17. Kapitel.

Dekoration, Ende Kap. 16

Titeldekoration, Kap. 17

Den Sprößling des Tuhaj-Bey zu suchen, fiel niemandem ein. Er aber setzte sich auf, schaute sich in der Gegend um und suchte zu begreifen, was mit ihm vorgehe. Er sah nur wie durch einen Nebel und erkannte, daß er nur mit einem Auge sehe, und auch mit diesem nur unklar; das andere war herausgeschlagen oder mit Blut angefüllt. Asya erhob die Hände zu seinem Gesicht, seine Finger trafen auf Blutstückchen, die geronnen in seinem Barte hingen. Auch der Mund war mit Blut angefüllt, das ihn zu ersticken drohte, so daß er aufhusten und ausspeien mußte. Ein entsetzlicher Schmerz durchzuckte sein Gesicht bei diesem Speien, er hob die Finger zum Gesicht empor, aber bald zog er sie mit schmerzlichem Stöhnen zurück. Bärbchens Schlag hatte ihm den oberen Teil der Nase zertrümmert und den Backenknochen verwundet.

Eine Weile saß er unbeweglich da; dann begann er mit dem Auge, in dem noch ein Lichtschimmer geblieben war, umherzuschauen, und da er in der Bergritze einen Streifen Schnee erblickte, so kroch er hin, ergriff eine Handvoll davon und legte ihn an sein zerfetztes Gesicht.

Das brachte ihm sofort große Linderung. Als sich der Schnee löste und in roten Tropfen in seinen Bart hinabfloß, nahm er wieder eine Faust voll und legte ihn von neuemauf sein glühendes Gesicht; auch zu essen begann er ihn, denn das brachte ihm Linderung. Nach einiger Zeit wurde die ungeheure Last, die er auf seinem Kopfe fühlte, bedeutend leichter, und es trat ihm alles in Erinnerung, was geschehen war. Aber im ersten Augenblick empfand er weder Wut, noch Zorn, noch Verzweiflung. Der körperliche Schmerz betäubte alle anderen Gefühle und ließ nur das Begehren nach schneller Rettung zurück.

Asya schlang noch einige Hände voll Schnee hinunter und begann sich nach seinem Pferde umzusehen, aber das Pferd war nicht da. Da begriff er, daß, wenn er nicht warten wollte, bis die Tataren ihn holten, er zu Fuß gehen müsse. Er stützte sich also mit den beiden Händen auf den Boden und versuchte aufzustehen; doch er heulte auf vor Schmerz und sank wieder zurück.

So saß er wohl eine Stunde, dann begann er von neuem seine Bemühungen. Dieses Mal gelang es ihm insoweit, als er sich zu erheben und, mit dem Rücken an den Fels gelehnt, auf den Beinen zu stehen vermochte. Aber wenn er daran dachte, daß er die Stütze aufgeben und einen Schritt vorwärts tun müsse, erst einen, dann den zweiten und dritten, in die große, weite Wüste hinaus, so ergriff ihn das Gefühl der Ohnmacht und des Entsetzens so mächtig, daß er beinahe wieder zurücksank. Doch er überwand sich, zog seinen Säbel, stützte sich auf ihn und schleppte sich langsam vorwärts; es ging. Nach einigen Schritten empfand er, daß seine Füße und sein ganzer Körper Kraft besäßen, daß er vollkommen ihrer Herr sei, und daß nur sein Kopf von einer Dumpfheit befangen, wie eine riesige Woge bald nach rechts, bald nach links, bald nach vorn, bald nach hinten hin und her schwanke. Er hatte auch das Gefühl, als trüge er diesen schweren, schwankenden Kopf mit ungewöhnlicher Vorsicht und mit ungewöhnlicherAngst, daß er ihm nicht zu Boden falle und am Stein zerschelle. Bisweilen schien der Kopf sich ganz mit ihm zu drehen, als habe er den Willen, ihn im Kreise herumzuführen, bald wieder umnachtete sich sein einziges Auge. Dann stützte er sich mit beiden Händen auf das Schwert.

Aber der Schwindel ging allmählich vorüber — der Schmerz dagegen wuchs beständig und bohrte in der Stirn, in den Augen, im ganzen Kopfe, so daß sich Asyas Brust ein winselndes Geheul entrang. Das Echo der Felsen gab sein Stöhnen zurück, und so schritt er durch die Wüste, blutig, entsetzenerregend, eher einem Vampir ähnlich, denn einem Menschen.

Schon dämmerte es, als ihm Pferdegetrappel entgegentönte. Ein Führer der Tataren war es, der herangeritten kam, um Befehle zu empfangen. An diesem Abend fand Asya noch soviel Kraft, daß er die Verfolgung anbefahl. Gleich darauf aber legte er sich auf die Felle und konnte die drei folgenden Tage niemanden sehen als den Griechen, seinen Wundarzt, der seine Wunden verband, und Halim, der dem Wundarzt zur Seite stand; erst am vierten Tage gewann er die Sprache wieder, und mit ihr das Bewußtsein der jüngsten Ereignisse.

Alsbald eilten seine fieberhaften Gedanken Bärbchen nach. Er sah sie, wie sie durch die Felsen, durch die Wüste dahineilte; sie erschien ihm wie ein Vogel, der dahingeflogen war, um nicht wiederzukehren; er sah sie in den Umarmungen ihres Gatten, und bei diesem Anblick packte ihn der Schmerz, grausamer als die Wunde, und mit diesem ein Sehnen, und mit dem Sehnen die Schmach der erlittenen Niederlage.

»Entflohen, entflohen!« wiederholte er unaufhörlich; die Wut drohte ihn zu ersticken, und das Bewußtsein ihm zuschwinden. »Wehe!« antwortete er Halim, als dieser ihn beruhigen wollte und versicherte, daß Bärbchen der Verfolgung nicht entgehen könne; er stieß mit den Füßen gegen die Felle, mit welchen der alte Tatar ihn zudeckte, drohte ihm und dem Griechen mit dem Messer und heulte wie ein wildes Tier, sprang auf, um selbst ihr nachzueilen, sie zu ergreifen und sie dann im Zorn und in seiner wilden Liebe mit eigenen Händen zu erdrosseln.

Bald wieder phantasierte er im Fieber; er rief Halim zu, ihm sobald als möglich das Haupt des kleinen Ritters zu bringen und seine Gattin gebunden nebenan in der Kammer einzuschließen. Bald wieder sprach er mit ihr, bat, drohte, bald streckte er ihr im Fieberwahn die Hände entgegen, um sie an sich zu ziehen. Endlich fiel er in tiefen Schlaf und erwachte Tag und Nacht nicht. Dann, als der Schlaf von ihm gewichen war, hatte ihn auch das Fieber ganz verlassen, und er konnte Krytschynski und Adurowitsch sprechen.

Diese hatten es eilig, ihren Führer zu sehen, denn sie wußten nicht, was sie beginnen sollten. Die Truppen, welche unter der Führung des jungen Nowowiejski ausgezogen waren, sollten zwar vor zwei Wochen nicht zurückkehren; aber Asya leitete die ganze Bewegung; er allein konnte ihnen Fingerzeige geben, was sie in jedem Falle zu tun hatten; er allein konnte ihnen erklären, auf welcher Seite der größte Vorteil sei, ob sie gleich in das Land des Sultans zurückkehren, oder ob sie Verstellung üben sollten, und wie lange sie den Schein, als dienten sie der Republik, zu wahren hatten.

Sie wußten beide wohl, daß schließlich auch Asya die Republik verraten wolle, aber sie vermuteten, daß er ihnen befehlen werde, ihren Verrat erst mit Beginn des Krieges offenkundig werden zu lassen, damit er desto erfolgreicher sei.Seine Weisungen sollten überdies für sie Befehl sein, denn er hatte sich ihnen zum Führer aufgeworfen, als das Haupt der ganzen Sache, als der Hinterlistigste, der Einflußreichste, endlich als der Sohn des Tuhaj-Bey, des einst unter allen Horden weithin berühmten Kriegsfürsten.

So standen sie besorgt an seinem Bette in tiefster Untertänigkeit, und er begrüßte sie, zwar noch schwach, mit verbundenem Gesicht, und mit einem Auge, aber schon gänzlich gesund. Und gleich zu Anfang sagte er ihnen:

»Ich bin krank; das Weib, welches ich entführen und für mich behalten wollte, hat sich meiner Gewalt entrissen und mich mit dem Schaft meines Pistols verwundet. Es war die Frau des Kommandanten Wolodyjowski ... daß die Pest ihn treffe, ihn und sein ganzes Gezücht!«

»Es sei, wie du sagst,« gaben die beiden Hauptleute zur Antwort.

»Gebe Gott euch Getreuen Heil und Glück!«

»Auch dir, o Herr!«

Nun begannen sie über das zu verhandeln, was jetzt zu tun sei.

»Wir dürfen nicht zögern und dürfen den Dienst des Sultans nicht bis zum Kriege hinausschieben,« sagte Asya, »denn nach dem, was mit diesem Weib geschehen ist, werden sie uns nicht mehr trauen, sondern mit dem Schwerte gegen uns losgehen. Aber ehe sie das tun, greifen wir die Stadt an und lassen sie in Feuer aufgehen zu Gottes Ehre. Jenes Häuflein Soldaten, das hier geblieben, und die Einwohner, welche Untertanen der Republik sind, nehmen wir in Gefangenschaft, und in das Gut der Walachen, der Armenier und Griechen teilen wir uns und ziehen jenseits des Dniestr in die Lande des Sultans.«

In den Augen Krytschynskis und Adurowitsch, die schonseit längerer Zeit mit der wildesten Horde räubernd hin und her zogen und gänzlich verwildert waren, leuchtete es auf.

»Danke dir, o Herr,« sagte Krytschynski. »Man hat uns hier in Raschkow eingelassen, das Gott uns nun in die Hände liefert ...«

»Nowowiejski hat euch keinen Widerstand geleistet?« fragte Asya.

