Dekoration, Ende Kap. 15
Titeldekoration, Kap. 16
Die Abteilung Tscheremissen, etliche zehn Pferde stark, war eine Meile vorausgeritten, um die Wege zu besichtigen und die Kommandanten von der Durchreise der Frau Wolodyjowska zu benachrichtigen, damit überall die Quartiere bereit gehalten würden. Dieser Abteilung folgte die Hauptmacht der Lipker, dann kam der Schlitten mit Bärbchen und Evchen, ein zweiter mit dem weiblichen Gesinde, dann wieder eine kleinere Abteilung, die den ganzen Zug schloß. Der Weg war ziemlich beschwerlich, denn es hatten Schneewehungen stattgefunden. Die Fichtenwälder, die im Winter ihren stachligen Schmuck nicht verlieren, lassen den Schnee nicht so reichlich auf die Erde fallen; aber die Einöden, die sich längs des Dniestrufers hinziehen, die zumeist mit Eichen und anderen Laubhölzern besetzt sind, waren jetzt ihrer natürlichten Schutzwölbung beraubt, und die Baumstämme bis zur Hälfte von Schnee verschüttet. Auch die engeren Schluchten waren voller Schnee. Hier und da hob er sich wie Meereswogen, deren hochgegipfelte Rücken herabhingen, als wollten sie jeden Augenblick zusammenstürzen und sich vereinigen mit der großen, weißen Fläche. Wenn man durch die beschwerlichen Schluchten und über die Abhänge fuhr, hielten die Lipker den Schlitten mit Stricken zurück; nur auf den Hochebenen, auf welchen die Winde die Schneedecke geglättet hatten, fuhr man schnell und folgte den Spuren der Karawane,welche unter Führung von Nawiragh und den beiden Anardraten vorher nach Chreptiow ausgerückt waren.
Der Weg war beschwerlich, aber doch nicht so beschwerlich, wie häufig in diesen öden Landen voll Ruinen, Bächen, Strömen und Schluchten. Sie freuten sich also, noch ehe die Nacht anbrach, den Abhang hinunterzugelangen, an dessen Fuße Mohylow lag; das Wetter schien auf lange Zeit hinaus schön bleiben zu wollen. Nach einem prächtigen Morgenrot erhob sich die Sonne; sogleich erstrahlten die Schluchten, Ebenen und Wüsteneien in ihrem Glanze. Die Zweige der Bäume schienen mit glühenden Funken besprengt, Fünkchen leuchteten im Schnee, daß die Augen vom Glanze schmerzten. Von den hohen Spitzen flog der Blick über die Lande hin, wie durch Fenster der Wüste, weit, weit bis in die Moldau hinein, und verlor sich auf dem weißen und bläulichen, vom Sonnenglanz übergossenen Horizont. Die Luft war trocken, rein. Bei solcher Witterung fühlen Menschen und Tiere Kraft und Gesundheit, und so wieherten auch die Pferde mächtig in den Reihen und stießen aus den Nüstern Dampfsäulen aus; die Lipker sangen fröhliche Lieder, obwohl der Frost sie in die Füße kniff, die sie beständig unter ihre Mäntel zogen.
Die Sonne erhob sich endlich zur höchsten Höhe des Himmelsgewölbes und begann ein wenig zu wärmen. Bärbchen und Evchen war es sogar zu warm unter den Fellen im Schlitten. Sie lockerten ihren Kopfbund, entfernten die Kappen und zeigten der Welt ihre rosigen Gesichter. Sie begannen umherzuschauen; Bärbchen betrachtete die Umgegend, Evchen sah sich nach Asya um, der sich nicht in der Nähe der Schlitten befand. Er war vorn bei der Abteilung der Tscheremissen, welche den Weg untersuchte, und wenn es nötig war, den Schnee auseinanderschippte. Evchen warsogar mißmutig deswegen, aber Bärbchen, die den Heeresdienst von Grund aus kannte, sagte ihr zum Troste:
»So sind sie alle, Dienst ist Dienst; mein Michael kümmert sich auch nicht um mich, wenn die Heerespflicht ihn ruft, und es wäre schlimm, wenn es anders wäre; wenn wir einen Soldaten lieben, dann muß es ein tüchtiger sein.«
»Aber an der Raststelle wird er bei uns sein!« fragte Evchen.
»Sieh' zu, daß du ihn nicht zuviel habest; hast du bemerkt, wie heiter er war, als er abreiste?« Er glänzte förmlich.
»Ja, ich hab's gesehen, er war sehr heiter.«
»Und wie wird es erst sein, wenn er Urlaub von Herrn Nowowiejski bekommt?«
»O, was erwartet mich noch! Gottes Wille geschehe, obwohl das Herz im Busen mir erstarrt, wenn ich an meinen Vater denke. Wie, wenn er ihn anschreit, wenn er ihm den Urlaub versagt, dann wird es mir schön ergehen, wenn wir nach Hause zurückkehren!«
»Weißt du, Evchen, was ich denke?«
»Nun was?«
»Mit Asya ist nicht zu scherzen; dein Bruder könnte sich ihm mit Macht entgegenstellen, aber dein Vater hat kein Kommando. Ich denke, wenn er sich auch widersetzt, Asya nimmt dich doch.«
»Wie das?«
»Nun, er entführt dich. Man sagt, er verstehe keinen Scherz ... Blut von Tuhaj-Bey ... Ihr laßt euch bei dem ersten besten Priester unterwegs trauen ... wo anders bedarf es einer öffentlichen Ankündigung, der Geburtszeugnisse, Zustimmung; aber hier in diesen wilden Gegenden geht alles auf tatarische Art.«
Evchens Züge hellten sich auf.
»Das eine fürcht' ich: Asya ist zu allem bereit, das fürcht' ich!« sagte sie.
Bärbchen aber wandte ihren Kopf, sah sie scharf an und brach endlich in ihr anmutiges, kindliches Lachen aus.
»Das fürchtest du gerade so, wie die Maus den Speck, o, man kennt dich!«
Evchen, die schon von der kühlen Luft rotwangig war, errötete noch mehr und antwortete:
»Den väterlichen Fluch würde ich fürchten, und ich weiß, Asya achtet nichts.«
»Sei guten Mutes!« sagte Bärbchen darauf, »außer mir hast du noch den Bruder zu Hilfe. Wahre Liebe gelangt immer zum Ziele; Herr Sagloba hat mir das gesagt zu einer Zeit, als Michael noch nicht im entferntesten an mich dachte.«
Und so gerieten sie ins Schwatzen und plauderten um die Wette, die eine von Asya, die andere von ihrem Michael.
Es waren einige Stunden vergangen, als die Karawane zum ersten Male einen kurzen Halt in Jarischow machte. In dem Städtchen, das immer recht elend gewesen war, stand nach dem Bauerneinfall nur noch eine Schenke, welche wieder aufgebaut worden war zu der Zeit, wo die häufigen Heereszüge einen sicheren Gewinn hoffen ließen. Bärbchen und Evchen fanden hier einen armenischen Kaufmann, aus Mohylow gebürtig, der Saffian nach Kamieniez brachte.
