Fischen würdet Ihr es nicht erkennen; viele Tataren können ein solches Zeichen haben, besonders unter denen, die an den Ufern der Flüsse wohnen.«
»Nein,« versetzte der ehrwürdige Hromyka, »nach der Schlacht von Berestetsch haben wir Tuhaj-Beys Leichnam betrachtet; er war auf dem Platze geblieben, und ich weiß,er hatte Fische auf der Brust, und alle Gefangenen trugen andere Zeichen.«
»Und ich sage Euch, viele tragen solche Fische!«
»Ja, aber aus dem feindlichen Geschlecht Tuhajs.«
Das Gespräch wurde durch den Eintritt des Herrn Leltschyz unterbrochen, der am frühen Morgen von Herrn Michael auf Vorposten ausgesandt war und eben jetzt zurückkehrte.
»Herr Kommandant,« sagte er noch in der Tür, »an der Sieroz-Furt auf der moldauischen Seite lagert ein Haufen Gesindel, der es auf uns abgesehen hat.«
»Was für Leute sind es?« fragte Herr Michael.
»Strolche, Walachen, Ungarn, von beiden ein bißchen, und am meisten von der Horde; im ganzen an zweihundert Mann.«
»Das sind dieselben, von welchen ich Kunde hatte, daß sie auf der walachischen Seite geplündert haben,« sagte Wolodyjowski. »Perkula muß sie dort bedrängen, sie fliehen zu uns. Aber dort sind allein zweihundert von der Horde; in der Nacht werden sie übersetzen, und mit der Morgendämmerung treten wir ihnen in den Weg. Herr Motowidlo und Asya werden sich von Mitternacht an in Bereitschaft halten; eine Herde Ochsen wird ihnen zur Anreizung entgegengejagt. Und jetzt in die Quartiere!«
Die Soldaten begannen auseinanderzugehen, aber noch hatten nicht alle das Zimmer verlassen, als Bärbchen zu ihrem Gatten eilte, ihre Hände um seinen Hals legte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Er lächelte und schüttelte verneinend den Kopf; sie aber drängte offenbar in ihn und schlang ihre Arme immer fester um seinen Nacken. Als Sagloba das sah, sagte er:
»Tu ihr doch einmal den Gefallen, dann mach' auch ich Alter mit euch mit.«
Die lockeren Banden, die sich an beiden Ufern des Dniestr mit Raub beschäftigten, bestanden aus Leuten der verschiedenen Nationalitäten, welche die Nachbarländer bewohnten. Den überwiegenden Teil machten immer die tatarischen Überläufer von den Horden der Dobrudscha und von Bialogrod aus, die noch wilder und kriegerischer waren als ihre Stammesbrüder in der Krim. Aber es fehlte auch nicht an Walachen, an Kosaken und Ungarn, an polnischen Kriegsknechten, welche aus den Grenzwarten entflohen waren, die am Ufer des Dniestr entlang lagen. Sie lauerten bald auf der polnischen, bald auf der walachischen Seite in Büschen auf, von Zeit zu Zeit den Grenzfluß überschreitend, je nachdem die Perkulabischen oder die Kommandanten der Republik sie bedrängten. In Schluchten und Wäldern, in Höhlen hatten sie ihre unzugänglichen Schlupfwinkel. Das Hauptziel ihrer Überfälle waren die Ochsen- und Pferdeherden der Grenzwarten, die auch im Winter die Steppen nicht verließen, da sie sich selbst ihre Nahrung unter dem Schnee hervorsuchten. Außerdem aber überfielen sie die Dörfer, Städtchen, Flecken, kleinere Kommandos, polnische, ja auch türkische Kaufleute und die Vermittler, die mit dem Lösegeld nach der Krim zogen. Diese Haufen hatten ihre Ordnung und ihre Führer, aber sie verbanden sich selten. Oft geschah es sogar, daß minder zahlreiche durch stärkere niedergemetzelt wurden. Sie hatten sich überall in den reußischen Landen sehr vermehrt, besonders seit der Zeit der kosakisch-polnischen Kriege, da jede Sicherheit in jenen Gegenden geschwunden war. Die Banden am Ufer des Dniestr, welche beständig durch Überläufer aus der Horde ergänzt wurden, waren besonders drohend. Manche von ihnen zählten bis zu fünfhundertKöpfe; ihre Führer nahmen den Titel von Beys an. Sie verwüsteten das Land auf ganz tatarische Weise, und oft wußten die Kommandanten selbst wirklich nicht, ob sie es mit Räubern zu tun hatten oder mit dem Vortrab einer ganzen Horde. Den regulären Truppen, besonders der Reiterei der Republik, vermochten jene Haufen im Felde nicht standzuhalten. Waren sie aber einmal in die Falle gelockt, so schlugen sie sich verzweifelt, denn sie wußten wohl, daß ihrer in der Republik der Galgen harre. Ihre Waffen waren verschieden; Bogen und Flinte fehlten ihnen; sie wären ihnen auch zu ihren nächtlichen Überfällen von geringem Nutzen gewesen. Der größte Teil war mit türkischen Handscharen und Yataganen ausgerüstet — mit tatarischen Säbeln und mit Pferdekinnbacken, die sie auf junge Eichstöcke setzten und mit Stricken befestigten. Diese letztere Waffe leistete in fester Faust furchtbare Dienste, denn sie zerschmetterte jeden Säbel. Einzelne hatten Heugabeln, die sehr lang und stark mit Eisen beschlagen waren; einzelne führten Lanzen. Diese leisteten in Notfällen der Reiterei Widerstand.
Die Bande, welche an der Sieroz-Furt Halt gemacht hatte, mußte sehr stark an Zahl sein oder aber sich in der äußersten Not auf der moldauischen Seite befinden, wenn sie es wagte, gegen das Kommando von Chreptiow anzurücken, trotz der Furcht, welche Herrn Michaels Name allein in allen Räuberbanden beider Ufer weckte. Und so brachten auch die zweiten Vorposten die Mitteilung, daß sie aus vierhundert Köpfen bestehe unter Führung Asba-Beys, des berühmten Rottenführers, der seit einigen Jahren die polnische und moldauische Seite in Furcht und Schrecken erhielt.
Wolodyjowski war voller Freude, als er erfuhr, mit wem er es zu tun haben werde, und gab sogleich seine Befehle. Außer Mellechowitsch und Motowidlo zog noch dieFahne des Herrn Generals von Podolien und des Herrn Truchseß von Prschemysl. Noch in der Nacht brachen sie auf, und wie es hieß, nach verschiedenen Seiten. Aber wie die Fischer das große Zuggarn weithin ausbreiten, um nachher bei einer Wuhne zusammenzukommen, so sollten auch diese Fahnen, die in einem weiten Kreise herumgingen, beim Anbruch des Tages an der Sieroz-Furt zusammentreffen.