»Nowowiejski wußte, daß wir zur Republik übergehen, er wußte auch, daß du im Anzuge bist, um dich mit uns zu verbinden, darum betrachtete er uns als Freunde, wie er dich als Freund betrachtet.«

»Wir standen auf der Moldauischen Seite,« warf Adurowitsch ein, »aber wir ritten zu ihm als Gäste, und er empfing uns wie Männer von Adel, denn er sprach:

>— Durch diese Tat habt ihr die alten Sünden getilgt, und da der Hetman euch auf Asyas Bürgschaft hin verzeiht, ziemt es auch mir nicht, euch zu zürnen. — Er wollte sogar, daß wir in der Stadt Quartier nähmen, aber wir sagten: Das tun wir nicht, ehe Asya, Sohn des Tuhaj-Bey, uns des Hetmans Erlaubnis bringt ... Und als er fortging, gab er uns noch ein Mahl und bat, über der Stadt zu wachen ...««

»Bei jenem Fest,« fügte Krytschynski hinzu, »haben wir seinen Vater gesehen, auch die Alte, die die Heimkehr ihres Gatten aus der Gefangenschaft erwartet, und das Fräulein, welches Nowowiejski zu heiraten gedenkt.«

»Ah,« sagte Asya, »noch habe ich nicht daran gedacht, daß sie alle hier sind ... und Fräulein Nowowiejski habe ich mitgebracht.«

Er schlug in die Hände, und als Halim sofort erschien, sagte er ihm:

»Meine Tataren sollen, sobald sie die Flammen in derStadt emporsteigen sehen, sofort die Soldaten, die in dem Blockhause sind, angreifen oder niedermetzeln, die Weiber und den alten Edelmann binden und gut beobachten, bis ich weitere Befehle gebe.«

Dann wandte er sich an Krytschynski und Adurowitsch:

»Ich selbst werde nicht mit helfen können, denn ich bin schwach; aber ich will zu Pferde sitzen und zuschauen. Jetzt aber, liebe Genossen, beginnt das Werk.«

Krytschynski und Adurowitsch stürzten sofort der Tür zu, er folgte ihnen, ließ sich ein Pferd geben und ritt zum Pfahlwerk hin, um von dem hohen Tore der Zitadelle hinunterzublicken auf das, was in der Stadt geschehen würde.

Eine Schar Lipker kletterte auch den Wall hinauf über das Pfahlwerk, um sich an dem Anblick des Blutbades zu weiden.

Als die Soldaten Nowowiejskis, welche nicht in die Steppe hinausgezogen waren, sahen, wie die Tataren sich sammelten, glaubten sie, es gäbe in der Stadt etwas zu sehen, und mengten sich unter sie ohne einen Schatten von Furcht oder Verdacht. Übrigens waren von diesem Fußvolk kaum zwanzig vorhanden, der Rest war in der Stadt, in den Schenken.

Inzwischen hatten sich die Häscher Adurowitschs und Krytschynskis in einem Augenblick über das Städtchen zerstreut. Es befanden sich unter ihnen fast ausschließlich Lipker und Tscheremissen, also frühere Bewohner der Republik, teils von Adel; aber da sie schon lange das Gebiet der Krone verlassen hatten, waren sie in der Zeit ihres Wanderlebens den wilden Tataren ähnlich geworden. Ihre alten Oberröcke waren zerrissen, sie kleideten sich daher allgemein in Widderpelze, die Wolle nach außen, die sie auf den nackten, von den Stürmen der Steppe und von dem Rauch der Feldfeuerwelken Körpern trugen; aber ihre Waffen waren besser als die der wilden Tataren. Alle hatten Säbel, alle im Feuer gehärtete Bogen, viele Feuergewehre. Aber ihre Gesichter trugen dieselbe Grausamkeit, denselben Blutdurst zur Schau, wie die Gesichter ihrer Brüder in der Dobrudscha oder der Krim. Diese hatten sich über das ganze Städtchen zerstreut und durchschweiften es in den verschiedensten Richtungen mit entsetzlichem Geschrei, als wollten sie sich gegenseitig durch die Rufe anfeuern zu Mord und Raub. Aber trotzdem viele von ihnen schon nach Tatarensitte das Messer zwischen die Zähne genommen hatten, betrachtete die Einwohnerschaft, die wie in Jampol aus Walachen, Armeniern, Griechen, und zum Teil aus tatarischen Kaufleuten bestand, sie noch immer ohne jedes Mißtrauen. Die Verkaufsbuden waren geöffnet, die Kaufleute saßen vor ihren Läden nach türkischer Art auf den Bänken und leierten den Rosenkranz ab. Das Geschrei der Tataren bewirkte nur, daß man ihnen neugieriger nachsah in der Vermutung, daß sie Kampfspiele veranstalteten.

Plötzlich erhoben sich an den Ecken des Marktes Rauchsäulen, und aus dem Munde der Tataren ertönte ein so entsetzliches Geheul, daß der bleiche Schrecken die Walachen, Armenier und Griechen, Weiber und Kinder erfaßte. Nun ergoß sich auch ein Hagel von Pfeilen auf die ruhige Bürgerschaft. Ihr Wehegeschrei, das Gepolter der schnell geschlossenen Türen und Fensterläden vermischte sich mit dem Getrappel der Pferde und dem Gebrüll der Räuber. Der Markt überzog sich mit Rauch, von allen Seiten tönte es »Feuer — Feuer!« Läden, Häuser wurden aufgebrochen, erschreckte Weiber an den Haaren herausgezerrt; Geräte, Saffiane, Verkaufswaren, Betten flogen auf die Straße, und die Federn erhoben sich Wolken gleich empor; das Stöhnen hingeschlachteterMänner, Klagelaute und Heulen der Hunde, das Brüllen des Viehes, das vom Feuer in den hinteren Gebäuden ergriffen wurde, das Züngeln der Flammen, die selbst am Tage auf dem Hintergrund der dunklen Rauchsäulen sichtbar waren, und immer höher zum Himmel emporschossen; in dem Blockhause aber hatten sich Asyas Räuber gleich beim Beginn des Gemetzels auf die zum größten Teil waffenlosen Soldaten gestürzt.

Einen Kampf gab es kaum; unzählige Messer stießen unerwartet in jede polnische Brust; dann schnitt man den Unglücklichen die Köpfe ab und legte sie zu Füßen von Asyas Pferde nieder.

Der Sohn des Tuhaj-Bey gestattete dem größten Teil der Lipker, hinabzugehen und sich der blutigen Arbeit der Brüder anzuschließen. Er selbst stand da und schaute zu.

Der Rauch verschleierte Krytschynskis und Adurowitschs Werk. Der Dunst der Brände drang bis zum Blockhaus, die Stadt loderte auf wie ein riesiger Scheiterhaufen, und der Rauch verdeckte ihren Anblick. Von Zeit zu Zeit nur drang durch den Rauch der Schuß eines Gewehrs, wie ein Blitz in der Wolke, von Zeit zu Zeit blitzte es auf: ein fliehender Mann oder eine Schar Lipker in der Verfolgung begriffen.

Asya stand unbeweglich da und schaute zu; sein Herz war von Freude erfüllt. Ein grausames Lächeln verzerrte seine Lippen, und die weißen Zähne starrten daraus hervor, ein Lächeln, das um so furchtbarer war, als es sich mit dem Schmerz der trockenen Wunde vermischte. Und neben der Freude wogte Stolz in dem Herzen Asyas. Hatte er doch jene Bürde der Verstellung von sich geworfen, hatte er doch zum ersten Male dem Haß, den er jahrelang verborgen trug, freien Lauf gelassen. Jetzt fühlte er sich wieder als der wahre Asya, als der Sohn Tuhaj-Beys. Aber gleichzeitig erhobsich in ihm ein wilder Schmerz, daß Bärbchen diesen Brand, diese Metzelei nicht sehe, daß sie ihn nicht sehen könne in seinem neuen Berufe. Er liebte sie, und doch tobte in seinem Herzen die wilde Begier der Rache an ihr.

Stände sie hier neben meinem Pferde — dachte er bei sich — ich würde sie bei den Haaren festhalten, und meine Füße müßten sie berühren, und dann wurde ich sie nehmen und würde sie küssen und sie wäre mein, meine — Sklavin.

Vor der Verzweiflung schützte ihn nur die Hoffnung, daß die Abteilung, die zur Verfolgung ausgeschickt, oder die, die unterwegs zurückgeblieben waren, sie wiederbringen würden. Diese Hoffnung ergriff er wie ein Ertrinkender das Brett, und sie gab ihm Kraft. Er vermochte den Gedanken endgültiger Verzichtleistung nicht auszudenken, sondern gedachte lebhaft des Augenblicks, da er sie wiedergewinnen und sich zu eigen machen werde.

Er stand am Tor, bis die hingeschlachtete Stadt ruhig war; das war schnell geschehen, denn Adurowitschs und Krytschynskis Scharen zählten fast so viele Köpfe, wie das ganze Städtchen — und nur das Feuer überdauerte das Stöhnen der Menschen und wütete noch bis zum Abend. Asya war vom Pferde herabgeglitten und ging langsamen Schrittes in das geräumige Zimmer. In der Mitte hatte man Widderfelle für ihn ausgebreitet; er ließ sich nieder und erwartete die Ankunft der beiden Heerführer.