Asya wollte ihn samt den Walachen und Tataren, die ihn begleiteten, auf den Hof hinauswerfen, aber die Frauen gestatteten ihm zu bleiben, und nur die Wache mußte sich zurückziehen. Als der Kaufmann erfuhr, daß die reisende Frau die Gattin Michael Wolodyjowskis war, verneigte er sich tief vor ihr und begann ihren Mann in den Himmel zuerheben, was sie mit großer Freude anhörte. Endlich ging er zu seinen Waren, und als er wiederkehrte, bot er ihr ein Gefäß mit wundervollen Früchten und eine kleine Schachtel an, gefüllt mit duftigen türkischen Heilmitteln, die gegen mannigfache Krankheiten wirksam waren.
»Dies lege ich Ihnen aus Dankbarkeit zu Füßen,« sagte er. »Vorher durften wir nicht wagen, den Kopf aus Mohylow herauszustecken, so hauste Asba-Bey und viele Räuber in allen Schluchten und jenseits in den Abhängen; jetzt ist der Weg wieder sicher und der Handel geschützt, jetzt können wir wieder umherreisen. Möge der Himmel die Tage des Kommandanten von Chreptiow vermehren und jeden Tag so lang machen, daß er hinreicht für den Weg von Mohylow nach Kamieniez, und jede Stunde so verlängern, daß sie wie ein Tag erscheint. Unser Kommandant, der Herr Feldschreiber, sitzt lieber in Warschau, und der Herr Kommandant von Chreptiow allein hatte ein wachsames Auge und fegte die Räuber hinweg, daß ihnen jetzt der Tod lieber ist, als der Dniestr.«
»So ist Herr Rschewuski nicht in Mohylow?« fragte Bärbchen.
»Er hat das Heer nur hergeführt, und ich weiß nicht, ob er auch nur drei Tage hier verweilt hat. — Bitte Euer Gnaden, hier sind trockene Weintrauben in diesem Körbchen, und an dieser Seite sind so vortreffliche Früchte, wie man sie selbst in der Türkei nicht hat. Aus dem fernen Asien kommen sie her, dort wachsen sie auf Palmen ... Der Herr Schreiber ist nicht da, und auch die Reiterei ist fort; sie ist gestern plötzlich nach Brazlaw gezogen ... Und hier sind Datteln, mögen sie Euer Gnaden beide zur Gesundheit dienen. Nur Herr Gorschenski mit dem Fußvolk ist hiergeblieben, die ganze Reiterei ist fortgezogen.«
»Es erscheint mir seltsam, daß die ganze Reiterei fort ist,« sagte Bärbchen und sah Asya mit einem fragenden Blicke an.
»Sie ist fortgezogen, damit die Pferde nicht träge werden,« antwortete der Sprößling des Tuhaj-Bey, »jetzt ist's ruhig.«
»In der Stadt sagten die Leute, Dorosch habe sich unverhofft gezeigt,« sagte der Kaufmann.
Asya lächelte.
»Und womit will er die Pferde füttern — mit Schnee?« sagte er zu Bärbchen.
»Herr Gorschenski wird es Euer Gnaden am besten erklären,« fügte der Kaufmann hinzu.
»Ich denke auch, es ist nichts,« antwortete Bärbchen nach einem Augenblick der Überlegung, »wäre irgend etwas, so hätten wir es doch zuerst gewußt.«
»Unzweifelhaft wäre die Nachricht zuerst in Chreptiow gewesen,« sagte Asya, »fürchten Ew. Liebden nichts.«
Bärbchen erhob ihr holdes Antlitz zu dem Tataren und bewegte ihre rosigen Nasenflügel.
»Ich fürchten? Das ist vortrefflich! Was kommt Euch in den Sinn? — Hörst du, Evchen, ich soll mich fürchten!«
Evchen konnte nicht antworten, denn da sie von Natur ein wenig naschhaft war und Süßigkeiten über alles liebte, hatte sie den Mund voll von Datteln, was sie übrigens durchaus nicht abhielt, Asya unverwandt anzusehen; erst nach einiger Zeit sagte sie daher:
»In Gegenwart eines solchen Offiziers fürchte auch ich mich ganz und gar nicht.«
Dann blickte sie Asya gefühlvoll und bedeutsam in die Augen; er aber hatte seit der Zeit, da sie ihm ein Hindernis geworden war, einen geheimen Widerwillen gegen sie undzürnte ihr. Er blieb unbeweglich und antwortete ihr mit gesenkten Blicken:
»In Raschkow wird es sich zeigen, ob ich dies Vertrauen verdient habe.« In seiner Stimme lag etwas beinahe Drohendes, aber beide Frauen waren schon so sehr gewohnt, alles, was der junge Tatar sprach oder tat, anders zu sehen, als bei anderen Menschen, daß es kaum ihre Aufmerksamkeit erregte. Überdies begann Asya bald auf die Weiterreise zu dringen, weil vor Mohylow Berge lagen, die wegen ihrer Abschüssigkeit schwer passierbar waren, und die man darum bei Tageslicht überwinden mußte. Unverzüglich fuhr man weiter.
Bis zu jenen Bergen ging es sehr schnell; dort wollte Bärbchen das Pferd besteigen, aber auf Zureden des jungen Beys blieb sie Evchen zur Gesellschaft im Schlitten; dieser wurde an Taue gelegt und mit äußerster Vorsicht den Abhang hinuntergelassen. Asya ging die ganze Zeit zu Fuß neben dem Schlitten, aber er sprach fast kein Wort, weder mit Bärbchen noch mit Evchen, denn er war ganz von der gefährlichen Lage und überhaupt von seinem Kommando in Anspruch genommen. Aber die Sonne ging unter, ehe sie das Gebirge zu passieren vermochten. Die Abteilung Tscheremissen, die im Vortrab ging, schürte das Feuer aus trockenen Zweigen. So kamen sie langsam vorwärts durch die glühenden Brände, und durch die wilden Gestalten, die um sie lagerten. Hinter diesen Gestalten sah man im nächtlichen Dunkel und im Halblicht der Flammen furchtbare Schluchten von unbestimmten, grauenerregenden Umrissen. Alles das war neu, anziehend: alles machte den Eindruck einer gefährlichen, geheimnisvollen Unternehmung. Darum war Bärbchen im siebenten Himmel, und ihr Herz füllte sich mit Dankbarkeit für ihren Mann, der diesen Zug in die fremdenLande gestattet hatte, und für Asya, der ihn so zu führen verstand. Jetzt erst begriff Bärbchen, was Heereszüge bedeuten, von deren Beschwerlichkeiten sie so oft von den alten Soldaten gehört hatte, und was zerklüftete, gefahrvolle Wege seien. Eine sinnlose Freude erfaßte sie; sie hätte sicherlich ihren Apfelschimmel bestiegen, wenn sie nicht lieber im Schlitten neben Evchen gesessen, um mit ihr zu plaudern und sie mit ihrer Angst zu necken. Wenn in den Engpässen, die sich in Schlangenwindungen hinzogen, die vorderen Abteilungen, ihren Blicken entzogen, sich mit wilden Stimmen gegenseitig zuriefen, das gedämpfte Echo in den Abhängen widerhallte, wandte sich Bärbchen zu Evchen, ergriff ihre Hände und sagte:
»Huhu, das sind die wilden Tiere oder die Horden!«
Aber Evchen dachte an Asya, den Sohn des Tuhaj-Bey, und das beruhigte sie auf der Stelle. »Auch die Tiere und Horden ehren und fürchten ihn,« sagte sie, und dann neigte sie sich zu Bärbchens Ohr und flüsterte:
»Und ging es nach Bialogrod, und ging es bis in die Krim — nur mit ihm!«
Der Mond war schon hoch am Himmelsgewölbe emporgestiegen, als sie aus den Bergen herauskamen. Da sahen sie fern unten im Tal, wie am Boden eines Abgrundes, eine Menge Lichtchen.
