12. Kapitel.

»Ich fühle gar keine Ermüdung,« sagte Bärbchen.

Dann sah sie die Anwesenden scharf an und bewegte lebhaft ihre Nasenflügel.

»Denkt nur nicht, meine Herren, daß ich aus Furcht geflohen, oho, das ist mir im Traume nicht eingefallen! So wahr ich Michael liebe, ich bin nur so zum Vergnügen vor ihnen hergerannt; dann habe ich auf sie geschossen.«

»Von diesen Schüssen ist ein Pferd getroffen, und den Kerl haben wir lebendig eingefangen,« warf Sagloba ein.

»Seht ihr!« antwortete Bärbchen, »ein solcher Fall kann jedem bei einem Sprunge begegnen, nicht wahr? Keine Erfahrung schützt davor, daß das Pferd strauchelt. Ha, gut, daß ihr mich gesehen habt, denn ich hätte hier lange liegen können.«

»Herr Mellechowitsch war der erste, der dich erblickt, und der erste, der dir Hilfe gebracht hat; wir kamen hinter ihm her,« antwortete Wolodyjowski.

Da Bärbchen das hörte, wandte sie sich zu dem jungen Lipker und streckte ihm die Hand entgegen.

»Ich danke Euch für die Freundlichkeit!«

Er antwortete nichts, er drückte nur ihre Hand an seinen Mund; dann neigte er sich und umfaßte in Demut ihre Füße wie ein Bauer.

Inzwischen waren immer mehr Fahnen an dem Randeder Kluft zusammengekommen. Die Schlacht war beendet, darum gab Herr Michael nur noch Mellechowitsch Befehle, die Verfolgung der wenigen Tataren anzuordnen, welchen es gelungen war, sich vor den Verfolgern zu verbergen, und sie zogen gleich alle nach Chreptiow ab. Auf dem Wege sah Bärbchen noch einmal von der Anhöhe über das Schlachtfeld.

Leichen von Menschen und Pferden lagen da, an manchen Stellen in Haufen, an anderen einzeln; am blauen Himmel zogen immer zahlreichere Scharen von Raben mit lautem Gekrächz zu, setzten sich in der Nähe nieder und warteten darauf, daß die Soldaten, die sich noch in der Ebene tummelten, fortritten.

»Seht, das sind die Totengräber des Krieges,« sagte Sagloba und zeigte mit der Krümmung des Säbels auf die Vogelschar. »Und wenn wir fort sind, kommen die Wölfe hierher und machen den Verstorbenen mit den Zähnen ihre Musik. Es ist ein bedeutender Sieg, wenn auch über einen niederträchtigen Feind davongetragen, denn jener Asba hat seit Jahren bald hier, bald dort Schrecken verbreitet. Die Kommandanten haben ihm wie einem Wolfe aufgelauert, aber stets vergeblich, bis er endlich auf Michael traf und seine schwarze Stunde schlug.«

»Asba-Bey ist erschlagen?«

»Mellechowitsch war der erste, der auf ihn losging, und ich sage dir, er hieb ihm über die Ohren, daß ihm der Säbel bis in die Zähne fuhr.«

»Mellechowitsch ist ein tüchtiger Krieger,« sagte Bärbchen.

Hier wandte sie sich an Herrn Sagloba: »Und Ihr, was habt Ihr vollbracht?«

»Ich habe nicht gezirpt wie eine Grille, ich bin nicht gesprungen wie ein Floh oder ein Zicklein, denn solche Scherzeüberlasse ich den Insekten. Dafür hat man mich aber auch nicht im Moose gesucht wie einen Pilz, hat man mich nicht an der Nase herumgezogen, hat mir auch niemand in den Mund geblasen ...«

»Ich mag Euch nicht leiden!« gab Bärbchen zurück, indem sie den Mund spitzte und unwillkürlich an ihr rosiges Näschen fuhr.

Und er sah sie an, lächelte und brummte und hörte nicht auf, sie zu necken.

»Du hast dich tapfer geschlagen,« sagte er, »du hast dich brav aus dem Staube gemacht, du hast einen Purzelbaum geschossen, und jetzt wirst du dir vor Schmerzen ebenfalls tapfer auf alle Glieder Grütze auflegen; wir aber müssen dich hüten, damit dich samt deiner Tapferkeit die Sperlinge nicht anpicken, denn sie sind auf Grütze sehr happig.«

»Ihr zielt schon darauf ab, daß mich Michael zu einem zweiten Kriegszug nicht mitnimmt, das weiß ich sehr wohl!«

»Ganz im Gegenteil, ich werde ihn immer bitten, daß er dich zum Nüssesammeln mitnehme, denn du bist zierlich, und der Zweig wird unter dir nicht zusammenbrechen. Du lieber Gott, das nenn' ich Dankbarkeit! Wer hat Michael zugeredet, daß du mit uns reiten sollest? — Ich. Ich mache mir jetzt furchtbare Vorwürfe, besonders da du mir meine Güte so heimzahlst. Warte, jetzt sollst du mit einem hölzernen Säbel Taubennesseln auf dem Markte in Chreptiow köpfen. Das ist eine Beschäftigung für dich! Jeder andere würde den Alten umarmen, und diese bissige Teufelin hat mir erst Angst eingejagt, und jetzt setzt sie mir noch zu.«

Bärbchen besann sich nicht lange und umarmte Herrn Sagloba, der sehr erfreut darüber war, und sagte:

»Nun, nun, ich muß gestehen, daß du ein wenig beigetragen hast zu dem heutigen Siege, denn die Soldatenhaben sich, da jeder vor dir glänzen wollte, mit furchtbarem Mute geschlagen.«

»So wahr ich lebe,« rief Muschalski, »der Mensch stirbt auch gern, wenn solche Augen auf ihn sehen.«

»Vivat unsere Herrin!« rief Nienaschyniez.

»Vivat!« wiederholten hundert Stimmen.

»Erhalte sie Gott bei Gesundheit!«

Und Sagloba neigte sich zu ihr und murmelte: »Wenn die Schwäche vorüber sein wird.«

Und sie ritten fröhlich und unter lauten Rufen weiter, denn sie lebten der sicheren Erwartung eines Festes am Abend. Das Wetter war wundervoll, die Trompeter bei den Fahnen bliesen, die Trommler schlugen die Kesselpauken, und sie ritten mit großem Lärm in Chreptiow ein.

Dekoration, Ende Kap. 11

Titeldekoration, Kap. 12

In Chreptiow trafen Herr Michael und seine Frau über alles Erwarten Gäste. Herr Bogusch war angekommen; er hatte beschlossen, auf einige Monate hier seine Residenz aufzuschlagen, um durch Mellechowitsch mit den tatarischen Rottenführern, die in den Dienst des Sultans übergetreten waren, Verhandlungen zu führen. Herrn Bogusch hatte sich der alte Herr Nowowiejski und seine Tochter Eva, endlich auch Frau Boska angeschlossen, eine würdige Dame, ebenfalls mit einem noch sehr jungen und sehr hübschen Töchterlein Sophie. Der Anblick der Frauen in dem öden und wilden Chreptiow erfreute und verwunderte zugleich die Soldaten; auch jene waren verwundert bei dem Anblick des Herrn Kommandanten und der Frau Kommandantin. Den ersteren hatten sie sich, aus seinem weitverbreiteten und gefürchteten Ruhme schließend, als einen Riesen vorgestellt, die zweite als eine Riesin mit immer gerunzelter Stirn und männlicher Stimme. Statt dessen sahen sie vor sich einen kleinen Soldaten mit einem freundlichen, liebenswürdigen Gesicht, und ein ebenfalls kleines, wie ein Püppchen rosiges Weibchen, die in ihren breiten Pumphöschen und mit ihrem Säbelchen einem über die Maßen schönen Knaben ähnlicher sah als einem Erwachsenen. Aber die Wirtsleute empfingen ihre Gäste mit offenen Armen. Bärbchen küßte noch vor der Vorstellung alle drei Frauenherzlich, und dann, als sie ihr mitgeteilt hatten, wer sie seien und woher sie kamen, sagte sie:

»Ich möchte gern den Himmel für euch herabholen, ich freue mich sehr über euer Kommen; ein Glück, daß mir kein Unfall auf dem Wege begegnet ist, denn hier in unserer Wüste kommt das sehr leicht vor, aber gerade heute haben wir die Horde bis auf den letzten Mann niedergemetzelt.«

Da sie aber bemerkte, daß Frau Boska sie mit immer wachsendem Erstaunen ansah, schlug sie auf das Säbelchen und fügte hinzu:

»Auch ich bin in der Schlacht gewesen, gewiß, so ist's bei uns. Um Gottes willen, gestattet mir, mich zu entfernen und Kleider anzulegen, die meinem Geschlecht mehr geziemen, und die Hände ein wenig vom Blute zu reinigen, denn wir kehren aus einer furchtbaren Schlacht zurück! Ja, ja, wäre Asba nicht vernichtet, Ihr würdet vielleicht nicht heil nach Chreptiow gelangt sein. Im Augenblick bin ich wieder hier, Michael wird euch inzwischen zu Diensten sein!«

Bei diesen Worten verschwand sie durch die Tür, und der kleine Ritter, welcher Herrn Bogusch und Herrn Nowowiejski schon begrüßt hatte, näherte sich jetzt Frau Boska.