Sie kamen bald, mit ihnen die Hauptleute. Aller Gesichter waren von Freude erfüllt, denn die Beute überstieg ihre Erwartungen. Das Städtchen hatte sich seit der Zeit des Bauerneinfalls sehr gehoben und war wohlhabend. Man hatte auch etwa hundert junge Weiber und eine Schar Kinder von zehn Jahren an erbeutet, die man günstig in den Bazaren des Orients verkaufen konnte. Die Männer, alteWeiber und Kinder, die nicht fähig waren, weite Wege zu machen, hatte man hingemordet. Die Hände der Lipker dampften von Menschenblut, und an ihren Widderfellen haftete der Brandgeruch. Alle setzten sich um Asya herum, und Krytschynski begann:

»Nur ein Häufchen Asche bleibt nach uns zurück. Ehe die Kommandos zurückkehren, könnten wir noch nach Jampol ausrücken, dort ist an Gütern ebensoviel vorhanden wie in Raschkow.«

»Nein,« antwortete der Sohn des Tuhaj-Bey, »in Jampol sind meine Leute, die die Stadt in Brand setzen werden. Wir müssen jetzt in die Lande des Khans und des Sultans.«

»Wie du befiehlst. Wir kehren mit Ruhm und Beute heim,« sagten die Hauptleute und Führer.

»Hier im Blockhaus sind noch Weiber und jener Edelmann, der mich gepflegt hat,« sagte Asya; »ihm geziemt eine Belohnung.«

Bei diesen Worten schlug er in die Hände und befahl, die Gefangenen vorzuführen.

Man brachte sie sofort, Frau Boska, von Tränen überströmt, Sophie, bleich wie Linnen, Evchen und den alten Herrn Nowowiejski. Ihm waren Hände und Füße mit Bast geknebelt. Alle waren entsetzt, mehr aber noch erstaunt über das, was geschehen, und was ihnen vollkommen unverständlich war. Evchen allein hatte die dumpfe Empfindung — obwohl sie sich in Vermutungen verlor über das Schicksal Bärbchens, weshalb Asya sich bisher nicht hatte sehen lassen, warum man in der Stadt ein Gemetzel angerichtet und sie als Sklaven gebunden hatte — daß es sich um ihre Entführung handle, daß Asya geradezu rase aus Liebe zu ihr und, da er in seinem Hochmut ihren Vater um ihre Hand nicht bitten wolle, beschlossen habe, sie mit Gewalt zu entführen. All' das waran sich entsetzlich, aber Evchen zitterte wenigstens nicht um das eigene Leben.

Die Gefangenen, die man hergeführt hatte, erkannten Asya nicht, denn sein Gesicht war ganz verbunden. Aber die Angst ergriff die Weiber um so stärker, da sie im ersten Augenblick meinten, daß wilde Tataren auf irgend eine unerklärliche Weise die Lipker aufgerieben und Raschkow genommen hätten. Erst der Anblick Krytschynskis und Adurowitschs überzeugte sie, daß sie sich in der Hand von Asyas Leuten befanden. Eine Zeitlang sahen sie einander schweigend an. Endlich sprach der alte Nowowiejski mit unsicherer, aber kräftiger Stimme:

»In wessen Händen sind wir?«

Asya löste die Binden von seinem Haupte, und sein Gesicht, das trotz seiner Wildheit einst schön gewesen, erschien, für immer entstellt, mit gebrochenem Nasenbein, und mit einem schwarzblauen Fleck auf der Stelle des einen Auges — ein entsetzliches Gesicht, von kalter Rachgier und einem krampfhaften Zuckungen ähnlichen Lachen gezeichnet. Eine Weile noch schwieg er, dann heftete er sein glühendes Auge auf den alten Edelmann und antwortete:

»In meinen, in den Händen des Sohnes Tuhaj-Beys.«

Aber der alte Nowowiejski hatte ihn erkannt, ehe er sich genannt hatte; auch Evchen hatte ihn erkannt, obwohl ihr Herz sich zusammenzog in Entsetzen und Abscheu bei dem Anblick dieses gräßlichen Kopfes.

Das Mädchen verdeckte ihre Augen mit den Händen. Der Edelmann öffnete die Lippen, begann vor Verwunderung mit den Augen zu blinzeln und auszurufen: »Asya, Asya!«

»Den Ihr aufgezogen, dem Ihr Vater waret, und der unter Eurer väterlichen Hand in Strömen Blutes ...«

Dem Edelmann stieg das Blut zu Kopfe: »Verräter,«sagte er, »vor dem Gericht wirst du für deine Taten Rede stehen ... Natter!... ich habe noch einen Sohn —«

»Und eine Tochter,« antwortete Asya, »um deretwillen du mich mit dem Ochsenziemer tödlich geißeln ließest; und diese Tochter schenke ich jetzt dem letzten meiner Knechte, damit sie ihm Dienerin zur Wollust sei.«

»Feldherr, schenke sie mir!« rief plötzlich Adurowitsch.

»Asya, Asya, ich habe dich immer ...« schrie Evchen auf und stürzte zu seinen Füßen nieder.

Aber er stieß sie von sich, und Adurowitsch faßte sie in seine Arme und zog sie auf dem Fußboden zu sich hin. Herr Nowowiejski wechselte die Farbe, und sein rotes Gesicht lief bläulich an. Die Fesseln knarrten an seinen Händen, und seinen Lippen entrangen sich unverständliche Worte. Asya erhob sich von seinen Fellen und schritt auf ihn zu, erst langsam, dann immer schneller, wie ein wildes Tier, das sich auf seine Beute stürzen will; endlich, als er ganz nahe herangekommen war, faßte er ihn mit den zusammengekrallten Fingern seiner mageren Hand am Barte, mit der anderen Hand schlug er ihn erbarmungslos auf Gesicht und Kopf.

Ein heiseres Gekrächz drang aus seiner Kehle. Endlich, als der Edelmann zu Boden sank, kniete Asya auf seiner Brust nieder, und der helle Glanz seines Messers durchzuckte plötzlich das Dämmerlicht des Zimmers.

»Erbarmung! Rettung!« schrie Evchen.

Aber Adurowitsch schlug sie auf den Kopf und legte dann seine breite Hand auf ihren Mund; inzwischen hatte Asya Nowowiejski hingemordet.

Der Anblick war so entsetzlich, daß selbst den Tataren das Blut in den Adern erstarrte; denn Asya hatte mit berechneter Grausamkeit das Messer ganz langsam über die Kehle des unglücklichen Edelmannes geführt, und dieser gurgelteund röchelte entsetzlich. Aus den offenen Adern tröpfelte das Blut immer mächtiger auf die Hände des Mörders und floß in Strömen auf den Fußboden. Endlich wurde das Röcheln und das Gurgeln allmählich still, nur der Atem pfiff in der durchschnittenen Kehle, und die Füße des Sterbenden schlugen in krampfhaften Zuckungen gegen den Boden.

Asya stand auf. Sein Gesicht fiel jetzt auf das bleiche und süße Gesichtchen Sophies, die tot zu sein schien, denn sie hing ohnmächtig über den Armen des Tataren, — und er sagte:

»Dieses Mädchen behalte ich für mich, bis ich es verschenke oder verkaufe.« Dann wandte er sich an die Tataren:

»Und jetzt, sobald die Verfolger zurückkehren, geht's in die Lande des Sultans.«

Die Verfolger kamen zwei Tage später zurück, aber mit leeren Händen, und so zog denn der Sohn Tuhaj-Beys in die Lande des Sultans, Verzweiflung und rasende Wut im Herzen, hinter sich einen grauen, bläulichen Aschenhaufen zurücklassend.

Zehn bis zwölf ukrainische Meilen trennten jene Städte, durch welche Bärbchen ihren Weg von Chreptiow nach Raschkow nahm, oder die ganze Reise betrug, wenn man dem Dniestr folgte, etwa dreißig Meilen. Zwar war man von dem Nachtlager noch vor Tag aufgebrochen und hatte nicht Halt gemacht, ehe die Nacht eingetreten war — und doch hatte der ganze Marsch mit der Rastzeit, trotz der Schwierigkeiten, Übergänge und Überfähren drei Tage gedauert. Da Bärbchen dies überdachte, rechnete sie sich aus, daß der Rückweg, der Weg nach Chreptiow, ihr noch weniger Zeit rauben müsse, besonders da sie ihn zu Pferde zurücklegte, und da er doch eine Flucht bedeutete, in welcher die Rettung von der Schnelligkeit abhing.

Aber schon am ersten Tage bemerkte sie, daß sie sich täusche, denn da sie nicht den Dniestr entlang fliehen konnte, sondern Umwege durch die Steppen machte, war sie genötigt, ungeheure Strecken zuzugeben, und überdies konnte sie sich noch verirren; es war sogar wahrscheinlich, daß sie sich verirrte.

Sie konnte auf versumpfte Flüsse stoßen, auf undurchdringliche Waldesdickichte, auf Brüche, die selbst im Winter nicht froren, auf Hindernisse von Mensch und Tier; und wenn sie auch die Absicht hatte, die Nächte hindurch weiter zu reiten, so befestigte sich doch unwillkürlich in ihr die Überzeugung, daß sie selbst bei einem glücklichen Ausgang Gott weiß wann in Chreptiow ankommen werde.

Es war ihr gelungen, sich den Armen Asyas zu entreißen, aber was nun? Gewiß war alles besser als diese schmachvollen Arme, und doch erstarrte das Blut in ihren Adern zu Eis, wenn sie an das dachte, was sie jetzt erwartete. Schonte sie das Pferd, so konnte sie eingeholt werden. Die Lipker kannten diese Steppe wie ihre Tasche, und sich vor ihren Augen, vor ihrer Verfolgung verbergen, war fast eine Unmöglichkeit. Verfolgten sie doch sogar im Frühling und im Sommer ganze Tage hindurch die Tataren, wenn die Pferdehufe nicht die geringsten Spuren im Schnee oder in der weichen Erde zurückließen; sie lasen in der Steppe wie in einem offenen Buche. Sie schweiften über diese Ebenen hin wie Adler, sie verstanden in ihnen zu wittern wie Jagdhunde, das ganze Leben ging ihnen hin unter Streifzügen. Vergeblich nahmen die Tataren häufig ihren Weg zu Wasser, um keine Spur zurückzulassen — die Kosaken, die Lipker und Tscheremissen verstanden gerade so wie die polnischen Steppenkämpfer sie aufzufinden, ihrer List mit List zu begegnen, und so plötzlich hereinzubrechen, als seien sie ausdem Boden herausgewachsen. Wie sollte man vor einem solchen Volke fliehen? Man konnte sie nur so weit hinter sich lassen, daß die Entfernung selbst die Verfolgung unmöglich machte. Aber in diesem Falle mußten die Pferde zusammenbrechen.

