23. Kapitel.

Und stürb' ich auch am Wiesenrand —Bist du, Lieb', nur bei mir.

Und stürb' ich auch am Wiesenrand —Bist du, Lieb', nur bei mir.

Wieder trat eine Pause ein, die der kleine Ritter unterbrach.

»Bärbchen, höre nur!«

»Was, Michael?«

»Nicht wahr, uns beiden ist sehr wohl miteinander; ich denke, wenn eines von uns fiele, das andere müßte über die Maßen bangen.«

Bärbchen begriff sehr wohl, daß der kleine Ritter, da er, »wenn eines von uns fiele« sagte, statt »stürbe«, nur sich meinte. Ihr kam der Gedanke, daß er vielleicht nicht hoffe, lebendig dieser Belagerung zu entkommen, daß er sie mit dem schweren Gedanken vertraut machen wolle; eine entsetzliche Ahnung schnürte ihr Herz zusammen, sie faltete die Hände und sagte:

»Michael, habe Erbarmen mit mir und mit dir!«

Die Stimme des kleinen Ritters klang ein wenig bewegt, wenn auch ruhig.

»Siehst du, Bärbchen, daß du nicht recht hast,« sagte er, »denn wenn man's recht erwägt — was bedeutet dieses Leben? Wem könnte hier Glückseligkeit und Liebe zur Genüge werden, wenn alles morsch ist wie ein welker Zweig?«

Aber Bärbchen schüttelte sich vor Weinen und rief ein über das andere Mal:

»Ich will nicht — ich will nicht — ich will nicht!«

»So wahr ich Gott liebe, du hast nicht recht,« wiederholte der kleine Ritter. » — Sieh, dort in der Höhe hinter dem stillen Mond, dort ist das Land der ewigen Glückseligkeit. Von solchem Glück wollen wir sprechen. Wer an jenen Rastort gelangt, erst der ruht aus, wie nach einer langen Reise und weidet friedlich. Wenn meine Zeit kommt — und die kommt bei einem Krieger schnell — so mußt du dir sagen: Michael ist fortgereist, gewiß weit, sehr weit, weiter als von hier nach Litauen, — aber das tut nichts, denn ich reise ihm nach. Nicht doch, Bärbchen, still, weine nicht, wer zuerst abreist, der wird dem anderen ein Quartier bereiten — das ist alles.«

Es kam über ihn wie ein Schauen der Zukunft, er hob die Augen zum glänzenden Mond und sprach weiter: »Was ist alles Irdische! Denken wir, ich sei schon dort und es klopft jemand an die Himmelstür; der heilige Petrus öffnet, ich blicke hin — wer ist's? Mein Bärbchen! Ums Himmels willen! Ich eile auf sie zu, ich schreie auf ... lieber Gott, die Worte versagen mir, es gibt kein Weinen, sondern ewige Freude, und es gibt keine Heiden und keine Kanonen, und keine Mine unter den Mauern, — nur Friede, nur Glückseligkeit! Hörst du, Bärbchen?«

»Michael, Michael!« wiederholte Bärbchen, und wieder herrschte Stille, nur unterbrochen von dem fernen, eintönigenKlang der Spitzhacken. Endlich sagte Michael: »Bärbchen, sprechen wir ein Paternoster!«

Und diese beiden Seelen, rein wie Gold, begannen zu beten, und mit jedem Worte des Gebetes ergoß sich neuer Friede in ihre Herzen. Dann überwand sie der Schlummer, und sie schliefen bis zum ersten Morgengrauen.

Vor der ersten Morgenandacht führte Wolodyjowski Bärbchen bis zur Brücke, welche das alte Schloß mit der Stadt verband und sagte ihr beim Abschied:

»Denke daran, Bärbchen — es tut nichts!«

Dekoration, Ende Kap. 22

Titeldekoration, Kap. 23

Kanonendonner erschütterte gleich am frühen Morgen Schloß und Stadt. Schon hatten die Türken das Schloß entlang einen Graben von fünfhundert Ellen Länge ausgehöhlt, an einer Stelle waren sie sogar schon an der Mauer selbst in die Tiefe gelangt. Von dem Graben aus richteten sie ein ununterbrochenes Feuer aus den Janitscharenbüchsen gegen die Mauern. Die Belagerten deckten sich durch Lederbeutel, die mit Wolle gefüllt waren; aber von den Schanzen wurden ununterbrochen Granaten geschleudert. Die Mannschaft bei den Kanonen lichtete sich unheimlich schnell; bei einer Kanone tötete eine Granate sechs Mann von Michaels Fußtruppen mit einem Schlage, bei anderen fielen die Kanoniere einer nach dem anderen. Am Abend sahen die Führer ein, daß sie sich unmöglich zu halten vermochten, um so weniger, als die Mine jeden Augenblick losspringen konnte. Nun versammelten sich in der Nacht die Rottenführer mit ihren Mannschaften und brachten unter beständigem Gewehrfeuer alle Kanonen, Pulver und Lebensmittel in das alte Schloß. Dieses konnte sich, weil es auf Felsen gebaut war, länger halten, und es war besonders schwierig, es zu unterminieren. Michael, der darüber im Rate befragt wurde, sagte, wenn niemand Verhandlungen anknüpfe, sei er bereit, ein ganzes Jahr sich zu verteidigen. Seine Worte gelangten indie Stadt und gossen neuen Mut in die Herzen der Bürger, denn man wußte, daß der kleine Ritter sein Wort halten werde, und sollte er es auch mit dem eigenen Leben bezahlen.

Als sie das neue Schloß verließen, legten sie tüchtige Minen unter beide Seitenflügel und die Front. Die Minen sprangen mit großem Getöse um die Mittagsstunde in die Luft, aber sie fügten den Türken wenig Schaden zu; die Lehre von gestern hatte sie klug gemacht, und sie hatten deshalb noch nicht gewagt, den verlassenen Ort zu besetzen. Indessen aber bildeten die beiden Seitenflügel, die Front, der Hauptteil des neuen Schlosses, einen riesigen Wall von Schutt. Die Schutthaufen erschwerten zwar den Zutritt zu dem alten Schloß, aber sie gaben den Schützen und, was schlimmer war, den Mineuren eine vortreffliche Deckung. Diese letzteren begannen sofort, vor dem Anblick des mächtigen Felsens nicht zurückschreckend, eine neue Mine zu graben. Die Arbeiten leiteten erfahrene italienische und ungarische Ingenieure, die im Dienste des Sultans standen, und die Arbeit ging rüstig fort. Die Belagerten konnten den Feind weder mit Kanonen noch mit Musketen »beunruhigen«, denn man sah ihn nicht. Herr Wolodyjowski dachte an einen Ausfall, aber man konnte ihn nicht sogleich ins Werk setzen; die Soldaten waren allzusehr ermüdet. Die Dragoner hatten an den rechten Armen von dem beständigen Drücken der Kolben blaue Anschwellungen, so groß, wie ein Laib Brot, manche von ihnen konnten den Arm kaum bewegen, und indessen ward es immer deutlicher, daß, wenn das Minenlegen noch eine Weile ununterbrochen fortdauerte, das Haupttor des Schlosses unzweifelhaft in die Luft gesprengt werden würde. Michael sah dies voraus; er ließ hinter dem Tor einen hohen Wall aufschütten und sagte, ohne den Mut zu verlieren:

»Was tut's; fliegt das Tor in die Luft, so werden wir uns hinter dem Wall verteidigen. Fliegt der Wall in die Luft, so schütten wir einen zweiten auf — und so fort, solange wir noch Grund unter den Füßen spüren.«

Aber der General von Podolien, der alle Hoffnung verloren hatte, sagte: »Und wenn auch diese Stelle nicht mehr da ist?«

»Dann sind auch wir nicht mehr da.«

Indessen ließ er den Feind mit Handgranaten überschütten, die große Verluste anrichteten. Am tüchtigsten bei dieser Arbeit erwies sich der Hauptmann Dembinski, der zahllose Türken hinmähte, bis ihm endlich eine allzufrüh entzündete Granate in der Hand platzte und diese mit sich riß. Auf ähnliche Weise fand Kapitän Schmidt den Tod. Viele sanken hin, von Kanonenkugeln getroffen, viele von der Handwaffe, welche die Janitscharen gebrauchten, die hinter dem Schutt des neuen Schlosses aus dem Verborgenen schossen. Während dieser Zeit wurde aus den Schloßkanonen wenig geschossen, was die Herren vom Rat sehr verdutzt machte. Sie schießen nicht mehr, offenbar verzweifelt auch Wolodyjowski an der Möglichkeit der Verteidigung — dies war die allgemeine Stimme. Von den Soldaten wagte niemand zuerst auszusprechen, daß nichts anderes übrig bleibe, als möglichst feste Bedingungen zu erlangen; aber der Bischof, der alles ritterlichen Ehrgeizes bar war, sprach es laut aus. Vorher aber schickte man noch Herrn Wasilkowski zu dem General, um Nachrichten aus dem Schlosse einzuholen. Jener schrieb: — Nach meiner Ansicht hält sich das Schloß nicht bis zum Abend, aber hier denkt man anders. —

Nachdem sie diese Worte gelesen hatten, sagten auch die Soldaten:

»Wir haben getan, was in unserer Macht lag, niemandvon uns hat sich geschont, aber was unmöglich ist, ist unmöglich — wir müssen um die Bedingungen verhandeln.« Diese Worte drangen in die Stadt und verursachten eine große Zusammenrottung; die Menge stand vor dem Rathaus, unruhig, stumm; sie war Unterhandlungen eher ab- als zugeneigt. Einige reiche armenische Kaufleute freuten sich im geheimen, daß die Belagerung ein Ende habe, daß der Handel wieder beginnen werde; andere Armenier aber, die seit uralten Zeiten in der Republik ansässig waren und sie sehr liebten, ferner die Lechen, die Ruthenen wollten die Verteidigung fortsetzen. — Wenn wir uns ergeben wollen, so hätten wir es lieber gleich getan — murrte man hier und da — da hätte sich viel gewinnen lassen; jetzt werden die Bedingungen keine günstigen sein, und so lassen wir uns lieber unter den Trümmern begraben.

Das Murren der Mißvergnügten wurde immer lauter, bis es sich plötzlich und unerwartet in Rufe der Begeisterung und in Vivats umwandelte.

Was war geschehen? Herr Michael war auf dem Markte in Begleitung des Herrn Humiezki erschienen. Der General hatte sie absichtlich hinausgeschickt, damit sie selbst Rechenschaft von den Vorgängen im Schlosse gäben. Die Menge ergriff eine feurige Begeisterung. Die einen schrieen, als seien die Türken schon in die Stadt gedrungen, anderen traten Tränen in die Augen bei dem Anblick des vergötterten Ritters, dem man die außerordentlichen Anstrengungen anmerkte. Sein Gesicht war vom Pulverdampf geschwärzt und abgemagert, seine Augen gerötet und eingefallen, aber er blickte heiter drein. Als Herr Michael und Humiezki endlich durch den Menschenandrang hindurchgekommen waren und in den Rat eintraten, begrüßte man sie auch hier freudig. Der Erzbischof aber begann sogleich:

»Geliebte Brüder!Nec Hercules contra plures!Der Herr General hat uns schon geschrieben, daß ihr euch ergeben müßt.«

Darauf antwortete Humiezki, der sehr lebhaften Temperaments und überdies von hervorragender Familie war und sich wenig um das Urteil der Menge kümmerte, heftig:

»Der Herr General hat den Kopf verloren; er besitzt nur die Tugend, daß er ihn preisgibt. Was die Verteidigung betrifft, so trete ich das Wort Herrn Michael Wolodyjowski ab, weil er das besser zu sagen weiß.«

Aller Augen richteten sich auf den kleinen Ritter.

»Bei Gott, wer spricht hier von Ergebung! Haben wir nicht dem lebendigen Gotte geschworen, daß wir einer über des anderen Leiche fallen wollen?«

»Wir haben geschworen, daß wir tun werden, was in unserer Macht steht, und wir haben alles getan,« antwortete der Bischof.

»Wer etwas versprochen hat, soll auch dafür einstehen. Ich und Ketling, wir haben geschworen, daß wir das Schloß bis in den Tod verteidigen werden, und wir werden es verteidigen; denn wenn ich die Pflicht habe, jedem Menschen mein Ritterwort zu halten, um wie viel eher Gott, der alle an Majestät überragt.«

»Nun, und wie steht's mit dem Schlosse? Wir haben gehört, daß unter dem Tore eine Mine liegt. Wie lange haltet Ihr's aus?« fragten zahlreiche Stimmen.

»Die Mine ist unter dem Tore oder sie wird bald dort sein; aber auch ein artiger Wall erhebt sich schon vor dem Tore, und ich habe auch Kanonen auffahren lassen. Geliebte Brüder, um des Himmels willen bedenkt, wenn wir uns ergeben, müssen wir die Kirchen in die Hände der Heiden liefern, die sie in Moscheen umwandeln werden, um Gräueldarin zu verüben. Wie könnt ihr so leichten Herzens von Ergebung sprechen? Mit welchem Gewissen wollt ihr dem Feind die Pforte zu dem Herzen des Vaterlandes öffnen? Seht, ich sitze im Schlosse und fürchte die Mine nicht, — und ihr fürchtet sie in der Stadt, fern von dort? Bei Gott, ergeben wir uns nicht, solange Leben in uns ist! Laßt die Erinnerung an diese Verteidigung fortleben unter unseren Nachkommen, wie die von Sbarasch in unserem Gedächtnis lebt.«

»Das Schloß werden die Türken in einen Trümmerhaufen verwandeln,« antwortete eine Stimme.