»Gott hat mir ein Weib gegeben,« sagte er, »das nicht nur im Hause eine anmutige Genossin, sondern auch im Felde ein tapferer Gefährte zu sein versteht, und jetzt biete ich der gnädigen Frau auf ihren Befehl meine Dienste an.«

Und Frau Boska erwiderte:

»Möge sie Gott in allem segnen, wie er sie mit Schönheit gesegnet hat. Ich bin die Frau des Anton Boski; nicht darum bin ich hergekommen, um Eure Dienste zu verlangen, sondern um Euch auf den Knieen um Hilfe und Rettung in meinem Unglück zu bitten. Sophiechen, kniee auch du vor diesem Ritter nieder, denn wenn er nicht hilft, hilft niemand.«

Frau Boska stürzte sich auch wirklich in die Kniee, und Sophie folgte ihrem Beispiel. Beide riefen tränenüberströmt:

»Rettet uns, Ritter, habt Mitleid mit Verwaisten!«

Eine Schar von Offizieren näherte sich neugierig, da sie die Weiber knieen sahen, besonders aber, da sie der Anblick des hübschen Mädchens anlockte. Der kleine Ritter aber war sehr verwirrt, hob Frau Boska in die Höhe und ließ sie auf eine Bank nieder.

»O Gott,« sagte er, »was tut Ihr? Eher müßte ich vor Euch, der würdigen Frau, knieen. So sprecht doch, wenn ich Euch Hilfe erweisen kann — so wahr ein Gott im Himmel ist, es soll geschehen!«

»Er wird es tun, auch ich will dazu beitragen, — Sagloba sum. Das wird der gnädigen Frau genügen!« rief der von den Tränen der Frauen gerührte alte Krieger.

Da winkte Frau Boska Sophiechen, und diese brachte schnell aus ihrem Mieder einen Brief hervor, den sie dem kleinen Ritter reichte.

Dieser blickte auf die Schrift hin und sagte:

»Vom Herrn Hetman!«

Da erbrach er das Siegel und begann zu lesen:

»Mein sehr lieber und teurer Wolodyjowski! Durch Herrn Bogusch habe ich Dir von unterwegs meinen aufrichtigen Gruß und Instruktionen geschickt, welche Dir Herr Bogusch persönlich ankündigen wird. Jetzt, wo ich kaum nach den Mühsalen in Jaworowo Halt gemacht habe, bietet sich gleich wieder eine zweite Sache dar; sie liegt mir gar sehr am Herzen, und zwar um des Wohlwollens willen, das ich für die Soldaten habe, denn vergäße ich ihrer, so würde Gott meiner vergessen. Herrn Boski, einen Ritter von großem Ansehen und einen lieben Genossen, hat die Horde bei Kamieniez vor einigen Jahren gefangen. Seiner Frau undseiner Tochter habe ich in Jaworowo Zuflucht geboten, aber ihr Herz weint, der einen dem Gatten, der anderen dem Vater nach. Ich habe auch Herrn Piotrowitsch und Herrn Slotnizki, unseren Residenten in der Krim, geschrieben, man solle dort Boski überall suchen lassen; es heißt auch, man habe ihn gefunden, aber er werde verborgen gehalten, er könne darum mit den anderen Gefangenen nicht herausgegeben werden und frone gewiß bis zum heutigen Tage auf den Galeeren. Die Frauen sind in Verzweiflung, und da sie die Hoffnung ganz verloren haben, haben sie auch schon aufgehört, mich mit der Sache zu betrauen, aber ich, der ich eben zurückgekehrt bin und die unüberwindliche Trauer sehe, ich kann es nicht über mich gewinnen, den Mann ohne Hilfe zu lassen. Du bist dort ganz nahe, und mit vielen Mirzen hast Du, wie ich weiß, Bruderschaft geschlossen; ich schicke Dir also die Frauen, versag' ihnen die Hilfe nicht. Piotrowitsch wird in kurzem reisen; gib' ihm Briefe an Deine Bruderschafter. Ich kann weder an den Vezier noch an den Khan schreiben, denn sie sind nicht meine Freunde, und dann fürchte ich, sie könnten in Anbetracht meiner Briefe Boski für eine außerordentlich hervorragende Persönlichkeit halten und ein gar zu hohes Lösegeld fordern. Lege dem Piotrowitsch diese Angelegenheit ans Herz, befiehl ihm, ohne Boski nicht zurückzukehren, und setze alle Deine Bruderschafter in Bewegung. Wenn sie auch Heiden sind, den geschworenen Eid halten sie, und vor Dir haben sie großen Respekt. Handle im übrigen nach Gutdünken, fahre nach Raschkow, versprich drei hervorragende Männer als Gegengabe, wenn nur Boski heimkehrt. Niemand kennt all' die Mittel und Wege besser als Du, denn, wie ich höre, hast Du schon Deine eigenen Verwandten ausgelöst. Gott wird Dich segnen, und ich werde Dich noch mehr lieben, denn mein Herz wird aufhören zu bluten. Von Deinem Chreptiow habeich gehört, daß dort bereits Ruhe herrsche, — das habe ich erwartet. Auf Asba habe wohl acht.De publiciswird Dir Herr Bogusch alles mitteilen. Späht um Gottes willen sorgfältig nach der Walachei aus, denn der große Einfall wird wohl nicht ausbleiben. Indem ich Deinem Herzen und Deiner Sorgfalt Frau Boska empfehle, zeichne ich mich usw.«

»Mein sehr lieber und teurer Wolodyjowski! Durch Herrn Bogusch habe ich Dir von unterwegs meinen aufrichtigen Gruß und Instruktionen geschickt, welche Dir Herr Bogusch persönlich ankündigen wird. Jetzt, wo ich kaum nach den Mühsalen in Jaworowo Halt gemacht habe, bietet sich gleich wieder eine zweite Sache dar; sie liegt mir gar sehr am Herzen, und zwar um des Wohlwollens willen, das ich für die Soldaten habe, denn vergäße ich ihrer, so würde Gott meiner vergessen. Herrn Boski, einen Ritter von großem Ansehen und einen lieben Genossen, hat die Horde bei Kamieniez vor einigen Jahren gefangen. Seiner Frau undseiner Tochter habe ich in Jaworowo Zuflucht geboten, aber ihr Herz weint, der einen dem Gatten, der anderen dem Vater nach. Ich habe auch Herrn Piotrowitsch und Herrn Slotnizki, unseren Residenten in der Krim, geschrieben, man solle dort Boski überall suchen lassen; es heißt auch, man habe ihn gefunden, aber er werde verborgen gehalten, er könne darum mit den anderen Gefangenen nicht herausgegeben werden und frone gewiß bis zum heutigen Tage auf den Galeeren. Die Frauen sind in Verzweiflung, und da sie die Hoffnung ganz verloren haben, haben sie auch schon aufgehört, mich mit der Sache zu betrauen, aber ich, der ich eben zurückgekehrt bin und die unüberwindliche Trauer sehe, ich kann es nicht über mich gewinnen, den Mann ohne Hilfe zu lassen. Du bist dort ganz nahe, und mit vielen Mirzen hast Du, wie ich weiß, Bruderschaft geschlossen; ich schicke Dir also die Frauen, versag' ihnen die Hilfe nicht. Piotrowitsch wird in kurzem reisen; gib' ihm Briefe an Deine Bruderschafter. Ich kann weder an den Vezier noch an den Khan schreiben, denn sie sind nicht meine Freunde, und dann fürchte ich, sie könnten in Anbetracht meiner Briefe Boski für eine außerordentlich hervorragende Persönlichkeit halten und ein gar zu hohes Lösegeld fordern. Lege dem Piotrowitsch diese Angelegenheit ans Herz, befiehl ihm, ohne Boski nicht zurückzukehren, und setze alle Deine Bruderschafter in Bewegung. Wenn sie auch Heiden sind, den geschworenen Eid halten sie, und vor Dir haben sie großen Respekt. Handle im übrigen nach Gutdünken, fahre nach Raschkow, versprich drei hervorragende Männer als Gegengabe, wenn nur Boski heimkehrt. Niemand kennt all' die Mittel und Wege besser als Du, denn, wie ich höre, hast Du schon Deine eigenen Verwandten ausgelöst. Gott wird Dich segnen, und ich werde Dich noch mehr lieben, denn mein Herz wird aufhören zu bluten. Von Deinem Chreptiow habeich gehört, daß dort bereits Ruhe herrsche, — das habe ich erwartet. Auf Asba habe wohl acht.De publiciswird Dir Herr Bogusch alles mitteilen. Späht um Gottes willen sorgfältig nach der Walachei aus, denn der große Einfall wird wohl nicht ausbleiben. Indem ich Deinem Herzen und Deiner Sorgfalt Frau Boska empfehle, zeichne ich mich usw.«

Frau Boska weinte beständig, während der Brief gelesen wurde, und Sophie vergoß ebenfalls Tränen und erhob ihre blauen Augen zum Himmel.

Inzwischen war, ehe noch Herr Michael zu Ende gelesen hatte, Bärbchen hereingestürzt. Sie hatte schon Frauenkleider angelegt, und da sie Tränen in den Augen der Frauen sah, fragte sie sorgenvoll, was denn geschehen. Michael las ihr noch einmal den Brief des Hetmans vor; sie hörte aufmerksam zu und unterstützte sofort eifrig die Bitten des Hetmans und der Frau Boska.

»Ein goldenes Herz hat der Herr Hetman!« rief sie, indem sie ihren Mann umarmte, »aber auch wir werden kein schlechtes haben. Michael, Frau Boska bleibt bei uns bis zur Rückkehr ihres Mannes, und du bringst ihn in drei Monaten aus der Krim zurück, in drei oder zwei, nicht wahr?«

»Oder morgen, oder in einer Stunde,« sagte Michael, ihr nachahmend.

Hier wandte er sich an Frau Boska.

»Meine Gemahlin ist, wie Ihr seht, schnell entschlossen.«

»Daß sie Gott dafür segne!« sagte Frau Boska. »Sophie, küsse der Frau Kommandantin die Hand.«

Aber die Frau Kommandantin dachte gar nicht daran, sich die Hände küssen zu lassen, vielmehr umarmte sie Sophie noch einmal, denn sie hatten sich schnell liebgewonnen.