Bärbchen sah mit klopfendem Herzen dem Auszug der Truppen zu. Es sollte dies ihr erster Kriegszug sein, und das Herz schwoll ihr bei dem Anblick der Behendigkeit dieser alten Steppenwölfe. Sie gingen in solcher Stille davon, daß man im Blockhaus selbst sie kaum hätte hören können. Kein Zügel klirrte, kein Steigbügel, kein Säbel schlug an den anderen, kein Pferd wieherte. Die Nacht war hell und schön, denn es war die Zeit des Vollmondes; er beleuchtete den Hügel der Grenzwarte und die Steppe, die von allen Seiten leicht abfiel. Und doch, kaum war eine Fahne über das Pfahlwerk hinausgekommen, kaum leuchtete es auf im silbernen Feuerschein, den der Mond den Schwertern entlockte, so war sie auch schon den Augen entschwunden wie ein Volk Rebhühner, das im wogenden Grase untertaucht. Es lag etwas Geheimnisvolles in diesem Auszug. Bärbchen war es, als zögen Jäger auf eine Jagd, die mit Anbruch des Tages beginnen sollte, und als gingen sie so still und vorsichtig, um das Wild nicht aufzuscheuchen. Und so erfüllte ihr Herz eine mächtige Lust, an dieser Jagd teilzunehmen.
Herr Michael widersprach dem nicht, denn Sagloba hatte ihm seine Zustimmung abgerungen. Überdies wußte er auch, daß er doch einmal Bärbchens Willen werde Genüge tun müssen, er zog also vor, es bald zu tun, um so mehr, als diese Freibeuter Bogen und Feuergewehr nicht zu gebrauchen pflegten.
Sie brachen aber erst drei Stunden nach dem Auszug der ersten Fahne auf, denn so hatte Michael es angeordnet. Mit ihnen ging Herr Muschalski und zwanzig Linkhausensche Dragoner nebst dem Wachtmeister, alles Masuren, ausgezeichnete Leute, hinter deren Säbel die anmutige Kommandantin so sicher war wie in ihrem Ehezimmer.
Sie selbst war, da sie auf einem Männersattel reiten sollte, entsprechend gekleidet. Sie trug perlfarbige, sammetne und weite Pluderhöschen, die einem Unterrock glichen und in gelben Saffianstiefelchen steckten, ferner einen Überrock von ebenfalls grauer Farbe mit weißem Krimmer gefüttert und an den Nähten schön besetzt, dann eine silberne Patronentasche von vorzüglicher Arbeit, ein leichtes, türkisches Säbelchen an seidenen Schnüren, und Pistolen im Holster. Ihr Kopf steckte in einem kleinen Kalpak, oben von venetianischem Sammet, mit einer Reiherfeder geschmückt und ringsum mit wilder Katze besetzt. Unter dem Kalpak sah ihr helles, rosiges, fast kindliches Gesichtchen und ihre zwei neugierigen Augen, die wie glühende Kohlen leuchteten, hervor.
In dieser seltsamen Tracht, auf dem kleinen, schnellen und gleich einem Reh zahmen Pferdchen, schien sie ein Hetmanskind zu sein, das unter dem Schutze alter Krieger zum ersten Unterricht ausreitet. Sie bewunderten auch ihre Gestalt; Sagloba und Muschalski stießen einander mit den Ellbogen und küßten jeder seine Faust zum Zeichen besonderer Verehrung für Bärbchen. Beide beschwichtigten ihre Sorge um den verspäteten Aufbruch.
»Du verstehst den Krieg nicht,« sagte der kleine Ritter, »darum verdächtigst du uns, daß wir dich erst, wenn alles vorbei ist, an Ort und Stelle bringen wollen. Die einen Fahnen gehen wie ein Pfeilschuß, die anderen müssen Umwege machen, um die Stege abzuschneiden, und werden sichdann erst ganz leise vereinigen und den Feind umzingeln. Wir aber kommen zur rechten Zeit, und ohne uns wird nichts begonnen, denn jede Stunde dort ist berechnet.«
»Und wenn der Feind zur rechten Zeit aufmerksam wird und zwischen den Fahnen hindurchhuscht?«
»Schlau ist er und wachsam, aber auch uns ist ein solcher Krieg nicht neu.«
»Dem Michael kannst du glauben,« rief Sagloba, »denn es gibt keinen größeren Praktiker als ihn. Ein böser Stern hat dieses Lumpengesindel hierhergeführt.«
»In Lubnie war ich noch jung,« antwortete Michael, »und schon dort hat man mir ähnliche Funktionen aufgetragen; jetzt aber habe ich, um dir dies Schauspiel zu bieten, alles noch sorgfältiger disponiert. Die Fahnen werden sich dem Feinde gleichzeitig zeigen, gleichzeitig losschreien und gleichzeitig vorrücken — wie wenn man mit der Peitsche knallt.«
»Und! Und!« rief Bärbchen aus, richtete sich vor Freude in den Steigbügeln auf und fiel dem kleinen Ritter um den Hals. »Und werde ich auch vorrücken dürfen, wie, Michael, ja?« fragte sie mit blitzenden Augen.
»Im Getümmel gestatte ich es dir nicht, denn da gibt es leicht Unglück, kommt leicht das Pferd zum Straucheln; aber ich habe Weisung gegeben, daß sie beim Losschlagen einen Haufen auf uns zujagen; dann geben wir den Pferden die Sporen, und du kannst zwei oder drei niederhauen. Aber halte dich immer von links, denn auf diese Weise kann der Verfolgte nicht leicht über das Pferd hinüberlangen, und du hast ihn auf der entgegengesetzten Seite.«
Bärbchen sagte: »Hoho, ich fürchte mich nicht; du hast doch selbst gesagt, daß ich den Säbel weit besser führe als Onkelchen Makowiezki. Mit mir wird keiner fertig!«
»Achte nur darauf, die Zügel festzuhalten,« warf Sogloba ein. »Sie haben so ihre Kniffe, und es kann leicht kommen: du verfolgst ihn, und er wendet plötzlich sein Pferd und wirft dich zurück, und ehe du an ihm vorüberkommst, hat er dich schon erreicht. — Ein alter Praktikus läßt das Pferd nicht zu scharf gehen, sondern zügelt es je nach Bedürfnis.«
»Und den Säbel nicht zu hoch heben, um leicht zum Stich übergehen zu können,« sagte Muschalski.
»Ich werde bei ihr sein für alle Fälle,« sagte der kleine Ritter. »Siehst du, in der Schlacht ist die Hauptschwierigkeit die, daß man an alles denken muß: an sein Pferd, und an den Feind, an die Zügel, an den Säbel, an Hieb und Stich und alles zu gleicher Zeit. Wer Übung hat, der macht das ganz von selbst, aber zu Anfang pflegen selbst vortreffliche Kämpfer ungeschickt zu sein, und irgend ein Wicht, der Übung hat, wirft den Anfänger ab ... darum werde ich an deiner Seite sein.«
»Aber tritt nur nicht für mich ein und befiehl auch den Leuten, daß niemand ohne Not für mich eintrete.«
»Nun, nun, wir werden ja sehen, ob dein Mut vorhält, wenn es ernst wird,« versetzte lächelnd der kleine Ritter.