»Mögen sie es verwandeln — auch von einem Trümmerhaufen kann man sich verteidigen.« Hier verließ den kleinen Ritter die Geduld. »Ich werde mich auf diesem Trümmerhaufen verteidigen, so wahr mir Gott helfe! Und nun mein letztes Wort: Ich übergebe das Schloß nicht! Habt ihr's gehört?«

»Du willst die Stadt ins Verderben stürzen?« fragte der Bischof.

»Ehe sie den Türken in die Hände fällt, will ich sie lieber verderben — ich hab's geschworen. Ich will kein Wort mehr verlieren, und ich gehe zurück unter die Kanonen, denn die verteidigen die Republik, sie verkaufen sie nicht.«

Er sprach's und ging hinaus; Humiezki folgte ihm und warf die Türe gellend ins Schloß. Eilig gingen sie beide dahin, denn sie fühlten sich in der Tat wohler unter Trümmerhaufen, Leichen und Kugeln, als unter den kleingläubigen Menschen. Auf dem Wege hatte sie Makowiezki eingeholt.

»Michael,« sagte er, »sag' mir die Wahrheit: hast du vom Widerstand nur gesprochen, um den Leuten Mut zu machen, oder hoffst du dich wirklich im Schlosse halten zu können?«

Der kleine Ritter zuckte die Achseln.

»So wahr ich Gott liebe, wenn sie die Stadt nicht übergeben, — ich will mich ein Jahr lang verteidigen.«

»Warum schießt Ihr nicht? Das hat die Leute erschreckt und darum sprechen sie von Übergabe.«

»Wir schießen nicht, weil wir damit beschäftigt sind, Handgranaten unter den Feind zu werfen, die den Mineuren große Verluste bringen.«

»Hör' Michael, habt Ihr im Schlosse solche Verteidigungsmittel, daß Ihr auch hinter das Reußentor schießen könnt? Wenn nämlich, was Gott verhüte, die Türken den Damm durchbrechen, so gelangen sie ins Tor. Ich bewache es aus allen Kräften, aber mit Bürgern allein, ohne Soldaten, bring' ich's nicht fertig.«

Da versetzte der kleine Ritter:

»Gräme dich nicht, teurer Bruder, ich habe schon fünfzehn Kanonen nach dieser Seite gerichtet; auch um das Schloß seid beruhigt. Wir werden nicht bloß uns verteidigen, sondern, wenn nötig, auch Euch Hilfe an die Tore schicken.«

Als Makowiezki das hörte, freute er sich sehr und wollte schon davongehen, als der kleine Ritter ihn zurückhielt und noch fragte:

»Höre, du bist doch häufiger dort bei den Beratungen: wollen sie uns nur auf die Probe stellen, oder denken sie wirklich daran, Kamieniez in die Hände des Sultans zu liefern?«

Makowiezki senkte den Kopf.

»Michael,« sagte er, »so sage doch aufrichtig: muß es nicht so enden? Eine Zeitlang werden wir uns halten, eine Woche, zwei, einen Monat, zwei Monate, — aber das Ende wird stets dasselbe sein.«

Michael blickte ihn finster an; dann erhob er die Hände und rief aus:

»Brutus, auch du gegen mich? Ha, so werdet Ihr allein Eure Schmach tragen, für mich ist diese Bürde nicht.« Und sie schieden mit Groll im Herzen.

Die Mine unter dem Haupttor des alten Schlosses explodierte kurz nach Herrn Michaels Ankunft. Ziegelsteine flogen durch die Bresche, wie eine Schafherde durch die offene Tür in die Hürde flutet, wenn der Hirt und die Futterknaben ihnen mit Peitschen folgen. Ketling aber pfiff unter die Menge mit Kartätschen aus sechs Geschützen, die er vorher auf dem Walle in Bereitschaft gestellt hatte; er pfiff ein über das andere Mal und fegte den Hof rein. Michael, Humiezki, Myslischewski waren mit dem Fußvolk und den Dragonern herangeeilt und sie besetzten den Wall so dicht, wie Fliegen an heißen Sommertagen das Aas eines Rindes oder Pferdes besetzen. Es begann ein Kampf aus Musketen und Büchsen, die Kugeln fielen so dicht auf den Wall, wie Regen oder Getreidekörner, die der rüstige Bauer mit der Schaufel in die Höhe wirft. Die Türken wimmelten zwischen den Trümmern des neuen Schlosses; in jeder Vertiefung, hinter jedem Bruch, hinter jedem Stein, hinter jeder Trümmergrube saßen sie zu zweien, zu dreien, zu fünfen, zu zehnen und feuerten ohne Unterlaß. Von Chozim her strömten ihnen immer neue Hilfskräfte zu, Regiment auf Regiment kam heran, stürmte auf die Trümmer los und eröffnete sofort das Feuer. Das ganze neue Schloß war wie mit Turbanen gepflastert. Manchmal erhoben sich diese Massen von Turbanen plötzlich mit entsetzlichem Geschrei und stürmten gegen die Breschen; aber da ergriff Ketling das Wort, — der dröhnende Baß der Kanonen überdröhnte das Krachen der Feuergewehre, und Heere von Kartätschen flogen pfeifend und surrend durch die Luft unter die Menge, streckten sie zu Boden und füllten die Bresche mit Haufen von zuckenden Menschenkörpern. Viermal stürmtendie Janitscharen vorwärts, viermal warf Ketling sie zurück und streute sie in alle Winde, wie der Sturm das Laub zerstreut. Er selbst stand mitten im Feuer, im Rauch, umherflatternden Erdschollen und platzenden Granaten da, dem Engel des Krieges vergleichbar. Seine Augen waren auf die Bresche geheftet, und auf seiner lichten Stirn sah man nicht die geringste Besorgnis. Bald entriß er einem Kanonier die Lunte und hielt sie an die Kanone, dann die Hand über die Augen, um nach dem Erfolg des Schusses zu spähen, und von Zeit zu Zeit wandte er sich lächelnd zu den polnischen Offizieren und sagte:

»Sie kommen nicht herein.«

Nie war die Wut eines Angriffes an einer solchen Furie der Verteidigung zerschellt. Offiziere und Soldaten wetteiferten; die Aufmerksamkeit dieser Menschen schien auf alles gerichtet, nur nicht auf den Tod. Der Tod aber streckte Mann auf Mann danieder, Humiezki Mokoschyzki, der Kommandant der Kijaner, fiel. Endlich griff auch der blonde Kaluschewski stöhnend an seine Brust, Michaels alter Freund, ein Soldat, mild wie ein Lämmchen und furchtbar wie ein Löwe. Michael fing den Fallenden auf, er aber sagte: »Gib mir die Hand, schnell, gib mir die Hand«; dann fügte er hinzu: »Gott sei Dank!« und sein Gesicht wurde so weiß wie sein Bart. Es war vor dem vierten Angriff. Eine Bande der Janitscharen war gerade durch die Bresche gelangt oder vielmehr, sie konnte wegen des dichten Kugelregens nicht wieder heraus. Michael sprang ihnen an der Spitze des Fußvolkes entgegen und schlug sie im Augenblick mit Kolben und Messer.