»Zur Beratung, meine Herren,« rief sie, »zur Beratung, zur Beratung, schnell!«

»Schnell, denn der Kopf glüht ihr!« sagte Sagloba.

Und Bärbchen schüttelte ihr blondes Haar.

»Nicht mein Kopf glüht, sondern diesen Frauen glüht das Herz vor Leid.«

»Niemand wird deinem edlen Wunsche entgegen sein,« sagte Wolodyjowski, »wir müssen nur vorher genau die Mitteilungen der Frau Boska hören.«

»Sophie, erzähle du alles, wie es war, denn ich kann vor Tränen nicht,« sagte die Matrone. Sophie senkte die Augen zu Boden, indem sie sie ganz mit den Lidern verdeckte; dann errötete sie wie eine Kirsche und wußte nicht, wie sie beginnen sollte. Sie war sehr verschämt, da sie in einer so zahlreichen Versammlung das Wort nehmen sollte.

Aber Frau Wolodyjowski kam ihr zu Hilfe.

»Sophiechen, wann wurde Herr Boski in die Gefangenschaft geführt?«

»Fünf Jahre sind es her: im Jahre 1667,« antwortete Sophie mit ihrem zarten Stimmchen, ohne ihre langen Wimpern zu erheben.

Und dann fuhr sie schon in einem Atem fort:

»Man hörte damals noch nichts von Einfällen, und Papas Fahne stand bei Paniowze. Papa und Herr Bulajowski hatten die Aufsicht über die Knechte, die auf den Wiesen die Herden hüteten. Da aber kamen die Tataren auf dem walachischen Wege und umringten mein Väterchen und Herrn Bulajowski. Herr Bulajowski aber ist schon vor zwei Jahren zurückgekehrt, und Papa ist noch nicht wiedergekommen.«

Hier flossen zwei kleine Tränen über Sophiens Wangen, Herr Sagloba war von dem Anblick sehr gerührt.

»Die arme, liebe Unschuld!« sagte er. »... Fürchte dich nicht, Kind, Väterchen wird wiederkommen und wird noch auf deiner Hochzeit tanzen.«

»Und der Hetman hat an den Herrn Slotnizki durch Piotrowitsch geschrieben?« fragte Herr Michael.

»Der Herr Hetman hat an den Herrn Schwertträger von Posen durch Herrn Piotrowitsch Väterchens wegen geschrieben,« fuhr Sophie fort, »und der Herr Schwertträger und Herr Piotrowitsch haben Väterchen bei dem Aga, dem Murza-Bey, gefunden.«

»Beim Himmel, diesen Murza-Bey kenne ich! Mit seinem Bruder lebe ich in Bruderschaft,« rief Wolodyjowski, »hat er Herrn Boski nicht herausgeben wollen?«

»Es war ein Befehl vom Khan gekommen, Väterchen herauszugeben, aber der grausame, entsetzliche Murza-Bey hat Väterchen versteckt, und Herrn Piotrowitsch gesagt, daß er ihn schon vor langer Zeit nach Asien verkauft habe. Aber die anderen Gefangenen sagten Herrn Piotrowitsch, daß dies nicht wahr sei, und daß der Mirza[G]nur absichtlich so spreche, um Väterchen noch länger zu quälen, denn er ist von allen Tataren am grausamsten gegen die Gefangenen. Vielleicht war Väterchen damals nicht in der Krim, denn Murza hat seine Galeere und braucht die Leute zum Rudern. Aber verkauft war Väterchen nicht, das sagten alle: Murza tötet lieber einen Gefangenen, als daß er ihn verkaufe.«

»Ja, das ist bekannt,« sagte Muschalski, »diesen Murza Aga-Bey kennt man in der ganzen Krim; ... er ist sehr reich, dieser Tatarenhund, und furchtbar gehässig gegen unser Volk, weil vier seiner Brüder im Kampfe gegen uns gefallen sind.«

»Und ist niemand unter uns, der mit ihm Bruderschaft hält?« fragte Wolodyjowski.

»Das ist sehr zweifelhaft,« antwortete man von allen Seiten.

»Erklärt mir doch, was das bedeutet, diese Bruderschaft!« fragte Bärbchen.

»Siehst du,« sagte Sagloba, »wenn nach dem Kriege die Verhandlungen eröffnet werden, dann besuchen sich die Herren gegenseitig und treten miteinander in Verkehr. Dann kommt es vor, daß einer von den Genossen Gefallen findet an einem Mirza, und der Mirza an ihm, und da schwören sie sich Freundschaft bis in den Tod, und das nennt man Bruderschaft. Je berühmter aber jemand ist, wie zum Beispiel Michael, ich oder Herr Ruschtschyz, der jetzt in Raschkow das Kommando hat, desto begehrter ist die Bruderschaft mit ihm; natürlich wird so einer nicht Bruderschaft schließen mit jedem Hergelaufenen, sondern er wählt auch unter den berühmtesten Mirzen. Die Sitte heischt dann, daß man Wasser über die Säbel gießt und sich einander Freundschaft schwört; verstehst du?«

»Und wenn es dann zum Kriege kommt?«

»In einem allgemeinen Kampfe dürfen sie sich schlagen; wenn sie aber als Tirailleure aufeinanderstoßen, Mann gegen Mann, so begrüßen sie sich und gehen in Frieden auseinander. Wenn einer in Gefangenschaft gerät, muß sie ihm der andere erleichtern und im schlimmsten Falle das Lösegeld für ihn bezahlen; ja, es ist schon vorgekommen, daß zweie ihr Vermögen miteinander teilten. Wenn es sich um Freunde oder Bekannte handelt, jemand aufzusuchen oder zu helfen, so gehen auch die Bruderschafter zueinander, und die Gerechtigkeit gebietet anzuerkennen, daß kein Volk solche Schwüre strenger einhält als die Tataren. Das Ehrenwort ist bei ihnen heilig, und auf einen solchen Freund kann man mit Sicherheit zählen.«

»Und hat Michael viele solcher?«

»Ich habe drei einflußreiche Mirzen,« antwortete HerrMichael; »einen noch aus den Zeiten vor Lubnie; ich habe ihn einmal bei dem Fürsten Jeremias losgebeten, Aga-Bey heißt er, und er würde, wenn es sich darum handelte, sein Haupt für mich auf den Block legen. Die anderen beiden sind auch zuverlässig.«

»Ei,« sagte Bärbchen, »ich möchte wohl mit dem Khan selber Bruderschaft schließen und alle Gefangenen befreien!«

»Er würde wohl auch nicht abgeneigt sein,« sagte Sagloba. »Es fragt sich nur, welche Belohnung er von dir verlangen würde.«

»Verzeiht, meine Herren,« sagte Wolodyjowski, »beraten wir, was uns zu tun geziemt. Hört also: Ich habe Nachrichten aus Kamieniez, daß spätestens in zwei Wochen Piotrowitsch mit zahlreichem Gefolge hierherkommt; er zieht nach der Krim, um einige armenische Kaufleute aus Kamieniez einzulösen, die bei der Einsetzung des neuen Khans beraubt und in die Gefangenschaft geschleppt wurden; das ist auch dem Seferowitsch, dem Bruder des Prätors, begegnet, alles sehr hervorragende Männer; sie kargen nicht mit Geld, und Piotrowitsch geht reichlich ausgestattet hin. Gefahren drohen ihm nicht; erstens ist der Winter nahe, das ist keine günstige Zeit für die Banden, und dann zieht Nawiragh, der Delegat des Patriarchen von Usmiadsin und zwei Anardraten aus Jaffa, die Geleitsbriefe vom jungen Khan haben, heran. Ich will also Piotrowitsch Briefe sowohl an die Residenten der Republik wie an meine Bruderschafter geben; außerdem ist den Herren bekannt, daß Ruschtschyz, der Kommandant von Raschkow, leibliche Verwandte in der Horde hat, die als Kinder gefangen wurden und ganz und gar zu Würden gelangt sind. Alle diese werden Himmel und Erde in Bewegung setzen, vielleicht auch gar dem Murza ganz im stillen den Hals umdrehen. Ich habe also Hoffnung, daß, wenn, was Gottgeben möge, Herr Boski lebt, ich ihn unzweifelhaft in einigen Monaten herausbekomme, wie mir dies der Herr Hetman, und mein hier anwesender näherer Kommandant —, hier verbeugte er sich vor seiner Gattin — befehlen ...«

Der anwesende Kommandant sprang wieder hinzu und umarmte den kleinen Ritter; Frau und Fräulein Boska falteten nur die Hände und dankten Gott, daß er ihnen gewährt habe, zu so herzensguten Menschen zu gelangen. Sie wurden auch beide viel heiterer.

»Wenn der alte Khan lebte,« sagte Herr Nienaschyniez, »dann ginge alles noch leichter, denn er war uns sehr geneigt, und von dem jungen sagt man das Gegenteil. Auch diese armenischen Kaufleute, die von Herrn Zacharias Piotrowitsch heimgeholt werden sollen, sind schon zur Regierungszeit des jungen Khan in Baktschissaraj selber gefangen worden, und das soll, wie man sagt, auf des Khans Befehl geschehen sein.«

»Der Junge wird sich ändern, wie sich der Alte geändert hat, der, ehe er sich von unserer Redlichkeit überzeugte, der erbittertste Feind des polnischen Namens war,« sagte Sagloba. »Ich weiß das am besten, denn ich habe sieben Jahre bei ihm in der Gefangenschaft geschmachtet. Mein Anblick wird euch Mut geben; — sieben Jahre ... kein Spaß. Und doch bin ich zurückgekommen, und habe so viele von diesen Hunden zusammengehauen, daß ich für jeden Tag meiner Gefangenschaft mindestens zweie in die Hölle geschickt habe, und für die Sonn- und Feiertage, weiß Gott, ob nicht drei oder vier herauskommen, ha!«

»Sieben Jahre!« wiederholte Frau Boska mit einem Seufzer.