»Mohylow zu unseren Füßen!« ließ sich eine Stimme hinter Bärbchen und Evchen vernehmen. Sie schauten sich um, es war Asya, der hinter dem Schlitten stand.
»So liegt jene Stadt also auf dem Grunde des Talkessels?« fragte Bärbchen.
»So ist's, und Berge stützen sie vor kalten Winden,« sagte er, indem er seinen Kopf zwischen ihre Köpfe drängte. »Beobachten Ew. Liebden, daß auch die Luft hier eine andereist, es ist gleich wärmer und windstiller. Der Frühling kommt auch um zehn Tage früher hierher, als jenseits der Berge, und die Bäume bekommen schneller Laub. Das Graue, was man dort am Abhange sieht, sind Weinreben, sie stecken jetzt unter dem Schnee.«
Schnee lag überall, aber es war in der Tat hier wärmer und windstiller. Je mehr sie langsam ins Tal hinabkamen, desto mehr Lichter zeigten sich; eines nach dem anderen blitzte auf.
»Eine hübsche Stadt und ziemlich groß,« sagte Evchen.
»Weil die Tataren sie zur Zeit des Bauernaufstandes nicht verbrannt haben. Die Kosakenheere haben hier überwintert, und die Lechen sind fast nie hier gewesen.«
»Und wer wohnt hier?«
»Tataren wohnen hier, die ihr hölzernes Minaret haben, denn in der Republik darf jeder seinem Glauben leben. Es wohnen Walachen, Armenier und Griechen hier.«
»Griechen habe ich einmal in Kamieniez gesehen,« sagte Bärbchen, »denn wenn sie auch fern von hier wohnen, der Handel führt sie überall hin.«
»Die Stadt ist auch anders als alle übrigen gebaut,« sagte Asya, »allerlei Volk kommt hierher zum Handel. Der Flecken, den wir hier seitwärts vom Wege gesehen haben, heißt Serby.«
»Wir sind schon da!« sagte Bärbchen.Ein seltsamer Geruch von Fellen und Quas[I]-Getränk drang ihnen gleich beim Eintritt entgegen. Es war der Geruch von Saffian, mit dessen Bearbeitung sich fast alle Bewohner Mohylows beschäftigen, im besonderen aber die Armenier. Wie Asya gesagt hatte, war diese Stadt durchaus verschieden von allen anderen. Die Häuser waren auf asiatische Weise gebaut, ihre Fenster mit dichten Holzstäben verdunkelt. Bei vielen fehlten die Fenster, die zur Straße führten, gänzlich, und nur von den Höfen sah man den Feuerschein der Herde. Die Straßen waren nicht gepflastert, obgleich es an Steinen in der Umgegend nicht fehlte. Hier und da erhoben sich Gebäude von seltsamer Gestalt mit gitterartigen, durchsichtigen Mauern; das waren die Trockenplätze, auf welchen die frischen Weintrauben in Rosinen umgewandelt wurden. Der Duft des Saffians erfüllte die ganze Stadt.
Herr Gorschenski, der Führer des Fußvolks, war durch die Tscheremissen von der Ankunft der Kommandantin in Kenntnis gesetzt und ihr zum Empfang entgegengeritten. Er war nicht mehr jung, stotterte und stieß mit der Zunge an, denn sein Gesicht war von einer Janitscharenbüchse zerschossen; als er nun anfing, unter beständigem Stottern von dem Sterne zu sprechen, »welcher am Himmel von Mohylow aufgegangen sei,« konnte Bärbchen das Lachen kaum unterdrücken. Aber er nahm sie so gastfreundlich auf, als es in seiner Macht stand; in dem Blockhause erwartete sie eine Abendmahlzeit und ein außerordentlich bequemes Nachtlager von frischen und reinen Daunen, welche den reichsten Armeniern abgenommen waren. Beim Abendbrot erzählte Gorschenski, wenn auch stotternd, so interessante Geschichten, daß man gern zuhörte. Nach seiner Erzählung wehte plötzlich unerwartet ein unruhiger Wind von der Steppe her. Es kamen Gerüchte, daß eine mächtige Schar von der Krimschen Horde, welche bei Dorosch stand, sich mit einigen tausend Kosaken unvermutet auf Hayssyn zu und noch höherhinauf in Bewegung gesetzt habe. Außerdem kamen allerhand andere beunruhigende Nachrichten; man wußte nicht recht woher, Herr Gorschenski aber schenkte allen keinen rechten Glauben.
»Wir haben Winter,« sagte er, »und seit der liebe Herrgott diesen Erdball gegründet, sind die Tataren immer nur im Frühling aufgebrochen; sie haben keine Wagenburgen und gehen immer die große Heerstraße, darum nehmen sie nie Futter für ihre Pferde mit und können es auch nicht. Wir wissen das alle schon, daß der Krieg mit der türkischen Macht nur vom Winter im Banne gehalten wird, und daß wir mit dem ersten Grase Gäste haben werden; aber daß jetzt etwas vorgehen sollte, das glaube ich nimmermehr.«
Bärbchen wartete geduldig und lange, bis Gorschenski mühsam seine Sache hervorgestottert hatte, denn er hielt immer wieder inne und bewegte den Mund, als ob er mit Essen beschäftigt sei.
»Was also haltet Ihr von jenem Vorrücken gegen Hayssyn?«
»Ich meine, daß dort, wo die Tataren gestanden haben, die Pferde alles Gras unter dem Schnee ausgegraben haben, und nun wollen sie an einem anderen Orte ihr Lager aufschlagen. Es kann auch sein, daß die Horde in der Nähe von Doroschs Leuten steht und mit ihnen in Streit geraten ist; das war immer so; sie gelten zwar als Bundesgenossen und ziehen gemeinsam in den Krieg, aber wenn sie in zu naher Nachbarschaft sind, so liegen sie sich auf den Weiden oder im Bazar in den Haaren.«
»Gewiß, so ist es,« sagte Asya.