Stunde um Stunde verrann, das Feuer ließ nicht nach. Inzwischen gelangte in die Stadt das Gerücht von der heldenhaften Verteidigung und erregte Begeisterung und Kampfesmut. Die lechische Bürgerschaft, besonders die jugendliche,lief in der Stadt zusammen und feuerte einander an. Eilen wir denen im Schloß zu Hilfe! Kommt hin, lassen wir die Brüder nicht, vorwärts Burschen! — so tönte es über den Markt, an den Toren, und bald rückten einige hundert Leute, schlecht ausgerüstet, aber mit Mut im Herzen, nach der Brücke. Sofort richteten die Türken auf sie ein furchtbares Feuer, so daß sie mit Leichen wie übersät war, aber ein Teil drang hinüber und begann vom Wall aus mit frischem Mute den Kampf gegen die Türken.

Endlich wurde auch der vierte Angriff mit so schwerem Verlust für die Türken zurückgeschlagen, daß ein Augenblick der Erschöpfung einzutreten schien. Vergebliche Hoffnung! Das Geknatter der Janitscharenbüchsen hörte nicht auf; erst am späten Abend verstummten die Kanonen, und die Türken verließen die Trümmer des neuen Schlosses. Die übriggebliebenen Offiziere kamen nach der anderen Seite vom Schlosse herab; der kleine Ritter befahl ohne einen Augenblick Zeitverlust die Bresche zu verbauen; was nur irgend vorhanden war, sollte vorgeschüttet werden, Holz, Kloben, Faschinen, Schutt, Erde. Das Fußvolk, die Genossen, die Dragoner, die Linie, die Offiziere — alles arbeitete um die Wette ohne Unterschied des Ranges. Man erwartete, daß die türkischen Kanonen jeden Augenblick wieder aufblitzen würden; aber schließlich war dieser Tag ein Tag großen Sieges der Belagerten über die Belagerer, und darum strahlten alle Gesichter, glühten alle Herzen von Hoffnung und Lust nach ferneren Siegen.

Nach Beendigung der Arbeit gingen Ketling und Michael Arm in Arm um den Maidan und um die Mauern, sie lugten über die Zinnen, um nach dem Hofe des neuen Schlosses zu spähen, und freuten sich über die reichliche Ernte.

»Leiche auf Leiche,« sagte der kleine Ritter, indem er aufdie Trümmerhaufen wies, »und an der Bresche Haufen, daß man mit den Leitern hinauf muß. Ketling, das ist das Werk deiner Kanonen.«

»Das beste,« antwortete der Ritter, »ist, daß wir die Bresche so verbaut haben, daß den Türken der Zutritt wieder verschlossen ist, und sie viele neue Minen legen müssen. Ihre Macht ist unerschöpflich wie das Meer, aber eine Belagerung wie diese müssen sie in einem oder zwei Monaten satt bekommen.«

»Während dieser Zeit kommt der Hetman, — und schließlich, was auch kommen mag, wir sind durch einen Eid gebunden,« sagte der kleine Ritter.

In diesem Augenblick sahen sie einander in die Augen, und Michael fragte mit gedämpfter Stimme:

»Hast du getan, was ich dir auftrug?«

»Alles ist vorbereitet,« antwortete ebenfalls flüsternd Ketling. »Aber ich denke, es kommt nicht dazu, denn wir können wirklich hier noch sehr viele solcher Tage wie den heutigen haben.«

»Gebe Gott ein solches Morgen.«

»Amen!« antwortete Ketling und richtete die Augen zum Himmel empor.

Ihr Gespräch wurde von Kanonendonner unterbrochen. Wieder fielen Granaten in das Schloß. Viele von ihnen platzten in der Luft und erloschen sofort wie Wetterleuchten. Ketling sah mit dem Auge des Kenners hin.

»Auf der Schanze dort, von der die Schüsse kommen,« sagte er, »sind die Zünder bei den Granaten zu stark geschwefelt.«

»Auch auf den anderen beginnt's zu dampfen,« antwortete Michael.

Es war wirklich so. Wie, wenn ein Hund durch dienächtliche Stille anschlägt, sogleich die anderen mitkläffen und schließlich das ganze Dorf vom Bellen widerhallt, so weckte die eine Kanone auf den türkischen Schanzen alle benachbarten, und die belagerte Stadt umgab ein Kranz von Granatschüssen. Dieses Mal beschoß man hauptsächlich die Stadt, nicht das Schloß. Dafür aber hörte man von drei Seiten das Graben von Minen; obwohl der mächtige Fels den Arbeiten der Mineure fast unüberwindlichen Widerstand entgegensetzte, hatten die Türken offenbar beschlossen, dieses Felsennest durchaus in die Luft zu sprengen.

Auf Ketlings und Michaels Befehl begann man wieder Granaten zu werfen, und zwar dorthin, woher der Widerhall der Spitzhacken drang. Aber im Dunkel der Nacht ließ sich schwer erkennen, ob diese Art der Verteidigung den Belagerten irgend einen Verlust bringe. Zudem hatten alle ihre Augen und ihre Aufmerksamkeit auf die Stadt gerichtet, die von einer ganzen Schar flammender Vögel umflattert wurde. Manche Geschosse platzten in der Luft, andere umschrieben einen feurigen Bogen am Firmament und fielen mitten in die Häuserreihen der Stadt. Plötzlich zerriß ein blutiger Feuerschein an mehreren Stellen das nächtliche Dunkel. Die Katharinenkirche stand in Flammen, die griechische Georgskirche in dem reußischen Stadtteil, und gleich darauf ging auch die armenische Kathedrale in Feuer auf, die übrigens schon am Tage gebrannt hatte und jetzt, unter dem Granatenregen, sich von neuem entzündete. Der Brand wuchs mit jedem Augenblick und erhellte die ganze Gegend. Das Geschrei aus der Stadt drang bis an das alte Schloß, man konnte glauben, die ganze Stadt stehe in Flammen.