»Sterben soll ich, wenn ich einen Tag zuviel gesagt habe! Sieben Jahre im Palast des Khans selber,« bekräftigte Sagloba, geheimnisvoll mit den Augen zwinkernd. »UndSie müssen wissen, daß der junge Khan mein ...« hier flüsterte er Frau Boska etwas ins Ohr. Plötzlich brach er in ein lautes »Ha-ha-ha!« aus, schlug mit den Händen auf die Kniee, und endlich klopfte er im Eifer auch Frau Boska aufs Knie und sagte: »Fürwahr, schöne Zeiten, was? In der Jugend hieß, was auf dem Felde war, Feind, und jeden Tag gab's einen neuen Streich, ha!«

Die würdige Matrone war ganz verwirrt und entfernte sich ein wenig von dem lustigen Ritter; die jungen Frauen senkten die Augen, denn sie vermuteten, daß die Streiche, von welchen Sagloba sprach, ihrer angeborenen Bescheidenheit unangemessen seien, um so mehr, als die Soldaten in ein schallendes Gelächter ausbrachen.

»Man wird bald zu Herrn Ruschtschyz schicken müssen,« sagte Bärbchen, »damit Herr Piotrowitsch die Briefe in Raschkow schon vorfinde.«

Darauf versetzte Bogusch: »Eilt, meine Herrschaften, mit der ganzen Angelegenheit, solang es noch Winter ist; denn erstens streifen um diese Zeit keine Banden umher, und die Wege sind sicher; und dann, Gott weiß, was im Frühling kommen kann!«

»Hat der Herr Hetman Nachrichten aus Stambul gehabt?« fragte Wolodyjowski.

»Ja, und wir müssen über dieselben noch besonders sprechen. Das ist gewiß, daß man auch mit jenen Hauptleuten schnell ein Ende machen muß. Wann kommt Mellechowitsch zurück? — denn von ihm hängt viel ab.«

»Er soll nur den Rest der Horden niederhauen und dann die Leichen begraben. Er muß noch heute zurückkommen oder morgen früh. Ich habe ihm befohlen, nur die Unsrigen zu begraben: die Leute Asbas kann er allenfalls liegen lassen,denn der Winter steht bevor, und die Pest haben wir nicht zu fürchten. Übrigens werden die Wölfe sie fortschaffen.«

»Der Herr Hetman bittet,« sagte Bogusch, »dem Mellechowitsch hier in seiner Arbeit kein Hindernis zu bereiten. So oft er nach Raschkow reisen will, soll man ihn reisen lassen. Der Herr Hetman bittet auch, ihm in allem zu vertrauen, weil er seiner Liebe zu uns sicher ist. Er ist ein großer Krieger und kann viel Gutes wirken!«

»Mag er nach Raschkow reisen, und wohin er will,« antwortete der kleine Ritter. »Seit dem Augenblick, da wir Asba vernichtet haben, ist er mir gar nicht so sehr nötig. Größere Haufen werden sich jetzt nicht mehr blicken lassen, ehe das erste Gras wächst.«

»So ganz vernichtet ist Asba?« fragte Nowowiejski.

»So vernichtet, daß ich nicht weiß, ob fünfundzwanzig Mann davongekommen sind, und auch die werden wir einzeln einfangen, wenn sie Mellechowitsch nicht schon gefangen hat.«

»Ich freue mich ungeheuer darüber,« antwortete Herr Nowowiejski, »denn jetzt wird man gewiß ohne Gefahr nach Raschkow reisen können.«

Hier wandte er sich an Bärbchen:

»Wir können die Briefe an Herrn Ruschtschyz mitnehmen, von denen die gnädige Frau gesprochen hat.«

»Wir danken,« versetzte Bärbchen, »hier gibt es immer Gelegenheit, denn es werden Eilboten hingeschickt.«

»Alle Kommandos müssen beständig die Verbindung untereinander aufrecht erhalten,« fügte Herr Michael erklärend hinzu. »Sie reisen also, bitte, mit diesem schönen Fräulein nach Raschkow?«

»Sie ist ein gewöhnlicher Pudel, keine Schönheit, verehrter Herr,« antwortete Nowowiejski, »und nach Raschkow gehen wir, weil dort mein Tunichtgut von Sohn bei HerrnRuschtschyz' Fahne dient. Zehn Jahre sind's beinahe, daß er von Hause entflohen, und nur mit Briefen meine väterliche Güte in Anspruch nahm.«

Wolodyjowski klatschte in die Hände.

»Ich habe es mir gleich gedacht, daß Ihr Nowowiejskis Vater seid, und ich hätte gefragt, wenn mich nicht die Trauer der Frauen abgelenkt hätte. Ich habe es gleich gedacht, denn auch Eure Züge ähneln sich. Ei, seht doch, so ist er Euer Sohn!«

»So versicherte mir seine Mutter selig, und da sie ein tugendhaftes Weib war, habe ich keine Veranlassung, daran zu zweifeln.«

»So freue ich mich doppelt über einen solchen Gast, bei Gott! Nur nennt mir Euren Sohn nicht einen Tunichtgut, denn er ist ein trefflicher Krieger und ein würdiger Ritter, der Euch alle Ehre macht, und nach Herrn Ruschtschyz der beste Streifzügler in der ganzen Fahne; oder solltet Ihr nicht wissen, daß er des Herrn Hetmans Augenstern ist? Ganze Kommandos hat man ihm schon anvertraut, und aus jeder Funktion ist er mit großem Ruhme hervorgegangen.«

Herr Nowowiejski errötete vor Freude.

»Mein Herr Hauptmann,« sagte er, »oft tadelt ein Vater sein Kind, nur damit ein anderer seinen Worten widerspreche, und ich meine, man kann das väterliche Herz nicht besser ergötzen, als wenn man dem Tadel widerspricht. Ich habe schon von den löblichen Taten Adams gehört, aber jetzt erst sind sie mir wahrhaft erfreulich, wo die Bestätigung seines Rufes aus so berühmtem Munde kommt. Man sagt, er soll nicht bloß ein tapferer Soldat sein, sondern auch ein ernster, was mich gar wunder nimmt, denn er war immer ein Sausewind. Lust zum Kriege hatte der Junge von Kindheit an; der beste Beweis ist, daß er als Knabeaus dem Hause entlief. Ich muß gestehen, wenn ich ihn damals gefaßt hätte, würde ich ihm ein schönespro memoriagegeben haben. Aber das werde ich jetzt nicht dürfen, sonst geht er mir wieder auf zehn Jahre davon, und dem alten Vater würde bange sein.«

»Daß er aber so viele Jahre hindurch nicht einmal einen Blick in das Vaterhaus geworfen hat?«

»Ich hab's ihm verwehrt. Nun aber ist's genug, und ich gehe zuerst zu ihm, weil er im Dienste doch nicht abkommen kann. Ich wollte die verehrten Herrschaften, meine Gönner, um Gastfreundschaft für das Mädchen bitten und allein nach Raschkow gehen; da Ihr aber sagt, daß die Wege überall sicher sind, so nehme ich auch sie mit. Die Elster möchte gern die Welt sehen, — mag sie sich satt sehen.«

»Und die Menschen mögen sich an ihr satt sehen!« warf Sagloba ein.

»Das gäbe wenig zu sehen,« antwortete das Mädchen, dessen lebhafte schwarze Augen und wie zum Kuß gewölbte Lippen eine andere Sprache redeten.

»Ein gewöhnlicher Pudel, nichts anderes als ein Pudel,« sagte Nowowiejski; »wenn sie einen Offizier sieht, so ist sie vom Bändel. Darum wollte ich sie auch lieber mitnehmen, als zu Hause lassen, besonders da das Mädchen im Hause nicht sicher ist. Sollte ich aber ohne sie nach Raschkow reisen, so müssen die gnädige Frau sie an ein Schnürchen binden lassen, sonst rückt sie wohl gar aus.«

»Gab man ihr einen Spinnrocken zum Spinnen — sagte Sagloba — so tanzte sie mit ihm, wenn sie nichts Besseres hatte; aber Ihr seid ein lustiger Herr. Bärbchen, ich möchte mit Herrn Nowowiejski anstoßen, denn auch ich bin ein Freund von Kurzweil ...«

Noch ehe man das Abendbrot brachte, öffnete sich dieTür, und Mellechowitsch trat ein. Nowowiejski hatte ihn nicht sogleich bemerkt, denn er war mit Sagloba ins Gespräch gekommen; wohl aber war er Evchen ins Auge gefallen, und ihre Wangen überflog eine Flammenröte. Dann wurde sie plötzlich blaß.

»Herr Kommandant,« sagte Mellechowitsch zu Wolodyjowski, »zu Befehl, die Leute sind gefangen worden.«

»Gut, wo sind sie?«

»Ich habe sie hängen lassen, wie Ihr befohlen.«

»Gut. Und sind deine Leute zurückgekehrt?«

»Ein Teil ist dort geblieben, die Leichen einzuscharren, der Rest ist bei mir.«

In diesem Augenblick hob Nowowiejski den Kopf empor und ein ungewöhnliches Staunen malte sich in seinen Zügen.

»Bei Gott, was sehe ich!« sagte er.

Dann erhob er sich, trat direkt auf Mellechowitsch zu und schrie:

»Asya! Was machst du hier, Schurke!«

Und er erhob die Hand, um den Lipker im Nacken zu fassen. Dieser aber fuhr in demselben Augenblick zornig auf, wie wenn man eine Handvoll Pulver in eine Flamme wirft, wurde leichenblaß, ergriff mit eiserner Umklammerung Nowowiejskis Hand und sagte:

»Ich kenne Euch nicht, wer seid Ihr?«

Und er stieß ihn mit solcher Gewalt von sich, daß Nowowiejski mitten im Zimmer hinstürzte.