Sicher mußten sie zusammenbrechen, wenn sie beständig wie bisher angestrengt werden würden, dachte Bärbchen mit Entsetzen, wenn sie ihre feuchten, dampfenden Seiten sah, und den Schaum, der in Bällen zu Boden fiel.

Sie hemmte also von Zeit zu Zeit ihren Lauf und horchte auf; da vernahm sie in jedem Wehen des Windes, in jedem Rauschen des Laubes, das auf den Felsengraten wuchs, in dem trockenen Geräusch, mit welchem die welken Stengel der Steppennesseln aneinanderschlugen, im Rauschen der Flügel der vorübereilenden Vögel, selbst in der Stille der Wüste, die in die Ohren klang, den Widerhall verfolgender Rosse. In ihrem Schrecken gab sie wieder den Pferden die Sporen und eilte in rasendem Laufe dahin, bis das Keuchen der Tiere ihr anzeigte, daß sie nicht weiter konnten.

Die Bürde der Einsamkeit und der Ohnmacht lastete immer schwerer auf ihr. Ach, wie fühlte sie sich verwaist, welch ein Leid, so groß wie ungerecht, wuchs in ihrem Herzen gegen alle Menschen, gegen die Nächsten und Teuersten, die sie so verlassen hatten!

Dann dachte sie wieder, daß Gott sie wohl strafe für ihre Begier nach Abenteuern, für ihre Sucht, an allen Jagden, allen Kriegszügen teilzunehmen gegen den Wunsch ihres Gatten, für ihre Ausgelassenheit und Leichtfertigkeit, und bei diesen Gedanken weinte sie bitterlich, hob das Auge zum Himmel, und wiederholte weinend:

»Strafe, aber verlaß' mich nicht, straf' Michael nicht, Michael ist unschuldig!«

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, und mit ihr die Kühle und Dämmerung, die Unsicherheit des Weges und erneute Unruhe. Die Gegenstände begannen zu verschwimmen, sich gleichsam geheimnisvoll zu beleben und gespensterhaft zu lauern. Die Unebenheiten an den Spitzen der hohen Felsen sahen wie Köpfe aus, die spitze oder runde Mützen trugen und die über Riesenmauern hinweg sich verneigten und schweigsam und unhold ausschauten, wer wohl dort unten vorüberreite. Die Zweige der Bäume, die der Wind hin und her schaukelte, nahmen menschliche Bewegungen an; die einen nickten Bärbchen lockend zu, als wollten sie ihr ein furchtbares Geheimnis anvertrauen, andere schienen zu sprechen und zu warnen: Komm nicht heran! Die Bäume auf den Abhängen sahen wie sprungbereite Ungeheuer aus. Bärbchen war mutig, sehr mutig, aber wie alle Menschen jener Zeit abergläubisch; darum stand ihr, als völlige Dunkelheit eingebrochen war, das Haar zu Berge, ein Schauer durchrieselte ihren Körper bei dem Gedanken an die unreinen Mächte, die diese Gegenden bewohnen konnten. Besonders fürchtete sie die Vampire. Der Glaube an diese war in den Dniestrländern wegen der Nähe der Moldau sehr verbreitet, und gerade diese Gegenden um Jampol und Raschkow herum hatten einen schlechten Ruf. So viele Menschen schieden hier durch unerwarteten Tod von der Welt, ohne Beichte, ohne Sündenvergebung. Bärbchen rief sich alle Erzählungen ins Gedächtnis, die an den Abenden in Chreptiow die Ritter zum besten gaben: von den Talschluchten, aus welchen bei Windeswehen plötzlich Stöhnen erklang: Jesus, Jesus!, von den neckenden Flammen, aus denen es schnarchte, — von den lachenden Felsen, von den blassen Kindern mit grünen Augen und ungeheuerlichen Köpfen, welche baten, sie mit aufs Pferd zu nehmen, und die dann dem Reiter das Blut aussogen, endlich von denKöpfen ohne Rumpf, die auf Spinnenfüßen einhergingen, und von den schrecklichsten all' dieser Schrecknisse, den ausgewachsenen Vampiren, oder den im Welschen sogenannten Brukolaken, die ohne weiteres die Menschen anfielen.

Sie machte das Zeichen des Kreuzes so lange, bis ihre Hand müde war, und dann sprach sie die Litanei, denn durch keine andere Waffe konnte man die unreinen Mächte abwehren. Mut gaben ihr die Pferde, die keine Furcht verrieten und fröhlich wieherten. Von Zeit zu Zeit klopfte sie mit der Hand den Nacken ihres Apfelschimmels, als wollte sie sich auf diese Weise überzeugen, daß sie sich in der wirklichen Welt befinde.

Die Nacht, die anfangs sehr finster gewesen war, wurde allmählich heller, und endlich schimmerten die Sterne durch die dünnen Nebel. Für Bärbchen war dies ein ungewöhnlich günstiger Umstand, denn erstens nahm ihre Angst ab, und dann konnte sie, wenn sie den Großen Wagen im Auge behielt, auf den Norden zureiten, in der Richtung nach Chreptiow. Sie schaute sich in der Gegend um und berechnete, daß sie sich schon bedeutend vom Dniestr entfernt haben müsse, denn es gab hier weniger Felsen, das Land hatte eine größere Ausbreitung, es waren mehr mit Eichen bestandene Hügel und weit ausgedehnte Ebenen vorhanden.

Doch mußte sie immer wieder durch Schluchten, und jedesmal entstand neue Angst in ihrem Herzen, denn in der Tiefe war es dunkel, und eine strenge, durchdringende Kälte lagerte unten. Manche Täler waren so abschüssig, daß sie umgangen werden mußten, und das verursachte großen Verlust an Zeit und eine Erschwerung des Weges.

Schlimmer noch war es mit den Strömen und Flüßchen, die ein ganzes Netz bildeten vom Osten zum Dniestr hin. Alle waren vom Eise frei, und die Pferde wieherten furchtsam,wenn sie in der Dunkelheit durch ein Wasser wateten, dessen Tiefe sie nicht kannten. Bärbchen setzte nur an den Stellen über, wo ein ausgedehntes Ufer vermuten ließ, daß das breite Wasser flach sei; in den meisten Fällen war es auch so, zuweilen aber reichte das Wasser bis zur Hälfte der Pferdeleiber; dann kniete Bärbchen nach Soldatenart auf der Satteldecke, hielt sich mit den Händen an dem Vorderknauf und bemühte sich, die Füße nicht ins Wasser tauchen zu lassen. Aber dies gelang ihr nicht vollkommen, und bald erfaßte sie von Fuß bis Kopf eine empfindliche Kälte.

»Wenn mit Gottes Hilfe der Tag kommt, reite ich schneller vorwärts,« wiederholte sie immer wieder.

Endlich gelangte sie auf eine große Ebene, die von einem dünnen Walde bestanden war, und da sie sah, daß die Pferde kaum noch vorwärts konnten, machte sie Halt und rastete. Beide Renner streckten alsbald die Hälse gegen den Boden, setzten einen der Vorderfüße vor und begannen begierig das Moos und welke Gras aufzukratzen. Im Walde herrschte vollkommene Ruhe, die nur das hörbare Schnaufen der Pferde und das Knistern des Grases in ihren Mäulern unterbrach.

Nachdem sie den ersten Hunger gestillt oder richtiger getäuscht hatten, zeigten beide Pferde offenbar Lust, sich hinzustrecken; aber Bärbchen konnte dem nicht willfahren, sie wagte nicht einmal, die Zügel aus der Hand zu lassen und selbst abzusitzen, denn sie wollte jeden Augenblick zur weiteren Flucht bereit sein.

Sie bestieg aber Asyas Pferd, denn ihr Apfelschimmel trug sie schon seit der letzten Rast, und obwohl er tüchtiges, edles Blut in den Adern hatte, war er doch zarter als Asyas Tatarenpferd. Nachdem sie dies getan, empfand sie Hunger; ihren Durst hatte sie wiederholt bei den Übergängen über die Flüsse löschen können. Sie begann nun von dem Samenzu essen, von dem sie ein Beutelchen voll an Tuhaj-Beys Satteldecke gefunden hatte. Er schmeckte ihr sehr gut, wenn auch ein wenig bitter, sie aß also und dankte Gott für diese unerwartete Stärkung. Aber sie aß sparsam, damit er bis Chreptiow ausreiche. Dann schloß der Schlaf mit unüberwindlicher Macht ihre Lider; aber gleichzeitig ging, als die Bewegung des Pferdes sie nicht mehr erwärmte, eine empfindliche Kälte durch ihren ganzen Körper. Ihre Füße waren vollkommen erstarrt, sie fühlte eine unendliche Ermattung, besonders im Kreuz und in den Armen, welche durch das Ringen mit Asya überangestrengt waren. Eine große Schwäche erfaßte sie, und ihre Augen schlossen sich. Nach einer Weile öffnete sie dieselben mit großer Kraftanstrengung.

»Nein, am Tage, während des Reitens will ich schlafen,« dachte sie, »denn wenn ich jetzt einschlafe, so erfriere ich.«

Aber ihre Gedanken wurden immer unklarer, gingen immer mehr einer in den anderen über und führten ihr wirre Bilder vor die Seele, in welchen die Wüste, die Flucht und die Verfolgung, Asya, der kleine Ritter, Evchen und die letzten Ereignisse sich vermischten, — es war ein Traum im halben Wachen. Alles das floh gleichsam vorwärts wie eine Woge, die der Wind peitscht, und sie, Bärbchen, eilte mit, ohne Angst, ohne Freude, als müsse sie mit. Asya schien sie zu verfolgen, und gleichzeitig sprach er mit ihr und machte sich Sorge um die Pferde; Sagloba zürnte, daß das Abendbrot kalt werde, Michael zeigte ihr den Weg, und Evchen fuhr hinter ihnen her im Schlitten und aß Datteln.