»Schlimm,« sagte Ketling, »die Bürger werden den Mut sinken lassen.«

»Und wenn alles in Flammen aufgeht,« antwortete derkleine Ritter, »wenn nur der Fels nicht birst, von dem wir uns verteidigen können.«

Das Geschrei schwoll immer mächtiger; von der Kathedrale sprang das Feuer auf die armenischen Warenlager über, die auf dem armenischen Markte standen; große Reichtümer in Gold-, Silberteppichen, Fellen und kostbaren Stoffen gingen in Flammen auf. Nach kurzer Zeit züngelten die Flammen über den Häusern.

Michael erschrak aufs äußerste.

»Ketling,« sagte er, »beobachte das Granatenwerfen und störe soviel du kannst die Mienenarbeiten; ich will in die Stadt sprengen, denn mir gerinnt das Blut, wenn ich an die Dominikanerinnen denke. Gott sei gedankt, daß sie das Schloß in Ruhe lassen, und daß ich mich entfernen kann ...«

Im Schloß war in diesem Augenblick wirklich nicht viel zu tun, und so bestieg der kleine Ritter sein Pferd und sprengte davon. Erst nach zwei Stunden kehrte er wieder. Muschalski begleitete ihn; er war von der Verletzung, die ihm Hamdis Faust beigebracht hatte, schon genesen und kam jetzt aufs Schloß, weil er glaubte, bei dem Stürmen den Heiden mit seinem Bogen Verluste bereiten zu können.

»Ich grüße Euch,« sagte Ketling, »ich war schon beunruhigt. Was gibt's dort bei den Dominikanerinnen?«

»Alles steht gut,« antwortete der kleine Ritter, »nicht eine Granate ist dort geplatzt; der Ort ist abgelegen und sicher.«

»Gelobt sei Gott! Ängstigt sich Christine nicht?«

»Sie ist ruhig, als sei sie daheim. Sie sitzt mit Bärbchen in einer Zelle; Sagloba ist bei ihnen, auch Muschalski ist dort; er hat sein klares Bewußtsein wieder erlangt und bat mich, ihn mit aufs Schloß zu nehmen; aber er steht kaum festauf seinen Füßen. Ketling, reite du jetzt hin, ich will dich hier vertreten.«

Ketling hatte Michael erwartet, denn sein Herz zog ihn zu seiner geliebten Christine, und er ließ sofort sein Pferd bringen. Aber ehe es kam, fragte er noch den kleinen Ritter aus, was es in der Stadt gäbe.

»Die Bürger löschen das Feuer mit großem Mut,« antwortete der kleine Ritter; »aber die weisen armenischen Kaufleute haben, als sie ihre Waren in Flammen aufgehen sahen, eine Deputation an den Bischof geschickt und drängen ihn, die Stadt zu übergeben. Da ich das hörte, ging ich in den Rat, obgleich ich mir versprochen hatte, nie wieder hinzugehen. Dort schlug ich einem, der am dringendsten die Übergabe forderte, ins Gesicht; der Bischof sah mich dafür schief an. Schlimm, Bruder; den Leuten sinkt der Mut immer mehr, und immer wohlfeiler erscheint ihnen unser Verteidigungswerk. Sie tadeln uns, sie loben uns beileibe nicht, sie sagen, wir setzen die Stadt unnütz der Gefahr aus. Ich habe auch gehört, daß sie über Makowiezki hergefallen sind, weil er sich den Verhandlungen widersetzt hat. Der Bischof selbst hat gesagt: »Wir verraten weder den Glauben, noch den König, was kann uns der Widerstand noch nützen?« Du siehst, die Tempel sind geschändet, ehrliche Mädchen der Schande preisgegeben, unschuldige Kinder in die Sklaverei geführt, durch Unterhandlung aber — sagte er — können wir noch ihr Schicksal wenden und uns freien Abzug sichern.« So sagte der Bischof, und der General schüttelte den Kopf und wiederholte: »O, fände ich lieber den Tod — aber es ist wahr!«

»Gottes Wille geschehe!« antwortete Ketling.

Michael rang die Hände. »Wenn es noch wahr wäre!« schrie er auf, »aber Gott ist unser Zeuge, daß wir uns wohl verteidigen können.«

Inzwischen war das Pferd gebracht. Ketling saß eilig auf, Michael aber rief ihm noch auf den Weg nach:

»Vorsicht! Auf der Brücke dort fallen die Granaten in dichten Haufen!«

»In einer Stunde bin ich zurück,« sagte Ketling und sprengte davon.

Herr Michael und Muschalski machten nun einen Gang um die Mauer.

An drei Stellen wurden Granaten geworfen, und an drei Stellen hörte man die Minenarbeiten. Auf der linken Seite des Schlosses leitete Luschnia die Arbeit.

»Wie geht es hier?« fragte Michael.

»Schlimm, Herr Kommandant,« antwortete der Wachtmeister, »die Hunde sitzen schon im Felsen, und kaum, daß mal einem beim Eingang das Fell gestreift wird. Wir haben nicht viel ausgerichtet ...«

An den anderen Stellen stand es noch schlimmer, um so schlimmer, als der Himmel umwölkt war, und ein Regen niederging, der die Zünder der Granaten feucht machte, auch hinderte die Dunkelheit die Arbeiten.

Herr Michael führte Muschalski ein wenig auf die Seite, plötzlich blieb er stehen und sagte:

»Was meint Ihr, wenn wir versuchten, diese Maulwürfe in ihren Höhlen zu erwürgen.«

»Das ist, glaube ich, der sichere Tod, denn ganze Regimenter von Janitscharen decken sie. Doch — versuchen wir's!«

»Wohl wahr, die Regimenter decken sie, aber die Nacht ist sehr dunkel, und sie sind leicht in Verwirrung zu bringen. Überlegt nur, in der Stadt denken sie an Übergabe, — weshalb? Sie sagen: die Minen sind unter unseren Füßen, ihr werdet euch nicht halten. So würden wir ihnen die Mäuler stopfen, wenn wir noch heute nacht hinmeldeten: Es gibtkeine Mine mehr. Das lohnt wohl, sein Leben aufs Spiel zu setzen, — oder etwa nicht?«

Muschalski sann eine Weile nach, dann rief er aus: »Wohl, bei Gott, es verlohnt!«

»An der einen Stelle haben sie erst unlängst zu graben begonnen; die wollen wir in Ruhe lassen. Aber von dieser und von der anderen Seite sind sie schon sehr tief eingedrungen. Ihr nehmt fünfzig Dragoner, ich nehme ebensoviel; wir wollen versuchen, ihnen den Garaus zu machen. Habt Ihr Lust?«

»O gewiß, und welche Lust! Ich stecke ein paar Nägel in den Gurt, die Geschütze zu vernageln, wenn wir vielleicht unterwegs auf Geschütze stoßen.«

»Ich zweifle daran, obwohl in der Nähe Kanonen stehen; aber nehmt nur die Nägel mit. Wir wollen auf Ketling warten, denn er weiß besser als die anderen, wie er uns im Falle der Not zu Hilfe kommen kann.«

Ketling kam, wie er versprochen hatte. Auch nicht eine Minute hatte er versäumt, und eine halbe Stunde später kamen zwei Abteilungen Dragoner von je fünfzig Mann an die Bresche herangerückt und schlichen auf die andere Seite hinüber. Sie verschwanden in der Finsternis. Ketling ließ noch eine Zeit hindurch Granaten werfen, aber bald unterbrach er die Arbeit und wartete. Sein Herz schlug unruhig, denn er war sich der Kühnheit des Unternehmens voll bewußt. Eine Viertelstunde verging, eine halbe, eine ganze Stunde; es schien, als müßten sie schon den Ort erreicht haben und beginnen; und doch konnte man, wenn man das Ohr auf den Boden hielt, deutlich die ruhige Minenarbeit hören.