»Oder ob du dich nicht einem von uns an den Schoß hängen wirst,« schloß Sagloba.
»Wir wollen sehen,« sagte Bärbchen entrüstet.
Unter solchen Gesprächen waren sie in eine Gegend gekommen, die hier und da mit Gestrüpp bedeckt war. Die Morgendämmerung war nahe, aber es hatte sich inzwischen doch verfinstert, denn der Mond war untergegangen. Von der Erde hob sich ein leichter Dunst und umschleierte die entfernteren Gegenstände. In diesem leichten Nebel und Zwielicht nahm das Dickicht, das in der Nähe hin und herschwankte, in Bärbchens erregter Phantasie Gestalten lebender Wesen an. Manchmal schien es ihr, als sähe sie deutlich Menschen und Pferde.
»Michael, was ist das?« fragte sie flüsternd und zeigte mit dem Finger auf einen Seitenpfad.
»Nichts, — Buschwerk.«
»Ich glaubte, es seien Reiter. Sind wir bald an Ort und Stelle?«
»In etwa anderthalb Stunden geht es los.«
»Ha!«
»Fürchtest du dich?«
»Nein, das Herz pocht mir vor Freude. Wie sollt' ich mich fürchten? Ganz und gar nicht! — Sieh', was für ein Reif hier liegt; man sieht's, obwohl es dunkel ist.«
Sie waren in der Tat auf einen Strich der Steppe gelangt, auf welchem die langen Stengel des Steppengrases mit Reif bedeckt waren. Michael sah hin und sagte:
»Hier diesen Weg hat Motowidlo genommen. Nicht weiter als eine halbe Meile von hier muß er versteckt liegen. Es dämmert schon.«
Der erste Lichtschimmer wurde wahrnehmbar, die Dämmerung wich, Himmel und Erde wurden grau, die Luft blasser, die Spitzen der Bäume und Sträucher überzogen sich wie mit Silber. Die fernen Gruppen Buschwerk traten aus dem Dunkel hervor, als hebe jemand langsam den Vorhang von ihnen hinweg.
Da tauchte plötzlich vor dem nächsten Busch ein Reiter auf.
»Von Herrn Motowidlo?« fragte Michael, als der Mann in seiner nächsten Nähe vom Pferde gestiegen war.
»So ist es, Ew. Liebden.«
»Was gibt's?«
»Sie haben die Sieroz-Furt überschritten, dann sind sie, dem Brüllen der Rinder folgend, nach Kalusik gegangen. Die Rinder haben sie genommen und stehen auf dem Jurgow-Feld.«
»Und wo ist Herr Motowidlo?«
»Er lagert auf der Hügelseite, und Herr Mellechowitsch bei Kalusik. Die anderen Fahnen weiß ich nicht.«
»Gut,« sagte Michael, »das weiß ich; mach' dich auf zu Herrn Motowidlo und befiehl, den Ring zu schließen; die einzelnen Leute soll er bis auf den halben Weg von Herrn Mellechowitsch zerstreuen. Sitz' auf!«
Der Mann legte sich fast auf seine Satteldecke und stob dahin, daß dem Pferde die Milz schwoll. Im Nu war er aus dem Gesichtskreis.
Sie aber ritten weiter, noch stiller, noch vorsichtiger. Inzwischen war es vollkommen Tag geworden. Der Nebel, der sich bei Tagesanbruch vom Boden erhoben hatte, war ganz gesunken, und am östlichen Horizont zeigte sich ein langer, heller Streifen, dessen leuchtender, rosiger Glanz Luft, Berge, die Abhänge ferner Schluchten und Gipfel färbte. Da schlug an die Ohren der Reiter von der Dniestr-Seite her wirres Gekrächz, und in der Höhe vor ihnen zeigte sich eine ungeheure Schar von Raben, die dem Morgenrot zuflogen. Einzelne Vögel lösten sich von Zeit zu Zeit von der Hauptmasse los und flogen über die Steppe in weitem Kreise herum, wie es die Dohlen und Habichte machen, wenn sie Beute erspähen.
Sagloba hob den Säbel in die Höhe, zeigte auf die Raben und sagte zu Bärbchen:
»Bewundere die Klugheit dieser Vögel. Wenn es irgendwo zu einer Schlacht kommt, so ziehen sie bald von allen Seiten heran, als wenn sie jemand aus einem Sacke schüttete.Wenn nur ein Heer marschiert oder Freundesheere sich treffen sollen, ist das nicht der Fall; so können diese Tiere die Absichten der Menschen erraten, wenn sie ihnen auch niemand kundtut. Der bloße Geruchssinn erklärt das nicht, deshalb hat man alle Ursache, sich höchlichst darüber zu verwundern.«
Mittlerweile waren die Vögel unter immer lauterem Krächzen näher herangekommen, und Herr Muschalski wandte sich zu dem kleinen Ritter und sagte, indem er mit der flachen Hand auf seinen Bogen schlug:
»Herr Kommandant, ist es gestattet, einen davon zur Freude der Frau Kommandantin herunterzuholen? Lärm wird es nicht machen.«
»Holt ihn herunter, holt auch zwei herunter,« sagte Herr Michael, denn er wußte, wie gern sich der alte Soldat wegen der Sicherheit seiner Geschosse bewundern ließ.
Da griff der unvergleichliche Bogenschütze nach dem Rücken, zog einen befiederten Pfeil hervor, legte ihn auf die Sehne, hob Bogen und Kopf empor und wartete.
Die Schar kam immer näher. Alle hielten die Pferde an und blickten erwartungsvoll in die Höhe. Plötzlich erklang der klagende Ton der Sehne wie das Zwitschern der Schwalbe; der Pfeil flog auf und verschwand in der Schar.
Einen Augenblick konnte man glauben, Muschalski habe gefehlt; aber siehe da, bald schoß ein Rabe einen Purzelbaum und stürzte, sich beständig überschlagend, gerade über den Köpfen der Reiter herab, um bald mit ausgebreiteten Flügeln, wie ein Blatt, welchem die Luft Widerstand leistet, langsam herniederzusinken.
Er fiel wenige Schritte vor Bärbchens Pferde zu Boden. Der Pfeil hatte ihn so durchbohrt, daß die Spitze über dem Rücken hervorleuchtete.
»Es ist ein glückliches Vorzeichen,« sagte Muschalski, sichvor Bärbchen verneigend. »Ich werde von fern auf die Frau Kommandantin, meine große Wohltäterin, ein Auge haben und im Falle der Not wieder mit Gottes Hilfe ein Pfeilchen losschnellen. Wenn es auch ganz in der Nähe schwirrt, so versichere ich doch, daß es nicht verwunden wird.«
»Ich möchte nicht der Tatar sein, den Ihr aufs Korn nehmt,« sagte Bärbchen.