Eine Zeitlang konnte dieser vor Wut keinen Ton von sich geben; er rang nach Atem und schrie endlich:

»Herr Kommandant, das ist mein Leibeigener und ein Flüchtling — in meinem Hause von Kindheit an — Schurke! Er lügt, er ist mein eigen — Eva, wer ist das, sprich!«

»Asya,« sagte Eva, am ganzen Körper zitternd.

Mellechowitsch würdigte sie keines Blickes. Er heftete seine Augen auf Herrn Nowowiejski, blähte seine Nasenflügel zornig, sah den alten Edelmann mit unbeschreiblichem Hasse an und faßte mit der Hand nach dem Griff seines Dolchmessers.

Von der lebhaften Bewegung seiner Nasenflügel wurde auch sein Schnurrbart hin und her bewegt, und unter ihm traten die weißen Eckzähne hervor, ganz wie bei einem wütenden Eber.

Die Offiziere standen im Kreis umher, Bärbchen war zwischen Mellechowitsch und Nowowiejski gesprungen.

»Was bedeutet das?« fragte sie und runzelte die Brauen.

Ihr Anblick beruhigte die Gegner ein wenig.

»Herr Kommandant,« sagte Nowowiejski, »das heißt, daß dieser Mann, mit Namen Asya, mir gehört und ein Flüchtling ist. Da ich in jungen Jahren in der Ukraine diente, fand ich ihn halb tot in der Steppe und nahm ihn an mich. Er ist ein Tatar; zwanzig Jahre habe ich ihn in meinem Hause großgezogen, mit meinem Sohne habe ich ihn unterrichtet. Als mein Sohn entfloh, half er mir in der Wirtschaft, bis er mit Evchen Liebeleien begann. Als ich das merkte, ließ ich ihn peitschen; später lief er davon. Wie nennt er sich hier?«

»Mellechowitsch.«

»So hat er sich einen Namen angeeignet. Asya heißt er, nicht anders. Er sagt, er kenne mich nicht? Ich aber kenne ihn, und Eva kennt ihn auch.«

»Um des Himmels willen,« sagte Bärbchen. »Euer Sohn hat ihn doch so oft gesehen, wie kam's, daß er ihn nicht erkannte?«

»Als mein Sohn aus dem Hause entfloh, waren sie beide fünfzehn Jahre alt, und dieser hier hat noch sechs Jahrebei mir gesteckt. In dieser Zeit hat er sich sehr verändert, ist gewachsen und hat einen Bart bekommen. Aber Evchen hat ihn sofort erkannt. Ich bitt' Euch, werte Herren, so schenkt doch eher einem Landsmann Glauben, als diesem Abenteurer aus der Krim.«

»Herr Mellechowitsch ist des Hetmans Offizier,« sagte Bärbchen, »wir haben kein Anrecht an ihn.«

»Gestattet, daß ich ihn ausfrage,audiatur et altera pars,« bemerkte der kleine Ritter.

Herr Nowowiejski aber verfiel in rasende Wut.

»Herr Mellechowitsch! Ein schöner Herr — mein Knecht, der sich einen fremden Namen angemaßt hat! Morgen mache ich diesen »Herrn« zu meinem Hundejungen, übermorgen lasse ich diesem Herrn die Peitsche geben, und daran wird der Herr Hetman selber mich nicht hindern, denn ich bin ein Edelmann und kenne meine Rechte.«

Wolodyjowski verzog den Mund und sagte in strengem Tone:

»Und ich bin nicht nur ein Edelmann, sondern auch Kommandant, und auch ich kenne meine Rechte. Euren Leibeigenen könnt Ihr auf dem Wege des Rechts zurückfordern, und Ihr könnt auf die Entscheidung des Hetmans einwirken, — aber hier befehle ich und kein anderer.«

Nowowiejski mäßigte sich bald; er bedachte, daß er nicht nur zu dem Kommandanten, sondern auch zu dem Vorgesetzten seines eigenen Sohnes und zu dem berühmtesten Ritter der Republik sprach.

»Herr Kommandant,« sagte er in milderem Tone, »ich werde ihn gegen Euren Willen nicht nehmen; ich spreche nur mein Recht aus, und ich bitte, daß mir Glauben geschenkt werde.«

»Mellechowitsch, was hast du dazu zu sagen?« fragte Wolodyjowski.

Der Tatar schlug die Augen zu Boden und schwieg.

»Denn daß du Asya heißest, das wissen wir alle,« fügte Herr Michael hinzu.

»Wozu andere Beweise suchen?« sagte Nowowiejski; »wenn dies mein Knecht ist, so hat er Fische von blauer Farbe auf der Brust eingezeichnet!«

Als Nienaschyniez das hörte, riß er Mund und Nase auf, griff sich an den Kopf und rief:

»Asya, Tuhaj-Beys Sohn!«

Aller Augen richteten sich auf ihn; er zitterte am ganzen Leibe, als öffneten sich seine Wunden wieder, und er schrie noch einmal:

»Das ist mein Kriegsgefangener, das ist Tuhaj-Beys Sohn, bei Gott, er ist's!«

Und der junge Lipker warf stolz den Kopf zurück und ließ seinen Schlangenblick über die Versammlung schweifen; dann riß er plötzlich sein Wams auf der breiten Brust entzwei und sagte:

»Seht hier die Fische in blauer Farbe. — Ich bin der Sohn des Tuhaj-Bey!«

Im ganzen Kreise blieb es stumm, einen so mächtigen Eindruck hatte der Name des furchtbaren Kriegers gemacht. War er es doch, der in Gemeinschaft mit dem fürchterlichen Chmielnizki die ganze Republik aufgerüttelt hatte, er, der ein Meer polnischen Blutes vergossen, der die Ukraine, Wolhynien, Podolien und die galizischen Lande mit den Hufen seiner Pferde zertreten, Schlösser und Burgen vernichtet, Dörfer in Brand gesteckt und Myriaden von Menschen in die Gefangenschaft fortgeschleppt hatte. Und der Sohn dieses Mannes stand hier vor der Versammlung in der ChreptiowschenGrenzwarte und sagte den Männern ins Gesicht: ich trage die blauen Fische auf meiner Brust, ich bin Asya, Fleisch vom Fleische Tuhaj-Beys! Aber so groß war bei den Leuten jener Zeit die Achtung vor ausgezeichneter Abstammung, daß trotz der Scheu, welche der Name des berühmten Murza in der Seele eines jeden Kriegers hervorrufen mußte, Mellechowitsch in ihren Augen wuchs, als sei er mit der ganzen Größe seines Vaters angetan.

Sie blickten ihn mit Erstaunen an, besonders die Frauen, für die alles Geheimnisvolle den größten Reiz besitzt. Jener aber stand, als sei er auch in seinen eigenen Augen durch das Bekenntnis gewachsen, stolz da, er senkte den Kopf nicht und sagte endlich:

»Der Edelmann dort — er zeigte mit dem Finger auf Nowowiejski — sagt, ich sei sein eigen, und ich erwidere ihm: mein Vater stieg zu Roß mit Hilfe der Rücken Besserer, als er ... Nun denn, er spricht die Wahrheit, wenn er sagt, daß ich bei ihm war, denn ich war bei ihm, und unter seiner Knute floß mir das Blut den Rücken herab, was ich ihm nicht vergessen will, so wahr ich lebe! Mellechowitsch habe ich mich genannt, um seiner Verfolgung zu entgehen, aber obgleich ich nach der Krim entfliehen konnte, diene ich jetzt diesem Vaterland mit meinem Blut und meinem Leben, und ich bin keines Herrn Diener als des Hetmans. Mein Vater war mit Khanen Bruder und Vetter, und in der Krim harrten meiner Reichtümer und Überfluß. Ich aber blieb hier in der Niedrigkeit, denn ich liebe dieses Vaterland, und ich liebe den Hetman, und ich liebe all die, die mir nicht Verachtung gezeigt haben.«

Bei diesen Worten verneigte er sich vor Wolodyjowski — vor Bärbchen so tief, daß er mit seinem Kopfe beinaheihre Kniee berührte; sonst blickte er niemand an, nahm seinen Degen unter den Arm und ging hinaus.

Noch eine Weile dauerte das Schweigen; Sagloba ergriff zuerst das Wort:

»Ha, wo ist Herr Snitko? Habe ich nicht gesagt, daß dieser Asya wie ein Wolf dreinschaut, und daß er ein Wolfssohn ist?«

»Ein Löwensohn,« antwortete Wolodyjowski, »und wer weiß, ob er nicht dem Vater nachgeartet ist!«

»Bei Gott, habt Ihr nicht bemerkt, wie ihm die Zähne leuchteten, ganz wie dem alten Tuhaj, wenn er im Zorne war,« sagte Herr Muschalski, »daran allein hätte ich ihn erkannt, denn ich habe auch den alten Tuhaj oft gesehen.«

»Nicht so oft wie ich,« antwortete Sagloba.