»Und noch eins,« fuhr Gorschenski fort, »diese Nachrichten kamen nicht direkt von den Grenzlern; die Bauern brachten sie her, die Tataren hier am Ort begannen ohneGrund davon zu schwatzen. Erst vor drei Tagen hat Herr Jakubowitsch aus der Steppe Nachrichten hergebracht, welche die Gerüchte bestätigen, und darum ist die ganze Reiterei ausgerückt.«
»So seid Ihr nur mit dem Fußvolk hier zurückgeblieben?« fragte Asya.
»Gott sei es geklagt, vierzig Mann! Kaum daß jemand da ist, das Blockhaus zu schützen; und wenn sich nun die Tataren regten, die hier in Mohylow wohnen, ich weiß nicht, wie ich mit ihnen fertig würde!«
»Aber die werden doch stille sitzen?« fragte Bärbchen.
»Sie werden stille sitzen, denn sie haben keinen Grund zum Gegenteil. Viele von ihnen sind in der Republik dauernd ansässig mit Weib und Kind, und die stehen auf unserer Seite. Und was von Fremden hier ist, ist um des Handels willen hier und scheut den Krieg. Gutes Volk!«
»Ich lasse Euch fünfzig Pferde von meinen Lipkern hier,« sagte Asya.
»Gott lohn's Euch, Ihr tut uns einen großen Dienst damit, so werde ich jemanden unserer Reiterei nachschicken können, um Nachrichten einzuholen. Aber könnt Ihr sie auch hier lassen?«
»Gewiß! Nach Raschkow kommen die Mannschaften der Hauptleute, die vor Zeiten zum Sultan übergegangen sind und jetzt in den Gehorsam der Republik zurückkehren wollen. Über alle habe ich im Auftrag des Hetmans das Kommando zu übernehmen, und zum Frühling kommt die ganze Division zusammen.«
Gorschenski verneigte sich vor Asya. Er kannte ihn schon lange, aber er schätzte ihn geringer als einen Mann von unbestimmter Herkunft. Jetzt aber wußte er schon, daß er ein Sprößling des Tuhaj-Bey sei, denn die Nachricht davonhatte die erste Karawane gebracht, die, mit welcher Nawiragh zog. Darum achtete Gorschenski jetzt in dem jungen Tataren das Blut des großen, wenn auch feindlichen Kriegers, und außerdem verehrte er in ihm den Offizier, dem der Hetman so hervorragende Befugnisse übertragen hatte.
Asya aber ging hinaus, um Befehle zu erteilen; er rief den Hauptmann David und sagte ihm:
»David, Sohn des Skander, du bleibst mit fünfzig Pferden in Mohylow und wirst mit den Augen sehen und mit den Ohren hören, was um dich vorgeht; wenn der kleine Falke mir Briefe aus Chreptiow nachsenden sollte, so hältst du den Boten an, nimmst ihm die Briefe ab und schickst sie mir durch deinen eigenen Boten. Du bleibst aber so lange hier, bis ich den Befehl schicke, daß du zurückkehrst. Dann, wenn dir der Bote sagt, es ist Nacht, so ziehst du geräuschlos ab, und wenn er dir sagt, der Tag ist nahe, so zündest du die Stadt an, setzest selbst an das Moldauische Ufer hinüber und gehst, wohin man dich schicken wird ...«
»Wie du sagst, mein Herr und Gebieter,« erwiderte David, »ich werde mit den Augen sehen und mit den Ohren hören; die Boten von dem kleinen Falken werde ich anhalten, werde ihnen die Briefe abnehmen und sie dir durch einen von den unsrigen schicken. Ich werde hierbleiben, bis ich den Befehl empfange, und dann, wenn mir dein Bote sagt: es ist Nacht, werde ich geräuschlos davongehen, sagt er aber: der Tag ist nahe, so werde ich die Stadt anzünden, nach dem Moldauischen Ufer übersetzen und hingehen, wohin man mir befehlen wird.«
Am anderen Tage um die Morgendämmerung setzte die Karawane, um fünfzig Pferde vermindert, ihren Weg fort. Gorschenski begleitete Bärbchen bis über den Engpaß von Mohylow hinaus. Dort stotterte er eine Abschiedsrede undkehrte dann zurück; sie aber reisten sehr eilig nach Jampol. Asya war überaus fröhlich und trieb die Leute so an, daß selbst Bärbchen sich wunderte.
»Warum habt Ihr es so eilig?« fragte sie.
Er aber erwiderte: »Ein jeder eilt seiner Glückseligkeit entgegen, und die meinige soll in Raschkow beginnen.«
Evchen, die diese Worte auf sich bezog, lachte gerührt, sie nahm all' ihren Mut zusammen und antwortete:
»Aber mein Vater ...«
»Herr Nowowiejski wird mir in nichts im Wege stehen,« antwortete Asya.
Und ein düsterer Blitz huschte über sein Angesicht.
In Jampol traf man fast gar keine Soldaten an, Fußvolk war nie dort gewesen, und die ganze Reiterei war ausgezogen, kaum, daß etliche zehn Mann im Schlosse oder besser in seinen Ruinen lagen ... das Nachtlager war vorbereitet, aber Bärbchen schlief schlecht, weil sie die Gerüchte beunruhigten. Besonders quälte sie der Gedanke, welche Unruhe den kleinen Ritter erfassen würde, wenn sich bestätigen sollte, daß Doroschenkos Schar wirklich aufgebrochen sei; sie tröstete sich nur damit, daß es vielleicht nicht wahr sei. Es kam ihr auch der Gedanke, ob es nicht besser sei, zur Sicherheit einen Teil der Soldaten Asyas mitzunehmen und zurückzukehren, — aber es gab mannigfache Hindernisse; erstens hätte Asya, der die Besatzung von Raschkow verstärken sollte, ihnen nur eine sehr geringe Leibwache geben können — im Falle einer wirklichen Gefahr hätte diese Wache sich als ungenügend erwiesen —; zweitens waren zwei Drittel des Weges schon zurückgelegt. In Raschkow befand sich ein unbekannter Offizier und eine starke Besatzung, welche durch die Verstärkung, die ihr jetzt wurde, zu einer stattlichen Macht anwachsen konnte. Da Bärbchen alles dies erwog, beschloßsie, weiter zu reisen. Aber sie fand keinen Schlaf. Das erste Mal auf diesem ganzen Wege hatte sie eine Unruhe erfaßt, als hinge eine unbekannte Gefahr über ihrem Haupte; vielleicht trug auch das Nachtlager in Jampol zu dieser Unruhe bei, denn Jampol war ein entsetzlicher, blutiger Ort. Bärbchen kannte ihn aus den Erzählungen ihres Gatten und des Herrn Sagloba. Hier hatte zurzeit des blutigen Chmielnizki die Hauptmacht der podolischen Aufständischen unter Burlaj gestanden, hier wurden die Gefangenen hergeführt und nach den orientalischen Märkten verkauft oder auf gräßliche Weise hingemordet; hier endlich war es, wo im Frühjahr 1651 während eines reichbesuchten Jahrmarktes Herr Stanislaus von Landskron, der Wojewode von Brazlaw, einen Überfall gemacht und ein blutiges Gemetzel veranstaltet hatte, das noch in frischer Erinnerung im ganzen Dniestrlande fortlebte.