Da unterbrach Wolodyjowski die Unterhaltung. Er wies auf eine ziemlich bedeutende Anhöhe in einiger Entfernung und sagte: »Dort machen wir Halt.«
Nach diesen Worten ritten sie im Galopp weiter; als sie die halbe Anhöhe erreicht hatten, befahl der kleine Ritter, langsameren Schrittes vorwärts zu rücken und endlich, nicht weit vom Gipfel, die Pferde anzuhalten.
»Wir werden nicht bis an die äußerste Spitze reiten,« sagte er, »denn an einem so hellen Morgen kann man uns aus der Ferne leicht aufs Korn nehmen. Wir werden vom Pferde steigen und uns so dem Abhang nähern, daß unsere Köpfe nicht hervorragen.«
Bei diesen Worten sprang er vom Pferd und mit ihm Bärbchen, Muschalski und die anderen. Die Dragoner blieben unterhalb des Gipfels und hielten die Pferde. Sie aber gingen langsam bis an die Stelle, wo die Anhöhe fast wie eine Wand abfiel. Am Fuße dieser etliche zehn Ellen hohen Wand stand dicht verwachsen eine Kette von Gestrüpp, weiter unten zog sich die tiefe, ebene Steppe hin, die man von dieser Höhe herab weithin überblicken konnte.
Die Ebene, die ein kleiner Fluß, der nach der Richtung von Kalusik strömte, durchschnitt, war ebenso wie der Fuß des Felsens mit schilfbewachsenen Flußinseln bedeckt; von der größten stiegen dünne Rauchstreifen zum Himmel empor.
»Siehst du,« sagte Michael zu Bärbchen, »dort hält sich der Feind versteckt.«
»Ich sehe den Rauch, aber ich sehe weder Menschen noch Pferde,« antwortete Bärbchen mit pochendem Herzen.
»Weil das Schilf sie verdeckt, obwohl ein geübtes Auge sie erreicht. Sieh' dorthin: zwei, drei, vier, eine ganze Anzahl von Pferden sieht man. Das eine ist scheckig, das andere ganz weiß, und von hier sieht es wie blau aus.«
»Werden wir bald zu ihnen hinunterreiten?«
»Man wird sie uns hierherjagen, aber wir haben Zeit, denn bis zu jener Stelle kann es eine Viertelmeile sein.«
»Wo sind die Unsrigen?«
»Siehst du dort unten in weiter Ferne den Waldstreifen? Des Herrn Kämmerers Fahne muß gerade jetzt seinen Rand erreichen. Mellechowitsch kann auf jener Seite jede Minute auftauchen. Die zweite Fahne der Genossen wird sie von diesem Felsen aus fassen. Wenn sie die Leute erblicken, werden sie von selbst auf uns losrücken, denn hier herum kann man bequem zum Fluß unterhalb des Abhanges; von der anderen Seite aber ist ein gähnender Abgrund, den niemand zu Pferde passieren kann.«
»So sind sie in der Falle?«
»Wie du siehst.«
»O Gott, ich halt' es kaum noch aus!« rief Bärbchen.
Und nach einer Weile sagte sie:
»Michael, wenn sie klug wären, was würden sie tun?«
»Sie würden sich dann wie ein Feuer auf die Fahne des Kämmerers stürzen und es aufreiben. Dann wären sie frei; aber das tun sie nicht, denn erstens kommen sie nicht gern der regulären Reiterei in die Quere, und zweitens werden sie fürchten, daß ein größeres Heer im Walde lauert, und darum werden sie hierher entwischen wollen.«
»Ja, aber wir werden sie nicht aufhalten können, wir haben nur zwanzig Mann.«
»Und Motowidlo?«
»Ach ja, wo ist er denn?«
Statt zu antworten schrie Wolodyjowski plötzlich, ganz wie der Habicht oder Falke schreit.
Alsbald antworteten ihm zahlreiche Rufe vom Fuße der Anhöhe her. Es waren Motowidlos Scharen, die sich in dem Gestrüpp so gut untergeduckt hatten, daß Bärbchen, die unmittelbar über ihnen stand, sie nicht bemerkt hatte.
Sie sah mit Erstaunen bald hinunter, bald auf den kleinen Ritter, ihre Wangen erglühten, und sie umfaßte den Hals ihres Gatten.
»Michael, du bist der größte Feldherr unter der Sonne!«
»Nicht doch, ich habe nur einige Übung,« antwortete er lächelnd. »Aber du plappere mir hier nicht vor lauter Freude und bedenke, daß ein folgsamer Soldat still sein muß.« Aber die Mahnung half nichts, Bärbchen war wie im Fieber. Sie hatte Lust, sofort das Pferd zu besteigen und den Hügel hinabzureiten, um sich mit Motowidlos Abteilung zu vereinigen. Aber Wolodyjowski hielt sie noch zurück, denn er wollte, daß sie den Beginn des Kampfes gut beobachte.
Inzwischen war die Morgensonne über der Steppe aufgestiegen und übergoß die ganze Ebene mit kühlem, blaßgoldenen Licht. Die nahen Flußinseln erstrahlten heiter, die ferneren zeigten deutlicher ihre Umrisse. Der Reif, der stellenweise in den Tälern lag, fing an schimmernd zu zerstieben, die Luft wurde sehr durchsichtig, und der Blick konnte fast grenzenlos in die Ferne schweifen.
»Des Kämmerers Fahne kommt aus dem Wäldchen hervor,« sagte Herr Michael, »ich sehe Menschen und Pferde.«
In der Tat kamen die Reiter allmählich aus der Waldbiegunghervor und hoben sich in langer Kette von der dicht mit Reif bedeckten Waldwiese ab. Der weiße Zwischenraum zwischen ihnen und dem Walde wurde immer größer, sie eilten offenbar nicht allzusehr, um den anderen Fahnen Zeit zu lassen; Herr Michael wandte sich jetzt nach links.
»Auch Mellechowitsch ist da,« sagte er. Und dann nach einer Weile: »Auch des Herrn Jägermeisters Leute kommen heran. Keiner von ihnen ist auch nur zwei Paternoster zu spät gekommen.« Und sein Schnauzbart bewegte sich lebhaft.
»Auch nicht einer darf entgehen! — Aufs Pferd!«
Sie wandten sich schnell zu den Dragonern um, sprangen in die Sattel und ritten die Anhöhe entlang unter dem am Fuße wachsenden Gestrüpp, wo sie sich mitten unter der Mannschaft Motowidlos befanden.
So näherten sie sich schon vollzählig der Schilfkette und machten Halt, um vorwärts zu spähen.