Dann vermischten sich die Bilder dieser Personen immer mehr, als umschleiere sie ein nebliger Vorhang oder die Dämmerung, und allmählich schwanden sie ganz. Es blieb nur eine seltsame Finsternis, die der Blick nicht durchdrang, und die ins Unendliche zu gehen schien; überall drang siehinein, selbst bis in Bärbchens Köpfchen und verlöschte alle Gesichte, alle Gedanken, wie das Wehen des Windes die Fackeln löscht, die in der Nacht in freier Luft brennen.

Bärbchen schlief ein; aber zum Glück erweckte sie, noch ehe die Kälte das Blut in ihren Adern erstarren ließ, ein ungewöhnlicher Lärm. Die Pferde rissen sich plötzlich los, — es war offenbar in der Wüste etwas Außerordentliches geschehen. Bärbchen gewann im Augenblick die Geistesgegenwart wieder, ergriff Asyas Muskete und horchte über das Pferd geneigt mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie war eine so geartete Natur, daß jede Gefahr im ersten Augenblick Wachsamkeit, Mut und Kampfbereitschaft in ihr weckte.

Diesmal beruhigte sie sich sogleich wieder; die Stimmen, die sie erweckt hatten, waren nichts anderes als das Grunzen von Wildschweinen. Mochten die Wölfe die Frischlinge überschleichen, oder die Schweine sich um die Bachen[L]streiten — die ganze Wüste hallte plötzlich von dem Lärm wieder. Das Getöse war sicherlich in weiter Ferne, aber in der nächtlichen Stille und dem allgemeinen Frieden schien es so nah, daß Bärbchen nicht nur das Grunzen und Quieken hörte, sondern auch das laute Pfeifen der mächtig atmenden Rüssel. Plötzlich ertönte ein Knattern, ein Knistern durchbrochener Sträucher, und ein ganzes Rudel jagte, wenn auch für Bärbchen unsichtbar, in der Nähe vorüber und tauchte in das Dunkel der Wüste.

In dem unverbesserlichen Bärbchen schlug, trotz ihrer trostlosen Lage, auf einen Augenblick die Ader des Jägers, und es tat ihr leid, daß sie dies vorübereilende Rudel nicht gesehen hatte.

»Ich hätte doch ein wenig zuschauen können,« sagte sie zu sich, »von hier aber ist nichts zu sehen. Wenn ich in den Wald hineinreite, werde ich vielleicht noch etwas erspähen können.«

Erst nach dieser Erwägung fiel es ihr ein, daß es besser sei, nichts zu sehen und so schnell als möglich davonzukommen, und so setzte sie ihren Weg fort. Sie konnte auch nicht länger auf der Stelle stehen, schon darum nicht, weil die Kälte immer empfindlicher wurde, und die Bewegung der Pferde sie stark erwärmte, ohne sie verhältnismäßig zu ermüden. Die Pferde aber, die nur ein wenig Moos und erfrorenes Gras erwischt hatten, gingen unwillkürlich und mit gesenktem Kopf vorwärts. Der Reif hatte ihnen die Seiten bedeckt, als sie standen, und sie schienen kaum die Füße vorwärts zubringen; trotzdem ging es seit der Mittagsrast fast ohne Unterbrechung weiter.

Bärbchen ritt über die Heide hin, die Augen auf den Großen Wagen geheftet, immer tiefer in die Wüste hinein, die nicht allzu dicht war, aber hügelig und von engen Rissen durchschnitten. Es wurde auch immer finsterer, nicht nur infolge des Schattens, den die laubreichen Bäume warfen, sondern auch, weil Ausdünstungen dem Boden entstiegen und die Sterne verdeckten. Sie mußte auf gut Glück weiter reiten. Nur die Felsenrisse gaben Bärbchen einen Fingerzeig dafür, daß sie in der gewünschten Richtung vorwärts komme, denn das wußte sie, daß sie alle von Osten nach dem Dniestr zu verliefen, daß sie also, indem sie einen nach dem anderen überwand, in der Richtung nach Norden reite. Und doch dachte sie, daß trotz dieses Wegweisers ihr immer die zu große Entfernung oder eine allzu große Annäherung zu ihm drohe; eines wie das andere konnte gefährlich werden, denn im ersten Falle hätte sie ein ungeheures Stück Weges zuviel gemacht, im entgegengesetzten konnte sie nach Jampol gelangenund dort in die Hände des Feindes fallen. Ob sie sich aber noch vor Jampol befand, ob sie gerade auf seiner Anhöhe stand, ob es schon hinter ihr lag — davon hatte sie nicht die geringste Vorstellung.

»Eher schon werde ich wissen, wenn ich Mohylow hinter mir habe,« sagte sie sich, »denn dies liegt in einer großen, breiten Schlucht, die ich vielleicht erkennen werde.«

Dann blickte sie zum Himmel empor und dachte:

»Hilft mir Gott nur erst über Mohylow hinaus, dort beginnt Michaels Herrschaft, dort schreckt mich nichts mehr.«

Die Nacht wurde immer dunkler; zum Glück lag hier auf dem Boden des Waldes schon Schnee, auf dessen weißem Grunde man die dunklen Stämme der Bäume, die niedrigen Äste erkennen konnte, um sie zu vermeiden; aber Bärbchen mußte langsamer reiten, und wieder fiel ihre Seele die Furcht vor den unreinen Mächten an, die zu Beginn der Nacht ihr Blut zu Eis hatten gerinnen lassen.

»Wenn ich unten Augen leuchten sehe,« sagte sie zu ihrem erschreckten Herzen, »so bedeutet das nichts, das ist ein Wolf; sehe ich sie aber in Menschenhöhe ...«

In diesem Augenblick schrie sie laut auf.

»Im Namen des Vaters und des Sohnes!«

War es Täuschung oder war es eine wilde Katze, die auf einem Äste saß, genug, Bärbchen sah deutlich ein Paar glänzender Augen in der Höhe eines Menschen.

Vor Angst gingen ihr die Augen über. Als sie wieder klar sehen konnte, war nichts mehr da; nur ein Geräusch ließ sich zwischen den Zweigen hören, ihr Herz pochte so laut in der Brust, als wollte es seine Wände sprengen. Und so ritt sie weiter ohne Ende, ohne Ziel, und sehnte das Tageslicht herbei. Die Nacht zog sich unendlich in die Länge. Bald verlegte ihr wieder ein Fluß den Weg. Bärbchen warschon ziemlich weit hinter Jampol am Ufer der Rosawa; aber sie wußte nicht, wo sie sich befand und vermutete nur, daß sie sich beständig nach Norden fortbewege, da sie wieder auf einen neuen Fluß gestoßen war. Die Nacht mußte bald ihr Ende erreicht haben, denn die Kühle nahm beständig zu; es trat offenbar Frost ein, der Nebel senkte sich, und die Sterne zeigten sich wieder, nur blasser und in einem unsicheren Lichte flimmernd.

Endlich begann die Dunkelheit allmählich zu bleichen, die Stämme, die Äste und Zweige traten immer deutlicher aus dem Dunkel hervor, im Walde herrschte vollkommene Stille — es war Tag.

Nach kurzer Zeit konnte Bärbchen schon die Farbe der Pferde unterscheiden. Endlich zeigte sich im Osten ein lichter Streifen, ein schöner, heller Tag war angebrochen.

Bärbchen empfand eine unendliche Müdigkeit; ihre Lippen öffneten sich zu unterbrochenem Gähnen, und ihre Augen fielen zu. Bald schlief sie fest ein, aber nur auf kurze Zeit, denn ein Zweig, an den sie ihren Kopf stieß, weckte sie wieder auf. Zum Glück gingen die Pferde sehr langsam, während des Schreitens nach Moos suchend, darum war der Schlag ein so leichter, daß er ihr keinen Schaden zufügte. Die Sonne war schon emporgestiegen, und ihre blassen, freundlichen Strahlen fielen durch die blattlosen Zweige. Bei ihrem Anblick erfüllte Bärbchens Herz neuer Mut; schon lag zwischen ihr und ihren Verfolgern eine große Strecke, so viele Berge, Schluchten, die ganze Nacht. »Wenn mich nur die Leute hinter Jampol oder Mohylow nicht fassen, jene dort holen mich gewiß nicht mehr ein,« sagte sie sich. Sie rechnete auch damit, daß sie im Anfang ihrer Flucht über felsigen Boden geritten war, auf dem die Hufe keine Spuren zurückließen. Aber bald erfaßte sie wieder Verzweiflung.

Die Lipker finden die Spur auch auf Felsen und Steinen, und es lag nahe, daß sie diese wütend verfolgen würden, wenn ihnen nicht etwa die Pferde fielen. Diese letztere Vermutung war sehr wahrscheinlich; Bärbchen brauchte ja nur ihre Pferde anzusehen, der Apfelschimmel wie das Tatarenpferd hatten eingefallene Seiten, gesenkte Häupter, einen erloschenen Blick. Während sie dahinschritten, hielten sie beständig die Köpfe zu Boden geneigt, um etwas Moos zu erhaschen, oder sie erfaßten im Vorübergehen das rötliche Laub, das hier und da auf niedrigen Eichensträuchern welkte. Sie wurden wohl auch vom Fieber gequält, denn bei allen Flußübergängen tranken sie begierig.

Trotzdem trieb Bärbchen, da sie wieder auf das freie Feld zwischen zwei Wäldchen gelangt war, die müden Rosse an und jagte so einem anderen Wäldchen entgegen.