Überall also, über dem ganzen Flecken schwebten blutige Erinnerungen; hier und da lagen noch die Trümmerhaufen, und aus den halb eingestürzten Mauern des Schlosses schienen die fahlen Gesichter der hingemordeten Kosaken und Polen hervorzublicken. Bärbchen hatte Mut, aber sie fürchtete die Geister, und das Volk sagte, daß man in Jampol selber, bei der Mündung der Schumilowka und an dem nahen »Porogen«[J]des Dniestr allnächtlich ein großes Weinen und Stöhnen vernehme, daß sich das Wasser bei Mondlicht rot färbe, als sei es vom Blut getränkt. Dieser Gedanke erfüllte Bärbchens Herz mit großer Furcht. Unwillkürlich horchte sie, ob nicht durch die Stille der Nacht, mitten durch das Schäumen der Dniestrschnellen Weinen und Stöhnen vernehmbar sei. Nichts war zu hören, als das gedehnteHa — a — lt! der Soldaten. Und so trat vor Bärbchens Geist das stille Gastzimmer in Chreptiow, ihr Gatte, Sagloba, die Gesichter der Freunde — und zum erstenmal empfand sie, daß sie fern von ihnen sei, sehr fern, in fremden Landen, — und es erfaßte sie eine solche Sehnsucht nach Chreptiow, daß sie weinen wollte. Erst gegen Morgen schlief sie ein, aber sie hatte seltsame Träume. Burlaj, die Aufständischen, die Tataren, blutige Bilder zogen an ihrem geistigen Auge vorüber, und mitten in diesen Bildern sah sie beständig das Gesicht Asyas; aber es war nicht derselbe Asya, er erschien als wilder Tatar, als Tuhaj-Bey selber.
Am Morgen stand sie auf, froh, daß die Nacht und ihre gräßlichen Gesichte vorübergegangen waren. Den Rest des Weges beschloß sie auf ihrem Apfelschimmel zurückzulegen, erstens um Bewegung zu haben, zweitens um Asya und Evchen Gelegenheit zu bequemerer Unterhaltung zu geben, denn die beiden hatten gewiß, da Raschkow so nahe lag, das Bedürfnis, sich zu beraten, auf welche Weise man dem alten Nowowiejski alles mitteile, und seine Erlaubnis erlange. Asya hielt ihr mit eigener Hand den Steigbügel; er setzte sich aber nicht zu Evchen in den Schlitten, sondern ritt gleich an die Spitze der Abteilung und hielt sich dann in Bärbchens Nähe.
Sie aber bemerkte bald, daß sie in geringerer Anzahl seien, als da sie nach Jampol gekommen waren. Sie wandte sich an den jungen Tataren und sagte:
»Ich sehe, daß Ihr auch in Jampol einen Teil Eurer Leute gelassen habt.«
»Fünfzig Pferde, gerade so wie in Mohylow,« antwortete Asya.
»Und wozu das?«
Er lächelte seltsam, seine Lippen hoben sich wie beieinem bösartigen Hunde, der die Zähne zeigt — und erst nach einer kurzen Pause antwortete er:
»Weil ich diese Kommandos in meiner Hand haben und den Rückweg Ew. Liebden decken will.«
»Wenn die Truppen aus den Steppen zurückkommen, so wird ohnehin dort eine große Macht sein?«
»Die Truppen kommen nicht sobald zurück.«
»Woher wißt Ihr das?«
»Weil sie sich erst vergewissern müssen, was bei Dorosch los ist, und das wird ihnen drei oder vier Wochen Zeit nehmen.«
»Wenn dem so ist, so habt Ihr recht gehandelt, daß Ihr die Leute zurückließet.«
Sie ritten eine Zeitlang schweigend nebeneinander. Asya blickte immer wieder in Bärbchens rosiges Gesichtchen, das durch den aufgeschlagenen Kragen des Waffenröckleins und den Kalpak halb verdeckt war, und bei jedem Blick kniff er die Augen zusammen, als wollte er sich ihr anmutiges Bild besser ins Gedächtnis prägen.
»Ihr solltet mit Evchen sprechen,« sagte sie, von neuem die Unterhaltung aufnehmend. »Ihr sprecht überhaupt zu wenig mit ihr, so daß sie sich schon wundert. Bald werdet Ihr vor Herrn Nowowiejskis Antlitz stehen ... mich selbst erfaßt Unruhe ... Ihr müßtet beraten, was Ihr zu tun habt.«
»Ich möchte erst mit Ew. Liebden sprechen,« antwortete Asya in seltsamem Tone.
»Warum beginnt Ihr nicht?«
»Ich warte auf den Boten aus Raschkow; ich habe geglaubt, ihn schon in Jampol zu finden, jeden Augenblick erwarte ich ihn.«
»Und was hat der Bote mit unserer Unterredung zu tun?«
»Ich glaube, dort kommt er gerade,« antwortete der junge Tatar ausweichend.
Er sprengte voraus, kam aber nach einer Weile wieder zurück. »Nein, das ist er nicht,« sagte er.
In seiner ganzen Gestalt, in seiner Rede, in seinem Blick, in seiner Stimme lag etwas Unruhiges und Fieberhaftes, und diese Unruhe teilte sich auch Bärbchen mit. Aber noch war nicht der geringste Verdacht in ihr aufgestiegen. Asyas Unruhe ließ sich sehr wohl durch die Nähe von Raschkow und dem gefürchteten Vater Evchens erklären, und doch ward Bärbchen so schwer zumute, als handle es sich um ihr eigenes Schicksal.