Der Feind mußte wohl die herankommende Fahne des Kämmerers bemerkt haben, denn in diesem Augenblick strömten aus dem Dickicht, das inmitten der Ebene wuchs, große Haufen Berittener hervor, als ob jemand eine Herde Rehe aufgescheucht habe; mit jedem Augenblick kamen ihrer mehr hervor. Sie bildeten eine Kette und ritten anfangs im Schritt den Saum des Dickichts entlang; die Reiter legten sich auf den Rumpf der Pferde, so daß man aus der Ferne glauben konnte, eine hirtenlose Herde von Pferden ziehe in langer Linie den Fluß entlang. Offenbar hatten sie noch nicht die Gewißheit, ob jene Fahne auf sie losrücke und sie schon bemerkt habe, oder ob es eine Abteilung sei, die nur die Umgebung durchsuche. In diesem letzteren Falle konnten sie hoffen, daß das Schilf sie noch vor den Augen der Herankommenden verbergen werde. Von der Stelle aus, wo Michael an der Spitze von Motowidlos Leuten stand, konnteman vorzüglich die unsicheren, schwankenden Bewegungen jener Schar sehen, die vollkommen den Bewegungen wilder Tiere glichen, die eine Gefahr wittern. Nachdem die Reiter die zu durchmessende Entfernung etwa bis zur Hälfte zurückgelegt hatten, beschleunigten sie ihren Ritt zu einem leichten Galopp; plötzlich, als die erste Reihe die offene Steppe erreicht hatte, hielten sie die Pferde an, und die ganze Schar machte Halt.
Sie hatten Mellechowitsch Abteilung erblickt, die von dieser Seite kam.
Da beschrieben sie einen Halbkreis seitwärts vom Fluß, und ihren Augen zeigte sich die Fahne von Prschemysl, die im Sturmschritt herankam.
Nun wurde ihnen klar, daß alle Fahnen von ihrem Hiersein wußten und gegen sie losritten. Ein wildes Geschrei ertönte aus der Menge, und die Verwirrung begann. Die Fahnen riefen ebenfalls laut und gingen in Galopp über, so daß die Ebene von Pferdegetrappel erdröhnte.
Als sie das sahen, bildeten sie in einem Augenblick eine Querlinie und eilten, was die Pferde laufen konnten, auf die Anhöhe zu, an deren Fuß der kleine Ritter und Motowidlo mit seinen Leuten standen.
Der Zwischenraum, der die einen von den anderen trennte, nahm mit entsetzlicher Schnelligkeit ab.
Bärbchen wurde erst vor Erregung etwas blaß, und das Herz pochte immer stärker in ihrer Brust. Da sie aber sah, daß man sie beobachtete, und da sie auf keinem Gesicht die geringste Unruhe bemerkte, überwand sie sich schnell. Dann nahm die wie ein Sturmwind heranjagende Wolke ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie faßte die Zügel kürzer, drückte ihr Säbelchen fester, und das Blut aus ihrem Herzen strömte immer mächtiger nach dem Gesicht.
»Gut,« sagte der kleine Ritter.
Sie blickte ihn an, bewegte die Nasenflügel und flüsterte: »Gehen wir bald los?«
»Es ist noch Zeit,« antwortete Michael.
Und die unten jagten dahin wie Hasen, denen die Hunde auf den Fersen sind. Schon sind sie nur eine halbe Hufe von dem Gestrüpp entfernt, schon sieht man die langgestreckten Pferdeköpfe mit den herabhängenden Ohren, und über ihnen die Gesichter der Tataren wie an die Mähne festgewachsen. Immer näher, immer näher kommen sie. Man hört das Schnaufen der Tiere, deren klaffende Gebisse und hervorquellende Augen bezeugen, daß sie so schnellen Laufes herankommen, daß ihnen der Atem stockt ... Wolodyjowski gibt ein Zeichen, und ein Zaun von Gewehrläufen starrt den Heraneilenden entgegen.
»Feuer!«
Ein Geknatter, eine Rauchwolke — wie ein Sturmwind in einen Haufen Spreu fährt, so fuhr es in die Horde. Augenblicklich sprengte die Bande kreischend und brüllend nach allen Seiten. Da kommt der kleine Ritter aus dem Dickicht hervor, und gleichzeitig treiben die Fahnen des Kämmerers und die Lipker, den Kreis abschließend, die Zerstreuten wiederum zu einem Haufen in der Mitte zusammen. Vergeblich suchen die Tataren ihre Zuflucht im Einzelkampf, vergeblich wenden sie sich hin und her, fliehen sie nach rechts, nach links, nach vorwärts, nach rückwärts — der Kreis ist schon geschlossen. Darum drängen sich auch die Haufen immer enger aneinander; inzwischen kommen die Fahnen heran, und es beginnt ein entsetzliches Handgemenge.
Die Freibeuter hatten begriffen, daß nur der lebendig aus diesem Ringe herauskommen könne, der sich durchschlug. Und so begannen sie, wenn auch ohne Ordnung und ein jederauf eigene Faust, sich verzweifelt und rasend zur Wehr zu setzen. Und sie bedeckten gleich zu Beginn in dichter Zahl das Feld, so groß war die Wucht des Angriffs gewesen. Die Soldaten rückten auf sie ein und drängten trotz der Enge ihre Pferde vorwärts, hieben und stachen mit jener unerbittlichen, gräßlichen Geschicklichkeit, die nur dem Soldaten eigen sein kann, dem der Krieg zum Handwerk geworden ist. Der Widerhall der Schläge ertönte über diesem Wirrwarr von Menschen wie das Echo der Dreschflegel, die schnell und haufenweise gegen die Tenne schlagen. Man schlug sie, man hieb sie über die Köpfe, über die Nacken, über die Schultern, über die Hände, mit welchen sie ihre Köpfe bedeckten, man bedrängte sie von allen Seiten ohne Unterbrechung, ohne Mitleid und Erbarmen. Auch sie begannen um sich zu schlagen, womit sie konnten, mit Handscharen, Säbeln, dieser mit Wurfkugeln, der andere mit einem Pferdekinnbacken.
Ihre Pferde waren in die Mitte zusammengedrängt und bäumten sich oder stürzten hintenüber; andere rannten beißend und quiekend im Getümmel umher und riefen eine unbeschreibliche Verwirrung hervor. Nach einem kurzen, schweigsamen Kampfe entrang sich wildes Geheul der Brust der Tataren. Sie waren zerschmettert von der größeren Zahl, der besseren Waffe, der höheren Geschicklichkeit. Sie begriffen, daß es für sie keine Hilfe gab, daß niemand entkommen werde, nicht bloß nicht mit Beute, sondern kaum mit dem Leben. Die Soldaten, die immer mehr in Hitze gerieten, schlugen immer kräftiger drein. Manche von den Räubern sprangen von den Satteldecken herab und versuchten unter den Füßen der Rosse zu entwischen. Diese kamen unter die Hufe; bisweilen auch wandte sich ein Krieger um und versetzte dem Flüchtling von oben einen Stich. Manche warfen sich auf den Boden, weil sie hofften, wenn die Fahnen mehr in dieMitte vorrücken würden, außerhalb des Kreises zu bleiben und sich dort durch die Flucht zu retten.
Der Haufe wurde immer kleiner, denn mit jeder Minute nahmen Menschen und Pferde ab. Asba-Bey drängte, so gut er konnte, die Leute in einen Keil zusammen und stürzte sich mit ganzer Wucht auf Motowidlos Mannschaften, den Ring um jeden Preis zu durchbrechen.