Als sie auch dieses durchritten hatte, kam sie auf eine zweite Heide, die noch größer, noch hügeliger war. Hinter den Hügeln, in einer Entfernung von etwa einer Viertelmeile, sah sie Rauch, der wie eine Fichte schnurstracks gen Himmel stieg. Es war der erste bewohnte Ort, den Bärbchen antraf, denn im übrigen war dieses Land, mit Ausnahme des Uferstrichs, eine Wüste, oder vielmehr es war in eine Wüste verwandelt worden, nicht bloß infolge der Tatareneinfälle, sondern auch durch die ununterbrochenen polnisch-kosakischen Kriege. Nach dem letzten Kriegszug Tscharniezkis, dem Buscha zum Opfer gefallen war, waren die Städtchen zu elenden Flecken herabgesunken, die Dörfer mit jungem Wald bewachsen, und seit diesen Zeiten hatte es noch so viele Kriege, so viele Schlachten, so viele Metzeleien gegeben bis in die letzten Tage, in welchen der große Sobieski diese Lande dem Feinde entrissen hatte. Schon begann sich wieder Leben anzusiedeln, aber die Strecke, welche Bärbchen ritt, war besonders öde,nur Räuber hausten hier; aber auch diese hatten die Kommandos, die in Raschkow, Jampol, Mohylow und Chreptiow standen, schon beinahe ganz aufgerieben.

Bärbchens erster Gedanke beim Anblick dieser Rauchsäule war, auf sie zuzureiten, eine Ansiedelung, eine Hütte oder auch nur einen einfachen Herd zu finden, sich zu erwärmen und zu stärken. Aber bald schoß es ihr durch den Kopf, daß es in dieser Gegend besser sei, einer Herde Wölfe als Menschen zu begegnen; die Menschen waren hier wilder, furchtbarer als die Tiere, es war ratsamer, die Pferde anzutreiben und die Niederlassung zu umgehen, denn hier konnte sie nur der Tod erwarten.

Am äußersten Saume des gegenüberliegenden Waldes bemerkte Bärbchen einen kleinen Heuschober; sie machte Halt, um die Pferde zu füttern. Diese fraßen begierig, indem sie die Köpfe bis über die Ohren in den Schober hineintauchten und ganze Strähnen Heu herauszogen. Zwar störten sie die Zügel sehr, aber Bärbchen wollte sie nicht davon befreien, da sie ganz richtig erwog:

»Dort, wo der Rauch aufsteigt, muß eine Ansiedelung sein, und da hier ein Heuschober steht, müssen in der Ansiedelung Pferde gehalten werden, mit denen man mich verfolgen könnte; darum heißt es, bereit sein.«

Sie brachte bei dem Heuschober eine Stunde zu, so daß die Pferde sich tüchtig stärkten; sie selbst aß von ihren Samenkörnern. Dann ritt sie weiter. Sie war kaum eine Strecke Wegs vorwärts gelangt, als sie plötzlich zwei Menschen vor sich gewahrte, die auf ihren Schultern Bündel von Reisig trugen.

Der eine war ein Mann in mittleren Jahren, pockennarbig und schielend, ein häßlicher, entsetzlicher Mensch mit einem furchtbaren, tierischen Gesichtsausdruck. Der andere,ein junger Bursche, war gestörten Geistes. Man konnte das auf den ersten Blick an seinem blöden Lachen und seinem irrenden Blick erkennen.

Beide erschraken bei dem Anblick der Reiterin und der Waffen und warfen ihre Reisigbündel zu Boden; aber das Zusammentreffen war so plötzlich, und sie standen einander so nahe, daß sie nicht fliehen konnten.

»Gelobt sei Gott,« rief Bärbchen, »in alle Ewigkeit, Amen! — Wie heißt die Ansiedelung dort?«

»Wie sollte sie heißen? Eine Hütte ist es.«

»Ist es weit nach Mohylow?«

»Wir wissen nicht.« Hier blickte der Alte aufmerksam Bärbchen ins Gesicht; da sie männliche Kleidung trug, hielt er sie für einen Knaben, und alsbald zeigte sein Gesicht an Stelle des ersten Schreckens Frechheit und Wildheit.

»Was seid Ihr so jung, Herr Ritter!« sagte er in kleinrussischer Mundart.

»Was geht das Euch an!«

»Und Ihr reitet so allein?« fragte der Bauer und näherte sich um einen Schritt.

»Das Heer folgt mir.«

Der Bauer blieb stehen, warf einen Blick über die weite Ebene und sagte:

»Das ist nicht wahr, man sieht niemand.«

Und er kam noch ein paar Schritte näher heran. Seine schielenden Augen blitzten auf, zugleich verzog er die Lippen und begann den Ruf der Wachtel nachzuahmen, offenbar, um auf diese Weise jemand heranzurufen.

All' dies schien Bärbchen gefahrdrohend; sie hielt ihm unverzüglich das Terzerol vor die Brust.

»Schweig, sonst stirbst du!«

Der Bauer verstummte, ja noch mehr, er warf sich sofortseiner ganzen Länge nach auf den Boden, dasselbe tat der blödsinnige Knabe und heulte dabei vor Schrecken wie ein Wolf. Vielleicht war vor Zeiten sein Geist durch einen Schrecken umnachtet worden, denn sein Heulen klang jetzt furchtbar und entsetzlich.

Bärbchen gab den Pferden die Sporen und schoß dahin wie ein Pfeil. Zum Glück war der Wald frei von Jungholz, und die Bäume standen nicht dicht; bald zeigte sich ihr auch eine neue schmale, aber sehr lange Ebene. Die Pferde hatten durch die Rast am Heuschober neue Kräfte gewonnen und jagten wie der Wind dahin.

»Sie werden auf das Haus zueilen, die Pferde besteigen und mich verfolgen,« dachte Bärbchen.

Nur das tröstete sie, daß die Pferde rüstig vorwärts gingen, und daß von der Stelle, an der sie die Menschen getroffen hatte, bis zur Ansiedelung eine ziemliche Entfernung war.

»Ehe sie zur Hütte gelangen und die Pferde heraus führen, habe ich, wenn ich so weiter reite, eine oder zwei Meilen Vorsprung.«

Wirklich war es so, und als einige Stunden verflossen waren, und Bärbchen sich überzeugt hatte, daß sie nicht verfolgt werde, ritt sie langsamer. Ein großer Schrecken, eine große Niedergeschlagenheit überkam ihr Herz, und in die Augen traten ihr gewaltsam Tränen.

Diese Begegnung hatte ihr gezeigt, wie die Menschen in diesen Gegenden waren, und was man von ihnen erwarten dürfe. Zwar war ihr das nicht überraschend, sie wußte aus eigener Erfahrung, und aus den Erzählungen in Chreptiow, daß die früheren ruhigen Ansiedler diese Wüsten verlassen oder daß sie der Krieg aufgerieben hatte, und daß die, welche zurückgeblieben waren, in beständiger Furcht vor dem Kriegeinmitten der furchtbaren Stürme im Innern und der Tatareneinfälle in Verhältnissen lebten, in welchen der Mensch für den Nebenmenschen ein Wolf war, ohne Kirche, ohne Glauben, ohne andere Beispiele als Mord und Brand, kein anderes Gesetz kennend, als das Recht der Faust, der alle menschlichen Empfindungen abgestreift hatte, und wie das Getier des Waldes verwildert war. Bärbchen wußte das wohl, und doch sucht der einsame Mensch, der in der Wüste verirrt ist, unter dem Drucke von Hunger und Kälte unwillkürlich zunächst Hilfe bei den ihm verwandten Wesen. So war es auch ihr ergangen. Da sie Rauch erblickte, der ihr die Wohnstatt von Menschen ankündigte, wollte sie, der ersten Empfindung des Herzens folgend, unwillkürlich dorthin eilen, die Bewohner mit dem Namen Gottes begrüßen, und unter ihrem Dache das müde Haupt bergen. Indessen hatte die entsetzliche Wirklichkeit ihr gleich die Zähne gezeigt wie ein toller Hund, darum floß ihr das Herz von Bitterkeit über, und Tränen des Leids und der Enttäuschung drängten sich in ihre Augen.

»Von nirgends Hilfe als von Gott,« dachte sie, »wenn ich doch keine Menschen mehr träfe!«

Dann überlegte sie, warum der Bauer wohl der Wachtel habe nachahmen wollen. Sicher waren in der Nähe noch andere Menschen, und er wollte sie heranrufen. Es kam ihr in den Sinn, daß sie auf dem Schleichwege von Räubern sei, die sich offenbar, nachdem sie aus den Uferschluchten verjagt waren, in die Wüste geflüchtet, die tiefer im Lande lag, wo ihnen die Nachbarschaft der breiten Steppen größere Sicherheit und eine leichtere Flucht in der Not gewährte.

»Was nun,« fragte sich Bärbchen, »wenn ich auf Räuber in größerer Zahl stoße? Die Muskete — das ist einer, die beiden Terzerole — zwei, der Säbel vielleicht noch zwei;wenn ihrer aber noch mehr sind, so sterbe ich eines jämmerlichen Todes.«

Wie sie vorher in den Schrecknissen der Nacht gewünscht hatte, daß es so schnell als möglich Tag werde, schaute sie jetzt sehnsüchtig nach der Dämmerung aus, die sie leichter vor bösen Blicken verbergen konnte.

Noch zweimal kam sie während ihres langen Rittes in der Nähe von Menschen vorüber, einmal erblickte sie am Saume einer Hochebene eine Anzahl Hütten; vielleicht wohnten darin gar nicht Räuber von Handwerk, aber sie zog es vor, sie in Eile zu umgehen, denn sie wußte, daß auch die Landleute nicht um vieles besser waren als die Räuber. Das andere Mal schlug an ihr Ohr der Widerhall von Äxten, die Holz bearbeiteten.

Endlich bedeckte die ersehnte Nacht die Erde. Bärbchen war schon so ermattet, daß sie sich sagte, als sie auf die freie, waldlose Steppe hinausgelangte: »Hier werde ich mich nicht an Bäumen stoßen, ich will also einschlafen, wenn ich auch erfrieren sollte.«

Als sie die Augen geschlossen hatte, schien ihr, als sähe sie in weiter, weiter Ferne auf dem weißen Schnee schwarze Punkte, die sich nach verschiedenen Richtungen hin bewegten. Noch überwand sie eine Weile den Schlaf. »Das sind gewiß Wölfe,« sagte sie leise.