Sie näherte sich dem Schlitten und ritt einige Stunden in Evchens Nachbarschaft, plauderte mit ihr über Raschkow, über den alten und jungen Herrn Nowowiejski, über Sophie Boska und endlich über die Gegend, die immer wilder, immer furchtbarer, immer wüster wurde. Schon unmittelbar hinter Chreptiow hatte die Wüste begonnen. Aber es erhob sich wenigstens von Zeit zu Zeit am Horizont eine Rauchsäule, die eine Hütte ankündigte, einen menschlichen Wohnsitz. Hier gab es gar keine Spur von Menschen; und wenn Bärbchen nicht gewußt hätte, daß sie nach Raschkow reite, wo Menschen wohnen, und eine polnische Besatzung lag, sie hätte glauben können, man führe sie irgendwo in unbekannte Wüsteneien, in fremde Länder, ans Ende der Welt. Sie sah sich in der Gegend um, hielt unwillkürlich an und blieb bald hinter dem Schlitten und der ganzen Abteilung zurück. Asya kam nach einer kurzen Weile zu ihr, und da er die Gegend gut kannte, zeigte er ihr die verschiedenen Orte und nannte sie mit Namen. Aber das dauerte nicht lange, denn der Boden begann zudampfen. Der Winter hatte offenbar in diesen südlichen Strichen nicht die Kraft, die er im waldigen Chreptiow hatte. Es lag zwar noch ein wenig Schnee in den Schluchten und Klüften, an den Felsgraten, und auch an den nach Norden gerichteten Abflachungen der Höhen, aber im allgemeinen war der Boden nicht von Schnee bedeckt; er war mit niedrigem Gestrüpp besetzt oder glänzte von feuchtem, welkem Gras. Von diesen Gräsern stieg ein leichter, weißlicher Dunst auf und zog sich den Boden entlang, so daß es das Aussehen großer Wasserflächen hatte, welche die Täler erfüllten und weithin über die Ebene ergossen waren; dann hob sich dieser Dunst und stieg immer höher, den Glanz der Sonne verdeckend und den lichten Tag in düsteren Nebel verwandelnd.
»Morgen wird es Regen geben,« sagte Asya.
»Wenn es nur heute nicht regnet. — Wie weit ist es noch bis Raschkow?«
Asya blickte nach dem nächsten, durch den Nebel kaum erkennbaren Punkt, und antwortete:
»Von hier ist es schon näher nach Raschkow als zurück nach Jampol,« und er atmete tief auf, als sei eine große Last von seiner Schulter gefallen.
In diesem Augenblick erklang Pferdegetrappel von der Abteilung her, und ein Reiter tauchte im Nebel auf. »Halim? ich erkenne ihn!« rief Asya.
Halim hatte Asya und Bärbchen erreicht, sprang vom Pferde und verneigte sich vor dem jungen Tataren.
»Aus Raschkow?« fragte Asya.
»Aus Raschkow, mein Herr und Gebieter,« antwortete Halim.
»Was gibt es dort?«
Der Alte erhob sein häßliches, von unsäglichen Mühen abgemagertes Gesicht zu Bärbchen, als wollte er fragen,ob er in ihrer Gegenwart sprechen dürfe; aber Asya sagte sogleich:
»Sprich ohne Scheu, sind die Truppen abgezogen?«
»So ist es, Herr, nur ein Häuflein ist zurückgeblieben.«
»Wer hat sie geführt?«
»Herr Nowowiejski.«
»Die Piotrowitsch sind nach der Krim gezogen?«
»Schon lange; nur die zwei Frauen und der alte Herr Nowowiejski sind bei ihnen.«
»Wo ist Krytschynski?«
»Jenseits des Flusses; er wartet.«
»Wer ist mit ihm?«
»Adurowitsch mit seinem Häscher. Beide verneigen sich vor dir, Sohn Tuhaj-Beys, und empfehlen sich in deine Hand — sie und alle jene, die noch nicht angelangt sind.«
»Gut,« sagte Asya und es blitzte auf in seinen Augen, »fliege zu Krytschynski und befiehl ihm, Raschkow zu nehmen.«
»Dein Wille geschehe, Herr!«
Halim sprang auf sein Pferd und verschwand wie ein Gespenst im Nebel. Ein entsetzlicher, unheilverkündender Glanz lag auf Asyas Gesicht; der entscheidende Augenblick, der Augenblick der Erwartung, der Augenblick seines höchsten Glückes — er war gekommen. Das Herz schlug ihm so, daß ihm der Atem stockte ... Eine Zeitlang ritt er schweigend neben Bärbchen her, und erst, als er fühlte, daß die Stimme ihm nicht versagen werde, wandte er ihr seine tiefen, glänzenden Augen zu und sagte:
»Jetzt will ich offen mit Ew. Liebden sprechen ...«
»Ich höre,« gab Bärbchen zurück und sah ihn forschend an, als wollte sie in seinen veränderten Zügen lesen.
Asya brachte sein Pferd so nahe an Bärbchens Apfelschimmelheran, daß er beinahe mit seinem Steigbügel den ihrigen berührte, und ritt so noch eine Weile schweigend neben ihr. Er wollte sich ganz beruhigen und wunderte sich, daß er die Ruhe so schwer finden konnte, da doch Bärbchen in seiner Gewalt war, und es keine menschliche Kraft gab, welche sie ihm zu entreißen vermocht hätte. Aber es war ihm selbst kaum bewußt, daß trotz aller Unwahrscheinlichkeit und trotzdem die Wirklichkeit das Gegenteil zu sagen schien, ein Fünkchen Hoffnung in ihm glühte, das begehrte Weib könne ihm Gegenliebe schenken. War diese Hoffnung auch schwach, so war doch der Wunsch, daß es so sei, so mächtig, daß es ihn wie ein Fieber schüttelte. Die Begehrte wird ihre Hand nicht öffnen, sie wird ihm nicht in die Arme stürzen, sie wird die Worte nicht sprechen, die er ganze Nächte hindurch träumte: »Asya, ich bin dein!«, sie wird nicht an seinem Munde mit ihren Lippen hängen — das wußte er. Aber wie wird sie seine Worte aufnehmen? Was wird sie sagen? Wird sie alles Gefühl verlieren, wie die Taube in den Klauen des Raubvogels? Und wird sie sich so fassen lassen, wie das verlassene Täubchen dem Habicht sich hingibt? Wird sie in Tränen um Mitleid betteln, wird sie mit einem Schrei des Entsetzens die Wüste erfüllen? Wird von alledem mehr oder weniger geschehen? ... Solche Fragen tobten in der Seele des Tataren. Und doch war die Zeit gekommen, da die Verstellung, der Schein aufhören mußte, da er das wahre, entsetzliche Gesicht zeigen mußte ... Das war die Furcht, das die Unruhe ... noch einen Augenblick — und alles war geschehen.
Endlich aber wandelte sich diese dumpfe Angst in der Seele des Tataren zu dem, wozu sich meist die Angst eines wilden Tieres wandelt, zu Wut ... Und er selbst schürte diese Wut. Was auch geschehen mag, dachte er, sie ist mein,ganz mein, mein wird sie heute noch sein, und mein ist sie morgen, und dann kehrt sie nicht mehr heim zu ihrem Gatten, sondern bleibt bei mir.