Aber sie warfen ihn auf der Stelle zurück, und nun begann ein fürchterliches Blutbad. Jetzt zerriß Mellechowitsch, wütend wie ein Feuerbrand, den Haufen, überließ die eine Hälfte den beiden Fahnen der Genossen und setzte sich selbst denen in den Nacken, die mit Motowidlo kämpften.
Ein Teil der Räuber war zwar bei dieser Bewegung ins freie Feld entwichen und zerstreute sich über die Ebene wie ein Haufen Blätter, aber die Soldaten der hinteren Reihen, die wegen des zu engen Raumes an der Schlacht nicht teilnehmen konnten, setzten ihnen sofort nach, zu zweien, zu dreien oder auch einzeln. Die aber, denen es nicht gelungen war, zu entkommen, fielen unter dem Schwert, trotz der wütenden Gegenwehr, und streckten sich auf den Boden wie ein Haufe Getreide, welchen die Mäher von zwei Seiten niederzumähen beginnen.
Bärbchen rückte mit Motowidlos Leuten zugleich vor und ließ ihr zartes Stimmchen in Ausrufen ertönen, um sich Mut zu machen, denn im ersten Augenblick war es ihr dunkel vor den Augen geworden, sowohl von dem schnellen Ritt wie von der großen Erregung. Selbst als sie den Feind schon erreicht hatten, sah sie anfangs nur eine dunkle, hin und her wogende Masse vor sich. Es ergriff sie eine unüberwindliche Lust, die Augen ganz zu schließen. Sie widerstand dieser Lust, schwenkte aber den Säbel aufs Geratewohl hin und her. Doch das währte nicht lange; ihr Mut gewann endlich dieOberhand über die Verwirrung, und sie sah alles deutlich. Erst erblickte sie die Pferdeköpfe, über ihnen die glühenden, wilden Gesichter; eines von ihnen leuchtete ganz in ihrer Nähe auf. Bärbchen hieb wuchtig zu, und das Gesicht verschwand plötzlich, als sei es ein Gespenst gewesen.
Da traf Bärbchens Ohr die ruhige Stimme ihres Gatten:
»Gut!«
Diese Stimme gab ihr ungewöhnlichen Mut; noch fröhlicher schrie sie auf und teilte Hiebe aus, jetzt mit vollem, klarem Bewußtsein. Da streckt ihr wieder ein entsetzlicher Kopf mit flacher Nase und hervorstehenden Backenknochen die Zähne entgegen: Bärbchen fährt über ihm hin — weg ist er ... Dort erhebt wieder eine Hand die Wurfkugel — weg ist sie. Sie sieht einen Rumpf und Nacken, im Nu sticht sie hin; sie schlägt nach rechts, nach links, geradezu, und wo sie hinhaut, fliegt ein Mensch zu Boden und reißt sein Pferd am Zaume mit sich. Bärbchen erstaunt darüber, daß das so leicht ist. Aber leicht war es nur, weil von einer Seite der kleine Ritter Steigbügel an Steigbügel mit ihr ritt, auf der anderen Herr Motowidlo. Der erste beobachtet sorgfältig seinen Schatz, und bald löscht er ein Menschenleben wie ein Licht aus, bald haut er mit flacher Klinge den Arm samt der Waffe ab, bald schiebt er sein Schwert zwischen Bärbchen und den Feind, und die feindliche Kugel fliegt plötzlich in die Höhe, als wäre sie ein beflügelter Vogel.
Motowidlo, der phlegmatische Krieger, hütete die andere Seite der tapferen Herrin, und wie ein fleißiger Gärtner unter den Bäumen dahinschreitet und da und dort einen trockenen Ast abschneidet oder umbricht, so warf er ein um das anderemal einen Menschen auf die blutgetränkte Erde und kämpfte mit einem solchen Phlegma und solcher Ruhe, als ob er an etwas anderes denke. Beide wußten wohl, wannsie Bärbchen selbst angreifen lassen konnten, und wann sie ihr zuvorkommen oder sie vertreten mußten. Auch ein dritter wachte über sie von ferne, der unvergleichliche Bogenschütze, der sich absichtlich in ihrer Nähe hielt, jede Minute den Pfeil auf die Sehne legte und den unfehlbaren Todbringer in das größte Getümmel hinübersandte.
Aber dieses Getümmel wurde so furchtbar, daß Herr Michael Bärbchen anbefahl, sich mit einigen Leuten aus dem Gewirr zurückzuziehen, besonders als die halbwilden Pferde der Tataren anfingen, um sich zu beißen und auszuschlagen. Bärbchen gehorchte ihm unverzüglich, denn obgleich sie der Eifer erfaßt hatte, und das mutige Herz sie zu weiterem Kampfe trieb, so gewann doch ihre Frauennatur die Oberhand über die Begeisterung, und sie entsetzte sich in diesem Gemetzel beim Anblick des Blutes mitten unter dem Geheul, dem Gestöhn und Geröchel der Sterbenden, in dieser Luft, die von dem Geruch von Blut und Schweiß geschwängert war.
Sie zog also langsam ihr Pferd zurück und befand sich bald außer dem Kreise der Kämpfenden. Wolodyjowski und Motowidlo aber, die jetzt von ihrer Pflicht des Schutzes befreit waren, konnten endlich ihrer Soldatenlaune ganz die Zügel schießen lassen. Inzwischen war Muschalski, der bisher in der Nähe gestanden hatte, zu Bärbchen herangekommen.
»Ihr habt Euch wahrhaft ritterlich gehalten, verehrte Herrin,« sagte er zu ihr, »man sollte meinen, der Erzengel Michael sei vom Himmel unter die Mannschaften herabgestiegen und vertilge die Heiden ... Welche Ehre, von diesem Händchen zu fallen, das mir bei dieser Gelegenheit zu küssen gestattet sei!«
Bei diesen Worten ergriff Muschalski Bärbchens Hand und drückte sie an seine Lippen.
»Habt Ihr es gesehen? Habe ich mich wirklich brav gehalten?«sagte Bärbchen und sog mit weitgeöffneten Nasenflügeln die Luft ein.
»Die Katze kann sich nicht besser gegen die Ratten halten! Das Herz schwoll mir, so wahr ich lebe; aber Ihr tatet recht, Euch aus der Schlacht zurückzuziehen, denn gegen das Ende konnte es leicht ein Unglück geben.«
»Mein Gatte hat es mir befohlen, und ich habe bei der Abreise versprochen, ihm sofort zu gehorchen.«
»Soll ich meinen Bogen hier lassen? Ja, er nutzt mir jetzt nichts, ich will mit dem Säbel losgehen. Ich sehe drei Männer herankommen, die gewiß der Herr Hauptmann hergeschickt hat zum Schutze Eurer werten Person. Sonst hätte ich sie geschickt. Ich küsse die Hand, denn dort wird's bald zu Ende gehen, und ich muß eilen.«
Wirklich kamen drei Dragoner zu Bärbchens Schutze heran. Als Muschalski das sah, gab er seinem Pferde die Sporen und ritt davon. Bärbchen zögerte einen Augenblick, ob sie die abschüssige Wand umreiten und den Hügel hinanklimmen solle, von dem sie vor der Schlacht in die Ebene hinuntergeblickt hatten. Da sie aber eine große Ermüdung empfand, beschloß sie dazubleiben.