»Jetzt begreife ich,« warf Bogusch ein, »warum er unter den Lipkern und Tscheremissen solche Achtung genießt. Verehren sie doch Tuhajs Namen wie den eines Heiligen. Beim lebendigen Gott, wenn dieser Mensch wollte, er könnte sie alle bis auf den letzten Mann in den Dienst des Sultans hinüberführen und uns furchtbare Niederlagen bereiten.«

»Das tut er nimmer,« versetzte Michael, »denn was er gesagt hat, daß er dieses Vaterland und den Hetman liebe, ist Wahrheit, sonst würde er nicht unter uns dienen, während ihm freisteht, nach der Krim zu gehen und dort im Überfluß zu leben. Überfluß hat er wahrlich bei uns nicht gehabt.«

»Das tut er nimmer!« wiederholte Bogusch, »denn wollte er es, so hätte er's längst getan. Nichts hätte ihn hindern können.«

»Im Gegenteil,« fügte Nienaschyniez hinzu, »jetzt glaube ich, daß er der Republik jene verräterischen Hauptleute wieder zurückgewinnt.«

»Herr Nowowiejski,« sagte plötzlich Sagloba, »wenn Ihrnur gewußt hättet, daß er Tuhaj-Beys Sohn ist — Ihr hättet vielleicht ... hättet vielleicht sein ... was?«

»Ich hätte ihm statt dreihundert dreizehnhundert Knutenhiebe geben lassen. Ein Donnerschlag treffe mich, wenn ich anders gehandelt hätte! Meine Herren, es ist mir verwunderlich, daß er, Tuhaj-Beys Junge, nicht in die Krim entlaufen ist. Ich meine, er hat das erst vor kurzem erfahren, denn bei mir hat er nichts davon gewußt. Es ist mir verwunderlich, sage ich; aber beim Himmel, traut ihm nicht, kenne ich ihn doch länger als Ihr, und ich sage nur so viel: Der Teufel ist nicht so ränkevoll, ein toller Hund ist nicht so wütig, der Wolf nicht so bissig und grausam wie dieser Mensch. Er wird noch allen hier furchtbar mitspielen.«

»Was sprecht Ihr,« sagte Muschalski; »wir haben ihn in der Schlacht bei Kalnik, bei Human, bei Brazlaw und in hundert anderen Gefechten erprobt.«

»Er wird nichts schuldig bleiben, er wird sich rächen.«

»Und wie hat er heut' Asbas Horden im Nacken gesessen — was sprecht Ihr!« —

Bärbchen glühte vor Erregung, so hatte sie der ganze Auftritt mit Asya beschäftigt. Aber sie wollte, daß auch das Ende des Anfangs würdig sei, sie schüttelte Eva und flüsterte ihr ins Ohr:

»Evchen, du hast ihn geliebt, gesteh' mir's, leugne nicht, du hast ihn geliebt? He, liebst ihn noch, wie? Ich bin dessen gewiß, sei aufrichtig gegen mich; wem wolltest du dich anvertrauen, wenn nicht mir, der Frau? Fast königliches Blut rollt in seinen Adern, der Herr Hetman wird ihm zehn Bürgerrechte für eins auswirken; Herr Nowowiejski wird nicht widersprechen. Unzweifelhaft liebt auch Asya dich noch; ich weiß schon, ich weiß, fürchte dich nicht, er hat Vertrauen zu mir, ich will ihn sofort ins Gebet nehmen;er sagte mir ohne Drängen, du habest ihn sehr geliebt, — liebst du ihn noch?«

Evchen war wie betäubt. Als Asya ihr zum ersten Male seine Neigung gestanden hatte, war sie fast noch ein Kind gewesen; dann hatte sie ihn viele Jahre nicht gesehen und nicht mehr an ihn gedacht, es war ihr nur die Erinnerung an einen heißblütigen Knaben geblieben, der halb ein Spielgenosse ihres Bruders, halb ein Diener gewesen war. Jetzt aber, da sie ihn wiederfand, stand ein Heldenjüngling vor ihr, ein schöner, kühner Offizier, ein berühmter Streifzügler und zudem der Sohn eines fremden, aber doch fürstlichen Geschlechts. So hatte auch in ihrer Erinnerung der junge Asya ganz anders gelebt, und sein Anblick hatte sie betäubt, zugleich aber bezaubert und berauscht. Die Erinnerungen erwachten aus ihrem Schlummer; ihr Herz vermochte den Heldenjüngling nicht in einem Augenblick zu lieben, aber sie fühlte in einem Augenblick die süße Fähigkeit, zu lieben.

Da Bärbchen keine Antwort von ihr bekommen konnte, nahm sie Eva samt Sophiechen in den Alkoven und begann von neuem in sie zu dringen:

»Evchen, sprich schnell, furchtbar schnell, liebst du ihn?«

Eva schlug Flammenröte ins Gesicht. Das Mädchen mit dem schwarzen Haar und den schwarzen Augen hatte heißes Blut, und bei jeder Erwähnung der Liebe schlugen seine Wellen in ihre Wangen.

»Evchen,« wiederholte Bärbchen zum zehntenmal, »liebst du ihn?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Evchen nach einem Augenblick des Zögerns.

»Aber du sagst nicht nein, oho, so weiß ich's schon! Nun, sträube dich nicht, ich habe Michael zuerst gesagt, daß ich ihn liebe — und 's tat mir gar nichts, es war gut!Ihr habt euch auch wohl früher sehr geliebt? Ha, jetzt begreife ich, so ist er aus Sehnsucht nach dir immer so düster wie ein Wolf, er ist ja beinahe eingegangen. Was war's zwischen euch? Erzähle!«

»In der Laube hat er gesagt, daß er mich liebe,« flüsterte Eva.

»In der Laube! Ei, und dann?«

»Dann umfaßte er mich und küßte mich!« fuhr das Mädchen leiser fort.

»O dieser Mellechowitsch! Und du?«

»Ich fürchtete mich zu schreien.«

»Fürchtetest dich zu schreien! Sophiechen, hörst du? Wann ist denn eure Liebe an den Tag gekommen?«

»Der Vater kam und versetzte ihm einen Schlag mit dem Beil; dann schlug er mich, und ihn ließ er peitschen, daß er zwei Wochen krank lag.«

Hier brach Evchen in Tränen aus, zum Teil aus Schmerz, zum Teil aus Verlegenheit. Bei ihrem Anblick feuchteten sich auch bald die Augen der gefühlvollen Sophie; Bärbchen aber tröstete Eva.

»Alles wird gut enden, laß' mich nur machen! Michael muß ans Werk, und Herrn Sagloba will ich schon zureden. Fürchte dich nicht, vor Herrn Saglobas Witz hält nichts stand, du kennst ihn noch nicht. Weine nicht, Evchen, es ist Zeit zum Nachtmahl.«

Mellechowitsch war zum Nachtmahl nicht erschienen; er saß in seinem Zimmer und wärmte sich am Feuer bei Branntwein mit Met, den er dann in einen kleineren Blechbecher goß und zu dem er Zwieback aß. Herr Bogusch kam zu ihm noch in später Nacht, um mit ihm über Neuigkeiten zu plaudern.

Der Tatar wies ihm sogleich einen Platz auf der schaffellbeschlagenen Bank an, setzte ihm einen vollen Becher heißen Getränkes vor und fragte:

»Will Herr Nowowiejski noch immer mich zu seinem Knechte machen?«

»Davon ist gar nicht mehr die Rede,« versetzte der Truchseß von Nowogrod; »eher noch hätte Nienaschyniez ein Anrecht an dich, aber auch er denkt nicht daran, denn seine Schwester ist wohl schon längst gestorben oder wünscht gar keine Veränderung ihres Schicksals. Herr Nowowiejski wußte nicht, wer du warst, als er dich für die Vertraulichkeiten mit seiner Tochter strafte, und geht jetzt wie betäubt umher, denn wenn auch dein Vater unserem Lande viel Böses getan hat, so war er doch ein berühmter Kriegsmann, und Geburt ist Geburt. Bei Gott, niemand wird dir ein Haar krümmen, solange du diesem Vaterlande treu dienst, um so mehr, als du überall Freunde hast.«

»Warum sollte ich ihm nicht treu dienen?« versetzte Asya, »mein Vater war euer Feind, er war ein Heide — ich aber bekenne Christum.«

»Das eben ist's, das ist's. Du kannst nicht mehr nach der Krim zurück, du müßtest denn deinen Glauben aufgeben; da du damit auch dein Seelenheil aufgäbest, so könnte dich kein irdisches Glück, keine Würde dafür entschädigen. Eigentlich bist du sowohl Herrn Nienaschyniez wie Herrn Nowowiejski Dankbarkeit schuldig, denn der eine hat dich unter den Heiden aufgelesen, und der andere hat dich im wahren Glauben erzogen.«

Darauf versetzte Asya: »Ich weiß, daß ich ihnen Dankbarkeit schulde, und ich will mich bemühen, ihnen zu vergelten. Ihr habt recht, wenn Ihr sagt, daß ich viele Wohltäter hier gefunden habe.«

»Du sprichst das so, als ob du es bitterböse meintest, zähle doch selbst einmal diejenigen, die dir geneigt sind.«

»Der Hetman und Ihr in erster Reihe, das werde ich bis in den Tod wiederholen; wer sonst noch, das weiß ich nicht ...«

»Der hiesige Kommandant! Glaubst du, er würde dich in irgend jemands Hände ausliefern, auch wenn du nicht Tuhaj-Beys Sohn wärest? Und sie, die Herrin! Ich habe doch gehört, was sie beim Nachtmahl von dir sagte ... bah, und noch vorher, als Nowowiejski dich erkannte, trat sie alsbald für dich ein. Für sie tut Michael alles, und eine Schwester kann ihren Bruder nicht mehr lieben als sie dich. Während der ganzen Abendmahlzeit war dein Name beständig in ihrem Munde.«

Der junge Tatar senkte plötzlich den Kopf und blies in den Becher seines heißen Getränks. Dabei nahm sein Gesicht, da er die bläulichen Lippen aufblies, einen so tatarischen Ausdruck an, daß selbst Bogusch sagte:

»Bei Gott, wie bist du doch in diesem Augenblick dem alten Tuhaj-Bey ähnlich, das übersteigt alle Vorstellungen! Ich habe ihn doch sehr gut gekannt, ich habe ihn oft gesehen am Hofe des Khans und im Felde, an die zwanzigmal wohl war ich in seiner Residenz.«

»Segne Gott die Gerechten, und treffe die Pest die Verräter!« antwortete Asya, »es lebe der Hetman!«