Bei diesem Gedanken erfaßte ihn eine wilde, rasende Freude, und er sprach plötzlich mit einer Stimme, die ihm selbst fremdartig klang:
»Ew. Liebden haben mich bis heute nicht gekannt.«
»In diesem Nebel klingt Eure Stimme so verändert,« sagte Bärbchen etwas beklommen, »daß ich wirklich glaube, es spreche ein anderer.«
»In Mohylow liegen keine Truppen, in Jampol keine, in Raschkow keine — ich allein bin hier Herr. Krytschynski, Adurowitsch und jene anderen sind meine Sklaven, denn ich bin ihres Herrschers Sohn — ich ihr Vezier, ich der höchste Mirza, ich bin ihr Führer, wie Tuhaj-Bey ihr Führer war, ich bin ihr Khan, ich allein habe die Macht, und alles hier ist in meiner Macht.«
»Wozu sagt Ihr mir das?«
»Ew. Liebden haben mich bis heute nicht gekannt. Raschkow ist nicht fern, ich wollte Tatarenhetman werden und der Republik dienen, aber Herr Sobieski wollte das nicht. Ich mag nicht länger ein Sohn der Wüste sein, unter eines anderen Kommando dienen, ich will selbst große Scharen führen gegen Dorosch oder gegen die Republik, wie Ew. Liebden wollen, wie Ew. Liebden befehlen.«
»Wie ich befehle? Asya, was geht mit Euch vor?«
»Das geht mit mir vor, daß alle hier meine Sklaven sind, und ich der Eure. Was gilt mir der Hetman, was seine Erlaubnis, sein Widerspruch! Sprecht ein Wort, und ich lege Ew. Liebden Akerman[K]zu Füßen, und die Debrudscha,und diese Horden, die hier wohnen, und die, die in den wilden Feldern umherschweifen, und die, die weit und breit hier ihre Winterlager haben, werden Eure Sklaven sein, wie ich Euer Sklave bin! Befehlt, und ich kündige dem Khan der Krim den Gehorsam, und ich kündige dem Sultan den Gehorsam, und ich will sie mit dem Schwerte bekämpfen und der Republik Hilfe bringen, und eine neue Horde in dieser Gegend begründen, über die ich Khan bin, und über mir dürft Ihr allein sein, Euch allein werde ich dienen, um Eure Gnade, Euer Erbarmen bitten.« Und er neigte sich auf seiner Satteldecke vor, faßte das erschreckte und von seinen Worten betäubte Weib um die Hüfte und sprach schnell mit heiserer Stimme weiter:
»Hast du es nicht gewußt, daß ich dich allein liebe, und wie ich gelitten habe ... Und ich nehme dich auch so, du bist schon die meine, und bleibst die meine; niemand wird dich hier meinen Armen entreißen ... du bist mein ... du bist mein ... du bist mein!«
»Jesus Maria!« schrie Bärbchen auf.
Aber er preßte sie in seinen Armen, als wollte er sie erwürgen. Kurzer Atem hob seine Brust, seine Augen wurden trübe; endlich zog er sie aus dem Steigbügel, aus der Satteldecke und setzte sie vor sich, drückte ihre Brust an die seine, und seine bläulichen Lippen öffneten sich begehrlich wie der Mund eines Fisches, und begannen die ihrigen zu suchen. Sie stieß keinen Schrei aus, aber sie leistete mit unerwarteter Kraft Widerstand. Es begann ein Kampf zwischen ihnen, in dem man nur ihren gedämpften Atem hörte. Seine gewaltsamen Bewegungen, und die Nähe seines Gesichts gaben ihr die Geistesgegenwart wieder. Ein Augenblick des Hellsehens kam über sie, wie es bei Ertrinkenden zu kommen pflegt; mit einem Schlage ward ihr alles inhellster Klarheit bewußt, daß sich die Erde unter ihren Füßen aufgetan und eine bodenlose Kluft sich geöffnet hatte, in die er sie gewaltsam hineinzog. Sie sah seine Liebe, seinen Verrat, ihr entsetzliches Schicksal, ihre Schwäche, ihre Ratlosigkeit. Sie empfand Angst, furchtbaren Schmerz und Leid — und gleichzeitig loderte in ihr die Flamme einer maßlosen Entrüstung der Wut und der Rache empor. So groß war die Tapferkeit in der Seele dieses ritterlichen Kindes, dieser erwählten Gattin des mutigsten Ritters der Republik, daß sie selbst in diesem entsetzlichen Augenblick zuerst dachte: Räche dich! und dann erst: Rette dich. Alle Kräfte ihres Geistes spannte sie an, und sie sah alles mit wunderbarer Klarheit. Während des Ringkampfes begannen ihre Hände an seinem Körper eine Waffe zu suchen und trafen endlich auf den Hornknopf eines orientalischen Pistols. Aber gleichzeitig hatte sie die Geistesgegenwart, daran zu denken, daß selbst, wenn das Pistol geladen sei, wenn es ihr gelänge, den Stein anzuschlagen, er doch, ehe sie die Hand zurückziehen, ehe sie den Lauf auf sein Haupt richten konnte, unzweifelhaft ihre Hand erfassen würde und ihr so das letzte Mittel der Rettung nehmen könnte; und sie beschloß, anders vorzugehen.
Alles das währte nur einen Augenblick. Er hatte in der Tat einen Streich vorausgesehen und streckte ihr mit blitzartiger Schnelligkeit die Hand entgegen. Aber er vermochte nicht ihre Bewegung zu berechnen, und so glitten ihre Hände aneinander vorüber, und Bärbchen schlug ihn mit der ganzen verzweifelten Kraft ihrer jungen, kräftigen Faust mit dem Schaft seines Pistols zwischen die Augen.
Der Schlag traf so fürchterlich, daß Asya nicht einmal zu schreien vermochte, und rücklings hinfiel, sie selbst im Falle mit sich ziehend.
Bärbchen erhob sich im nächsten Augenblick, sprang auf ihren Apfelschimmel und jagte wie ein Sturmwind dahin nach der dem Dniestr entgegengesetzten Seite in die ferne Steppe.
Ein nebeliger Vorhang senkte sich hinter ihr nieder, der Apfelschimmel ließ die Ohren hängen und rannte blindlings dahin durch die Felsen und Schluchten, durch die Klüfte und Abhänge. Jeden Augenblick konnte er in eine Spalte versinken, jeden Augenblick konnte er und seine Reiterin an den Felsspalten zerschellen, aber Bärbchen achtete nichts, die furchtbarsten Gefahren waren für sie die Lipker und Asya ... Seltsam, jetzt, da sie sich befreit hatte aus der Hand des Raubtieres, und da jener wahrscheinlich tot lag inmitten der Felsen, herrschte über alle ihre Empfindungen die Angst. Jetzt, da sie mit dem Gesicht auf der Mähne des Tieres lag, und durch den Nebel dahinschoß wie ein von Wölfen verfolgtes Reh, begann sie Asya mehr zu fürchten, als in jenem Augenblick, da sie in seinen Armen lag, und sie empfand Angst, Kraftlosigkeit und das, was ein schwächliches Kind empfindet, das verirrt ist auf Gottes weiter Welt, einsam und verlassen. Weinende Stimmen erhoben sich in ihrem Herzen und begannen zu stöhnen, furchtsam klagend, hilferufend: »Michael, hilf — Michael, hilf!«
Der Apfelschimmel flog dahin. Von einem wunderbaren Instinkt geleitet, sprang er über die Klüfte, vermied mit gelenkiger Bewegung die hervorragenden Felskanten, bis endlich der steinerne Boden unter seinen Hufen zu klingen aufhörte. Er war offenbar zu einer der offenen »Lugen« gelangt, die sich hier und da durch die Felsen hinzogen. Schweiß bedeckte ihn, die Nüstern blähten sich auf, aber trotzdem lief er weiter.