Plötzlich ertönte am Fuße des Schlosses ein Pistolenschuß, der übrigens infolge der herrschenden Feuchtigkeit der Luft und des ununterbrochenen Kugelwechsels von den Schanzenher nicht allzu laut knallte und vielleicht verpufft wäre, ohne die Aufmerksamkeit der Besatzung zu erregen, wäre nicht sofort ein entsetzlicher Lärm entstanden. Sie sind am Ziel, dachte Ketling, aber ob sie wiederkehren? — Drüben ertönte das Geschrei von Menschen, das Getöse der Kanonen, die Stimmen der Pfeifen und endlich das Geknatter der Janitscharenbüchsen, eilig, ungeordnet. Von allen Seiten wurde geschossen; offenbar waren ganze Abteilungen den Mineuren zu Hilfe geeilt. Aber wie Michael vorausgesehen, hatte sich der Janitscharen eine große Verwirrung bemächtigt; sie fürchteten, sich gegenseitig zu verwunden, und riefen sich mit lauter Stimme an, indem sie blindlings, ja zum Teil in die Luft feuerten. Mit jedem Augenblick wuchs der Lärm der Stimmen und der Geschosse. Wie wenn der blutdürstige Marder im Frieden der Nacht unter das schlafende Federvieh dringt, plötzlich in dem stillen Hühnerhaus eine entsetzliche Verwirrung und angstvolles Gackern entsteht — so brach auch um das Schloß herum ein furchtbarer Wirrwarr los. Von den Verschanzungen wurden Granaten auf die Mauer geworfen, um die Dunkelheit zu lichten; Ketling ließ die Kanonen auf die türkischen Vorposten richten und antwortete mit Kartätschen. Die türkischen Gräben, die Mauern leuchteten auf, in der Stadt wurde Lärm geschlagen, denn man glaubte allgemein, die Türken seien in die Festung eingedrungen. Auf den Schanzen glaubte man gerade das Gegenteil, daß ein gegen die Arbeiten gerichteter wütender Ausfall der Belagerten geplant sei, und so entstand ein allgemeiner Alarm. Die Nacht begünstigte das kühne Unternehmen Michaels und Muschalskis, denn es war sehr finster geworden. Die Kanonenschüsse und die Granaten erhellten nur auf Augenblicke den dunklen Schleier, der dann um so schwärzer wurde; endlich öffneten sich plötzlich die Schleusen des Himmels und gossen strömendenRegen herab. Donnerschläge übertönten das Geschützfeuer und hallten heulend in entsetzlichem Echo von den Felsen wieder. Ketling sprang von dem Wall hinab, eilte an der Spitze einer kleinen Mannschaft an die Bresche und wartete.

Es dauerte nicht lange, so wimmelte es von dunklen Gestalten zwischen den Balken, welche die Öffnung schützten.

»Wer da?« rief Ketling.

»Michael Wolodyjowski!« ertönte die Antwort, und die beiden Ritter stürzten sich in die Arme.

»Was ... wie steht's dort?« fragten die Offiziere, die immer zahlreicher zur Bresche geeilt kamen.

»Gott sei Dank! Die Mineure sind bis auf den letzten Mann aufgerieben, die Werkzeuge zerbrochen und in alle Winde gestreut; ihre ganze Arbeit war vergeblich!«

»Gott sei Dank, Gott sei Dank!«

»Ist Muschalski mit den Seinigen zur Stelle?«

»Er ist noch nicht zurück!«

»Sollen wir ihm zu Hilfe eilen? Wem beliebt's, meine Herren?«

In diesem Augenblick tauchten neue Gestalten in der Bresche auf. Muschalskis Leute kamen eiligst zurück, wenn auch in bedeutend verringerter Zahl; es waren viele von ihnen unter den Kugeln geblieben; aber die Freude über den günstigen Erfolg glänzte auf ihren Gesichtern. Einige von den Soldaten brachten Spitzhacken, Bohrer, Keilhauen als Beweisstücke, daß sie wirklich in den Minen gewesen waren, mit.

»Wo ist Muschalski?« fragte Michael.

»Ja, wo ist Muschalski?« wiederholten mehrere Stimmen.

Die Leute vom Kommando des berühmten Bogenschützen sahen sich einander an; da meldete sich einer von den Dragonern,der schwer verwundet war, und sagte mit schwacher Stimme:

»Muschalski ist gefallen; ich sah, wie er fiel; ich sank neben ihm nieder, aber ich erhob mich wieder, — er blieb ...«

Die Ritter waren tief bewegt durch den Tod des Bogenschützen, denn er war einer der ersten Krieger in dem Heere der Republik. Man fragte den Dragoner noch aus, wie das gekommen sei, aber er konnte nicht Rede stehen, denn sein Blut floß in Strömen, und endlich sank er wie eine Garbe zu Boden.

Die Ritter klagten über den Tod Muschalskis.

»Sein Gedächtnis wird fortleben im Heere,« sagte Kwasibrozki; »wer diese Belagerung überlebt, der wird seinen Namen rühmen.«

»Ein solcher Bogenschütze wird nicht mehr geboren,« sagte eine andere Stimme.

»Er war der Stärkste in ganz Chreptiow,« ließ sich der kleine Ritter vernehmen; »einen Taler drückte er mit einem Finger tief in ein breites Brett hinein. Nur der eine Longinus, der Litauer, übertraf ihn an Kraft, aber der fiel bei Sbarasch, und von den Lebenden gleicht ihm höchstens Nowowiejski an Stärke der Arme.«

»Ein großer, großer Verlust,« sagten andere; »nur in alten Zeiten wurden solche Krieger geboren.«

Nachdem sie so das Andenken des Bogenschützen geehrt hatten, bestiegen sie den Wall. Michael schickte sofort einen Berittenen mit der Nachricht an den General und den Bischof, daß die Mine zerstört und die Mineure durch einen Überfall aufgerieben seien. Mit großem Erstaunen nahm man diese Nachricht in der Stadt auf, aber — wer hätte es für möglich gehalten — mit verhohlenem Unwillen. Sowohl der General wie der Bischof waren der Ansicht, daß diese augenblicklichenTriumphe die Stadt nicht retten und den grausamen Löwen nur noch mehr reizen würden. Sie hätten nur in dem einen Falle nützen können, wenn man trotz ihrer der Übergabe zustimmte, und so beschlossen denn auch die beiden obersten Führer, die Verhandlungen fortzusetzen.