Als sie aber einige Schritte vorwärts gekommen war, verschwanden die Punkte, und sie schlief bald so fest ein, daß sie erst erwachte, als Asyas Tatarenpferd, auf dem sie saß, laut aufwieherte.

Sie sah sich rings um. Sie befand sich am Saume eines Waldes und war zur rechten Zeit erwacht, sonst hätte sie einen Schlag gegen den Kopf erhalten.

Plötzlich bemerkte sie, daß das zweite Pferd nicht bei ihr war.

»Was ist geschehen?« rief sie in großer Angst aus.

Es war etwas sehr einfaches geschehen. Bärbchen hatte zwar den Zaum des Schimmels an die Satteldecke gebunden auf der sie saß, aber ihre erstarrten Hände hatten den Dienst versagt und nicht vermocht, den Knoten fest zu schlingen; so hatte sich der Zaum gelöst, und das erschöpfte Tier war zurückgeblieben, um unter dem Schnee Nahrung zu suchen oder sich niederzulegen.

Zum Glück hatte Bärbchen ihre Terzerole nicht in den Holftern, sondern im Gurt; auch das Pulverhorn und das Beutelchen mit dem Rest der Samenkörner hatte sie bei sich, und am Ende war das Unglück nicht allzu groß, denn wenn auch Asyas Pferd in der Schnelligkeit dem Apfelschimmel nachstand, so übertraf es ihn doch an Ausdauer. Bärbchen war es leid um das Pferd, und im ersten Augenblick beschloß sie, es zu suchen.

Nur das eine verwunderte sie, als sie sich in der Steppe umsah, daß sie es überhaupt nicht erblicken konnte, obwohl die Nacht sehr hell war.

»Nun,« dachte sie, »es ist gewiß nicht weiter gegangen und hat sich in eine Vertiefung gelegt, darum sehe ich es nicht.«

Das Tatarenpferd wieherte von neuem, schüttelte sich dabei und ließ die Ohren über den Nacken hängen; aber von der Steppe her ward ihm keine Antwort.

»Ich will zurückreiten und es suchen,« sagte Bärbchen.

Schon hatte sie das Pferd umgewandt, als eine plötzliche Angst sie erfaßte; es war ihr, als riefe eine menschliche Stimme: Kehre nicht um, Bärbchen!

Und in diesem Augenblick wurde die Stille durch andere,unheilvolle Stimmen unterbrochen, die ganz in der Nähe gleichsam aus dem Boden drangen. Heulen, Schnarchen, Stöhnen, Seufzen, endlich ein entsetzlicher, kurzer, abgerissener Aufschrei ... Alles das war um so grauenerregender, als man in der Wüste nichts sah. Bärbchen lief ein kalter Schweiß über den ganzen Körper, und ihren erfrorenen Lippen entrang sich der Schrei:

»Was ist das, was ist geschehen!«

Sie erriet zwar bald, daß die Wölfe über ihr Pferd hergefallen seien, aber sie konnte nicht begreifen, warum sie das nicht sehe, da es doch, nach den Stimmen zu schließen, in einer Entfernung von nicht mehr als fünfhundert Schritten geschehen sein mußte.

Aber es war bereits zu spät, zu Hilfe zu eilen, denn das Pferd war gewiß schon zerfleischt, und dann mußte sie auch an die eigene Rettung denken. Sie feuerte einen Schuß aus dem Terzerol ab, um die Tiere zu erschrecken und machte sich weiter auf den Weg. Nun kam ihr der Gedanke, daß es vielleicht nicht Wölfe gewesen seien, die ihr Pferd überfallen hatten, da die Stimmen wie unterirdisch klangen. Es überlief sie eiskalt; als sie aber noch nachsann, erinnerte sie sich, daß es ihr im Schlafe gewesen sei, als ritte sie erst einen Berg hinab, dann wieder hinauf.

— Ja, so war es, sagte sie, so war es. Ich bin schlafend quer durch eine mäßig abschüssige Schlucht geritten; dort ist mein Schimmel geblieben, und dort haben ihn die Wölfe überfallen.

Der Rest der Nacht ging ohne Abenteuer hin. Das Tatarenpferd, das am vergangenen Morgen Heu gefressen hatte, ging sehr ausdauernd, so daß Bärbchen seine Rüstigkeit bewunderte. Es war ein sogenannter »Wolf« von großer Schönheit und fast grenzenloser Ausdauer. Während derkurzen Ruhepause, die Bärbchen machen mußte, fraß es alles ohne Wahl, Moos, Blätter und selbst die Rinde von den Bäumen, und ging ruhig seinen Weg. In der freien Ebene ließ Bärbchen es schneller laufen; dann keuchte es ein wenig und atmete lauter, blieb stehen, schöpfte Luft, schüttelte sich, ließ den Kopf vor Müdigkeit sinken — aber es fiel nicht. Der Apfelschimmel hätte, wenn er auch nicht unter den Zähnen der Wölfe sein Ende gefunden, einen solchen Ritt nicht ausgehalten.

Am anderen Morgen berechnete Bärbchen, nachdem sie ihr Gebet gesprochen, die Zeit.

— Asyas Armen habe ich mich am Donnerstag Mittag entrissen — sagte sie — und bin ohne Aufenthalt bis in die Nacht geritten, dann ist unterwegs eine Nacht vergangen, dann der ganze Tag, dann wieder eine Nacht, und heute hat der dritte Tag begonnen. Die Verfolger müssen längst umgekehrt sein, und Chreptiow kann nicht mehr fern sein, denn ich habe doch die Pferde nicht geschont.

Und nach einer Weile fügte sie hinzu:

— O, es ist Zeit, schon lange Zeit, Herr Gott, erbarme dich meiner! —

Manchmal erfaßte sie der Wunsch, in die Nähe des Flusses zu reiten, denn am Ufer hätte sie eher erkannt, wo sie war; aber die Furcht hielt sie davon ab, denn sie wußte, daß fünfzig Lipker von Asyas Leuten bei Herrn Gorschenski in Mohylow zurückgeblieben waren, und sie konnten vielleicht, da sie im weiten Bogen herumgeritten waren, noch nicht bei Mohylow vorbeigekommen sein. Unterwegs hatte sie, soweit der Schlaf ihre Augen nicht geschlossen hielt, sorgfältig darauf geachtet, ob sie nicht auf eine ausgedehnte Talschlucht stoße, ähnlich der, in welcher Mohylow lag, aber sie hatte nichts derartiges bemerkt. Die Schlucht konnte auch engererscheinen und ganz anders bei Mohylow beschaffen sein, als tiefer im Lande, genug, Bärbchen hatte nicht die geringste Vorstellung davon, wo sie sich befinde.

Sie bat nur unaufhörlich Gott, es möchte schon in der Nähe sein, denn sie empfand, daß sie nicht länger die Mühe, die Kälte, die Schlaflosigkeit und den Hunger ertragen könne. Seit drei Tagen lebte sie nur von Samenkörnern, und obgleich sie sehr sparsam damit umgegangen war, war doch das letzte Körnchen heute morgen verzehrt, und der Beutel leer.

Nun konnte sie sich nur durch die Hoffnung stärken und erwärmen, daß Chreptiow in der Nähe sei. Sonst erhielt sie nur ein beständiges Fieber warm. Bärbchen fühlte, daß sie fiebere, denn obgleich es immer kälter wurde, ja sogar Frost herrschte, glühten ihre Hände und Füße, die zu Anfang ihrer einsamen Reise starr gewesen waren, und ein furchtbarer Durst plagte sie.

— Wenn ich nur nicht das Bewußtsein verliere, sprach sie zu sich, wenn ich wenigstens mit dem letzten Atemzug nach Chreptiow gelange und Michael sehe, dann geschehe Gottes Wille ...

Immer wieder mußte sie über zahlreiche Ströme und Bäche setzen; aber sie waren entweder flach oder zugefroren. In manchen floß oberhalb Wasser, und unten war hartes, festes Eis. Am meisten aber fürchtete sie die Übergänge deshalb, weil auch ihr Tatarenpferd, so unerschrocken es sonst war, eine sichtliche Angst zeigte. Wenn es in das Wasser oder auf das Eis trat, schnob es, senkte die Ohren, blieb oft stehen und schritt dann, wenn es angetrieben wurde, vorsichtig, langsam Fuß vor Fuß setzend, und mit aufgeblähten Nüstern witternd.

Es war schon weit gegen Mittag, als Bärbchen durch einen dicht bestandenen Wald ritt und an einem Fluße Haltmachte, der um ein bedeutendes breiter als die anderen war. Nach ihrer Annahme konnte dies die Latwa oder der Kaluschik sein. Bei diesem Anblick pochte ihr Herz freudig, denn Chreptiow konnte nicht mehr fern sein. Und selbst wenn Bärbchen es umging, konnte sie sich als gerettet betrachten, denn dort war das Land bewohnt, und die Menschen nicht mehr so zu fürchten. Der Fluß hatte, soweit Bärbchens Auge reichte, abschüssige Ufer; nur an einer Stelle war eine Furt. Das vom Eise gebannte Wasser war übergetreten und ergoß sich flach wie in einem breiten Gefäß; die Ufer waren vollkommen gefroren. In der Mitte zog sich ein breiter Wasserstreifen hin; Bärbchen hoffte aber, unter ihm, wie gewöhnlich, Eis zu finden.

Das Pferd schritt widerstrebend wie bei jedem Flußübergang mit vorgeneigtem Nacken vorwärts und beroch den Schnee, der vor ihm lag. Als Bärbchen an den Wasserstreifen gelangte, kniete sie nach ihrer Gewohnheit auf der Satteldecke und hielt sich mit beiden Händen an dem Vorderknauf.