Bogusch stürzte seinen Becher hinunter und sagte:

»Er lebe! Wir sind zwar nur ein kleines Häuflein, die wir auf seiner Seite stehen, aber echte Krieger. Mit Gottes Hilfe werden wir es mit den Tagedieben, die nur raten und schwatzen können und den Hetman des Verrats gegen den König beschuldigen, noch aufnehmen. Die Schurken! Tag und Nacht bieten wir dem Feinde die Stirn, undsie sitzen an den vollen Fleischtöpfen und machen mit ihren Löffeln Musik. Ja, das ist ihre ganze Arbeit. Der Hetman schickt Boten über Boten aus, bittet um Hilfe für Kamieniez, sagt wie Kassandra den Fall von Ilium und Priamos Stamme voraus, und jene kümmern sich nicht darum und suchen und forschen, wer irgend was gegen den König getan hat.«

»Wovon sprecht Ihr?«

»O, nichts, ich habe nur einen Vergleich unseres Kamieniez mit Troja gemacht; aber du hast gewiß nie von Troja gehört. Wenn es nur erst ruhiger wird, so wird der Herr Hetman dir das Bürgerrecht auswirken. Mein Leben dafür! Es kommen Zeiten, in denen es an Gelegenheit nicht fehlen wird. Wenn du nur willst, kannst du dich mit Ruhm bedecken.«

»Entweder bedecke ich mich mit Ruhm, oder die Erde bedeckt mich. Ihr sollt von mir hören, so wahr ein Gott im Himmel ist!«

»Und jene dort? Was tut Krytschynski — kehrt er zurück, kehrt er nicht zurück? Was machen sie jetzt?«

»Sie stehen in den Lagern, die einen hier, die anderen dort; sie können sich schwer miteinander verständigen, denn die Entfernungen zwischen ihnen sind zu groß. Sie haben den Befehl, zum Frühling alle nach Adrianopel aufzubrechen und soviel Lebensmittel als möglich mitzunehmen.«

»Beim Himmel, das ist wichtig! Wenn in Adrianopel eine große Heeresversammlung stattfindet, so ist der Krieg mit uns gewiß. Man muß sogleich den Herrn Hetman davon benachrichtigen; auch er glaubt, daß der Krieg bevorsteht, — aber das wäre ein unfehlbares Anzeichen.«

»Halim hat mir gesagt, es heiße dort, der Sultan selbst wolle nach Adrianopel kommen.«

»Nun Gott sei Dank, und hier bei uns ist kaum einkleines Häuflein. Unsere ganze Hoffnung ruht in dem Felsen von Kamieniez. Stellt Krytschynski etwa neue Bedingungen?«

»Sie schreiben mehr Klagen aus, als sie Bedingungen stellen: allgemeine Amnestie, Gewährung der Rechte und Privilegien des Adels, wie sie sie in alten Zeiten hatten, Beibehaltung des Ranges für die Hauptleute — das ist's, was sie wollen. Da ihnen der Sultan aber schon mehr zuerkannt hat, zögern sie.«

»Was sagst du, wie kann der Sultan ihnen mehr zuerkennen, als die Republik! In der Türkei istabsolutum dominium, und alle Rechte hängen einzig und allein von der Laune des Sultans ab. Hält auch der, der jetzt lebt und regiert, alle Versprechungen, so bricht sie sein Nachfolger, tritt sie mit Füßen, wenn er will. Bei uns aber ist ein Privileg geheiligt, und wer dem Adel angehört, dem kann der König selbst nichts nehmen.«

»Sie aber sagen, sie seien adlig gewesen, und doch habe man sie wie die Dragoner behandelt. Und die Starosten haben ihnen oft genug Dienstpflichten auferlegt, von denen nicht nur der Adel frei ist, sondern sogar die Freisassen.

Wenn ihnen der Hetman verspricht ... Keiner von ihnen zweifelt an der Großmut des Hetmans, und alle lieben ihn heimlich in ihrem Herzen; aber sie denken so: den Hetman selber hat der Adel zum Verräter gemacht; am königlichen Hofe haßt man ihn, die Konföderation droht ihm mit dem Gericht, wie sollte er etwas erwirken können?«

Bogusch rieb sich den Kopf.

»Was also wird geschehen?«

»Sie wissen selbst nicht, was sie tun sollen ...«

»... Und bleiben beim Sultan.«

»Nein.«

»Hm, wer wird ihnen befehlen, zur Republik zurückzukehren?«

»Ich.«

» — Wie?«

»Ich bin der Sohn des Tuhaj-Bey.«

»Lieber Asya,« sagte Bogusch nach einer Weile, »ich will nicht leugnen, daß sie deine Herkunft und deinen Ruhm achten können, obwohl es unsere Tataren sind, und Tuhaj-Bey unser Feind war; solche Dinge begreife ich, denn auch unter uns gibt es Edelleute, die mit einem gewissen Stolze erzählen, daß Chmiel von Adel war, und nicht von den Kosaken, sondern von unserem Volk abstammte, von den Masuren ... Nun, er war doch gewiß ein Schurke, wie es in der Hölle keinen größeren gibt, aber da er ein berühmter Krieger war, so erkennen sie ihn gern an. So ist die menschliche Natur. Daß aber deine Herkunft von Tuhaj-Bey dir ein Recht geben sollte, allen Tataren zu befehlen, dafür sehe ich keinen vernünftigen Grund.«

Asya schwieg eine Weile, dann stemmte er die Ellbogen gegen die Schenkel und sagte:

»So will ich Euch sagen, Herr Truchseß, warum Krytschynski mir gehorcht, und warum die anderen mir gehorchen. Nicht allein, daß sie einfache, glückliche Tataren sind, und ich ein Fürst, es ist noch anders: in mir wohnt Klugheit und Macht ... das wißt Ihr nicht, das weiß auch der Herr Hetman nicht.«

»Welche Klugheit, welche Macht?«

»Das kann ich nicht sagen,« antwortete Asya in ruthenischer Mundart. »Warum bin ich zu Dingen bereit, zu welchen kein anderer sich erkühnen würde? Warum habe ich Pläne gefaßt, die kein anderer fassen würde?«

»Was sagst du, was für Pläne?«

»Wenn mir der Hetman den Willen ließe und das Recht dazu gäbe, ich würde nicht nur die Hauptleute zurückführen, ich würde die Hälfte der Horde in den Dienst des Hetmans stellen. Gibt es wenig wüsten Boden in der Ukraine und in den wilden Feldern? Mag der Hetman nur verkündigen, daß jeder Tatar, der in die Republik kommt, ein Edelmann wird, und daß er in seinem Glauben nicht bedrückt werden, daß er unter seiner eigenen Fahne dienen solle, daß sie alle ihren eigenen Hetman haben sollen, wie ihn die Kosaken haben — meinen Kopf gäbe ich dafür, daß in kürzester Frist die ganze Ukraine von ihnen wimmeln wird. Die Lipker werden kommen und die Tscheremissen, aus der Dobrudscha, aus Bialogrod, ebenso aus der Krim werden sie kommen, ihre Herden werden sie hertreiben, ihre Frauen und Kinder werden sie herfahren. Schüttelt nicht mit dem Kopfe, sie werden kommen, wie sie in früheren Zeiten gekommen sind, und der Republik jahrhundertelang treu gedient haben. In der Krim und überall bedrücken sie der Khan und die Mirzen, und hier sollen sie Edelleute werden und Schwerter tragen und unter ihrem eigenen Hetman ins Feld rücken. Ich schwöre es Euch, daß sie kommen, denn dort sterben sie Hungers. Und wenn es unter den Stämmen bekannt wird, daß ich im Namen des Hetmans rufe, daß Tuhaj-Beys Sohn ruft, so werden Tausende hierherkommen.«

Bogusch griff sich mit der Hand nach dem Kopfe.

»Bei den Wundern Gottes, Asya, wie kommen dir solche Gedanken? Was würde das geben!«

»Es gäbe in der Ukraine ein Volk der Tataren, wie es ein Volk der Kosaken gibt. Den Kosaken habt ihr Privilegien und einen Hetman zugestanden, warum solltet ihr das für uns nicht zugestehen? Ihr sagt, was das geben würde? Einen zweiten Chmielnizki würde es nicht geben, denn wirwürden den Kosaken den Fuß auf den Nacken setzen; Bauernaufstände würde es nicht geben, Gemetzel und Verwüstungen auch nicht — Doroschenko würde nicht hier sein, denn wenn er es wagte, sich zu erheben, wäre ich der erste, der ihn zu den Füßen des Hetmans hinführt, damit er ihn peitsche. Und wollte die ganze Macht der Türken gegen euch ziehen, wir würden den Sultan bekriegen, wollte der Khan seine Scharen gegen euch loslassen, wir schlügen den Khan. Haben die Lipker und Tscheremissen nicht in früheren Zeiten so getan, obwohl sie den Glauben Mohammeds bekannten? Warum sollten wir anders handeln, wir, die Tataren der Republik, wir Edelleute ... Und nun erwägt: Die Ukraine wird Frieden haben, die Kosaken werden niedergehalten, gegen die Türken habt ihr einen Schutz und etliche zehntausend Mann mehr — das ist mein Plan, das ist's, worüber ich brüte, das ist's, weshalb Krytschynski, Adurowitsch, Morawski, Tworkowski mir folgen, das ist's, weshalb die halbe Krim auf meinen Ruf diese Steppen überfluten wird.«

Bogusch war so erstaunt und so überwältigt von Asyas Worten, daß es ihm war, als seien die Wände des Zimmers plötzlich auseinander gerückt, und als hätten sich seinen Augen plötzlich neue Länder gezeigt. Lange Zeit konnte er kein Wort sprechen; er starrte nur den jungen Tataren an, der mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging. Endlich sagte dieser:

»Ohne mich könnte sich das nicht vollziehen, denn ich bin der Sohn des Tuhaj-Bey. Vom Dniepr bis zur Donau gibt es keinen ruhmreicheren Namen unter den Tataren.«

Dann fügte er nach einer Weile hinzu:

»Was gilt mir Krytschynski, Tworkowski und die anderen! Nicht um jene ist es mir zu tun, nicht um einige tausend Lipker und Tscheremissen, sondern um die ganze Republik.Es heißt, wenn der Frühling kommt, steht ein großer Krieg mit der ganzen Macht des Sultans bevor; aber lasset mich nahen, und ich will unter den Tataren ein Feuer entzünden, daß der Sultan selbst sich die Hände verbrennen soll.«

»Bei Gott, wer bist du, Asya!« rief Bogusch aus.