Ihre weibliche Natur sprach immer lauter. Etwa zweihundert Schritte von ihr metzelte man ohne Mitleid die Reste der Horde nieder, und der schwarze Haufe der Kämpfenden wogte immer furchtbarer auf dem blutigen Schlachtfeld. Verzweifelte Rufe erschütterten die Luft, und Bärbchen, die kurz vorher noch voll Begeisterung gewesen war, wurde jetzt kraftlos und schwach. Es erfaßte sie eine furchtbare Angst, daß sie ganz ohnmächtig werden könne, und nur die Scham vor den Dragonern hielt sie im Sattel aufrecht. Sie wandte aber sorgfältig ihr Gesicht von ihnen ab, damit sie ihre Blässe nicht sähen. Die frische Luft gab ihr allmählich die Kraftund den Mut wieder, aber doch nicht in dem Grade, daß sie Lust gehabt hätte, wieder unter die Kämpfenden zu dringen. Sie hätte es höchstens darum getan, um für die letzten Reste der Horde um Erbarmen zu flehen. Da sie aber doch wußte, da das umsonst sein würde, sah sie mit Sehnsucht dem Ende der Schlacht entgegen.
Und dort dauerte der Kampf fort und fort. Der Widerhall der Waffen und das Lärmen hörte nicht einen Augenblick auf. Es war vielleicht eine halbe Stunde verflossen; die Fahnen drängten sich immer dichter zusammen. Da durchbrach plötzlich ein Häuflein der Horde — es mochten zwanzig Reiter sein — den mörderischen Kreis und stürmte wie ein Orkan auf die Anhöhe zu. Wie sie so an den Klüften vorüberflogen, konnten sie wirklich leicht dorthin gelangen, wo der Hügel sanft mit der Ebene in eins verschwamm, und dort auf der hohen Steppe Rettung finden. Aber auf dem Wege stand Bärbchen mit den Dragonern. Der Anblick der Gefahr goß in demselben Augenblick Kraft in ihr Herz und gab ihr Geistesgegenwart. Sie begriff, daß Dableiben den Untergang bedeute, denn jener Haufe mußte sie durch seine Wucht allein zu Boden werfen und zermalmen; ja sie wären sicher mit den Schwertern niedergehauen worden. Der alte Wachtmeister der Dragoner war offenbar derselben Ansicht, denn er griff mit der Hand in den Zügel von Bärbchens Apfelschimmel, wandte ihn zur Flucht und schrie in nahezu verzweifeltem Tone:
»Vorwärts, gnädige Frau!«
Bärbchen floh wie der Wind, aber allein; die drei getreuen Soldaten standen wie eine Mauer auf ihrem Platze, um wenigstens einen Augenblick den Feind abzuhalten und der geliebten Herrin Zeit zu lassen, auf eine weite Entfernung vorauszueilen.
Inzwischen waren sofort jenem Haufen Soldaten gefolgt, aber der Ring, der bisher die Horde eng umschlossen hielt, war durchbrochen, und sie begannen zu zweien, zu dreien, dann immer zahlreicher zu entwischen. Eine große Zahl von ihnen lag bereits am Boden, aber etlichen derselben, darunter Asba-Bey, gelang es, zu entkommen. Alle diese Haufen jagten, so schnell die Pferde konnten, die Anhöhe hinan. Aber die drei Dragoner vermochten nicht alle Fliehenden aufzuhalten; sie fielen nach kurzem Kampfe aus dem Sattel. Die Schar der Fliehenden aber folgte Bärbchens Spuren, bog am Abhang des Hügels ein und gelangte auf die hohe Steppe. Die polnischen Fahnen, allen voran die lipkische, eilten in schnellstem Trabe etliche zehn Schritt hinter ihnen.
Auf der hohen Steppe, die vielfach von verräterischen Schluchten und Abhängen durchzogen war, bildete sich gleichsam eine Riesenschlange von Reitern. Ihr Haupt stellte Bärbchen dar, den Hals die Horde, und die Fortsetzung des Leibes Mellechowitsch mit den Lipkern, und die Dragoner, an deren Spitze Wolodyjowski ritt, die Sporen in die Seiten des Pferdes gedrückt, Entsetzen in der Brust.
In dem Augenblick, als jenem Häuflein Räuber sich der Kreis geöffnet hatte, war er auf der anderen Seite beschäftigt; darum war ihm Mellechowitsch in der Verfolgung vorausgeeilt. Jetzt standen dem kleinen Ritter die Haare zu Berge bei dem Gedanken, daß Bärbchen von den Entflohenen erreicht werden, daß sie die Geistesgegenwart verlieren und geradeaus nach der Seite des Dniestr entfliehen, daß einer von den Räubern sie mit dem Säbel, mit dem Handschar oder der Wurfkugel treffen könne, und das Herz erstarb ihm in der Brust vor Furcht um das Leben des geliebten Wesens. Er lag fest auf dem Halse seines Pferdes, bleich, mit zusammengepreßtenZähnen; ein Sturm entsetzlicher Gedanken trieb durch seinen Kopf, und er bohrte die bewaffnete Ferse in den Leib des Rosses, peitschte das Tier und schoß dahin wie eine Trappe, ehe sie sich zum Fliegen erhebt. Vor seinen Augen flimmerten die Widderkapuzen der Lipker.
»Gebe Gott, daß Mellechowitsch hinkomme! Er hat ein gutes Pferd; gebe es Gott!« wiederholte er mit Verzweiflung in der Brust.
Aber seine Befürchtungen waren grundlos, und die Gefahr nicht so bedeutend, wie es dem liebenden Ritter erschien. Den Tataren war es zu sehr um die eigene Haut zu tun, und allzu nahe saßen ihnen die Lipker im Nacken, als daß sie einen einzelnen Reiter hätten verfolgen sollen, wenn dieser Reiter auch die schönste Jungfrau aus dem Paradiese des Propheten gewesen und in einem Mantel geflohen wäre, der ganz mit Edelsteinen bedeckt war. Bärbchen brauchte nur im Kreise nach Chreptiow einzubiegen, um den Verfolgern zu entgehen, denn diese wären ihr sicherlich nicht bis in den Rachen des Löwen gefolgt, da der Fluß dicht vor ihnen lag, in dessen Schilfgebüschen sie sich verbergen konnten. Die Lipker, welche bessere Pferde hatten, waren ihnen ohnehin immer näher gekommen; Bärbchen aber saß auf ihrem Apfelschimmel, der unvergleichlich schnellfüßiger war als die gewöhnlichen zottigen Tiere der Horde, die zwar ausdauernder im Laufe, aber nicht so flink waren wie die Pferde edler Rasse. Endlich hatte sie nicht nur ihre Geistesgegenwart nicht verloren, sondern ihre abenteuerliche Natur war in ihr mit ganzer Kraft erwacht, und das ritterliche Blut rollte immer lebhafter in ihren Adern.