Aber weder Ketling noch Michael glaubten, daß die glücklichen Nachrichten, die sie hinsandten, keinen Erfolg haben sollten; sie waren der Überzeugung, daß jetzt auch die verzagtesten Herzen Mut erfüllen, und daß alle in neuer Lust zu hartnäckigem Widerstand entbrennen würden, denn die Stadt konnte nicht eingenommen werden, solange das Schloß standhielt. Solange also das Schloß nicht nur Widerstand leistete, sondern sogar dem Feinde noch Schaden zuzufügen vermochte, befanden sich die Belagerer noch keineswegs in der Zwangslage, zu Verträgen ihre Zuflucht zu nehmen. An Vorräten war Überfluß, ebenso an Pulver; man brauchte nur die Tore zu bewachen und die Brände in der Stadt zu löschen.

Während der ganzen Belagerung war dies die freudigste Nachricht für den kleinen Ritter und für Ketling. Sie hatten große Hoffnung, selbst heil aus dieser türkischen Umklammerung hervorzugehen und die teuren Häupter ihrer Lieben heimzuführen.

»Noch ein paar Stürme,« sagte der kleine Ritter, »und so wahr Gott lebt, die Türken werden müde werden und uns durch Hunger zwingen wollen. Es fehlt uns an Lebensmitteln nicht; der September steht vor der Tür, in zwei Monaten beginnen die Regen und der Winter, und ihr Heer ist wenig abgehärtet; wenn sie einmal ordentlich frieren, gehen sie drauf.«

»Viele von ihnen stammen aus den äthiopischen Ländern,« antwortete Ketling, »oder aus anderen, wo der Pfeffer wächst, und die frißt jeder Frost auf; zwei Monate haltenwir im schlimmsten Falle sogar unter Stürmen aus. Es ist auch unmöglich, daß kein Ersatz komme; endlich muß die Republik erwachen, und wenn auch der Hetman keine große Heeresmacht sammelt, so wird er die Türken im Kleinkrieg reizen.«

»Ketling, ich glaube, unsere Stunde ist noch nicht gekommen.«

»Das steht in Gottes Hand; aber auch ich glaube, dazu kommt es noch nicht.«

»Es müßte denn einer von uns fallen, wie Muschalski, — ja, was kann man dagegen tun? ... Schmerzt mich sehr, Muschalskis Tod, wenn er auch wie ein Held gefallen ist.«

»Gebe uns Gott keinen schlechteren Tod, nur jetzt noch nicht, denn ich sage dir, Michael, es wäre mir leid um ... Christine.«

»Ja, und mir um Bärbchen ... Nun, wir tun, was in unseren Kräften steht, die göttliche Barmherzigkeit waltet über uns. Ich bin hocherfreut im Herzen, ich muß auch morgen etwas Bedeutendes unternehmen.«

»Die Türken haben hölzerne Schutzwehren aus Bohlen auf den Schanzen errichtet; ich habe mir ein Mittel erdacht, wie es zum Anzünden der Schiffe benutzt wird. Die Lappen werden schon mit Pech getränkt, und ich trage Hoffnung, daß morgen bis zum Mittag all ihre Arbeiten in Flammen aufgegangen sind.«

»Ha,« sagte der kleine Ritter, »so wage ich einen Ausfall; bei dem Brande entsteht ohnehin Verwirrung, und es wird ihnen gar nicht in den Sinn kommen, daß ein Ausfall am hellen, lichten Tage unternommen werden könnte. Es kann morgen noch besser kommen als heute, Ketling.«

So sprachen sie, das Herz von Freude erfüllt; dann begaben sie sich zur Ruhe, denn sie waren sehr müde. Aber derkleine Ritter hatte noch nicht drei Stunden geschlafen, als ihn der Wachtmeister Luschnia weckte.

»Herr Kommandant, es gibt Neuigkeiten,« sagte er.

»Was gibt's?« rief der wachsame Krieger und sprang mit einem Satz in die Höhe.

»Herr Muschalski ist da.«

»Bei Gott, was sagst du?«

»Er ist da; ich stand an der Bresche, da hörte ich, wie einer von drüben in unserer Sprache ruft: »Nicht schießen, ich bin's!« Ich höre hin, — da kommt Muschalski, als Janitschar verkleidet, an.«

»Gott sei gedankt,« sagte der kleine Ritter.

Er eilte hinaus, den Schützen zu begrüßen. Der Tag dämmerte schon; Muschalski stand diesseits des Walles in weißer Kapuze und Rüstung, so völlig einem Janitscharen ähnlich, daß man den eigenen Augen nicht traute. Als er den kleinen Ritter erblickte, sprang er auf ihn zu, und sie begrüßten sich freudig.

»Wir haben Euch schon beweint,« rief Herr Michael.

Inzwischen waren einige andere Offiziere herbeigekommen, unter ihnen auch Ketling. Alle waren sehr erstaunt und fragten den Bogenschützen um die Wette aus, wie er zu der türkischen Verkleidung gekommen sei: er ergriff das Wort und erzählte:

»Ich purzelte rückwärts taumelnd über die Leiche eines Janitscharen und schlug mit dem Kopf an eine Kugel, die am Boden lag, und obwohl meine Mütze mit Draht versehen ist, ward es mir doch neblig um die Sinne, da mein Gehirn von dem Schlage, den mir Hamdi versetzt hatte, noch sehr empfindlich ist. Dann später erwache ich — sieh' da, ich liege auf einem toten Janitscharen, weich wie im Bette. Ich fühle nachmeinem Kopfe: er tut ein wenig weh, aber nicht einmal eine Beule ist zu spüren; ich nehme die Mütze ab, der Regen kühlt mir den Kopf, ich denke bei mir: Gut so. Da fällt mir ein: wenn ich dem Janitscharen so den ganzen Plunder abnähme und unter die Türken ginge? Ich spreche ja türkisch wie meine Muttersprache, niemand wird mich erkennen, und mein Gesicht verrät mich auch nicht. Ich will hingehen und sie belauschen. — Wohl packte mich auch die Angst; ich dachte an die alte Gefangenschaft, aber ich ging doch hin. Die Nacht war dunkel, nur an einigen Stellen war Licht; und so ging ich, sag' ich euch, unter ihnen einher wie unter den eigenen Landsleuten. Viele von ihnen lagen in den Gräben unter Decken; ich ging auch zu ihnen. Einer und der andere fragte mich: Was schlenderst du umher? — Ich mag nicht schlafen, antwortete ich. Andere schwatzten über die Belagerung. Es herrscht große Verwunderung unter ihnen, ich habe es mit eigenen Ohren gehört, wie sie unsere Kommandanten hier geschmäht haben« — bei diesen Worten verneigte sich Muschalski vor Michael. »Ich wiederhole ihreipsissimaverba, denn Feindes Tadel ist das größte Lob. — Solange dieser kleine Hund — so nannten die Hundsfötter Ew. Gnaden — solange dieser kleine Hund das Schloß verteidigt, kriegen wir es nimmermehr. — Er ist kugel- und eisenfest, sagte ein anderer, und der Tod weht vor ihm die Menschen an wie die Pest. — Da begannen sie alle zu klagen: Wir allein müssen in den Kampf, und die anderen Heere tun gar nichts, die Dschamaken liegen auf dem Rücken, die Tataren plündern, die Spahis schlendern im Bazar umher, — und zu uns sagt der Padischah: Meine lieben Schäfchen; aber wir scheinen ihm doch nicht gar so sehr ans Herz gewachsen zu sein, wenn man uns hier wie zur Schlachtbank führt. Wir halten's aus — sagten sie —, aber nicht lange; dann gehen wir nach Chozim zurück,und wenn wir den Urlaub nicht bekommen, so kann manches große Haupt fallen.«

»Hört ihr's, Herren?« rief Michael. »Wenn die Janitscharen sich empören, wird dem Sultan der Schreck in die Glieder fahren, und er gibt die Belagerung auf.«

»So wahr Gott lebt, ich sage die volle Wahrheit,« sprach Muschalski. »Bei den Janitscharen ist eine Rebellion leicht gemacht, und sie sind schon mißvergnügt. Ich meine, sie halten's noch ein oder zwei Stürme aus, dann werden sie die Zähne fletschen gegen die Janitschar-Aga und den Kaimakam, ja, gegen den Sultan selber.«

»So ist's,« riefen die Offiziere, »mögen sie noch zwanzigmal den Sturm versuchen, — wir sind bereit.«

Sie schlugen an die Säbel und blickten mit glühenden Augen zu den Verschanzungen hinüber; der kleine Ritter aber flüsterte Ketling begeistert zu: »Ein zweites Sbarasch, ein zweites Sbarasch!«

Muschalski fuhr fort:

»Das habe ich gehört; ich ging ungern fort, denn ich hätte noch mehr hören mögen, aber ich fürchtete, der Tag werde mich überraschen. Ich ging also zu den Verschanzungen, von denen nicht geschossen wurde, um in der Dämmerung durchschleichen zu können. Da sah ich eine Stelle, wo keine ordentliche Bewachung war. Die Janitscharen schlichen in Haufen herum. Ich ging an eine mächtige Kanone heran; niemand rief mich an ... der Herr Kommandant weiß, daß ich beim Überfall Nägel zur Vernagelung der Kanonen mitgenommen habe. Schnell schob ich einen in die Öffnung, — er wollte ohne Hammer nicht hinein; da mir aber der liebe Herrgott Kraft in der Faust gegeben hat — die Herren haben meine Experimente ja oft gesehen —, so drückte ich ihn mit der bloßen Hand hinein. Es knarrte ein wenig, aber derNagel drang bis an den Kopf in die Öffnung ... Ich hatte eine höllische Freude daran!«

»Bei Gott, das habt Ihr getan? Ihr habt die große Kanone vernagelt?« fragte es von allen Seiten.

»Das habe ich getan und noch mehr. Denn als alles glatt abging, war es mir wieder leid, fortzugehen, und ich schlich zur zweiten Kanone ... Die Hand tut mir weh, — aber die Nägel sind richtig drin.«

»Werte Herren!« rief Michael, »niemand hat Größeres vollbracht, niemand sich mit solchem Ruhme bedeckt — Vivat Muschalski!«

»Vivat, vivat!« fielen die Offiziere ein, und in den Ruf der Offiziere die Soldaten. Die Türken hörten es in den Verschanzungen und erschraken, und immer tiefer sank ihnen der Mut. Der Bogenschütze aber verneigte sich voll Freude vor den Offizieren; er erhob seine mächtige, einem Spaten ähnliche Hand, an der zwei blaue Flecken sichtbar waren, und sagte:

»Bei Gott, ich habe die Wahrheit gesprochen — hier das Zeugnis!«

»Wir glauben's!« riefen alle, »danke dem Höchsten, daß du glücklich zurückgekehrt bist.«

»Ich schlich durch die Gerüste hindurch,« versetzte der Bogenschütze; »und hätte gern die Arbeiten in Brand gesteckt, aber mir fehlte der Zündstoff.«

»Weißt du wohl, Michael,« rief Ketling, »meine Lappen sind fertig, ich muß anfangen an die Gerüste zu denken; sie sollen erfahren, daß wir sie zuerst angreifen.«

»Recht so, recht so!« rief Michael.

Er selbst eilte zum Zeughaus und sandte eine neue Nachricht in die Stadt: »Muschalski ist beim Ausfall nicht getötet worden; er ist zurückgekommen, ja, er hat zwei große Kanonenvernagelt. Er war mitten unter den Janitscharen, die von Rebellion sprachen. In einer Stunde stecken wir die Holzbauten in Brand, und wenn es möglich ist, machen wir einen zweiten Ausfall.«

Noch war der berittene Bote nicht über die Brücke gekommen, als die Mauern von Kanonendonner erdröhnten. Diesmal begann das Schloß die brüllende Zwiesprache. Im blassen Lichte des Morgens flogen die flackernden Fetzen wie brennende Fahnen und fielen auf dem Gerüst nieder; die Feuchtigkeit, mit der der Nachtregen das Holz genetzt hatte, erwies sich als zu schwach, bald fingen die Bohlen Feuer und brannten in hellen Flammen. Den brennenden Lappen schickte Ketling Granaten nach. Die abgematteten Janitscharenhaufen verließen im ersten Augenblick die Schanzen. Man hörte keine Musik, der Vezier selbst kam herangeritten an der Spitze neuer Heerscharen; aber auch in sein Herz schien Verzweiflung sich eingeschlichen zu haben, denn die Paschas hörten, wie er murmelte:

»Der Kampf ist ihnen lieber als die Ruhe; — was sind das für Menschen, die in diesem Schlosse hausen!«

Unter den Soldaten aber hörte man von allen Seiten angstvoll wiederholen:

»Der kleine Hund beginnt zu beißen, der kleine Hund beißt um sich!«


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