Wohin fliehen? — dachte Bärbchen.
Und in diesem Augenblick sagte sie sich: »Nach Chreptiow!«
Aber von neuem schnürte die Angst ihr Herz ein bei dem Gedanken an diesen weiten, durch entsetzliche Wüsteneien führenden Weg. Bald erinnerte sie sich auch, daß Asya in Mohylow und Jampol Abteilungen der Lipker gelassen hatte. Unzweifelhaft waren sie alle verschworen, alle dienten sie Asya und würden sie sicherlich gefangen und nach Raschkow bringen. Darum mußte sie tief in die Steppe hinein, dann erst sich nach Norden wenden und die Flecken am Dniestr umgehen. Sie mußte um so mehr diesen Weg wählen, als die Verfolger unbedingt den Weg am Ufer entlang einschlagen würden, während sie in der weiten Steppe vielleicht auf ein polnisches Kommando stoßen konnte, das in das Blockhaus zurückkehrte.
Allmählich wurde der Lauf des Schimmels langsamer. Bärbchen, als erfahrene Reiterin, begriff sogleich, daß man ihm Zeit zur Rast gewähren müsse, daß er sonst zusammenbrechen würde; auch sie fühlte, daß sie verloren wäre, wenn sie in dieser Wüste ohne Pferd bliebe.
Sie hielt seinen Lauf an und ritt eine Zeitlang im Schritt. Der Nebel löste sich, aber das arme Tier stand ganz in heißem Dampf. Bärbchen begann zu beten.
Plötzlich ließ sich durch die Nebel auf einige hundert Schritt von ihr entfernt das Wiehern eines Pferdes vernehmen. Da starrte das Haar auf ihrem Haupte.
»Meines bricht zusammen, aber auch jene brechen zusammen,« sagte sie laut.
Und wieder trieb sie das Pferd zur Eile. Eine Zeitlang schoß der Schimmel dahin, wie eine Taube, die der Blaufuß verfolgt, und wieder lief er lange, fast bis zur Erschöpfung seiner Kräfte; aber das ferne Wiehern tönteimmer noch hinter ihm. Es lag in diesem Wiehern, das durch den Nebel drang, etwas unendlich Sehnsüchtiges und Drohendes. Nach dem Augenblick der ersten Angst kam Bärbchen der Gedanke: wenn auf diesem verfolgenden Pferde irgend jemand säße, so würde das Pferd nicht wiehern, denn der Reiter wurde sein Wiehern dämpfen, um sich nicht zu verraten.
»Nicht anders,« dachte Bärbchen, »das ist Asyas Pferd.«
Sie nahm beide Terzerole aus den Holftern; aber es war eine überflüssige Vorsicht; bald sah sie es deutlich durch den dünnen Nebel schimmern: Asyas Pferd kam mit wallender Mähne und fliegenden Nüstern herbeigestürzt. Da es den Apfelschimmel erblickte, näherte es sich hüpfend, kurz und abgerissen wiehernd, und der Apfelschimmel antwortete sogleich.
»He, — he!« rief Bärbchen.
Das Tier, gewohnt der Menschenhand zu folgen, näherte sich und ließ sich beim Zügel fassen. Bärbchen erhob ihre Augen gen Himmel und sagte: »Gottes Schutz!«
Wirklich war das Einfangen von Asyas Roß für sie ein außerordentlich günstiger Glücksfall. Sie hatte nun die beiden besten Pferde der ganzen Abteilung, sie konnte ferner die Pferde wechseln, und endlich gab ihr die Anwesenheit von Asyas Pferd die Gewißheit, daß die Verfolger nicht sobald aufbrechen würden. Wäre das Pferd der ganzen Abteilung gefolgt, so würden unzweifelhaft die Tataren, beunruhigt durch seinen Anblick, sofort zurückgekehrt sein, um ihren Führer zu suchen; jetzt konnte man voraussehen, daß es ihnen gar nicht in den Sinn kommen werde, daß Asya etwas zugestoßen sei, und daß sie erst auf Nachforschungenausgehen würden, wenn seine allzulange Abwesenheit sie beunruhigte.
»Dann werde ich schon weit von hier sein,« setzte Bärbchen in Gedanken hinzu.
Hier erinnerte sie sich zum zweitenmal, daß Asyas Abteilungen in Jampol und Mohylow stehen.
»Ich muß die weite Steppe herum und fern vom Flusse bleiben, bis ich mich in der Gegend von Chreptiow befinden werde. Schlau hat dieser entsetzliche Mensch mich umstellt, aber Gott wird mich retten.« Sie faßte Mut und begann die Vorbereitungen zur Weiterreise. An Asyas Sattelholz fand sie eine Muskete, ein Pulverhorn, ein Beutelchen mit Kugeln und ein Beutelchen mit Hanfsamen, den der Tatar beständig zu kauen pflegte. Bärbchen schnallte die Steigbügel kürzer, für sie passend, und gedachte, sich den ganzen Weg über wie ein Vogel von diesem Samen, den sie sorgfältig aufbewahrte, zu ernähren. Sie beschloß, Menschen und Hütten zu umgehen, denn in diesen Wüsten kann man von jedem Menschen eher Böses als Gutes erwarten. Ihr Herz bedrückte die Sorge, womit sie die Pferde füttern werde; wollte sie auch selbst das Gras unter dem Schnee aufscharren, und die Moose in den Felsritzen hervorkratzen — aber wenn sie nun von bösem Kraut und von dem lästigen Wege zusammenbrächen? Schonen konnte sie die Pferde doch nicht. Eine zweite Furcht war die, ob sie sich in der Wüste nicht verirren werde. Es war leicht, den Weg zu finden, wenn man am Ufer entlang ritt, aber diesen Weg durfte sie nicht wählen. Wenn sie in die dämmrige, ungeheure, wegelose Wüste hinausritt, wie wollte sie erkennen, ob sie nach Norden oder nach einer anderen Richtung reiten sollte, wenn die nebeligen, sonnenlosen Tage kamen, und die sternenlosen Nächte? Daß die Wüste von reißenden Tieren erfüllt war,machte ihr weniger Sorge, denn sie hatte Mut im kühnen Herzen und — eine Waffe. Die Wölfe, die in Scharen zogen, konnten zwar gefährlich werden, aber im allgemeinen fürchtete sie die Menschen mehr als die Tiere, und am meisten das Verirren.
»Ha, Gott wird mir den Weg zeigen, und wird mir gewähren, zu Michael zurückzukehren,« sagte sie laut.
Sie bekreuzigte sich und wischte mit dem Ärmel die Feuchtigkeit von ihrem Gesicht, die ihre blassen Wangen frieren machte, schaute mit ihren scharfen Augen in der Gegend umher und gab dem Pferde die Sporen.