Der Apfelschimmel streckte sich wie ein Reh, der Wind pfiff ihr um die Ohren, und statt der Angst hatte sie ein Gefühl des Rausches ergriffen.
»Ein ganzes Jahr können sie mich verfolgen und holen mich doch nicht ein,« dachte sie, »ich will noch weiter reiten, dann wende ich um und lasse sie entweder voraus, oder, wenn sie nicht aufgehört haben, mich zu verfolgen, bringe ich sie unter das Schwert.«
Ihr war der Gedanke gekommen, daß, wenn die ihr folgende Horde sich allzu sehr in der Steppe zerstreute, sie vielleicht beim Umwenden auf einen von ihnen stoßen und einen Einzelkampf leisten würde.
»Bah,« sagte sie in ihrer tapferen Seele, »was will das sagen? Michael hat mich so gut unterrichtet, daß ich es kühn wagen darf, sonst werden sie noch denken, daß ich aus Furcht fliehe, und mich zu einem zweiten Kriegszuge nicht mitnehmen, und Herr Sagloba wird noch über mich spotten.«
Während sie so zu sich sprach, sah sie sich nach den Strolchen um, aber die waren in Haufen davongeflohen. Es war gar keine Aussicht zu einem Einzelkampf vorhanden; Bärbchen aber wollte durchaus vor den Augen des ganzen Heeres den Beweis liefern, daß sie nicht blindlings und nicht unbesonnen geflohen war. Zu diesem Zwecke begann sie, da sie sich erinnerte, daß sie im Holfter zwei vortreffliche Pistolets habe, die Michael selbst vor der Abreise sorgfältig geladen hatte, ihren Apfelschimmel zurückzuhalten, oder richtiger umzuwenden und langsam nach der Seite von Chreptiow den Weg fortzusetzen.
Aber o Wunder! Bei diesem Anblick veränderte die Horde die Richtung der Flucht und nahm den Weg mehr nach links gegen den Rand der Anhöhe zu. Bärbchen ließ sie auf hundert Schritt herankommen, feuerte zweimal auf die nächsten Pferde, dann warf sie sich in einem ganzen Kreise herum und ritt in vollem Lauf auf Chreptiow zu.
Aber kaum war der Schimmel mit der Schnelligkeiteiner Schwalbe einige tausend Schritt gelaufen, als sich plötzlich vor ihm eine Riesenschlucht auftat. Bärbchen gab ohne einen Augenblick der Überlegung die Sporen, und das edle Tier scheute nicht vor dem Sprunge zurück. Aber nur seine Vorderhufe hatten den gegenüberliegenden Felsrand erfaßt und er suchte eine Weile mit Gewalt die Hinterfüße auf der abschüssigen Wand zu stützen; da verlor er den Boden, der noch nicht fest genug gefroren war, unter seinen Füßen, und er stürzte mit Bärbchen in den Abgrund.
Zum Glück hatte das Pferd sie nicht erdrückt, denn erstens war es ihr noch gelungen, die Füße aus den Steigbügeln zu ziehen und sich mit ganzer Kraft nach der Seite zu neigen, und dann war sie auf eine dicke Schicht von Moos gefallen, das den Boden der Schlucht wie ein Pelz auspolsterte. Aber die Erschütterung war doch eine so große gewesen, daß sie ohnmächtig dalag. Wolodyjowski hatte den Unfall nicht bemerkt, da ihm die Lipker den Gesichtskreis verdeckten. Mellechowitsch aber schrie mit furchtbarer Stimme den Leuten zu, nicht Halt zu machen und die Horde weiter zu verfolgen; er selbst eilte auf den Abhang zu und stürzte sich kopfüber in die Tiefe.
In einem Augenblick sprang er aus dem Sattel und faßte Bärbchen in seine Arme. Seine Falkenaugen hatten sie in einer Minute erspäht und umhergeblickt, ob sie nicht irgendwo Blut bemerkten; dann fielen seine Blicke mit Blitzesschnelle auf den Moosteppich. Er begriff, daß dieses Moos sie und das Tier vor dem Tode bewahrt hatte.
Ein gedämpfter Schrei der Freude entrang sich der Brust des jungen Tataren.
Aber Bärbchen lastete auf seinen Armen; er drückte sie mit ganzer Kraft an seine Brust, dann begann er mit den blassen Lippen erst gierig ihre Augen zu küssen, dann wirbeltealles um ihn in wirrem Tanze umher, und die Leidenschaft, die auf dem Grunde seines Herzens verborgen war wie der Drache in der Höhle, erfaßte ihn wie ein Sturmwind.
In diesem Augenblick erdröhnte das Getrappel zahlreicher Pferde von der hohen Steppe her und kam immer näher und näher. Zahlreiche Stimmen riefen: »Hier in der Kluft — hier!« Mellechowitsch legte Bärbchen auf das Moos nieder und rief den Heranreitenden entgegen:
»Hierher, hierher!«
Eine Minute später sprang Wolodyjowski auf den Boden der Schlucht, ihm folgten Sagloba, Muschalski, Nienaschyniez und einige andere Offiziere.
»Ihr ist nichts!« rief der Tatar. »Die Moosdecke hat sie gerettet.«
Wolodyjowski nahm sein ohnmächtiges Weib in die Arme, andere eilten nach Wasser, da es in der Nähe keines gab. Sagloba faßte die Schläfen der Ohnmächtigen und begann zu rufen: »Bärbchen, liebstes Bärbchen, Bärbchen!«
»Ihr ist nichts,« wiederholte Mellechowitsch, der leichenblaß danebenstand.
Inzwischen ging Sagloba auf die Seite, erfaßte seine Feldflasche, goß Branntwein auf seine Hand und begann Bärbchens Schläfen damit zu reiben; dann hielt er die Feldflasche an ihren Mund, und das wirkte sofort, denn ehe die anderen mit dem Wasser herankamen, hatte sie die Augen geöffnet und begann mit dem Munde nach Luft zu schnappen. Sie hüstelte dabei ein wenig, denn der Branntwein hatte ihre Kehle angegriffen. In wenigen Minuten war sie völlig zu sich gekommen.
Wolodyjowski drückte sie, ohne auf die Offiziere und Soldaten zu achten, an seine Brust und bedeckte ihre Hände mit Küssen.
»Du mein Teuerstes!« sagte er, »ist dir nichts? Tut dir nichts weh?«
»Nichts!« antwortete Bärbchen; »aha, ich sehe jetzt, eine Ohnmacht hatte mich erfaßt, weil mein Pferd mit mir gestrauchelt ist ... Ist die Schlacht schon vorüber?«
»Ja, vorüber! Asba-Bey ist erschlagen. — Kehren wir jetzt schnell zurück, denn ich fürchte, daß du mir krank wirst von der Anstrengung.«