Und er warf den Kopf zurück und sprach:

»Der zukünftige Hetman der Tataren.«

Der Glanz des Feuerscheins fiel in diesem Augenblick auf Asya und beleuchtete sein furchtbares und zugleich schönes Gesicht. Und Bogusch war's, als stände ein anderer Mensch vor ihm, eine solche Größe, ein solcher Stolz umgab die Gestalt des jungen Tataren. Und Bogusch empfand auch, daß Asya die Wahrheit spreche. Wenn der Hetman einen solchen Aufruf erließ, unzweifelhaft würden alle Lipker und Tscheremissen zurückkehren, und viele der wilden Tataren würden sie mit sich ziehen. Der alte Edelmann kannte die Krim sehr gut, in der er zweimal als Sklave und dann, vom Hetman ausgelöst, als Gesandter gewesen war; er kannte den Hof von Baktschissaraj, er kannte die Horden, die vom Don bis zur Dobrudscha saßen, er wußte, daß im Winter zahlreiche Stämme Hungers starben, er wußte, daß den Mirzen der Despotismus und die Habgier der Basken unerträglich geworden, daß es in der Krim selber häufig zu Empörungen komme; darum begriff er sofort, daß der fruchtreiche Boden und die Privilegien unzweifelhaft alle diejenigen anziehen würden, welchen es in den alten Wohnsitzen schlecht erging, welchen sie zu eng oder unsicher geworden waren.

Er begriff auch, daß sie um so schneller dem Rufe folgen würden, wenn es Tuhaj-Beys Sohn war, der sie rief. Er allein konnte es vollbringen, kein anderer; er konnte mit dem Ruhme seines Vaters die Stämme zur Empörung bringen,die eine Hälfte der Krim gegen die andere unter die Waffen rufen, die wilden Horden von Bialogrod aufrütteln und die ganze Macht des Khans, ja selbst die des Sultans erschüttern.

Wenn der Hetman die Gelegenheit wahrnehmen wollte, so konnte er den Sohn des Tuhaj-Bey als einen Mann betrachten, den ihm die Vorsehung gesandt hatte.

Bogusch begann also Asya mit anderen Augen zu betrachten, und erstaunte immer mehr, wie solche Gedanken in seinem Kopfe entstehen mochten. Der Schweiß lief dem Ritter in Perlen über die Stirn, so ungeheuer erschienen ihm Asyas Pläne. Und doch blieben ihm immer noch Zweifel in der Seele. Darum sagte er nach einer Weile:

»Und weißt du auch, daß um solcher Dinge willen Krieg mit der Türkei kommen müßte?«

»Der Krieg kommt auch so; warum ist den Horden befohlen, nach Adrianopel zu ziehen? Nur dann gibt es keinen Krieg, wenn im Reiche des Sultans selber Zwistigkeiten entstehen. Wenn es aber dazu kommt, ins Feld zu rücken, so wird die Hälfte der Horde auf unserer Seite sein.«

Für alles hat der Schlaukopf ein Argument — dachte Bogusch.

»Es wirbelt mir im Kopfe,« sagte er nach einer Weile; »siehst du, Asya, in jedem Falle ist das kein leichtes Ding. Was würde der König sagen, der Kanzler, die Stände, der ganze Adel, der zum größten Teil dem Hetman unfreundlich gesinnt ist?«

»Ich brauche nur die Erlaubnis des Hetmans schriftlich, und wenn wir erst hier sitzen, mögen sie uns dann herausdrängen, — wer wird uns herausdrängen, und auf welche Weise? Gern möchtet ihr die Saporoger aus der Sitsch verjagen, aber ihr könnt es nicht.«

»Der Hetman wird die Verantwortlichkeit fürchten.«

»Hinter dem Hetman werden zehntausend tatarische Schwerter stehen, außer dem Heere, das er jetzt befehligt.«

»Und die Kosaken? Die Kosaken vergißt du, diese werden sofort Widerspruch erheben.«

»Dazu eben sind wir hier nötig, damit das Schwert über dem Haupte der Kosaken hänge. Was gibt Dorosch die Kraft? Die Tataren. Die Tataren in meiner Hand, und Dorosch muß vor dem Hetman die Kniee beugen.«

Bei diesen Worten streckte Asya die Hände von sich und breitete die Finger wie Adlerkrallen aus; dann erfaßte er den Griff seines Schwertes.

»So werden wir den Kosaken ihre Rechte anweisen; zu Bauern sollen sie werden, und wir werden die Ukraine beherrschen. Hört, Bogusch, Ihr glaubt, ich sei ein kleiner Mensch, und ich sage Euch, ich bin nicht so klein, wie Herr Nowowiejski, der hiesige Kommandant, die Offiziere und Ihr, Herr Bogusch, glaubt. Seht, ich habe Tag und Nacht darüber nachgedacht, daß ich hager wurde, daß mir die Wangen einfielen, daß sie sich dunkler färbten; aber was ich ersonnen habe, habe ich klug ersonnen, und darum habe ich Euch gesagt, daß Klugheit und Macht in mir wohnen. Ihr seht selbst, daß es sich um große Dinge handelt; fahrt zum Hetman, hurtig, stellt ihm vor, er soll es mir schriftlich geben, und ich will mich um die Stände nicht kümmern. Der Hetman hat eine große Seele, der Hetman wird wissen, daß dies Macht und Klugheit ist. Sagt dem Hetman, daß ich Tuhaj-Beys Sohn bin, daß ich allein es machen kann; stellt es ihm vor, fordert seine Zustimmung, aber um Gottes willen, solange es Zeit ist, solange der Schnee in der Steppe liegt, ehe der Frühling kommt, denn mit dem Frühling kommt der Krieg. Eilt sofort hin und kehrt sofort zurück, damit ich bald wisse, was mir zu tun bleibt.«

Bogusch bemerkte kaum, daß Asya in befehlendem Tone sprach, als sei er schon Hetman, und als gebe er seinem Offizier Weisungen.

»Morgen will ich ruhen,« sagte er, »und übermorgen gehe ich fort. Gebe Gott, daß ich den Hetman in Jaworowo finde. Er ist schnell im Entschluß, und du sollst bald Antwort haben.«

»Glaubt Ihr, daß der Hetman zustimmen wird?«

»Vielleicht befiehlt er dir, zu ihm zu kommen; verlasse deshalb Raschkow nicht, von hier kommst du schneller nach Jaworowo. Ob er zustimmt? Ich weiß es nicht, aber er wird die Sache reiflich erwägen, denn du führst gewichtige Gründe an. Bei dem lebendigen Gott, das hätte ich nicht von dir erwartet; aber jetzt sehe ich, daß du kein gewöhnlicher Mensch bist, und daß dich Gott zu großen Dingen bestimmt hat. Nun, nun — Asya, Asya, Statthalter in der Lipkischen Fahne, nicht mehr, und solche Dinge im Kopfe, daß man hier erschrecken muß! Jetzt würde ich mich nicht mehr wundern, wenn ich die Reiherfeder auf deinem Kalpak und den Roßschweif über dir sehen würde; auch das glaube ich, was du sagst, daß dir diese Gedanken deine Nachtruhe aufgezehrt ... Gleich übermorgen gehe ich fort, ich will nur ein wenig ruhen, und jetzt will ich gehen, denn es ist spät und es geht mir wie ein Mühlrad im Kopfe herum. — Lebe wohl, Asya ... In den Schläfen pocht's mir, als wäre ich berauscht ... Behüte dich Gott, Asya, Sohn des Tuhaj-Bey!«

Hier drückte Bogusch die hagere Hand des Tataren und wandte sich zur Tür. Aber noch an der Schwelle blieb er stehen und sagte:

»Wie war's ... neue Heere für die Republik ... ein Schwert über dem Haupte der Kosaken ... Doroschgedemütigt ... Zwist in der Krim ... die Macht der Türken geschwächt ... keine Überflutung der reußischen Lande mehr ---- bei Gott!«

Mit diesen Worten ging er hinaus, Asya blickte ihm noch eine Weile nach, dann sprach er leise:

»Und für mich der Roßschweif, das Szepter und ... willig oder mit Gewalt — sie! — -- sonst wehe euch!«

Dann trank er den Rest seines Branntweins und warf sich auf die mit Fellen bedeckte Pritsche, die im Winkel des Zimmers stand. Das Feuer im Kamin war erloschen, aber durch die Fenster fielen die hellen Strahlen des Mondes, der hoch am klaren Winterhimmel stand. Asya lag eine Zeitlang ruhig, aber er konnte nicht einschlafen. Endlich erhob er sich, trat ans Fenster und betrachtete den Mond, der wie ein einsamer Nachen durch die unermeßliche Einsamkeit des Himmels dahinglitt.

Der junge Tatar blickte lange hinaus; endlich drückte er die Fäuste über seine Brust zusammen, hob beide Daumen in die Höhe, und aus seinem Munde, der vor kaum einer Stunde sich zu Christo bekannt hatte, kam halb singend, halb sprechend ein melancholischer Ton: Allah il Allah, Allah il Allah — Mohammed Rossulah! ...


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