Das Wasser plätscherte unter den Hufen, und wirklich lag hartes Eis darunter; die Hufe schlugen hinein wie in Gestein, aber die Eisen waren durch den langen, an vielen Stellen felsigen Weg stumpf geworden, das Pferd glitt aus, die Kräfte versagten, und plötzlich stürzte es nach vorn, so daß sein Maul unter das Wasser kam. Es raffte sich auf, fiel wieder zurück, machte noch einen Versuch, sich aufzurichten, und warf sich endlich geängstigt hin und her, verzweifelt mit den Hufen schlagend. Bärbchen riß am Zügel, aber zugleich vernahm sie ein dumpfes Krachen, und die Vorderfüße des Tieres versanken in die Tiefe.

— Jesus, Jesus! rief Bärbchen aus.

Das Pferd, das mit den Hinterfüßen noch auf festem Grunde stand, machte die äußersten Anstrengungen, aber dieEisschollen, auf welche es sich stützte, begannen allmählich unter seinen Hufen fortzurücken, denn es sank keuchend und schwer atmend immer tiefer ein.

Bärbchen hatte noch soviel Zeit und Geistesgegenwart, daß sie das Pferd an der Mähne ergriff und über seinen Nacken auf das ungebrochene Eis vor ihm gelangen konnte. Dort fiel sie ins Wasser. Aber sie erhob sich, und da sie festen Grund unter den Füßen spürte, ward ihr klar, daß sie gerettet sei. Noch wollte sie das Pferd befreien; sie neigte sich hinüber, ergriff die Zügel und zog, indem sie auf das jenseitige Ufer zustrebte, aus Leibeskräften an.

Aber das Pferd versank nur immer tiefer und vermochte die Vorderfüße nicht mehr frei zu bekommen, um sich auf das bisher unbeweglich gebliebene Eis zu stützen. Die Zügel spannten sich immer straffer, und endlich versank das Tier im Wasser, so daß nur Hals und Kopf darüber hervorragte. Dann begann es mit fast menschlicher Stimme zu stöhnen, und zeigte knirschend die Zähne. Seine Augen waren mit unbeschreiblichem Ausdruck auf Bärbchen gerichtet, als wollte es ihr zurufen: — Für mich gibt es keine Rettung mehr, laß' die Zügel fahren, sonst reiße ich dich noch mit! —

Und es gab wirklich für das Pferd keine Rettung, Bärbchen mußte die Zügel loslassen.

Als es ganz vom Eise bedeckt war, ging sie an das andere Ufer, setzte sich dort an einen laublosen Strauch und begann wie ein Kind zu schluchzen.

Ihre Energie war auf einen Augenblick ganz gebrochen, und auch die Bitterkeit und das Leid, das nach der Begegnung mit den Menschen ihr Herz erfüllt hatte, schlug jetzt in Wogen über sie zusammen. Alles war wider sie: die Unsicherheit der Wege, die Dunkelheit, die Elemente,Menschen und Tiere, nur die Hand Gottes schien bisher schützend über ihr ausgestreckt zu sein; in diese gute, milde, väterliche Hut hatte sie ihr ganzes kindliches Vertrauen gesetzt, und nun hatte auch diese sie getäuscht. Es war eine Empfindung, der Bärbchen nicht Worte zu leihen wagte, die sie aber desto klarer in ihrem Herzen empfand.

Was blieb ihr? — Klagen und Tränen, und doch hatte sie noch soviel Mut, soviel Tatkraft, soviel Ausdauer, wie ein armes, schwaches Geschöpf in solcher Lage haben kann. Ihr Pferd war ertrunken, die letzte Hoffnung auf Rettung, der letzte Strohhalm, den sie ergreifen konnte — das einzige lebende Wesen, das die Gefahren mit ihr teilte. Ohne dieses Pferd fühlte sie sich kraftlos in dieser Wildnis, die sie von Chreptiow trennte, in diesen Wäldern, Schluchten und Steppen, nicht bloß wehrlos gegen Nachstellung von Mensch und Tier, sondern mehr noch einsam, mehr noch verlassen.

Sie weinte, bis ihr die Tränen versiegten; dann kam die Erschöpfung und Ermüdung, das Gefühl der Ratlosigkeit so mächtig über sie, daß es beinahe der Ruhe glich. Sie seufzte ein über das andere Mal tief auf und sagte zu sich: »Gegen den Willen Gottes vermag ich nichts ... hier will ich sterben.«

Und sie schloß die Augen, die früher so hell und heiter gewesen, heute waren sie eingefallen, umrändert.

Und doch, obgleich ihr Körper mit jeder Minute hinfälliger wurde, waren ihre Gedanken lebendig, und ihr Herz pochte wie das eines aufgescheuchten Vogels. Wenn niemand in der Welt sie geliebt hätte, würde der Tod sie nicht so erschreckt haben, aber es liebten sie doch alle so sehr ... Und sie malte sich aus, was geschehen werde, wenn Asyas Verrat und ihre Flucht bekannt würden, wie man sie suchen,wie man sie endlich finden würde, blau und erfroren, den ewigen Schlaf schlafend unter dem Gesträuch am Fluß. Und plötzlich sagte sie laut:

»O, wie wird Michael verzweifeln, ach ... ach!«

Und dann bat sie ihn um Verzeihung, es sei nicht ihre Schuld.

»Ich, Michael, habe alles getan,« sagte sie, indem sie ihn im Geiste umarmte, »was in meiner Macht stand, aber Gott wollte nicht, mein Geliebter!«

Und eine so innige Liebe zu dem teuren Manne erfaßte sie, eine solche Sehnsucht, wenigstens in der Nähe dieses geliebten Hauptes zu sterben, daß sie alle Kräfte zusammennahm, sich aufraffte und weiter ging.

Anfangs ward es ihr sehr beschwerlich; ihre Füße waren durch den andauernden Ritt des Gehens entwöhnt, und sie hatte die Empfindung, als ginge sie auf fremden Füßen. Zum Glück fühlte sie keine Kälte, ja es war ihr eigentlich warm, denn das Fieber verließ sie keinen Augenblick.

Sie kam tief in den Wald hinein und ging ausdauernd vorwärts, indem sie darauf achtete, die Sonne zur Linken zu behalten. Sie mußte schon auf die Moldauische Seite hinübergegangen sein, denn es war die zweite Hälfte des Tages gekommen, wohl die vierte Stunde. Bärbchen achtete nun schon weniger darauf, dem Dniestr fernzubleiben, denn sie glaubte immer, sie sei schon über Mohylow hinaus.

»O, wenn man das sicher wissen könnte,« wiederholte sie, indem sie ihr bläuliches und zugleich glühendes Gesichtchen zum Himmel wandte. »Wenn ein Tier, ein Baum sprechen könnte, um mir zu sagen: bis Chreptiow ist eine Meile oder zwei, dann erreiche ich es noch.«

Aber die Bäume schwiegen, ja sie schienen ihr sogar feindlich gesinnt und verlegten ihr den Weg mit ihren Wurzeln;alle Augenblicke stieß Bärbchen gegen schneebedeckte Knorren derselben. Nach einiger Zeit ward sie unerträglich matt; sie warf den warmen Übermantel von den Schultern und blieb nur im Jäckchen. Nachdem sie sich so erleichtert hatte, ging sie immer hastiger, bald über die Wurzeln strauchelnd, bald in den tiefen Schnee fallend. Die pelzgefütterten Stiefelchen aus dünnem Saffian, ohne besondere Sohlen und vortrefflich für die Schlittenfahrt oder die Reise zu Pferde, schützten ihre Füße nicht genügend vor Steinen oder Erdschollen; sie waren überdies durch die vielfachen Flußübergänge naß geworden, und in dieser Feuchtigkeit und bei der Wärme der fieberheißen Füße konnten sie leicht zerreißen.

»Ich gelange barfuß entweder nach Chreptiow oder in den Tod,« dachte Bärbchen. Ein trübes Lächeln erhellte ihr Gesichtchen, denn sie empfand doch Freude darüber, daß sie so ausdauernd vorwärts schreite, und daß Michael, wenn sie unterwegs sterben sollte, ihrem Andenken nichts würde vorwerfen können.

Da sie jetzt unaufhörlich in Gedanken mit ihrem Gatten sprach, sagte sie:

»O Michael, eine andere hätte das nicht zustande gebracht, Evchen zum Beispiel.«

An Evchen hatte sie manchmal während dieser Flucht gedacht, sie hatte wohl auch für sie gebetet, denn das war ihr klar: wenn Asya das Mädchen nicht liebte, dann war ihr Los, wie das aller Gefangenen in Raschkow, ein entsetzliches.

»Ihr ist schlimmer als mir,« wiederholte sie, und bei diesem Gedanken wuchsen ihre Kräfte.

Aber jetzt, als eine, die zweite und die dritte Stunde vergangen war, nahmen ihre Kräfte mit jedem Schritte ab. Langsam war die Sonne hinter dem Dniestr versunken, sie übergoß den Himmel mit glänzendem Abendrot und verlosch.Der Schnee nahm einen violetten Glanz an, dann wurde der goldige Streifen am Himmel immer dunkler, immer schmaler, der Ozean, der zwischen Himmel und Erde ergossen schien, wandelte sich in einen See, der See wurde zum Fluß, der Fluß zum Bach, endlich glänzte nur noch ein lichter Streifen am Himmel — und wich der Finsternis. Die Nacht brach an.

Wieder verging eine Stunde, der Wald wurde schwarz und geheimnisvoll, er schwieg, von keinem Lüftchen bewegt, als habe er sich gesammelt, um zu erwägen, was er mit dem armen, verirrten Wesen beginnen solle. Aber es lag nichts Gutes in seiner Totenstille, es war vielmehr Fühllosigkeit und Starrheit. Bärbchen ging immer weiter, immer schneller, mit ihren glühenden Lippen nach Luft haschend. In der Finsternis und bei ihrer Übermüdung fiel sie immer häufiger hin.


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